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Irgendwohin

Irgendwohin

Ein Roman über das Glück, jung zu sein, und die wunderbaren Wendungen, die das Leben nehmen kann

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Irgendwohin — Inhalt

Eine Jeans, drei Hemden, Unterwäsche, einen Pullover, eine Karte von Europa, einen Notizblock, einen Stift und zwei Bücher ... Das ist alles, was der junge Francesco im Gepäck hat, als er die Enge der elterlichen Wohnung am Rande einer kleinen italienischen Provinzstadt verlässt, um sich mit einem zusammengesparten Interrail-Ticket auf große Fahrt zu begeben. Irgendwohin soll die Reise gehen, einen festen Plan hat er nicht. Da schubst ihn das Schicksal in Form einer alten ungeduldigen Dame beim ersten Halt direkt vor die Füße des liebenswerten Hochstaplers Pierre Cordier, der in -seinem Sportwagen gleich vor drei wütenden Frauen auf der Flucht ist.

 

Ein unglaubliches Abenteuer beginnt, das kreuz und quer durch Europa führt. Francesco bekommt von einer schönen Unbekannten ein dubioses Päckchen zugesteckt, wird in Amsterdam überfallen und bis auf sein Ticket ausgeraubt, übernachtet im Zug, verliebt sich in Lund, geht in London mit dem falschen Mädchen in die National Gallery und gewinnt in Monte Carlo einen Haufen Geld - bis alle Verwicklungen schließlich in einem furiosen Finale in der Stadt ihr Ende finden, wo alle Wege hinführen ...

€ 8,99 [D], € 8,99 [A]
Erschienen am 12.11.2013
Übersetzer: Karl-Heinz Ebnet
320 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-492-96519-4

Leseprobe zu »Irgendwohin«

Rom, Bologna, München

Nichts dürfte wahrer und auch unheimlicher sein als Blaise Pascals Ausspruch, dass, wenn Kleopatras Nase nur ein paar Zentimeter kürzer gewesen wäre, die Welt eine ganz andere geworden wäre. An jenem Samstagmorgen, als Francesco am Münchner Hauptbahnhof aus dem Zug stieg, ließ eine der drei alten Jungfern, die angeblich unser Schicksal in den Lebensfaden weben, für einen kurzen Moment die Spindel aus den Augen, und der Faden in ihrer Hand verhedderte sich heillos. Ein Zwischenfall dieser Art, wie er nicht unbedingt selten im Leben [...]

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Rom, Bologna, München

Nichts dürfte wahrer und auch unheimlicher sein als Blaise Pascals Ausspruch, dass, wenn Kleopatras Nase nur ein paar Zentimeter kürzer gewesen wäre, die Welt eine ganz andere geworden wäre. An jenem Samstagmorgen, als Francesco am Münchner Hauptbahnhof aus dem Zug stieg, ließ eine der drei alten Jungfern, die angeblich unser Schicksal in den Lebensfaden weben, für einen kurzen Moment die Spindel aus den Augen, und der Faden in ihrer Hand verhedderte sich heillos. Ein Zwischenfall dieser Art, wie er nicht unbedingt selten im Leben eines Menschen vorkommt, kann jemanden auf unbekannte und unvorhergesehene Bahnen lenken.

Der Tag versprach schön zu werden. Das Sonnenlicht war durch die Vorhänge in Francescos Abteil gefallen und hatte ihn sanft geweckt. Verschlafen hatte er die Tür zum Gang aufgeschoben und hinausgespäht: Vor den Fenstern huschten in diesiges Sonnenlicht getauchte Alpengipfel vorbei. Und während er so hinaussah, fiel ihm wieder seine einsame Abreise von der Stazione Termini ein, dazu das Mädchen aus Berlin, das er kennengelernt und mit dem er bis Bologna Schach gespielt hatte, sein gespenstisch-mitternächtlicher Streifzug durch das ausgestorbene Stadtzentrum, bevor er um 00.47 Uhr den Nachtzug nach München genommen hatte. Und schließlich das Bild seines Vaters, der ihm in saucenbeflecktem Unterhemd seine Abschiedsgrüße entgegengedonnert hatte.

»Wenn du dieses Inter-Ray machen willst, nur zu!«, hatte der Alte gesagt. »Du hast dir die Fahrkarte mit deinem eigenen Geld gekauft, also dann alles Gute. Aber wenn was schiefläuft, brauchst du nicht auf die Idee kommen, hier anzuklopfen! Kapiert?« Und um seinen Worten Nachdruck zu verleihen, hatte er seinem Sohn die Tür vor der Nase zugeknallt.

Bald rührten sich auch die anderen Passagiere. Draußen stieg die Sonne höher, grüne Wiesen mit Schafen und Kühen tauchten auf, Bäume und Hütten krallten sich in die hoch aufragenden Berge, während im Waggon die Reisenden aufwachten und durch die Gänge schlurften, die steifen Glieder reckten oder die erste Zigarette des Tages rauchten. Schließlich kreischten die Räder, und der Zug fuhr in den Münchner Hauptbahnhof ein. Passagiere verließen die Abteile, schleppten schwere Koffer, übergroße Kartons, Surfbretter, in einem Fall sogar eine Tischtennisplatte. Francesco reihte sich im Gang in die Schlange ein und hatte in seiner kleinen Invicta-Schultertasche alles, was er brauchte: eine Jeans, Hemden, Unterwäsche, einen Pullover, eine Karte von Europa, einen Notizblock, einen Stift und zwei Bücher.

In diesem Augenblick verlor die Schicksalsschwester ihren Faden. Als er den Fuß anhob, um auszusteigen, versetzte ihm die alte Dame hinter ihm, die es kaum erwarten konnte, den Zug zu verlassen, einen unabsichtlichen Schubs, wodurch er das Trittbrett verfehlte und mit dem Gesicht voran auf den Bahnsteig fiel. Für eine geraume Weile versank alles in Finsternis. Als er wieder zu sich kam, hatte sich eine neugierige Zuschauermenge um ihn versammelt. Er setzte sich auf, erhob sich langsam, bedeutete den Umstehenden, dass alles in Ordnung sei, obwohl seine Nase blutete und sich anfühlte, als stünde sie in Flammen, und er Blut im Mund schmeckte. Als sich die Menge zerstreute und zu den Ausgängen strebte, tippte ihm jemand auf die Schulter. Francesco drehte sich um und erkannte im Dunst einer Zigarette einen etwa vierzigjährigen Mann in beigefarbenem Baumwollanzug und einem lockeren, oben aufgeknöpften weißen Hemd. Er hatte ein ganz außerordentliches Gesicht, eine Adlernase mediterranen Zuschnitts, hängende Augen, einen großen Mund und ein markantes Kinn.

»Tutto a posto?«, fragte der Fremde und nahm einen Zug von seiner Zigarette. »Alles in Ordnung?«

»Sì.«

»Hier, nimm«, sagte der andere und zog ein Taschentuch aus der Tasche.

»Danke.«

Francesco betupfte sich die Nase sowie die Innenseite seiner Lippen und begutachtete die Blutflecken an seinen Händen und auf dem T-Shirt.

Der Mann klopfte ihm auf die Schulter. »Du wirst es überleben. Los, besorgen wir dir einen Cappuccino und einen halben Liter Blut.«

Sie setzten sich an einen Tisch in einem Café in der Bahnhofshalle. Der Mann winkte die Bedienung herbei und bestellte Cappuccino, Mineralwasser und Croissants. Dann zog er ein schmales Silberetui aus seiner Brusttasche und bot Francesco eine Zigarette an.

»Danke.« Francesco nahm sich eine Zigarette und steckte sie sich zwischen die Lippen.

Der Fremde hielt ihm zum Anzünden seine eigene Zigarette hin, und nach einem weiteren tiefen Zug sagte er: »Also, was machst du in München?«

»InterRail.«

»Allein?«

Er zuckte mit den Schultern. »Ein Freund – Leonardo – hat mich in letzter Minute versetzt. Er hat angeblich zu viel zu tun. Will nämlich ein Buch schreiben und ist lieber bei seiner Mama geblieben.«

»Ha! Schon lang unterwegs?«

»Nein. Erst seit gestern.«

»Woher?«

»Rom.«

»Rom? Da komme ich auch gerade her. Wo übernachtest du?«

»Weiß noch nicht. In irgendeiner Jugendherberge wahrscheinlich.«

»Also, wenn du dich umziehen willst oder kurz mal ausruhen oder auch einen Platz für die Nacht suchst, ich hab hier gleich um die Ecke ein Hotelzimmer gebucht.«

Francesco erwiderte nichts darauf.

»Keine Sorge«, fügte der andere lächelnd hinzu und trat die Zigarette am Boden aus. »Es geht mir nicht um das, was du denkst.«

Die Bedienung brachte ihre Bestellung und die Rechnung. Der Fremde bestand darauf, sie zu begleichen.

»Schon mal in München gewesen?«

Francesco schüttelte den Kopf. »Ich war eigentlich noch nie irgendwo.« Er nahm einen letzten Zug von der Zigarette und drückte sie im Aschenbecher aus. »Woher kommst du?«

»Ich? Aus Korsika. Ajaccio. Ich heiße übrigens Pierre. Pierre Cordier.«

»Ich bin Francesco.« Sie gaben sich die Hand.

Nachdem Sie den Bahnhof verlassen hatten, fragte Francesco seinen Begleiter, ob er irgendwelche Sehenswürdigkeiten empfehlen könne.

»Da gibt es eine ganze Menge. Hör zu – gib mir eine halbe Stunde Zeit zum Einchecken und Frischmachen, dann können wir zusammen durch die Stadt ziehen. Wie klingt das?«

»Nicht schlecht.«

Zum Einchecken war es offenbar noch zu früh, also ließ Pierre kurzerhand sein Gepäck an der Hotelrezeption stehen und ging nach draußen zum wartenden Francesco. Anschließend schlenderten sie in fast gerader Linie zum Stadtzentrum, bis sie auf einen Platz mit einer großen Menschenansammlung trafen, die zum Turm eines neugotischen Gebäudes hinaufstarrte. Pierre erklärte, dass dreimal am Tag – um elf, zwölf und siebzehn Uhr – der Glockenturm die Stunde schlug, begleitet von einem Glockenspiel mit sich drehenden Figuren. Da es kurz vor elf war, beschlossen sie zu warten und sahen den tanzenden Figuren zu, bis ein vergoldeter Hahn mit dreimaligem Krähen das Spiel beendete. Dann folgten sie einer schnatternden italienischen Touristengruppe zu einem kleineren Platz, auf dem noch größeres Gedränge herrschte. An zahlreichen Ständen wurden dort Lebensmittel verkauft, und die Menschen saßen auf langen Holzbänken und tranken aus riesigen Krügen Bier. In der Mitte des Platzes stand ein mit Figurengruppen, Schildern und Fahnen dekorierter Maibaum.

»Lust auf ein Bier?«, fragte Francesco, offensichtlich animiert von der fröhlichen Atmosphäre, die auf dem Platz herrschte.

»Klar. Und was zu essen. Das kleine Lokal dort drüben … das sieht doch ganz nett aus.«

Pierre ließ sich an einem leeren Tisch nieder und bestellte die Getränke. Die Biere kamen. Francesco trank einen Schluck und wischte sich den Schaum von den Lippen. »Also, was machst du so beruflich?«

»Was ich beruflich mache? Nun ja« – Pierre ließ sich einige Zeit mit der Antwort – »man könnte sagen, ich habe überall meine Finger im Spiel. Aber eigentlich bin ich Dichter.«

»Ein Dichter?«

»Ja. Ich betreibe Finanzgeschäfte. Geld hat eine ganz eigene Art von Poesie.«

Francesco lachte.

»Auch wenn manche behaupten, Finanzgeschäfte seien die höchste Form institutionalisierten Diebstahls«, fügte Pierre noch an.

»Ach ja? Warum das denn?«

»Warum? Weil ihrer Meinung nach das profitbringende Kapital den ausgebeuteten Arbeitern gehören sollte. Aber es gibt ja auch zwei Arten von Menschen auf der Welt: die einen, die den Karren ziehen, und die anderen, die drinsitzen.« Er steckte sich eine Zigarette an. »Geld hält die Welt am Laufen und bewahrt die Gesellschaft vor dem Zerfall. So war es immer schon – die Geschichte hat nicht mit dem Zähmen des Feuers oder der Erfindung des Rads begonnen, sondern mit dem Prägen der ersten Münze.« Er nahm einen langen Zug von seiner Zigarette, blies eine gewaltige Rauchwolke aus und leerte sein Glas. »Du solltest mal Das Kapital lesen, das ist mindestens so unterhaltsam wie die Gazzetta dello Sport.«

Man bestellte Essen, das aufgetragen wurde, gefolgt von einer weiteren Runde Bier. Und nachdem alles gegessen und getrunken war, erschienen vor ihnen zwei weitere schaumgekrönte Krüge. Das Gespräch geriet ins Philosophische. Pierre erzählte von Heiligen, die in die Wüste flohen, von Einsiedlern in den Bergen, Diogenes und anderen Denkern, die der Gesellschaft entsagten, um Armut und persönliche Freiheit zu erfahren. Er erklärte, alle großen Menschen hätten das Geld sowie die von der Gesellschaft auferlegten Zwänge und Regeln verachtet – einer Gesellschaft, die er mit einem großen Hühnerkäfig verglich.

»›Sehet die Vögel unter dem Himmel an‹«, fuhr er mit tiefer Stimme fort. »›Sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen; und euer himmlischer Vater nährt sie doch.‹ Du weißt, wer das gesagt hat? Lange Haare, Ziegenbart, wandelt übers Wasser …«

»Sollen wir jetzt alle in die Wüste gehen?«, entgegnete Francesco trocken.

»Ich wünschte, wir könnten es, aber das Leben ist hinterhältig und gemein. Geld kann dir Freiheit schenken, dich aber auch zu einem Gefangenen machen.«

Als die Rechnung kam, beharrte Pierre erneut darauf, sie zu übernehmen. Es gab nur ein Problem: Keine seiner Kreditkarten schien zu funktionieren, zudem hatte er nicht genügend Bargeld bei sich. Francesco bot an, mit den D-Mark zu bezahlen, die er vor seiner Abreise umgetauscht hatte, aber Pierre sagte nur:

»Nein, ich übernehme das. Du bist mein Gast. Warte hier.«

Die Banken hatten allerdings am Wochenende geschlossen, und auch die beiden Geldautomaten in der Nähe verweigerten sich seinem Zugriff, so kehrte er leise fluchend zurück und leerte mit theatralischer Geste seine Hosentaschen, wobei er knapp achtzehn D-Mark zusammenbrachte. Francesco warf ihm von unten einen Blick zu.

»Dann werde ich heute wohl mithelfen müssen, die Gesellschaft vor dem Verfall zu bewahren.«

Nach zwei weiteren Bieren, die Francescos Großzügigkeit geschuldet waren, gingen sie auf der Kaufingerstraße zurück, betrachteten die Frauenkirche von außen und St. Michael von innen und kühlten sich dort etwas ab. Dann schlugen sie eine andere Richtung ein, verließen die Stadtmitte und steuerten den Englischen Garten an.

»Da war ich oft, als ich noch so jung und spitz gewesen bin wie du«, sagte Pierre. »Um am FKK-Bereich herumzustrolchen.«

»FKK-Bereich?«

»Na, die Teutonen sonnenbaden gern au naturel«, sagte Pierre. »Was machst du so ein Gesicht? Du glaubst mir nicht? Ich bring dich hin und zeig dir ein paar hübsche Äpfelchen und Birnen – und auch Bananen, wenn dir danach mehr der Sinn stehen sollte.« Er zwinkerte Francesco zu und grinste. »Komm, ich erzähl dir eine Geschichte. Einmal war ich mit einem deutschen Freund im Englischen Garten. Wir waren Studenten und hatten nur Blödsinn im Kopf. Außerdem hatten wir ein Fernglas und ein kleines Megaphon dabei, so eines, wie wir sie zu den Demos mitnahmen. Und vor uns lag also ein Paar, wirklich nicht mehr die Jüngsten. Sie waren als Erste gekommen und hatten sich splitterfasernackt ausgezogen – uno spettacolo magnifico. Er mit mächtigem Bauch, Hühnerbeinen und drei Haaren auf dem Schädel, sie ein dürres Weiblein mit tausend Falten. Jedenfalls, der Mann sucht sich eine Stelle, breitet das Handtuch aus und stellt seinen Picknickkorb ab … Sie nimmt einen Apfel heraus und reicht ihn ihm. Und als er gerade reinbeißen will, brüllt mein Freund ins Megaphon: ›Das Essen im Park ist strengstens verboten!‹« Pierre kratzte sich an der Nase und unterdrückte ein Lachen. »Junge, du hättest ihre Gesichter sehen sollen. Der Alte hätte vor Schreck fast seine dritten Zähne verschluckt. Die Frau springt auf, sieht sich um und fuchtelt wild mit den Armen. Und mein Freund brüllt wieder: ›Das Essen im Park ist strengstens verboten.‹ – und die beiden nehmen Reißaus, ohne auch nur einen Gedanken daran zu verschwenden, dass sie …«

»Adam und Evas Vertreibung aus dem englischen Gartenparadies, also«, lautete Francescos Kommentar. Er klatschte in die Hände. »Dann wollen wir doch mal sehen, was für ein Bier im irdischen Paradies gebraut wird.«

Nachdem sie lange durch den Park spaziert waren, mehrere Zigaretten geraucht, drei weitere Biere getrunken und sich hinter einem Baum beim Chinesischen Turm von der ganzen Flüssigkeit befreit hatten, kehrten sie in die Innenstadt zurück.

»Ich brauch eine Dusche«, verkündete Pierre, der mittlerweile unüberhörbar die Worte verschliff. Er winkte ein Taxi heran. »Also zurück ins Hotel.«

»Aber ich hab kein Geld mehr«, warf Francesco ein.

»Immer rein mit dir«, sagte Pierre und hielt ihm die Tür auf.

»Ich hab kein Geld mehr«, flüsterte Francesco erneut, als er einstieg. »Wie sollen wir bezahlen?«

Der Fahrer, ein Türke mit Goldzahn, wuchtigem Schnauzer und dunkler Sonnenbrille, fragte nach ihrem Ziel.

»Zum Flughafen, über Hotel Europa, bitte«, antwortete Pierre und zog die Tür zu.

»Flughafen?«, dachte Francesco und sah fragend zu seinem Gefährten hinüber, der ihm aber nur verstohlen den Arm drückte.

Es herrschte ziemlicher Verkehr, und das Taxameter zählte unablässig vor sich hin. Francesco brach der Schweiß aus.

Zehn Minuten später hielten sie vor einem großen Hotel, das jedoch keineswegs jenes war, an dem sie am Morgen ihre Sachen abgestellt hatten.

»Warten Sie bitte einen Moment, wir holen schnell unser Gepäck«, sagte Pierre zum Taxifahrer, während sie bereits ausstiegen.

Sie betraten das Hotel, gingen an einer lächelnden Rezeptionistin vorbei und direkt zu den Aufzügen, mit denen sie ins erste Untergeschoss fuhren, zum gegenüberliegenden Ende des Parkdecks durchgingen und an der Rückseite des Gebäudes auf einer belebten Straße wieder herauskamen.

»Und jetzt nimm die Beine in die Hand«, sagte Pierre. »Manche Taxifahrer kennen den Trick. Sie lernen schnell dazu.«

Kurze Zeit später saßen sie lachend und Bier trinkend in Pierres Hotelzimmer, schliefen anschließend etwa zwei Stunden, duschten, zogen wieder los und verbrachten den restlichen Nachmittag in mehreren Biergärten, bis das zusätzliche Geld, das Francesco in der Nähe des Hauptbahnhofs in einer Wechselstube zu einem miserablen Kurs umgetauscht hatte, auf wenige Pfennige zusammengeschmolzen war.

»Ich hab zu viel getrunken«, sagte Francesco. Ihm drehte sich alles.

»Du hast recht. Wir sollten was essen.«

Sie gingen in ein italienisches Restaurant, wo sie im Freien saßen, ein dreigängiges Menü verputzten, Champagner und das ausgefallenste Dessert auf der Speisekarte bestellten und sich ebenfalls wieder ohne zu zahlen aus dem Staub machten. Völlig außer Atem, ließen sie sich unter einem Baum am Rand der Theresienwiese nieder, zündeten sich eine Zigarette an und brachen von Zeit zu Zeit in irres Gelächter aus.

Es ging auf den Abend zu, und sie spürten, wie erschöpft sie nach dem langen, heißen Tag waren. Francesco schlug vor, ins Hotel zurückzukehren, und erinnerte Pierre daran, dass er die Nacht zuvor kaum geschlafen hatte.

»Ach was«, erwiderte Pierre nur. »Vor uns liegt eine ganze Nacht.«

»Ohne Geld.«

»Ich hab Kreditkarten.«

»Die nicht funktionieren. Wie sollen wir das Hotel bezahlen? Wir haben die Minibar leergetrunken. Ich weiß nicht, ob ich noch so viel Bares habe.«

»Wir brauchen kein Geld. Wir sind intelligente Wesen.«

»Sogar intelligente Wesen brauchen Geld.«

»Da irrst du dich.« Damit schnippte er seinen Zigarettenstummel auf die Straße.

Mit seinen grauen Augen verfolgte Pierre zwei Ameisenprozessionen, die sich am Randstein parallel zueinander in unterschiedliche Richtungen bewegten. Es war nicht klar, woher sie kamen oder wohin sie wollten, an einem Punkt des langen Zugs aber herrschte aufgeregtes Treiben. Die Ameisen schleppten ein totes Insekt – einen schwarzen Käfer. Francesco bewunderte die Beharrlichkeit, Entschlossenheit und den Opfergeist, die die emsigen Tierchen an den Tag legten, und musste aus irgendeinem Grund an das Kerzenrennen von Gubbio denken, das er im Jahr zuvor gesehen hatte. Der Käfer schien auf einer schwarzen Welle zu schwimmen, seine Bewegungen waren kaum wahrzunehmen. Pierre beugte sich vor und hob das tote Insekt auf. Nachdem er es betrachtet hatte, wickelte er es in ein Stück Papier und schob es sich in die Hosentasche.

»Intelligente Wesen zahlen nicht: Sie nehmen sich, oder ihnen wird gegeben. Nur Dummköpfe zahlen.«

»Und du bist entweder verrückt oder betrunken«, sagte Francesco lächelnd. »Oder beides.« Er ließ sich ins Gras fallen und sah zum Himmel hinauf, an dem allmählich die ersten Sterne sichtbar wurden. Wieder kam ihm sein Vater in seinem verfleckten Unterhemd in den Sinn, aber er verscheuchte ihn mitsamt der anderen unangenehmen Erinnerungen an zu Hause. Im Jahr zuvor war er aus der Wohnung seiner Eltern ausgezogen, er war ohne ihre Hilfe zurechtgekommen, aber das Leben war doch sehr anstrengend gewesen. Er hatte ein Universitätsstipendium, aber die Bücher für seine Sprachkurse waren sehr teuer, so dass er an den Abenden und Wochenenden arbeiten und den Sprösslingen wohlhabender Ladenbesitzer und Kleinunternehmer Englischunterricht erteilen oder, schlimmer noch, in von despotischen Wirten geführten Kaschemmen kellnern oder fetttriefendes Geschirr spülen musste. Und jetzt hatte er in zwei Tagen fast die Hälfte des für die Reise zusammengesparten Geldes ausgegeben, in seinem Kopf drehte sich alles, sein Hals brannte, aber er war glücklich und frei und hatte das Gefühl, er könnte immer weiter reisen und die Welt erobern.

Die Nacht schien kein Ende nehmen zu wollen, und am folgenden Tag wachten sie erst kurz vor Mittag auf. Sie duschten und gingen mit ihrem Gepäck nach unten.

»Sie reisen ab?«, fragte die junge blonde Frau an der Rezeption und entblößte lächelnd ihr Pferdegebiss und viel rosa Zahnfleisch.

»Nun ja, eigentlich haben wir ein großes Problem«, sagte Pierre mit angewiderter Miene. »Ich würde gern mit dem Geschäftsführer dieses Etablissements reden.«

Der jungen Frau verging das Lächeln und sämtliche Zähne verschwanden.

»Worum geht es? Vielleicht kann ich Ihnen ja weiterhelfen.«

»Ich glaube nicht. Ich möchte mit dem Geschäftsführer persönlich reden.«

»Mal sehen, ob sein Stellvertreter hier ist.«

»Ich habe mich vielleicht nicht deutlich genug ausgedrückt«, erwiderte Pierre bestimmt und erhob die Stimme. »Die Sache lässt sich nicht mit dem Stellvertreter oder dem Stellvertreter des Stellvertreters regeln.«

Die junge Frau lief knallrot an. Sie war allein an der Rezeption, andere Gäste warteten hinter Pierre und Francesco, und in diesem Augenblick begann auch noch das Telefon zu klingeln.

»Einen Moment, bitte«, sagte sie und verschwand durch eine Tür hinter der Rezeption. Eindringliche Stimmen waren zu hören, einige unterdrückte aufbrausende Worte, Papier raschelte, Tasten wurden gedrückt, es wurde telefoniert. Kurze Zeit später kehrte die sichtlich angespannte Rezeptionistin zurück, teilte Pierre mit, dass der Geschäftsführer in einer Minute da sein würde, und wandte sich den anderen Gästen zu.

Ein paar Minuten vergingen und Francesco wurde es unbehaglich zumute. Er rechnete damit, dass ein bayrisches Urgestein im Türrahmen auftauchen würde, ein Zwei-Meter-Riese mit Doppelkinn und Rauschebart. Stattdessen erschien eine Art Zwerg – kein hinterhältiger Troll, wie man ihn aus gruseligen Schauergeschichten kennt, sondern ein freundlicher Kobold mit dem gutmütigsten Gesicht der Welt; ein Knirps, ein Meter fünfzig klein und dürr wie ein Weberknecht. Und er hatte auch einen Bart, ja doch, allerdings einen fusseligen kleinen Spitzbart – mehr war an ihm nicht dran.

Pierre brauchte keine Sekunde, um ihn zu taxieren. »Sie sind der Chef?«

Der andere schien sich weder vom schroffen Ton noch vom finsteren Blick des Fragestellers abschrecken zu lassen. »Ja, was kann ich für Sie tun?«

»Ihr Hotel ist unsauber, Herr Mansur«, fuhr Pierre fort, dessen flinken grauen Augen das Namensschild am Anzug des Geschäftsführers nicht entgangen war.

»Unsauber? Also … ich sehe keinen Müll herumliegen«, versuchte der Geschäftsführer zu witzeln. Er räusperte sich. »Ich kann Ihnen versichern, alle unsere Zimmer werden täglich gründlich gereinigt.«

»So, so. Und wann ist bei Ihnen das letzte Mal eine Hygieneinspektion durchgeführt worden?«

Das rechte Augenlid des Geschäftsführers zuckte.

»Hygieneinspektion? Wieso? … Ich kann … das kann ich gleich nachprüfen, wenn Sie das wünschen.« Er griff zum Telefon und wählte eine interne Nummer, dann folgte ein kurzer Wortwechsel. »Mein Kollege sieht nach.«

»Sie wollen mir jetzt nicht im Ernst sagen, dass Sie, der Geschäftsführer dieses Hotels, nicht wissen, wann die letzte Hygieneinspektion stattgefunden hat, oder? Unglaublich! Befinden wir uns hier in einem Vier-Sterne-Hotel oder in einer billigen Absteige?«

Bei dieser letzten Bemerkung drohte der Geschäftsführer seine Selbstbeherrschung zu verlieren. Doch bevor er mit einer scharfen Zurechtweisung kontern konnte, klingelte erneut das Telefon, und auf seinem Gesicht erschien wieder der Ausdruck des gütigen Kobolds.

»Mein Kollege bringt die Bescheinigungen«, sagte er. »Aber Sie haben mir noch nicht gesagt, worin Ihr Problem eigentlich besteht …«

»Unser Problem, Herr Mansur«, sagte Pierre mit zusammengebissenen Zähnen, »besteht darin, dass wir heute Morgen beim Aufwachen feststellen mussten, nicht allein in unserem Zimmer zu sein.«

»Nicht allein?«

»Ganz recht. Wir hatten Gesellschaft.«

Das ältere amerikanische Ehepaar, das von der jungen Frau an der Rezeption bedient wurde, sowie die kleine japanische Reisegruppe, die es sich im Foyer bequem gemacht hatte, spitzten bei diesen Worten die Ohren.

»Verzeihung?«, entgegnete der Geschäftsführer.

»Nun, wie würden Sie sich fühlen, wenn Sie über zweihundert D-Mark pro Nacht zahlen und feststellen müssen, dass eine Kakerlake über Ihr Bett krabbelt? Ich jedenfalls konnte anschließend nicht mehr schlafen.« Mit diesen Worten zog er das Insekt aus seiner Tasche, das er am Abend zuvor auf der Straße aufgesammelt hatte, und legte es auf den Empfangstresen. »Behalten Sie es und rahmen Sie es sich ein. Denn es gehört offenbar zu Ihrem ach so sauberen Hotel. Ungeziefer. Capisce?« Er hielt sich die Hände an die Schläfen und ahmte mit wackelnden Zeigefingern die Fühler eines riesigen kafkaesken Insekts nach.

Seine Vorführung zeitigte unmittelbare Folgen. Die Rezeptionistin vertiefte sich umgehend in die erste Gästeliste, die sie in die Finger bekam. Der Geschäftsführer murmelte einen unverständlichen Fluch, die Amerikanerin stieß ihren Mann an und warf ihm einen vielsagenden Blick zu, und die Japaner brachen in aufgeregtes Geplapper aus.

In diesen ganzen Tumult kam ein junger Mann aus dem Raum hinter dem Empfangstresen. Seinem Aussehen nach zu schließen war er der jüngere Bruder des Geschäftsführers. Er war der »Kollege«, der die Bescheinigungen bringen sollte. In seiner Eile hatte er sich allerdings gleich einen ganzen Aktenkasten gegriffen, der, als er auf die Rezeption gestellt wurde, muffigen Kellergeruch verströmte.

»Sind Sie sicher, dass da keine Kakerlaken drin sind?«, sagte Pierre mit einem schiefen Grinsen.

Alle Augen waren auf Mansur gerichtet, der nun die Akten durchging, aber noch nicht einmal eine längst abgelaufene Bescheinigung finden konnte, nur Rechnungen, Packlisten, Quittungen und anderen belanglosen Papierkram.

»Also«, sagte Pierre nach einer Weile und räusperte sich ungeduldig, »in einer halben Stunde geht unser Zug. Ich nehme an, dass wir für dieses verwanzte Zimmer nichts zu zahlen brauchen. Dürfen wir stattdessen mit einer irgendwie gearteten Entschädigung rechnen?«

»Natürlich … es tut mir schrecklich leid«, entgegnete der Geschäftsführer, dem anzusehen war, dass er um jeden Preis aus dieser peinlichen Situation herauskommen wollte. »Wir übernehmen die Rechnung selbstverständlich. Und ich werde Ihnen entsprechende Gutscheine ausstellen, die Sie in einem unserer Hotels in Paris oder London einlösen können.«

»Das ist sehr freundlich von Ihnen, Herr Mansur …«

Kurz darauf passierten sie die Schiebetüren des Hotels und eilten zum Bahnhof.

Pierre wollte nach Köln. Sein Zug dorthin ging in weniger als zehn Minuten. Sie erreichten ihn gerade noch, bevor die Türen geschlossen wurden.

Es war eine lange, aber vergnügliche Fahrt. Mit seiner üblichen Abgebrühtheit und seinem sechsten Sinn verschwand Pierre in einem anderen Abteil, kurz bevor der Schaffner zur Fahrkartenkontrolle erschien, und kreuzte wieder auf, sobald die Luft rein war.

»Nur Dummköpfe zahlen die Fahrt«, sagte er vergnügt, als er wieder Platz nahm.

Immer wieder führten sie die Szene im Hotel auf: ahmten die entgleisten Gesichtszüge der Rezeptionistin nach, den fassungslosen Blick des Geschäftsführers, als er das tote Insekt erblickte, die wackelnden Fühler – Pierre verstand es so wunderbar, die Stimmen und das Gebaren der anderen zu imitieren, dass Francesco sich vor Lachen nicht mehr einkriegte.

»Also, wo geht’s als Nächstes hin?«, wollte Pierre wissen, nachdem sie etwa eine Stunden gefahren waren.

»Keine Ahnung. Erst mal Richtung Norden.«

»Dann bleib doch für die Nacht bei uns. Meine Frau wird nichts dagegen haben. Wir haben ein kleines Gästeapartment, außerdem steigt heute Abend bei uns eine coole Party.«

»Wenn es wirklich keine Umstände macht …«

In Mannheim mussten sie umsteigen, und gegen fünf Uhr fuhr der Zug in den Kölner Hauptbahnhof ein. Weiter ging es mit der Straßenbahn, und eine halbe Stunde später standen sie vor einer wunderbaren Villa mit Blick auf den Rhein. Das Haus war von weiten Rasenflächen und Bäumen umgeben, durch die eine gepflasterte Auffahrt führte, an deren Ende ein roter Maserati Biturbo Spyder stand. Begrüßt wurden sie am Tor von einem riesigen Schäferhund, der von Pierre ausgiebig gestreichelt wurde und anschließend Francesco beschnüffelte und ihm die Hände ableckte.

»Er mag dich«, sagte Pierre. »Warte hier. Ich hole dir die Schlüssel für das Apartment.«

Kurz darauf kam er zurück und begleitete Francesco zu einem Anbau an der Rückseite der Villa.

»Fühl dich ganz wie zu Hause. Die Pornos sind im Schrank unter dem Fernseher.« Er grinste.

»Ha, ha.«

»Okay, ich muss los und Vanessa, meiner Frau, bei den Vorbereitungen zur Vernissage helfen. Ich hätte schon vor einer Stunde da sein sollen. Kannst du so zwischen halb acht und acht kommen? Es gibt genügend zu trinken und zu essen. Hier ist die Adresse.« Er kritzelte etwas auf einen Zettel. »Und hier ein Stadtplan von Köln. Wir sind hier, in Rodenkirchen, die Galerie liegt ungefähr hier.« Er malte einen Kreis um eine Kreuzung. »Wenn du dir erst den Dom ansehen willst, kannst du von dort zu Fuß hingehen. Es dauert nur zwanzig Minuten. Alles klar? Wir sehen uns dann später.« Er ging hinaus auf die Auffahrt und Francesco hörte, wie er dem Hund, der um ihn herumsprang, lautstark zuredete: »So ist es brav, Jester, guter Junge!«

Über Alessandro Gallenzi

Biografie

Alessandro Gallenzi gründete die Verlage Hesperus Press und Alma Books. Selbst aus Italien stammend lebt der Verleger, Übersetzer, Verfasser von Theaterstücken und Schriftsteller heute mit seiner Frau und seinen beiden Kindern in Richmond. Seine Gedichtsammlung »Modern Bestiary - Ars Poetastrica«...

Pressestimmen

CamperJournal.com

»Macht große Lust, sofort alle Termine abzusagen, eine Reisetasche zu packen und einfach loszufahren – irgendwohin.«

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