Lieferung innerhalb 3-4 Tage
Bezahlmöglichkeiten
Vorbestellung möglich
Insel der schwarzen Perlen

Insel der schwarzen Perlen

Roman

Download Cover
E-Book
€ 8,99
€ 8,99 inkl. MwSt.
sofort lieferbar
Jetzt kaufen
Gratis-Lieferung ab 5,00 €
Geschenk-Service
Versand und Lieferbedingungen

Insel der schwarzen Perlen — Inhalt

Hawaii, 1900: Elisa ist überglücklich – nach einem bitteren Schicksalsschlag hat sie in dem Hawaiianer Kelii ihre große Liebe gefunden. Doch ihr Glück ist nicht von Dauer:

Durch eine Intrige ihrer Familie werden sie gewaltsam getrennt: Kelii landet im Gefängnis, Elisa muss auf der Plantage ihres damaligen Vergewaltigers dienen. Dort beginnt eine Zeit des Grauens – bis zu dem Moment, als der junge Einwanderer Johannes sich in Elisa verliebt …

Erschienen am 12.11.2012
480 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-492-95889-9

Leseprobe zu »Insel der schwarzen Perlen«

Im Gedenken an Lili’uokalani, die letzte Königin von Hawaii (1838–1917)

 

Geboren als königliches Kind
Erzogen zur gehorsamen Christin
Verheiratet mit einem Europäer

 

Verraten von weißen Freunden
Inhaftiert für ihre Überzeugung
Entthront von den Amerikanern

 

Geliebt von ihrem Volk und bis heute unvergessen …

 

Prolog

 

Applerock, Kauai, Frühjahr 2011

 

Wilde Frühjahrsstürme tobten seit Tagen über Kauai und wühlten das Meer an der Na-Pali-Küste auf. Winde rüttelten an den Wänden der provisorischen Hütte oberhalb der Klippen, auf dem Stück Land, das bei [...]

weiterlesen

Im Gedenken an Lili’uokalani, die letzte Königin von Hawaii (1838–1917)

 

Geboren als königliches Kind
Erzogen zur gehorsamen Christin
Verheiratet mit einem Europäer

 

Verraten von weißen Freunden
Inhaftiert für ihre Überzeugung
Entthront von den Amerikanern

 

Geliebt von ihrem Volk und bis heute unvergessen …

 

Prolog

 

Applerock, Kauai, Frühjahr 2011

 

Wilde Frühjahrsstürme tobten seit Tagen über Kauai und wühlten das Meer an der Na-Pali-Küste auf. Winde rüttelten an den Wänden der provisorischen Hütte oberhalb der Klippen, auf dem Stück Land, das bei den Küstenbewohnern Applerock hieß.
Neben dem alten Holzschuppen wuchs das neue Zuhause von Maja und Keanu. Lewalani wollten sie das Haus nennen, was so viel hieß wie Himmelreich.
Ein Schauer prasselte auf das Wellblechdach über Maja, kurz und heftig, als eine weitere Wolke sich entlud. Sie saß im Dunkeln, um ihren Liebsten nicht zu wecken, und starrte auf ihren Laptop. Wieder keine Verbindung zum Internet, zu schlechter Empfang.
Beunruhigt beobachtete sie durch das kleine Fenster das wilde Naturschauspiel. Dunkle Wolken jagten über das Meer, immer wieder blitzte der Mond auf die wilden Wellen, dann wurde es wieder dunkel. Notdürftig hatte sie mit Keanu gestern Morgen die Rohbauwände ihres zukünftigen Zuhauses für den Sturm mit Plastikplanen verhängt, doch zwei davon hatten sich gelöst, der Lärm hatte Maja aus dem Schlaf gerissen. Gigantischen Vogelschwingen gleich flatterten die Planen im Sturm und schlugen gegen das Malergerüst. Wie konnte Keanu nur schlafen?
Sollte sie versuchen, die Planen allein zu befestigen? Nur ungern wollte sie Keanu wecken, denn er war erst spät nach Hause gekommen. Auch musste Maja lernen, mit solchen Herausforderungen alleine fertigzuwerden. Drei Monate war es jetzt her, seit sie ihre Heimatstadt München verlassen hatte, weil sie bei ihm sein wollte. Sie hatte sich für eine Zukunft an Keanus Seite entschieden, und hier auf den Klippen, auf der anderen Seite des Erdballs, sollte ihr Kind auf die Welt kommen. Das alles wegen einer jungen deutschen Einwanderin, die vor mehr als einem Jahrhundert das Grundstück, auf dem Maja von nun an ihr Leben verbringen wollte, hätte erben sollen. Elisa Vogel, aus Hamburg nach Hawaii eingewandert im Jahr 1893.
Auf dem nächtlichen Meer rollten in stetigen Linien weiße Schaumkronen in die Bucht. Geheime Botschaften, geschrieben in einer Schrift aus einer Welt unter der Wasseroberfläche, in die Kelii seine Frau Elisa damals für immer mitgenommen hatte …
Majas Leben war verwoben mit dieser Frau aus einer anderen Zeit, nur hatte sie das Webmuster nicht zu deuten gewusst, wenn sie einander in ihren Träumen besuchten und ihre Seelen sich mithilfe der geheimnisvollen Pflanze Tausend-Nebel begegnen konnten. Jetzt, in ihrer Schwangerschaft, traute sie sich nicht, die Kräfte der Pflanze zu nutzen, aus Angst, damit womöglich ihrem Kind zu schaden. Doch es verging keine Stunde, in der sie nicht Sehnsucht nach Elisa verspürt hätte.
Vom Wind aufgewühlt peitschten die Wellen auf die Steilküste zu, überrollten und überschlugen einander. Maja dachte an den Traum, aus dem der Sturm sie geweckt hatte. Sie hatte sich an den Tisch gesetzt, um ihrer Freundin Ina in München zu schreiben, da die für ihr Leben gern Träume analysierte.
Elisa war dort gewesen, im Hintergrund, als alte Frau. Maja nahm in diesem Traum Gerüche wahr. Ein Gemisch aus süßem Jasmin, ungewaschenem Körper und vergorener Milch. Dazu das Weinen eines neugeborenen Babys. Eine junge Frau streckte bittend die Hände aus. An ihrer linken Hand trug sie einen Ring, der Maja gehörte.

 

»Komm zurück ins Bett, ipo …«
Keanus Stimme klang besorgt, als er sich aufrichtete.
»… alles in Ordnung?«
Maja versuchte zu lächeln.
»Tut mir leid, wenn ich dich geweckt habe … Ich hatte einen Traum und wollte ihn Ina schreiben …«
Er runzelte die Stirn. »Du brauchst deinen Schlaf, ipo … Und unser Baby braucht auch Ruhe. Komm zu mir, in meine Arme.«
Maja zögerte. Er war gestern sehr spät nach Hause gekommen, viel später als verabredet. Sie war während des Wartens vor Müdigkeit eingeschlafen und immer noch ein wenig irritiert, weil er sich nicht gemeldet hatte. Er nickte schuldbewusst.
»Es tut mir leid, dass du gewartet hast. Aber ich kann nicht drüber reden … das weißt du. Komm zu mir, bitte. Ich nehme dich in die Arme, und wir schlafen noch ein wenig …«
Er schlug die Decke zurück, doch Maja blieb auf ihrem Stuhl sitzen. So leicht würde sie es ihm heute nicht machen.
»Ich schreibe lieber an Ina … Bei dem Sturm kann ich nicht einschlafen. Die Planen haben sich gelöst. Es klingt wie ein Maschinengewehr … und …«
Ihre Stimme kam ins Stocken.
»… immerzu muss ich an den Haifischmann denken … Was ist, wenn er schon längst draußen steht, uns beobachtet …?«
»Unsinn! Komm ins Bett!«
Maja schüttelte den Kopf. Seufzend setzte Keanu sich auf die Bettkante und schaltete die Nachttischlampe an.
»Du und dein Kopfkino! Willst du mir von deinem Traum erzählen oder von deinen Ängsten?«
Schweigen. Kurz darauf sein leises Lachen.
»Na dann, wenn du nicht kuscheln willst …«
Er legte sich wieder hin. Maja schloss kurz die Augen. Die Art, wie er sie liebte, bedingungslos und leidenschaftlich, aber auch humorvoll und klug, war einzigartig. Mit keinem Mann hatte sie eine derartig tiefe Verbindung gespürt.
Vom Kopfkissen aus sah er sie an, Zärtlichkeit und Belustigung lagen in seinem Blick.
»Du bist eine schöne Schwangere, weißt du das? Und weißt du, wie sehr ich mich auf unser Kind freue? Ihr beide, ihr seid mein Ein und Alles, meine Zukunft, mein Leben.«
Jedes seiner Worte streichelte ihre Seele. Sein mutiger Blick trieb ihre Ängste aufs Meer hinaus, und sie fühlte, wie sie weicher wurde. So war es immer zwischen ihnen. Er redete, sah sie an, und schon schmolz ihr Widerstand. Sie machte einen letzten Versuch.
»Kannst du mir wirklich nicht sagen, wo du so spät noch warst? Es würde mir Sicherheit geben.«
»Ich liebe dich, ipo. Das muss Sicherheit genug sein.«
Die letzten Grenzen zwischen ihr und ihm verschwammen in einem Niemandsland aus Glut und Feuer.

 

Über den Klippen heulte der Sturm, Wellblech zitterte unter prasselndem Regen, die dünnen Hüttenwände bogen sich im gierigen Wind, doch all das war bedeutungslos. Maja liebte.

 

1. Kapitel

 

Applerock, Frühjahr 1900

 

Auf dem steilen Pfad zurück ins Dorf machte Elisa einen Moment Pause. Sie musste Atem schöpfen, das Kind in ihr wog kurz vor der Geburt schwer, weit schwerer als die beiden Körbe mit der feuchten Wäsche, die sie vom Wasserfall zurückbrachte.
Sie wusste nicht warum, aber als sie ihre Augen schloss, sah sie erneut das Gesicht der jungen Frau aus ihren Träumen vor sich. Die Nebelfrau, wie Elisa sie für sich nannte, war in den letzten Tagen stark präsent gewesen. Ihr hatte Elisa zu verdanken, dass sie an diesem Tag endlich das perfekte Versteck für das wertvolle Collier aus schwarzen Perlen gefunden hatte. Seit Monaten hatten Kelii und sie sich nicht einigen können, was mit dem Geschenk ihrer Mutter zu tun war. Das aufwendig geknüpfte Collier bestand aus über hundert Perlen verschiedener Größe, alle von höchster Qualität, und war überaus wertvoll. Vor allem die größeren Perlen würden im Tauschhandel viel bringen.
Zunächst hatte Kelii sie gebeten, das Collier einfach zurückzugeben. Wären es weiße Perlen gewesen, so hätte auch er sich über das Geschenk gefreut, doch schwarze Perlen spielten in der Geschichte seiner Familie eine düstere Rolle. Sie waren kapu, verboten. Kein weibliches Familienmitglied aus Keliis Klan würde Schmuck aus schwarzen Perlen tragen. Sie zogen Unheil an, wenn man wie Kelii aus dem Klan der Haifische stammte.
Er war sehr deutlich geworden, bevor er heute früh mit den Männern zum Versammlungsfelsen aufgebrochen war, um das nächtliche Vollmondritual vorzubereiten.
»Unser aumakua, der Familienschutzgeist, hat schwarze Perlen noch nie erlaubt. Sie dürfen auf keinen Fall in unserem Dorf bleiben, das haben die Ältesten so beschlossen.«
Elisa respektierte das, da sie wusste, wie zwecklos Widerspruch sein würde.
»Ich bringe sie heute noch fort … Dennoch bin ich froh, dass wir jetzt ein bescheidenes Vermögen besitzen. Du musst zugeben, dieses Geschenk meiner Mutter gibt unserer Familie zumindest ein wenig Sicherheit …«
So ging es vor ihrem Aufbrechen noch eine Weile hin und her, der Kompromiss war schließlich ein Versteck in der Nähe des Dorfes, nicht zu weit, aber weit genug, um keinen Verdacht zu erregen, wenn Elisa dort hinging. Sie wollte nicht, dass die Dörfler sie beobachten konnten, wenn sie eine Perle brauchte, um die Waren der weißen Einwanderer zu kaufen, die sie bisweilen benötigte. Bis in die Inselhauptstadt musste sie, um Dinge wie Stifte, Papier und vor allem bestimmte medizinische Vorräte zu erwerben. War das Versteck nicht allzu weit, konnte sie als Kahuna, als Heilerin des Dorfes, immer sagen, sie musste zum Pflanzensammeln. Doch tatsächlich verwendete sie auch einige westliche Mittel, wie zum Beispiel scharfe Skalpelle, und die kosteten eben mehr als ein Huhn.
Der schiefe Apfelbaum oberhalb der Steilklippen war das ideale Versteck. Immer mal wieder nahm Elisa den Weg zu dem verlassenen Hain aus Apfelbäumen auf sich, um an ihren Vater zu denken. Er hatte sich vor seinem Tod gewünscht, auf Kauai eine neue Apfelsorte zu züchten. Doch die Bäume aus Deutschland hatten es in dem tropischen Klima schwer. Von ihrem Freund Johannes wusste Elisa, dass ihr Onkel und der Gouverneur die Hoffnung auf eine neue Apfelsorte aufgegeben hatten. Es war aussichtslos, denn Apfelbäume liebten Frost und brauchten einen halbwegs kalten Winter. Doch wirklich kalt wurde es auf Kauai nie, und die Bäume trugen schon seit Jahren keine Früchte.
Als Elisa an diesem Morgen die schwarzen Perlen, eingeschlagen in ein Tuch, an den Wurzeln des Baumes aus ihrer Heimat vergrub, sah sie das Gesicht ihres Vaters vor sich. Acht Jahre war es her, seit er in Hamburg gestorben war, immer noch vermisste sie ihn. Ihr Leben wäre sicherlich anders verlaufen, wenn er sie beschützt hätte. Ihre Mutter war dazu zu schwach gewesen. In dem Perlengeschenk sah Elisa daher auch eine Art Wiedergutmachung für ihr verlorenes Erbe.
Unter dem Apfelbaum hatte Elisa ein Gebet gesprochen und um Familienfrieden gebeten. Sie wünschte sich Versöhnung. Doch sie wusste, wie sehr sie ihre Familie vor den Kopf gestoßen hatte, als sie sich zu Kelii bekannte. Der Preis ihrer Liebe war hoch. Sie war enterbt worden. Das wertvolle Stück Land an den Steilklippen der Na-Pali-Küste hätte Elisa gehören sollen. Ihr Vater hatte ihr den Hain mit Apfelbäumen explizit in seinem Testament vermacht. Doch ihre Familie hatte sie für tot erklären lassen. Und jetzt gehörte das Grundstück bereits seit Jahren Elisas fünfjähriger Tochter Victoria, beziehungsweise dem Gouverneur von Kauai. Victoria war die Frucht einer Vergewaltigung, die Elisa schwer traumatisiert hatte. Das Kind hatte man ihr kurz nach der Geburt genommen. Doch all das lag Jahre hinter ihr. Sie hatte ein neues Leben begonnen.

 

Elisa atmete tief durch und genoss die milde Luft. Endlich kam die warme Brise nach Kauai. Die lauen Winde waren dieses Jahr spät dran. Begleitet von heftigen Stürmen hatte es diesen Winter viel geregnet, bisweilen mehrere Tage ununterbrochen und in so dicken Tropfen, dass das Spielen auf dem Dorfplatz unmöglich geworden war. Triefend und schlecht gelaunt saßen die Kinder in den Hütten. Einer ihrer Schützlinge, die kleine Ulani, hatte Fieber und einen hartnäckigen Dauerhusten. Doch mit dem wärmeren Frühlingswetter würde auch Ulani bald wieder auf den Beinen sein, da war sie sich sicher.
Zufrieden strich sie sich über ihren Bauch. Sie war noch jung, knapp sechsundzwanzig, ihr Leben lag vor ihr, so wollte sie es sehen, und freute sich auf weiteren Nachwuchs. Nach fünf Jahren ihres Zusammenlebens mit Kelii war sie sicher, ihr ganzes Leben mit ihm verbringen zu wollen. Sie liebte ihn aus ganzem Herzen. Ihr Leben mit den Hawaiianern bedeutete aber auch, dass sie ihre deutsche Verwandtschaft auf Kauai verlor. Sein Dorf in den Bergen war ihr Zuhause.
Manchmal schmerzte immer noch das Verhalten ihrer Mutter, bisweilen sogar körperlich. Ihr Herz tat weh, wenn sie an Clementia dachte. Wie konnte ihre Mutter nur so kalt und grausam sein? Inzwischen war Elisa Adoptivmutter des kleinen Eli, und schon bald würde sie Keliis Kind auf die Welt bringen, und sie konnte sich nicht vorstellen, jemals eines ihrer Kinder zu verstoßen oder sogar für tot erklären zu lassen.
Es war gut, dass Elisa allein gegangen war, um die Perlen zu verstecken. Um im Dorf keinen Verdacht zu erregen, hatte sie Wäsche mitgenommen und angekündigt, sie würde nach dem Waschen noch Heilpflanzen suchen gehen. Praktisch den ganzen Tag war sie jetzt unterwegs gewesen, hatte viele Kilometer zurückgelegt und atmete schwer. Während sie die beiden Körbe kurz absetzte und sich gegen einen Felsen lehnte, ließ sie die Landschaft auf sich wirken. Unbeschreiblich schön war die Natur nach dem heftigen Frühlingsregen. Um später zumindest eine Skizze anzufertigen, versuchte sie sich das Naturschauspiel in all seinen Facetten einzuprägen. Doch viel lieber als mit Bleistift und Kohle würde sie endlich einmal wieder mit Farben arbeiten.
Seit Elisa mit Kelii und Eli zur Jahreswende in sein Heimatdorf zurückgekehrt war, hatte sie immer wieder mit dem Gedanken gespielt, ihre Mutter einmal zu besuchen. Nicht den Schmuck wollte sie ihr zurückgeben, sondern um ihren alten Aquarellkasten würde sie bitten. Doch bestimmt gab es ihren Malkasten nach all den Jahren nicht mehr, so wie es auch keine offene Tür im neuen Zuhause ihrer Mutter gab. Zwischen ihnen standen Welten. Seit Clementia Vogel den deutschen Adeligen Fried geehelicht hatte, gehörte sie zur besseren Gesellschaft auf den Inseln Hawaiis und hatte einen Ruf zu verlieren.
Elisa sah über die Hügel in die Ferne. Heute war der Weg gut zu sehen, der auf der anderen Seite des Tals in die Berge führte, zu ihrer Mutter. Vielleicht war ihre Mutter nicht zu Hause. Clementia war oft auf Reisen, oder aber sie besuchte Elisas Tochter Victoria in Lihue, der Inselhauptstadt. Auf der Zuckerrohrplantage des Mannes, den Elisa am allermeisten auf der Welt hasste, verbrachte Elisas Mutter sehr viel Zeit, denn schließlich war Gerit Janson der Gouverneur. Clementia war die geliebte Großmama seines einzigen legitimen Kindes, seiner Alleinerbin Victoria. Elisa war tot, zumindest auf dem Papier, und im Grundbuch hatte man ihren Namen durch den ihrer Tochter ersetzt.
Elisa wischte eine Träne weg. Sie konnte nichts dafür. Es tat weh, wie ihre Mutter sie aus ihrem Leben gelöscht hatte. Die schwarzen Perlen sollten vielleicht auch der endgültige Abschied sein. Doch daran wollte Elisa nicht denken, noch nicht. Es war zu schmerzhaft.
Vor ihr dampfte es in dichten Schwaden aus dem Tal. Dort lag es, nicht einmal zwei Stunden zu Fuß von hier, das prachtvolle Zuhause ihrer Mutter. Einmal hatte Elisa sich nur mit Eli auf den Weg gemacht, doch hatte sie der Mut verlassen. Es war keine Einladung von Clementia gekommen, seit sie sich in einem winzigen Moment beim Hibiskus-Ball in die Augen gesehen hatten. Es waren Schmerzen im Blick ihrer Mutter gewesen. Und auch Angst. In Elisa krampfte sich alles zusammen, wenn sie an die Neujahrsnacht vor drei Monaten zurückdachte.
Ihre Mutter hatte spontan das wertvolle Collier von ihrem Hals genommen und es Elisa in die Hand gedrückt, aber ihr Blick war dabei so flehend und scheu gewesen, dass selbst ein kurzes Gespräch unmöglich war. Oder hatte Clementia keine Worte der Mutterliebe mehr für sie? Elisa war ihr einziges Kind, einst heiß geliebte Tochter und jetzt Verstoßene. Sie konnte nur ahnen, was es für ihre Mutter bedeutete, Elisa in wilder Ehe mit einem Hawaiianer zu wissen. Für weiße Plantagenbesitzer war es eine Schande, ein Tabu, das nicht gesellschaftsfähig war. Wahrscheinlich würde Clementia ganz einfach nicht darüber sprechen, so wie man auf den Inseln über viele Dinge nicht sprach, die grauenvoll oder nicht schicklich waren.
Elisa strich zärtlich über ihren enormen Bauch. Jetzt bekam sie auch noch ein Mischlingskind, ein Kind der Liebe und der tiefen Verbundenheit, Zeichen ihres Glücks mit Kelii. Die weiße Tochter, die Elisa vor fünf Jahren gebar, war zwar die Frucht einer brutalen Vergewaltigung, doch das hatte in ihrer Familie nie jemanden interessiert. Diese Vergewaltigung zählte auch nicht als solche, da Gouverneur Janson bei Elisas Onkel um ihre Hand angehalten hatte. Im Gegenteil, die jungfräuliche Elisa Vogel sei damals ganz nach seinem Geschmack gewesen – trotz der entstellenden Narbe an ihrem Bein. Nur sei sie leider geisteskrank, so hatte Janson es formuliert, weil sie nach ihrem ersten romantischen Treffen in der nächtlichen Höhle mit einem Hawaiianer durchgebrannt sei.
Welche Frau bei klarem Verstand würde eine Werbung von Gerit Janson ausschlagen, dem reichsten Mann der Insel?

 

Die letzten fünf Jahre, in denen Elisa ausschließlich unter Hawaiianern lebte, hatten sie tief geprägt, vor allem ihre Zeit auf der Insel Maui, in der sie ihre Einweihungen zur Kahuna erhielt. Pupule, verrückt sei Elisa Vogel, inzwischen auch die Haifrischfrau genannt.
Vielleicht war sie in den Augen der Weißen verrückt, auf alle Fälle fühlte sie sich nicht mehr wie eine haole, eine seelenlose Weiße. Elisa war kanaka, eine Hawaiianerin. Für sie war nicht nur Keliis Liebe ein Gottesgeschenk, sondern auch die Zugehörigkeit zu seinem Volk. Mit jedem Tag, an dem sie in seinem Dorf als ausgebildete Kahuna Heilkunst praktizierte und helfen konnte, wurde sie von der Dorfgemeinschaft mehr akzeptiert. Ihr neues Leben war auf einem guten Weg.
Doch wenn Elisa in sich hineinhorchte, wie an diesem Tag, an dem sie die schwarzen Perlen vergraben hatte, meinte sie die Liebe ihrer Mutter wie einen stummen Hilferuf in sich zu spüren. Ihre Mutter musste ihr Bestes wollen, warum sonst hätte Clementia ihr spontan dieses wertvolle Collier gegeben? Es war immerhin ihr Hochzeitsgeschenk und von großem Wert. Wie eine warme Schutzhülle, gewachsen in fröhlichen Kinderjahren in ihrem Hamburger Garten, fühlte Elisa die verzweifelte Sehnsucht ihrer Mutter und hoffte, ihre Liebe würde eines Tages stärker sein als ihr Schamgefühl.

 

Einige Momente lang holte Elisa noch Atem, bevor sie ihren Weg vorsichtig fortsetzte. Durch die heftigen Regengüsse war der versteckte Weg zum Dorf, den sie benützte, heute besonders rutschig. Ihre Schritte musste sie wegen ihres schweren Bauches behutsam setzen. Weiter oben hörte sie Kinderstimmen. Eli und seine Freunde, die Elisa seit dem Wasserfall begleitet hatten, warteten eine Wegbiegung weiter oben, doch langsam wurde ihr Adoptivsohn ungeduldig.
»Kommst du bald, Ma?«
Elisa rief fröhlich zurück, es würde noch ein wenig dauern, da sie das Baby und die Wäsche den Berg hinauftrüge. Im Umgang mit Gebärenden waren die Hawaiianer ihres Dorfes angenehm unkompliziert. Schon die Kleinsten wussten, worum es dabei ging, und die größeren Kinder wurden sehr früh aufgeklärt.
»Geht ruhig schon vor, Jungs, ich raste noch ein wenig … Es ist so ein schöner Nachmittag.«
Doch Eli war jetzt schon ein sehr pflichtbewusster Junge. »Nein, Ma, wir warten hier auf dich und helfen dann mit den Körben, ich habe es Pa doch versprochen …«
Elisa hörte, wie die Jungs über ihr fröhlich lachten und begannen, ihre Blasrohre aus Schilf zu basteln. Unten am Wasserfall hatte Eli mit den anderen Dorfkindern gespielt. Den ganzen Tag tobten und spielten sie, froh über einen Tag ohne Regen. Dann wurden Schilfrohre für Flöten und Blasrohre geschnitten. Eli kannte sich gut aus, war geschickt und mit seinen fünf Jahren auch bereits fürsorglich den beiden neuen Jungs gegenüber, die erst seit kurzer Zeit mit ihrer Schwester Ulani im Dorf lebten.
Genüsslich ließ Elisa ihren Blick noch einmal über das Kunstwerk unter ihr schweifen. Atemberaubend war die Schönheit, die sie umgab, und sie überkam Dankbarkeit. Jetzt kannte sie drei Inseln dieses magischen Archipels, jede der Inseln anders, alle von beeindruckender landschaftlicher Schönheit, doch auf Kauai fühlte sie sich wirklich zu Hause. Hier dachte sie an die Erhabenheit göttlicher Schöpfung. Der biblische Paradiesgarten könnte so ausgesehen haben.
Solche Gedanken hatte Elisa auch, wenn sie am Wasserfall ihre dörflichen Nachbarn beim Baden beobachtete. Ähnlich wie Adam und Eva trugen sie oft nicht mehr als ein Feigenblatt, in ihren knappen Lendenschurzen erinnerten sie an die Paradies-Gemälde der alten Meister. Hier fühlte sie sich Gott nah. Keine noch so imposante Kirche ihrer Geburtsstadt konnte derartig tiefe religiöse Gefühle in ihr hervorrufen. Was für ein Glück sie hatte, ausgerechnet hier leben zu dürfen, dachte sie, als sie eine weitere Wegbiegung hinter sich gebracht hatte.
Sie war jetzt knapp fünfzig Höhenmeter weiter oben, unter ihr der größte der Hügel auf dieser Seite der Na-Pali-Küste. In wilden Zacken schnitt der vom Gipfel ausgehende Kamm unter ihr in die drei Haupttäler. Sternförmig verbreiterten sich die kleineren Einschnitte, auf einer Seite streckte sich das Meer vor ihr bis hin zum Horizont. An diesem Abend war es ruhig und fast so glatt wie Glas, vollgesogen mit dem süßen Regenwasser der letzten Tage. Am weiter draußen gelegenen Riff der Haie spielten kleine Wellen. Davor wechselten in der Bucht vor dem Sandstrand ein helles Türkis und ein tiefes Preußischblau in fast gleichmäßigen Streifen. An den Stellen, an denen der Sandboden von den dunkelgrünen Algen überwachsen war, funkelte das Abendlicht auf dem Wasser.
Elisa seufzte. Das Meer war traumhaft ruhig. Hätte es in ihrem Zustand nicht einen wirklich beschwerlichen Ab- und wieder Aufstieg bedeutet, wäre sie heute zu gerne mit ihrem Schwangerschaftsbauch im salzigen Meer schwimmen gegangen. Sie liebte das Gefühl, mit dem Baby vom Salzwasser getragen zu werden. Doch ohne Kelii, der ihr beim Aufstieg helfen würde, traute sie es sich nicht mehr zu. Und Kelii wollte nicht, dass Elisa sich in der unteren Bucht zeigte. Es hatte erneut Unruhen gegeben, wie er ihr an diesem Morgen sagte, bevor er zu seiner Versammlung aufbrach. Über dreihundert neue Arbeiter für die Plantagen waren angekommen, erneut aus China, wieder halb verhungert, wütend und teilweise bereits krank.
Seit vielen Wochen hatte Elisa in ihrer Bucht kein einziges Schiff aus Europa mehr ankern sehen. Es hieß, dass es nicht sicher sei, weil auf den Schiffen oft auch Menschen eingeschmuggelt würden, die Krankheiten verbreiteten. Die Waren von Übersee mussten von nun an grundsätzlich in Honolulu, auf der Insel Oahu, verzollt und dann erst auf kleinere Schiffe umgeladen werden. So konnte man ankommende Menschen, die einwandern wollten, besser kontrollieren, so hieß es. Wegen fremder Krankheiten sei diese Maßnahme zum Schutz der Ureinwohner nötig.
Elisa begrüßte auch diese neue Bestimmung nicht, da sie nicht eine Sekunde lang glaubte, sie sei zum Schutz der Hawaiianer erlassen worden. Im Gegenteil, sie würde der Urbevölkerung erneut schaden, zumindest auf Kauai, weil keine eigenen Handelsbeziehungen mehr entstehen konnten, wenn von nun an alle Waren in Honolulu abgefertigt würden. Nicht umsonst war Elisa als Tochter eines erfolgreichen Reeders zur Welt gekommen. Die Amerikaner wollten sämtliche Inseln Hawaiis unter ihre Knute zwingen, und deshalb zentralisierten sie alles in Honolulu, um die Kontrolle zu haben.
Vor sieben Jahren war Elisa in dieser Bucht mit einem Schiff aus Deutschland angekommen, im Jahr 1893, als Königin Lili’uokalani gefangen genommen wurde.
Auf diesem Felsen, an dessen Fuß Elisa jetzt stand, hatte sie als junge Einwanderin im Dickicht des Dschungelwaldes die ersten halbnackten Hawaiianer erspäht. Unzivilisierte Wilde waren das, meinte der deutsche Kapitän. Voller Neugierde und Erwartung, und vor allem viel zu jung, um zu widersprechen, hatte Elisa sich schon damals gewünscht zu wissen, wer diese Wilden wirklich waren.

Über Noemi Jordan

Biographie

Noemi Jordan ist das Pseudonym einer deutschen Autorin, die vor zwei Jahrzehnten in einen hawaiischen Clan eingeheiratet hat. Durch ihre Zwillinge fühlt sie sich für immer mit Hawaii verbunden, und über die Jahre entstand durch die Besuche der Inseln eine tiefe Liebe zu der exotischen Landschaft...

Medien zu »Insel der schwarzen Perlen«

Weitere Titel der Serie »Hawaii-Romane«

Um 1900: Elisa wandert von Hamburg nach Hawaii aus, wo sie den Einheimischen Kelii kennenlernt. Doch ihrem Glück stehen viele Hindernisse im Weg.

Kommentare zum Buch

Insel der schwarzen Perlen
Barbara am 22.06.2015

Dieses Buch fand ich etwas besser als der erste Band "Im Tal der tausend Nebel". Aber es war nicht meine Welt und manches Mal habe ich gedacht, ich lese einen Fantasy-Roman. Diese Verbindungen zu irgendwelchen Urahnen bis endlich die ganze Familiengeschichte aufgerollt war- ein unendliche Geschichte.....gespickt mit Rechtschreibfehlern. Mit Sicherheit kaufe ich kein Buch von Noemi Jordan meht

Kommentieren Sie diesen Beitrag:
(* Pflichtfeld)
Kommentar senden