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JägerJäger

Jäger

Roman

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Jäger — Inhalt

Ein Roman über das Fliegen? Über den Krieg? Über Helden? Salters literarischer Erstling, nach dessen Veröffentlichung er den Dienst als Kampfpilot quittierte und sich ganz dem Schreiben widmete, ist all das und noch mehr. In »Jäger« ist schon alles da, was den großen Salter ausmacht. Bereits hier geht es ihm um den Menschen an sich, was ihn in seiner Glorie und seiner Erbärmlichkeit antreibt, siegen und scheitern lässt - das alles knapp und brillant formuliert.

€ 10,00 [D], € 10,30 [A]
Erschienen am 01.09.2016
Übersetzt von: Beatrice Howeg
304 Seiten, Broschur
EAN 978-3-8333-1038-6
€ 9,99 [D], € 9,99 [A]
Erschienen am 13.10.2014
Übersetzt von: Beatrice Howeg
208 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-8270-7749-3
»Mit 'Jäger' hat der große US-Erzähler James Salter in den 50ern seine literarische Karriere begonnen. In dem Roman über den Korea-Krieg, sprachlich das erste Zeugnis von Salters großer Kunst, inhaltlich heute durchaus ambivalent zu lesen, begegnet man bereits den Motiven in seinem Erzählwerk: existenzielle Einsamkeit und deren Überwindung, Streben nach Sinn und Besonderheit – hier in der Rivalität von Kampfpiloten, wie Salter selbst einer war.«
orf.at
»Der im Juni dieses Jahres verstorbene James Salter war ein Kultautor, ein 'writer's writer', der nur wenige Bücher veröffentlichte, die bei Publikum und Kritik nur mäßig erfolgreich waren, aber wegen seines äußerst prägnanten, lakonischen und letztlich melancholischen Stils auf zahlreiche Schriftsteller einen großen Einfluss ausübte.«
tactuel
»James Salter, der mit diesem Buch Abschied von der Air Force genommen hat, evoziert in knappen, präzisen Sätzen Bewusstseinszustände und Stimmungen, ohne sie je auszubuchstabieren. Vieles bleibt unausgesprochen in dieser soldatischen Männerwelt, die ihre Lebensberechtigung aus dem Tod der anderen zieht. Salter stellt das nicht in Frage, aber er windet auch keine Girlanden darum.«
Badische Neueste Nachrichten
»Mit einfachem, schmucklosem Stil umspielt er die Bewegungen und Gesten seiner Figuren und setzt sie sorgsam und unspektakulär in Szene. Doch gerade diese Geräuschlosigkeit lässt erst hören, was Salter zu sagen hat. Er spricht von einem Sinn des Daseins, vom angstlosen Vertrauen, vom spurlosen Verlassen der Welt, von einer arglosen Männlichkeit, die angesichts der letzten Regungen des Atems und des Geistes wie zu Staub zerfällt.»
Ö1 "Ex libris"
»Es ist ein Roman, der den Geschmack der fünfziger Jahre hat, literaturgeschichtlich interessant ist und am Ende etwas schafft, was nur wenigen Gegenwartsromanen gelingt: der Handlung eine parabelhafte Bedeutung und den Lesern eine Portion Lebensphilosophie mit auf den Weg zu geben.«
SWR 2 "Forum Buch"
»Ohne es zu ahnen, hat er, dessen gebrochene Helden Glück nur als rauschhaften Moment der Ekstase kennen, ein Buch über die Kunst des Fliegens geschrieben, das zugleich ein Buch über die Kunst des Schreibens ist.« Quelle: http://www.sueddeutsche.de/kultur/jaeger-von-james-salter-moerder-der-luefte-1.2251744-2
Süddeutsche Zeitung
»In Salters makelloser Prosa, der Klarheit der Beschreibungen und Vergleiche, erhält dieser von allem Irdischen abgelöste Wert des Heroischen seine ästhetische Gestalt.«
Frankfurter Allgemeine Zeitung
»Dass ‚Jäger‘ jetzt erst auf Deutsch erscheint, ist ein hoch interessanter Anachronismus. Immer wieder blitzen in ihm wunderbare Sprachbilder auf.«
kulturSpiegel
»Er ist ein beeindruckend kühler Bericht über einen Männerbund.«
Frankfurter Rundschau

Leseprobe zu »Jäger«

PRONAOS


Der wahre Chronist meines Lebens, ein hoch gewachsener, sanft blickender Mann mit wässrigen Augen, kam bei einem Familientreffen auf mich zu und sagte, so als hätte er schon lange auf diesen Moment gewartet, er wüsste alles. Ich hatte ihn noch nie zuvor gesehen.
Ich war Mitte fünfzig. Er war nicht viel älter, wirkte aber wie ein uralter Mann. Er erinnerte sich, mich als Kind in einer Pferdekutsche auf der Hope Avenue in Passaic gesehen zu haben. Er nannte mein Geburtsdatum: »Zehnter Juni 1925, hab ich Recht? Ihr Bild war in der New York  [...]

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PRONAOS


Der wahre Chronist meines Lebens, ein hoch gewachsener, sanft blickender Mann mit wässrigen Augen, kam bei einem Familientreffen auf mich zu und sagte, so als hätte er schon lange auf diesen Moment gewartet, er wüsste alles. Ich hatte ihn noch nie zuvor gesehen.
Ich war Mitte fünfzig. Er war nicht viel älter, wirkte aber wie ein uralter Mann. Er erinnerte sich, mich als Kind in einer Pferdekutsche auf der Hope Avenue in Passaic gesehen zu haben. Er nannte mein Geburtsdatum: »Zehnter Juni 1925, hab ich Recht? Ihr Bild war in der New York Times, als Sie Captain in Korea waren und gerade drei Flugzeuge abgeschossen hatten. Sie haben ein Mädchen aus Washington, D. C., geheiratet. Sie haben vier Kinder.«
Er redete immer weiter. Er kannte intime Details, ein paar ein wenig durcheinander gewürfelt, wie bei einem Mann, dessen Taschen von Zetteln überquellen. Sein Name war Quinton; er arbeitete in einem Postamt und wurde, wie ich später erfuhr, höhnisch »der Historiker« genannt, als wäre seine Leidenschaft sinnlos, wenn nicht sogar peinlich. Als unternähme er nur den Versuch, sich Bedeutung zu verschaffen. »Sie waren auf Horace Mann«, sagte er. »Der Footballtrainer hieß Tillinghast.«
Genau genommen war der Trainer ein o-beiniger, grauhaariger Mann namens Tewill. Tillinghast war der Direktor des Internats. Ich fand den Fehler unerheblich.

Es gibt das eigene Leben, wie man es selbst kennt, und dann jenes, wie es andere kennen, vielleicht fehlerhaft, aber man muss dem Bedeutung beimessen. Es fällt schwer, sich klar zu machen, dass man immer von mehreren Seiten betrachtet wird, und dass diese zusammengenommen Gültigkeit besitzen.
Seine Frau bat ihn, mich in Ruhe zu lassen. Ich war erstaunt, was er alles wusste. »Vierundvierzig State Street. Da stand das Haus Ihrer Großmutter, stimmt’s? Sie bekamen dort immer Linsensuppe und Steak, wenn Sie mit Ihrem Vater zu Besuch waren – er nahm sich einmal im Monat ein Taxi.«
Das baufällige Holzhaus an der Ecke, die Zementstufen zum Garten hinaus und das immer gleiche Essen, das ich gerne mochte, an dem quadratischen Tisch in der Küche, dann die Stunden, die ich untätig auf der Hintertreppe saß, während mein Vater mit seiner Mutter sprach, ihr von seinen Angelegenheiten erzählte und sie tröstete, wie ich annehme. Der Fahrer wartete schweigend im Auto.
Mein Vater und ich unternahmen diese Ausflüge immer gemeinsam. Meine Mutter kam nie mit. Die West Side von Manhattan, den Fluss hinauf, in Richtung Norden, leere Sonntagmorgen, den Blick zum Fenster hinaus, die endlosen tristen Apartmenthäuser auf der einen Seite und in der Ferne schimmernd die neue George Washington Brücke. Zigarrenrauch, ein schwerer, Übelkeit erregender Duft, zog vor meinem Vater die Scheibe hinauf, während er grübelnd dasaß und manchmal leise vor sich hin summte. Aus dem Radio des Fahrers kam die leidenschaftliche Predigt des glühend antisemitischen Priesters Pater Coughlin, die jeden Sonntag übertragen wurde. Seine zornigen Wiederholungen schlugen auf mich ein. Es waren magere Zeiten. Der Fahrer verdiente fünf Dollar an der Fahrt, eingerechnet zwei Stunden Wartezeit, bevor er uns wieder zurückfuhr. Es war immer ein anderer Fahrer, das Taxi winkte mein Vater auf der Straße herbei.
Wir fuhren am östlichen Ende der Brücke unter dem großen gitterartigen Turm hindurch, der für mich immer eine große Bedeutung hatte, seit mein Vater mir einmal erzählt hatte, man habe ursprünglich ganz oben ein Restaurant einbauen wollen. In dem Stahlgerüst befand sich ein Aufzug, und wir waren einmal hinaufgefahren, aber vielleicht war das auch nur in meiner Fantasie, wie auch der olympische Ausblick. Der Hudson war der Fluss meiner Kindheit, der Fluss der Sonnenuntergänge und Hochzeitsfahrten, mein ureigener Fluss, obwohl ich nie einen Tropfen seines Wassers auf meiner Hand oder Stirn gespürt habe. Ich war mehr als einmal auf die Brücke gegangen und hatte mich über das Geländer gebeugt, um auf das in unendlicher Ferne liegende dunkle Wasser hinabzusehen, und manchmal, wenn ich Glück hatte, sah ich einen weißen Ausflugsdampfer vorbeipflügen, das sonnige Oberdeck gefüllt mit Stühlen wie ein offener Theatersaal. Einmal im Jahr lag in langer Linie bis zum offenen Meer hinaus die Kriegsflotte hier vor Anker, nach fernen Städten benannte Kreuzer und breite Schlachtschiffe, die später in Pearl Harbour versenkt wurden. Von einer Stelle des Ufers aus konnte man übersetzen, um sie zu besichtigen. Ich war mehrere Male hinübergefahren, die Stahlleitern hinaufgeklettert und hatte unter den gewaltigen Geschützen gestanden. Die Mannschaft in ihren weißen, weit geschnittenen Hosen, die betont männlichen Offiziere, die Holzdecks – es war etwas, auf das man stolz sein konnte, die einzige Wehr der unschuldigen und unbewaffneten Republik, in der ich geboren war.

Auf der anderen Flussseite oberhalb des grünen buschigen Steilufers befand sich ein weiterer Markstein, ein Nachtclub namens Riviera – ein Spielkasino wie ich hörte, Le Corbusier-haft und modern –, das einmal niedergebrannt und wieder aufgebaut worden war. Man brachte es auf Grund seines Besitzers mit einer Reihe früherer, legendärer Nachtlokale in Verbindung, dem Silver Slipper, dem Cotton Club und anderen.
Wir fuhren weiter durch mir damals vertrauten Straßen, durch düstere, sabbatstille Viertel, bis mein Vater, kurz bevor wir ankamen, dem Fahrer erklärte, wie er weiterfahren und wo er abbiegen sollte, und wir schließlich vor dem vertrauten eingeschössigen Haus hielten. Meine Großmutter kam zur Küchentür, schmalgesichtig und traurig, aber für den Augenblick lächelnd. Sie lebte mit meinem Urgroßvater zusammen, einem Furcht einflößenden alten Mann Mitte achtzig, der aus den shtetls in Polen kam, unrasiert und übel riechend – es handelte sich wahrscheinlich um Inkontinenz –, und der meist im oberen Stock blieb. Jacob Galambia war sein Name, wahrscheinlich eine Erfindung des Einwanderungsbeamten. Columbia nannten ihn die Nachbarn. Er war mit meiner Großmutter aus Kanada heruntergekommen, und sie hatte die Abendschule besucht, um Englisch zu lernen, nachdem sie geheiratet und ihre Kinder zur Welt gebracht hatte. Ich glaube nicht, dass man mir je erzählte, womit er sein Geld verdient hatte. Er war zu alt, um wirklich zärtlich zu sein, und sein erbarmungslos kratzender Bart verbrannte mir das Gesicht. Mein Vater zeigte sich ihm gegenüber höflich, beachtete ihn aber kaum.
Ich spreche hier sehr großzügig von einer weiten Zeitspanne. Dieser Urgroßvater wurde ungefähr 1850 geboren. Ich wurde als kleiner Junge, der nichts über ihn wusste, auf Besuch mitgenommen. Ich werde vielleicht irgendwann selbst mit leichter Verwunderung auf einen im Jahr 2000 oder später geborenen Enkel blicken. Einhundertfünfzig Jahre. Welten sind da verschwunden …
Auf dieser Seite der Familie gab es auch einen geschiedenen Ehemann – meinen Großvater – und eine Tante, die Schwester meines Vaters, namens Laura. Es war auf ihrer Beerdigung, Jahre nachdem die monatlichen Besuche bei meiner Großmutter geendet hatten, dass mich dieser Barde, wie ich ihn aus Respekt nennen will, ansprach und mit seinem Vortrag über meine ersten Jahre überraschte. Ich sah zu, wie man ihn wie ein trauriges Kind von mir fortführte.

* * *
Im Alter gingen meine Mutter und ihre Schwester – sie waren beide verwitwet und lebten zusammen – immer wieder ihre Vergangenheit durch, die Mädchenjahre in Washington, D. C., wo sie, wie schon ihre Mutter, geboren waren: das Haus in der Upsher Street, ihr strenger Vater, die Verwandten, die reich geworden waren, die Verehrer; Major Sledge, der vor dem Ersten Weltkrieg in Selma verliebt war, die älteste der Schwestern. Er gehörte zum Stab des Weißen Hauses, ein Major in Friedenszeiten, wie sie betonten. Er wollte sie heiraten und nach Chicago mitnehmen. Ihre Eltern erlaubten es nicht. Was war aus Major Sledge geworden? Keine von beiden wusste es.
Von den vier Schwestern war meine Mutter die schönste, sie war auch die jüngste und eigenwilligste. Sie hatte eine aufregende Jugend – die Eintönigkeit kam später –, Bälle in den Country Clubs, den Botschaften, sie ging zu allen; die argentinische Botschaft war die beste.
»Die französische«, korrigierte meine Tante.
Nein, die argentinische.«
Sie beginnen wieder über die Familie zu reden, Zweigen des Stammbaums nachzugehen. Ihr Vater hatte zwei Brüder und eine Schwester. Einer der Brüder war –
»Fotograf«, sagt meine Tante.
»Nein, Zahnarzt.«
»Ich dachte, er sei Fotograf gewesen.«
Meine Tante, die zweitjüngste, war blond und lachte gern. Sie war zwei Mal verheiratet gewesen, lange Zeit mit einem erfolglosen Rechtsanwalt, der mein Lieblingsonkel war. Sie putzte seine Schuhe und achtete darauf, dass seine Haare in Ordnung waren. Seine Klientel war verarmt. Sie nannten ihn Herr Anwalt. Er setzte Verträge auf, manchmal hatte er einen Scheidungsfall. Zu seinen Arbeiten gehörte es auch, Mieten einzutreiben.
»Wer ist da?« riefen sie durch die Tür.
Wenn er es ihnen sagte, brüllten sie: »Mach, dass du wegkommst, oder es gibt einen Tritt in den Arsch!«
Er war klein, ein wenig stämmig, ein Experte, was Kartenund Zaubertricks anging. Er spielte zudem Klavier und schrieb eigene Lieder. Er hatte schwarzes schütteres Haar. Seine Finger waren kurz und dick, und seine Unterarme mit dichtem, seidig schwarzem Haar bedeckt. Er hatte Zahnmedizin studiert – so hatte er auch meine Tante kennen gelernt, an der Uniklinik, als er ihre Zähne behandelte –, aber schließlich entschloss er sich, den Leuten anders Zähne zu ziehen.
Ich liebte ihn wegen seiner Geduld und seiner verspielten Art. Er und Frances hatten keine Kinder. Ich war ihr Ersatzsohn. Meine Mutter und ich nahmen die Weehawken-Fähre, breit und geräumig, mit geschwungenen Gallerien für Passagiere auf beiden Seiten, der Geruch von Teer und Meerwasser lag in der Luft, das Deck hob und senkte sich rhythmisch. Mein Onkel erwartete uns auf der anderen Seite mit dem Auto, einem gebraucht gekauften Personenwagen. In jenen Jahren säumten Fabriken den Fluss, und weiter oben auf den Anhöhen thronte in der Mitte eines Vergnügungsparks das wuchtige Gerüst einer großen Achterbahn. Wir fuhren da nie hin, sondern in ständig wechselnde Wohnungen in dunklen Backsteinhäusern, die oftmals an abschüssigen Straßen lagen. Ich saß verzaubert auf dem Sofa im Wohnzimmer, während sich Münzen mit bloßem Fingerschnipsen in dünner Luft auflösten und dann wieder hinter meinen Ohren hervorgezogen wurden, und die Asse in einem gut gemischten Kartenspiel immer wie magisch oben erschienen. Die Klavierbank war mit Notenheften zugedeckt, und hinter der Saturday Evening Post in der Zeitschriftenablage verbargen sich Nudistenmagazine, wie ich einmal entdeckte.
Dieser wunderbare Onkel kam eines Tages, als ich bereits älter war und studierte, nach Hause und klagte, ihm sei schwindlig, woraufhin er zu Bett gebracht wurde. Er kam ins Krankenhaus – »Ich glaube nicht, dass er operiert wurde«, sagte meine Tante vage –, und ungefähr einen Monat später brannte er mit seiner Sekretärin durch. Meine Mutter, die mir die Nachricht überbrachte, erklärte, er sei krank, habe einen Gehirntumor und sei ins Irrenhaus gebracht worden. In Wirklichkeit war er mit seiner Sekretärin im Haus seiner Mutter an der Küste, obwohl er nicht lange darauf verstarb, vielleicht so ähnlich wie in der erfundenen Geschichte. Ich weiß nicht, wo er begraben liegt.
Familien ohne Bedeutung – so viel ist verloren, ganze Geschichten, es gibt keinen Platz für sie alle. Es gibt nur die Generationen, die wie die Gezeiten vorwärts drängen, die Jahre sind erfüllt von Lärm und Schaum und werden dann selbst wieder überspült. Das ist das Erbe der Städte.
»Weißt du, was Poppas Vater früher war?« fragt meine Mutter.
»Er hatte eine Leinenweberei«, antwortet meine Tante.
»Er war Brauereimeister.«
Nein, nein. Sie streiten weiter über ihn und den Onkel, den Zahnarzt oder Fotografen, der am Anfang des Jahrhunderts auf Besuch nach Amerika kam, es aber nicht mochte und nach Europa zurückkehrte.
»Nach Frankfurt«, sagt meine Tante.
»Moskau«, berichtigt meine Mutter.
Der Stammbaum ist nur schwach umrissen, der arbor consanguinitatis. Ihr Vater lebte als junger Mann bei seiner Großmutter, da seine Eltern geschieden waren, und er wurde nach Amerika geschickt, weil er irgendeine Affäre mit dem Dienstmädchen hatte. Und so entkam er blindlings den Kriegen sowie der Welle unvergleichlicher Zerstörung, die mit ihnen einherging. In Amerika heiratete er eine Frau, deren Mutter, meine Urgroßmutter, mit einem polnischen Prinzen namens Notés verheiratet gewesen war.
»Mit einem Prinzen?«
»Vielleicht war es auch ein General«, gibt meine Mutter zu. »Auf jeden Fall war er ein wichtiger Mann.« Noch mit siebzig war sie attraktiv und hochfahrend, zum Leidwesen manchen sorglosen Kellners oder mancher Verkäuferin. Ein elegantes Porträt, eine Kohlezeichnung, auf der sie um die vierzig war – feine Züge, zarte Ringe unter den Augen, ein langer, graziler Hals –, war ihrer Erscheinung noch sehr ähnlich. Sie las jeden Tag die Zeitung, einschließlich aller Anzeigen. Täglich ging sie zwei Meilen spazieren.
Meine Mutter sah meinen Vater – zumindest ein Foto von ihm – zum ersten Mal in der Zeitung. Sie war achtzehn. Später wurden sie einander durch Zufall vorgestellt. Ihre Eltern mochten ihn sehr, besonders ihre Mutter. Sie heirateten 1924 in Baltimore. Es war am Morgen. Sie fuhren zurück nach Washington und aßen zu Mittag, und anschließend kehrte der frisch vermählte Bräutigam zum Arbeiten nach New York zurück. Er kam einen Monat später wieder.
Ich war ihr einziges Kind, frühmorgens im Juni an einem unvorstellbar heißen Tag geboren und von einem Arzt entbunden, der, wie ich mir später vorstellte, William Carlos Williams hätte sein können – Zeit und Ort stimmen ungefähr überein –, der aber in Wirklichkeit Carlisle hieß. Der Abend brachte in Form eines ungeheuren Gewitters Linderung von der Hitze. Ich würde gerne glauben, dass ich mich irgendwie daran erinnerte und dass meine Liebe für alle Gewitter von diesem ersten herrührt, aber viel wahrscheinlicher schlief ich, erschöpft von der Entbindung, neben meiner jungen Mutter – sie war einundzwanzig –, die ebenfalls erschöpft, aber sehr glücklich gewesen sein muss. Sie war erleichtert, dass die Geburt überstanden war, und freute sich auf alles, was vor ihr lag. Donner rüttelte am Fenster, der Regen prasselte herab. Es war das Jahr 1925, das Krankenhaus war das Passaic General.
Von meinen anderen Onkeln besaß einer eine Fabrik, die akustische Geräte herstellte. Dieser Onkel, Maurice, war hoch gewachsen und bitter, und er trug einen gezwirbelten Schnurrbart. Eine Zeit lang besaß er ein Sportcabriolet, einen Cord, den ich in unserer Straße in New York schräg zum Bordstein geparkt sehe, es war eine Hauptstraße, die damals wie heute außerordentlich breit war. Er war irgendeine Art Ingenieur. Er und meine Tante Sylvia hatten sich in Atlantic City kennen gelernt, aber die Fabrik, die während der Depression Konkurs machte, befand sich in der Umgebung von Philadelphia, und so lebten sie dort. Sie hatten ein Haus, ein Dienstmädchen, Autos. Sie fuhren jeden Sommer fort. Die Schwestern kamen nie zu Besuch, sie hassten ihn.
»Nach 1932 hat er eigentlich gar nichts mehr gemacht«, sagte meine Tante.
»Er kam aus der Gosse«, kommentierte meine Mutter.
Im Alter, mittlerweile verwitwet, verlor Sylvia den Verstand. Im Haus ihrer Tochter stand sie regelmäßig mitten in der Nacht auf, packte, und irgendwann stieg sie um drei Uhr morgens allein in einen Zug. Sie wurde danach in einem kleinen Apartment untergebracht, aber die Leute beraubten sie dort, beschwerte sie sich. Eine Frau wäre hereingekommen und hätte alles gestohlen, ihr Geld, Scheckbücher, Schlüssel. Sie hatte wieder einmal die Polizei gerufen.
»Wie ist sie hereingekommen?« fragte meine Mutter.
»Einfach so.«
»Aber die Tür war doch verriegelt, und das Schloss war ganz neu.«
»Sie ist durch die Decke gekommen«, erklärte Sylvia ruhig.
»Die diebische Hure.«
Das Geld und die Schlüssel fand man unter ein Sofakissen gestopft, zusammen mit Teilen ihrer Unterwäsche. Die Scheckbücher waren hinter den Fuß einer Truhe geklemmt. Sie gingen danach eine Stunde spazieren. Sylvia war ruhig und klar. Sie war von der immensen Geduld des Wahnsinns erfüllt. Ihre Tochter lehnte es ab, sich um sie zu kümmern. Ihre Schwestern übernahmen, mittels langer Busfahrten, die Aufgabe.

* * *

Wir lebten seit meinem zweiten Lebensjahr in New York, zuerst zur Untermiete in einem Zimmer bei einer Frau auf der Achtundneunzigsten Straße, dann ein paar Blocks weiter in einer eigenen Wohnung an der West End Avenue, einer breiten gesichtslosen Straße, in der Mittelklassen-Familien wohnten. Mein Vater hatte in New Jersey ohne viel Gewinn ein paar Häuser gebaut. In New York fand sein Ehrgeiz ein Ziel.
In der Stadt, so wie sie für mich als Erstes Gestalt annahm, gab es große Apartmenthäuser, die sich, so weit das Auge reichte, in beide Richtungen erstreckten. In den Seitenstraßen standen Privathäuser, von denen viele in einzelne Mietzimmer unterteilt waren. Am Riverside Drive gab es noch unberührte Herrenhäuser, gestrandet, als warteten sie auf den Tod gealterter Patriarchen. Manchmal erschienen in den trostlosen Hinterhöfen noch Männer mit Schleifsteinen, schellten mit einer Glocke und riefen zu Hausfrauen oder Küchenmädchen hinauf, um ihre Messer oder Scheren zu schleifen. Natur bedeutete für mich die Bäume und der schmale Park am Fluss und mitunter einer der seltenen Schneestürme, wenn der Verkehr auf den Straßen erstarb und sich die Stille der Welt um einen legte. Zeitungsjungen, die so hießen, obwohl sie Männer waren, kamen oft spät am Tag vorbei, immer das Gleiche rufend, Extra! Extra!, die oder-der ermordet, dies-oder-das eingestürzt oder gesunken. Einen Block weiter um die Ecke formierte sich vor einem braunen Backsteinhaus plötzlich die Polizei und sperrte die Straße ab, sie erwarteten eine Schießerei mit einem berühmten Verbrecher, den sie umstellt hatten, »Two-GunCrowley«.
Ich durfte trotzdem alleine zur Schule gehen – es war Anfang der ersten oder zweiten Klasse – und danach draußen spielen. Den Klassen standen unbezwingbare weißhaarige Frauen vor: Miss Quigley – vielleicht hat sie mir das Lesen beigebracht – und Miss McGinley.
Wir saßen entsprechend unseren Leistungen in Reihen, die besten Schüler vorne. Noten wurden monatlich verteilt, für Schularbeit sowie Benehmen. Etwas später mussten wir im Stehen Gedichte aufsagen. So erwarben wir eine Art Anthologie, und durch sie lernten wir die heroische Sprache. Vieles in der Kindheit bleibt ewig klar in Erinnerung, die erste Telefonnummer, der Name (Tony) des gefürchteten Fahrstuhlführers, der reine Klang – wenn ich gelangweilt und krank im Bett lag – des Schlüssels in der Wohnungstür, der mir sagte, dass meine Mutter endlich mit dem Buch zurückkam – es bestand vor allem aus Bildern –, auf das ich so gewartet hatte.
Zurückblickend ist mir klar, dass ich ein gehorsamer Junge war. Ich war meinen Eltern nahe und hatte Ehrfurcht vor meinen Lehrern. Ich hatte keine derben oder kriminellen Freunde. Die tyrannischen Portiers, ein Ire und ein Italiener, waren zusammen mit den Hausmeistern, Männern in Unterhemden mit fremdem Akzent, meine einzigen Feinde. Es gab keinen Himmel, aber eine Unterwelt mit dunklen Kellerfluren und vollen Ascheimern, in die ich mich nicht hineintraute. Ich war ein Stadtkind, blass, behütet, ahnungslos.

* * *

Ich erinnere mich kaum an diese erste Wohnung, in der wir über Jahre wohnten. Die Straßen draußen sind mir klarer im Gedächtnis, die Kindergruppe, zu der ich ging, die eine junge Frau leitete, an deren angenehme Züge ich mich nicht genau erinnere und die wir Mademoiselle riefen, der Freund, der Junior genannt wurde und, soweit ich verstand, in ärmlichen Verhältnissen in einer Seitenstraße wohnte, aber etwas Undenkbares besaß, einen riesigen deutschen Schäferhund.
Wir hatten weder Hund noch Katze noch Familienfeiern. Mein Vater hatte Freunde, meistens einen oder zwei zur selben Zeit, und ich sehe sie vor mir, den gutmütigen glatzköpfigen Bauunternehmer mit Nickelbrille, den Richter und andere große, joviale Männer mit zu kräftigem Händedruck und selbstsicherem Auftreten. Manche besaßen Autos. Gewöhnlich sah ich sie, wenn sie auf dem Weg zum Golfspielen waren oder von dort zurückkamen.
Meine Mutter hatte ebenfalls Freundinnen, Ann, Harriet, Eileen, Rose. Nachmittagsfreundinnen. Vielleicht gingen sie zusammen zum Lunch. Alle waren verheiratet, aber ihre Männer, mit einer oder zwei Ausnahmen, sah ich selten. Die Frauen waren herzlich und unbeschwert, es war angenehm, in ihrer Nähe zu sein. Sie waren noch in den Zwanzigern, mit seidigen Beinen und strahlendem Lächeln. Vielleicht gingen sie am Abend tanzen. Meine Eltern gingen nie tanzen und nur selten auf Partys.
Ich wusste im Grunde gar nichts vom Leben dieser Frauen. Ich war ein kleiner Junge, eine Art Haustier. Ich wusste in den meisten Fällen nicht einmal, wo sie wohnten. Manchmal wurde ich mit ihren Kindern zusammengebracht, aber Freundschaften entwickelten sich keine.
In New York ließ man sich in jenen Tagen, jenen endlosen Tagen, allmorgendlich beim Barbier rasieren; Anzüge und Schuhe besorgte man sich bei De Pinna und Geliebte unter den Frauen im Büro oder im Textilviertel. Zumindest lebten mein Vater und sein bester, lebenslanger Freund, ein Cousin, auf diese Weise. Er sah gut aus, war allerdings vollkommen kahl. Berry war Junggeselle, während seiner Zeit in der Navy hatte er geboxt. Er wohnte in einem Hotel an der Ecke des Parks und trug völlig natürlich ein Barett. Als er ausdruckslos und treu bei der Beerdigung meines Vaters da saß, war er plötzlich in Tränen ausgebrochen, als der Sarg herabgelassen wurde, und hatte den Namen meines Vaters ausgerufen. »George«, schluchzte er, »George …«
Mein Vater stieg auf in der Welt. Er war meistens gut gelaunt und sang Lieder, während er sich ankleidete – »Otche Chornia« war eines, das er besonders mochte, »Schwarze Augen«. Er erfand eigene Wörter, da er nur die ersten Zeilen kannte: »Otche chornia, I prekasnia …« Oft war er abends außer Haus, geschäftlich. Es gab Streit. Er war freundlich zu mir, liebevoll, aber nicht im eigentlichen Sinne zärtlich. Mit kindlichen Dingen gab er sich nicht ab, und für Sport hatte er keinen Sinn. Ich habe nie seine Liebe vermisst, aber sein Interesse. Meine Mutter mag das ähnlich empfunden haben. Solange ich mich entsinne, war er in Gedanken verloren. Sogar wenn er die Straße entlangging, dachte er nach, und nur gelegentlich nahm er Dinge von außen wahr. Einer Sache war er sich gewiss: er würde Erfolg haben. Die Dinge entwickelten sich günstig für ihn, er gewann an Ansehen und traf wichtige Männer. Einmal stellte er mich Jack Dempsey vor, dem Champion mit dem dunklen Kinn, der in jenen Tagen die Verkörperung des Boxsports war, groß, schlank. Mein Vater hatte ihm einen günstigen Pachtvertrag verschafft, und sie verstanden sich gut. Dempsey muss Anfang vierzig gewesen sein, als ich ihm begegnete, und zu der Zeit sogar noch beliebter, als er es im Ring gewesen war, wo er, einen Totengesang vor sich hin summend, rhythmisch kraftvolle Schläge verteilte und Riesen zu Fall brachte, Willard und Firpo, in Kämpfen, die Legende wurden. Er war breit, mit Wangenknochen wie ein Indianer. Seine Hände waren riesig und kraftvoll. Ich war zehn oder elf Jahre alt und erinnere mich, wie er vor mir aufragte. Ich würde größer werden als Dempsey, sagte mein Vater zu mir, als wir gingen. Ich würde eine Linke haben wie er. Er nannte mich seinen Freund. Dann trieben seine Gedanken fort zu anderen Dingen, neuen Projekten und Träumen.
Er machte Geschäfte mit einem Mann namens Lignante, freundlich, von europäischer Art, der die Tochter eines Richters geheiratet hatte. Lignante baute Hampshire House, ein strahlendes Gebäude am Central Park South, und mein Vater lieh ihm eine große Summe Geld, 75 000 Dollar, ohne Sicherheit, aber gegen einen Anteil an dem fertig gestellten Gebäude. Das war im Jahr 1929. Der Börsenkrach ruinierte Lignante, der später in Italien starb. Das Geld, zu der Zeit eine riesige Summe, wurde nie zurückgezahlt. Es folgten noch andere Katastrophen, aber keine von diesem Ausmaß. Als mein Vater starb, befand sich unter seinen Papieren noch immer der Schuldschein, fast von derselben Größe wie ein Scheck, den Lignante unterschrieben hatte. Er war wie das Bündel Rubel, das ich einmal in der Betttruhe eines Mitschülers gesehen hatte, Azamat Guirey, dessen Mutter eine georgische Prinzessin war und nach der Revolution mit ihrem Mann aus Russland geflohen war. Trotz allem, was man weiß, haftet etwas an Papier, das einmal Wert besaß.

* * *

Als Junge wusste ich nichts von diesen Dingen. Im Sommer fuhren wir an die See nach Atlantic City und wohnten bei meinen Großeltern mütterlicherseits: meine Mutter, meine Cousins, Tanten und ich. Wir fuhren über das helle Flachland, über Brücken, die Erde neben der Trasse verlor die Farbe, wir Kinder saßen ganz hinten im offenen Wagen, mit wehenden Haaren, glücklich winkenden Armen. Die Luft roch nach Meer, die Sonne schien durch die Schlafzimmerfenster. Den Lebensrhythmus bestimmten Erwachsene, aber die sorglosen Freuden gehörten uns.
Wir spielten den ganzen Tag im Sand, unten am Meer, wo er am glattesten war, und die grünen Wellen unsere Füße anzischten. Nicht weit vom Ufer entfernt lag das schwarze Wrack eines kleinen Küstendampfers. Wir konnten nicht hinschwimmen, aber es bleibt fest in der Erinnerung verankert, die Wellen brechen darüber, fließen wieder ab, das Wasser fällt flächig seitlich herab. Ein paar Jahre später, wir
waren zu der Zeit nicht dort, brannte am Horizont die Morro
Castle, ein Kreuzfahrtschiff, viele Menschen starben.
Der Geschmack früher Dinge bleibt. Ich spüre die Frische gesalzener Tomaten in meinem Mund, die Rühreier meiner Großmutter, das unerwartet verschluckte Meerwasser. In meinem Herzen trage ich noch immer die kindliche Liebe zu meinen Cousins, die ich nur selten sah und die später ganz aus meinem Leben verschwanden.
In den darauf folgenden Sommern wurde ich ins Feriencamp geschickt. Wohlwollende Männer, die Betreiber, kamen im Winter mit einem Filmprojektor in unsere Wohnung, zeigten Baseballspiele, schön gelegene Speisesäle und kleine Jungen, die vom Sechsmeterbrett sprangen. Mit lautlosem Umlegen eines Hebels kamen die Jungen wie durch Magie mit den Füßen zuerst aus dem Wasser, segelten hinauf und landeten wieder auf dem Brett. »Das bringen wie ihnen auch bei.«
Die Camps lagen immer an einem See, einem See mit Blutegeln. Das Gras war niedergetrampelt und trocken, die Leiter verteilten Lob oder fatale Spitznamen. An einem Abend in der Woche wurden die flachen Holzbänke in einem Rechteck aufgestellt – der Boxring –, dahinter reihten sich Zuschauerbänke. Ein oder zwei Mal während des Sommers wurde man für einen Kampf bestimmt. In der gegenüberliegenden Ecke, die dünnen Arme endeten in überdimensionalen Handschuhen, saß der verbissene Gegner. Manchmal stand ihm das Ergebnis bereits ins Gesicht geschrieben, Sieg oder sichere Niederlage. Drei Runden unter lautem Gebrüll, aus der Ecke zugerufenen Anweisungen. Die beißenden Schläge, besonders im Gesicht, trieben beschämende Tränen in die Augen.
Am High Lake, im ersten Camp, in das ich fuhr, war der gefürchtetste Boxer ein stämmiger Junge mit nur einem Arm. Der rechte hörte unterhalb des Ellbogens auf. Er stürmte auf einen zu und schwang den abgerundeten Stumpf. Ich habe seinen Namen vergessen, Miller, glaube ich, aber nicht das feste Fleisch, das sich um den Stumpf schloss. Es war, als würde man von einem Knüppel getroffen.
Im zweiten Camp, in New Hampshire, in dem ich drei oder vier Sommer verbrachte, wurde ich gegen meinen besten Freund gestellt, der, wie ich wusste, ein aufbrausendes Temperament hatte. Royal Marcher war sein Name. Er hatte zudem noch eine glänzend aussehende rothaarige Mutter und eine jüngere Schwester, die wir nicht beachteten, die aber ein paar Jahre später auf überraschend sinnliche Weise Einzug in meine Träume hielt. Wendig, selbstsicher, ein paar Pfund leichter als ich, saß er mit kaltem Gesichtsausdruck in der anderen Ecke. Als sich unsere Augen trafen, schien es, als erkenne er mich nicht. Der Gongschlag ertönte.
Wir bewegten uns aufeinander zu, die großen Handschuhe erhoben, setzten leichte Schläge, starrten uns hinter einer rechten, dicht an der Wange gehaltenen Hand an. Die Schläge kamen aus zu großer Entfernung. Sie streiften kaum

die Haut. Ab und zu traf einer härter. Ich achtete vor allem auf einen seiner möglichen Wutausbrüche. Ich sah nur ein mageres ausdrucksloses Gesicht.
Zwischen den Runden gab mir der Campleiter, der mein Sekundant war, dicht an meinem Ohr Anweisungen: »Schlag einen linken Haken. Er hält die Deckung tief.« Ich nickte. Es war der Sommer, in dem sich das erste weiche Schamhaar zu zeigen begann, aber die Kindheit noch nicht vorüber war.
Der Gong ertönte zur zweiten Runde. Gewappnet mit fachmännischem Rat, tänzelte ich langsam nach rechts, stieß meine linke Faust ein, zwei Mal vor und holte dann zu einem wilden Schwinger aus. Er landete mit unerwarteter Härte genau auf seinem Kinn. Ich sah ihn taumeln, überrascht.
»Nochmal! Nochmal!« konnte ich sie rufen hören. Ich schlug ein paar gerade Linke, dann einen Haken, der ihn wieder voll traf. Er versteckte sich hinter seinen Handschuhen. Blut schoss mir in den Kopf, die Freundschaft hatte ich vergessen. Ich empfand Triumph, aber auch Verrat. Royal blieb bis zum Ende der Runde auf Abstand.
In der dritten Runde, selbst beraten und schlauer als zuvor, hielt er die Rechte höher und schlug ebenfalls ein paar Haken, denen ich nach hinten auswich. Die Ringrichter, die sich über die Bedeutung des Urteils im Klaren waren, gaben ein Unentschieden. Wir hatten beide unseren Stolz bewahrt.
Es gab Geheimbünde – Ehrenbünde wurden sie genannt –, die Auswahlregeln waren nicht bekannt. Die Aufnahme erfolgte nachts, nachdem das Licht gelöscht worden war. Wir lagen im Bett und beobachteten, wie die Kegel der Taschenlampen hektisch über die Betten irrten, bis sie – unser aller Herzen pochten wie wild – bei jemandem anhielten, der angetippt wurde. Es war nicht möglich, sich darauf vorzubereiten; man wurde nach einer gewissen Art von Beliebtheit ausgewählt, die letztlich nicht berechenbar war. Es war die größte Auszeichnung, größer noch als die am Ende des Sommers verliehenen Medaillen und Preise. Bestimmte Jungen waren beliebt. Sie waren die wahren Idole.
Das Sommercamp war der Ort, an dem man kleine rote Wassermolche in der Handfläche hielt, die man in Nestern aus dickem Moos fand, unanständige Lieder lernte – rein aus jungen Kehlen –, merkwürdige Ansichten hörte und die Sterne entdeckte. Das Gefühl von rauen Wolldecken in der kühlen Bergnacht, das Behagen des einfachen, uns einen den Gebets Nun leg ich mich denn nieder …, die Appelle am
Morgen, die Wettkämpfe und das Hissen und Niederholen der Flagge am hohen weiß gestrichenen Holzfahnenmast. Wir unternahmen zehn oder zwölf Meilen weite Fußmärsche, die geplantermaßen bei einem bestimmten Geschäft endeten, in dem wir kalte Flaschen mit Moxie, einem bitteren Getränk aus Neuengland, und Süßigkeiten kaufen konnten.
Es gab verlassene Farmhäuser mit gelb verblichenen fünfzig Jahre alten Zeitungen auf dem Boden, Dreitagesfahrten mit dem Kanu auf weiten Seen im Norden und die Chöre mit ergreifenden Liedern, deren Melodien aus Opern wie Parzival und Aïda gestohlen waren. »Unsere Farbe ist goldrot, gemeinsam trotzen wir Feind und Tod …«, und abschließend die Lagerfeuer, bei denen große krachende Holzscheite Funken nach oben wirbelten und das ganze Camp vom Jüngsten bis zum Ältesten in zwei Gruppen aufgeteilt wurde, die angestrengt um die Meisterschaft kämpften.
Es gab Grammophone und Schallplatten, Kameras in Form von Schuhschachteln, heilige Holzstöcke, die Rinde entfernt, und das Wochenende, an dem Autos die steinige Straße heraufkamen und Eltern zu Besuch brachten. Der Badeanzug meines Vaters hatte ein gestreiftes Oberteil, und er wirkte recht einsam auf dem hölzernen Steg, als wir zusammen schwimmen gingen. Er fragte nicht nach dem Baseball, bei dem ich, als einer der schlechtesten Spieler ins rechte Außenfeld verbannt, hin und wieder enorme Flugbälle vom fernen Schläger aufsteigen, ihren Zenit erreichen und dann mit zunehmender Neigung und Geschwindigkeit, klein, weiß und tödlich, auf mich zukommen sah, während ich verzweifelt über den lehmigen Boden zurückrannte, um ihn zu fangen. Er und meine Mutter drängten mich, Tennis zu spielen, doch ohne große Überzeugungskraft, da sie selbst nicht spielten. Sie gingen in späteren Jahren manchmal zusammen auf den Golfplatz.
Namen aus der Kindheit – sie stammen aus den Camps und der Grundschule – waren Dickie Davega, George Overholt, Neil Wald, Spruille Braden und Larry Sloan, den ich später auf den Seiten von Marjorie Morningstar wiederentdeckte und dessen Schwester Revuegirl war; langbeinig und überlegen, ging sie hochmütig an uns vorbei.
Wir waren umgezogen, in ein großes Gebäude auf der East Side, das Croydon, das, durch zwei Hofschächte geteilt, an der Madison Avenue lag. Hier bezogen wir ein Apartment, später ein anderes und blieben jahrelang dort.
Wir waren aus der einfachen Not umgezogen, eine billigere Wohnung finden zu müssen, und zwischendurch machten wir in Atlantic City Station und dann in einem Hotel am Central Park South, das einem Bekannten meines Vaters gehörte.
Meine neue Schule, eine der angesehensten der Stadt, lag direkt gegenüber auf der anderen Straßenseite, ein alter Bau aus rotem Backstein, der mittlerweile abgerissen, aber in der Form Londoner Bahnhöfe sozusagen noch sichtbar ist. Das Viertel war wohlhabend, man nannte es den »silk-stockingdistrict«, mit einem ärmlicheren Teil nahe dem Fluss, Yorkville, in dem überwiegend Deutsche und Iren wohnten. Die Direktorin der Schule, weißhaarig und schwammig, hieß Emily Nosworthy, eine Frau von damals verbreitetem Schlage – gebildet, unnachgiebig, sehr wahrscheinlich ledig. Schlägereien auf dem Schulhof oder Rangeleien im Flur gab es bei ihr nicht, und die ihr unterstehenden Frauen waren nicht minder zu fürchten.
Ein Schulfreund und ich machten eines Nachmittags bei ihm in der Wohnung Zeichnungen von dem, was wir uns unter einem nackten Mädchen vorstellten. Keiner von uns hatte je eines gesehen, nicht einmal eine Abbildung. Picassos Radierungen kamen erst viel später, auch Rodins Iris – nackter Rumpf, ein abgespreiztes Bein –, und von Courbet hatten wir nie etwas gehört. Die Kunst der Fotografie war erst in ihren Anfängen.
Ich hatte einen zweiten, noch engeren Freund, der einen Block weit entfernt wohnte und dessen Leben weitgehend von der Karriere seiner Mutter bestimmt wurde, einer Mutter, die ich selten sah. Sie war Pianistin und gab Konzerte in der Carnegie Hall. Ihr Sohn Alec hatte blaue Augen und sah leicht verlottert aus, mit nach unten hängendem Stift an seiner Gürtelschnalle. Wir spielten allein in seinem Zimmer. In dieser Familie war jeder unsichtbar: Nadia, seine Mutter, die abgeschieden hinter verhangenen Glastüren
übte; sein älterer Bruder, der schon auf dem College war und beim Gehen eine Regel befolgte, um seine Lungen zu stärken – vier Schritte einatmen, vier Schritte ausatmen, dann den nächsten Block fünf und so weiter. Alecs Zimmer lag im hinteren Teil des Apartments. Spät am Nachmittag rangen wir miteinander auf seinem Bett, die Tür war verschlossen, der Klang des Klaviers unbeachtet und fern. Das Zimmer sah auf einen sieben oder acht Stockwerke tiefen Hof hinaus und auf triste, unbekannte Fenster gegenüber. An einem gewöhnlichen Nachmittag, als es zu dämmern begann, bemerkten wir ein Stockwerk tiefer eine Gestalt in einem Apartment gegenüber, sie war sehr nahe, da das Gebäude hufeisenförmig gebaut war. Es war eine junge Frau, ganz allein. Das Zimmer, in dem sie sich hinund herbewegte – ein Badezimmer –, war hell erleuchtet und die obere Hälfte des Fensters heruntergeschoben. In unserem Zimmer brannte noch kein Licht, wir wollten uns verstecken und sie beobachten und sanken auf die Knie.
Sie streifte sich den Pullover über den Kopf, verschwand außer Sichtweite und kehrte einen Moment später zurück und hakte ihren Büstenhalter auf. Ich erinnere mich an das unglaubliche Leuchten ihrer Haut, ihre blendende Nacktheit, und die Verzweiflung, wenn sie aus unserem Blickfeld verschwand. Wir sprachen kein Wort. Wir warteten in absoluter Stille. Es war die Zeit des Zwielichts. Das leere erleuchtete Viereck war fesselnder als jede Bühne. Wie aus Gehorsam kehrte sie zurück. Ich konnte mich nicht satt sehen, noch – wie mir vom ersten Augenblick klar war – in Erinnerung behalten, was ich sah.
Kein Jäger bei Morgengrauen, kein Mörder oder Suchender hat je größeres Glück empfunden. Sie bewegte sich vor uns, drehte sich um, band sich das Haar zurück. Sie beugte sich vor, um die letzten Kleidungsstücke abzustreifen, und dann stand sie da, heilig und unvollständig, und schaute auf etwas hinab, wahrscheinlich eine Waage. Ich kann das Gewicht dieser unsterblichen Substanz nicht beschreiben. Es hatte kein Gewicht. Es bestand aus Herrlichkeit. Dann trat sie abrupt zur Seite, zu einer unsichtbaren Dusche oder Wanne. Das heißt, sie verschwand von dieser Erde. Bis dahin war mir das Paradox eines Traums, der bis zur Verzweiflung wirklich scheint und doch verschwinden muss, nie begegnet.
So berauschend es war, war es doch allgemein bekannt. Jeder wusste davon, nur wir erlebten es zum ersten Mal.

* * *
Meine Mutter hatte um das Jahr 1930 von einer Frau, die sie von Tür zu Tür verkaufte, eine sechsbändige Bücherreihe mit dem Titel Mein Haus der Bücher erworben. Die Einbände waren dunkelgrün und schildpattartig, mit einem großen, darin eingelegten Bild, einer wunderschönen Frau in einem, wie ich glaube, weißen Kleid, mit langem Haar und einer Krone aus gelben und goldenen Seerosen. Ich hatte andere Kinderbücher, aber keinem widmete ich mich mehr. Die Lektüre war nach Schwierigkeitsgrad von Band eins bis sechs gestuft, und obwohl ich die ersten beiden Bände verunstaltete, behandelte ich sie ab dem dritten Band mit Respekt. Ich kannte viele der Geschichten auswendig. »Von dem Fischer und seiner Frau« der Gebrüder Grimm und »Der ehrliche Holzfäller«, der zuerst eine goldene, dann eine silberne Axt angeboten bekommt, um seine alte zu ersetzen, die er verloren hat, sie aber mit den Worten ablehnt, seine sei nur aus Stahl gewesen, und mit allen dreien belohnt wird.
Da gab es Dickens, Byron, die Bibel, Tolstoi, Märchen aus anderen Ländern und Gedichte. Die Texte mögen leicht modifiziert, geglättet worden sein – ich glaube, ich merkte es schon damals –, aber nur Dinge betreffend, die für junge Leser zu brutal waren. Zum Beispiel wurde das Wort »heraus« aus einem Satz gestrichen, in dem eine böse Frau einem Spatzen die Zunge herausschnitt, so dass das sensible Kind den Eindruck bekam, dass die Zunge nur angeschnitten wurde. Die Bücher waren reich illustriert. Im vierten oder fünften Band war Kiplings »Ballade vom Osten und Westen«. Sie war vier Seiten lang. Ich kannte jedes Wort und die Illustrationen in all ihren Details. Der Held der Ballade, der schlanke, schneidige Sohn des Colonels, trug einen Tropenhelm, um den ein weißes Tuch gewunden war, und an seiner Pistole befand sich ein Lederriemen. Ich mag ihn in meiner Vorstellung mit dem Prince of Wales verwechselt haben, der zur damaligen Zeit sehr beliebt war.
Die Ballade rankte sich um eine epische Verfolgungsjagd zu Pferd. Ein verwegener Gesetzloser – ich begegnete ihm später in Tolstois Hadschi Murat wieder, hinkend, aber nicht zu bändigen – hat mit einem Trupp Männern ein Pferd gestohlen, das einer britischen Garnison an Indiens nordöstlicher Grenze gehörte. Dieses Pferd aber, eine Stute, ist das Lieblingstier des Befehlshabers, eines Colonels. Der Sohn des
Colonels, ein junger Offizier in derselben Truppe, macht sich alleine auf, die Stute zurückzuholen. Auf einem Pass in tückischem Gelände entdeckt er schließlich die Stute und auf ihrem Rücken den kühnen Räuber Kamal, und eine erbarmungslose Jagd beginnt. Er feuerte ein Mal, er feuerte zwei Mal, aber die pfeifende Kugel verfehlte ihr Ziel …, auch Tolstoi beschrieb später den fröhlichen Klang von Schüssen. Der Tag verblasst. Mit hämmernden Hufen reiten sie durch die Nacht. An einem Wassergraben stürzt der Sohn des Colonels mit seinem entkräfteten Pferd, und Kamal, der dies sieht, kehrt um, schlägt dem gestürzten Reiter die Pistole aus der Hand und zieht ihn auf die Beine. Angesicht zu Angesicht stehen sie da und bekennen sich nach ein paar wilden Drohungen zu dem Bund, der sie jetzt eint: Rivalen, die alles gegeben haben. Ihr Ehrenkodex ist der Gleiche, sie teilen auch die Vorstellung von Männlichkeit, die sie bewundern. Sie schwören einen heiligen Eid der Bruderschaft, und Kamal entsendet seinen einzigen Sohn, um seinem Feind fortan als Leibwache zu dienen. »Und wenn Du ernannt wirst zum Ressaldar«, sagt er voraus, »hängt man mich in Peshawur.«
Ich dachte mir für das Gedicht keine Spiele aus und ahmte auch nicht einen seiner Charaktere vor dem Spiegel nach; ich bewahrte es nur dicht an meinem Herzen. Ich glaube, ich fand das Gedicht letztlich unwahr, das heißt, ich traf nie auf einen Gegner, den ich so tief lieben konnte wie einen Freund, aber ich hielt immer einen Platz für ihn frei.
Von den Kardinaltugenden hielt das Gedicht vor allem die Tapferkeit hoch, vielleicht mit einem Hauch von Barmherzigkeit. Ich erkannte: Tapferkeit war heilig. Mein Leben war zu arm, als dass ich schon wusste, ob ich sie besaß. Ich war hellhäutig, behütet. Auf der Straße rannte ich vor Gruppen Halbstarker davon. Tunney, Dempseys berühmtester Gegner, tauchte seine Fäuste jeden Tag in Lauge, um sie unverletzbar zu machen, wie mein Vater erzählte, um sie zu härten, und so hoffte ich auf irgendeine Art Lauge, in die ich mich selbst tunken konnte.

James Salter

Über James Salter

Biografie

James Salter, 1925 in Washington, D.C. geboren und in New York aufgewachsen, wurde mit seinen großen Romanen »Lichtjahre« und »Ein Spiel und ein Zeitvertreib« auch in Deutschland berühmt. Er diente als Kampfflieger zwölf Jahre lang in der US Air Force und nahm 1957 seinen Abschied, als sein Debüt,...

Pressestimmen

orf.at

»Mit 'Jäger' hat der große US-Erzähler James Salter in den 50ern seine literarische Karriere begonnen. In dem Roman über den Korea-Krieg, sprachlich das erste Zeugnis von Salters großer Kunst, inhaltlich heute durchaus ambivalent zu lesen, begegnet man bereits den Motiven in seinem Erzählwerk: existenzielle Einsamkeit und deren Überwindung, Streben nach Sinn und Besonderheit – hier in der Rivalität von Kampfpiloten, wie Salter selbst einer war.«

tactuel

»Der im Juni dieses Jahres verstorbene James Salter war ein Kultautor, ein 'writer's writer', der nur wenige Bücher veröffentlichte, die bei Publikum und Kritik nur mäßig erfolgreich waren, aber wegen seines äußerst prägnanten, lakonischen und letztlich melancholischen Stils auf zahlreiche Schriftsteller einen großen Einfluss ausübte.«

Badische Neueste Nachrichten

»James Salter, der mit diesem Buch Abschied von der Air Force genommen hat, evoziert in knappen, präzisen Sätzen Bewusstseinszustände und Stimmungen, ohne sie je auszubuchstabieren. Vieles bleibt unausgesprochen in dieser soldatischen Männerwelt, die ihre Lebensberechtigung aus dem Tod der anderen zieht. Salter stellt das nicht in Frage, aber er windet auch keine Girlanden darum.«

Ö1 "Ex libris"

»Mit einfachem, schmucklosem Stil umspielt er die Bewegungen und Gesten seiner Figuren und setzt sie sorgsam und unspektakulär in Szene. Doch gerade diese Geräuschlosigkeit lässt erst hören, was Salter zu sagen hat. Er spricht von einem Sinn des Daseins, vom angstlosen Vertrauen, vom spurlosen Verlassen der Welt, von einer arglosen Männlichkeit, die angesichts der letzten Regungen des Atems und des Geistes wie zu Staub zerfällt.»

SWR 2 "Forum Buch"

»Es ist ein Roman, der den Geschmack der fünfziger Jahre hat, literaturgeschichtlich interessant ist und am Ende etwas schafft, was nur wenigen Gegenwartsromanen gelingt: der Handlung eine parabelhafte Bedeutung und den Lesern eine Portion Lebensphilosophie mit auf den Weg zu geben.«

Süddeutsche Zeitung

»Ohne es zu ahnen, hat er, dessen gebrochene Helden Glück nur als rauschhaften Moment der Ekstase kennen, ein Buch über die Kunst des Fliegens geschrieben, das zugleich ein Buch über die Kunst des Schreibens ist.« Quelle: http://www.sueddeutsche.de/kultur/jaeger-von-james-salter-moerder-der-luefte-1.2251744-2

Frankfurter Allgemeine Zeitung

»In Salters makelloser Prosa, der Klarheit der Beschreibungen und Vergleiche, erhält dieser von allem Irdischen abgelöste Wert des Heroischen seine ästhetische Gestalt.«

kulturSpiegel

»Dass ‚Jäger‘ jetzt erst auf Deutsch erscheint, ist ein hoch interessanter Anachronismus. Immer wieder blitzen in ihm wunderbare Sprachbilder auf.«

Frankfurter Rundschau

»Er ist ein beeindruckend kühler Bericht über einen Männerbund.«

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