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Rho Agenda 2

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Immun — Inhalt

Ein Heilmittel gegen alle Krankheiten, nicht weniger glaubt die Regierung in dem abgestürzten Raumschiff in New Mexico gefunden zu haben. Doch drei Studenten finden durch Zufall ein zweites Schiff, von dem die Regierung nichts weiß und das eine schreckliche Wahrheit birgt. Das streng geheime Rho-Projekt hält nicht etwa den Schlüssel zur Rettung der Menschheit bereit, sondern steuert die Welt geradewegs in eine globale Katastrophe. Anstatt geheilt zu werden, sterben plötzlich Menschen - viele Menschen. Und jeder Gegner des Projekts scheint systematisch ausgeschaltet zu werden. Die Hoffnung liegt nun bei den drei jungen Studenten, deren bekannte Welt jedoch immer weiter aus den Fugen gerät.

€ 9,99 [D], € 9,99 [A]
Erschienen am 19.01.2015
Übersetzer: Birgit Reß-Bohusch
512 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-492-96498-2

Leseprobe zu »Immun«

Kapitel 1

Der nackte Jugendliche lag flach ausgestreckt in der Luft, als befände er sich auf einem unsichtbaren Untersuchungstisch.

Er hätte gern die Augen bewegt, aber das konnte er nicht. Das Stasisfeld, das ihn vier Fuß über dem Boden in der Schwebe hielt, erlaubte nicht einmal ein Zucken. Stattdessen starrte er zur Decke, unfähig, die Lider zu schließen, unfähig zu blinzeln, in seinem Handeln ganz und gar einem fremden Willen unterworfen.

Das trübe Licht aus den Leitungsschächten, die sich über ihm dahinschlängelten, erhellte einen Raum, in dem ein [...]

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Kapitel 1

Der nackte Jugendliche lag flach ausgestreckt in der Luft, als befände er sich auf einem unsichtbaren Untersuchungstisch.

Er hätte gern die Augen bewegt, aber das konnte er nicht. Das Stasisfeld, das ihn vier Fuß über dem Boden in der Schwebe hielt, erlaubte nicht einmal ein Zucken. Stattdessen starrte er zur Decke, unfähig, die Lider zu schließen, unfähig zu blinzeln, in seinem Handeln ganz und gar einem fremden Willen unterworfen.

Das trübe Licht aus den Leitungsschächten, die sich über ihm dahinschlängelten, erhellte einen Raum, in dem ein Wirrwarr von Maschinen zusammengepfercht war. Ein dumpfes Pochen, das ihn von allen Seiten umgab, pulsierte in seinen Ohren. Der junge Mann wusste nicht genau, wie lange er schon so dalag. Sein einziger ständiger Begleiter, von dem Pochen mal abgesehen, war der Schmerz. Über den anderen, gelegentlichen Besucher wagte er nicht nachzudenken.

Ein schwacher Luftstrom umfächelte seinen Körper, eine flüchtige Kühle, die sanft über die Härchen auf seinen Armen strich und den Besucher ankündigte, noch ehe er in seinen Gesichtskreis trat. Die Ankunft des Mannes bestätigte nur eines: Gott hatte sich von ihm abgewandt. Der tiefe Glaube, an den er sich so lange geklammert hatte, war zertrümmert worden, und darunter war die entsetzliche Wahrheit zum Vorschein gekommen. Kein liebender Gott würde zulassen, dass sein Sohn all dies erdulden musste. All dieses Leid.

Das Gesicht von Dr. Donald Stephenson, dem stellvertretenden Direktor des Los Alamos National Laboratory, schwamm in sein Blickfeld. Der Wissenschaftler musterte ihn mit dem kühlen klinischen Interesse eines Leichenbeschauers. Von seinen Fingerspitzen baumelte ein Apparat, der die Größe eines kleinen Schraubenziehers hatte. An einem Ende befand sich ein drei Zentimeter langes Bündel haarfeiner Drähte. Das andere Ende bildete eine seltsam geformte Linse, die auf einem Gelenk saß und sich in alle Richtungen schwenken ließ. Dr. Stephenson beugte sich über den Jungen, hielt das Ding an dessen Gesicht und berührte mit der Linken die Haut um dessen rechte Augenhöhle. Mit einem zufriedenen Nicken legte er den Apparat zur Seite und streifte ein Paar Latexhandschuhe über.

Erneut schwamm sein Raubvogelgesicht dicht über der reglosen Gestalt.

»Guten Morgen, Raul. Können wir anfangen?«

Fest umklammert von den unsichtbaren Kraftlinien, die seinen Körper einhüllten, konnte Raul weder die Lippen öffnen noch einen Schrei ausstoßen, als das Skalpell sein rechtes Lid durchtrennte und wie ein Spatel tief in die Augenhöhle fuhr. Ein einzelner warmer Strahl spritzte über sein Gesicht, ehe die Nanomaschinen, von denen es in seinem Blutstrom nur so wimmelte, den Schwall zum Stillstand brachten. Schneller, als der Heilungsprozess einsetzen konnte, stieß Dr. Stephenson das Ende der künstlichen Linse in die leere Augenhöhle. Die haarfeinen Drähte drehten und wanden sich in Rauls Kopf und gruben sich tief in den freigelegten Sehnerv.

Als Raul merkte, dass sein Flehen um einen gnädigen Tod vergeblich war, verfluchte er in Gedanken den Gott, der seinen Sohn im Stich gelassen und einer neuerlichen, ganz und gar grausamen Kreuzigung preisgegeben hatte.

 

Kapitel 2

Seit einer knappen Woche war die Schule aus. Bei Heather hätte sich allmählich dieses herrlich entspannte Gefühl einstellen müssen, das sie immer überkam, wenn sie sich an den Gedanken gewöhnt hatte, dass es keine Hausaufgaben zu erledigen gab. Stattdessen plagten sie zunehmend böse Vorahnungen.

Sie hatte wieder geträumt. Diese seltsamen Träume, an die sie sich nicht mehr genau erinnern konnte, wenn sie zu den ungewöhnlichsten Nachtstunden schweißgebadet aufwachte. Da weder Mark noch Jennifer in der letzten Zeit Albträume erwähnt hatten, schien Heather die Einzige aus dem Trio zu sein, die nicht friedlich schlief und den Tag ausgeruht begann.

Dass sie sich nicht an die Träume erinnern konnte, war merkwürdig. Schließlich besaß sie genau wie ihre Freunde das perfekte Gedächtnis und konnte lückenlos wiedergeben, was sie einmal gesehen hatte. Alle Erinnerungen standen so klar vor ihrem geistigen Auge, als erlebte sie es noch einmal. Aber nicht diese Träume. Mittlerweile zögerte sie das Einschlafen hinaus, weil sie Angst vor den Trauminhalten hatte, obwohl das erst recht keinen Sinn ergab. Erst gegen Morgen übermannte sie der Schlaf, was wiederum ihren gewohnten Frühaufsteher-Rhythmus störte.

An diesem Morgen stahl sich ein lästiger Sonnenstreifen durch die Baumkrone vor ihrem Zimmerfenster, schlüpfte durch das Astwerk, das in der sanften Morgenbrise schaukelte, und stach ihr mehrmals in die Augen, grell wie der Reflex eines dieser Signalspiegel, mit denen die Kavallerie in den alten Western-Filmen Nachrichten übermittelt hatte.

»Okay, okay, ich stehe ja schon auf!«

Zu der Beeinträchtigung, nicht ausgeschlafen zu haben, gesellten sich an diesem Morgen auch noch Kopfschmerzen. Dagegen half auch ihr Gemaule über die Sonnenstrahlen nicht, aber irgendwie fühlte sie sich ein wenig besser, nachdem sie dem Universum ihren Unmut kundgetan hatte.

Heather spielte mit dem Gedanken, einfach in ihren Morgenmantel zu schlüpfen und nach unten zu gehen, um eine Tasse dampfend heißen Tee zu trinken, doch dann siegte die Vorstellung von einer dampfend heißen Dusche. Sie atmete tief durch, wählte die Temperatur knapp unter der Verbrühgrenze und stellte den Strahl der Massagedüse auf volle Härte ein. Dann schickte sie einen Dank an alle alten Häuser, die noch nicht mit einer Drosselblende zur Begrenzung des Wasserdrucks auf ein armseliges Rinnsal ausgestattet waren. Es war eine der vielen Eigenschaften, die sie an ihrem Haus liebte.

Als sie angezogen war und die Küche ansteuerte, fühlte sich Heather beinahe wieder menschlich. Im Wohnzimmer lief der Fernseher in voller Lautstärke und verriet ihr, wo sie ihre Eltern finden konnte, aber ihr Ziel war der Behälter mit den Teebeuteln, und so blendete sie die atemlosen Stimmen der Reporter aus, die in üblicher Sensationsgier ihre Eilmeldungen verkündeten.

»Guten Morgen, Mom«, rief sie über die Schulter, während sie den Becher in die Mikrowelle schob, um das Wasser zu erhitzen. »Guten Morgen, Dad.«

Aus dem Wohnzimmer kam keine Antwort. Komisch. Vielleicht waren ihre Eltern auf die Terrasse gegangen und hatten vergessen, das Gerät auszuschalten. Sie beschloss, das nachzuholen, sobald ihr Tee fertig war, und sich danach ebenfalls nach draußen zu begeben.

Der Gedanke an den Fernseher bewirkte, dass die Worte des Nachrichtensprechers in ihr Bewusstsein drangen.

»… wurden heute Morgen NSA-Direktor Jonathan Riles sowie Dr. David Kurtz, der Chef der NSA-Computer-Abteilung, tot in der außerhalb von Fort Meade, Maryland, gelegenen Riles-Villa aufgefunden. Die Polizei geht von einer tragischen Verquickung aus Mord und anschließendem Selbstmord aus.

Noch sind die Ermittlungen in vollem Gange, aber wie aus hochrangigen Regierungsquellen durchsickerte, hatten sich FBI-Agenten mit einem Hausdurchsuchungsbefehl in der Villa eingefunden und wollten gerade mit ihrer Arbeit beginnen, als sie die beiden Toten im privaten Arbeitszimmer von Admiral Riles entdeckten.

CNN erfuhr ferner, dass die Verzweiflungstat im Zusammenhang mit FBI-Nachforschungen zu illegalen Machenschaften der NSA stehen könnte, die Riles ohne Wissen und Billigung des Präsidenten in Auftrag gegeben hatte.

… Einen Augenblick. Soeben erfahren wir, dass der Vizepräsident der Vereinigten Staaten, ein langjähriger Weggefährte von Admiral Riles, mit dem er einst die Marineakademie besucht hat, für eine Presseerklärung bereitsteht. Wir geben jetzt ab zum Vizepräsidenten …«

Heather konnte nicht sagen, wann sie die Küche verlassen und sich ins Wohnzimmer begeben hatte, aber nun fand sie sich hinter der Couch stehend wieder, auf der wie festgewurzelt ihre Eltern saßen und auf den Bildschirm starrten. Vizepräsident Gordon blickte über seinen Schreibtisch im Weißen Haus hinweg düster in die Kameras.

»Meine lieben amerikanischen Mitbürger! Zutiefst bewegt wende ich mich heute an Sie. Es ist ein ungewöhnlicher Schritt, aber ich habe ihn gewählt, weil ich die Berichte der nächsten Tage bereits vor mir sehe und mir vorstellen kann, wie das Bild meines guten Freundes in den Schmutz gezogen wird. Im Hinblick darauf halte ich es für wichtig, Ihnen, meine lieben Mitbürger, erst einmal Aufschluss über diesen Mann zu geben und Ihnen zu berichten, wie es zu dieser Situation mit dem tragischen Ausgang kommen konnte.

Ich kenne Jonathan Riles, seit wir uns in Annapolis die Stube teilten. Wir spielten gemeinsam im Football-Team der Militärakademie. Wir studierten im gleichen Raum, als er sich auf das Rhodes-Stipendium vorbereitete. Und ich diente mit ihm und unter ihm, als er bei der Navy in den Rang eines Vizeadmirals aufstieg.

Johnny Riles war der tüchtigste Mann, dem ich je begegnet bin – und ein Mann, dem sein Vaterland über alles ging. Er schien aus einem anderen Zeitalter zu stammen, denn er besaß noch all die Tugenden, die heute so selten geworden sind. Er stellte sich der historischen Herausforderung des Kalten Krieges. Der Kampf gegen das Sowjetreich prägte sein Denken, und am Ende war es wohl dieses Denken, das ihn vernichtete.

Sie alle wissen um die ungeheuren Konsequenzen, die unser werter Präsident mit der öffentlichen Bekanntgabe von der Existenz des Rho-Schiffs ausgelöst hat – und mehr noch mit dem Vorhaben, die segensreichen Technologien der Aliens, die unsere Wissenschaftler bis jetzt enträtseln konnten, Schritt für Schritt der Allgemeinheit zugänglich zu machen.

Ohne Zweifel ist jedem von Ihnen bewusst, dass der Plan, unsere Erkenntnisse allen Nationen zur Verfügung zu stellen, zu den heftigsten Debatten inner- und außerhalb der Regierung geführt hat. Unser geschätzter Präsident hat mit der Freigabe des neuen Wissens den mutigen und, wie ich glaube, richtigen Schritt gewagt, das Wohl unseres Planeten über nationale Interessen zu stellen.

Leider konnte sich mein ältester Freund, der unserem Land so viele Jahre hervorragende Dienste geleistet hatte, nicht dazu durchringen, diese Entscheidung zu akzeptieren. Erst vor Kurzem kam uns zu Ohren, dass Admiral Riles seine Position als Direktor der NSA dazu missbrauchte, die hervorragende Arbeit der Wissenschaftler am Rho-Projekt in Misskredit zu bringen. Damit hoffte er wohl die Veröffentlichung der außerirdischen Technologien zu verhindern, die seiner Meinung nach geheim bleiben und einzig dem Wohl der Vereinigten Staaten dienen sollten.

Als Admiral Riles erkannte, dass seine kriminellen Machenschaften ans Licht gekommen waren, tötete er Dr. David Kurtz, den er für einen Regierungsinformanten hielt, und richtete anschließend die Waffe gegen sich selbst.«

Der Vizepräsident stockte kurz, den Tränen nahe.

»Wir sprechen oft vom Nebel des Krieges. Aber es gibt noch einen anderen Nebel, der all jene in die Irre führen kann, die im Dienst für das Vaterland zu großer Macht aufgestiegen sind. Das ist der Nebel der persönlichen Überzeugungen, der manchmal so dicht wird, dass er selbst jenen strahlenden Leuchtturm verhüllt, der unseren Schiffen den Weg in den Hafen weisen soll – den Leuchtturm unserer amerikanischen Verfassung.

Ich schließe in der Hoffnung, dem Mann gerecht geworden zu sein, den ich so lange kannte. Er war ein guter Mann, ein aufrechter, ehrenwerter Amerikaner, ein tüchtiger Navy-Offizier, der sich im Nebel verirrte und den Leuchtturm aus den Augen verlor, der ihn sicher geleitet hätte.

Möge Gott meinem ältesten Freund vergeben und ihm Seine Gnade und Barmherzigkeit erweisen. Möge Gott seiner Familie in diesen schweren Zeiten beistehen. Möge Gott uns alle schützen.«

Das Bild des Vizepräsidenten verschwand, und einer der zahllosen Fernsehkommentatoren nahm seinen Platz ein. Jetzt erst merkte Heather, dass ihr Tränen über die Wangen liefen. Sie hatte noch nie von Jonathan Riles gehört, aber irgendwie hatte sie das Gefühl, den Mann zu kennen. Die bösen Vorahnungen, die sie in den letzten Tagen gequält hatten, nahmen Gestalt an. Allem Anschein nach war der Versuch, das Rho-Projekt zu stoppen, fehlgeschlagen. In der Küche fiepte unentwegt die Mikrowelle, aber niemand achtete darauf.

 

Kapitel 3

Diese Augen.

Sie waren ein Teil der Legende, die ihm zu seinem Beinamen The Ripper verholfen hatte. Wann immer er wütend war, brach sich das Licht in seinen merkwürdig geformten Pupillen, sodass sie von innen heraus zu glühen schienen. Wer immer das rote Leuchten gesehen und lange genug gelebt hatte, um davon zu berichten, glaubte, einen Blick in die Tiefen des Höllenfeuers getan zu haben. Die Flammen hinter diesen Pupillen hüpften und tanzten wie zu einer Melodie, die nur Jack Gregory und der Teufel selbst spielen konnten.

Aber Janet wusste es besser. Während Luzifer der Fürst der Hölle war und blieb, herrschte Jack Gregory als Todesengel über die Erde.

Ein Schauer kroch Janet über den Rücken, als sich ihre Blicke trafen, und hinterließ ein Kribbeln in ihrem Nacken, das an die Nachwirkungen eines Taserschocks erinnerte. Verblüffend. Es gab nichts auf der Welt, das sie mehr in Ekstase versetzte als diese Augen. Gott, machte sie das heiß! Am liebsten hätte sie auf der Stelle die Beine um seine Hüften geschlungen und ihm die langen Fingernägel in die nackte Haut gegraben. Aber das musste warten.

Jack plante etwas Großes, und so hatten sie sich um einen Tisch in einem gut gesicherten Haus nördlich von Santa Fe versammelt, um die letzten Einzelheiten zu besprechen.

»Dann steht der Ablauf also fest?«, fragte Jack.

Janet nickte. »Ja. Der Kühltransporter verlässt das Speziallabor auf der Kirtland Air Force Base um Mitternacht und fährt über die I‑25 direkt zurück nach Santa Fe, bevor er nach Los Alamos abbiegt. Allem Anschein nach wollen sie den Toten irgendwann vor Tagesanbruch in der Rho-Abteilung von Dr. Stephenson hier im Los Alamos National Laboratory abliefern.«

Raymond Bronson beugte sich vor und stützte beide Ellbogen auf den Tisch. »Das ging verdammt schnell. Riles war noch nicht richtig tot, als die Verantwortung für Priests Leichnam schon von höchster Stelle an das Rho-Projekt-Team übertragen wurde.«

Jack zuckte die Achseln. »Sie sind mitten in einer groß angelegten Säuberungsaktion. Deshalb werden wir heute Nacht ein wenig Dreck aufwühlen.«

Bronson runzelte die Stirn. »Jack, Sie wissen, dass ich mich bis jetzt immer auf Ihr Urteil verlassen habe. Aber meinen Sie nicht, dass uns dieses Unternehmen an den Rand des Abgrunds bringen wird?« Janet zeigte sich von Bronsons Warnung nicht sonderlich überrascht. Seine vorsichtige Art bildete oft ein wertvolles Gegengewicht zu Jacks demonstrativer Unbekümmertheit.

»Da befinden wir uns schon länger. Wir sind von nun an völlig auf uns selbst gestellt. Es gibt keine Regierungskontakte mehr, und wir müssen mit allen Mitteln dafür sorgen, dass das auch so bleibt. Irgendwie ist es Jonathan Riles gelungen, uns aus dem Intrigenspiel herauszuhalten. Allem Anschein nach wusste niemand außer ihm selbst und David Kurtz von unserem Mitwirken.

Wenn die beiden dieses Wissen nicht mit in den Tod genommen hätten, müssten wir uns längst gegen Leute zur Wehr setzen, die alles versuchen würden, um uns ebenfalls auszuschalten. Wer immer Jonathan verriet, muss sich im Klaren darüber sein, dass Riles ein Spezialteam im Einsatz hatte, er wird jedoch glauben, dass dessen Mitglieder sofort untertauchen werden.«

Bronson schüttelte den Kopf. »Was ich immer noch für einen verdammt guten Plan halte.«

»Vielleicht, aber so kooperativ wollen wir auch wieder nicht sein.«

Bobby Daniels, ein langer, schlaksiger Typ mit einer Glatze so blank wie eine Billardkugel, trat aus den Schatten in der Nähe des Fensters. »Ich bin dabei, Jack. Wer will schon ewig leben!«

Janet lächelte. Echt Bobby.

Bronson zuckte die Achseln, als Jack ihm einen fragenden Blick zuwarf. »Klar bin ich ebenfalls dabei. Dachte nur, ich sollte Ihnen eine letzte Chance zum Aussteigen geben.«

»Ich bin lieber der Jäger als der Gejagte«, meinte Jack. »Und ich will diesen Leichnam haben.«

Jack beugte sich über den Tisch mit den Militärkarten, auf denen das Einsatzgebiet im Maßstab eins zu fünfzigtausend abgebildet war. Er markierte mit einer Stecknadel eine Stelle auf dem Highway und stach zwei weitere dort ein, wo das Gelände gerade noch eine Sichtverbindung zum ersten Punkt zuließ.

»Bobby, Sie warten hier, genau an dieser Biegung des Highways, etwa eine halbe Meile vor dem Hinterhalt. Bronson, Sie begeben sich auf die andere Seite und blockieren den Highway, sobald Bobby das Signal gibt. Es wird etwa dreißig bis fünfundvierzig Sekunden dauern, bis mich der Kühltransporter erreicht hat und Sie hören können, dass ich ihn stoppe. Nachts um diese Zeit dürfte kaum Verkehr herrschen, aber falls ein Fahrzeug vorbeikommt, müssen Sie es unbedingt aufhalten.«

»Und wenn ein Auto so dicht auf den Transporter folgt, dass mir keine Zeit bleibt, die Polizeisperre zu errichten?«, warf Bobby ein.

»Darum müsste ich mich kümmern. Hoffen wir aber, dass es nicht nötig sein wird.«

Jack wandte sich ihr zu. »Wie weit bist du mit der Aufnahme, Janet?«

Janet spürte bereits einen Adrenalinschub, wenn Jack ihren Namen aussprach. »Ich brauche noch etwa eine Stunde. Ich habe die Sprachaufzeichnungen von Abdul Aziz und benutze viele seiner Formulierungen. Aber teilweise muss ich die Stimmmuster synthetisieren, um die nötigen Extraworte einzufügen, damit die Sätze so natürlich wie möglich klingen. Wenn ich jedoch so weit bin, dass ich die Meldung per Wegwerfhandy durchgeben kann, werden selbst die besten Fachleute auf diesem Sektor nicht mehr sicher sagen können, ob sie manipuliert worden ist oder nicht.«

»Das ist gut, weil heutzutage selbst die kleinsten lokalen Notrufstationen alles speichern. Und wir wollen ja unbedingt, dass der Anruf aufgezeichnet wird.«

»Wie steht es mit dem Helikopter?«, fragte Bobby.

»Ich schnappe mir einen der Vögel von der Forstbehörde, die am Rande von Taos stehen. Janet wird mit an Bord sein. Ihr beide beschafft euch zwei schnelle Geländemotorräder.

Und denkt daran, ihr blockiert die Straße genau fünf Minuten lang, während Janet und ich uns um den Kühlwagen und seinen Inhalt kümmern. Danach steigt ihr in die Eisen und nehmt den Waldweg hier zum Treffpunkt. Lasst die Motorräder im Canyon verschwinden. Wir warten auf dieser Lichtung mit dem Helikopter.«

Jack richtete sich auf und reichte jedem von ihnen eine Kopie der Karte, in der die wichtigsten Stellen markiert waren. »Noch Fragen?«

»Nur die üblichen.« Bronson grinste schräg. »Wie kommt es, dass ich so verdammt gut aussehe?«

»Denken Sie mal drüber nach, wenn Sie mehr Zeit haben«, sagte Jack. »Aber nicht jetzt. Wir geben euch genau fünfzehn Minuten, die Lichtung zu erreichen. Dann heben wir ab.«

»Wir werden uns beeilen«, versicherte Bronson, ehe er und Bobby sich zum Gehen wandten.

Sobald die beiden das Haus verlassen hatten, ging Jack an den Wandschrank und holte eine große Schachtel hervor, in der er die persönliche Habe von Carlton »Priest« Williams und ein paar andere wichtige Dinge aus dessen Hütte verstaut hatte. Zwei große Aktenordner über ihn und Janet Johnson waren dabei, aber die bedachte Jack mit keinem Blick.

Nach einigem Herumkramen fand er, was er gesucht hatte. Er hielt einen Schlüsselring in Form eines Totenkopfes hoch.

»Ich denke, es wird Zeit, dass wir Priests altem Schuppen einen Besuch abstatten.«

Janet nickte. Nur sie beide. Wie immer.

Unbewusst strich sie mit der Rechten über die 9 mm Heckler & Koch Compact, die sie unter der linken Achsel trug. Auf der Hochebene von Los Alamos würde es bald heiß hergehen.

 

Kapitel 4

Jennifer nahm nur ungern Zuflucht zu Lügen und schon gar nicht gegenüber Mark und Heather. Aber sie konnte den beiden einfach nicht verraten, dass sie überhaupt nicht geschlafen hatte. Nicht, ohne den Grund für ihre schlaflosen Nächte zu nennen. Und wenn sie den kannten, würden sie total ausflippen.

Jennifer hielt an, betrachtete das nahezu vollkommene Dunkel des Canyons und ließ ihren Blick dann zum Nachthimmel hinaufschweifen. Heute schien kein Mond, und so hoben sich die Scharen von Sternen und Planeten klar gegen die Schwärze ab.

Das nächtliche Firmament, das sich über der Hochwüste von New Mexico wölbte, überwältigte sie stets von Neuem. Das weite, unbewohnte Land und die dünne, trockene Höhenluft bildeten eine imposante Kulisse für Myriaden von Sternen, zwischen denen sich keine größere Lücke auftat.

Jennifer liebte diesen Himmel. Oft lag sie im Freien und stellte sich vor, der Boden wäre so gekippt, dass sie die Gestirne von oben betrachten könnte. Und wenn sie losließe, würde sie fallen, tiefer und tiefer, vorbei an den Planeten und mitten hinein in die Sterne. Mühsam kehrte sie in die Wirklichkeit zurück und spähte den Steilhang hinunter.

Ihre Theorie hatte sich als richtig erwiesen. Das Einzige, was die neuronale Verstärkung begrenzte, die sie alle drei an jenem Tag erhalten hatten, als sie zum ersten Mal das fremde Raumschiff betreten hatten, war das Bild, das sie von sich selbst besaßen. Aber die Grenzen dieses Selbstbilds ließen sich erweitern, wenn der Antrieb, mehr zu erreichen, nur groß genug war. Und ein starker Drang, sich zu verbessern, hatte Jennifer schließlich dazu gebracht, wenigstens einen Teil ihrer selbst auferlegten Beschränkungen zu überwinden.

Allein dieser Drang hatte sie darin bestärkt, lange Strecken zu laufen. Nicht so schnell und kraftvoll wie Mark, aber schnell genug und mit enormer Ausdauer. Allein dieser Drang hatte bewirkt, dass sie ihre Brille ablegte und ihre Augen so trainierte, dass sie im Dunkeln nun fast so gut wie eine Katze sehen konnte. Allein dieser Drang hatte dazu geführt, dass sie Heather, Mark und ihre Eltern belog und sich für ihre nächtlichen Läufe heimlich aus dem Haus schlich.

Sie wusste, dass die Sache auffliegen konnte, wenn jemand genauer hinsah und herausfand, dass sie ihre Bettdecke mit Kissen ausgestopft hatte. Aber der innere Antrieb verscheuchte die Angst, die sie noch vor wenigen Wochen in ein Nervenwrack verwandelt hätte, wenn sie nur daran gedacht hätte, das zu tun, was sie jetzt tat. Sie hatte es satt, die brave Streberin zu geben, hatte es satt, immer im Schatten von Mark und Heather zu stehen.

Jennifer kletterte die Steilklippe hinunter, schob sich lautlos durch das Buschwerk und folgte einem unsichtbaren, aber sehr vertrauten Pfad nach links. Der sanfte Magentaschimmer der Kaverne umfloss sie, ein warmes Licht, das nicht blendete, obwohl sie aus dem nächtlichen Dunkel kam. Geduckt huschte sie unter den gewölbten Ringwulst des Raumschiffs, an die Stelle, wo er die Felswand berührte. Hier befand sich das Loch, das ein Geschoss der Aliens durch den Außenrumpf und sämtliche Decks des zweiten Schiffs gebohrt hatte. Seine Ränder waren so glatt, dass die Beschädigung wie ein Teil der Konstruktion wirkte. Ohne anzuhalten, sprang Jennifer hoch, umklammerte die Kante des ersten Decks und schwang sich mühelos nach oben.

Rasch drang sie in den Raum mit der gekrümmten Arbeitsplatte vor, auf der vier Headsets bereitlagen. Auf einer Schiene davor waren in gleichmäßigen Abständen vier Stühle montiert, mit denen man parallel zum Tisch hin und her rollen konnte. Jennifer warf einen Blick auf die leichten, biegsamen Stirnreife, die in winzigen Kugeln endeten. Es war echt komisch, dass sie, Mark und Heather diese Headsets immer in fast genau der gleichen Position zurückließen, in der sie die Dinger ursprünglich gefunden hatten. Alles andere fühlte sich einfach nicht richtig an.

Jennifer streifte das erste der halb transparenten Headsets über und hielt einen Moment lang inne. Ein leichtes Frösteln überlief sie, als sich das Gefühl der Entspannung in ihrem Körper ausbreitete. Dann schwang sie sich durch die Öffnung in die höher gelegenen Decks.

Noch bevor sie auf einer der drei schwenkbaren Konturenliegen richtig Platz genommen hatte, lösten sich Boden, Wände und Decke der Kommandokuppel auf, und die unendliche Weite des Weltraums umgab sie. Es waren nur Aufzeichnungen von den langen Reisen, die das Schiff durch das All zurückgelegt hatte, aber Jennifer konnte sich an den Bildern nicht sattsehen.

In dieser Nacht jedoch gestattete sie sich nur einen kurzen Blick auf die großartige Kulisse, ehe sie ihre Aufmerksamkeit den Datenbanken der umfangreichen Bordbibliothek zuwandte. Das war die Entdeckung, die sie bisher vor den anderen geheim gehalten hatte. Sie hatte es vor sich selbst damit gerechtfertigt, dass sie erst mal selbst verstehen musste, wie man am besten auf Informationen zugriff und sie verarbeitete. Sie hatte immer noch vor, diesen gewaltigen Wissensschatz an ihren Bruder und ihre beste Freundin weiterzugeben – aber eben nicht sofort.

Schließlich hatte sie eben erst die Oberfläche gestreift. Aber mit jedem Besuch auf dem Schiff entdeckte sie weitere Teile des Puzzles, die es ihr ermöglichten, tiefer in die Materie einzudringen. Noch nicht tief genug, um große Erkenntnisse zu gewinnen, doch die Fortschritte motivierten sie zum Weitermachen und beflügelten ihren Wissensdrang.

Und während sich Jennifer in das elastische Material der Konturenliege schmiegte und in einem Meer von Daten schwamm, wuchs dieser Drang in ihr ins Uferlose.

Richard Phillips

Über Richard Phillips

Biografie

Richard Phillips, geboren 1956 in Roswell, New Mexico, schloss die Akademie West Point 1979 als Army Ranger ab und diente mehrere Jahre der amerikanischen Armee. 1989 erwarb er einen Master der Physik und arbeitete in mehreren wissenschaftlichen Labors, die Projekte für die US-Regierung entwickeln....

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»Philips erzählt seine spannungsgeladene Story schlüssig, zeichnet glaubhafte Charaktere und schafft damit das seltene Kunststück, auch Nicht-Science-Fiction-Fans dem Genre des Zukunftsromans näherzubringen.«

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