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Intrusion

Intrusion

Thriller

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Intrusion — Inhalt

Die Welt Nightfall ist ein Ort außerhalb von Raum und Zeit, an dem Geschöpfe ihr Unwesen treiben, die den schlimmsten Albträumen entsprungen zu sein scheinen. Als Aden hier erwacht, hat er nicht nur sein Gedächtnis verloren, sondern sein ganzes bisheriges Leben. Er ist in Nightfall gestrandet, einem Reich, das ihm fremd und doch unheimlich vertraut erscheint. Und dann erfährt Aden, dass es mit dieser Realität enger verbunden ist, als er ahnte – und dass die Albtraumwelt dem Untergang geweiht ist. Aden muss das Unmögliche versuchen: Er muss Nightfall retten …

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Erschienen am 11.08.2014
Übersetzt von: Birgit Reß-Bohusch
304 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-98129-3

Leseprobe zu »Intrusion«

Für John Berlyne

 

TEIL EINS

 

KAPITEL 1
Abendessen bei den Gorrs

 

Von sich selbst wusste er anfangs nur, dass er tot war und auf etwas Hartem, Kaltem lag. Dann fiel ihm sein Name wieder ein, Aden Keenan, zusammen mit vereinzelten Erinnerungen, die keinen Sinn ergaben, eigentlich nur Schemen, die verschwommen aus einer nebelweißen Dämmerlandschaft tauchten. Da sie keinen Sinn ergaben, die einzelnen Erinnerungen, machte er sich nicht die Mühe, sie näher zu betrachten. Stattdessen schob er sie beiseite, für später, wenn sich der weiße Nebel (hoffentlich) [...]

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Für John Berlyne

 

TEIL EINS

 

KAPITEL 1
Abendessen bei den Gorrs

 

Von sich selbst wusste er anfangs nur, dass er tot war und auf etwas Hartem, Kaltem lag. Dann fiel ihm sein Name wieder ein, Aden Keenan, zusammen mit vereinzelten Erinnerungen, die keinen Sinn ergaben, eigentlich nur Schemen, die verschwommen aus einer nebelweißen Dämmerlandschaft tauchten. Da sie keinen Sinn ergaben, die einzelnen Erinnerungen, machte er sich nicht die Mühe, sie näher zu betrachten. Stattdessen schob er sie beiseite, für später, wenn sich der weiße Nebel (hoffentlich) lichten und den Blick auf das Leben dahinter freigeben würde … auf den, der er jetzt war, auf den, der er früher, vor seinem Tod, gewesen war.
Ganz in der Nähe tropfte ein Wasserhahn, das vertrauteste Geräusch auf der Welt. Er schlug die Augen auf und blinzelte. Er lag in einer Badewanne. Kaltes Porzellan im Nacken und an den Beinen. Nackt. Mondbleicher Körper, über und über mit Gänsehaut bedeckt. Eine Mischbatterie klemmte hinter seinem Ohr und drückte ihm den Kopf nach vorn. Tropfen aus dem Wasserhahn sammelten sich in der Grube seines Schlüsselbeins, sickerten nach unten. Ein dünner Mondstrahl fiel durch eine Oberlichte direkt auf ihn herunter. Wo er sein Knie berührte, kribbelte die Haut. Seine erste Bewegung bestand darin, an dem Fleck zu reiben. Dann rutschte er zur Seite, um dem Lichtspeer auszuweichen.
Er erhob sich, mager und nackt, mit wirrem, kurzem schwarzem Haar, ein junger Mann von zweiundzwanzig, dreiundzwanzig (wie alt genau er war, entzog sich seiner Erinnerung). Seine Finger umklammerten die Handgelenke, ertasteten die Längsschnitte an den Pulsadern, die er sich – das war keine Erinnerung, sondern Wissen – selbst zugefügt hatte. Warum er das getan hatte, war ein weiteres Rätsel, aber das Bild jener Tat hatte einen festen Platz in seinem Gehirn: zitternde Finger, zur Faust geballt, während sich die Messerspitze einen Zoll tief in den Arm grub und einen roten Schlitz zum Ellbogen hin zog.
Er schloss die Augen und verdrängte das Bild. Es verursachte ihm Übelkeit.
Diese vereinzelten Erinnerungen, diese Schemen im Nebel, waren alles, was er von seinem Leben besaß. Er nahm sich eine davon vor und sah – einen Sechsjährigen, der im Schneidersitz auf dem groben braunen Teppich im Wohnzimmer seines Großvaters kauert und sich von Zeit zu Zeit an den Schienbeinen kratzt, weil das raue Gewebe so juckt. Der Junge klatscht vergnügt in die Hände, während ihm der alte Mann eine Geschichte aus dem Märchenbuch vorliest, das aufgeschlagen auf seinem Schoß liegt. In einem leisen Singsang spricht der Junge die Stellen mit, die sich reimen und wiederholen. Dann, später, ist der Kleine dem Weinen nahe, weil ihm etwas in dem Märchen Angst einflößt, doch der alte Mann liest einfach weiter und ahmt mit grollender Stimme einen bösen Geist oder Menschenfresser nach. Die Furcht, der Geschichte entsprungen, hämmert dem Jungen ein paar Lehren ein: Nimm dich vor Fremden in Acht, weiche nicht von deinem Weg ab, sei nicht habgierig! Das Kind rutscht hin und her und beginnt zu weinen. Die Stimme des alten Mannes faucht, knurrt, keift.
Diese Erinnerung hob sich so klar und scharf gegen das Nichts ringsum heraus, als spielte sich die Szene direkt vor seinen Augen ab. Es war fast ein Schock, in das Badezimmer zurückzukehren, in die Wanne mit der Mischbatterie, die sich hart in seinen Nacken schob, in den Körper eines jungen Mannes, eines Toten.
Blinzelnd starrte er in einen Wandspiegel, sah, wie sich sein magerer Körper aufrichtete, und bedeckte mit beiden Händen sein Geschlecht. Zahnpastaspritzer, getrocknete Seifenflecken und ein Netz von winzigen Sprüngen trübten das Glas. Er hob die Finger an die Wange, drückte sie in die Haut. Dann tastete er mit einer Hand die Brust ab, als müsste er sich vergewissern, dass sein Körper aus Fleisch und Blut bestand. Da war das vertraute kleine Muttermal an seinem Hals. Er spähte in die dunkelbraunen Augen seines Spiegelbilds, versuchte in die Seele des Fremden einzudringen, den er vor sich sah. »Hallo, du da!«, sagte er.
Ein altmodisches Rasiermesser lag auf dem Beckenrand, bedeckt von Rost und getrockneten Blutflecken. Bei dem Anblick zuckte er zusammen, als schwach erinnerter Schmerz über seine Handgelenke wanderte, ganz kurz nur.
Aden kletterte aus der Wanne, spürte kalte Fliesen unter seinen Sohlen. Das Frösteln kroch von seinen Füßen nach oben.
In der Wanne lag jetzt ein großer Bilderrahmen. Wie war das Ding an die Stelle gelangt, von der er sich gerade entfernt hatte? Die Leinwand selbst war leer, mit einem blutroten Rand, der den Eindruck erweckte, die Farbe ergösse sich über den Rahmen. Er beugte sich herab, strich mit den Fingerspitzen sanft über die glatte, leere Fläche. So glatt war sie, dass er den sonderbaren Drang verspürte, sich darauf auszustrecken. Er zerrte den Rahmen aus dem Bereich des tropfenden Wasserhahns. Ein Berg schmutziger Wäsche in der Ecke neben der offenen Tür verströmte einen starken Schweißgestank. Draußen im Gang kündeten Schritte und laut knarrende Dielenbretter von einer Welt jenseits des kleinen kalten Badezimmers.
Im Spiegel huschte der Umriss einer hochgewachsenen Frau vorbei, die im trüben Licht des Korridors krumm und irgendwie missgestaltet wirkte. Aber das konnte täuschen, da er sie nur flüchtig erspäht hatte. Sie summte eine fröhliche Melodie, als sie vorbeiging, ohne einen Blick durch die einen Fußbreit geöffnete Badtür zu werfen. Weitere Geräusche. Von unten das ferne Dröhnen einer Stimme, die an einen Bären erinnerte und lautstark Fragen durch die Gegend brüllte.
»Gleich komme ich, gleich«, vernahm er die heisere Antwort der Frau, die einen neckischen Ton angeschlagen hatte. Sie schien glücklich und zufrieden zu sein. Ihre Schritte wurden leiser und entfernten sich über eine Stiege nach unten. Knarr, knarr, knarr. Aus der Tiefe drang erneut das Dröhnen. Vom Badezimmer aus ließ sich unmöglich erkennen, ob die Stimme fröhlich oder wütend klang.
»Wer bist du?«, fragte Aden den Spiegel. Der blieb stumm.
Wieder kam das Dröhnen von unten, laut wie Schmerzgebrüll. Vielleicht bin ich ja Goldlöckchen, dachte er und führte zum Spaß einen seltsamen Tanz auf. Er genoss die lächerlich eckigen Bewegungen seines spillerigen, bleichen Körpers, der nur aus Ellbogen, Knien, Rippen und einem wild schlackernden Schwanz zu bestehen schien. Als er in den schmuddeligen Klamotten herumwühlte, fühlte er sich plötzlich ausgelassen und unbekümmert. Er fand eine lange Hose, in deren Bundschlaufen noch ein Gürtel baumelte. Er zog sie an, obwohl sie bestialisch stank, und schnallte den Gürtel so eng wie möglich. Dann spähte er in den Korridor hinaus. Die Stimme, die wie Donnergrollen zu ihm heraufklang, hob und senkte sich im Gespräch. Hin und wieder klirrte Besteck, oder ein Krug wurde laut scheppernd auf einem Tisch abgestellt.
Die Dielenbretter knarzten, als er auf Zehenspitzen den Flur betrat, mit einer Hand die rutschende Hose festhaltend, sorglos gegenüber jeglicher Gefahr. Was konnte einem Toten schon Schlimmes begegnen? Was er zunächst für einen Teppich unter den Füßen gehalten hatte, entpuppte sich als eine dicke Schicht loser Borsten, manche rötlich, manche dunkelbraun. Er kniete nieder und hob etwas von dem verfilzten Zeug auf, um es genauer in Augenschein zu nehmen. Flöhe krochen darin herum.
Die verblichenen, mit gelben Blümchen gemusterten Tapeten im Korridor wiesen an vielen Stellen lange, parallele Risse auf, die von scharfen Krallen zu stammen schienen. Jemand hatte die schlimmsten Schäden mit gelber Farbe überpinselt.
Aden blieb vor einem großen Foto stehen. Es zeigte einen Hünen mit grimmig blitzenden Augen, der einen Arm um einen zweiten Mann gelegt hatte, Letzterer eindeutig ein Irrer, der schlaff in die Kamera winkte, leicht schielend, mit einer wilden Haarmähne und einem starren Grinsen. Der zweite Mann schien nackt zu sein. Beide Männer waren vom Hals abwärts mit Blutspritzern übersät. Die Aufnahme verriet nicht, von wem das Blut stammte (wenn es überhaupt von einem der beiden stammte).
Außerdem schmückten Gegenstände die Wände, die Aden beunruhigt hätten, wenn er nicht tot gewesen wäre: brutale Hieb- und Stichwaffen mit schartigen, auf Hochglanz polierten Schneiden, die wie Zierrat oder Trophäen an Lederriemen aufgehängt waren. Neben einer antik wirkenden Uhr, deren Pendel sich nicht mehr rührte, hing eine gerahmte Urkunde mit folgendem Wortlaut:

 

Gewidmet

 

ALFRED GORR

 

für zehn Jahre treue Dienste
für Days Past und die Weltenmacher-Kirche

 

Aden erreichte eine Holztreppe, die noch lauter knarzte als die Dielenbretter und deren Stufen sich bei jedem Schritt durchbogen. Am unteren Ende befand sich der Haupteingang des Hauses. Die Türfüllungen wiesen die gleichen tiefen Rillen auf wie die Tapeten droben im Flur. Das Werk scharfer Klauen, wenn er sich nicht täuschte. Die Schlösser und Sperrketten, die an der Innenseite angebracht waren, hätten ausgereicht, eine ganze Armee am Eindringen zu hindern: mattes Messing, glänzender Stahl, primitive Ketten, mehrfach um den Türknauf gewunden.
Die dröhnende Stimme war jetzt sehr nahe, in ein Gespräch mit einer Person verwickelt, die immer wieder keuchend lachte. Aden presste beide Hände gegen die Wand und spähte vorsichtig um die Ecke.

 

Der Mann, den er auf dem Foto im Flur gesehen hatte, saß am oberen Ende eines ausladenden dunklen Holztisches. Er trug das dichte schwarze Haar in der Mitte gescheitelt und eng an den mächtigen runden Schädel geklatscht, durchzogen von dünnen weißen Linien, die der Kamm hinterlassen hatte. Ein struppiger Schnauzer reichte bis zu seinen dicken Backen und ging dort in einen Stoppelbart über. Eng zusammenstehende Schweinsäuglein blinzelten zwischen Speckwülsten hervor. Aus dem weit aufgerissenen Mund kam schallendes Gelächter, das wie Steine auf die Tischplatte zu poltern schien und sie zum Erzittern brachte. Der Mann – vermutlich Alfred Gorr, wie es auf der Urkunde droben im Flur stand – trug ein Trikothemd, dessen schmale Träger sich über muskelbepackten, mit schwarzen Haarkringeln bedeckten Schultern spannten. Auf einem Platzset vor ihm stand ein leerer Teller, groß wie ein Tablett. Sein Bauch hüpfte beim Lachen, und seine vor Bosheit und hinterhältigem Vergnügen funkelnden Äuglein waren starr auf das Geschöpf neben ihm gerichtet.
Die beiden Männer waren offensichtlich verwandt. Sie hatten das gleiche drahtige Haar und die gleichen grobschlächtigen Gesichtszüge. Der Jüngere wirkte etwas schlanker. Seine Hand sauste einem Richterhammer gleich auf den Tisch nieder. Leere Schüsseln und Teller klirrten und klapperten, und die Gabel in seiner Faust knallte wie ein Pistolenschuss, als sie gegen die Tischplatte schlug.
»Innerei!«, brüllte Mister Gorr und setzte den Krug so heftig ab, dass das Bier in alle Richtungen schwappte. Er lachte über den Klang des hervorgestoßenen Wortes, als kostete er die Macht der Sprache zum ersten Mal richtig aus. »Innerei!«, wiederholte er. »Teller, Gabel und … verdammt noch mal, das reimt sich nicht! Konversation an der Tafel wird nur geduldet, wenn sie sich reimt, mein Junge! So gehört sich das! Tischmanieren! Mal überlegen … Teller, Gabel, Innerei… Flei…sch! Aha. FLEISCH! Rote Soße und Fleisch. Wo bleibt die Soße? Wo das Fleisch?« Die Augen des jüngeren Gorr blieben an der Gabel hängen und leuchteten. Der ältere Gorr sah das. Seine Augen begannen ebenfalls zu leuchten. Ohne Vorwarnung schnellte seine Riesenpranke vor und stieß die Gabel tief in die Wange des Jüngeren. Beide ließen sich in ihre Stühle zurücksinken, warfen die Köpfe zurück und brachen in wildes Gelächter aus. Die Gabel, die immer noch aus der Wange des Halbwüchsigen ragte, bebte und fiel mit lautem Klirren auf die Tischplatte. Ein dünner Blutstrahl lief dem Jungen in den spärlich sprießenden Bart und tropfte von da auf sein Platzset und die Tischdecke.
Das Gejohle des Älteren endete abrupt. Er beugte sich vor und ohrfeigte den Jungen, bis auch der verstummte und sich erwartungsvoll zurücklehnte. »Das is mein Sohn, jawoll, das is mein Sohn!«, knurrte er und senkte dann vertraulich die Stimme: »Hättste mal hören sollen, wie der alte Corbert heute vor Schmerzen schrie. Quiekte wie – na, wie wohl, mein Sohn? Ich geb dir ’n Tipp. Oink, oink, oink, wie ’ne Sau! Na los, is nich schwer zu erraten!«
»Quiekte wie ’ne Sau?«, fragte der Junge und klatschte in die Hände.
»OINK OINK!«, brüllte Mister Gorr. Wieder brachen die beiden in wildes Gelächter aus, der Junge rau und keuchend, der Alte, als feuerte er eine Kanone nach der anderen ab. Sie beruhigten sich erst wieder, als sie keine Luft mehr bekamen. »Hab ihm eine mit dem Elektroschocker gezündet«, berichtete der Vater gedämpft, fast ehrfürchtig. »Hab ihm eine gezündet wie … oink, oink. Zack auf die Fresse, dann ausgepeitscht und Salz in die Striemen, bis er aus allen Rohren blutet und fast hinüber ist. Richtet sich auf, sackt zusammen, Nasenstüber, aber immer feste, mein Junge. Nochmals Elektroschocker, Volltreffer, dass die Zähne wackeln!« Mister Gorr blinzelte, schüttelte sich und schien sich aus seinen Meditationen zu lösen. »PUFF!«, sagte er.
»Puff!«, meinte sein Sohn zustimmend. Blut sickerte langsam aus den Einstichstellen der Gabelzinken.
»Tausend … Vooolt!«, johlte Mister Gorr.
Der Jüngere nahm seine Gabel in die Hand und rammte sie tief in die andere Wange. Sein Vater beobachtete ihn verblüfft, ehe er sich so heftig gegen die Stuhllehne stemmte, dass sie vernehmlich knirschte, den Kopf in den Nacken warf und begeistert loswieherte. Lachkrämpfe erschütterten seinen massigen Körper. Seine Stimme erreichte das Schrillen einer Kreissäge. Er rang nach Luft. Tränen hemmungsloser Heiterkeit rollten ihm über die Wangen.
Die Frau, die Aden im Flur erspäht hatte, betrat nun den Raum, eine etwas schmalere Ausgabe der beiden Männer und offensichtlich die Gebieterin dieses Haushalts. Sie trug ein gelbes Kleid mit frischen roten Flecken, und ihre schweren Hängebrüste pendelten bei jedem Schritt hin und her. Dazu kamen schiefe Zähne und ein boshafter Glanz in den Augen. Dennoch war sie von der Aura einer tüchtigen Hausfrau umgeben. Sie schleppte einen riesigen schwarzen Kessel herein, aus dem dichte Dampfschwaden und der eklige Geruch von zu lange abgehangenem Fleisch aufstiegen.
Der Hausherr schmatzte vor Vergnügen und rief: »Mmm!«, als sie den Kessel vor ihm abstellte. Die Dame betrachtete ihn mit der Zufriedenheit einer Matrone, die aufopfernd für ihre Lieben sorgt. Dann musterte sie zärtlich und missbilligend zugleich die blutverschmierten Wangen ihres Sohnes. Ihre Miene besagte, dass sich solche Kindereien zur Essenszeit nicht gehörten und sie gute Lust habe, die beiden zu bestrafen, dass sie jedoch noch einmal Gnade vor Recht ergehen lassen wolle.
Vater und Sohn schien der Kessel in eine Art Hypnose zu versetzen. Stille senkte sich über den Raum. Mister Gorr atmete röchelnd durch die Nase. Seine Augen weiteten sich langsam wie bei einem sprungbereiten Tier; die Nasenflügel blähten sich; die Hände bebten so heftig, dass Messer und Gabeln auf dem Tisch umherschlitterten. So ging das eine halbe Minute oder noch länger. Dann ließ die Anspannung unvermittelt nach. Er riss den Kessel mit beiden Armen hoch, kippte ihn und hielt ihn sich an die Lippen. Dampf hüllte seinen Kopf ein, als er sich den Inhalt ins Gesicht schüttete. Eine heiße Sturzflut aus Fleischklumpen und roter Soße schwappte ihm über Kinn und Brust. Schnaufend und prustend setzte er den Topf ab, um Luft zu holen; dann tauchte er den Schöpflöffel so tief ein, als wollte er sich kopfüber hineinstürzen, und begann hastig, halb rohe Batzen von irgendwelchen Schlachttieren auf seinen Teller zu häufen, Gesicht und Hals soßenverschmiert. Der Sohn stöhnte hungrig und schob seinen Teller vor, um wenigstens einen Teil der Soße aufzufangen. Die Herrin des Hauses hielt geziert einen Strohhalm zwischen Daumen und Zeigefinger und stupste ihn von Zeit zu Zeit in eine winzige rote Pfütze auf ihrem Teller, den kleinen Finger abgespreizt wie eine sittsame Edeldame, während ringsum eine Orgie aus Schmatzen, Rülpsen und wohligem Stöhnen tobte. Vater und Sohn waren so mit Soße bespritzt, dass man sie für halb verhungerte Tiere halten konnte, die im aufgerissenen Kadaver eines frisch erlegten Zebras wühlten.
Die Fressorgie ging weiter. Nichts konnte sie bremsen oder aufhalten. Soße tropfte ihnen über die Hemden in den Schoß. Sobald der Kessel leer war, trippelte Mrs. Gorr anmutig und mit wiegenden Hüften in die Küche, um einen zweiten und dann einen dritten Kessel zu holen und ihn genau in dem Moment vor Mister Gorr abzustellen, da er die letzten roten Tropfen schlürfte (und den leeren Riesentopf achtlos über die Schulter nach hinten warf, wo er mit lautem Scheppern auf dem Steinboden landete). Heißer Dampf stieg ihm in die Nase, er atmete tief durch, flüsterte: »Innerei!«, und heftete die Blicke starr auf den nächsten Kessel. Gabel und Schöpflöffel hatten längst ausgedient. Er wühlte mit bloßen Händen in den brühheißen Innereien und schob sich ganze Fäuste voll in den Mund, ohne darauf zu achten, dass er sich Wangen und Kinn verkleisterte. Der jüngere Gorr klaubte sich das Zeug vom Hemd seines Vaters, vergrub dann das Gesicht in seiner Schüssel und kam nur hoch, um Luft zu holen oder verzückt zu stöhnen. Mittlerweile spritzte die rote Soße bis unter das Dach.
Mister Gorr attackierte die Essensberge, als stellten sie eine Bedrohung dar. Mehrmals verschluckte er sich, und sein Knurren ging in ein schleimiges Husten über. Hin und wieder gelang es seinem Sohn, ihm den Kessel zu entwinden. Einmal währte der Kampf eine gute Weile, der Sohn zerrte unter lautem Protestgeheul, der Vater mit zornig blitzenden Augen und gefletschten Zähnen. Die Mutter entschied das Gerangel, indem sie dem Jungen einen Schlag auf den Arm versetzte und ihn krächzend wie eine Krähe ermahnte, dass Pa schließlich schwer arbeite und deshalb »ordentlich futtern« müsse. Der Sohn flennte erbärmlich. Mister Gorr schaufelte die »Innerei« in sich hinein.
Die Dame sog geziert an ihrem Strohhalm und hielt von Zeit zu Zeit eine Hand vor die gespitzten Lippen, wohl zur Erinnerung, dass Essensgeräusche nicht vornehm waren – auch wenn man sie in dem Geschmatze ringsum kaum gehört hätte. Soße bedeckte ihr Kleid und ihre Haare. Mit einem zufriedenen, schmallippigen Lächeln sah sie ihren Lieben beim Essen zu. Sie schien auf etwas zu warten.
Von Mister Gorr kam ein Rülpser in einer bestimmten Tonlage – vielleicht das Signal Ich bin satt, denn als sie es vernahm, erhob sie sich, blickte auf ihren Gemahl herunter, schob einen Finger unter die Schulterspange ihres Gewands und streifte den Träger ab. Eine pendelnde Brust kam zum Vorschein, sie allein frei von roter Soße und deshalb obszön weiß.
Mister Gorrs Fresserei endete mit einem Schlag. Seine Hände begannen zu zittern. Er stellte den riesigen schwarzen Kessel ab, atmete einige Male tief durch und brummte. Seine Augen weiteten sich. Mrs. Gorrs Teller segelte vom Tisch. Sein Brusthaar sträubte sich, die Muskeln schwollen an, und in einem Sprühregen aus roter Soße warf er sich in die Arme seiner Gemahlin. Ein kurzer Ringkampf, dann rollten sie von der Tischplatte und landeten auf dem Boden; der Tisch begann heftig hin und her zu schlingern. Teller und Bestecke flogen klirrend in alle Richtungen.
Ihren Sohn schien das alles nicht weiter zu kümmern. Er begriff nur, dass der halb volle Kessel im Moment unbewacht war. Also packte er ihn, hob ihn an die Lippen und schlang den Inhalt in sich hinein, vor Begeisterung stöhnend wie seine Eltern unter dem schlingernden Tisch.

 

Aden hatte mittlerweile den Eindruck gewonnen, dass die Geräusche und Gerüche dieses – Traums? – deutlich in eine Richtung wiesen. Ein lebendiger Mensch wäre erschüttert gewesen. So viel stand fest. Aber ein Toter würde auf keinen Fall diese schleichende Angst spüren, die ihm die Eingeweide zusammenzog, oder sich Gedanken über die Herkunft der Fleischbrocken in diesem verdammten Stew machen. Diese Leute, diese sonderbaren Wesen – war er etwa in einem Cartoon gefangen? Das hier konnte nicht das Jenseits sein. Nie und nimmer. Bitte, dachte er. Lass es nicht das Jenseits sein!
Immer noch schlingerte und rumpelte der Tisch. Mister Gorrs Keuchen steigerte sich zu einem seltsam schrillen, wütenden Hecheln. Mrs. Gorr gab ihm hin und wieder raue Anweisungen, aber die meiste Zeit stöhnte sie nur. Aden schüttelte sich und versuchte die Geräuschkulisse auszublenden.
Wie sollte er vorgehen? Konnte er noch Schmerz empfinden? Das war eine Schlüsselfrage. Seine Knie- und Knöchelgelenke hatten geknackt, als er die Treppe hinunterstieg, aber die Nerven waren noch nicht auf den Prüfstand gestellt worden. Mit einem Achselzucken rammte er den bloßen Fuß hart gegen den Wandsockel. Die Antwort kam umgehend: Schmerz einer völlig normalen, ganz und gar irdischen Sorte. Was die Angelegenheit natürlich erschwerte. Jedenfalls hatte er noch keine ideale Lösung, als der Schmerz zu einem dumpfen Pochen verebbt war. Also betrat er den Speisesaal, räusperte sich und sagte: »Hallo!«
Der Tisch hörte unvermittelt zu schlingern auf. Kurz darauf verstummte das Klappern und Klirren des Geschirrs. Über den Raum senkte sich die Stille eines Schlachtfelds unmittelbar vor dem ersten Schuss.
Der junge Sire Gorr starrte ihn mit weit offenem Mund an. Halb zerkaute Fleischbrocken klatschten zurück in die Schüssel. Aden räusperte sich erneut und sagte, diesmal lauter: »Hallo! Äh … Grüße von der Erde. Hi.«
Unter dem Tisch kam es zu einer Explosion, als Mister Gorr seine stürmischen Zärtlichkeiten vollendete. Er röhrte wie ein Drache. Der Tisch hob sich, kippte nach vorn und schlitterte durch den Raum. Die Schüssel des Sohnes flog an die gegenüberliegende Wand und zerschellte.
Mister Gorr zog hastig seine Hose hoch, erhob sich und warf einen Blick auf Aden. Seine Augen weiteten sich vor Staunen und – Furcht. Aden traute seinem Urteil nicht. Weshalb sollte dieser Hüne ihn fürchten?
Mrs. Gorr lag mit weit gespreizten Beinen am Boden. Ihr Kleid war bis über die Taille hochgerutscht. Mister Gorrs Spucke glänzte auf ihrem Kinn und Hals, wo er die letzten Tropfen Soße weggeschleckt hatte. Sie runzelte die Stirn und musterte Aden völlig konsterniert.
Mister Gorr blinzelte, schluckte Luft, klappte den Mund auf und wieder zu, rieb sich die Augen. »Bei Cug«, raunte er. »Bei Cug, dem alten Geist der Meere! Das Ding ist zum Leben erwacht.«
»Alfred?«, erkundigte sich Mrs. Gorr. »Hast du Gäste eingeladen ?«
»Nich doch, Schätzchen!«, murmelte Mister Gorr. »Das sollte ’ne Überraschung zum Hochz…« Er unterbrach sich und ballte die Hände hilflos zu Fäusten.
»Wie kam er dann hier rein, Alfie?«, fragte Mrs. Gorr. »Das Tor ist seit fünf zugesperrt.«
Mister Gorr klappte stumm den Mund auf und zu.
»Hallo«, sagte Aden und räusperte sich. »Ich habe nicht die verdammte Spur einer Ahnung, wer ich bin, aber ich will mich trotzdem mal vorstellen. Ich bin eigentlich tot, scheine jedoch irgendwie ins Leben zurückgekehrt zu sein. Ich kenne euch nicht, Leute, aber … nun ja, ihr widert mich echt in jeder nur erdenklichen Hinsicht an. Tut mir leid, wenn ich das so direkt sage. Und ich will nicht leugnen, dass der Koloss da mir ganz schön Angst einjagt.«
Die Gorrs starrten ihn an.
Aden zuckte die Achseln. »Ma’am, was Sie da zusammengekocht haben, erinnert mich an alles, was ich je ausgekotzt habe, aber zumindest scheint es reichlich Proteine zu enthalten. Darf ich noch hinzufügen, dass Ihr Sohn Ihnen beiden ganz verblüffend ähnelt – was Sie möglicherweise als Kompliment auffassen, da Sie ganz sicher andere Schönheitsideale als ich haben. Hey, alle mal herhören! Wie wär’s, wenn ihr mich wieder plattmacht? Damit ich in Frieden ruhen kann, oder was immer. Ich weiß ehrlich nicht, wie es weitergehen soll. Soll ich mit hoch erhobenen Armen umherwandeln und ›Hirn her!‹ schreien? Weiß nich so recht, Leute. Das Tor aufsperren? Ist nur so eine Idee. Auf diese Weise hättet ihr mich am schnellsten wieder los. Vielleicht kann ich ja durch die Gegend geistern, auf der Suche nach Abenteuern oder was es sonst so bei euch gibt. Jedenfalls danke ich euch fürs Zuhören.«
Die Mitglieder der Familie Gorr gafften ihn unverwandt, reglos und mit weit aufgerissenen Mäulern an.
Aden räusperte sich wieder. »Also, im Grunde … bin ich als Gespenst relativ unerfahren. Aber legt mir meine Offenheit bitte nicht als übertriebenes Selbstvertrauen und folglich gewaltigen Heldenmut im Kampf aus! Mit anderen Worten, lasst euch nicht zu dem irrigen Schluss verleiten, ihr müsstet mich mit besonderer Härte anfassen. Ich bin ziemlich sicher, dass mich Mister Gorr ohne viel Federlesens in meine Bestandteile zerlegen könnte, wenn er es darauf anlegte.«
Sie gafften ihn an.
»Ich schätze, jetzt seid ihr mal am Ball«, meinte Aden. »Ich habe genug geredet.«

Will Elliott

Über Will Elliott

Biografie

Will Elliott war eigentlich nur ein 27-jähriger Australier, der sich zum Ziel gesetzt hatte, einmal einen Roman zu veröffentlichen. Ohne viel Hoffnung sandte er sein Manuskript für den ABC Fiction Award ein, einen der wichtigsten australischen Literaturpreise. Sein Debüt »Hölle« gewann den mit 10...

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