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Im Winter schläft man auch bei Wölfen

Im Winter schläft man auch bei Wölfen

Roman

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Im Winter schläft man auch bei Wölfen — Inhalt

Der kleine Pietro glaubt diese Gerüchte nicht. Die Juden sollen Jesus umgebracht haben, aber wenn sein Freund Dario wirklich etwas mit dem Tod Christi zu tun hätte, hätte er dann so große Segelohren, mit denen er sich gar nicht verstecken kann? Pietro ist der tollkühne Erzähler des Romans. Gemeinsam mit Dario muss er sich verstecken in den letzten Monaten des Zweiten Weltkriegs, in einem Kloster vor Venedig, vor den Deutschen. Als das Kloster von deutschen Truppen belagert wird, müssen sie fliehen. Schon nach kurzer Zeit haben ihre Feinde sie eingeholt, und Dario und Pietro droht der sichere Tod – da taucht ein deutscher Soldat auf und erschießt ihre Verfolger. Jetzt müssen die Jungen ihm vertrauen. Aber ob das die richtige Entscheidung ist?

Diese bewegende Geschichte einer Flucht wird getragen von der selbstbewussten Stimme eines jungen Erzählers, dessen kindlicher Mut die Schrecken des Krieges wie ein großes Abenteuer erscheinen lässt.

€ 15,99 [D], € 15,99 [A]
Erschienen am 15.09.2014
Übersetzt von: Barbara Kleiner
272 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-96783-9
»Andrea Molesini ist mit diesem Roman ein kleines Meisterwerk gelungen...Er stellt einmal mehr unter Beweis, wie gerade der erzählerische Zugriff in seiner motivischen Verflechtung und der großen Nähe zu den Figuren es vermag, sich gegen jede Banalisierung des Kriegsgeschehens zu stellen.«
Deutschlandfunk

Leseprobe zu »Im Winter schläft man auch bei Wölfen«

 

1
Dario hat Segelfliegerohren, und deshalb kann er Jesus nicht getötet haben.
Meinen zehnten Geburtstag hatte ich schon vor drei Tagen, und man weiß, dass man mit zehn anfängt zu denken wie die Großen. Ich habe aber meine Zweifel, ob diese Großen wirklich so schlau sind, denn sonst dürfte der Krieg nicht so lang dauern. Ein bisschen schön ist er aber doch auch, alle machen sich unglaublich wichtig, so können wir eine Katze foltern und töten, und alle sind froh, denn jetzt kommt sie in den Kochtopf, während es vor dem Krieg Schläge gab und Schimpfe und [...]

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1
Dario hat Segelfliegerohren, und deshalb kann er Jesus nicht getötet haben.
Meinen zehnten Geburtstag hatte ich schon vor drei Tagen, und man weiß, dass man mit zehn anfängt zu denken wie die Großen. Ich habe aber meine Zweifel, ob diese Großen wirklich so schlau sind, denn sonst dürfte der Krieg nicht so lang dauern. Ein bisschen schön ist er aber doch auch, alle machen sich unglaublich wichtig, so können wir eine Katze foltern und töten, und alle sind froh, denn jetzt kommt sie in den Kochtopf, während es vor dem Krieg Schläge gab und Schimpfe und Sätze wie: »Du bist so bös, dass man dich nicht einmal in der Hölle will.« Solche Sachen; heute, wo die Bomben die Menschen zerreißen wie Glaskannen, kommen die keinem in den Sinn.
Dario ist mein bester Freund, ich mag ihn, weil er still ist und sich mit den Zahlen auskennt. Und dann glaubt nicht einmal Schwester Elvira wirklich, dass er Jesus getötet hat. Die Juden haben den Gottessohn getötet, sagt Don Rino, der zu mager ist, um die richtigen Sachen zu wissen. Aber den Schwestern Jesi, die nun wirklich sehr jüdisch sind und bei uns versteckt leben, bringt Schwester Elvira das Essen; auch wenn die in der schrecklichen Uniform vorbeikommen, bringt Schwester Elvira den beiden immer zu essen, und man sieht, dass es ihr nichts ausmacht, ob sie Jesus getötet haben. Die Dickere von den beiden heißt Maurizia und läuft schief wie ein überladener Karren, sie hat eine Apotheke gehabt, zusammen mit ihrem Mann, der gestorben ist, nachdem er so mager geworden war, dass er schwankte und sein Kopf hin und her schaukelte wie eine leere Flasche, die auf dem Wasser schwimmt.
Maurizia ist nicht nur sehr jüdisch, sie ist auch sehr klein, und ihr Bauch bewegt sich wie der Sack des Mannes, der die Katzen fängt und sie wer weiß wohin bringt. Und wenn Schwester Elvira zu Maurizia sagt, dass Medikamente gebraucht werden, dass sie aber kein Geld hat, weil das Geld gebraucht wird, um die mit der schwarzen Uniform bei Laune zu halten und auch diese anderen, die schießen und gottlos sind, hat Maurizia die Medikamente trotzdem immer gegeben, auch ohne Geld, da kann man nichts machen. Da kann man nichts machen, sagt sie.
Im Kloster wird viel geredet, was man nicht versteht. Don Rino sagt, die Juden sind böse, aber diese beiden, die wirklich sehr jüdisch sind und keinen Fuß in die Kirche setzen, sind gut, und man muss sie verstecken. Ich mein, wenn einer wirklich eine so schreckliche Tat begeht, wie Jesus zu töten, kann er doch nicht so blöd sein, mit Segelfliegerohren auf die Welt zu kommen, die so groß sind wie zwei Scheunentore, denn da kann er sich ja nicht verstecken.
Mörder wollen nicht, dass man sie erkennt. Aber im Krieg stimmt das nicht, denn alle haben irgendwas zu schießen, und da ist immer irgendein Bösewicht, den man abknallen muss, daher ist das so ein Durcheinander, wie wenn man ein brennendes Papierknäuel in einen Ameisenhaufen wirft. Ich bin imstande, den Ameisen auch stundenlang zuzuschauen, wie sie hin und her rennen und sich unter den Bäumen verlieren, wo das Licht Flecken auf den Boden wirft.
Ich mag Dario, weil er nie spricht, er meint, die Worte lässt man besser im Magen drin, wo sie es warm haben und keinen Schaden anrichten. Er kennt sich gut aus mit den Zahlen, und wenn Rechnen dran ist, bekommt er die Höchstnote Zehn, ohne dass er in die Kirche geht, denn er gehört zu denen, die Jesus getötet haben, deshalb erlauben die Brüder ihm, dass er nicht in die Kirche geht, und ihm ist das ganz recht so. Ich dagegen geh auch zweimal in die Kirche, wenn Rechnen dran ist, ich lösche eine Kerze, die unter dem Kreuz brennt, stell sie vor der Madonna mit dem Gesicht aus Holz auf und zünde sie wieder an, denn meine Bitten, mir bei den Zahlen zu helfen, richte ich an die Madonna, doch bestimmt nicht an den da am Kreuz, der tot ist mit Nägeln auf dem Kopf, in den Händen und Füßen. Meiner Meinung nach hatte auch er es nicht so mit den Zahlen, obwohl er Gott war, die Madonna dagegen schon, weil sie einen festen Blick hat und in die Ferne schaut, und mit zehn Jahren hab ich begriffen, dass die mit dem festen Blick, der über deinen Kopf weggeht, mit den Zahlen jonglieren, dass es die helle Freude ist. Aber auch wenn ich die Kerze anzünde, bekomme ich eine Vier, Dario dagegen, der nicht einmal weiß, wer diese Frau aus Holz ist, bekommt eine Acht und eine Zehn. Vielleicht ist schuld daran, dass ich meine Kerze von unter dem Kreuz wegnehme, und das gilt dann nicht, aber was liegt mir denn an Pierino, der vom Geld der Oma zehn Eier kauft: Eins fällt ihm auf den Boden, das zweite frisst der Wolf, drei landen, ich weiß auch nicht, wie, im Bauch von Rotkäppchen, das ein blödes Kind ist, weil es nicht einmal merkt, dass der Wolf eben seine Oma aufgefressen hat und nun auch es selbst auffressen will – was also liegt mir daran, wie viele Eier Pierino heil nach Hause bringt, wenn der Wolf ihn vorher auffrisst. Kurz und gut, ich und die Zahlen, wir können nicht miteinander.
Ada, die jüngere Schwester von Maurizia, ist überhaupt nicht dick, aber viel krummer als ihre Schwester, sie hat einen Stock aus Bambus mit einem gebogenen Griff oben dran, und wenn die beiden auf der kleinen ­Allee mit den gelben Rosen gehen, die Schwester Elviras ganzer Stolz sind, wirken sie mit ihren fünf Beinen wie ein Tier, das auf Adas Seite tock macht. Ein großes und un-ge-lenk-ig-es Tier, ich mag lange Wörter, die ein bisschen hin und her rutschen, wie wenn man mit dem Schuh in Scheiße tritt. Ich mag schiefe Dinge wie Mauriziada, so nenne ich das Tier mit den fünf Beinen, von denen eines tock macht, und das Tier mag mich. Ja, denn wenn es aufhört, schief herumzulaufen, und wieder zwei getrennte Personen wird, beginnt es, Geschichten zu erzählen, und seine Geschichten sind seltsam. Aber wirklich seltsam. Ada fängt an von einem Pinguin, der einem Elefanten die Schubkarre gestohlen hat, und Maurizia beendet die Erzählung mit einem Fischotter, der die Mispeln von Opa Pappaciccia frisst. Opa Pappaciccia kommt in den Geschichten der beiden immer vor. Einmal ist er Feuerwehrmann, ein anderes Mal Bersagliere, manchmal schert er Hunde, und andere Male flickt er Kessel. Er ist der Supergute in all ihren Geschichten, und der Böse ist immer A-H mit Bindestrich in der Mitte. A steht für Adolf und H für Hitler. A-H hat einen Schnurrbart, ist klein wie ein Esel, und aus seinen Ohren, die keine Segelfliegerohren sind, sonst könnte man ja sagen, auch er hätte Jesus getötet, kommt ein bisschen Rauch, wenn er zur Menge spricht, die immer da ist, wenn er spricht. Maurizia sagt, A-H ist ein Dämon der Hölle, auch wenn ihm die Gabel fehlt, und Ada sagt, A-H ist eine Banane, ich weiß nicht, was das heißen soll, vielleicht, dass er innerlich krumm ist wie eine Banane oder verrückt wie ein Komma, wie ein Furz der Geschichte, und die Geschichte setzt sich zusammen aus den Geschichten aller Menschen, die zusammengenommen eins sind, wie Ada und Maurizia mit ihren fünf Beinen, wenn sie durch die kleine Rosenallee gehen.

 

2
Im Kloster leben nur wenig Leute. Schwester Elvira und sieben Franziskanermönche, die sich nicht blicken lassen, und ich weiß, dass einer von ihnen älter ist als eine Kirchenbank. Und die Bänke in der Kirche sind alle so alt, dass sie krack machen, wenn du dich draufsetzt, selbst bei mir, wo ich doch nur so viel wiege wie ein halber Sack Kichererbsen. Dann ist da Don Rino, sehr groß in seiner schwarzen Kutte, er liest die Messe und nimmt die Beichte ab, aber Schwester Elvira mag ihn nicht, weil er zu mager ist, auch wenn er genug zu essen hat, und den Mageren, die reichlich essen, kann man nicht trauen. Der Teufel hat sie so geschaffen. Und dann liest er immer, und auch denen, die zu viel lesen, kann man nicht trauen, und so sagen sie ihm nicht, dass Dario, Maurizia und Ada Jesus getötet haben. Aber gewisse Dinge, die versteht ein Priester auch so, und einmal hat er mich gefragt, warum Dario und die beiden Alten nicht zur Messe kommen, und ich habe mit den Schultern gezuckt und bin davongelaufen.
»Du darfst nie etwas von uns erzählen, auch von Dario nicht, wenn du mit den Fischern hinausfährst. A-H hat seine Ohren überall.«
Manchmal nennen sie A-H »Das Ohr mit dem Schwanz«. Ein Ohr so groß wie eine Kuh mit Flohbeinchen und ­einem Löwenschwanz. Deshalb, wenn ich zu den Fischern gehe, denen Sonne und Salz das Gesicht gegerbt haben, bin ich vor lauter Angst, dass mir etwas über das Kloster entschlüpft, stummer als die Fische in den Körben, und sie nennen mich »Der Stumme Zwei«, um mich nicht mit Dario zu verwechseln, den sie »Der Stumme« nennen. Es ist schön, Der Stumme Zwei zu sein, denn man kann ­dastehen, zuschauen und zuhören, Sachen machen, und keiner fragt dich was, und nach einer Weile sehen sie dich nicht mal mehr, vielleicht bewirkt es die Stimme, dass die anderen uns sehen, und Stummsein macht uns durchsichtig wie ein Glas Wasser.
Ich mag die Tage, wenn das Meer stürmisch ist, die Boote an der Mole bleiben und die Gläser der Seeleute nie leer werden, sie haben da so braunes Zeug drin, das sie Rum nennen, weil es im Kopf brumm macht, wie wenn ein Motorrad losbraust.

 

3
Bevor meine Mutter gestorben ist, hat Gott eine gewisse Bedeutung in meiner Familie gehabt, an Weihnachten ist man in die Kirche gegangen, auch wenn es stürmte und schneite, und jedes Mal, wenn wer starb oder sich ver­heiratete. Aber es gab Dinge, die wichtiger waren: das Geld, um nur eins zu nennen, die schwarze Pendeluhr, die von selber schlug, wenn man in den Zinkeimer pinkelte, der Rollstuhl von meinem Opa, der fast blind war und mit der Nase und den Ohren sah. Und dann waren da die Schuhe, sonntags hatten alle, wenn sie ausgingen, einen Hut auf dem Kopf und blank polierte Schuhe. Blank mussten sie sein, die Schuhe!
Ich seh das Meer jetzt durch das Fenster, und ich beneide alle, die es vom Wasser aus sehen, von den Booten aus, denn sie können es berühren, auch wenn sie das nie tun, denn niemand mag das Meer anrühren, manchmal verbrennt man sich daran.
Ich habe nie einen Vater gehabt, und meine Mama ist gestorben, als ich noch klein war, ich weiß freilich nicht, wie alt ich war, aber ich glaube, halb so alt wie jetzt, wo ich schon richtig vernünftig bin. Sie ist gestorben, und stundenlang durfte ich sie nicht sehen, dann hat sie im Sonntagskleid im Sarg gelegen, und man hat mir gesagt, sie wäre in den Himmel aufgefahren, auch wenn sie da im Sarg gelegen hat, mit schwarzen Schuhen, so blank wie ein Teller, den man mit Brot ausgewischt hat. Ich hab nach oben geschaut, und der Himmel war leer, und der Sarg da vor mir war ganz ausgefüllt von der Mama. Manche glauben, nur weil du klein bist, können sie dir jeden Bären aufbinden, aber ich glaube nur an das, was ich sehen und anfassen kann, ich bin schließlich nicht so bescheuert wie die Erwachsenen, wenn sie Rum pissen. Und dann, was macht einer denn im Himmel, vielleicht Sterne zählen oder mit den Wolken Kissenschlacht spielen? Ich weiß, wie das Leben ist, viele Dinge, die einem zustoßen, versteht man nicht, und dann stirbt man und kommt in einen Sarg, der Sarg wird hinuntergelassen und die Öffnung dann mit einem Stein verschlossen, dass man vier Männer braucht von denen, die die Boote verschieben, um ihn beiseitezurollen. Man fürchtet, dass der Tote womöglich nachts aufwacht und durch die Straßen läuft, und deswegen ist der Stein so schwer, dass man vier Männer braucht, um ihn beiseitezuschieben.
Das habe ich begriffen: Alles, was mir zustößt, stößt mir zu, und basta, Schwester Elvira sagt, wir müssen an den Sinn denken, den alle Dinge haben, aber ich bin jetzt zehn Jahre alt und weiß, dass ich den Sinn doch nicht finde, auch wenn ich unters Bett schaue oder in den Kamin, aber die Schwester sagt, den Sinn zu finden ist wie in den Himmel der Toten aufzufahren, die aber doch unter einem Stein liegen, den man nicht einmal mit einem Muli beiseiteschafft.
Und dann sind da die Dinge, die keiner sagt und wo ich sage, das sind die schönsten. Weil ich ich sein will. Da sind die Frauen, die man durchs Schlüsselloch beobachten kann oder wenn ich mich mit Dario unter einem Haufen Wäsche verstecke, wenn sie sich im Bottich waschen, und sie haben einen prallen Busen, wenn sie aus dem Wasser kommen, und Hinterbacken, was der Po ist – aber wenn ich das sage, fahren sie mir mit der Seife über den Mund –, rund und glänzend wie Wassermelonen, wenn man sie in den Brunnen legt. Ich spioniere den Frauen immer nach, wenn die Fischer draußen sind, aber jetzt geh ich allein hin, weil Dario stinkende Fürze lässt, wenn man es sich am wenigsten erwartet, und so haben sie uns einmal erwischt, ich habe zwei Tage nur Wasser und Brot bekommen, er dagegen ist ohne Strafe davon­gekommen. Das ist, weil er Jesus schon getötet hat, und dann macht es nichts, wenn er krumme Dinger dreht, weil er das krümmste von allen ja schon gedreht hat. Das Schlimme ist, dass ich nicht weiß, wie man Jesus tötet. Und die Frauen, die jungen, tun so, wie wenn sie nichts sehen würden, wenn ich ihnen unter den Rock schaue, wo sie so gut nach reifen Feigen und gekochtem Zimt ­riechen.

 

4
Pater Ernesto hat viele Zähne, alle ungleich und ein bisschen gelblich. Wie die von A-H zum ersten Mal auf die Insel gekommen sind, waren sie zu viert. Sie haben ein hässliches Italienisch gesprochen, falsche Verbformen und kalte Vokale. Pater Ernesto ist wie ein großer Fels­brocken, der den ganzen Weg versperrt, und von seinen Zähnen, seinem Bauch und von seinen Schultern geht so etwas wie eine Stille aus, die sich aus vielen kleinen Stillemomenten zusammensetzt, und auch die Stille ist bei ihm schwer wie ein großer Felsbrocken. Und wenn er so still dasteht, lauschen alle, auch das Wasser mit seinen kleinen Geräuschen, auch die Deutschen von A-H mit ­ihren Stiefeln und Handgranaten mit dem Holzgriff, die sie am Gürtel hängen haben. Es ist eine Stille, in der man die seine hört.
Pater Ernesto ist mein Lieblingsmönch, und Dario mag ihn auch sehr gern. Wir stehen dicht bei ihm, und die vier mit den gelben Haaren und den Worten wie gestoßenes Eis, das krrk macht, sagen: »Aus dem Weg, Pater.« Und Pater Ernesto verschränkt die Arme und sagt: »Das ist das Haus Gottes, und ihr kommt nicht mit der Demut, die Gott wohlgefällig ist.«
Einer von den vieren, dem eine violette Narbe vom Kinn bis in ein Ohr hineinreicht, sagt: »Aus dem Weg, Pater, oder ich werd’s dir zeigen …« Aber der mit der Mütze, der offenbar das Kommando hat, gibt ihm einen Stoß vor die Brust, dass er fast seine Zunge verschluckt.
»Wir hier zur Durchsuchung, ich katholisch, aber ich habe Befehle.«
»Darf man fragen, was ihr sucht, Herr Oberleutnant?«
»Zwei Frauen.«
»Hier ist nur eine Ordensschwester.«
»Ich muss durchsuchen lassen.«
Das zweite U von »durchsuchen« dauert so lang, dass ich derweil hätte pinkeln können.
Pater Ernesto nimmt die großen Hände von der Brust und packt Dario und mich, wir machen kehrt, und die vier folgen uns. Der Kies macht krrk unter den Schuhsohlen. Ich höre meinen Atem. Ich höre, wie Dario die Nase hochzieht. Und ich höre die vier, die sich etwas in ihrer Stachelschweinsprache sagen.
»Wollt ihr bei der Kirche anfangen?«
»Ja.«
Die vier teilen sich auf, in einem blanken Koppel am Gürtel trägt der Oberleutnant eine Waffe. Die Haut in seinem Gesicht ist voller Pickel und Runzeln. Er wohnt in der Kaserne in Burano, dort nennen sie ihn den Pockennarbigen, die Pocken sind eine schlimme Krankheit.
Der Pockennarbige hat eine Art zu gehen, die man nicht vergisst, wenn man sie einmal gesehen hat. Alle zwei Schritte macht die rechte Fußspitze auf Kies krrk, auf Stein Scht und dreht sich nach innen. Ein etwas schleppender Gang und ganz seltsam.
Der Pockennarbige breitet die Hände fächerförmig aus, und seine drei Männer gehen in die Kirche, auch sie verteilen sich fächerförmig. Die Kirche ist leer. Weil in unserer Kirche nichts ist. Pater Ernesto sagt, das ist so, weil Gott da ist, der ungeheuer groß ist, auch wenn er unsichtbar ist, und wenn da zu viele Dinge herumstehen, bleibt er mit seinem Gewand überall hängen, und wer soll dann das Gewand Gottes flicken, wenn es zerreißt. Die Engel haben anderes zu tun, besonders in diesen Zeiten, wo die von A-H unterwegs sind.
Ein bisschen glaube ich ja an Engel. Ich weiß, man sagt, an solche Sachen wie die Befana glauben nur Kinder, ­dabei weiß man, es stimmt nicht, dass sie einem Kohlen in den Strumpf steckt, auch weil die Strümpfe immer ­Löcher haben und man die Kohle braucht, um sich zu wärmen bei dieser Kälte, und das wäre ein zu teures Geschenk, bei dem, was die Kohle kostet. Ich kenn einen Engel, aber das sage ich keinem, nur Dario, er kennt ihn auch, aber er ist Der Stumme und sagt nichts. Der Engel ist einer, der mit bloßen Händen Fische fangen kann, seine Hände sind groß und die Finger so gut wie Netze. Seine Haare sind rötlichgelb wie eine Aprikose, und keiner will glauben, dass er hier geboren ist, die anderen Fischer nennen ihn »Den Iren«, weil Irland eine Insel ist, wo alle aprikosenfarbene Haare haben, und es heißt, sein Vater hat mehr Hörner als ein Tausendfüßler Füße, denn er hat dunkle Haare, und seine Mutter ist auch dunkel. Von Hörnern verstehe ich was, auch wenn ich erst zehn Jahre alt bin, weil ich den Fischern zuhöre, wenn sie glauben, ich schlafe, ich aber spitze die Ohren und weiß, was Hörner sind. Aber vielleicht ist er ja kein Engel, vielleicht hat er nur ein bisschen Zauberkräfte, weil ihm die Fische aus dem Wasser in die Hände springen, und das kann keiner, der keine Zauberkräfte hat.
Der Pockennarbige steckt den Kopf hinter den violetten Vorhang des Beichtstuhls. Dann öffnet er die kleine Tür zur Sakristei und verschwindet dahinter. Die anderen drei gehen hinter dem Altar herum, dann folgen sie ­ihrem Vorgesetzten. Pater Ernesto drückt uns in die erste Bank und sagt: »Sprecht ein Gebet und bleibt hier. Ich komme euch dann holen, wenn das hier vorbei ist.«
Und Pater Ernesto geht hinter den schwarz Uniformierten her und verschwindet auch.
Ich bete nicht, außer wenn Rechnen drankommt, Dario braucht das nicht, weil er die Zahlen im Kopf hat. Einmal hat er mir gesagt, Gott habe verschiedene Gebete, das sagt er, weil er zu denen gehört, die Jesus getötet ­haben, aber ich glaube ja, dass seine Gebete auch nichts be­wirken. Also haben wir geschwiegen. Eine Stunde ist ­vergangen, und Pater Ernesto ist uns holen gekommen. »Brav seid ihr gewesen, brav.« Dann hat er uns dorthin gebracht, wo gegessen wird, unter das Steingewölbe, und hat uns ein Stück warmes Brot gegeben, das frisch aus dem Ofen von Pater Michele kam; sobald der uns sieht, wackelt er mit dem Kopf und sagt: »Jetzt will der Teufel sogar die Kinder.«
Dario und ich essen das Brot, das herrlich schmeckt mit der Milch von Rina, das ist eine Kuh, die gibt eine etwas gelbe Milch, wenn es schmutzig regnet. Und schmutzig regnet es jedes Mal, wenn die Amerikaner die Ebene auf der anderen Seite des Wassers bombardieren. Aber heute ist Rinas Milch weiß, wir essen und sind still, auch weil wir Der Stumme und Der Stumme Zwei sind, und unser Name zählt hier was.

Andrea Molesini

Über Andrea Molesini

Biografie

Andrea Molesini, 1954 geboren in Venedig, ist bislang als literarischer Übersetzer und Kinderbuchautor in Erscheinung getreten. »Zu lieben und zu sterben« ist sein erster eigener Roman, für den er sogleich den Premio Supercampiello bekam, mit dem Leser und Buchhändler per Abstimmung den besten...

Pressestimmen

Deutschlandfunk

»Andrea Molesini ist mit diesem Roman ein kleines Meisterwerk gelungen...Er stellt einmal mehr unter Beweis, wie gerade der erzählerische Zugriff in seiner motivischen Verflechtung und der großen Nähe zu den Figuren es vermag, sich gegen jede Banalisierung des Kriegsgeschehens zu stellen.«

Dresdner Neueste Nachrichten

»Spannend und poetisch.«

Rhein Zeitung

»In einer Sprache von poetischer Schönheit schildert Molesini in seinem Buch existenzielle Erfahrungen.«

dpa-Meldung

»In einer Sprache von poetischer Schönheit schildert Molesini in seinem spannungsgeladenen Buch existenzielle Erfahrungen.«

eschborner-zeitung.de

»Großartige Erzählkunst. Eine echte Leseperle!«

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