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Jenseits der Untiefen

Jenseits der Untiefen

Roman

Taschenbuch
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Jenseits der Untiefen — Inhalt

»Eine überwältigende Geschichte über drei Brüder. Ein Schatz.« Brigitte

Die Brüder Joe, Miles und Harry wachsen an der tasmanischen Küste auf. Ihr Leben ist geprägt vom Meer: vom Muscheltauchen, von den Gezeiten, vom unendlichen Glücksgefühl beim Ritt durch die Wellen. Nur Harry, der Jüngste, fürchtet die See und sammelt lieber Meeresschätze am Strand. Fürchten müssen die Jungen auch den Vater, der - ähnlich dem Meer - wild und unberechenbar ist. Keiner durchschaut den verbitterten Mann, den ein dunkles Geheimnis umgibt. Miles sorgt liebevoll für seinen jüngeren Bruder und versucht ihm Geborgenheit zu geben. Aber am Ende reicht brüderliche Fürsorge manchmal nicht aus...

€ 8,99 [D], € 9,30 [A]
Erschienen am 16.02.2015
Übersetzer: Antje Rávic Strubel
224 Seiten, Broschur
ISBN 978-3-492-30578-5

Leseprobe zu »Jenseits der Untiefen«

Draußen, jenseits der Untiefen, jenseits der sandbödigen Buchten, kommt das dunkle Wasser – schwarz, kalt und tosend. Dort rollt es die unsichtbaren Pfade aus. Die uralten Pfade nach Bruny oder die Pfade in südlicher Richtung, an den stillen Klippen vorbei, hinaus zu den Vogelinseln, die groß aufragen im Nichts aus Wasser und Himmel.

Dort, wo Felsen aus der Tiefe auftauchen, wo das Riff sich erhebt, gibt es Abalone. Schwarzlippige, weiche Körper, von Schale geschützt.

Schätze.

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Harry stand im Sand und schaute über [...]

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Draußen, jenseits der Untiefen, jenseits der sandbödigen Buchten, kommt das dunkle Wasser – schwarz, kalt und tosend. Dort rollt es die unsichtbaren Pfade aus. Die uralten Pfade nach Bruny oder die Pfade in südlicher Richtung, an den stillen Klippen vorbei, hinaus zu den Vogelinseln, die groß aufragen im Nichts aus Wasser und Himmel.

Dort, wo Felsen aus der Tiefe auftauchen, wo das Riff sich erhebt, gibt es Abalone. Schwarzlippige, weiche Körper, von Schale geschützt.

Schätze.

____________________________________

 

Harry stand im Sand und schaute über den breiten, geschwungenen Strand von Cloudy Bay. Alles war sauber und golden und frisch, der Himmel fast violett im Winterlicht, und er wünschte sich, keine Angst zu haben. Seine Brüder ließen ihn schon wieder allein, Miles, der halb in seinem Neoprenanzug steckte, und Joe, der aufrecht dastand und gedankenverloren aufs Wasser sah.

Das Wasser, das immer da war. Das immer überall war. Sein Geräusch, sein Geruch und die kalten Wellen ließen ihn den Unterschied zu seinen Brüdern spüren. Und das lag nicht nur daran, dass er der Jüngste war. Er wusste, dass ihn dieses Gefühl, das er dem Ozean gegenüber empfand, nie mehr verlassen würde. Es würde da sein für immer, tief in ihm.

So war das.

»Was soll ich finden?«, fragte er.

Joe schüttelte heftig seinen Neoprenanzug aus. »Ähm … Eine Sepiaschale, ein schönes Stückchen Treibholz …«

»Ein Haifischei«, sagte Miles.

Es war still.

Harry wartete darauf, dass Miles sagen würde, er mache nur Witze, wartete darauf, dass er irgendetwas sagen würde, aber Miles sagte nichts. Er wachste weiter sein Brett.

Also lief Harry los.

Er folgte den Spuren, die die Flut im Sand hinterlassen hatte, und sein Blick flog über Kiesel, glänzende Quallensäckchen und zerbrochene Muschelschalen. Sepiaschale war leicht, aber Haifischeier waren unmöglich. Sie sahen wie Seetang aus. Sobald er glaubte, ein Ei gefunden zu haben, musste er feststellen, dass es Kelp war oder ein schmutziger Stein. Es hatte wenig Sinn, es zu versuchen. Er versuchte es trotzdem. Er fand immer das, was er finden sollte. Immer.

Ein Kormoran glitt dicht über dem Wasser dahin, sein weicher weißer Bauch streifte fast die Oberfläche, und Harry sah zu, wie er sich bewegte. Er sah ihn langsamer werden und auf einem Felsen am Ufer landen. Er ging nah heran, ging direkt auf den Felsen zu, aber der Vogel rührte sich nicht. Blieb reglos. Harry hatte noch nie einen einzelnen Kormoran gesehen. Nicht so, an Land. Kormorane waren immer in der Gruppe. Sie drängten sich auf Felsen und Klippen zusammen, ihre langen Hälse hinaufgereckt zur Sonne. Manchmal blieben sie den ganzen Tag so. Gemeinsam. Wartend und wachend. Ruhend.

Der Vogel stieß einen leisen Ruf aus, und Harry war so nah, dass er spürte, wie der Laut in ihm nachhallte. Er wollte seine Hand ausstrecken und den Vogel berühren, über die seidig schimmernden Federn auf seinem Rücken streichen. Aber Harry bewegte sich nicht, hielt seine Arme still an den Seiten. Er überlegte, ob der Kormoran vielleicht krank wäre. Ob er die anderen vielleicht nicht fand. Und er wusste nicht, wie sie es schafften, wie sie überlebten. Wie sie über so viel Ozean fliegen konnten, im Wind und im Regen. Wie sie in das kalte Wasser tauchen konnten.

Manchmal wurden sie mit der Brandung angespült, die Verlorengegangenen.

Der Vogel rief noch einmal. Sein Kopf ruckte auf und ab, er spreizte die Flügel, dann war er weg.

Harry verließ den Strand und wagte sich in die Dünen. Vielleicht würde er hier ein schönes Stück Treibholz finden oder wenigstens irgendetwas Interessantes. Er lief in den kleinen Buckeln und Tälern auf und ab, und der lockere Sand unter seinen Füßen wurde fester. Er lief weiter. Den Strand konnte er jetzt kaum noch sehen. So weit hatte er sich noch nie entfernt. Er wurde langsamer, begann zu gehen. Er sah nach vorn, dorthin, wo es eine Art Lichtung gab, niedrige Bäume ringsum. ­Büsche. Der Platz war ausreichend geschützt, der Wind würde nicht bis hierher vordringen, selbst wenn es richtig stürmte. Man könnte hier zelten. Man könnte hier bleiben, und es wäre gut.

Hinter einem Busch lagen Muschelschalen. Ein riesiger Haufen – alt und brüchig und weiß von der Sonne. Austern und Miesmuscheln, Pipi-Muscheln und Venusmuscheln, der Panzer eines riesigen Krebses. Harry hob die Schale einer Abalone auf, die Kanten lose und staubig in seinen Händen. Und jede Zelle seines Körpers erstarrte. Spürte ihn, diesen Ort. Spürte die Menschen, die zuvor hier gewesen waren, geatmet hatten und lebendig dort gestanden hatten, wo er stand. Menschen, die längst tot waren. Längst verschwunden. Und Harry verstand instinktiv, dass die Zeit endlos weiterging und dass er eines Tages sterben würde.

Die Haut an seinen Händen kribbelte und prickelte.

Er ließ die Schale fallen und rannte.

 

Er hatte ewig warten müssen, aber schließlich kam Joe an Land. Miles blieb noch draußen. Er war so weit weg, dass es aussah, als gäbe es dort überhaupt keine Wellen. Er saß einfach nur im Wasser. Er saß da, und Harry hatte Hunger und konnte nicht aufhören, an die Sandwiches zu denken. Die Sandwiches mit Käse und Chutney.

»Ich habe keines gefunden. Kein Haifischei.«

Joe kämpfte mit seinem Neoprenanzug, bekam die Arme frei, wand sich keuchend und sah Harry nicht an. »Vielleicht nächstes Mal«, sagte er, aber Harry glaubte nicht daran.

Als Joe sich endlich angezogen hatte, begann er, die Picknicksachen aus dem Dinghy auszuladen, die Thermoskanne und die Konservendosen, die Wolldecke und die Sandwiches. Wenn sie nur nicht auf Miles warten müssten – Harry würde es nicht schaffen, auf Miles zu warten, auch wenn Joe das wollte, denn Miles blieb manchmal ewig da draußen im Wasser, selbst wenn es eisig war, und Harry musste jetzt einfach ein Sandwich haben.

»Dieser Ort hier ist alt«, sagte er, den Mund voller Brot.

Joe brummte etwas, aber er hörte nicht richtig zu. Er war woanders, vielleicht noch da draußen im Wasser mit Miles. Aber das machte nichts.

Dieser Ort war alt. Harry wusste es.

So alt wie die Welt.

Miles stieg gemeinsam mit den Männern ins Dinghy, mit Martin, Jeff und Dad, und er sagte nichts. Niemand sagte etwas auf dem Weg zum Boot. In der morgendlichen Dunkelheit zu Hause hatte Miles es nicht geschafft, seinen Toast zu essen, was er jetzt, als es dämmerte, bereute.

Sein Magen war leer an diesem ersten Tag.

Der erste Tag der Schulferien. Der erste Tag, an dem er allein auf das Boot aufpasste, während die Männer ins Wasser gingen. Er war alt genug, diesen Platz einzunehmen. Wie sein Bruder vor ihm musste er die Lücke füllen, die Onkel Nick hinterlassen hatte.

Weil das Boot jetzt der Bank gehörte. Weil alles der Bank gehörte.

Das Boot tuckerte und knatterte durch die anstürmenden Wellen, und Miles spürte, wie die Strömung es ergriff und hart an ihm zog. Sie war schwach, die Lady Ida, sie wirkte alt, und die Fahrt ging langsam voran. Sie pflügte durch die tiefste Stelle der Rinne und ließ eine breite Spur von Wellenkämmen im Fahrwasser zurück. Miles war klar, dass es hier geschehen sein musste. Hierher hatte es Onkel Nick hinausgezogen, allein im Dunkeln, wo die Kabbelung am stärksten war.

Sie hatten ihn nie gefunden.

Nicht ein Stück.

Nicht seine Mütze.

Nicht seine Stiefel.

Nicht seine Knochen.

Nur das Dinghy, das verlassen umhertrieb, leer und blank gewaschen.

Heute redete niemand mehr davon, aber damals hatte Dad davon geredet. Er hatte gesagt, dass Onkel Nick wahrscheinlich hinausgefahren sei, um den Anker zu überprüfen. Er hatte gesagt, er würde sich das nie verzeihen.

Das Boot war fast neu gewesen, es hatte draußen an der Mündung zur Bucht geankert, weil die Dünung stark gewesen war – eine hohe Winterdünung – und alle Boote dort draußen lagen. Aber Nick hatte keine Ruhe gegeben. Er hatte nicht aufgehört, sich Sorgen um das Boot zu machen. Dad hatte gesagt, im Pub habe Nick von nichts anderem geredet, und am Ende habe er Nick gesagt, er solle rausfahren und nach dem verdammten Ding sehen. Rausfahren und nachsehen oder die Klappe halten.

Und Miles wusste genau, wie dunkel es in jener Nacht gewesen war, der Himmel schwarz von Wolken, die so dicht waren, dass nichts durchdrang – keine Sterne, kein Mond. Onkel Nick hatte weder das Dinghy sehen können noch das Land oder die eigene Hand vor Augen.

Und man hatte ihn da draußen vergessen, weil es die Nacht gewesen war, in der der Unfall passierte.

Es war die Nacht, in der alles anders wurde.

 

Martin stand dicht bei ihm, berührte seine Schulter.

»Es wird alles gutgehen«, sagte er.

Dad und Jeff waren in der Kajüte. Jeff starrte ihn schon wieder an, und Miles sah weg. Er zog die gelbe Windjacke über den Pullover. Dad hatte keine passende Jacke für ihn gehabt, und er musste eine Männergröße tragen. Die Jacke war wie ein Sack, die Ärmel hingen weit über seine Hände herunter. Er könnte genauso gut gar keine tragen. Er wäre am Ende sowieso völlig durchnässt. Der einzige Körperteil, der warm bleiben würde, wäre sein Kopf unter der engen Wollmütze, die juckte.

Er krempelte die Ärmel auf, zog seine Handschuhe
an.

Bruny zeichnete sich im neuen Licht des Morgens ab.

Miles sah zu, wie sich die Farbe der Wasseroberfläche veränderte, wie das Wasser lebendig wurde. Und obwohl sie noch immer weit draußen waren, fern vom Land, gab es Stellen, wo das Wasser anschwoll, als wollte es einen Hügel erklimmen, Stellen, wo das Wasser wütend war. Und es handelte sich dabei nicht um die Rückseite einer Welle oder einen Höchststand der Dünung. Es lag an der Brandung. Das Wasser brandete an Felsen, die in der Tiefe verborgen waren. Felsen, die man auch bei Ebbe nicht sah. Und wenn man nicht wusste, was das Anschwellen des Wassers bedeutete, ahnte man nicht, dass es diese Felsen gab. Die Hazards. Die Hazards von Bruny wurden sie genannt. Sie waren überall hier draußen. Felsen, die keine Verbindung zum Land hatten, aber groß genug waren, um das Wasser aufzuwühlen – seine Pfade zu verändern. Vielleicht waren diese Felsen einmal Inseln gewesen. Kleine Inseln oder vielleicht sogar größere, bevor sie abgetragen wurden. Abgetragen vom Wasser, vom Wind und vom Regen, bis sie nicht mehr zu sehen waren. Und nur der Sockel blieb zurück, vom Meer verborgen. Ver­loren.

Es gab Dinge, die einem niemand beibringen konnte – Dinge über das Wasser. Man wusste sie, oder man wusste sie nicht, aber niemand konnte einem sagen, wie man das Wasser zu lesen, wie man es zu fühlen hatte.

Miles kannte das Wasser. Er fühlte es. Und er wusste, dass man ihm nicht trauen konnte.

 

Die Luft war kalt und das Haus still. Harry stand aus dem Bett auf und schob seine nackten Füße in die Turnschuhe. Er ging in die Küche. Wenn er sich auf die Spitzen der Turnschuhe stellte, konnte er das Glas mit Erdnussbutter oben auf dem Schrank gerade so erreichen. Mit dem Finger strich er an der Innenseite des fast leeren Glases entlang. Die Erdnussbutter reichte nur noch für eine Scheibe Toast, also steckte er zwei Scheiben in den Toaster und machte sich ein Sandwich.

Obwohl die Asche verglüht war, setzte sich Harry vor den Holzofen und aß. Er aß schnell. Tante Jean würde bald hier sein, um ihn zur Regatta mitzunehmen, und es wäre gut, bis dahin ordentlich angezogen zu sein. Es wäre gut, den Schal zu finden, den sie ihm gestrickt hatte, und ihn umzubinden. Es wäre gut, den dunkelblauen Parka anzuziehen, den sie ihm zu Weihnachten geschenkt hatte. Er mochte den Parka nicht besonders, weil er zu groß war, und er mochte die Farbe nicht, aber er war warm. Und einen anderen Parka besaß Harry nicht. Nur eine dünne Regenjacke.

Er wünschte, dass nicht Tante Jean, sondern Joe ihn zur Vorführung mitnehmen würde, aber wenigstens redete sie nicht viel im Auto. Sie hatte das Radio eingeschaltet, in dem ein Mann zu hören war und nicht genug Lieder gespielt wurden. Harry versuchte, dem Gerede des Mannes zuzuhören, um nicht an die Straße zu denken. Es war eine lange Fahrt, und das schlimmste Stück kam erst noch. Das Stück, wo sich die schmale Straße in unzähligen Kurven hinauf zum Mount Wellington wand. Dort, wo seine Ohren immer fast platzten und ihm übel wurde.

Er kämpfte gegen die Übelkeit an. Wenn ihm übel wurde, würde Tante Jean umkehren und ihn nach Hause zurückbringen. Er konzentrierte sich darauf, die Dinge im Auto zu betrachten. Er betrachtete das Armaturenbrett, und er blickte an seinen Beinen hinunter. Er sah sich die schwarze Matte unter seinen Füßen an. Er musterte die weißen fleischigen Hände von Tante Jean, die sie fest um das Lenkrad gelegt hatte.

Endlich erreichten sie Fern Tree. Harry öffnete und schloss seinen Kiefer mehrere Male, um seine Ohren frei zu bekommen. Er überlegte, ob er Tante Jean bitten sollte, anzuhalten, damit er auf die Toilette gehen konnte, aber er beschloss, es auszuhalten. Dann erreichten sie die andere Seite, und während sie hinunterfuhren, sah er aus dem Fenster und erkannte zwischen den Bäumen am Straßenrand bruchstückhaft Hobart. Teile von Häusern und Fetzen der Straße, das Aufblitzen von blauem Wasser und weißen Segeln. Und als die Bäume lichter wurden, gab es immer mehr Häuser. Endlich war die Stadt in Gänze zu sehen, was Harry gefiel. All diese Gebäude und Autos und all die Dinge, die man tun konnte.

Tante Jean parkte das Auto auf dem Gras in der Nähe des Ehrenmals. Sie wollte sich das Holzhacken anschauen, das um elf begann. Das hieß, sie hatten noch vierzig Minuten Zeit, und nachdem Harry die mobilen Toiletten gefunden hatte, steuerte er auf die Karussells zu. Er wollte sich Zeit lassen, wollte sich zuerst alle anschauen, weil er wusste, dass er nur mit einem fahren durfte. Einige der Karussells sahen beängstigend aus, andere waren langweilig wie die Ringelbahn. Den besten Eindruck machte der Gee-Whizzer, aber dazu hätte er Miles als Mitfahrer gebraucht. Allein würde Harry jedes Mal aus dem Sitz rutschen, wenn es ihn während der Fahrt in eine andere Richtung schleuderte. Tante Jean würde er nie dazu bringen, einen Fuß in den Gee-Whizzer zu setzen. Aber vielleicht würde sie Riesenrad fahren.

Während sie umherschlenderten, fielen Harry die vielen Spielbuden auf; Bällewerfen auf bewegliche Clownsgesichter, Darts, Reifenwerfen und ein Spiel, das er nicht kannte. Auf einem Tisch waren verschiedene Gläser aufgestellt, in einigen war Geld. Scheine. In der Mitte stand ein Glas mit einem Zehndollarschein. Man musste mit einem Centstück auf eines der Gläser mit einem Schein zielen, und wenn man traf, hatte man das Geld gewonnen.

»Soll ich das mal ausprobieren?«, sagte er.

Tante Jean sah zur Spielbude hinüber.

»Niemand gewinnt solche Spiele, Harry. Die sind extra so gemacht, dass man nicht gewinnt. Wenn du das Geld ausgibst, das ich dir gebe, kannst du nicht mehr Karussell fahren.«

Harry sah noch einmal zum Gee-Whizzer hinüber, wo die Kinder wie verrückt schrien, sobald die Wagen her­umschleuderten. »Ich glaube, ich will nicht Karussell fahren«, sagte er.

»Also gut, aber sei nicht enttäuscht, wenn du nicht gewinnst.«

Harry nahm den Dollarschein aus ihrer Hand und rannte zur Spielbude hinüber. Ein behaarter, rotäugiger Mann gab ihm drei Münzen, mit denen er auf die Gläser zielen sollte. Die erste warf er viel zu weit. Sie verfehlte den Tisch und landete im Gras. Harry glaubte zuerst, es würde nicht zählen und er könnte noch einmal beginnen, aber der Mann schüttelte den Kopf. Es zählte.

Er warf die zweite Münze, und sie traf den Rand eines leeren Glases und fiel dann auf den Tisch. Die letzte Münze warf Harry vorsichtiger. Und es klappte. Sie sprang vom Glasrand zurück und landete in einem anderen Glas, in dem ein Fünfdollarschein steckte.

»Ich habe gewonnen! Tante Jean, ich habe gewon-
nen!«

»Nein, hast du nicht. Das zählt nicht.« Der bärtige Mann zeigte auf ein großes Schild, das ganz mit schwarzer Schrift bedeckt war. »Die Münze muss gleich reinfallen. Sie darf nicht zuerst ein anderes Glas treffen.«

Tante Jean war plötzlich neben ihm.

»Komm, Harry. Ich habe dir doch gesagt, das ist Geldverschwendung.«

Harry merkte, wie sein Gesicht heiß wurde. Leute sahen herüber, und er hielt seinen Blick gesenkt, während er sich von der Bude entfernte. Tante Jean redete weiter, redete immer noch davon, wie er sein Geld verschwendet hatte, und Harry hörte nicht mehr zu. Im Gehen betrachtete er die Füße der Leute. Er betrachtete die Schuhe, die vorbeikamen. Es gab viele Gummistiefel. Es gab Sportwagen und Kinderwagen, und obwohl es der erste Tag der Regatta war, war das Gras von den vielen Schuhen schon niedergetreten. Die dunkle, klebrige Erde war bedeckt mit Verpackungen und Plastik­tüten und zerquetschten Pommes-Schalen. Dann entdeckte Harry den Schein. Zwanzig Dollar. Er lag einfach da, und eine Frau trat im Vorbeigehen darauf, ohne es zu bemerken.

Harry bückte sich und schnappte sich den Schein. Er war zerknittert und schmutzig, aber es waren zwanzig Dollar. Tatsächlich.

Tante Jean blieb stehen. Sie sah zu ihm hinunter.

»Sei nicht eingeschnappt, Harry. Das passt nicht zu dir.«

Harry hielt den Schein hoch. »Guck!«

Tante Jean beugte sich zu ihm. »Steh auf und steck ihn in deine Tasche, bevor noch jemand sagt, dass er ihn verloren hat.«

Harry stand auf, steckte den Schein in seine Tasche und legte seine Hand darüber, damit er nicht herausfiel. Es war sein Schein. Er würde ihn nicht verlieren.

»Das ist viel Geld, Harry. Sehr viel Geld. Du kannst dir jetzt deine eigenen Überraschungstüten kaufen, okay? Aber gib nicht alles aus. Du solltest es sparen. Spar es«, sagte sie.

Aber Harry war ihr schon weit voraus. Er konnte jetzt zwei Überraschungstüten für sich und eine für Miles kaufen und mit einem Karussell fahren, und eine Tüte für seinen Freund Stuart konnte er auch kaufen, denn Stuart durfte nie zur Vorführung kommen, und wenn Ben in der Schule Harrys He-Man-Figur kaputt machte, dann ließ Stuart ihn mit seiner He-Man-Figur spielen. Stuart hatte eine He-Man-Figur, eine Battle-Cat-Figur, eine Beast-Man-Figur und eine Skeletor-Figur. Am besten wäre es, wenn Harry ihm eine He-Man-Überraschungstüte kaufte.

Tante Jean sah auf die Uhr. Harry wusste, dass ihre Beine langsam schmerzten und sie hin­übergehen wollte zum Holzhacken, aber es kümmerte ihn nicht. Er hatte zwanzig Dollar. Er konnte kaufen, was er wollte, und Tante Jean konnte nichts dagegen sagen. Er konnte auch zehn Überraschungstüten kaufen, wenn er wollte. Zehn!

»Wir sollten uns aufmachen und einen Sitzplatz suchen. Der Sohn von Brian Roberts tritt auch an. Heath? Heißt er nicht so?«

Harry nickte.

Über Favel Parrett

Biografie

Favel Parrett, geboren 1974, wuchs in Tasmanien auf. Sie veröffentlichte mehrere Short Storys in Zeitschriften, bevor sie mit ihrem Roman »Jenseits der Untiefen« debütierte. Er wurde von der Presse begeistert aufgenommen und u.a. für die Shortlists des Miles Franklin Award und des Melbourne Award...

Pressestimmen

Nordwest Zeitung

»Ein ebenso kraftvolles wie poetisches Buch.«

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