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Ins eisige Herz SibiriensIns eisige Herz Sibiriens

Ins eisige Herz Sibiriens

Eine Reise von Moskau nach Wladiwostok

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Ins eisige Herz Sibiriens — Inhalt

Eine Reise von Moskau nach Sibirien

13 000 Kilometer mit einem klapprigen russischen Jeep von Moskau durch Sibirien. Zwei Ziele hat Jacek Hugo-Bader dabei fest vor Augen: die lange Zeit für den Westen unzugängliche Hafenstadt Wladiwostok und die Gewissheit, auf seinem Weg mit jedem ins Gespräch gekommen zu sein. Mit einstigen Hippies und heutigen Rappern, Obdachlosen, Grubenarbeitern oder den Ureinwohnern Sibiriens, den Ewenken, die sich durch ihren Wodka-Konsum selbst auszulöschen drohen. Und völlig unverhofft begegnet er gegen Ende seines Höllenritts dann doch noch einigen glücklichen Russen: in der Siedlung eines der sechs Christusse Sibiriens ...

 

€ 15,00 [D], € 15,50 [A]
Erschienen am 11.08.2014
Übersetzt von: Benjamin Voelkel
352 Seiten, Klappenbroschur
EAN 978-3-492-40459-4
€ 12,99 [D], € 12,99 [A]
Erschienen am 11.08.2014
Übersetzt von: Benjamin Voelkel
352 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-96646-7

Leseprobe zu »Ins eisige Herz Sibiriens«

Anstelle eines Vorworts

Ich bin in den Jahren 1991 und 1992 ein paarmal in die UdSSR gefahren, dann wollte ich nicht mehr. Wunderbare Menschen und Beleidigung des Verstandes. Große Kunst und erniedrigende Suche mit heruntergelassener Hose nach zumindest einem Stückchen Toilettenpapier. Großartige Architektur und vor dem Fenster ein Müllhaufen bis zum zweiten Stock. Es fehlte mir damals als Reporter an Verständnis, an Entschlossenheit. Und so macht sich Jacek Hugo-Bader für mich auf den Weg in jenes russische Imperium. Denn wenn ich seine Reportagen [...]

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Anstelle eines Vorworts

Ich bin in den Jahren 1991 und 1992 ein paarmal in die UdSSR gefahren, dann wollte ich nicht mehr. Wunderbare Menschen und Beleidigung des Verstandes. Große Kunst und erniedrigende Suche mit heruntergelassener Hose nach zumindest einem Stückchen Toilettenpapier. Großartige Architektur und vor dem Fenster ein Müllhaufen bis zum zweiten Stock. Es fehlte mir damals als Reporter an Verständnis, an Entschlossenheit. Und so macht sich Jacek Hugo-Bader für mich auf den Weg in jenes russische Imperium. Denn wenn ich seine Reportagen lese, habe ich den Eindruck, dass er speziell für mich, den Leser, all diese Abenteuer erlebt. Er erlebt sie sozusagen in meinem Namen. Ich weiß, dass andere auch diesen Eindruck haben: Sie lesen und spüren, dass er dort ihr Mann vor Ort ist. Und er begibt sich dorthin, wo ich Angst hätte hinzugehen.

Ryszard Kapuściński hat das Imperium aus der Vogelperspektive beschrieben; er hat die Mentalität der Menschen, ihre Verhaltensweisen, die gesellschaftlichen Prozesse erfasst.

Hugo-Bader beschreibt es aus der Perspektive des herumstreunenden Hundes; er packt die Menschen bei ihrer Mentalität und ihren Verhaltensweisen, die Gesellschaft bei ihren Prozessen und obendrein die Ratte am Schwanz.

Mariusz Szczygieł

Vanishing Point

Ich betete nur, dass er nicht nachts in der Taiga den Geist aufgibt und dass ich nicht auf Banditen treffe. Auf das erste Unglück war ich vorbereitet, auf das zweite nicht. Ich war wohl der einzige Verrückte, der ohne Waffe durch diesen schrecklichen Landozean reiste, dazu noch alleine.

Der Lieblingssport der Einheimischen ist das Schießen. Sie fahren ganz normal auf der rechten Straßenseite, aber ihr Lenkrad befindet sich auch rechts, weil die Autos aus Japan stammen. Sie haben die linke Hand am Steuer, also können sie die rechte ganz leicht aus dem Fenster strecken und während der Fahrt mit dem, womit sie bewaffnet sind, auf Informationstafeln, Straßenschilder und Reklamen ballern. Im Osten Sibiriens habe ich keinen einzigen Wegweiser gesehen, der nicht durchlöchert war wie ein Sieb. Kleine und große Kaliber, einzelne Schüsse, Serien und manchmal riesige Löcher von ganzen Schrotladungen.

Alle paar Dutzend Kilometer steht das Wrack eines ausgebrannten Autos. Mit Sicherheit sind sie im Winter kaputtgegangen, und zwar nachts, ihre verzweifelten Besitzer haben sie angezündet, um sich aufzuwärmen.

Es besteht eine kleine Chance, dass sie so überlebt haben.

Nacht

Stümper.

Vor der Abreise hätten sie sich erkundigen sollen, wie man eine Winternacht in der Taiga übersteht.

Ich stelle das Auto immer mit der Motorhaube in Windrichtung. Für alle Fälle. Wenn der Wind aus der anderen Richtung weht, kann er die giftigen Abgase hereinblasen. Ich lasse das Auto auf niedrigen Touren laufen, damit es warm bleibt. Der Kraftstoff geht mir nicht aus, der Wagen verbraucht nur etwa einen Liter in der Stunde, und der Tank ist noch mindestens halb voll.

Das ist ein heiliges Prinzip, wenn man im Winter mit dem Auto durch Sibirien reist: So oft zu tanken, dass der Tank immer mindestens halb voll ist. Doch vor dem Schlafengehen schalte ich den Motor aus. Das Risiko ist zu groß. Der Wind wechselt in der Nacht die Richtung, und schon wache ich nicht mehr auf. Dafür stelle ich meinen Wecker im Telefon. Alle zwei Stunden stehe ich auf und lasse den Motor an, damit er zehn, fünfzehn Minuten läuft. Es geht nicht einmal darum, die Kabine aufzuwärmen, sondern um den Motor und die Ölwanne. Und darum, die Batterie aufzuladen. Schon bei 30 Grad Frost hat man ohne diese Manöver keine Chance, dass das Auto am Morgen anspringt, weil das Motoröl so zäh wird wie Knete. Einmal habe ich bei solchen Temperaturen Öl und bei der Gelegenheit auch Brems- und Servoflüssigkeit nachfüllen wollen. Alle waren so zähflüssig, dass sie nicht aus der Flasche fließen wollten.

Aber nehmen wir an, das Telefon hätte sich entladen und ich wäre bis zum Morgen nicht aufgewacht. Man muss ein Feuer machen. Natürlich reist kein vernünftiger Mensch ohne eine Axt durch Sibirien. Du hackst Holz und schichtest einen Stoß auf, aber du kannst ihn nicht einmal mit Benzin anzünden, weil schrecklicher Frost herrscht, der Wind weht und alles voller Schnee ist. Ich habe in einer Kanne eine fertige Mischung aus Benzin und Motoröl im Verhältnis eins zu eins dabei. Damit lässt sich sogar nasses Holz in Brand setzen.

Aber nehmen wir an, ich würde in den Steppen hinter dem Baikal festsitzen und nicht in der Taiga. Es gibt nichts zum Feuer machen. Ich habe es dabei. Aus Europa bringe ich eine Kiste voll Holz mit nach Sibirien. Natürlich geht es nicht darum, sich die Hände zu wärmen. Man muss das Feuer auf eine Schaufel nehmen (sie ist genauso wichtig wie die Axt) und es unter das Auto schieben, den Motor aufwärmen, vor allem die Ölwanne. Ebenso gut kann ich das mit einem Benzinbrenner machen. Das ist ein sehr einfaches Gerät, das einem kleinen Flammenwerfer ähnelt und das ich mir bei einem Schrotthändler für 600 Rubel (30 Euro) gekauft habe.

Aber nehmen wir an, es herrscht so starker Frost und ich habe so lange geschlafen, dass die Batterie sich ganz entladen hat. Ich habe eine zweite. In der Fahrerkabine, wo es bedeutend wärmer ist. Ich muss sie nicht einmal wechseln, weil sie mit der anderen über Kabel verbunden ist. Es genügt, einfach den Schalter umzulegen.

Aber nehmen wir an, dass der Motor, der dich wärmt, kaputtgegangen ist. Du musst mindestens bis zum Morgen durchhalten. Zwar gibt es eine sibirische Redensart, dass man nicht einmal seinen Feind allein in der Taiga zurücklässt, aber das gilt nicht für Situationen auf der Straße und in der Nacht. Der Verkehr nimmt dann sehr stark ab, und keine Macht der Welt könnte einen russischen Autofahrer dazu bewegen, nach Sonnenuntergang anzuhalten. Sie fürchten sich vor Banditen.

Die beste Lösung ist eine Webasto, eine Heizung, betrieben mit einem kleinen Verbrennungsmotor, der unabhängig vom Automotor funktioniert. Sie kostet 1000 Euro, also habe ich mir das gespart, aber ich habe einen kleinen Reisekocher, den ich in der Fahrerkabine anzünde und vor dem Schlafengehen ausmache, um Gas zu sparen. Nachts wärmen mich eine oder zwei Kerzen, die ich auf den Boden stelle. In der kältesten Nacht, die ich im Auto verbracht habe, betrug die Temperatur morgens minus 36 Grad, aber in der Kabine waren es nur 15 Grad unter null.

Natürlich habe ich einen herrlichen Daunenschlafsack, eine Daunenjacke und immer einen Vorrat an Trinken und Essen für mehrere Tage.

Traum

Im März des Jahres 1957, vielleicht am 9. März um 13.00 Uhr, an einem Samstag, denn samstags fanden die wöchentlichen Versammlungen der Wissenschaftsabteilung bei der Komsomolskaja Prawda statt, erhielten zwei Reporter vom Chefredakteur einen ungewöhnlichen Auftrag. (An diesem Tag und zu dieser Stunde kam ich unvorhergesehen auf den gebohnerten Dielen zwischen Küche und Schlafzimmer in der Wohnung meiner Großmutter an der Warszawska-Straße 62 in Sochaczew auf die Welt.)

»Unseren Lesern muss über die Zukunft berichtet werden«, sagte der Chefredakteur der Prawda. »Beschreibt, wie das Leben in der Sowjetunion in rund fünfzig Jahren aussehen wird, sagen wir am neunzigsten Jahrestag der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution.«

Das heißt im Jahr 2007.

Das Buch von Michail Wassiljew und Sergei Guschtschew, den Journalisten von der Prawda, trägt den Titel Reportage aus dem 21. Jahrhundert. Die Autoren schrieben, dass wir im Alltag Elektronenmaschinen und künstliche Gedächtnisse verwenden werden (wir nennen sie heute Computer), winzige Sende- und Empfangsstationen (Handys), Bibliotranslation (also das Internet), dass wir Autos aus der Ferne öffnen (also mit einer Fernbedienung), Fotos mit einem elektrischen (digitalen) Apparat machen und Satellitenfernsehen auf Flachbildschirmen sehen werden.

Sie schrieben darüber zu einer Zeit, als es in dem Haus, wo ich auf die Welt kam, nicht einmal einen Schwarz-Weiß-Fernseher, eine Toilette und ein Telefon gab, um den Arzt zu rufen.

Wassiljew und Guschtschew verbrachten die meiste Zeit in den Moskauer Laboren der Akademie der Wissenschaften der UdSSR, dann versetzten sie sich in Gedanken in das Jahr 2007 und begaben sich mit einem herrlichen Düsenflugzeug auf eine Reise nach Sibirien.

Ich entschied mich, mir ein Geschenk zum fünfzigsten Geburtstag zu machen und mit dem Buch durch ganz Russland zu reisen, von Moskau nach Wladiwostok. Aber ich würde nicht mit dem Flugzeug reisen wie die Autoren der Reportage aus dem 21. Jahrhundert. Mit dem Zug wiederum war ich schon ein paarmal dorthin gefahren.

Mein Gott! Das ist doch die Gelegenheit, das Bravourstück Kowalskis zu wiederholen! Des amerikanischen PS-Kriegers, Halbgotts, einsamen Fahrers, der letzten heldenhaften Seele auf diesem Planeten, für die Geschwindigkeit Freiheit bedeutete. So heißt es über ihn in Vanishing Point, dem berühmten amerikanischen Film, der in den Siebzigerjahren zum rebellischen Manifest meiner Generation wurde. Endlich gibt es eine Gelegenheit, um einen Jugendtraum zu verwirklichen und so wie er einsam mit dem Auto einen ganzen Kontinent zu durchqueren, nur dass meiner zweieinhalbmal größer ist als Amerika, die Straße hinter Tschita endet und ich darauf bestehe, im Winter zu fahren. Ich will unbedingt den Winter in Sibirien erleben.

»Im Wiiiiinter?! Wenn du an Weihnachten nicht zu Hause bist, brauchst du überhaupt nicht mehr zurückzukommen«, sagt meine Frau, und ich weiß, dass das kein Scherz ist.

Verdammt! Das bedeutet, ich muss mich beeilen. So wie Kowalski! Ich allerdings wegen der Feiertage, während er um eine Portion Speed gewettet hatte. Und er hatte einen Dodge Challenger, Baujahr ’70, mit achtzylindrigem 7,2-Liter-Motor, der bis zu 250 Kilometer in der Stunde fahren konnte.

Sponsor

Mit potenziellen Geldgebern hatten alle Reisenden ihre liebe Not, Kolumbus, Amundsen, Livingstone und Nansen nicht ausgenommen.

Der Chef der Reportage-Redaktion sagte, es komme gar nicht infrage, mich für mehrere Monate ins Ausland zu schicken, weil ich damit das Budget für die Dienstreisen der ganzen Abteilung verschlingen würde.

Also rief ich selbst bei den Marketingchefs jener polnischen Niederlassungen von Autokonzernen an, die ich im Telefonbuch fand, und schickte ihnen schriftliche Kooperationsangebote. Ich benötigte Geld und ein Auto und argumentierte so, dass es keine bessere Reklame für sie geben würde, als wenn das Auto mit mir den Weg zum anderen Ende des eurasischen Kontinents überstehen würde, im Winter, durch ganz Russland – von Warschau nach Wladiwostok.

Toyota, Nissan, Honda, Hyundai, Suzuki, Subaru, Mitsubishi, KIA, alle asiatischen Marken, ebenso Volvo, haben nicht einmal auf meine Einladung geantwortet. Die Franzosen, Fiat und Ford habe ich nicht kontaktiert, weil mein Bruder, der sich mit Autos auskennt, sagte, dass er mich nicht mit einem Auto fahren lasse, das mit einem F anfange. BMW, Mercedes und Land Rover hatten keine »freien Kraftfahrzeug-Kapazitäten«. Jeep war bereit, ein Auto zu spendieren, aber kein Geld. Mit allen Bedingungen einverstanden war nur die Firma Kulczyk Tradex, der Importeur von Audi, Volkswagen und Porsche.

Sie boten den mächtigen Luxus-Geländewagen Audi Q7 an. Vierradantrieb, 4,2-Liter-Benzinmotor, 350 Pferdestärken, von null auf hundert in sieben Sekunden, Höchstgeschwindigkeit 240 Kilometer in der Stunde – zweieinhalb Tonnen Bourgeoisie für 350 000 Złoty (87 500 Euro). In meiner Vorstellung sah ich mich, wie ich auf ein Bier vor dem Laden in der heruntergekommenen Kolchose Metschta Iljitscha (Iljitschs Traum) vorfahre und mit den Jungs von dort über das Leben plaudere.

Der Winter rückte näher, und ich zögerte immer noch, den Vertrag mit dem Sponsor zu unterschreiben. Die ganze Philosophie meiner journalistischen Arbeit kann ich in einem Wort zusammenfassen: eintauchen. Mit dem Hintergrund verschmelzen, nicht hervorstechen, nicht ins Auge fallen, unbemerkt vorbeihuschen. In der Kolchose Metschta Iljitscha wäre ich mit meinem Q7 so unauffällig wie ein Außerirdischer. Außerdem ist meine Arbeitsweise sehr sicher, weil ich nicht die Aufmerksamkeit von Ganoven auf mich lenke.

Ich rief den Sponsor an und teilte ihm mit, dass ich das Geld nehmen würde, das Auto würde ich nicht benötigen.

So trennten sich unsere Wege.

Verzweifelt ging ich zu meinen Chefs. Ich warf die Landkarte auf den Tisch, schilderte meine Träume, dass ich mich von Kulczyk Tradex getrennt hatte, und sagte, wenn sie mir das Geld nicht gäben, würde ich es mir bei meiner Frau holen (weil sie über das Geld wacht), aber es sei eine Schande, wenn eine arme Frau die Wyborcza sponsern müsse. Sie gaben mir das Geld. Doch für ein Auto reichte es nicht, also musste meine Frau 25 000 Złoty (6250 Euro) vorstrecken.

Ich entschied, dass ich in Moskau ein russisches Auto mit örtlichem Nummernschild kaufe und auf diese Weise, ohne Aufmerksamkeit zu erregen, in aller Ruhe an den Stillen Ozean gelange. Von den russischen Autos hat nur der Lada Niva einen Vierradantrieb, aber die einheimischen Spezialisten sagen, dass hinter dem Ural niemand in der Lage ist, ihn ordentlich zu reparieren, sowie der UAS, den mir in jeder Kolchose selbst die Traktoristin mit dem Hammer repariert, weil er angeblich das unkomplizierteste Auto auf der Welt ist.

Krusak

Der UAS-469 (Uljanowski Awtomobilnyi Sawod); Automobilwerk Uljanowsk), den ich für mich suchte, wird sowjetischer Jeep oder russischer Krusak genannt, was vom japanischen Land Cruiser abgeleitet ist. So werden hier alle Geländewagen genannt. Meistens heißt er nur kurz UAS oder Uasik, was an das russische Verb lasit – klettern – erinnert und passt, weil er überallhin kommt. Das Modell wird seit 1972 unverändert produziert, auch der Gelände-Kleinbus, der aufgrund seiner Form buchanka, also Brotlaib, genannt wird, läuft immer noch vom Band. Hinter dem Ural nennen sie ihn »Tablette«. Er hat sich seit 1958 nicht um ein Jota verändert. Beide Modelle wiegen zweieinhalb Tonnen, haben einen Benzinmotor mit einem Hubraum von 2,4 Litern, eine vierstufige Gangschaltung und eine Leistung von lediglich 72 Pferdestärken.

Die UAS wurden in achtzig Länder verkauft, überwiegend in die Dritte Welt. Bis heute sind 17 000 Uasiks in Polen registriert, die sich noch an die Zeit des RGW und Warschauer Pakts erinnern. In den Siebzigerjahren bezwangen die Russen in diesen Autos die Sahara und erklommen auf dem Gletscher den Elbrus bis zu einer Höhe von 4200 Metern. Auf russischen Straßen fahren zwei Millionen Uasiks.

»Bastelst du gerne an Autos rum?«, fragte mich Grischa, als ich ihn darum bat, mir dabei zu helfen, einen davon zu kaufen.

»Ich hasse es«, antwortete ich ehrlich.

»Dann wirst du es lieben lernen.«

Grischa habe ich im Internet gefunden. Er ist Mitglied im Club der UAS-Liebhaber. Vier seiner Kumpel haben für diese Leidenschaft mit ihrem Leben bezahlt, weil sie versucht haben, bei laufendem Motor in ihren Autos zu übernachten. Am Stadtrand von Moskau führt Grischa eine kleine Werkstatt für Clubmitglieder.

Es war schwer, in Moskau einen ordentlichen Uasik zu finden, weil es ein Auto für das Militär, für die Arbeit im Wald und in der Landwirtschaft ist. Zum Glück erwies sich während der Suche, dass eins der Clubmitglieder sein Auto verkaufen wollte. Es war nicht billig. Für mich sollte es 170 000 Rubel (8500 Euro) kosten, aber Grischa wusste, dass der Wagen in gutem Zustand war. Das Auto war Baujahr 1995 und hatte archaische Fahrzeugfedern wie in einer Pferdebritschka, aber drei Jahre zuvor hatte Grischa den ganzen Fahrzeugaufbau samt Karosserie gegen einen fabrikneuen getauscht, größere Räder und ein Lenkrad aus einem eleganten Wolga eingebaut, die Bremsen gegen Scheibenbremsen ausgewechselt und einen für diese Autos, die klobig sind wie ein Schubkarren, einmaligen Luxus ergänzt – eine Servolenkung.

Das Wichtigste war, dass sich Andrei, der Besitzer des Uasiks, bereit erklärt hatte, ihn mir mit einer notariellen Vollmacht zu verkaufen, also würde ich drei Jahre lang mit seinen Nummernschildern fahren können. Wenn ich das Auto auf meinen Namen hätte registrieren wollen, hätte ich in verschiedenen Behörden mindestens zwei Wochen mit Schlangestehen verbracht.

Ich konnte Andrei noch um 10 000 Rubel (500 Euro) herunterhandeln, wir tranken jeder ein Glas, und ich brachte das Auto in Grischas Werkstatt, damit er es auf die arktischen Verhältnisse vorbereitete. 8000 Rubel (400 Euro) kosteten mich der Notar, die Wartung und eine neue Haftpflichtversicherung. 24 000 Rubel (1200 Euro) gab ich Grischa für Ersatzteile und die notwendigen Materialien.

Mein Uasik hatte keine Sicherheitsgurte, also ließ ich sie anbringen. Im europäischen Teil Russlands hält sich niemand, auch die Miliz nicht, an die Anschnallpflicht während der Fahrt, genau wie an das ganztägige Fahren mit Licht.

Ich wollte auch ein Radio mit einem CD-Player haben, da ich plante, mehrere Wochen hinter dem Steuer zu verbringen, und anstelle der hinteren Sitzbank einen Schlafplatz. Es mussten eine zweite Batterie und ein zusätzlicher Heizkörper eingebaut werden (wir nahmen ihn aus einem Wolga), der Blechboden musste mit einer warmen Neoprenmatte ausgelegt, die Motorhaube isoliert und der kalte Luftstrom unterhalb des Motors abgefangen werden. Grischa setzte auch ein Teil aus einem Lada ein, dank dem der Motor meines Autos warme Luft atmen sollte, und dann noch einen neuen Anlasser, weil diese höllisch oft kaputtgehen. Den alten sowie eine zusätzliche Benzinpumpe nahm ich als Reserve mit.

Ich sollte das Auto am Mittwoch abholen, aber sie hatten noch nicht einmal begonnen, und als ich am Freitag zur Werkstatt kam, scheuchte mich ein Kerl mit den Ausmaßen eines Brückenpfeilers und einer Verbrechervisage vom Hof, der sich aus einem kleinen, roten Rennwagen herauszwängte. Ich rief Grischa an, und der jammerte, es sei schrecklich, er könne nicht mit mir sprechen. Er erklärte mir, dass er mit dem Schutzgeld bei den Gangstern im Rückstand sei, und jetzt fahre er durch die Stadt und versuche, sich Geld zu leihen.

Das Auto holte ich Sonntagnacht ab. Grischa nahm für die Arbeit 9000 Rubel (450 Euro), also kostete mich das abfahrbereite Auto 201 000 Rubel (10 050 Euro).

Zum Schluss gab er mir Anweisungen zur Bedienung des Uasiks. Jeden Tag sollte ich als Erstes den Stand von Öl, Bremsflüssigkeit und Kühlflüssigkeit prüfen. Jeden Tag sollte ich mit einer anderen Batterie fahren, damit sie sich abwechselnd aufluden. Ich beachtete es nicht weiter, dass man die Heizung nicht ausschalten konnte (»schließlich ist es Winter«), die Benzinstandsanzeige nicht funktionierte (»man muss mit einer Lampe in den Tank leuchten«), das Reserverad viel kleiner war als die anderen (»zur Reifenwerkstatt kommst du irgendwie«), sich der dritte Gang sehr schlecht einlegen ließ, wenn man vom vierten runterschaltete, und die Hupe nicht funktionierte, ohne die ich mir wie behindert vorkam.

Weißt du, was eine Mikrosekunde ist? Die Zeitspanne zwischen dem Umspringen der Ampel auf Orange und dem Hupen hinter einem. Solche Witze erzählen Ausländer über russische Autofahrer, die hupen wie verrückt.

 

Schlittschuhe

Außerdem schalten sie das Licht nicht ein, solange noch etwas zu sehen ist, und das Fernlicht nicht aus, selbst wenn du das tust. Vorfahrt hat der Größere. Und wenn sie einen Reifen wechseln, zünden sie den zerfetzten Reifen gerne an. Ein stinkendes Feuer anstelle eines Warndreiecks. Sehr oft ziehen sie sich im Auto nichts aus und fahren den ganzen Tag in Mantel und Pelzmütze.

Die Russen sterben auf den Straßen wie die Fliegen. Im Jahr 2007 haben mehr als 33 000 Menschen ihr Leben verloren, so viel wie in der ganzen Europäischen Union, die dreieinhalbmal so viele Einwohner hat und sechsmal so viele Autos. Auf dem Randstreifen stehen alle paar Kilometer symbolische Grabmale. Meist ist es ein kleiner Metallsockel mit einem Stern obendrauf oder ein aus Armierungseisen zusammengeschweißtes Postament, das an einen Blumenständer aus den Sechzigerjahren erinnert. Wie es russischer Brauch ist, steht bei vielen Grabmalen ein Bänkchen und Tischchen mit angeschraubter Vase. In der Vase stecken Plastikblumen. Manchmal hält dort ein Autofahrer und lässt seinem verunglückten Kollegen eine glimmende Zigarette da, dazu zwei, drei auf Vorrat sowie Streichhölzer, und manchmal ein kleines Fläschchen mit einem Rest Wodka – der den Jungen mit Sicherheit umgebracht hat.

Ich machte mich am 24. November von Moskau auf den Weg. Schon am ersten Tag ging der CD-Player kaputt. Er hielt die furchtbaren Stöße nicht aus, denn je weiter man nach Osten kommt, desto schlimmer sind die Straßen. Dann kam Kasan, Ufa, und beim Ural begann Asien. Das Klima änderte sich radikal, die Temperatur fiel um mehr als zehn Grad. Ich umfuhr Tscheljabinsk, durchquerte Omsk, Nowosibirsk und stand in Krasnojarsk. Ich wandte mich geradewegs nach Süden bis nach Chakassien und Tuwa. Zwei Wochen später kehrte ich auf demselben Weg nach Krasnojarsk zurück und sauste nach Südosten bis Irkutsk.

Ich war schon 7700 Kilometer gefahren. Es war wenige Tage vor Weihnachten, also ließ ich den Uasik auf einem Parkplatz, die Batterien bei Ljoscha, einem Freund aus Irkutsk, und flog nach Hause.

Einen Monat später kam ich zurück. Der schwierigste, eisigste Abschnitt des Weges, besser gesagt der Unwegsamkeit, lag vor mir. Und Februar ist der kälteste Monat.

Den Baikal umfahrend gelangte ich nach Ulan-Ude. Ich hatte das heilige Meer Sibiriens, das mehr Wasser enthält als die Ostsee, auf dem Eis überqueren wollen, aber es friert erst Mitte Januar zu. Ich kam am zweiten Februar dort an. Die Einheimischen rieten mir entschieden von der Überquerung des Baikals ab, dafür zog ich die Schlittschuhe an, die ich durch die halbe Welt gefahren hatte, und spielte mit den Jungs von Sljudjanka Eishockey. Und auf dem zugefrorenen See sah ich den ungewöhnlichsten Uasik der Welt. Im Boden hatte er ein Loch zum Eisfischen, und aus dem Dach ragte das qualmende Rohr eines Kohleofens. Eine sibirische Webasto, könnte man sagen.

Von Ulan-Ude fuhr ich nach Tschita, jenseits der Stadt enden die normale Straße, Asphalt, menschliche Siedlungen und die Zivilisation. Mehr als 2000 Kilometer bis nach Chabarowsk gibt es nichts als Berge, Sümpfe, Schnee und Taiga.

Im Jahr 2007 konnten Internetnutzer von der ganzen Welt auf dem Blog »Dark Roasted Blend« die gefährlichsten Straßen unseres Planeten wählen, die die meisten Opfer gefordert haben. Von den sechs auserkorenen befinden sich drei in Russland. Eine liegt im Kaukasus an der Grenze zwischen Georgien und Russland, die anderen beiden hingegen hatte ich Gelegenheit kennenzulernen. Zunächst in Moskau, denn es ist der viereinhalb Kilometer lange Lefortowo-Tunnel, der unter dem Fluss hindurchführt und der undicht ist, wenn der Frost kommt, wird es dort glatt wie auf dem Eishockeyfeld im Luschniki-Stadion.

Die zweite Todesstraße, die ich gefahren bin, geht von meiner Route hinter Tschita ab, aber in ihrem Charme stehen sich die beiden in nichts nach. Es handelt sich um die in den Norden nach Jakutsk führende Autobahn. Obwohl »Autobahn« zu viel gesagt ist. Es handelt sich eher um eine schmale, gewundene, im Sommer schlammige und im Winter verschneite Landstraße, die ohne jeden Asphalt auf dem Permafrostboden verläuft. Ich gelangte auf ihr zur Stadt Tynda, von dort ging es weiter, durch die Taiga, zu Rentierhirten, mit denen ich mich anfreundete.

Im Frühling 2006 hatte die Schneeschmelze auf dem zentralen Abschnitt des Weges nach Jakutsk mehrere Hundert Autos überrascht. In dem furchtbaren Matsch waren sogar die Raupenfahrzeuge stecken geblieben, die zur Rettung ausgesandt wurden. Nach mehreren Wochen begannen die verzweifelten Menschen, mit der Waffe in der Hand um Lebensmittel zu kämpfen.

Ich erreichte Chabarowsk gegen Ende Februar, von dort hatte ich nur noch 770 Kilometer mit passabler Strecke nach Wladiwostok vor mir, wo meine Reise enden sollte.

Schnee

Unterwegs essen kann man in einer Bar oder in einem Café, aber der Name bedeutet nicht, dass es dort Kuchen, Likör, Kaffee und Tee gibt – eher Koteletts, Borschtsch, Hering und Wodka. Das Wort Blinnaja (Crêperie) auf einem Schild bedeutet nicht, dass dort Pfannkuchen gereicht werden, Bulotschnaja (Bäckerei) nicht, dass es Brötchen, und Schaschlytschnaja (Schaschlik-Imbiss) nicht, dass es Schaschlik gibt, aber möglich ist es.

In einer Sakusotschnaja (Imbissbude) kann es problematisch sein mit Imbissen, aber Suppe und Hauptspeise werden serviert.

Meist sind es obskure Buden, Baracken, größere Kioske. Und je weiter man nach Osten kommt, desto mieser werden sie. Ein dreckiges Wachstuch, fettige Gabeln, nichts zum Händewaschen, und um seine Notdurft zu verrichten, muss man hinausgehen.

Nehmen wir beispielsweise eine Sakusotschnaja unweit des Städtchens Jerofei Pawlowitsch in Sibirien: hinter dem Gebäude ein riesiger überbordender Müllhaufen und ein auseinandergesägtes Fass. In beiden Hälften schwelt pausenlos Müll. Daneben ein Klo, das niemand benutzt. Von den beiden Übeln ziehen die Menschen den Müllhaufen vor.

Wer hier nicht alles gestanden hat! Der eine hat heute wenig getrunken, weil er ein sehr gelbes Loch im Schnee hinterlassen hat. Sicher ein peregonschtschik, der in Wladiwostok ein gebrauchtes japanisches Auto gekauft hat und nun darin nach Westen, nach Hause, jagt. Sie haben es immer sehr eilig, halten selten an, um etwas zu essen und zu trinken, schlafen in den Autos. Der hier hingegen ist lange gefahren und hat lange nicht gepinkelt, sein Loch ist riesig und tief. Bestimmt ein dalnobojschtschik, ein Mensch des »Fernkampfes«, der weiten Wege, wir nennen sie Fernfahrer. Das sind Profis, sie essen und trinken auf der Fahrt und halten nur ungern an.

Der hier war da, als der Wind geweht hat, oder er ist Künstler, weil er gerne Muster macht. Höchstwahrscheinlich aber hatte er einen sitzen und schwankte im Stehen. Fast jeder Fahrer hier genehmigt sich zum Mittagessen ganz gern ein Gläschen. In der Wildnis zwischen Tschita und Chabarowsk trifft man hundertprozentig keinen Milizionär im Dienst. Es sei denn, er fährt privat. Das dort ist seine Spur. Gleichmäßig, diszipliniert, und wenn schon mit Abzweigung, dann im rechten Winkel.

Niemand reist allein durch Sibirien. Die peregonschtschiki fahren in Gruppen von mehreren Autos, um sich bei einer Panne gegenseitig zu helfen. Oft, wenn jemand einen Soldaten oder Milizionär kennt, bezahlen sie ihn dafür, dass er sie begleitet, bewaffnet und in Uniform. Er beschützt sie vor Banditen und der Miliz, denn, wie man weiß, werden sich Uniformierte untereinander immer einig.

Und hier hat mit Sicherheit eine Frau gehockt, weil das Loch im Schnee schräg nach vorne verläuft. Eine Frau ist hier eine Seltenheit. Manchmal begleitet sie ihren Mann, damit er nicht am Lenkrad einschläft. Die peregonschtschiki, besonders die Profis, die mit Autos handeln, sind überwiegend sehr junge, unverheiratete Männer. Diese Spur stammt von so einem. Sein Loch ist zweieinhalb Meter von seinem Standort entfernt.

Bei dem hier ist es genau umgekehrt. Er hat ein Problem mit der Prostata und hat sich noch auf die Schuhe gepinkelt. Bestimmt hat er eine Arbeit, bei der man sitzt, oder er ist ein älterer Mann. Vielleicht ein Berufskraftfahrer oder ein Reporter.

Alle Menschen der Straße haben eine eiserne Lebensmittelration dabei. Ich nehme seit Jahren Landjäger, aber eine, die durch und durch getrocknet ist. Sie ist hart wie ein Stück Holz und lässt sich nicht normal zerbeißen, aber man kann sie langsam kauen. Die Russen sind verrückt nach getrocknetem Fisch, den man mehrere Jahre essen kann. Ich habe in Sibirien Lkw-Fahrer gesehen, die einen Vorrat an Kalorien und Eiweiß in Form von struganina mit sich führten. Sie verwahren sie beim Werkzeug oder dem Reserverad, denn es ist ein großer, roher, gefrorener Fisch, den man je nach Bedarf mit einem großen Messer wie einen Holzklotz abhobelt, und die Späne wälzt man in Salz und Pfeffer und isst sie schnell auf. Aufgetaute struganina bekommt man nicht runter, und ohne Wodka fressen sie nur die Hunde.

Jacek Hugo-Bader

Über Jacek Hugo-Bader

Biografie

Jacek Hugo-Bader, geboren 1957, gilt als einer der renommiertesten polnischen Journalisten und Reporter. Seit 1990 ist er für die Tageszeitung Gazeta Wyborcza tätig, der Meisterschmiede der sozial engagierten polnischen Reisereportage.

Pressestimmen

Die Zeit

»Entstanden ist eine Reihe wunderbarer, unterhaltsamer Geschichten.«

Inhaltsangabe

Anstelle eines Vorworts

Vanishing Point  

Der Idiotentest oder Ein kleines und unpraktisches russisch-deutsches Wörterbuch des Hippie-Slangs  

Bomschicha  

Tollwütige Hunde   

Minenfeld   

Miss HIV   

Genosse Kalaschnikow   

Das Lehrmittelmagazin   

Ein Fleckchen Himmel   

Das Schwarze Quadrat   

Der Zopf des Schutzengels   

Das Weiße Fieber   

Die Schamanin der Säufer   

296 Stunden   

Magellan 2008   

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