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Immorality Engine

Immorality Engine

Roman (Newbury & Hobbes 3)

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Immorality Engine — Inhalt

Das dritte Abenteuer des Ermittlerduos der Krone, Sir Maurice Newbury und Veronica Hobbes, führt den Leser in ein düsteres, magisches London. Denn ein schier unlösbares Rätsel hält die beiden in Atem: Einer der berüchtigtsten Kriminellen wird tot aufgefunden – doch jüngste Einbrüche tragen seine Handschrift! Auf ihrer Suche nach dem wahren Schuldigen durchqueren Sir Maurice Newbury und Veronica Hobbes verrufene Opiumhöhlen, dunkle Leichenhallen und das neblige London – und ihr Weg führt sie direkt zu dem undurchschaubaren Leibarzt der Königin, Dr. Lucius Fabian. Was hat er mit der Sache zu tun? Und warum hegt er so großes Interesse an Veronicas hellsichtiger Schwester?

€ 9,99 [D], € 9,99 [A]
Erschienen am 08.12.2014
Übersetzer: Jürgen Langowski
432 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-492-98178-1

Leseprobe zu »Immorality Engine«

1

 

Der weiche Lehm schmatzte zäh und klebrig unter den Stiefeln, als wollte er ihn in die glitschigen, feuchten Tiefen hinabziehen, hinunter zu den Leichen und den Särgen der Toten. Newbury verlagerte sein Gewicht und suchte nach einem halbwegs trockenen Platz, auf den er sich stellen konnte. Ringsherum war der Boden von Schlamm bedeckt, und der Dauerregen, der ihm auf die Hutkrempe trommelte, machte die Sache nicht besser. Von der warmen Erde stiegen Dunstschwaden auf, ringelten sich um den Wald aus schiefen Grabsteinen, klammerten sich an die Zweige [...]

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1

 

Der weiche Lehm schmatzte zäh und klebrig unter den Stiefeln, als wollte er ihn in die glitschigen, feuchten Tiefen hinabziehen, hinunter zu den Leichen und den Särgen der Toten. Newbury verlagerte sein Gewicht und suchte nach einem halbwegs trockenen Platz, auf den er sich stellen konnte. Ringsherum war der Boden von Schlamm bedeckt, und der Dauerregen, der ihm auf die Hutkrempe trommelte, machte die Sache nicht besser. Von der warmen Erde stiegen Dunstschwaden auf, ringelten sich um den Wald aus schiefen Grabsteinen, klammerten sich an die Zweige der Äste und Büsche und hüllten die ganze Szene in ein gespenstisches, unwirkliches Gewand. Einige Gestalten bewegten sich darin wie Schatten. Alle trugen Schwarz, die Gesichter blieben hinter Schleiern oder vors Gesicht geschlagenen Händen verborgen.
In der Nähe, unter den schützenden Ästen einer alten Eiche, pickten die Krähen an dem zähen Kadaver eines toten Fuchses. Newbury beobachtete sie mit grimmiger Faszination.
Rings um das Häuf lein der Trauergäste hatten uniformierte Bobbys als gespenstische Wachtposten Aufstellung genommen. Im Morgendunst waren sie kaum zu erkennen. Ihre Aufgabe war es, herumstrolchende Wiedergänger und andere unangenehme Zeitgenossen abzuwehren, die sich etwa im Zwielicht herumtreiben mochten.
Die Friedhöfe waren mittlerweile ein beliebtes Jagdrevier dieser Wesen, die bald sterben mussten. Newbury fragte sich, ob die Wiedergänger sich den kürzlich Bestatteten irgendwie besonders verbunden fühlten oder ob sie einfach nur die warmen Körper verlockend fanden. An diesem stillen Ort versammelten sich ahnungslose Menschen und bemerkten in ihrer Trauer nicht die torkelnden, schlurfenden, von der Seuche gezeichneten Fleischfresser. Seiner Ansicht nach spielte es keine große Rolle. Er war nicht überzeugt, dass ein paar Bobbys die Wesen abhalten konnten, wenn diese sich wirklich zum Angriff entschlossen.
Nacheinander betrachtete er die Gesichter der kleinen Gruppe. Nur sechs Trauergäste nahmen an der Beerdigung teil. Seiner Ansicht nach hätten mehr kommen müssen. Er betrachtete die reglosen Gestalten, die unter dem Starkregen die Köpfe einzogen. Sie hatten sich versammelt, um Amelia Hobbes zu beerdigen.
Newbury bemühte sich, dem Vikar zuzuhören, der mit ebenso feierlicher wie monotoner Stimme die Andacht am Grab leitete. Neben ihm stand ein kleiner Messdiener, der für den Priester einen Schirm hielt und selbst praktisch ungeschützt dem Regen ausgesetzt war. Er war bis auf die Haut durchnässt, und das ursprünglich weiße Gewand war mit Erde und Schlamm vollgespritzt. Neben dem offenen Grab lag die ausgehobene Erde, die nach der Zeremonie wieder verfüllt werden sollte. Der frische, feuchte Geruch stieg Newbury in die Nase.
Ihm gegenüber befanden sich Mr. und Mrs. Hob- bes, die Eltern des toten Mädchens und der älteren Schwester, die als Assistentin für Newbury arbeitete. Miss Veronica Hobbes stand neben ihm und war nicht bereit, den Blick zu heben, um sich dem vorwurfsvollen Starren der Eltern auszusetzen. Im Moment waren ihre Gesichter jedoch in den treibenden Nebelschwaden nicht zu erkennen. New- bury hatte zuvor mit ihnen gesprochen und vor allem Erleichterung in den Blicken entdeckt. Ja, sie zeigten sich erleichtert, da die Bürde ihrer eigenartigen, gequälten Tochter, die in die Zukunft blicken konnte, endlich von ihnen genommen war. Newbury hatte ihnen die Hände geschüttelt, kondoliert und sich dabei bemüht, nicht zu streng über sie zu urteilen. Doch seit er beobachtet hatte, wie sie sich Veronica gegenüber benahmen, konnte er seine rechtschaffene Empörung nicht mehr verhehlen. Ihm war klar, dass diese Leute das größte Augenmerk stets auf sich selbst, auf ihr Vermögen und ihr Ansehen richteten und die Kinder als bloßen Zierrat betrachteten, den es bestenfalls zu bewundern und zu bestaunen galt. Die kranke Amelia hatten sie freilich vor den neugierigen Blicken der feinen Gesellschaft verborgen und von einem Heim und einem Krankenhaus in das nächste geschickt, bis Newbury vor Kurzem persönlich eingegriffen, Ihre Majestät die Königin um eine Gunst gebeten und dafür gesorgt hatte, dass das arme Mädchen in die private Obhut von Dr. Lucien Fabian, dem Leibarzt der Königin, überstellt wurde.
Fabians Bemühungen hatten sich als katastrophaler Fehlschlag erwiesen, doch wie Newbury inzwischen wusste, hatte erheblich mehr dahintergesteckt. Die ganze Angelegenheit war eine unerhörte Schurkerei und ein Verrat der übelsten Sorte gewesen. Und natürlich war Fabian nicht zugegen, um der Bestattung seiner Schutzbefohlenen beizuwohnen.
Dr. Mason dagegen war gekommen. Vor der Verlegung in Fabians Grayling Institute hatte sich der Arzt längere Zeit um die kranke Amelia gekümmert. Er schien vor allem um Veronica besorgt, denn während der Andacht ließ er sie kaum aus den Augen. Newbury fand das einerseits lobenswert, war zugleich aber angesichts der Aufmerksamkeit des Mannes für seine Assistentin ein wenig gereizt.
Rechts neben Newbury stand Sir Charles Bain- bridge, der Chief Inspector von Scotland Yard, wie Newbury ein Agent der Krone und ein guter Freund. Bainbridge war ein Jahrzehnt älter als Newbury und zählte bereits mehr als fünfzig Jahre. Er benutzte einen Gehstock, seit er sich vor langer Zeit bei einem Abenteuer den linken Fuß verletzt hatte. Der Polizeibeamte trug einen buschigen grauen Schnurrbart und einen steifen Zylinder. Das Wetter setzte ihm sehr zu, er verkroch sich förmlich in seinem dicken Wintermantel und starrte, den eigenen Gedanken nachhängend, abwesend in den Dunst.
Newburys Blick wanderte zu Veronica, die links neben ihm stand. Sie war sehr unglücklich und schluchzte haltlos mit gesenktem Kopf. Das dunkle Haar war nass und klebte schlaff an den blassen Wangen, doch sie schien den Regen kaum zu bemerken. Trotz der Tropfen waren die Tränen, die ihr über die Wangen liefen, deutlich zu erkennen.
Newbury hob den Kopf, als er Schritte hörte. Die Sargträger kamen.
Während die Männer den Sarg in das schlammige Loch hinabließen, in dem sich einige Pfützen gebildet hatten, trat er näher an Veronica heran, die gerade ein lautes Schluchzen unterdrückte. Der Vikar erzählte mit leiernder Stimme etwas über Geburt und Wiederauferstehung. New- bury seufzte. Geburt und Wiederauferstehung. Genau darum ging es auf die eine oder andere Weise doch immer wieder.
Die sechs Helfer zogen sich langsam von dem offenen Grab zurück, ihre Stiefel quietschten im Schlamm. Veronica trat vor, nahm eine Handvoll feuchte Erde vom Rand des Grabes und warf sie ins Loch. »Lebewohl«, sagte sie ernst. Dann kehrte sie dem Grab den Rücken und wandte sich mit einem trotzigen Funkeln in den Augen an Newbury.
Über ihre Schulter hinweg beobachtete er die Eltern, die missbilligend miteinander tuschelten. Er unterdrückte die Verachtung, die er für diese Leute empfand, und schenkte Veronica ein Lächeln. »Kommen Sie, wir wollen Sie aus diesem schrecklichen Regen herausbringen, Miss Hobbes.«
Veronica nickte stumm. Ihre Augen waren rot geweint, die Miene trostlos. Newbury schob Anstand und Schicklichkeit beiseite, schloss sie in die Arme und zog sie an sich. »Veronica, kommen Sie, sonst holen Sie sich noch eine Erkältung.« Dann flüsterte er ihr ins Ohr: »Dieser Ort tut Ihnen nicht gut.«
Sie schmiegte sich an ihn und legte den Kopf an seine Schulter, immer noch schüttelte das Weinen ihren ganzen Körper. Einen Moment lang schien es Newbury, als stünden sie ganz allein an diesem traurigen, nebligen Ort. Die anderen Gestalten, allesamt schwarz gekleidet, waren nur noch schmierige Tintenflecken, deren Konturen sich im Dunst verloren. In diesem Augenblick war Veronica das Wichtigste auf der Welt.
Newbury führte sie sanft von der Trauergemeinde fort zu der Reihe der wartenden Kutschen, half ihr beim Einsteigen und folgte ihr. Die Regentropfen fielen von ihrer durchnässten Kleidung auf die Sitze. Er nahm neben ihr Platz und fasste sie bei der Hand. »Kutscher, fahren Sie zu.«
Das Trommeln des Regens auf dem Dach übertönte die Antwort, die der Mann draußen auf dem Kutschbock ihm gab, aber die Pferde zogen mit einem Ruck an, der Newbury und Veronica gegen die Rückenlehne presste. Mit knarzenden Rädern verschwand die Droschke im Morgennebel.

 

2
Sieben Tage vorher

 

Das Lokal roch streng.
Nicht unangenehm, fand Veronica, aber aufdringlich und ungewöhnlich. Ein Gemisch von Kräutertee und dem süßen Gestank des Opiums. Sie spähte durch die offene Tür.
Drinnen lümmelten, zechten und lachten Chinesen oder hatten sich an den vielen verstreut aufgestellten Tischen in ernste Unterhaltungen vertieft, tranken Tee und rauchten Zigaretten. In weiße Fräcke gekleidete Kellner eilten zwischen ihnen umher und brachten Berge von Porzellan mit geübter Eleganz ans Ziel.
Veronica blickte zu Charles Bainbridge auf, der misstrauisch das Lokal beäugte. »Es sieht doch ganz unschuldig aus«, meinte sie. »Sind Sie sicher, dass dies der richtige Ort ist?«
Bainbridge nickte. »Gewiss. Es ist das richtige Lokal.«
»Aber wo ist er dann?«
Bainbridge zuckte mit den Achseln. »Ich nehme an, es gibt ein Hinterzimmer. Einen … eine Art Salon.«
Veronica strich ihr Kleid glatt. »Dann gehe ich hinein und frage nach ihm.«
Bainbridge hielt sie zurück und nahm sie ins Gebet. »Sie, Miss Hobbes, werden freundlicherweise hier draußen warten. So ein Lokal sollte eine Dame nicht betreten.«
»Papperlapapp!«, rief sie so laut, dass ein Kellner sich überrascht umdrehte. »Davon will ich nichts hören.« Sie trat als Erste durch die schmale Tür, ohne sich noch einmal zu Bainbridge umzudrehen, der doch wieder nur Einwände erhoben hätte.
Natürlich war sie in dieser liederlichen Umgebung fehl am Platze. Sie trug ein tadelloses graues Kostüm, der lange Rock pendelte um ihre Fesseln, das dunkle Haar war straff zurückgekämmt und mit Nadeln festgesteckt, um das hübsche Gesicht frei zu lassen. Sie war der Inbegriff der berufstätigen Frau. Die auffällige rosafarbene Bluse und das gereckte Kinn bewiesen dagegen ihre Entschlossenheit, sich von den anderen Frauen ihres Alters abzuheben, die sich vermutlich die Zeit mit Nähen oder Gejammer über die Männer vertrieben und sonst kaum etwas Aufregendes erlebten.
Veronica hatte sich schon vor langer Zeit gegen dieses Leben entschieden und sich zielstrebig um eines bemüht, in dem sie zwielichtige Etablissements wie dieses aufsuchen oder sich gar auf abenteuerliche Unternehmungen einlassen konnte, die man keinesfalls als schickliche Beschäftigungen für eine Frau von Stand betrachten konnte. Genau deshalb mochte sie es.
Dieses Lokal, es hieß Johnny Chang’s Tearooms, galt als Treffpunkt von Halunken, Taschendieben und Seeleuten, die gerade aus dem Osten eingetroffen waren. Außerdem war es offenbar eine Zuflucht für gestrauchelte Gentlemen, die sich in die mystischen Künste vertiefen oder sich hemmungslos dieses schreckliche orientalische Kraut, dieses Opium, einverleiben wollten. Die Droge hatte als Geißel des Ostens gegolten, war aber inzwischen durchaus, wie Veronica amüsiert dachte, als Geißel der britischen Oberschicht anzusehen. Viele brave Männer waren dem Gift verfallen. In gewisser Weise war das verfluchte Opium eine ebenso schlimme Krankheit wie die Cholera oder die Wiedergängerseuche, nur dass die Letztere Arm und Reich gleichermaßen traf und noch tausendmal heimtückischer war.
Veronica schaute in die leeren Gesichter. Kaum zu glauben, dass Newbury ein solches Lokal aufsuchte.
Sie blieb stehen, als ein chinesischer Kellner beladen mit Teetassen und schmutzigen Schalen vorbeilief. Die anderen Gäste waren verstummt und starrten sie mit einer Mischung aus Verblüffung, Lüsternheit und Misstrauen an.
Schließlich näherte sich ihr ein Kellner. Es war ein kleiner Mann mit kurzem schwarzem Haar und einem breiten, strahlenden Lächeln. »Darf ich Ihnen helfen, Madam? Sir?« Eilfertig verneigte er sich vor Veronica und Bainbridge, wobei er sie die ganze Zeit genau im Auge behielt.
Veronica wollte schon das Wort ergreifen, doch da drängte sich Bainbridge nach vorn und hob drohend den Gehstock. Ringsherum schreckten die Gäste auf. »Sie können sich die Höflichkeiten und das Lächeln meinetwegen sparen. Ich weiß genau, was für ein Laden das hier ist«, blaffte er. Das Gepolter war unnötig, offenbar legte er es auf einen Eklat an. Sein Schnurrbart bebte, als fände er das alles äußerst widerwärtig. »Ich bin Sir Charles Bainbridge von Scotland Yard und suche einen Gentleman. Ich habe Grund zu der Annahme, dass er dieses … dieses Etablissement gelegentlich aufsucht.«
Der Kellner lächelte und zuckte beschwichtigend mit den Achseln. »Es tut mir leid, Sir, ich verstehe nicht, was Sie meinen.« Er deutete auf die Tische im Raum, wo Vagabunden und Diebe saßen und die Störenfriede nach wie vor misstrauisch beäugten. »Wie Sie selbst sehen können, ist Ihr Freund nicht hier.« Der Kellner entfernte sich einen Schritt von Bainbridge und verneigte sich noch einmal. »Es tut mir leid, dass ich Ihnen heute nicht weiter zu Diensten sein kann.« Das war nichts anderes als ein höflicher Rauswurf.
Bainbridge schnaubte vor Wut. »Also, so etwas auch! Das ist doch völlig unbefriedigend. Ich verlange Auskunft von Ihnen, wo ich Sir Maurice Newbury finden kann!«
Die Miene des Kellners blieb unbeteiligt.
Veronica legte Bainbridge eine Hand auf den Arm. »Sir Charles, bitte hören Sie auf.«
Bainbridge warf ihr einen empörten Blick zu, ließ aber immerhin von dem kleineren Mann ab und stieß ein gedehntes Seufzen aus.
Veronica nahm die Sache selbst in die Hand, ließ Bainbridges Arm los, schob sich an dem Kellner vorbei und mied die Blicke der drei Männer, die an der Rückwand rauchend und Karten spielend an einem kleinen Tisch saßen. Einer von ihnen genoss das Schauspiel offenbar und beobachtete sie mit amüsiertem Grinsen. Ihr entging nicht, dass er die beiden anderen - vermutlich waren es Leibwächter - zurückhielt, als sie Anstalten machten, sich zu erheben und ihr in den Weg zu treten. Sie fragte sich, ob es sich bei dem Anführer um den Namensgeber und Besitzer des Lokals handelte. Wie auch immer, seine Beweggründe begriff sie zwar nicht, aber er gewährte ihr freies Geleit.
Veronica ignorierte die lauten Rufe des Kellners und stürmte weiter. In der Rückwand verdeckte ein schwerer roter Vorhang den Blick aus der vorderen Teestube auf die weitaus ungesünderen Ausschweifungen im Hinterzimmer.
»Hier entlang.« Sie würdigte den hitzig protestierenden Kellner keines Blickes und führte den Inspektor in den düsteren Raum hinter dem Vorhang. Der Kellner zögerte nun, da es ihm offenbar widerstrebte, die Schwelle der Teestube zu überschreiten und damit aus der Sicherheit seines angestammten Reichs auf ein gefährliches, erschreckendes Territorium überzuwechseln. Ein Reich abseits der geschäftigen Welt der Teetassen und des Zigarettenrauchs, wo er eigentlich heimisch war. Ein Reich, in dem die Geister der Lebenden umgingen.
So kam es Veronica jedenfalls vor, als sie durch den Samtvorhang in das große, opulent ausstaffierte Hinterzimmer trat.
Das Licht war gedämpft, und ihre Augen brauchten einen Moment, um sich umzustellen. Schwere rot und grün gefärbte Stoffe bedeckten die Wände, die Fenster waren mit dicken Vorhängen verdunkelt. Diwane und Chaiselongues mit seidenen Kissen standen in kleinen Gruppen beisammen, um diskrete und behagliche Nischen für die Gäste zu schaffen. Zahlreiche Männer lagen selbstvergessen auf den Polstern und schienen in den Fluten aus weichem Stoff fast zu versinken. Die Luft war zum Schneiden dick von dem übelkeiterregenden süßen Opiumrauch. Abgesehen von den Lauten, die von der Teestube herüberdrangen, war es völlig still.
Ein in rote Seide gekleideter Chinese ging zwischen den ins Leere starrenden Gästen umher, kümmerte sich um ihre Bedürfnisse, füllte die Pfeifen nach und rückte die Kissen zurecht. Als die Säume seines Cheongsam leise über den Boden raschelten, bekam Veronica den eigenartigen Eindruck, dort schwebte ein Geist und kein Mensch aus Fleisch und Blut. Die fettigen Rauchkringel, die von den reglosen Gästen aufstiegen und durch die Luft wallten wie Seelen, die aus toten Leibern entflohen, verstärkten den Eindruck noch.
Veronica musste in den schweren Dämpfen husten und würgen und legte sich eine Hand auf den Mund.
Bainbridge sah sich unterdessen mit weit aufgerissenen Augen um. »Diese Ausschweifung!«, rief er. »Diese Dekadenz!« Er stützte sich schwer auf den Gehstock, als bedrückte ihn allein schon die Tatsache, dass er ein derart hedonistisches Lokal betreten hatte.
Veronica ließ endlich Bainbridges Ärmel los, schüttelte den Kopf und drang langsam tiefer in den Raum vor. Sie wanderte zwischen den niedrigen Diwanen und den aufgetürmten Kissen umher und suchte Newbury. Dabei musste sie über die weit gespreizten Beine eines halb ohnmächtigen Chinesen steigen, dessen Augenlider kurz, aber ohne sonderliches Interesse flatterten, als sie vorbeikam. Bainbridge folgte ihr.

Über George Mann

Biografie

George Mann ist Autor zahlreicher Drehbücher für die TV-Serie »Doctor Who«, phantastischer Romane und Erzählungen. Nach »Affinity Bridge« und »Osiris Ritual« führt er in »Immorality Engine« den Leser erneut in die faszinierende Welt des Steampunk. George Mann lebt mit Frau und Kindern in England.

Pressestimmen

Der phantastische Bücherbrief

»Es handelt sich bei 'Immorality Engine' um eine spannende, gut erzählte Geschichte mit genialen Verbrechern, einer als typischen britischen Club getarnte Geheimgesellschaft, sympathischen Figuren und jeder Menge guter Ideen. [...] George Mann ist ein hervorragender Erzähler, weil er seine Welt als Welt einsetzt und nicht einfach eine vorhandene Welt mit Steampunk-Attributen überfrachtet (...)«

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