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JinxJinx

Jinx

Bigtime 3

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Jinx — Inhalt

Bella Bulluci hat die wohl nervigsten Superkräfte der Welt: Sie zieht sowohl Glück als auch Pech magisch an. Das hat zwar den Vorteil, dass der Fashiondesignerin oft ziemlich coole Sachen passieren, nur leider haben die meist einen riesigen Haken, und so stolpert Bella von einer blöden Situation in die nächste. Wie zum Beispiel, als eine von ihr ausgerichtete Wohltätigkeitsveranstaltung von dem fiesen Superschurken Hangman heimgesucht wird, der nach einem der ausgestellten Saphire giert. Bellas Glück hilft ihr zwar, mit dem Juwel zu entkommen – doch zu ihrem großen Pech steht ihr ausgerechnet der charmante Debonair zur Seite, der Bella in die wohl blödeste Situation von allen bringt: sich in den zwielichtigen Superhelden zu verlieben ...

Erschienen am 03.04.2018
Übersetzer: Vanessa Lamatsch
400 Seiten, Broschur
ISBN 978-3-492-28155-3
Erschienen am 03.04.2018
Übersetzer: Vanessa Lamatsch
400 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-492-99085-1

Leseprobe zu »Jinx«

Teil 1: Ich hasse Superhelden

 

Kapitel 1


Abendessen mit Superhelden. Das war eine interessante Erfahrung – und eine, die ich ziemlich verabscheute. 

Das leere Weinglas schwebte an mir vorbei, so ruhig, als würde es von einer unsichtbaren Hand getragen werden. Ich versuchte, so zu tun, als wäre es nicht da. Ich gab einfach vor, dass das Glas so unsichtbar wäre wie die Kraft, die es antrieb. Aber das fiel ziemlich schwer, weil es schließlich neben mir auf dem Tisch abgestellt wurde.

Ich gab mir alle Mühe, nicht zu sehen, wie sich die Kristallkaraffe [...]

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Teil 1: Ich hasse Superhelden

 

Kapitel 1


Abendessen mit Superhelden. Das war eine interessante Erfahrung – und eine, die ich ziemlich verabscheute. 

Das leere Weinglas schwebte an mir vorbei, so ruhig, als würde es von einer unsichtbaren Hand getragen werden. Ich versuchte, so zu tun, als wäre es nicht da. Ich gab einfach vor, dass das Glas so unsichtbar wäre wie die Kraft, die es antrieb. Aber das fiel ziemlich schwer, weil es schließlich neben mir auf dem Tisch abgestellt wurde.

Ich gab mir alle Mühe, nicht zu sehen, wie sich die Kristallkaraffe neben meinem Ellbogen anhob, von selbst kippte und rubinrote Sangria in das Glas floss, das anschließend erneut quer über den Tisch schwebte.

Sosehr ich mich auch anstrengte, ich versagte jämmerlich.

Die anderen Leute am Tisch beachteten das schwebende Glas natürlich überhaupt nicht. Sie unterbrachen nicht ihre Gespräche und ignorierten nicht das Essen deswegen.

Unglücklicherweise waren schwebende Gläser dieser Tage ein normaler Anblick im Bulluci-Haushalt – egal, wie sehr ich mir auch wünschte, es wäre anders.

»Ist das wirklich nötig?«, fragte ich scharf. »Ich hätte dir auch mehr Wein eingießen können.«

Chief Sean Newman hob die Hand und das Glas schwebte in seine Richtung. »Es ist unnötig, dich damit zu belästigen, Bella«, erklärte er, »wenn ich es doch selbst machen kann.«

»Du hättest einfach fragen können«, beharrte ich. »Du musstest deine Kräfte nicht auf diese Art einsetzen.«

»Bitte!«, schaltete sich Fiona Fine ein und richtete ihre blauen Augen auf mich. »Was bringt es, Superkräfte zu haben, wenn man sie nicht einsetzt?«

Fiona schnappte sich den Brotkorb und wedelte mit der Hand darüber hinweg. Ein paar rotglühende Funken lösten sich von ihren Fingerspitzen und sofort erfüllte der köstliche Duft von Getoastetem die Luft.

»Entspann dich, Bella«, fuhr sie fort, während sie den gesamten Inhalt des Brotkorbs auf ihren Teller leerte. »Wir sind doch unter uns, Alter Egos hin oder her. Es ist ja nicht so, als wären Leute hier, die uns bei etwas ertappen könnten.«

Nein, hier waren keine anderen Leute. Zumindest keine normalen Leute. Nur ich, Fiona, Chief Newman, mein Bruder Johnny und mein Großvater Bobby.

Ich hatte meine Vollkorn-Ravioli bisher kaum angerührt, doch jetzt legte ich meine Gabel endgültig zur Seite. Ich hatte keinen Hunger mehr. Das passierte mir immer, wenn Superhelden in der Nähe waren.

Fiona und Chief Newman waren nicht einfach irgendwelche Superhelden. Davon gab es jede Menge in Bigtime, New York. Nein, sie waren Fiera und Mr Sage, Mitglieder der Fearless Five – dem mächtigsten Heldenteam der Stadt. Ganz abgesehen davon, dass Fiera stärker war als fünf andere Leute zusammen, konnte sie Feuerbälle mit den Händen erschaffen, während Mr Sage alle Arten psychischer Kräfte besaß inklusive Telekinese – also die Fähigkeit, Gegenstände mithilfe seiner Gedanken zu bewegen.

Und jetzt waren sie Teil meiner Familie.

Fiona hatte sich vor ein paar Monaten mit meinem Bruder Johnny verlobt, nachdem sie ihn vor zwei Erzschurken gerettet hatte, deren erklärtes Ziel gewesen war, die Stadt zu versklaven. Mitten im Aufruhr hatte Fiona meinem Großvater und mir ihre geheime Identität als Fiera enthüllt und uns dazu gebracht, ihr bei der Rettung von Johnny zu helfen. Chief Newman war darüber hinaus nicht nur Fieras Teamkamerad, sondern auch ihr Vater.

Und sie waren nicht die einzigen Superhelden in unserem Dunstkreis.

Die Fearless Five waren als Gesamtpaket in unsere Familie gekommen. Neben Fiera und Mr Sage gab es noch Karma Girl, Striker und Hermit. Oder Carmen Cole, Sam Sloane und Henry Harris. So versuchte ich sie zu nennen, wann immer ich an sie dachte. Nette, gewöhnliche Menschen, die meistens ganz normal waren. Ich nannte sie im Geiste niemals bei ihren Superhelden-Namen. Ich versuchte nämlich so zu tun, als gäbe es diese Leute gar nicht.

Ich versuchte bei einer Menge Dinge, mir einzureden, es gäbe sie nicht. Besonders meine eigene angebliche Superkraft.

Mein Großvater, Bobby Bulluci, klatschte in die Hände und riss mich aus den Gedanken. »Hey! Lasst uns über andere Dinge reden.« Er wandte sich an Fiona und Johnny. »Habt ihr schon gepackt?«

Johnny musste sich in der europäischen Zentrale von Bulluci Industries um ein paar Dinge kümmern, also hatten er und Fiona beschlossen, einen Arbeitsurlaub daraus zu machen. Sie brachen morgen zu einer einmonatigen Reise durch die Mittelmeerregion auf.

»Natürlich«, antwortete Johnny mit einem Grinsen in Richtung Fiona. »Auch wenn ich nicht weiß, wie wir Fionas ganze Klamotten ins Flugzeug kriegen sollen.«

Sie hob die Hand, um meinen Bruder zu schlagen. Johnny spannte den Oberarmmuskel an, der sich sofort verhärtete – als hätte sich seine Haut plötzlich in Metall verwandelt. Fionas Faust knallte mit einem lauten Geräusch gegen den Arm, dann runzelte sie die Stirn und schüttelte die Hand aus. Selbst mit ihrer Stärke tat es weh, meinen Bruder zu schlagen, wenn er sein superhartes, superrobustes Exoskelett aktivierte. Das machte Johnny immun gegen so gut wie alles. Tritte, Schläge, Explosionen oder Fionas legendäre Ausbrüche. Seine Fähigkeit war von Vorteil, da mein Bruder die nervige Angewohnheit hatte, sich in einen geschmacklosen, eng anliegenden schwarzen Lederanzug zu quetschen, auf seinem Motorrad durch die Stadt zu düsen und gegen Erzschurken zu kämpfen.

Statt eines superresistenten Hautpanzers hatte ich aus dem mutierten Familien-Genpool etwas sehr viel weniger Nützliches mitbekommen: Glück. Als wäre das eine echte Superkraft. Eher supernervig.

Fiona schnaubte und warf sich das blonde Haar über die Schulter. »Ich habe dir bereits tausendmal gesagt, dass man nie zu viel Kleidung haben kann, besonders, wenn man in Urlaub fährt. Außerdem nehmen wir Sams Privatjet. Da drin ist mehr als genug Platz für mein Zeug.«

Johnny schenkte Fiona ein weiteres mildes Lächeln. »Aber Süße, du weißt doch, dass ich dich schön finde, egal, was du trägst – und besonders, wenn du gar nichts anhast.«

Fiona verdrehte die Augen. »Bitte. Nichts ist heißer als eine gut gekleidete Frau. Nicht wahr, Bella?«

»Natürlich«, murmelte ich.

Fiona und ich wussten ein paar Dinge über gut gekleidete Frauen, da wir beide als Modedesignerinnen arbeiteten. Sie war die Chefin von Fiona Fine Fashions, während ich die Designabteilung von Bulluci Industries leitete. Wir vertraten zwei vollkommen unterschiedliche Stile und standen seit Jahren in freundschaftlicher Rivalität zueinander. Sie kreierte Kleidungsstücke, die mit ihren grellen Farben, wilden Mustern und Massen von Pailletten und Federn laut schrien: »Hier bin ich! Schaut mich an! Ich bin fantastisch!« Ich bevorzugte klassische Schnitte in gedämpften Farbtönen, klare Linien und absolut keinen Pailletten. Niemals.

Versteht mich nicht falsch. Ich mochte Fiona durchaus, dasselbe galt für ihren Vater. Und ich war froh, dass Johnny eine Frau gefunden hatte, die den Rest ihres Lebens mit ihm verbringen wollte.

Aber es gab nichts, was ich mehr hasste als Superhelden und Erzschurken. Allein, dass sie sich in diesen dämlichen Kostümen präsentierten. Oder sich selbst absurde Namen gaben. Pläne entwarfen und Ränke schmiedeten, um die Stadt vor der übermächtigen Bedrohung zu retten oder eben wahlweise, um über die Welt zu herrschen. Es war auf so dramatische Art lächerlich.

Kommt schon. Wer wollte schon wirklich die Welt beherrschen? Das wäre doch nur schrecklich anstrengend, weil alle ständig jammern und heulen würden. Ganz zu schweigen von dem ganzen Papierkram und der quasi nicht existenten Freizeit. Aber die Erzschurken versuchten immer, die Weltherrschaft an sich zu reißen, und die Superhelden versuchten ständig, die Bösewichter aufzuhalten. Ein endloser Kreislauf.

Unglücklicherweise hatte ich eine Menge Erfahrung mit Superhelden. Oder vielmehr: Pseudo-Helden. Alle Männer in meiner Familie verkleideten sich irgendwann in ihrem Leben als Johnny Angel, fuhren auf einem gepimpten Motorrad durch Bigtime, brachten sich in Schwierigkeiten und stellten sich – wenn ihnen der Sinn gerade danach stand – Superschurken in legendären Kämpfen. Mein Bruder hatte Fiona vor ein paar Monaten sogar als Johnny Angel kennengelernt.

Und genau so, in dieser Rolle, war mein Vater James gestorben.

Ich freute mich für Johnny, aber ich erschauderte auch jedes Mal bei dem Gedanken daran, dass er die Familie um eine weitere Superheldin erweitert hatte. Oder vielmehr um fünf Superhelden. Sechs, eigentlich, wenn man Lulu Lo mitzählte – die Computerhackerin, die mit Henry Harris verlobt war.

Oh, ich mochte Fiona, Carmen, Sam, Henry und Chief Newman durchaus … wenn sie »normal« waren. Es war ihre Angewohnheit, sich jede Nacht in Fiera, Karma Girl, Striker, Hermit und Mr Sage zu verwandeln, die mir Sorgen bereitete.

Die geheimen Identitäten der Fearless Five zu kennen war ein wenig, als gehörte man einem Mafia-Clan an: Wenn man einmal Teil des Ganzen war, steckte man mit drin, ob man das nun wollte oder nicht. Und man konnte nicht aussteigen, sosehr man es auch versuchte.

Wann immer die Helden zum Abendessen kamen, sprachen sie nur über ihre letzten großen Schlachten und kühnen Pläne. Oder über die neue Ausrüstung, die Henry Harris für ihr unterirdisches Hauptquartier gekauft hatte. Oder die aktuellen Erzschurken von Bigtime. Oder über ein Dutzend anderer Dinge mit Superhelden-Bezug, die mich mit den Zähnen knirschen ließen. Letzte Woche hatte Fiona mich sogar gefragt, ob ihr Kostüm meiner Meinung nach ein neues Design nötig habe. Nerv.

Meine finsteren Gedanken ließen meine Kräfte aufflackern. Ich wusste nicht, wie die anderen Superhelden ihre Begabungen spürten, aber wenn meine Kraft aktiv wurde, fühlte ich mich, als stände ich in einem Feld aus statisch knisternder Elektrizität. Meine Haut kribbelte. Meine Fingerspitzten juckten. Und das Schlimmste: Mein Haar kräuselte sich in alarmierender Heftigkeit. Es gab keine Haarspülung auf dem Markt, die etwas gegen diesen Frizz ausrichten konnte. Glaubt mir, ich hatte sie alle ausprobiert. Gleichzeitig.

Insgesamt war das Gefühl nicht so sehr unangenehm, sondern eher lästig. Weil sich dieses Rauschen, die Macht, die Energie in mir aufbaute und aufbaute, bis sie sich einfach entladen musste. Dann ereilten Gegenstände in meiner Nähe eines der folgenden Schicksale: Sie explodierten, zerbrachen, fielen vom Himmel oder gingen spontan in Flammen auf. Mein Glück war so etwas wie eine Art Telekinese mit Überdruckventil, das ich nicht kontrollieren konnte. Es passierte einfach, ob ich es nun wollte oder nicht. Und der nervigste Punkt an Glück als Superkraft? Es konnte positiv oder negativ daherkommen. Glück oder eben auch Unglück.

Manchmal, wenn ich an etwas dachte, es mir inständig wünschte und mich vollständig darauf konzentrierte, erfüllte sich mein Wunsch. Ich erwischte die U-Bahn eine Sekunde, bevor sich die Türen schlossen. Ergatterte den letzten freien Platz in einem vollen Kino. Fand das einzige Kleid in meiner Größe. Ich hatte als Kind sogar mal fünfhundert Dollar bei einem Gewinnspiel gewonnen, indem ich mein Teilnahmeformular vor dem Einsenden lange angestarrt und mir den Gewinn gewünscht hatte.

Doch genauso oft wandte sich mein Glück gegen mich. Ich erwischte die U-Bahn, blieb aber mit der Jacke in den sich schließenden Türen hängen und riss sie in Fetzen. Ich ergatterte den letzten Platz, nur um mich in eine klebrige Cola-Pfütze zu setzen. Ich fand das perfekte Kleid, hatte aber meine Kreditkarte nicht dabei. Und: Ich gewann in der Lotterie, konnte aber mein Los nicht mehr finden.

Glück, die launischste Macht im Universum. Das war angeblich meine Superkraft. Ich betrachtete es eher als einen Fluch.

Mein Jinx, wie ich es nannte, meinen Unglücksbringer.

Die statische Energie waberte immer um meinen Körper herum, und ich gab gewöhnlich mein Bestes, sie zu zurück- und unter Kontrolle zu halten. Aber das plötzliche Aufflackern jetzt verriet mir, dass es Zeit war, sie freizugeben – damit irgendetwas geschah. Ich konnte nie im Voraus sagen, ob es gut oder schlecht sein würde, also ging ich kein Risiko ein.

Langsam, vorsichtig, schob ich meinen Stuhl vom Tisch zurück, wobei ich sorgfältig darauf achtete, nicht an Tischtuch, Kerzen, Brotkorb, Weingläsern, Tellern, Besteck oder sonst etwas hängen zu bleiben, das ich vom Tisch reißen oder umwerfen oder irgendwie anders zerdeppern konnte. Dann stand ich auf.

Mit kleinen, vorsichtigen Schritten trippelte ich davon, bis ich mich vielleicht eineinhalb Meter vom Tisch entfernt hatte – und mich damit außer Reichweite von allen befand. Jetzt würde niemand ins Kreuzfeuer geraten, falls etwas Verrücktes geschah, wie zum Beispiel, dass der Kronleuchter über meinem Kopf zu Boden stürzte, trotz der zehn dicken Bolzen, die ihn festhielten.

»Bella? Geht es dir gut?«, fragte Chief Newman. Seine Augen leuchteten in hellem Grün. »Macht deine Kraft wieder Probleme?«

Chief Newman hatte angeboten, mit mir an meiner Macht zu arbeiten und zusammen mit mir einen Weg zu finden, meine Gabe zu kontrollieren. Ich hatte abgelehnt. Man konnte Glück nicht kontrollieren. Ich hatte schon vor langer Zeit jede Hoffnung aufzugeben, meine Superkraft zu zähmen – genau wie mein Haar.

Die Türklingel schrillte und bewahrte mich vor einer Erklärung. »Ich gehe schon«, sagte ich. »Sind wahrscheinlich die Kinder.«

Es war Ende Oktober. Bis Halloween dauerte es noch ein paar Tage, trotzdem hatten einige kleine Geister, Zombies und Hexen bereits begonnen, um Süßigkeiten zu betteln. Und Drohungen auszusprechen. Halloween dauerte in Bigtime fast zwei Wochen, bis die Feierlichkeiten am Abend des 31. Oktober ihren Höhepunkt fanden. Das ausgedehnte Fest bot allen – Kindern und Erwachsenen – die Chance, die Stadt in Kostümen zu durchstreifen. Sonst blieb dieses Vergnügen den Helden und Schurken vorbehalten.

»Was gibst du ihnen?«, fragte Fiona. Ihre Augen leuchteten beim Gedanken an Süßigkeiten. »Snickers? M&Ms? Bonbons?«

Das Einzige, was Fiona so sehr liebte wie Johnny, war Essen. Mit ihren auf Hitze beruhenden Superkräften und ihrem feurigen Grundumsatz konnte Fiona essen, was auch immer sie wollte, ohne ein einziges Kilo zuzunehmen. Neben ihren nächtlichen Einsätzen als Superheldin war diese Eigenschaft noch etwas, was ich wirklich an ihr hasste. Na ja. Das und ihre kilometerlangen Beine. Ich war gerade mal ein Meter sechzig groß. Und ich hasste ihr perfektes, glattes blondes Haar und die babyblauen Augen. Meine kastanienbraunen Locken erinnerten ziemlich häufig an ein Vogelnest, während meine haselnussbraunen Augen in meinem karamellfarbenen Gesicht kaum auffielen. Okay, ich hasste wirklich eine Menge Dinge an Fiona.

»Auf keinen Fall«, erwiderte ich. »Sie bekommen Äpfel, Nussmischungen, kleine Päckchen mit Rosinen und Tüten mit Mikrowellenpopcorn.« Ich deutete ans äußerste Ende des langen Tisches, wo die Plastikschüssel mit den Köstlichkeiten stand.

»Wo bleibt denn da der Spaß?«, fragte Fiona entgeistert.

»Ich finde es eine gute Sache, nicht zur amerikanischen Epidemie fettleibiger Kinder beizutragen«, blaffte ich.

Fiona verdrehte die Augen. »Dein Haus wird morgen früh auf jeden Fall mit Klopapier eingewickelt sein.«

Bobby räusperte sich. »Tatsächlich, Bella, habe ich mir die Freiheit herausgenommen, auf dem Heimweg ein paar Schokoriegel zu kaufen. Nur für den Fall, dass dir die Äpfel ausgehen.«

»Schokolade? Wo?«, verlangte Fiona zu wissen.

Ich stemmte die Hände in die Hüften und starrte meinen Großvater böse an. In seinen grünen Augen erkannte ich ein schelmisches Funkeln, das mir nur zu vertraut war.

»Und wie viele davon hast du selbst gegessen, bevor du sie weggepackt hast?«

Seine Lippen zuckten. »Bella, du hast mir unzählige Male gesagt, dass ich keine Süßigkeiten essen soll. Ich habe mir keinen einzigen Riegel erlaubt.«

Genau. Und die Erde war eine Scheibe.

»Großvater«, warnte ich.

Bobbys Blutdruck war nicht der beste, sein Herz machte uns Sorgen und die Cholesterinwerte auch. Ich bemühte mich, etwas an seinem Gesundheitszustand zu ändern, allerdings ohne großen Erfolg. Mein Großvater aß immer noch, als wäre er dreiundzwanzig, nicht dreiundsiebzig, entgegen der Anweisungen des Arztes und meiner ständigen Ermahnungen. Ganz zu schweigen von seiner anderen schlechten Angewohnheit: dem Motorradfahren. Bobby hatte sich vor zwei Jahren das Bein gebrochen, als er durch die Stadt gecruised war, und ich war damals wieder zu Hause eingezogen, um mich um ihn zu kümmern und ein Auge auf ihn zu haben.

Bobby ignorierte mich. »Die Schokoriegel sind in der Küche, Fiona, falls du sie verteilen willst.«

Sie sprang auf die Beine. »Bin schon unterwegs.«

Die Augen meines Großvaters funkelten erneut. »Versuch, ein paar für die Kinder übrig zu lassen.«

Erneut schnaubte Fiona und warf ihr Haar über die Schulter nach hinten, bevor sie in der Küche verschwand.

Ich schnappte mir die Schüssel mit Äpfeln, Rosinen und Popcorn und trug sie zur Eingangstür. Das statische Rauschen knisterte um mich herum wie ein unsichtbares Kraftfeld, aber es schien stabil zu bleiben und sich nicht entladen zu wollen. Für den Moment zumindest.

Fiona tauchte aus der Küche auf und stellte sich neben mich, eine Wagenladung Schokoriegel in der Hand. Sie öffnete die Tür und ich lächelte, bereit, unsere Gäste zu begrüßen.

»Süßes oder Saures!«, schrien die Kinder und hielten uns Kürbisschüsseln aus Plastik entgegen.

Es waren fünf. Natürlich. Jedes von ihnen war als ein Mitglied der Fearless Five verkleidet. Ein Mädchen in orangerotem Elasthan sollte Fiera sein, während das in Silber Karma Girl darstellte. Einer der kleinen Jungs trug als Mr Sage ein grasgrünes Cape, während der andere in schwarzes Leder gewandet war und zwei lange Schwerter aus Alufolie bei sich hatte, um den Striker zu geben. Der Erwachsene, der sie begleitete, trug als Hermit eine schwarz-weiße Schutzbrille aus dem Labor.

Superhelden. Noch mehr dämliche Superhelden. Was war aus der guten alten Zeit geworden, als sich Kinder als Prinzessinnen, Cowboys und Monster verkleidet hatten?

Mein Lächeln verblasste, doch ich hob meine Schüssel. »Wer will Äpfel?«

Schweigen. Totenstille. Ich hörte nicht mal Grillen im Vorgarten.

Die Kinder sahen erst mich an, dann sich gegenseitig, dann den Mann hinter ihnen. Niemand sprach ein Wort.

Erneut flackerte meine Macht auf. Oh-oh. Das statische Rauschen würde sich jeden Moment entladen. Genau genommen …

Jetzt.

Die Plastikschüssel in meiner Hand sprang in tausend Stücke. Man hätte meinen können, ich hätte Explodium darin aufbewahrt statt gesunder Knabbereien. Rosinen und Popcorn fielen um uns herum zu Boden, während pulverisierter Apfel auf mein Haar und mein Gesicht fiel. Die paar Früchte, die die Explosion überlebt hatten, hüpften die Einfahrt entlang und kullerten außer Sicht. Die Stücke der zersplitterten Schüssel schossen durch die Luft und gruben sich wie kleine Klingen um meine Füße herum in die Steinstufen. Immerhin in einem perfekten Kreis.

Seufzend wischte ich mir ein wenig Apfelschleim von der Nase. Ich hatte mich schon vor langer Zeit an meine Superkraft gewöhnt – und an die Peinlichkeiten, die damit einhergingen.

»Es tut mir leid«, sagte ich, bückte mich und sammelte einige Rosinen und Popcorn vom Boden auf. »Drinnen habe ich noch mehr. Ich hole es gleich.«

Ich war auf eine solche Katastrophe vorbereitet. Tatsächlich kaufte ich alles immer in fünffacher Ausführung, ob es nun um Schüsseln für Süßigkeiten, Schmuck oder Kleidung ging. Jahre des Pechs hatte mich gelehrt, dass meine verhexte Macht alle naslang einen Weg fand, selbst die sichersten und widerstandsfähigsten Dinge zu zerstören. In den letzten sechs Monaten hatte ich sechs Handtaschen, Dutzende Blusen und mehr Schuhe gekillt, als ich zugeben wollte. Und zwei Autos.

»Ähm, ich glaube, wir versuchen es einfach beim nächsten Haus«, antwortete der Mann und zog die Kinder an sich.

Fiona schob sich nicht allzu sanft an mir vorbei. »Keine Sorge. Ich habe hier ein paar Schokoriegel. Sie sind ein wenig angeschmolzen, aber immer noch gut.«

»Jippie!«

Die Kinder traten vor und Fiona schenkte jedem von ihnen eine Süßigkeit. Das Mädchen im Fiera-Kostüm bekam zwei. Natürlich.

Zufrieden liefen die Kinder wieder die Einfahrt entlang, auf der Suche nach mehr Halloween-Snacks, um sich damit die Zähne kaputt zu machen und ihren Blutzuckerspiegel durch die Decke schießen zu lassen.

Fiona grinste. »Siehst du? Ich habe dir doch gesagt, dass Kinder Schokolade wollen.«

Ich seufzte wieder. Ich hätte es besser wissen müssen. Schließlich war fast Halloween. Und damit der perfekte Zeitpunkt für meine Superkraft, mir Streiche zu spielen.

Jennifer Estep

Über Jennifer Estep

Biografie

Jennifer Estep ist Journalistin und SPIEGEL-Bestsellerautorin. Sie schloss ihr Studium mit einem Bachelor in Englischer Literatur und Journalismus und einem Master in Professional Communications ab und lebt heute in Tennessee. Bei Piper erscheinen ihre Young-Adult-Serien um die »Mythos Academy«,...

Pressestimmen

tintenkick.de

»Die Gratwanderung zwischen alberner, überdramatisierter Geschichte und großartiger Unterhaltung schafft Jennifer Estep spielend.«

kleinbrina.wordpress.com

»(…) eine spannende, unterhaltsame und actiongeladene Geschichte voller Wortwitz und Superhelden und Schurken (…).«

mandysbuecherecke.de

»Der Schreibstil ist gewohnt großartig, voller toller Dialoge, gelungenen Schlagabtäuschen und einem locker, leichten Stil.«

buecherbunny.wordpress.com

»Eine tolle Fortsetzung und absolut lesenswert.«

angeltearz-liest.de

»Ein wirklich toller dritter Band.«

hoernchensbuechernest.blogspot.de

»Die Geschichte rund um Bella ist packend und absolut überzeugend. Auch das Thema Superhelden wird wieder klasse umgesetzt.«

Fragen und Antworten zu Jennifer Estep
Sie haben Fragen zum Autor? Wir haben das Wichtigste für Sie zusammengefasst.
Wie viele Teile gibt es von der »Mythos Academy«-Reihe?
Es gibt insgesamt 6 Bücher rund um die Abenteuer von Gwen Frost sowie ein Malbuch zur »Mythos Academy«-Serie. Im Oktober 2017 startete außerdem eine neue Reihe innerhalb der »Mythos Academy«-Welt: In der »Mythos Academy Colorado«-Reihe ist Gwens Cousine Rory Forseti die Hauptfigur.
Sind Bücher von Jennifer Estep verfilmt worden?
Nein, die Bücher von Jennifer Estep sind bislang nicht verfilmt worden.
Wie heißt das neue Buch von Jennifer Estep?
Das neue Buch von Jennifer Estep heißt »Bitterfrost« und ist Band 1 der »Mythos Academy Colorado«-Reihe.
Welche Bücher sind ähnlich zur »Frostkuss«-Reihe?
Wer die Bücher rund um die »Mythos Academy« mag, dem empfehlen wir die »Black Blade«-Reihe von Jennifer Estep sowie die Bücher der Serie »Bitter & Sweet« von Linea Harris.

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