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Jupiters Heimkehr

Jupiters Heimkehr

Mit dem Motorroller durch England

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Jupiters Heimkehr — Inhalt

Wohin soll die letzte große Reise gehen? Der 78-jährige Ted Simon entscheidet sich für die Britischen Inseln und kehrt damit zu seinen Wurzeln zurück: in die Metropole London, wo er als Kind die Nachkriegszeit erlebte und im Doppelstockbus zu seiner ersten großen Liebe fuhr. Nach Cardington, das eng mit seiner Leidenschaft für das Schreiben und für Motorräder verbunden ist, und Manchester, wohin er als junger Mann per Anhalter gelangte. Wie ein Wandervogel zieht der Autor durchs Land bis nach Belfast und besucht alte Freunde und vertraute Orte, kommt durch abgelegene Landstriche und große Industriezentren und gewinnt mit seiner Offenheit die Menschen für sich. Ein sehr persönliches Abenteuer, das vom Glück der Freiheit kündet.

€ 9,99 [D], € 9,99 [A]
Erschienen am 24.09.2013
Übersetzt von: Iris Hansen, Teja Schwaner
320 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-96344-2

Leseprobe zu »Jupiters Heimkehr«

1) Der Zusammenstoß


Weil ich einen gewissen Ruf als Motorradfahrer genieße, fragte mich vor einigen Jahren ein Zeitschriftenredakteur, wohin mich meine letzte Fahrt führen sollte – ich war sprachlos. Gewöhnlich mache ich mir selten Gedanken über das Ende aller Dinge, denn anscheinend hat es das Alter bislang gut mit mir gemeint. Gleichwohl war die Frage durchaus berechtigt, denn ich hatte die siebzig schon weit überschritten.
Aber wie, so fragte ich mich unweigerlich, sollte ich wissen, dass es meine letzte Fahrt wäre? Eine Möglichkeit, ganz [...]

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1) Der Zusammenstoß


Weil ich einen gewissen Ruf als Motorradfahrer genieße, fragte mich vor einigen Jahren ein Zeitschriftenredakteur, wohin mich meine letzte Fahrt führen sollte – ich war sprachlos. Gewöhnlich mache ich mir selten Gedanken über das Ende aller Dinge, denn anscheinend hat es das Alter bislang gut mit mir gemeint. Gleichwohl war die Frage durchaus berechtigt, denn ich hatte die siebzig schon weit überschritten.
Aber wie, so fragte ich mich unweigerlich, sollte ich wissen, dass es meine letzte Fahrt wäre? Eine Möglichkeit, ganz sicherzugehen, gäbe es. Ich könnte einen hübschen Haufen persönlicher Sachen, gekrönt von einem Helm, am Abgrund einer sehr steilen Felswand zurücklassen. Ich kenne mindestens einen Menschen, der diese Art Abgang gewählt hat. Sicherlich eine denkbare Möglichkeit, einem leidvollen Ende zuvorzukommen, doch ich hoffe, mir fällt etwas Besseres ein, meinen Helm an den Nagel zu hängen.
Da Selbstmord nicht infrage kommt, würde ich auf Nostalgie setzen. Es gibt noch viele Länder auf der Welt – China, Japan, Russland, um nur einige zu nennen –, durch die ich gerne mit dem Motorrad fahren würde. Doch auf meiner letzten Tour, so sagte ich, würde ich lieber auf Umwegen dorthin zurückkehren, wo alles begonnen hat, und im Land meiner Kindheit und Jugend auf Spurensuche gehen. Je länger ich darüber nachdachte, desto unausweichlicher erschien es mir, diesen Plan in die Tat umzusetzen.
Seit meinem Weggang aus England 1968 hatte ich von den Britischen Inseln nicht gerade viel gesehen. Doch in meiner Schulzeit, ein paar Jahre nach dem Krieg (muss ich wirklich erwähnen, nach welchem?), bin ich oft durch die Gegend getrampt, manchmal alleine, manchmal mit einem oder zwei Schulfreunden. Eine andere Art zu reisen konnten wir uns nicht leisten.
Ich hatte mich in ein Mädchen aus Glasgow verguckt und prahlte gerne damit, es in nur achtzehn Stunden von der North Circular Road in London bis dort zu schaffen – für die Vierzigerjahre eine recht beachtliche Geschwindigkeit. Es lief wie am Schnürchen, und meine Mitfahrgelegenheiten waren immer Lastwagen, denn Autos waren in jenen Tagen noch eine Seltenheit.
Man nahm gegen Abend einen Bus, der die Finchley Road entlang bis zu einer Kreuzung an der North Circular fuhr. Dort hielt man einen Lastwagen an, der über die A6 auf dem Weg Richtung Norden war. Die Fahrer hatten gerne Gesellschaft, und es half ihnen, wach zu bleiben. So war es nie schwer, mitgenommen zu werden. Meist war ihr Ziel Liverpool oder St Helens – ich hatte nie das Glück, einen zu finden, der ganz nach Schottland fuhr –, in Warrington musste ich also umsteigen.
Nach heutigen Maßstäben waren das keine großen Lastwagen, aber mir kamen sie damals riesig vor. Scammell, Dennis, Foden, Bedford: Das sind Namen britischer Hersteller, die mittlerweile verschwunden sind, und ich weiß nicht mehr viel über sie. Ich hätte neugieriger sein sollen. Die Kabinen waren primitiv ausgestattet, kaum isoliert und gewöhnlich nur vom Motorblock beheizt, der sich zwischen mir und dem Fahrer befand. Darüber hatte man eine speckige alte Pferdedecke geworfen. Die mit einer Plane abgedeckte Ladung mag so zwischen sechs und zehn Tonnen gewogen haben. Wenn ich Richtung Norden fuhr, wusste ich nie, was hinten geladen war. Doch von den Fahrten gen Süden erinnere ich mich an den Geruch von Kohle; einmal, auf dem Weg die A1 hinunter, roch es nach Fisch.
Die Fahrer waren meist interessante Typen und ganz anders als die Leute, die ich sonst so kennenlernte. Einer von ihnen, das weiß ich noch wie heute, sprach auf dem Weg nach Glasgow gerade mal acht Wörter in ebenso vielen Stunden. Er legte seine Hand auf den Motor und sagte: »Das Ding is’ so heiß wien verdammter Puff!«
In sternenklaren Nächten schalteten die Lkw-Fahrer manchmal alle Scheinwerfer aus. Nach kurzer Zeit hatte man sich an die veränderten Lichtverhältnisse gewöhnt, und die ganze Landschaft lag erstaunlich klar vor einem. Natürlich war das verboten. Aber sie waren immer auf der Hut vor den tiefergelegten schwarzen Wolseley-Polizeiwagen. Man erzählte mir, dass sie sich mit Vorliebe heimlich an die Stoßstange klemmten, sodass sie nicht zu sehen waren, und warteten, bis die Fahrer irgendetwas Unerlaubtes taten, damit sie ihre Alarmglocken läuten konnten – damals hatten sie noch keine Sirenen. Ich erinnere mich an mindestens eine Geschichte, wie die Lastwagenfahrer Rache übten. Plötzliches scharfes Bremsen konnte die spitze Nase eines Wolseley in entzückende Falten legen und für polizeiliche Schimpfkanonaden sorgen.
Zweifellos hatte die Polizei triftige Gründe, sich für das Treiben der Lastwagenfahrer zu interessieren. In jenen Tagen blühte der Schwarzmarkt, und es würde mich sehr wundern, wenn nicht einige von ihnen daran beteiligt waren. Doch ich war arglos und kam nie auf die Idee, nach solchen Dingen zu fragen. Das war wohl auch besser so.
Die Lastwagen, mit denen ich unterwegs war, erreichten Warrington meist mitten in der Nacht und fuhren dann gen Westen nach St Helens weiter, während ich mehrere Stunden nahe einer städtischen Müllhalde warten musste. In der Morgendämmerung sprang ich dann auf den nächsten Lastwagen auf, der mich über Shap und Carlisle nach Glasgow brachte. Wenn ich Glück hatte, hielt er am Jungle Café, einem soliden und sehr beliebten Laden, in dem man ein opulentes Frühstück bekommen konnte. Speck, Eier, Pilze, Tomaten, Bohnen, jede Menge Toast und gesüßter Tee … In jenen Tagen der Rationierung kam das einem Festmahl gleich.
Ich erinnere mich, dass ich die A1 oft hochfuhr und mit großen Augen und ziemlich durchgefroren über die Fischmärkte von Edinburgh und Aberdeen strich. Aber ich trampte auch in den Westen des Landes, wo die Sonne anscheinend immer strahlte. In den alten Marktstädten Somerset, Dorset und Devon fühlte ich mich regelrecht zu Hause und genoss die Wärme des Lichts, das von den alten Steinmauern reflektiert wurde. Wenn mich in späteren Jahren jemand fragte, welcher Teil Englands mir der liebste sei, kamen mir immer Dorset und die Orte westlich davon in den Sinn. Das lag jedoch in Wahrheit daran, dass ich den Rest des Landes gar nicht kannte.
Das, so dachte ich, könnte meine letzte Tour werden: eine Entdeckungsreise durch das Vereinigte Königreich auf den Spuren der Vergangenheit, in das Zeitalter vor den Autobahnen, gemächlich unterwegs zwischen turmhohen Hecken, durch Moorlandschaften, entlang von Laub beschatteter Wege und auf kleinen Nebenstraßen, zu mir bereits bekannten oder noch unbekannten Orten. Es galt, noch ganz Irland zu erobern und weite Teile des Nordens. Dort würde es Pubs, Inns sowie Bed-and-Breakfast-Möglichkeiten in Hülle und Fülle geben. Ich würde ein kleines Motorrad fahren, ganz unauffällig, ohne schicke Ausrüstung und protektorenbewehrte Motorradkleidung, stattdessen nur eine Zahnbürste und eine Kreditkarte; und ein Tagespensum von nicht mehr als hundert Meilen.
Vielleicht fände ich Trench Hall, das staatliche Heim, in dem ich seinerzeit, als wir evakuiert waren, zwei Jahre verbrachte, und könnte in Erinnerungen an das Haus schwelgen, in dem meine Liebste damals in der Dumbarton Road wohnte.
Je länger ich darüber nachdachte, desto mehr Episoden fielen mir aus meinen jungen Jahren wieder ein, einige waren urkomisch, andere düster. Etwa die grotesken zwölf Monate, die ich bei einer Provinzzeitung in und um Barrow-in-Furness verbrachte – einer Stadt im Nordwesten Englands –, in denen ich darauf wartete, in den Dienst der Krone zu treten, und Ausflüge nach Blackpool und in den Lake District unternahm. Als man mich schließlich in die Reihen der Royal Air Force rekrutierte, wurde es noch bizarrer: Mithilfe von Stars wie Peter Sellers und Spike Milligan gelang es mir, meinen Wehrdienst in eine Art Arbeitsurlaub umzuwandeln.
Okay … wenn ich also irgendwann Beachy Head erreichen sollte, den berüchtigten Selbstmörderfelsen an der englischen Südküste, könnte ich mein Motorrad über die Kante schubsen, davongehen … und ein Buch schreiben.
Natürlich gefiel mir die Idee. Ich plante, die Reise im Spätsommer 2009 zu unternehmen, wenn das Wetter wahrscheinlich gut sein würde, mir Zeit zu lassen und dann über Winter rechtzeitig bis zu meinem neunundsiebzigsten Geburtstag im Mai 2010 das – nicht zu umfangreiche – Buch zu schreiben.

Die Idee stieß in meinem persönlichen wie beruflichen Umfeld auf große Begeisterung, und ich plante meinen Aufenthalt in Europa. Ein recht ambitioniertes Vorhaben für einen Achtundsiebzigjährigen könnte man meinen, doch mir kam es damals nicht so vor. Die Anreise von San Francisco ist so weit und kostspielig, dass ich immer versuche, meine Besuche in Europa so intensiv wie möglich zu nutzen. Finanziell war der Mammutplan nur umsetzbar, wenn ich auf dem Motorrad reiste. Ein Freund in Deutschland hat meine kleine BMW für genau solche Zwecke in seiner Garage untergestellt. So flog ich also wie zumeist von San Francisco nach Frankfurt, um das Bike abzuholen, und begann wie ein Wandervogel die lange und wohltuende Rundreise mit Besuchen bei alten Freunden und Stopps an vertrauten Orten. Während der gesamten Zeit empfand ich es als außerordentliches Glück, die Freiheit zu besitzen, so reisen zu können, Beziehungen zu so vielen warmherzigen Menschen zu haben und immer noch fit genug zu sein, all das tun und genießen zu können.
Ich fuhr zuerst nach Stuttgart, wo Dunja, eine Exfreundin, die mittlerweile Zahnärztin geworden war, mich von meinen Zahnschmerzen erlöste. Den nächsten Abend verbrachte ich mit Roland, einem bayerischen Industriellen. Er ist in Kalifornien einer meiner Nachbarn und hatte sich viele Jahre zuvor in die ursprüngliche Schönheit des Wilden Westens verguckt. Zufällig war er gerade in der Nähe von München und wollte mir die Fabrik zeigen, mit der er sein Vermögen gemacht hatte – ein Wunder an teutonischer Präzision, in der neben vielen anderen Dingen Extrusionsdüsen für die Kunststoffindustrie produziert werden. Von dort fuhr ich über die Schweiz nach Voiron, wo ich meine Liaison mit Chartreuse auffrischte – einem starken, französischen Likör, der aus einem Kloster der Region stammt und den ich in den Fünfzigerjahren in Paris lieben gelernt hatte.
Den Tag darauf verbrachte ich mit anderen alten Freunden aus meiner Zeit in Südfrankreich in Montpellier. Dort traf ich einige Tage später auch meine beiden »Lieblingsspanier«: Angel und Teresa verlegen meine Bücher in Spanien und waren ebenfalls auf dem Motorrad unterwegs. Gemeinsam erreichten wir nach einer dreitägigen gemächlichen Tour Madrid. Dort feierten wir eine Buchpremiere und zelebrierten als Zugabe eine Fiesta. Teresas Vater ist Schlachter, und ich schwatzte ihm eine Keule abgehangenen Schinkens ab – von dem teuren, dem mit der schwarzen Pfote. Mir ist schleierhaft, warum patas negras für einen besseren Geschmack sorgen. Er schnitt das Stück in handliche Portionen, die in meine Packtaschen passten, den Knochen zerhackte er für Suppe. In Toledo, jener eindrucksvollen Zitadelle aus Stein und Stahl, kaufte ich mir ein Tranchiermesser, lang und dünn wie ein Schwert, mit dem ich feine Schinkenscheiben absäbelte, wo immer ich anhielt.
Nördlich von Madrid besuchte ich in Bilbao das berühmte Guggenheim Museum für moderne Kunst. Es sieht aus, als wären jede Menge Aluminiumblätter zu einem Gebäude zusammengeweht worden. Auf dem Weg zurück nach Frankreich verbrachte ich einige Zeit mit einem Freund aus meinen ersten Tagen als Redakteur in der Fleet Street, der sich am Pilgerweg nach Santiago de Compostela ein Zuhause geschaffen hatte. Als ich Spanien dann den Rücken kehrte, brachen auf der französischen autoroute plötzlich mehrere Speichen meines Hinterrads. Der Reifen machte »phüt«, und ich kann von Glück sagen, dass ich unversehrt blieb. Ein verschrobener, aber freundlicher Franzose schleppte mich zu seiner Werkstatt in Biarritz ab, wo sich herausstellte, dass drei Speichen fehlten. Das dumme Zusammentreffen von Wochenende und Nationalfeiertag verdammte mich dazu, dort eine Woche auszuharren (eine Strafe, die manch anderer gerne verbüßt hätte). Erst dann trafen die neuen Speichen von BMW aus München ein, und ich konnte meine Reise durch Frankreich schließlich fortsetzen.
Als ich in Trôo ankam, einem Ort an der Loire, der für seine steinzeitlichen Höhlen bekannt ist, und noch so ein Plätzchen, an dem ich gerne leben würde, hatten die Schinkenknochen bereits sehr gelitten. Sie sahen aus, als hätte ich sie irgendwo ausgegraben. Kate, eine Freundin aus San Francisco, die dort eine Höhle besitzt, wartete schon sehnlichst auf die Köstlichkeit, und ich brachte es nicht übers Herz, sie zu enttäuschen. Da wir uns sozusagen in der Steinzeit befanden, traf ich eine Entscheidung, die der eines Chefkochs würdig war. Wir kratzten den grünlichen Belag ab und kochten genügend Suppe für das ganze Dorf. Alle waren glücklich, niemand starb daran.
Mittlerweile war es Juni und somit Zeit, nach England überzusetzen. David Wyndham aus Dorchester hatte angefragt, ob ich zugunsten der verwundeten Soldaten, die aus Afghanistan heimgekehrt waren, meinen Film »Jupiters letzte Fahrt« in seinem Autohaus zeigen könne, und ich willigte gerne ein. (Noch viel lieber wäre mir natürlich gewesen, die Soldaten wären gar nicht erst nach Afghanistan geschickt worden.)
Selbstverständlich hatte ich, wie es sich gehört, alle Freunde über meine Pläne für den Spätsommer informiert. Dave wollte unbedingt, dass ich eines der kleineren Motorräder benutzte, die er in seiner Werkstatt stehen hatte, aber irgendwie entsprachen sie nicht meiner – noch eher vagen – Vorstellung. Unter meinen Freunden war natürlich auch Stephen Burgess, der mir die BMW geliehen hatte, mit der ich 2001 ein zweites Mal um die Welt gefahren war. Er wurde nicht müde zu betonen, dass ich sie jederzeit nutzen könne. Doch ich war sicher, dass ein so großes Motorrad für meine gemächliche Bummeltour entlang der »Straße der Erinnerungen« völlig ungeeignet war.
Während ich versuchte, mir darüber klar zu werden, wie mein Bike beschaffen sein sollte, fragte ich mich allmählich, ob ich mich da in etwas verrannt hatte, das sich nicht würde realisieren lassen. Aber dann, als ich in London war, juckelte in der Putney High Street plötzlich eine eigenartige kleine Maschine an mir vorbei, und schon war es um mich geschehen.
Sie sah aus wie ein Roller, allerdings mit zwei Vorderrädern – ein fahrbarer Untersatz, von dem ich bis dahin noch nie etwas gehört hatte. Im Internet fand ich mehr darüber: Es war ein MP3, halb Roller, halb Motorrad, gebaut vom Vespa-Hersteller Piaggio. Das war es, dachte ich, dieses Gefährt würde all den trinkfesten Schaulustigen in den Pubs der alten Heimat die Zungen lösen. Vor meinem inneren Auge sah ich ein reizvolles, wenn auch etwas wunderlich anmutendes Bild von mir als einem eleganten Gentleman in den besten Jahren. Bekleidet mit Ziegenlederhandschuhen und Seidenschal, würde ich einer rustikalen Gaststätte entgegenrollen, in der mitteilsame Einheimische mit schäumenden Pints fasziniert auf meine Erscheinung reagieren würden. »Was, Sir, wenn die Frage erlaubt ist, führt einen so feinen Herrn wie Sie in diese Gegend, und das auf einem so ungewöhnlichen Gefährt?« Und schon würden zahlreiche Anekdoten und Erinnerungen auf mich einprasseln, die ich noch am selben Abend hinter einem zweiflügeligen Fenster beim Licht einer flackernden Kerze pflichtgemäß zu Papier brächte … Na ja, das Bild mag etwas überzeichnet sein, aber Sie ahnen, was ich meine.
Nach meinem Vortrag in Dorchester fuhr ich zu Stephen, um ihm von meiner Idee zu erzählen. Dabei hatte ich nur im Sinn, seine angeborene Neugier zu stillen. Steve ist ein klassischer Biker, ein durch und durch überzeugter BMW-Jünger – ich rechnete nicht damit, dass er meinen Plan billigen würde. Und tatsächlich starrte er mich aus den Tiefen seines Polstersessels an, als sei er auf eine seltsame neue Eidechsenspezies gestoßen. Dann sagte er in gespielt resigniertem Ton: »Jetzt komm’ ich wohl ins Spiel.«
Als mir klar wurde, dass er sich verpflichtet fühlte, mir dieses Monstrum zu beschaffen, beharrte ich verlegen darauf, so etwas nie im Sinn gehabt zu haben. Ich sei durchaus in der Lage, mir selbst eine Maschine zu kaufen. Danke. »Dein Problem ist«, sagte er, »dass du keine Geschenke annehmen kannst.« Er verschwand flugs im Nebenzimmer. Unruhig fragte ich mich, ob er lediglich rausgegangen war, um den Schock zu verdauen.
Nach wenigen Minuten kam er zurück, als sei nichts gewesen – er hätte genauso gut pinkeln gegangen sein können –, und sagte: »Gut, das wäre erledigt. Ich hab’ einen bei eBay gefunden. Er ist nicht neu. Ich dachte, so wie du deine Bikes behandelst, wäre ein nagelneuer Roller irgendwie Verschwendung. Er hat einem professionellen Glücksspieler gehört, das passt doch.«
»Du hast ihn gekauft!«, sagte ich mit belegter Stimme.
»Yep. Wally kann ihn abholen und bei sich in Dorchester durchchecken.«
Solche Großzügigkeit abzulehnen käme einer Beleidigung gleich. Ich hatte es so nicht geplant, aber Geschenke anzunehmen ist eine ebenso große Kunst wie das Schenken – auf meinen Reisen habe ich viel darüber gelernt.
Bevor mein Abenteuer beginnen sollte, hatte ich noch das eine oder andere vor, in England wie in Europa. Ich fuhr auf meinem Motorrad zu einem Treffen in der Nähe von Derby und von dort zu einem weiteren in Wales. Ich besuchte meine englischen Verleger in London und setzte über in die Normandie, um die liebenswerte Cathérine Germillac zu besuchen. Sie war mit ihrer Yamaha einst um die halbe Welt gefahren und erholte sich nun von einer schweren Krankheit. Von dort kurvte ich quer durch Frankreich, um Bruno Bouvery zu sehen. Er war vor fünfunddreißig Jahren in Südamerika mein Reisegefährte gewesen. Dann ging es wieder nach Duisburg, wo ich das Bike durchchecken ließ. Als Dirk Erker, mein guter Freund, Schrauber und Motorradkrankenpfleger mir bestätigte, dass alles »in Ordnung« sei, und mich einen Draufgänger schimpfte, konnte ich schließlich über Polen in die Ukraine fahren. Dort wollte ich eine Woche mit Lida verbringen, die ich 1993 auf meiner Wanderung durch Osteuropa kennengelernt hatte.
Binnen sechs Wochen hatte ich mich also nochmals mit sieben verschiedenen Phasen meines Lebens beschäftigt: den kostbaren Jahren in Paris, meinem Leben als Zeitungsredakteur, meiner 180-Grad-Wende in den Süden Frankreichs, meiner Fahrt um die Welt, meinem Umzug nach Kalifornien, meiner Wanderung von Deutschland nach Rumänien und schließlich meiner erneuten Reise um die Welt. Ich war glücklich und freute mich darauf, noch weiter in die Vergangenheit zurückzugehen, bis zu meiner Kindheit in England. Doch wie es das Schicksal wollte, landete ich kurz nach meinem Abschied von Lida, während ich in gemütlichem Tempo in Richtung polnische Grenze gondelte, auf dem Asphalt, und zwar mit dem Kopf voran.
Es war ein dummer Unfall, und doch hatte er wie alle meine bisherigen Unfälle sein Gutes wie sein Schlechtes. Er sollte mein Leben verändern. Nachdem ich mir einige Minuten Bewusstlosigkeit gegönnt hatte, wachte ich am Straßenrand auf, ohne auch nur die geringste Ahnung zu haben, was passiert war. Ein Mann auf einem kleineren Motorrad war anscheinend am Unfall beteiligt gewesen. Er behauptete, ich hätte mich ihm schnell von hinten genähert und sei auf ihn aufgefahren. Ich wusste, dass das unmöglich war. Erst nach einer Weile wurde mir klar, dass er vom Rinnstein – wo die meisten Ukrainer mit den wenigen Bikes fahren, die es dort gibt – plötzlich vor mir nach links abgebogen sein musste, ohne sich umzuschauen oder zu blinken. Wie auch immer, der gebrochene Knochen meines linken Arms bereitete mir mehr Sorgen.
Lida erreichte den Tatort und vollbrachte die absolute Glanzleistung, alle meine Sachen einzusammeln. Sie gab mich in die wohlmeinenden, rauen Hände des medizinischen Versorgungssystems der Ukraine, und ich wurde über teils sehr holprige Straßen von Krankenhaus zu Krankenhaus gefahren, bevor die Ärzte mich schließlich in Lidas Pflege entließen. So widmete ich mich in einem ruhigen ukrainischen Dorf nicht weit von L’viv voll und ganz meiner Genesung. Mein einziger direkter Kontakt zur Außenwelt war ein Besuch von Georg, einem deutschen Freund, dem ich das erste Mal 1975 in Penang (womit wir schon wieder in der Vergangenheit wären!) begegnet bin. Als Arzt interessierte er sich für meine Gehirnerschütterung und riet mir, bei Gelegenheit meinen Kopf noch mal ansehen zu lassen, auch wenn er vermutete, dass alles in Ordnung sei.
Es blieb mir nichts anderes übrig, als das Verheilen meines Bruchs abzuwarten und mich um die Beulen am Bike zu kümmern. Bis an eine Abreise zu denken war, vergingen sechs Wochen. Der Arm war wieder ganz, und ich fühlte mich einigermaßen okay. Mittlerweile waren Lida und ich viel mehr als Freunde geworden; das war das Gute an dem Unfall. Das Schlimme sollte erst noch kommen.
Arglos fuhr ich auf dem Motorrad in wenigen Tagen zurück nach Deutschland, ohne zu ahnen, dass die Gabel sich verzogen hatte (nicht, dass das für mich etwas Neues gewesen wäre: Ich habe auf anderen Bikes in ähnlichem Zustand schon weite Strecken zurückgelegt – man könnte es geradezu als meine Spezialität bezeichnen). Aber Dirk Erker war nicht begeistert. Er sagte, das Motorrad müsse repariert werden, bevor ich damit weiterfahren könne, und ich müsse nach London fliegen, wenn ich mein Abenteuer fortsetzen wolle.
Letzteres erwies sich als Fehler. Nach einem unangenehmen Flug kam ich völlig mitgenommen in London an und erlitt, als ich schließlich bei einem Freund vor der Tür stand, einen peinlichen Fall von Inkontinenz. Nach einigen Tagen des Zögerns befolgte ich Georgs Rat und begab mich ins Chelsea and Westminster Hospital, um »das mal ansehen zu lassen«. Was die Ärzte beim Blick auf den CT-Scan sahen, brachte mich binnen Minuten in ein Krankenbett und unter Rund-um-die-Uhr-Überwachung. Gleich zu Beginn meiner Tour über die Britischen Inseln kam es also zu einer intensiven Begegnung mit dem National Health Service. Obwohl ich mir diese lieber unter anderen Umständen gewünscht hätte, bin ich froh über diese Erfahrung.
Fünfmal war ich schon im Krankenhaus und habe dankenswerterweise immer überlebt. Einmal mussten sie in Kenia mein gebrochenes Bein flicken, aber das Bemerkenswerte an den anderen vier Aufenthalten ist, dass dabei – sinnvollerweise – gar nichts unternommen wurde. Drei dieser Krankenhäuser befanden sich in England. Als Kind litt ich unter einer rätselhaften Drüsenschwellung, und man beobachtete sie so lange, bis sie wieder verschwand. Als Heranwachsender steckten mich die Ärzte in ein bequemes Privatbett, bis ich mich von der Polio erholt hatte – mehr konnte man nicht tun. Und dieses Mal warteten sie ab, ob sich das subdurale Hämatom, das sie in meinem Kopf entdeckt hatten, bessern würde oder sie ein Loch in meinen Schädel bohren mussten. Ich bin sehr froh, dass sie damit gewartet haben. Im Großen und Ganzen glaube ich, dass amerikanische Ärzte vergleichsweise zu oft intervenieren. Sie verschreiben mehr als nötig und knausern, wenn es darauf ankommt – ich hoffe, ich werde diese Worte nie bereuen.
Anscheinend darf man nicht fliegen, wenn man so ein subdurales Ding in sich hat. Eine Druckveränderung tut ihm nicht gut. Es gibt in der Mitte des Gehirns offenbar eine Stelle, die bestimmte motorische Funktionen steuert und einen bei zu viel Druck einfach lospinkeln lässt. Als ich aus dem Krankenhaus entlassen wurde, klammerte ich mich dennoch an die Idee, meine Reise zeitnah anzutreten. Letzten Endes hatten die Ärzte mir nur verboten zu fliegen. Also fuhr ich hinunter nach Hampshire zu Stephen, der mein sonderbares kleines Trike kurzerhand in einer seiner Hütten im Garten untergestellt hatte. Er war so nett, mich damit eine Runde auf seinem Rasen drehen zu lassen. Jedem anderen und schlussendlich auch mir wurde klar, dass ich nicht in der Verfassung war, mich im Straßenverkehr zu bewegen. Die ganze Tour musste um ein Jahr verschoben werden.
Derweil nahmen mich einige sehr liebe Freunde bei sich auf und gaben mir Zeit, mich zu erholen. Ihnen und einigen anderen Leuten zufolge war ich ein paar Monate lang nicht ganz ich selbst. Aber immerhin war ich zurechnungsfähig genug, um mir eine Meinung über den National Health Service bilden zu können: Ich war wirklich beeindruckt, und das sagen zu können freut mich sehr. In Amerika, wo es das teuerste und am stärksten diskriminierende Gesundheitssystem der westlichen Welt gibt, ist es üblich, den Profit der Versicherer und Dienstleister zu sichern, indem man staatliche Gesundheitssysteme schlechtredet. Für den National Health Service gilt vermutlich das Gleiche. Aber meine Behandlung erfolgte schnell und effizient. Die Atmosphäre auf der Krankenstation war angenehm, die Schwestern verständnisvoll und effektiv. Die Fachärzte kamen erfreulicherweise ohne Wichtigtuerei aus und gaben bereitwillig Auskunft. Auch das Essen war gut – es gab sogar eine Speisekarte, und man konnte wählen. Ich hatte eigenes Fernsehen, Radio und Internet und spürte keinen finanziellen Druck. Kurz gesagt: Es würde mir schwerfallen, irgendwelche Mängel aufzuzählen.

Ted Simon

Über Ted Simon

Biografie

Ted Simon, 1931 in Deutschland geboren und in London aufgewachsen, arbeitete als Journalist u.a. für Daily Mail, Observer und The Times. Er reiste vier Jahre lang mit dem Motorrad um die Welt. Sein Buch über diese Reise, „Jupiters Fahrt“ wurde zum Weltbestseller. Es folgten weitere Bücher, u.a....

Pressestimmen

Denglers-Buchkritik.de

»Ein Buch voller kleiner Anekdoten über das Land, die Leute, die Veränderungen, über die Vergangenheit, über das Alter und natürlich über das Freiheitsgefühl mit einem Motorrad unterwegs zu sein. Literatur, bei der man mitfährt!«

TOUREN-FAHRER

»Ein brillantes Buch, das sehr kurzweiligen Lesespaß bietet und die Reise anschaulich mit viel Witz erzählt.«

Motorradfahrer

»Auf der Haben-Seite steht ein brillantes Buch, das sehr kurzweiligen Lesespaß bietet und die Reise anschaulich mit viel Witz erzählt.«

Inhaltsangabe

1) Der Zusammenstoß

2) Der Mann im braunen Anzug

3) Ein geniales Gerät

4) Aber wo ist der Kuchen

5) Eine Schule auf der Flucht

6) Pub-Phantasien

7) In Nottingham wird man keinen Fisch los

8) Schnappt Sie euch alle

etc.

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