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Into Dark WatersInto Dark Waters

Into Dark Waters

Astrid Scholte
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Roman

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Into Dark Waters — Inhalt

Der weite Ozean birgt dunkle Geheimnisse ...

Tempest lebt in einer Welt, die fast nur aus Wasser besteht. 500 Jahre zuvor hat die Große Flut die Erde beinahe vollständig zerstört, doch die Ruinen der versunkenen Städte bergen nach wie vor wertvolle Schätze. Als Taucherin riskiert Tempest täglich alles, um ihre tote Schwester Elysea ins Leben zurückzuholen. Für einen hohen Preis ist dies auf der Forschungsinsel Palindromena für 24 Stunden möglich. Und nur Elysea kennt die Wahrheit über den mysteriösen Tod ihrer Eltern. Doch Tempest hat keine Ahnung, in welche Abgründe sie blicken wird ...

€ 16,00 [D], € 16,50 [A]
Erschienen am 29.07.2021
Übersetzt von: Diana Bürgel
464 Seiten, Klappenbroschur
EAN 978-3-492-70586-8
Download Cover
€ 12,99 [D], € 12,99 [A]
Erschienen am 29.07.2021
Übersetzt von: Diana Bürgel
464 Seiten, WMePub
EAN 978-3-492-99936-6
Download Cover

Leseprobe zu „Into Dark Waters“

1 Tempest
Sonntag, 8:00 Uhr


Ich wollte meine Schwester nicht wiedererwecken, weil ich sie liebte.
Ich wollte keinen endgültigen Abschied. Ich wollte keine klärenden, bisher ungesagt gebliebenen Worte wispern, um mein Gewissen zu beruhigen. Ich wollte nicht ihre Stimme hören, die ein letztes Mal meinen Namen aussprach: Tempe.
Ich wollte die Wut lindern, die in mir tobte. Eine Wut, die ihr Eigenleben entwickelt hatte, die mich gepackt hielt und vorwärtstrieb, selbst dann, wenn ich genug hatte von diesem bruchstückhaften Leben.
Ich wollte meine Erinnerungen an [...]

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1 Tempest
Sonntag, 8:00 Uhr


Ich wollte meine Schwester nicht wiedererwecken, weil ich sie liebte.
Ich wollte keinen endgültigen Abschied. Ich wollte keine klärenden, bisher ungesagt gebliebenen Worte wispern, um mein Gewissen zu beruhigen. Ich wollte nicht ihre Stimme hören, die ein letztes Mal meinen Namen aussprach: Tempe.
Ich wollte die Wut lindern, die in mir tobte. Eine Wut, die ihr Eigenleben entwickelt hatte, die mich gepackt hielt und vorwärtstrieb, selbst dann, wenn ich genug hatte von diesem bruchstückhaften Leben.
Ich wollte meine Erinnerungen an ihr langes, dunkles Haar, das im Wasser wogte, ertränken, während sie vor mir in die Tiefe tauchte. Sie hatte immer gewusst, wo sie als Nächstes suchen musste. Ich wollte die Erinnerungen an die tänzerischen Bewegungen ihrer Arme über ihrem Kopf auslöschen, wenn Stürme in der Nähe getost hatten. Ich wollte ihre glockenhelle Stimme vergessen, die nun ein für alle Mal zum Schweigen gebracht worden war.
So wütend mich der Gedanke an ihren Namen auch machte, noch wütender machte es mich, dass ich ihn vielleicht nie wieder hören würde.
Zwei Jahre waren seit ihrem Tod vergangen, und der Nachhall ihres Namens war allmählich leiser geworden wie das letzte Donnergrollen eines Sturms. Am Anfang hatten unsere Freunde – die im Grunde alle Elyseas Freunde gewesen waren – nur von meiner Schwester gesprochen, so als würde ihr Name eine neue Flut von Tränen über meine ohnehin schon geröteten Wangen schicken. Dann, als Tage zu Wochen wurden, tauchte ihr Name wieder auf, leise und vorsichtig ausgesprochen, wie um mir zu verstehen zu geben, dass es an der Zeit war, weiterzumachen. Aus dem Bett aufzustehen und mein Leben zu leben.
Als Wochen zu Monaten wurden, hörten die Leute schließlich ganz auf, über sie zu sprechen. So als hätte es sie nie gegeben.
Dann hatte ich etwas gehört, das alles veränderte. Etwas, das meine Trauer in Wut verwandelte.
Nun musste ich ihre Stimme ein letztes Mal hören. Ich musste die Wahrheit erfahren. Und dafür musste ich sie wiedererwecken
Sonst würde keine von uns beiden Frieden finden.
Das Boot schaukelte auf den Wellen. Ich balancierte mich neu aus, um nicht ins Meer zu stürzen. Die Sunrise war das Boot meiner Eltern gewesen. Es hatte sie zur Arbeit und zurück gebracht. Klein, aber schnell. Das muschelfarbene Deck war dreieckig, unter dem Heck schwangen sich zwei „Flügel“ ins Wasser hinab, die das Boot auch bei voller Geschwindigkeit stabil hielten. Darunter hing eine vollgestopfte Kabine, deren Bauch in die Wellen tauchte, als wäre sie ein dicker Familfisch.
Ich blickte in die dunkelblauen Wasser hinab. Tief unten konnte man eine leichte Verwirbelung erkennen – etwas anderes als Sand, Salz und endlose See.
Eine versunkene Stadt. Die Stadt, die ich schon seit Jahren plünderte und aus der ich nie mit leeren Händen zurückgekehrt war. Meine olive Haut sprach von den Jahren, die ich auf und unter dem Meeresspiegel zugebracht hatte, auf meiner Suche nach Überbleibseln, die noch einen Wert besaßen.
An diesem Tag würde ich zum letzten Mal hinabtauchen. Elysea hatte diesen Ort entdeckt, als ich zwölf gewesen war, und nach fünf Jahren kannte ich jede Biegung und Wendung in diesem Labyrinth aus Stahl, Glas und Stein. Nur ein Raum war unberührt geblieben, und ich würde nicht gehen, bevor ich ihn erkundet hatte. Danach würde ich mir einen neuen Ort suchen müssen, in der Hoffnung, dass er nicht bereits geplündert worden war wie so viele der versunkenen Städte in diesem Bereich des Meeres.
Ich zog die Riemen meiner Tauchflossen straff. Sie waren aus stumpfen Klingen der Alten Welt gemacht. Die rostigen, dünnen Metallplatten protestierten knirschend, als ich den Fuß beugte und streckte, um die Beweglichkeit zu testen.
„Ach, seid still“, sagte ich. Die Flossen hatten einmal meiner Mutter gehört, und ich konnte mir keine neuen leisten. Ich würde keine Noten auf irgendetwas anderes verschwenden als auf die Wiederbelebung meiner Schwester und das Auffüllen meines Atemgeräts.
Ein letzter Tauchgang. Ich schob mir das Mundstück des Atemgeräts zwischen die Lippen und zog mir die biegsame, durchsichtige Haube über den Kopf. Als ich sie am Kragen meiner Tauchhaut befestigt hatte, blies sie sich auf.
Ein letzter Abschied. Eine weitere Erinnerung, die ich wegräumen konnte. Eine weitere Verbindung zu Elysea, die für immer durchtrennt wurde. Der Gedanke hätte eine frische Welle der Trauer mit sich bringen sollen, aber ich empfand nur kalte, stählerne Entschlossenheit. Schon bald würde auch ich Elyseas Namen vergessen können.
Ich holte flach Luft, um den Füllstand des kleinen Zylinders an meinem Gürtel zu prüfen.
Das Atemgerät piepste zweimal.
Wenig Sauerstoff.
Ich riss mir die Tauchhaube vom Kopf und spuckte das Mundstück aus. Neben Nahrungsmitteln gehörte Tauchgas zu den teuersten Gütern. Es erlaubte uns, nach Relikten aus der Alten Welt zu suchen – nach irgendetwas, das in der Neuen Welt von Nutzen sein konnte. Mit dem, was ich beim Tauchen fand, konnte ich kaum meinen Lebensunterhalt auf Equinox bestreiten, dem Riff, auf dem ich wohnte, und wenn doch etwas übrig blieb, legte ich es für die Wiedererweckung meiner Schwester beiseite. Ich hoffte, ich würde im letzten Raum etwas entdecken, das wertvoll genug war, um von dem Erlös mein Atemgerät wieder auffüllen und eine Weile nach einer neuen Ruine suchen zu können, ohne dafür meine Ersparnisse antasten zu müssen.
Ich steckte mir das Mundstück wieder zwischen die Lippen und zog mir die Tauchhaube über den Kopf. Der Füllstand würde eben reichen müssen.
Ich ließ ein paar schwarze Steine in der Handfläche klappern. In ihren Tiefen wirbelten irisierende blaue Spiralen wie winzige Galaxien. Einen der Steine ließ ich ins Meer fallen und sprach dabei ein Gebet an die Götter der Tiefe, damit sie mir gestatteten, ihre Welt, ihr Heiligtum zu betreten – und lebend wieder zu verlassen. Es war eine kindische Angewohnheit. Als Elysea und ich noch sehr jung gewesen waren, hatten wir geglaubt, es wären die Götter der Tiefe, die sich in einem Sturm die Seelen der Menschen von den Booten holten oder die Luft aus den Lungen der Taucher. Damals hatten wir noch nicht begriffen, dass allein dumme Zufälle, Unglück oder Ungeschicklichkeit beim Tauchen dafür verantwortlich waren. Die Gefahren unserer Welt.
Gemeinsam hatten wir gelernt, wie man den Ozean eroberte. Jedenfalls hatte ich das geglaubt. Bis Elysea ertrunken war, vor ziemlich genau zwei Jahren.
Bevor mir weitere Zweifel kommen konnten, schnappte ich mir meine Öltuchtasche, befestigte sie an meinem Tauchergürtel und ließ mich rückwärts vom Boot fallen.
Das Wasser war kalt, aber das spürte ich nur an den Fingerspitzen. Mein Körper wurde von meiner Tauchhaut geschützt – einem Anzug aus dünnen, gummiartigen Plättchen, die man zu einer Art Fischschuppenmuster zusammengefügt hatte. Ich trug meine Tauchhaut stets unter der Kleidung. Ich vollführte einen Beinschlag, und die schweren Metallflossen zogen mich hinab.
Atme flach und gleichmäßig. Ich konnte nicht verhindern, dass ich die Stimme meiner Schwester im Kopf hörte. Immerhin hatte sie mir beigebracht, wie man tauchte.
„Der freie Fall ist einfach“, hatte sie gesagt. „Spar dir deine Luft für den Aufstieg. Wenn du sie brauchst. Folge mir in die Dunkelheit, Tempe.“ Nie hatte sie mich bei meinem vollen Namen genannt – Tempest –, weil sie der Meinung war, dass es ein zu herber Name für ihre kleine Schwester war. „Tempiii klingt viel niedlicher“, hatte sie gesagt.
Ich konnte mich kaum noch an das kleine Mädchen erinnern, das ich einmal gewesen war.
Eine Wolke aus strahlendem Licht tauchte am Rande meines Gesichtsfelds auf. Mein Wegweiser in der Welt der Tiefe. Ich schwamm darauf zu, während ich weiter hinabsank. Kurz darauf war alles um mich in Blau, Lila und Rosa getaucht. Leuchtende Flecken an langen, rostigen Metallspieren. Nach dem Hereinbrechen der Großen Wellen vor etwa fünfhundert Jahren waren biolumineszente Korallen auf den Ruinen der Städte gewachsen. Sie erleuchteten den Weg zum Meeresboden. So wie die Lichter der Alten Welt früher einmal Kopfsteinpflasterstraßen erhellt hatten. So wie die Sterne den Nachthimmel erstrahlen ließen. Eine versunkene Konstellation.
Bei diesem Anblick stockte mir jedes Mal der Atem. Obwohl das Gebäude unter mir längst tot war, leuchtete es doch vor Leben. Es war schön.
Ich folgte dem Weg nach unten.
Als ich an einem rotbraunen Metallturm vorbeikam, bog ich leicht nach links ab. Rostzapfen hingen wie versteinerter Seetang von jeder Kante. Die Löcher, die früher einmal Türen und Fenster in eine lebendige Welt gewesen waren, erinnerten nun an seelenlose Augen eines lauernden Unterwassergrabs.
Eine verlorene Stadt. Eine ertrunkene Gesellschaft. Ein perfekter Ort für die Ernte.
Wieder gab mein Atemgerät einen Piepston von sich. Ich atmete flacher und hoffte, dass mir die Götter wohlgesinnt waren. Schon viele Taucher hatten nach den Göttern der Tiefe gesucht. Nach einem Tempel, einem Schrein, einem Palast. Nach irgendetwas. Doch die Götter blieben unentdeckt. Was ihre Leugner nur noch mehr in dem Glauben bestätigte, dass es keine Götter gab.
Aber in einer Welt, die fast gänzlich aus Wasser bestand, brauchten wir Führung. In der Alten Welt hatte man an die Götter im Himmel geglaubt und war bei Reisen über Land den Sternen gefolgt. Nun, da es fast kein Land mehr gab, war es sinnlos, den Blick zum Himmel zu richten. Unser Herr und Meister war das Wasser.
Ich wünschte, wir hätten mit den unteren Stockwerken des Gebäudes begonnen, als wir es entdeckt hatten. Allerdings war es damals mein erster Tauchgang gewesen. Elysea hatte näher an der Oberfläche bleiben wollen, obwohl ich darauf beharrt hatte, dass ich zu allem bereit war. Sie war nur zwei Jahre älter als ich gewesen, trotzdem hatte sie sich nach dem Tod unserer Eltern eher wie meine Beschützerin verhalten, nicht nur wie meine Schwester. Damals hatten mir die Flossen meiner Mutter kaum gepasst.
„Du wächst schon noch rein“, hatte Elysea gesagt und die Riemen um meine kleinen Füße so fest gezogen, wie es ging. „Es ist gut, dass sie so groß sind, so halten sie länger.“
Ich hatte nicht widersprochen, so sehr hatte ich mich auf den Tauchgang gefreut.
Nach fünf Jahren gehörte ich nun zu den besten Tauchern auf Equinox. Während andere Kinder zur Schule gingen, mit ihren Eltern segelten, mit ihren Freunden schwammen oder mit ihren Geschwistern tanzten, tauchte ich. Ich tauchte und tauchte.
Für mich gab es an der Oberfläche nichts mehr.
Ich sank noch tiefer hinab und atmete weiter flach, um Sauerstoff zu sparen.
So sehr ich es vermisste, mit Elysea zu tauchen, so sehr genoss ich es, allein zu sein. Nur die Wellen, die mich leiteten, die Götter der Tiefe, die mich beschützten und meinen rastlosen Geist, meine Wut besänftigten.
Elysea hatte Glück gehabt, als sie diese Ruine entdeckt hatte. Sie musste sich während der Zeit der Großen Wellen von einem größeren Gebäudekomplex gelöst haben. Die meisten versunkenen Städte waren voller Taucher und es gab nur noch wenige Relikte, die man finden konnte. Doch dieses Gebäude war anders. Diese Ruine gehörte ganz mir.
Sie lag ganz in der Nähe der Insel Palindromena, und die meisten Taucher hielten sich von den brutalen Wellen fern, die gegen die felsige Küste schlugen. Zu viele Menschen waren hier schon ertrunken. Außerdem waren die Bewohner von Equinox abergläubisch. Die Insel war in eine geheimnisvolle Aura gehüllt und befleckt vom Tod.
Ich hatte jedoch keine Angst vor Palindromena. Die Einrichtung war stets ein Geist in meinem Leben gewesen, hatte mich jedoch nie direkt berührt. Wie ein lauernder Schatten.
Als ich den Meeresboden endlich erreicht hatte, schwamm ich durch eines der Fenster. Korallen waren rings um den Rahmen gewachsen und erleuchteten den Eingang. Viele Menschen glaubten, dass wir den Göttern der Tiefe für die Korallen danken mussten, die in den Jahren nach den Großen Wellen aufgetaucht waren und uns den Weg zu den versunkenen Schätzen zeigten. Ohne die Götter und ihre Korallen wäre die Alte Welt verloren gewesen.
Mein Atemgerät ließ ein neuerliches warnendes Piepsen hören. Ich musste mich beeilen. Das Erdgeschoss des Gebäudes bestand aus einer Reihe winziger Geschäfte, die alle miteinander verbunden waren. Im Innern schimmerten weitere Korallen und erhellten die Räume. Das erste Geschäft war eine Art Restaurant. Umgestürzte Tische und Scherben von Keramiktellern und Gläsern mehrten den Schutt im Wasser.
Eilig durchquerte ich den Raum und hielt dabei die Augen nach Gegenständen offen, die mir bisher vielleicht entgangen waren. Nach irgendetwas Kostbarem. Alte Tassen waren zwar interessant, aber nicht viel wert. Ich brauchte etwas, das mir dabei half, an mehr Tauchgas heranzukommen und Elyseas Wiedererweckung zu finanzieren. Hier unten waren Skelette ein so gewöhnlicher Anblick wie die gelben Familfische, die zu Hunderten am Riff von Equinox vorüberschwammen. Korallen waren in den Gelenkspalten der Knochen gewachsen, hielten die Skelette zusammen und schützten sie vor weiterem Verfall. Die Toten schwebten durch Türen und Räume, so als wären sie immer noch lebendig, auch wenn sich Fleisch und Haut längst aufgelöst hatten.
Als ich zum ersten Mal so ein glühendes Patchwork-Skelett gesehen hatte, war ich zwölf gewesen. Stoff für eine ganze Woche Albträume. Inzwischen waren die Toten meine Freunde. Ich hatte ihnen Namen, Geschichten und Persönlichkeiten gegeben. So waren sie weniger gruselig. Ein bisschen weniger gruselig.
Es war mir noch nie leichtgefallen, Freundschaften zu schließen, aber die Skelette hier unten hatten keine andere Wahl.
Ich nickte Adrei zu. Sein rosaroter verkalkter Schädel ruhte auf dem Tresen, die Knochenhand hatte er neben sein Gesicht gelegt, als würde er intensiv nachdenken. Am Meeresboden gab es kaum Bewegung, keine Fische oder Strömungen, die ihn störten. Als ich an ihm vorbeischwamm, sandten meine Metallflossen eine leichte Woge durchs Wasser, woraufhin seine leuchtenden Finger klackerten, als wollte er mir Hallo sagen.
Ich schwamm in den nächsten Raum.
„Hey, Celci“, sagte ich zu einem Skelett, das zwischen zwei Korridoren hing. Ich hatte es nach meiner alten Tante benannt, die an einer Kristalllunge gestorben war, als ich noch ein kleines Mädchen gewesen war. Ich erinnerte mich noch daran, dass ihre Zähne zu groß für ihr Gesicht gewesen waren, genau wie bei diesem Skelett. Sanft versetzte ich Celci einen Schubs, damit sie in das Restaurant zu Andrei trieb. Nicht einmal die Toten sollten allein sein.
Das Geschäft nebenan war ein Buchladen. Ich durchquerte ihn, ohne genauer hinzusehen. Bevor ich die Tür aufgebrochen hatte, war der Raum versiegelt gewesen. Es war mir zwar gelungen, ein paar der Bücher zu bergen, doch die anderen hatten sich rasch aufgelöst und ihre Überreste trübten nun das Wasser. Die Bücher, die ich an die Oberfläche gebracht hatte, waren nicht viel wert gewesen. Sobald sie der feuchten, salzigen Luft ausgesetzt waren, begannen die Seiten zu zerfallen. Vielleicht wäre es besser gewesen, sie einfach hier unten zu lassen, ihre Worte gefangen zwischen den Buchdeckeln, ihre unerzählten Geschichten sicher verwahrt.
So viel von unserer Geschichte war verschwunden. Die meisten Sagen der Alten Götter hatte man vergessen, was Platz für die Neuen Götter geschaffen hatte. Die Menschen glaubten, dass sich die Alten Götter von uns und unserem Egoismus abgewandt und uns deshalb nicht vor der Gefahr gewarnt hatten.
Als die Großen Wellen dann über uns hinweggerollt waren, hatten die Menschen nur mit Mühe an ihrem Glauben festhalten können.
Erst als die Korallen erschienen waren, hatten wir wieder Hoffnung gefasst, dass wir nicht allein waren. Dass die Götter uns doch nicht im Stich gelassen hatten. Wie die Sterne am Himmel führten uns die Korallen in der Tiefe zu den Dingen, die wir brauchten.
Mithilfe der Überreste aus der Vergangenheit konnten wir in der Neuen Welt überleben.
Meine Mutter hatte an die Götter der Tiefe geglaubt, mein Vater dagegen nicht. War es Dads fehlender Glaube gewesen, der zu ihrem Tod geführt hatte? Hatte er das unruhige Wasser und den dunklen Himmel falsch gedeutet, bevor der Sturm losgebrochen war und ihr Boot zerstört hatte? Aber, Elysea …
Mein Atemgerät stieß ein paar schrille Pfeiftöne aus. Ich hab’s gehört, dachte ich. Aber ich bin hier noch nicht fertig.
Ich erreichte den letzten, noch unberührten Raum und hebelte die Tür mit meiner Tauchzange auf. Ich hielt den Atem an, nicht um Tauchgas zu sparen, sondern aus gespannter Erwartung. Doch hinter der Tür konnte ich nichts erkennen. Ich brach mir ein Stück Koralle vom Türrahmen ab und schwamm in den Raum.
Enttäuscht stieß ich einen Mundvoll Luft aus.
Fetzen aus einst farbenprächtigem Stoff hingen von rostigen Stangen herab, die früher einmal an den Wänden gehangen hatten.
Ein Bekleidungsgeschäft.
Ich hatte gehofft, dass dieser Laden, der sich so weit hinten im Gebäude befand, von der Strömung geschützt geblieben war, so wie der Buchladen, doch die Fenster des Geschäfts führten in einen Innenhof, und das Glas war längst verschwunden.
Ich hob Stofffetzen auf, in der Hoffnung, darunter Schmuck oder wenigstens Nippes zu finden. Irgendetwas. Doch die Großen Wellen hatten alles Leben aus diesem Raum gespült.
Mein Atemgerät piepste nun immer energischer, mir blieben nur noch wenige Minuten, und ich hatte meinen Aufstieg an die Oberfläche, der gestaffelt werden musste, um der Dekompressionskrankheit entgegenzuwirken, nicht einmal begonnen. Sobald ich wieder oben war, würde ich Tauchgas kaufen und hoffen müssen, dass ich bald eine weitere Plünderungsstätte finden würde.
Da sah ich etwas. Es lag eingebettet zwischen leuchtend rosa Korallen. Etwas Grünes. Eine seltene Farbe, vor allem hier unten.
Ich schwamm durch das leere Fenster des Geschäfts hinaus und sah nach oben. Ein Teil des Gebäudes war eingestürzt und hatte den Innenhof versiegelt. Kein Wunder, dass er bisher unentdeckt geblieben war.
Doch das war es nicht, was meine Aufmerksamkeit geweckt hatte.
Ich schwamm weiter, mein Herz pochte im Rhythmus der Piepstöne meines Atemgeräts. Das kann nicht sein. Das kann nicht sein.
Als meine Fingerspitzen das wachsartige Grün berührten, holte ich gefährlich tief Luft. Mein Atemgerät heulte auf, aber ich bemerkte es kaum.
Es war eine Pflanze. Eine Pflanze! Bei den Göttern der Tiefe!
Mein Atem ging nun stoßweise. Eine Pflanze war Hunderte, Tausende von Noten wert.
Ich wäre endlich bereit. Bereit, zur Insel von Palindromena zu gehen. Bereit für einen endgültigen Abschied von Elysea.
Meine Hände schwebten über der Pflanze, ich hatte Angst, dass sie bei meiner Berührung zerfallen würde.
Wie war das möglich? Natürlich hatten schon einige Taucher Pflanzen gefunden, doch meistens war es Seegras oder etwas in der Art gewesen. Das hier war etwas anderes. Seegras konnte hier unten ohne Licht nicht wachsen. Dies hier war eine Landpflanze. Und irgendwie hatte sie überlebt.
Vorsichtig befreite ich die Pflanze von Schutt und Schlamm. Etwas war auf sie gestürzt und hatte die Blätter zum Großteil bedeckt. Etwas Organisches, der körnigen, weichen Struktur nach zu schließen. Ein Baum! Er musste in den Wellen umgestürzt sein und die Pflanze vor dem Zerfall bewahrt haben.
Wieder schnappte ich nach Luft, doch da war nichts mehr. Das Atemgerät heulte nun laut und unablässig.
Das Tauchgas war leer.
Rasch grub ich die Finger in die Erde und suchte nach den Wurzeln. Da! Sanft zog ich an der Pflanze, und sie löste sich ganz leicht. Trotzdem brachen ein paar der Zweige und Blätter ab. Es wäre ein Wunder, wenn ich sie intakt zur Oberfläche bekommen würde.
In meiner Brust breitete sich ein Brennen aus, während ich einen transparenten Beutel aus der Tasche an meinem Gürtel zog und die Wurzel darin verpackte. Hitze rauschte durch meinen Körper, schoss durch meine Adern und blubberte an meinen Lippen.
Luft. Ich brauche Luft.
Durch die Geschäfte zurück würde ich es nicht schaffen. Ich brauchte einen schnelleren Weg zur Oberfläche.
Ich sah nach oben. Es war meine einzige Chance.
Ich klemmte mir die Pflanze unter den Arm und trat nach unten. Mit aller Kraft. Das Brennen war auf meine Muskeln übergesprungen.
Oberfläche. Sofort.
Ich schwamm hinauf, erreichte die Trümmer, die den Innenhof absperrten. Es war eine umgestürzte Gipsplatte. Ich stieß mit der Schulter dagegen, in der wilden Hoffnung, dass sie nachgeben und den Weg zum Licht frei machen würde.
Dieses Gebäude war gut zu mir gewesen. Bestimmt würde es mich nicht im Stich lassen. Nicht jetzt.
Das Atemgerät hatte aufgehört zu heulen, da jede Warnung mittlerweile überflüssig war. Entweder war ich tot oder an der Oberfläche. Doch mir blieb noch etwas Zeit. Das jahrelange Tauchen hatte meine Lunge geweitet. Da war noch ein kleiner Rest Sauerstoff in meiner Brust. Ein paar Momente hatte ich noch.
Die Gipsplatte bröckelte unter meinem Ansturm, die Jahrhunderte unter Wasser hatten sie porös gemacht. Endlich sah ich das Glitzern der Sonne. Die Oberfläche!
Ich schwamm durch das entstandene Loch, doch für einen gestaffelten Aufstieg blieb mir keine Zeit. Wenn ich es nach oben schaffte, dann würde ich eine der Dekompressionstabletten schlucken müssen, um die Bläschen zu neutralisieren, die sich in meinen Muskeln und in meinem Blut formten. Das war allerdings meine geringste Sorge.
Der kleine Rest Sauerstoff in meiner Brust war verbraucht. Meine Lunge war am Ende. Meine Beine waren am Ende.
Ich dachte an Elysea. So hatte sie sich in ihren letzten Augenblicken gefühlt. Blau, überall um sie herum. Blau, überall um mich herum. Das Brennen. Der Schmerz. Die Panik.
Mich würde hier unten jedoch niemand finden. Es war niemand mehr da, der mich finden konnte. Ich hätte im Restaurant bleiben sollen, bei Andrei. Ich wollte nicht allein sterben, so wie meine Schwester.
Ich trat nach unten, immer wieder, doch das Licht war zu weit entfernt. Ich versuchte, Luft zu holen, aber da war nichts mehr. Geschlagen spuckte ich das Mundstück in die Taucherhaube.
Dies waren sie also, meine letzten Momente. Ich dachte an Mom und Dad.
Und an Elysea – sogar nach dem, was sie getan hatte. Ich hoffte, dass ich sie alle wiedersehen würde in dem, was nach dem Tod kam.
Als meine Sicht verschwamm, rang meine sture Lunge ein letztes Mal nach Atem.
Luft! Fast hätte ich mich daran verschluckt. Natürlich! Eine kleine Menge Luft hatte die Kuppel gefüllt.
Erleichtert dehnte sich meine Lunge. Damit war der Sauerstoff schon wieder verbraucht.
Aber es reichte.
Ich schwamm zur Oberfläche.




2  Lor
Sonntag, 14:00 Uhr


Ich versuchte, nicht auf die Leichen zu achten, die mich aus ihren Tanks heraus anstarrten. Jedes verfluchte Mal versuchte ich es.
Ich hasste diesen Ort. Ich hasste den Geruch. Ich hasste die schummrige Beleuchtung. Ich hasste alles, wofür es stand. Am allermeisten hasste ich den Tod. Die Leichen hasste ich nicht. Es war nicht ihre Schuld, dass sie in einem wissenschaftlichen Projekt von Palindromena gefangen waren, mit dem die Welt gerettet werden sollte. Die Wissenschaftler glaubten, sie würden unsere Zukunft in Händen halten, weil sie die Feldfrüchte pflegten und anbauten. Wenn die Feldfrüchte starben, dann starben wir alle.
Eigentlich müsste ich mittlerweile an diesen Ort gewöhnt sein. Zwei Jahre arbeitete und lebte ich nun schon in den Kellern von Palindromena, im Aquarium, wie es die anderen Beschäftigten liebevoll nannten. Doch an den Tod würde ich mich nie gewöhnen.
Man hatte die Insel von Palindromena nach der wissenschaftichen Einrichtung benannt, in der ein Verfahren entwickelt worden war, mit dem man Ertrunkene wieder zum Leben erwecken konnte. Allerdings nur für vierundzwanzig Stunden. Die meisten Menschen wünschten sich eine letzte Chance, sich von ihren Liebsten zu verabschieden, und Palindromena konnte ihnen genau das geben. Wenn man sich die dreitausend Noten leisten konnte. Diejenigen, die gezahlt hatten, behaupteten jedenfalls, es sei das Geld wert gewesen, aber mir war das immer wie Wucher vorgekommen.
Ich wusste, dass die anderen Arbeiter hier das Verfahren für ein Wunder hielten – für ein Geschenk der Götter der Tiefe –, aber es war nichts Wunderbares an dem Wiederbelebungsprozess. Letztendlich war der Tod ein Mistkerl, und er spielte niemals fair.
Warum ich dann entschieden hatte, mich mit dem Tod zu umgeben?
Weil ich es nicht verdient hatte, unter den Lebenden zu sein.
Es war an der Zeit, meine Niederlage hinzunehmen und aufzustehen. Seit den frühen Morgenstunden hatte ich wach gelegen. Nach meinem immer wiederkehrenden Albtraum. Nachdem ich diesen Traum nun schon seit zwei Jahren träumte, hätte er doch eigentlich an Wirkungsgewalt verlieren müssen. Trotzdem wachte ich jedes Mal davon auf, dass ich Calens Namen schrie. Es gab kein Entkommen. Nicht einmal im Schlaf. Was ich auch nicht verdiente. Mein Unterbewusstsein erinnerte mich nur allzu gern daran, was ich getan hatte. Die vergangene Nacht war keine Ausnahme gewesen.
Nachdem ich endlich gegen vier Uhr in einen betäubenden Schlaf gesunken war, konnte jener vergangene Tag wiedererwachen, strahlend wie der Sonnenaufgang. Es war, als wäre es erst gestern gewesen und nicht vor zwei Jahren.
Ich befand mich an den Klippen von Palindromena. Nur beim Felsenklettern fühlte ich mich ganz wie ich selbst. Dann war ich nicht der „Inseljunge“. Sondern einfach nur Lor. Beim Klettern konnte ich mein eigenes Tempo vorgeben, meinen eigenen Weg gehen und mein Ziel selbst wählen. Ein Gefühl von Selbstbestimmtheit, das mir sonst verwehrt blieb. Niemand, der meine Bewegungen kontrollierte, niemand, der etwas von mir erwartete. Dies gehörte nur mir. Etwas, das ich wollte. Ganz im Gegensatz zur Insel von Palindromena, auf der ich mich wie ein Gefangener fühlte.
Mein bester Freund Calen war kein sonderlich selbstsicherer Kletterer, aber er blieb stets an meiner Seite und ahmte meine Bewegungen nach. Manchmal sah er anders aus – dann war sein Haar kurz, schwarz oder braun statt lang und blond –, und manchmal wusste ich sogar, dass ich träumte, aber er war immer da. In jedem Traum. Jede Nacht.
Seit unserer frühen Kindheit waren wir Freunde gewesen und hatten die Insel gemeinsam erkundet, während unsere Mütter zusammen arbeiteten. Während die meisten Beschäftigten der Einrichtung auf dem nahe gelegenen Riff von Equinox lebten und täglich mit dem Boot nach Palindromena kamen, blieben unsere Familien in ihren kleinen Häusern auf der Insel, um die Einrichtung im Auge zu behalten. Irgendwann zog Calen nach Equinox, um dort zur Schule zu gehen, doch ich blieb bei meiner Mutter auf der Insel. Ich hatte meinen Großeltern versprochen, auf sie aufzupassen, wenn sie nicht mehr da waren. Ich war alles, was sie noch hatte.
Calen kam jedes Wochenende zu Besuch. Oft brachte er Freunde vom Riff mit, um ihnen die berüchtigte Einrichtung zu zeigen, und allmählich begann er, sich für Mädchen, Boote und Partys zu interessieren. Ich hingegen wollte die Insel erobern. Die letzte Herausforderung war Hallowed Mountain – die höchste Klippe auf Palindromena. Ganz oben gab es einen leichten Überhang, weshalb das Klettern an dieser Felswand streng verboten war, doch uns schreckte nichts ab.
Im Traum wie im echten Leben sahen unsere Freunde uns von unten zu. Sie riefen nach uns, als düstere Wolken die Insel einzukreisen begannen.
„Wir sollten lieber wieder runterklettern“, sagte Calen, die Angst in seinen Augen war nicht zu übersehen.
Doch genau wie vor zwei Jahren antwortete ich: „Wir sind fast oben. Das schaffen wir noch, bevor das Gewitter losgeht.“
Ich kletterte weiter, ich wollte unbedingt die Welt jenseits der Insel sehen. Und Calen war mit dem Sicherungsseil an mir festgebunden. Doch ich hatte mich geirrt.
Wir schafften es nicht.
Warm ergoss sich der Regen über uns. Ich wischte mir mit dem Handrücken über das Gesicht und schmeckte Salz auf den Lippen. Ich sah auf meine Hände hinab. Sie waren überzogen von Blut.
Mein Blick huschte zu Calen, doch ihn hatte der Blutregen nicht berührt. Als er sich auf meine Höhe hinaufzog, rutschte er ab. Das Blut hatte den Felsen glitschig gemacht. Einen Moment lang versuchte er noch hektisch, irgendwo Halt zu finden, dann stürzte er ab. Unsere Freunde unter uns schrien auf.
Mit einem Ruck, der mich beinahe von der Felswand riss, straffte sich das Sicherungsseil.
„Halt dich fest!“, rief ich, während er hilflos in der Luft baumelte.
Er antwortete nicht, sein Gesicht wirkte ausdruckslos, in seinen Augen war jeder Funke von Leben erloschen. Da begriff ich.
Dies hier war ein Traum. Calen war längst tot. Trotzdem versuchte ich verzweifelt, den Ausgang zu ändern.
Ich versuchte, das Seil einzuholen und Calen wieder an die Felswand zu ziehen, aber meine Hände konnten das Seil nicht packen, sie waren zu glitschig vom Blut.
„Es ist deine Schuld“, sagte Calen mit grässlich leblosem Gesicht.
„Nein, nein, nein, nein!“
Das Seil erschlaffte. Und wie immer war Calen fort. Er stürzte ins Meer unter uns, nicht weit von unseren Freunden entfernt, die entsetzt zusahen.
Ich war dumm gewesen. Arrogant. Kindisch. Egoistisch. Davon überzeugt, ich könnte jede Klippe auf der Insel erklimmen. Ich könnte Palindromena erobern. Und danach die ganze Welt.
Dabei war nur ein nasser, glatter Felsen nötig gewesen. Ein langer Sturz ins Wasser. Und mein bester Freund war gestorben. Wegen meiner Überheblichkeit. Wegen mir.
Als ich aufgewacht war, hatte ich erleichtert festgestellt, dass ich mich im Aquarium befand. Ich schloss die Augen nicht wieder, um nicht noch einmal zur Felswand zurückkehren zu müssen.
Ich kreiste meine Schultern, um die Anspannung darin zu lockern, dann griff ich nach einem der Bücher, die auf dem Regal hinter meiner Liege standen. Diese Büchersammlung hatte früher einmal meinen Großeltern gehört. Eine vielseitig aufgestellte Sammlung aus der Alten Welt. Geschichten über Orte, zu denen man laufen oder wandern konnte – ohne ein Boot zu brauchen. Damals war es anders gewesen. Es war nicht nur darum gegangen, wie man überlebte. Sondern darum, wie man lebte. Richtig lebte.
Dieses verfluchte neue Leben drehte sich nur um den Tod.
Um mich abzulenken, wählte ich ein Buch über die architektonischen Wunder der Alten Welt aus. Darin wurde beschrieben, wie die Regierungen die Städte angewiesen hatten, höhere Bauwerke zu errichten, um Lebensraum für die Überbevölkerung zu schaffen. Einige dieser Gebäude ragten tausend Stockwerke in die Höhe, Natürlich waren sie die ersten, die unter der Wucht der Großen Wellen in sich zusammenbrachen.
Dann begann ich meine tägliche Routine. Ich schritt die Gänge des Aquariums ab und hielt die Augen nach Lecks offen. Dabei ließ ich das Buch nie sinken. Hier unten gab es Hunderte von Ertrunkenen, die darauf warteten, sich ein letztes Mal von ihren Liebsten zu verabschieden. Das turbulente Meer, die gefährlichen Tauchgänge und die zahlreichen Stürme hatten zur Folge, dass das Ertrinken seit den Großen Wellen zur häufigsten Todesursache geworden war. Und wer ertrunken war, konnte wiederbelebt werden. Die Einrichtung bewahrte die Leichen zehn Jahre lang auf, dann wurden sie entsorgt. Es gab nur noch wenige Inseln, und Platz war ein Luxusgut. Palindromena konnte die Toten nicht für immer aufbewahren.
Selbst wenn sich die Angehörigen der Toten eine Wiedererweckung nicht leisten konnten, oder wenn jemand nicht durch Ertrinken gestorben war, gehörten die Körper der Toten der Einrichtung. Dies war Teil der Abmachung mit den Konservatoren der Riffe. Im Gegenzug dafür, dass die Riffe der Einrichtung menschliche Versuchsobjekte für wissenschaftliche Forschungsprojekte überließen, erhielten sie frische Feldfrüchte und dringend benötigte Medikamente für das Leben auf dem Wasser. Ein fairer Handel, oder? Immerhin brauchte man seinen Körper ja nicht mehr, nachdem man gestorben war.
Während ich die leuchtenden Gänge abschritt, hielt ich den Blick fest auf mein Buch gerichtet und versuchte, nicht auf die Bewegungen am Rande meines Gesichtsfelds zu achten. Die Toten trugen ihr Haar zwar unter eng anliegenden, durchsichtigen Hauben, aber einige Strähnen lösten sich unweigerlich irgendwann und trieben wie Seetang um die leblosen Gesichter. Das schimmernde Wasser in den Tanks war mit zermahlenen Korallen versetzt, was verhinderte, dass die Leichen verwesten. Scheinbar lebendig trieben sie in der Flüssigkeit umher.
Am schlimmsten waren ihre Augen. Offen starrten sie vor sich hin, die Iris farblos, die Pupillen auf Stecknadelgröße geschrumpft. Als ich um eine Ecke bog, blinzelte plötzlich eines dieser Augenpaare.
Ich stolperte zurück, ließ mein Buch fallen und krachte gegen einen Rollwagen voller Chemikalien. Die Flaschen klirrten und kullerten über den Boden, doch glücklicherweise zerbrach keine davon.
Im ganzen Kellergewölbe hallte der Lärm meines Missgeschicks wider. Die Leiche brach in schallendes Lachen aus.
„Raylan!“, schnauzte ich, als ich begriff, dass das Gesicht zu jemandem gehörte, der sich hinter dem Tank befand, nicht darin. Ich hob mein Buch auf und steckte es in die hintere Tasche meiner Hose. „Was bei allen verfluchten Wassern soll das?“
Raylan trat hinter dem Tank hervor, er krümmte sich vor Lachen. Seine hellbraune Haut schien im Licht der Tanks fast zu leuchten, und seine raspelkurzen schwarzen Locken schimmerten bläulich. „Du hättest mal dein Gesicht sehen sollen!“ Er griff sich an die Brust und riss die Augen auf, um mich nachzuäffen. Er trug eine Wächteruniform. Auf dem beigebraunen T-Shirt war vorn ein Logo zu sehen, bestehend aus zwei zu einer Schale geformten Händen, die ein Blatt hielten. In dem Versuch, dem Ganzen etwas Inselflair zu verleihen, hatte sich Raylan eine schwarze Kordel um den Hals gebunden, an der ein gewaltiger Hornrobbenzahn hing. Das Ding sah eher nach einer Waffe als nach einem Schmuckstück aus und passte überhaupt nicht zu Raylans breitem Grinsen, das normalerweise auf meine Kosten ging.
„Mit den Toten spielt man nicht, Ray.“ Aber ich konnte meine Freude, ihn zu sehen, nicht verbergen. Jemand, mit dem man sich unterhalten konnte. Jemand, der nicht bereits tot war. Obwohl Ray achtzehn Jahre alt war und uns somit nur ein Jahr trennte, wirkte er viel jünger als ich. Das passierte wohl, wenn man immerzu Schuldgefühle mit sich herumtrug und nur die Toten zur Gesellschaft hatte. „Warum treibst du dich hier unten rum?“, wollte ich wissen.
„Ich wollte dir ein paar Fischfrikadellen bringen“, antwortete er und hielt mir eine Metallschüssel als Friedensangebot hin. „Ich dachte, du würdest meine neueste Kreation vielleicht gern probieren.“
Ich musste mich zusammenreißen, um ihm die Schüssel nicht aus den Händen zu reißen und den gesamten Inhalt auf einmal hinunterzuschlingen. Rays Fischfrikadellen waren das Beste in dieser durchnässten Welt.
„Danke“, sagte ich durch einen Mund voll Fisch hindurch, weil ich mich einfach nicht beherrschen konnte. „Die sind köstlich.“
Er grinste. „Die habe ich für die Party gestern Abend gemacht. Du hättest kommen sollen.“
Meine Schultern verkrampften sich, und ich schluckte schwer. „Ich hab’s dir doch gesagt, ich hatte zu tun.“
„Zu tun? Was denn?“
„Das, was ich immer zu tun habe: den Keller bewachen.“ Es gefiel mir nicht, ihn anzulügen, aber die Wahrheit darüber, warum ich hier unten war, konnte ich ihm nicht sagen. Meine Freunde hatten an jenem Tag damals alles gesehen. Ich hatte Calen dazu gezwungen, diesen Berg hinaufzuklettern, und ich hatte nicht auf ihn gehört, als er umkehren wollte. Während mein Unterbewusstsein gern noch einige blutige Details hinzufügte, waren meine Träume stets nervtötend akkurat. Oft fragte ich mich, ob die Erinnerung wohl jemals verblassen würde oder ob ich gezwungen sein würde, sie für den Rest meiner Tage immer und immer wieder zu durchleben.
Vor dem, was geschehen war, konnte ich mich nicht verstecken, vor allen Menschen, die ich kannte, dagegen schon. Also war ich einfach aus der Welt dort oben verschwunden.
Ray musterte mich eine Weile, bevor er fragte: „Warum kriegst du nie einen Abend frei? Ich weiß ja, dass die Direktorin ziemlich Furcht einflößend sein kann, aber das würde sie doch sicher verstehen. Du brauchst auch ein Leben da draußen, außerhalb dieses Kellers.“
Genau das war jedoch der Grund dafür, dass ich hier unten war. Ich konnte – ich würde – das Aquarium nicht verlassen. Ich verdiente kein Leben jenseits dieses feuchten, düsteren Kellers. Ich verdiente es nicht, die Welt dort draußen zu genießen, nachdem ich Calen alles genommen hatte. Im Grunde verdiente ich auch Rays Freundschaft nicht, allerdings schien ich ihn aus irgendeinem Grund einfach nicht fortstoßen zu können.
Als er zum ersten Mal vor sechs Monaten das Aquarium betreten hatte, war er auf der Suche nach einem Versteck gewesen. Er war zum ersten Mal bei einer Wiedererweckung dabei gewesen. Die Trauer der Familie des Patienten war zu viel für ihn gewesen. Mein erster Impuls war gewesen, Ray einfach zu ignorieren, aber stattdessen war ich, ohne darüber nachzudenken, aus den Schatten getreten, um ihn zu trösten. Ich hatte ihm erklärt, dass es an diesem Ort lag. Er bewirkte, dass sich der Tod von uns angezogen fühlte wie die Flut vom Strand. Wir konnten nichts weiter tun, als auf den nächsten Tag zu warten und zu hoffen, dass er besser werden würde.
Eine ironische Aussage, wenn man bedachte, dass ich mir niemals gestatten würde, den Keller wieder zu verlassen. Hier unten zu hausen, weit fort von – fast – allen Menschen, war meine Strafe.
„Ich habe ein Leben“, sagte ich schließlich. „Außerdem brauche ich das Geld.“ Eine kümmerliche Ausrede und kein bisschen wahr, aber ich hoffte, dass Ray sie trotzdem akzeptieren würde. So wie sonst auch.
„Wofür denn? Für noch mehr Bücher aus der Alten Welt? Ich glaube, diese Wälzer hast du so ziemlich alle durchgewälzt.“ Er grinste. „Wälzer gewälzt, kapiert?“
„Das ist kein bisschen lustig.“ Trotzdem musste ich lächeln. Es war einfach unmöglich, ernst zu bleiben, wenn Ray in der Nähe war.
Er gab mir einen Klaps auf den Unterarm. „Du bist so blass, dass du langsam schon aussiehst wie die da!“ Er stammte von den Riffen – vom Equinox –, und der Ockerton seiner Haut war von den Jahren auf dem Wasser noch dunkler geworden.
„Herzlichen Dank auch, Ray.“ Das hatte ich von ihm schon öfter gehört. Blass wie der Tod. Oder meine Lieblingswendung: Leichenblass.
Sein Lächeln verblasste. Hatte ich ihn zu lange auf Distanz gehalten? Immerhin waren wir seit einem halben Jahr befreundet, irgendwann mussten ihn meine Ausflüchte überstrapazieren. Also sagte ich: „Nächstes Mal vielleicht.“ Obwohl es nie so weit kommen würde.
„Super!“ Zum Glück war es nicht schwer, ihn zufriedenzustellen. Ich fürchtete mich vor dem Tag, an dem er Antworten verlangen würde.
„Und, wie war die Party?“, fragte ich, um das Thema zu wechseln.
„Der Hammer.“ Er strahlte. Jedes Mal, wenn er über Equinox sprach, erschien dieser Ausdruck auf seinem Gesicht. „Da war so ein echt süßer Typ. Du hättest wirklich kommen sollen, die Mädchen waren auch ziemlich nett.“
„M-hm“, gab ich vage zurück. Keine Ahnung, ob ich überhaupt noch wusste, wie man sich mit einem Mädchen unterhielt, von Flirten ganz zu schweigen.
Ray folgte mir mit schweren, schlurfenden Schritten. Vor ein paar Jahren hatte er einen Unfall gehabt. Zwei Angelboote waren zusammengestoßen, und der Knöchel seines linken Fußes war zwischen ihnen zermalmt worden. Er kam zwar gut vorwärts, aber am Ende eines langen Tages sah ich ihm an, dass er Schmerzen hatte.
„Alles klar bei dir?“, fragte ich.
„Bei mir?“ Er lächelte. Die Lücke zwischen seinen Vorderzähnen war sein Markenzeichen. „Mir geht’s immer gut, Buddy.“
Ich wusste zwar, dass er nicht gern über seinen Unfall sprach, aber es machte mir zu schaffen, seinen Schmerz zu sehen. Nicht den Schmerz seiner Verletzung, sondern den Schmerz über seinen Verlust. Denn der Unfall hatte ihm das genommen, was ihn zu dem machte, der er war.
Rays Leidenschaft für den Ozean ging auf seine Vorfahren zurück, die sogar schon vor den Großen Wellen zur See gefahren waren. Ray war ein Speerfischer gewesen. Er hatte mehr Zeit tief unter der Meeresoberfläche verbracht als darüber. Doch nach dem Unfall hatte er nicht ins Meer zurückkehren wollen, weil er wusste, dass er nicht mehr so schwimmen konnte wie früher. Er brauchte die Balance aus zwei starken Füßen, um mit den Tiefseeflossen zurechtzukommen. Das hatte er mir jedenfalls erzählt. Die beschädigten Sehnen und Bänder in seinem Fuß mussten heilen, und der beste Ort, um nach Heilung zu suchen, war Palindromena.
Die Wissenschaftler hier hatten zwar einen Weg gefunden, das zerstörte Gewebe im Gehirn und in den Lungen der Ertrunkenen zu heilen, doch es war nicht von Dauer. Nach nur vierundzwanzig Stunden stellte sich der ursprüngliche Zustand wieder ein. Wenn Ray nicht gerade als Wächter arbeitete, verbrachte er den Großteil seiner Freizeit damit, in der medizinischen Abteilung auszuhelfen, in der Hoffnung, dass man irgendwann einen Weg finden würde, das Verfahren, mit dem man die Toten wiedererwecken konnte, dafür einzusetzen, die Lebenden zu heilen.
„Wer war heute dein Kunde?“, fragte ich, um ihn abzulenken.
„Eine sehr nette Dame“, sagte Ray mit aufrichtiger Wärme. Obwohl er ständig vom Tod umgeben war, fühlte er noch immer mit den Kunden und Patienten. Ich fragte mich, ob das im Laufe der Zeit wohl vergehen würde. Die Arbeit an diesem Ort führte bei vielen dazu, dass sie den Tod irgendwann als etwas sehr Gewöhnliches betrachteten – als etwas Alltägliches. Nicht als etwas, das Familien und Zukunftsträume zerstörte.
„Und der Patient – der Wiedererweckte?“
„Ihr Sohn.“ Dieses Mal klang seine Stimme eindeutig weicher. „Ist vor einem halben Jahr ertrunken. Die Mutter wollte mich am Ende dabeihaben.“
„Wirklich?“ Normalerweise wollten die Kunden mit ihren wiedererweckten geliebten Menschen allein sein.
„Ich habe ihr erklärt, dass es so nicht funktioniert. Dass wir die Patienten nicht wissen lassen wollen, was da vor sich geht. Außerdem weißt du ja, dass ich nicht gern in der Nähe der Wiedererweckten bin.“ Er zog eine Grimasse. „Das ist echt unheimlich.“
Ich hob eine Braue. „Wie oft muss ich dir denn noch sagen, dass die Wiedererweckten nicht riechen? Sie sind lebendig. Vollkommen. Vierundzwanzig Stunden lang.“ Und dann auf einmal nicht mehr.
„Für mich riechen sie anders.“ Er tippte sich an die Nase. „Meine Mutter sagt, ich habe einen Riecher für so was.“
„Deine Mutter hat Angst vor ihrem eigenen Schatten.“
Er hielt einen Finger hoch und öffnete den Mund, um zu widersprechen, doch dann sagte er: „Auch wieder wahr.“
Ray hatte mir einmal erzählt, dass seine Mutter immer noch an die Alten Götter glaubte. Sie verabscheute Palindromena, und sie verabscheute es, wie aus den Toten Kapital geschlagen wurde. Sie hatte Ray einmal besucht, kurz nachdem er hier angefangen hatte, und ihn angefleht, zu kündigen und nach Equinox zurückzukehren. Doch schon nach einer Stunde war sie auf ihr Boot zurückgekehrt. Sie hatte behauptet, die ganze Insel stinke nach Tod. Wahrscheinlich war es jedoch der Geruch der Feldfrüchte, der ihr so unvertraut war.
Trotzdem war das, was sie sagte, nicht falsch. Die Insel war der Tod, und der Tod war diese Insel. Man konnte sie nicht voneinander trennen.
Ich glaubte weder an die Götter der Tiefe noch an die Alten Götter. Das war reine Zeitverschwendung. Wir waren für unser Schicksal selbst verantwortlich. Niemand wusste das besser als ich.
„Wenn ich schon mal hier bin …“, setzte Ray an und räusperte sich. „Ich muss dich um einen Gefallen bitten.“
„Nein“, antwortete ich, ohne ihn anzusehen.
„Ach, komm schon!“ Er schlang mir einen Arm um die Schultern, wofür er sich auf die Zehenspitzen stellen musste. „Ist echt keine große Sache, Mann.“
„Das bezweifle ich irgendwie.“ Aus dem, was Ray mir erzählt hatte, schloss ich, dass er immer irgendwie in Schwierigkeiten steckte. Seine ungezwungene Offenheit passte so gar nicht zu der Geheimniskrämerei auf Palindromena.
„Doch, ehrlich. Ich schwöre es bei den Göttern der Tiefe.“ Aller Übermut war aus seiner Stimme verschwunden, und seine sonst so ehrliche Miene wirkte seltsam vorsichtig.
Er machte sich Sorgen über meine Reaktion. Das konnte nichts Gutes heißen.
„Also los“, sagte ich. „Raus damit.“
Sein Blick huschte zu dem Verbrennungsofen hinter mir. Wir befanden uns im hintersten Teil des Aquariums, wo die zuvor wiedererweckten Körper gelagert wurden, bevor man sie im Tempel am Meeresgrund beisetzte. Da es nur noch so wenig Land gab, war es eine Ehre, dort bestattet zu werden, doch nur wenige konnten sich den Preis leisten, den die Einrichtung dafür verlangte. Was eine Kluft zwischen den Riffbewohnern und den Arbeitern auf der Insel schuf, die dafür genug verdienten.
Die Toten konnten kein zweites Mal wiedererweckt werden, das machte ihr Herz nicht mit. Wenn es sich die Angehörigen nicht leisten konnten, sie im Tempel beisetzen zu lassen, wurden sie in dem Ofen hinter mir entsorgt. Glücklicherweise gehörte dieser Teil jedoch nicht zu meiner Arbeit. Nessandra, die Direktorin Palindromenas, kümmerte sich darum.
„Ähm.“ Ray sah überall hin, nur nicht zu mir. „Ich habe morgen eine Kundin …“
„Auf keinen Fall.“ Ich stieß die Hände in die Hosentaschen, nachdem ich zwei und zwei zusammengezählt hatte.
„Komm schoooon, gib dir einen Ruck! Nur bei dieser einen Kundin. Eine einzige lausige Kundin. Du musst nur ein bisschen babysitten. Ist ganz leicht. Das geht alles automatisch.“ Lächelnd tippte er auf den metallischen Echolink an seinem Handgelenk. Die Technologie eines Wächters: Damit ließ sich die Wiedererweckung eines Patienten verfolgen. Ich konnte diese Dinger nicht ausstehen.
„Gut, dann kannst du es ja morgen selber machen.“ Ich ging weiter.
Ray stolperte. „Du musst für mich die Kundin in Empfang nehmen, dafür sorgen, dass alle ruhig bleiben, und …“
„Ich halte die Tanks instand, ich bin kein Wächter. Du weißt genau, dass das gegen die Regeln ist.“ Als Wächter war man während der Dauer der Wiedererweckung für den Patienten verantwortlich. Man musste dafür sorgen, dass er weder die Einrichtung verließ noch begriff, dass er schon tot gewesen war. Die Arbeitsplätze in Palindromena waren begehrt, da man fünfmal so viel verdiente wie in jedem anderen Job. Aber das hatte seinen Preis. Was Ray als Wächter in Ausbildung sehr wohl wusste. „Ich kann nicht fassen, dass du mich das überhaupt fragst. Nessandra würde dir den Kopf abreißen.“
„Die Direktorin muss es ja nicht erfahren“, gab er leise zurück.
Nessandra oder die Königin der Toten, wie die Angestellten sie oft nannten, hatte strikte Regeln, um ihr Unternehmen vor jeder Kritik der Riffbewohner zu schützen. Abgesehen von Ray war sie die Einzige, die wusste, dass ich hier unten war. Ich durfte nicht riskieren, mein Versteck zu verlieren.
„Nein.“ Ich sah dem Tod hier unten schon genug in die Augen, ich musste ihn nicht auch noch als Wächter von Nahem sehen. Was Palindromena tat, war falsch. Die Einrichtung tarnte sich als ein Unternehmen, dem die Verluste der Leute am Herzen lagen. Doch so war es nicht. Die Trauer der Hinterbliebenen war nur Mittel zu einem profitablen Zweck. Jeder zahlte den Preis. Die Toten und die Lebenden.
„Bitte, Lor“, sagte Ray, seine Stimme war leise, eindringlich.
Ich blieb stehen und drehte mich zu ihm um. Ray war nicht oft ernst. „Was ist denn los?“
Er runzelte die Stirn. „Eine Ärztin von den Nördlichen Riffen besucht Equinox. Ich habe schon vor Wochen einen Termin mit ihr ausgemacht.“ Er holte tief Luft. „Sie ist auf Rehabilitation spezialisiert.“
Mein Blick fiel auf seinen linken Fuß. Bevor Ray nach Palindromena gekommen war, hatte er jeden Arzt im Umkreis von zweitausend Meilen aufgesucht. Keiner von ihnen hatte eine Lösung gehabt. Ray hoffte zwar, dass er seinen Fuß hier würde heilen können, doch dies war das erste Mal, dass er von Reha sprach anstatt von einer Heilung. War er bereit, weiterzuziehen? Hatte er begriffen, dass er nicht in der Vergangenheit verharren musste? Dass er nicht so sein musste wie ich?
„Eigentlich sollte ich morgen überhaupt nicht im Dienstplan stehen“, sagte er. „Aber gerade wurde eine Wiedererweckung gebucht. Ich bin dafür am besten geeignet, weil ich in einem ähnlichen Alter bin wie die Kundin und weil alle anderen jungen Wächter schon anderweitig beschäftigt sind. Ich würde dich nicht darum bitten, wenn es nicht sein müsste, aber ich habe sowieso schon Stress mit der Direktorin. Ich darf meine Stellung hier nicht verlieren.“
Die geheimnisvolle Aura, die Palindromena umgab, war durchaus beabsichtigt. Die Wissenschaftler wollten, dass der Wiederbelebungsprozess in gewisser Weise mystisch wirkte. Gesegnet von den Göttern der Tiefe. In der vergangenen Woche war Ray offiziell verwarnt worden, weil er einer Kundin erzählt hatte, dass die Körper binnen weniger Stunden begannen, sich zu zersetzen, und sich schließlich einfach in Flüssigkeit auflösten, wenn man sie aus den Tanks nahm und nicht umgehend wiedererweckte. Je länger sie bereits tot waren, desto schneller setzte der Verwesungsprozess ein. Dieses Detail hatte ich ihm einmal nebenbei in einem Gespräch verraten. Raylan hatte die Kundin nicht erschrecken wollen, aber sein loses Mundwerk hatte Nessandra eine Einnahmequelle gekostet. Viele auf Equinox waren der Einrichtung gegenüber ohnehin schon misstrauisch. Mundpropaganda war alles. Die Leute mussten das Gefühl haben, dass man hier gut auf ihre Toten achtgab und dass ihre Steuergelder gut angelegt wurden.
„Tut mir leid“, antwortete ich. „Aber ich kann meinen Posten hier nicht verlassen.“ Jahrelang war Calen meine Verbindung zur Welt jenseits der Insel gewesen. Nun, da er tot war, schien diese Welt einfach nicht mehr zu existieren.
Ray war meine einzige Erinnerung daran, was jenseits dieser Kellermauern lag.
„Bitte.“ Er legte die Handflächen gegeneinander, fast sah es so aus, als würde er beten. „Nur vierundzwanzig Stunden, dann kannst du wieder in diesen schäbigen Keller zurückkehren und dich weiter vorm Leben verstecken.“
Ich verschränkte die Arme vor der Brust. „Ich verstecke mich nicht.“
„Wirklich nicht? Warum verlässt du das Aquarium dann nie?“ Seine Stimme hatte einen herausfordernden Klang angenommen.
Ich hatte gedacht, ich hätte ihn täuschen können. Vielleicht hatte ich ihn unterschätzt.
„Natürlich verlasse ich das Aquarium.“ Ich zwang mich zu einem Lachen. „Ständig. Das ist doch lächerlich.“
„Lor“, sagte er langsam und behutsam. „Ich habe deine Pritsche dort hinten gesehen.“
Ich wollte ihn anschnauzen, ich wollte ihm sagen, er solle verschwinden. Dass er sich irrte. Dass ich nicht hier unten lebte. Doch ich geriet ins Stocken. Die Lügen kamen mir nicht über die Lippen.
„Ich werde es niemandem verraten“, versicherte er rasch, als er die Angst in meinem Gesicht erkannte. „Bei mir ist dein Geheimnis sicher. Ich verstehe es, wenn du nicht darüber sprechen möchtest.“
Ich stieß einen höhnischen Laut aus. Er verstand überhaupt nichts. Wie könnte er auch? Immerhin hatte ich ihn in den vergangenen sechs Monaten nur belogen – ihn, meinen Freund. Einen Freund, der mich um Hilfe bat.
Ich erkannte die Verzweiflung in seinem Blick, als er seine einzige Chance auf einen Termin bei dieser Ärztin schwinden sah. Ich wusste, wie es sich anfühlte, von seiner Vergangenheit gehetzt zu werden. Ich wünschte, ich könnte ihn davon befreien.
Ich hätte Nein sagen sollen. Ich hätte ihn fortstoßen, ihn nie mehr wiedersehen sollen.
Doch der Gedanke an eine stille Zukunft, die sich Jahr um Jahr vor mir erstreckte, riss einen klaffenden Abgrund in mir auf. Ich brauchte etwas, woran ich mich festhalten konnte. Und das war Ray.
Wenn ich ihm bewies, dass ich das Aquarium verlassen konnte, dann würde ich seine Freundschaft vielleicht noch ein wenig länger halten können. Mir war klar, dass ich diese Scharade nicht ewig aufrechterhalten konnte, aber zumindest würde es so noch ein Morgen geben.
„Also gut“, willigte ich schließlich ein. „Ich decke dich. Aber nur dieses eine Mal.“
Sein Gesicht leuchtete auf. „Wirklich?“
Ich nickte, als wäre das keine große Sache. Als würde ich nicht Calens Andenken verraten, wenn ich mein selbst gewähltes Gefängnis verließ. Als er gestorben war, hatte ich geschworen, ihn nie zu vergessen. Ich hatte geschworen, dass ich dafür bezahlen würde, ihm das Leben genommen zu haben.
„Danke!“ Ray schlug mir auf den Rücken. „Tu einfach vierundzwanzig Stunden lang so, als wärst du ich. Als Wächter musst du die Kundin durch den Wiedererweckungsprozess führen und zur Stelle sein, falls irgendetwas schiefgeht. Was nicht passieren wird. Das wird ein Spaziergang, Alter. Das reinste Kinderspiel.“
Es würde sich zeigen, ob ich diese Entscheidung bereuen musste.

Astrid Scholte

Über Astrid Scholte

Biografie

Astrid Scholte hat einen Bachelor in Film-, Medien- und Theaterwissenschaften und einen weiteren zum Thema Digitale Medien absolviert. Ihre Faszination für das Phantastische und der Wunsch, sich damit zu umgeben, hat dazu geführt, dass sie die letzten 10 Jahre in den Bereichen Animation und visuelle...

Pressestimmen
maskedbookblogger

„Die Idee einer dystopischen Unterwasserwelt wirkt auf mich recht neu und frisch. Rundum ein guter dystopischer Roman.“

literaturmarkt.info

„Die australische Autorin sorgt für Lesekino in brillantester Hollywood-Blockbusterqualität.“ zu Four Dead Queens

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