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Im Schatten der Giganten

Im Schatten der Giganten

Roman

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Im Schatten der Giganten — Inhalt

Bislang kannte Easie Damasco nur Legenden über Giganten – doch als der Tyrann Moaradrid ihn vom Galgen schneidet und in seine Armee zwangsrekrutiert, wird der Mythos plötzlich real: Der dunkle Feldherr gebietet über ein Heer an Riesen, die jeden zerschmettern, der sich ihnen in den Weg stellt. Um Moaradrid in seine Schranken zu weisen, muss Easie all sein Geschick aufbieten und das Unmögliche wagen: unbemerkt einen Giganten stehlen und mit ihm die Pläne des grausamen Herrschers durchkreuzen … Ein hochkarätiges High-Fantasy-Debüt mit phantastischer Action, einem hinreißenden Schreibstil und dem überzeugendsten Helden seit Captain Jack Sparrow.

€ 9,99 [D], € 9,99 [A]
Erschienen am 10.08.2015
Übersetzt von: Andreas Brandhorst
400 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-98252-8

Leseprobe zu »Im Schatten der Giganten«

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Die Sonne ging unter, als sie entschieden, mich zu hängen.

Gerechterweise muss man sagen, dass sie es mit der Entscheidung nicht sonderlich eilig gehabt hatten. Seit meiner Gefangennahme, bei der ich ordentlich Prügel bezogen hatte, waren sie fast eine Stunde damit beschäftigt gewesen, darüber zu reden. Einer der drei Burschen wollte mich einem Offizier der Berufssoldaten übergeben. Der zweite schien entschlossen, mir die Kehle durchzuschneiden, und er hoffte noch immer, die anderen beiden überreden zu können. Ich hatte beschlossen, mich auf seine [...]

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Die Sonne ging unter, als sie entschieden, mich zu hängen.

Gerechterweise muss man sagen, dass sie es mit der Entscheidung nicht sonderlich eilig gehabt hatten. Seit meiner Gefangennahme, bei der ich ordentlich Prügel bezogen hatte, waren sie fast eine Stunde damit beschäftigt gewesen, darüber zu reden. Einer der drei Burschen wollte mich einem Offizier der Berufssoldaten übergeben. Der zweite schien entschlossen, mir die Kehle durchzuschneiden, und er hoffte noch immer, die anderen beiden überreden zu können. Ich hatte beschlossen, mich auf seine Seite zu schlagen. »Er hat recht, wisst ihr. Es ist ein schneller, aber schmerzvoller Tod, und weniger schmutzig, als man glauben könnte.«

Das brachte mir nur einen besonders heftigen Tritt gegen die Stirn ein, woraufhin ich mich auf ein gelegentliches Nicken oder zustimmendes Brummen beschränkte.

Man hatte mir oft prophezeit, dass ich früher oder später die falsche Person bestehlen und dafür mit dem Kopf in der Schlinge enden würde. Dann und wann hatte ich geahnt, dass etwas Wahres daran sein könnte, aber die meiste Zeit über hatte ich versucht, einfach nicht daran zu denken. Das Hängen erschien mir als eine unnötig in die Länge gezogene und unangenehme Art und Weise, aus dem Leben zu scheiden, und da Einhaltung und Vollzug des Gesetzes im Castoval eher dem Zufall überlassen blieben, hatte ich mich damit getröstet, dass ich mir über so etwas nur Sorgen machen musste, wenn ich sehr achtlos oder ausgesprochen dämlich gewesen wäre.

An diesem Tag war ich leider beides gewesen.

Die Diskussion ging weiter, und ich folgte ihr so gut ich konnte, wich dabei dem einen oder anderen Schlag aus und versuchte heimlich, die Hände freizubekommen. Trotz ihres Getues zweifelte ich kaum daran, dass die Burschen frühere Fischer waren und vermutlich von der Küste bei Aspira Nero stammten. Sie trugen keine Farben und keine Panzerung, abgesehen von Arm- und Kopfschutz aus Leder. Ihre bernsteinfarbene Haut war von der Gischt des Meeres gegerbt, und sie sprachen mit einem schweren Akzent. Hinzu kamen eher derbe Manieren, wie ich am eigenen Leib erfahren musste. Sie brauchten so lange, sich zu einigen, dass ich riskierte, vor Langeweile zu sterben.

Einer von ihnen – der Größte, das Gesicht über dem wuchernden Bart glänzend und gerötet – drehte sich zu mir um und knurrte: »Hast du gehört? Wir knüpfen dich auf.« Er war derjenige, der sich die ganze Zeit über fürs Hängen ausgesprochen hatte.

»Es ist meinen Ohren nicht entgangen. Allerdings glaube ich noch immer, dass das mit der durchgeschnittenen Kehle besser wäre. Wahrscheinlich würde ich mich dabei nicht beschmutzen. Aber es ist natürlich eure Sache, wenn ihr unbedingt Zeit vergeuden wollt.«

»Stimmt«, pflichtete er mir bei und warf seinem Kumpel, der schmollend ein Messer mit Knochengriff befingerte, einen warnenden Blick zu.

Wenn meine Verurteilung unwiderruflich feststand, konnte es nicht schaden, dem Burschen ganz offen zu sagen, was ich von ihm hielt. »Es wäre wohl auch zu viel gewesen, Finesse von einem so einfältigen und übel riechenden Dummkopf zu erwarten, dessen Mutter vermutlich …«

Ich hatte noch viel mehr sagen wollen, wurde jedoch in meiner Konzentration gestört, als ein Schlag meinen Kopf mit solcher Wucht traf, dass ich zu Boden ging. Für einen Moment wurde alles schwarz. Dann schmeckte ich Blut, und obwohl das Blut mit Dreck vermischt war, wusste ich doch, dass ich nicht länger auf dem Boden lag. Etwas Raues und Warmes befand sich zwischen meinen Beinen und etwas anderes an meinem Hals, auf unangenehme Weise festgezogen. Das warme Ding identifizierte sich mit einem verärgerten Wiehern. Das andere Objekt erkannte ich ohne Hilfe.

Ich zog in Erwägung, nicht die Augen zu öffnen, obwohl das kaum etwas zu nützen schien. Dann fiel mir ein, dass ich nicht im Dunkeln sterben wollte. Ein enttäuschender Anblick erwartete mich. Alles war so wie in meiner Erinnerung. Die kurvenreiche Straße erstreckte sich noch immer links von uns, und es herrschte dichter Verkehr auf ihr – viele Leute waren zum Feldlager unterwegs. Der Fischerkarren stand noch immer im Gras, und die alte Buche erhob sich dort, wo sie sich den ganzen Nachmittag erhoben hatte. Allerdings sah ich sie jetzt aus einem anderen Blickwinkel, denn ich hing an einem ihrer Äste. Der Mond stand jetzt klar am Himmel, die Sonne war fast verschwunden. Ich schätzte, dass nur einige Minuten verstrichen waren, seit die Männer mein Schicksal beschlossen hatten.

»Er ist wach«, meinte der kleinste Bursche, der mit der Vorliebe für das Durchschneiden von Kehlen.

»Stimmt«, bestätigte ich, die Worte ein wenig undeutlich wegen der Schlinge an meinem Hals. »Können wir jetzt bitte fortfahren? Es ist schon recht kühl geworden; ich fürchte, uns steht eine kalte Nacht bevor.«

Ich hatte gehofft, es würde mutig klingen. Aber wahrscheinlich hielten die Männer meine kühnen Worte für ängstliches Geschwafel.

»Er hat recht«, sagte der Größte. »Wer will hier schon in der Kälte herumstehen? Bringen wir es hinter uns.« Er wandte seine Aufmerksamkeit mir zu. »Wie heißt du eigentlich?«

»Damasco«, sagte ich, schon zum dritten Mal. »Easie Damasco. Denk daran, wenn meine sieben Brüder in der Nacht kommen, um mich zu rächen.«

»Möchtest du einige letzte Worte sprechen, Damasco?«, fragte der Mann. »Bleib anständig, dann sind wir vielleicht so freundlich und ziehen an deinen Beinen.«

»Ich möchte nur noch einmal daran erinnern, dass ich vollkommen unschuldig bin. Ihr wollt das vielleicht nicht erkennen, aber die Götter sehen es, seid gewiss. Gerechtigkeit wird euch widerfahren, in dieser oder einer anderen Welt.«

»Ha! Leb wohl, Damasco.«

Es gab noch andere Dinge, die ich sagen sollte, und sie erschienen mir sehr wichtig. Doch der Mann hob die Hand und winkte jemandem hinter mir zu. Ich hörte das Zischen einer Peitsche, das Pferd wieherte, und plötzlich gab es nur noch Luft zwischen mir und dem Boden.

Ich versuchte, nach der Schlinge zu greifen, aber das klappte natürlich nicht, weil mir die Hände auf den Rücken gebunden waren. Eine Schulter knackte drohend, und ich gab den Versuch auf. Zum ersten Mal fühlte ich Panik nahen. Ich trat mit den Beinen, als könnte ich den Abstand zwischen meinen Füßen und dem Boden auf diese Weise verringern. Ich wollte schreien, brachte aber nur ein gurgelndes Geräusch hervor. Der Schmerz im Hals war unglaublich. Er dehnte sich aus, erfasste die Gliedmaßen und nahm ihnen die Kraft. Ich zappelte noch immer, denn tief in mir wusste ich: Wenn ich mich nicht mehr bewegte, kam der Tod. Doch mit jedem verstreichenden Augenblick wurde ich schwächer.

»Was macht ihr da?«

Über mir riss etwas entzwei, und einen Moment später, wie durch ein Wunder, fiel ich ins hohe Gras. Es war eine ziemlich harte Landung, zum Glück mit den Füßen zuerst, und dann kippte ich zur Seite. Ich biss die Zähne zusammen und bemühte mich, wieder auf die Beine zu kommen. Überrascht stellte ich fest, dass ich irgendwann die Augen geschlossen hatte, und jetzt öffnete ich sie wieder und sah in die Richtung, aus der die Stimme gekommen war.

Reiter boten sich meinen Blicken dar, vielleicht ein Dutzend, und alle ähnlich gekleidet, aber der Mann, der eben gesprochen hatte, stach aus ihnen hervor wie ein Falke aus einer Gruppe von Spatzen. In physischer Hinsicht gab es nur wenig, das ihn von den anderen unterschied: Sein Pferd war eine Handbreit oder zwei größer, Umhang und Rüstung wirkten erlesener, selbst ohne Zierrat. Seine Haut erschien mir ein ganzes Stück dunkler als mein eigener olivfarbener Teint; Haar und Bart wiesen von Wicklern aus Draht geschaffene Locken auf. Das Gesicht des Mannes war kantig und scharf geschnitten. Eine eindrucksvolle Gestalt, zweifellos, aber nicht außergewöhnlich für einen Nordländer. Etwas anderes, weniger Greifbares wies mich darauf hin, dass dieser Mann der Kriegsherr Moaradrid von Schoan war: seine Haltung, die Art und Weise, wie uns seine dunklen Augen musterten, die Intensität selbst seiner kleinsten Gesten. Eine Wolke der Autorität umgab ihn.

Das einzige andere Zeichen seines Ranges bestand aus dem Respekt seiner Leibwächter. Einer hielt noch den Bogen erhoben, und die Richtung, in die er zeigte … Jener Pfeil war es gewesen, der den Strick meiner Schlinge am Ast getroffen und zertrennt hatte. Die drei Fischer waren auf die Knie gesunken und verbeugten sich so tief, dass ihre Stirn den Boden berührte. Ich hielt es für besser, ihrem Beispiel zu folgen.

»Vergeuden wir Männer?«, fragte Moaradrid.

Jede Silbe hatte Gewicht. Alle zusammen hörten sich nach einem Bergsturz an.

»Euer Majestät, Herr …«

»Vergeuden wir taugliche Männer?«

»Nein, Herr, aber wir haben ihn dabei erwischt, wie er vom Tross stahl …«

»Es zeigt, dass er mit Händen und Füßen umzugehen weiß.«

»Ja, Herr, aber …«

»Du«, wandte sich Moaradrid an mich. »Möchtest du gehängt werden?«

»Um ganz ehrlich zu sein, ich finde die Vorstellung wenig erquicklich«, antwortete ich.

Der Hals fühlte sich noch immer wie abgeschnürt an, und die Worte brannten wie Salz in einer offenen Wunde.

»Würdest du lieber in meinem Heer dienen?«

»Genau das hatte ich vor, Herr, bevor mich diese Grobiane törichterweise packten und …«

»Bringt ihn zu einer Freiwilligenbrigade«, sagte Moaradrid und richtete diese Worte an den selbst ernannten Anführer der Fischer.

Er stieß die Hacken in die Seiten des Pferds und ritt zur Straße. Die Leibwächter folgten ihm sofort.

Er ritt fort, ohne dass einer meiner neuen Gefährten auch nur einen Mucks von sich gab. Ich sah dem Kriegsherrn nach und kam nicht umhin, seine Haltung zu bewundern, die einfache Eleganz seiner Kleidung, die Gelassenheit, mit der seine freie Hand auf dem Knauf des Degens ruhte.

Doch was mich am meisten beeindruckte, war die Größe des Geldbeutels, den ich, halb verborgen, an seiner Taille bemerkt hatte.

»Vorhin wolltest du etwas über meine Mutter sagen.«

»Tatsächlich?«

»Ja.«

»Das überrascht mich. Normalerweise neige ich nicht dazu, die Abstammung anderer Menschen zu kommentieren. Eine ungewöhnlich starke Provokation wäre nötig, mich so weit sinken zu lassen.«

Costas – der selbst ernannte Anführer – schnaubte und wandte sich ab. Seit mindestens fünf Minuten versuchte er, Streit mit mir anzufangen. Normalerweise hätte ich nichts dagegen einzuwenden gehabt, aber derzeit befand ich mich kaum in einer geeigneten Verfassung. Ich war erschöpft und halb verhungert gewesen, als sie mich erwischt hatten. Andernfalls hätten sie mich gar nicht erwischt, und es war auch die Erklärung dafür, wieso ich mich dazu herabgelassen hatte, vom Tross zu stehlen. Dass ich anschließend verprügelt und fast gehängt worden war, hatte meinen Zustand nicht gerade verbessert.

Costas war groß, aber auch schmächtig, und ich schätzte, dass ich unter normalen Umständen mit ihm fertiggeworden wäre. Den kleinen Burschen namens Armando hielt ich für gefährlicher, und der dritte, der bisher kaum gesprochen hatte, blieb eine unbekannte Größe. Jedenfalls stand es drei zu eins, weshalb ich es für klug hielt, mich von der höflichen Seite zu zeigen. Costas hatte es mir nicht leicht gemacht, freundlich zu bleiben, und ich war froh, dass er endlich das Interesse verlor.

Ich saß mit Costas und dem Stillen hinten auf dem Karren, auf einer Kiste, die nach Kohl und getrocknetem Fisch roch, der seine beste Zeit hinter sich hatte. Die Straße war schlecht und die Federung des Karrens noch viel schlechter. Aber ich fand es immer noch besser, als zu Fuß zu gehen.

»Was hat es mit dieser Freiwilligenbrigade auf sich?« Es schien mir ein neutrales Gesprächsthema zu sein. Die drei ehemaligen Fischer achteten nicht auf mich, und deshalb fügte ich hinzu: »Bessere Arbeit als die von Söldnern, nehme ich an?«

Der vorn auf dem Kutschbock sitzende Armando kicherte.

»Du wirst schon sehen.«

»So schlimm kann es doch nicht sein.«

»Meinst du?«

Dies führte zu nichts, und ich glaubte ohnehin, die Antwort zu kennen. Es war vermutlich einer der Gründe dafür, warum sich Moaradrid hier unten im Castoval befand und nicht weit oben im Norden, wo er hingehörte. Die Ebenen jenseits von Pasaeda waren eine elende Region, vom König vernachlässigt, weil er sie für wertlos hielt. Zahllose vorwiegend nomadische Stämme verbrachten dort den größten Teil ihrer Zeit damit, sich gegenseitig zu bekriegen, wobei es meistens um Frauen und Pferde ging, nicht unbedingt in dieser Reihenfolge.

Moaradrid hatte all das geändert und innerhalb eines Jahres ein Drittel der Stämme geeint. Seine Vorgehensweise war recht einfach: Wo sich andere damit begnügt hatten, sich eine Frau oder einen guten Hengst des besiegten Feindes zu krallen, nahm er den Kopf des Kriegsherrn und alle seine Kämpfer.

Ich unternahm einen neuen Versuch, ein harmloses Thema anzuschneiden. »Bestimmt gibt es in der Freiwilligenbrigade viele Möglichkeiten für einfallsreiche und hart arbeitende Leute wie mich.«

»Vielleicht, wenn du die Nacht überlebst«, brummte Costas.

»Natürlich«, stimmte ich ihm fröhlich zu.

»Was ich bezweifle. Du willst es einfach nicht kapieren, wie? Du kannst von Glück sagen, wenn sie dir eine Waffe geben. Die Aufgabe der Freiwilligen besteht darin, Aufstellung zu beziehen und sich dem Feind entgegenzuwerfen, bis auf der einen oder anderen Seite alle tot sind. Wenn du anschließend noch zu was taugst, bekommst du vielleicht einen Platz bei den Regulären. Aber viel eher bist du tot oder noch schlimmer dran.«

Es hätte mich interessiert zu erfahren, was schlimmer sein konnte als der Tod, aber ich wollte ihm nicht den Gefallen tun, danach zu fragen. Es gab allerdings eine andere Frage, die in mir brannte. Bis vor einigen Wochen hatte Moaradrids Feldzug nur Anlass zu amüsierten Tavernengesprächen geboten, doch dann führte sein Vorstoß plötzlich in eine neue Richtung. Es ergab natürlich einen Sinn: Früher oder später musste es zur Auseinandersetzung mit dem König kommen, so blind und selbstvergessen der alte Narr auch sein mochte, und es war mehr nötig als nur ein undisziplinierter Haufen Flachländer, um diese Konfrontation zu gewinnen. Meine Neugier galt vor allem den nächsten Ereignissen. Der größte Teil von Moaradrids Streitmacht lagerte hier auf der Ebene bei Aspira Nero, während der Kriegsherr und ein kleines Gefolge die Reise fortgesetzt hatten. Sie waren den hastig zusammengezogenen südlichen Verteidigern aus dem Weg gegangen, mit dem Ergebnis, dass auf beiden Seiten kaum ein Tropfen Blut vergossen worden war. Jetzt befand sich Moaradrid wieder hier. Vor der Entscheidung, mein Glück beim Tross zu versuchen, hatte ich die Streitmacht eine Zeit lang beobachtet, und dabei waren mir Planwagen aufgefallen, deren Ladung verborgen blieb.

Was hatte Moaradrid vor?

Selbst wenn diese drei Männer Bescheid wussten – und das hielt ich für sehr unwahrscheinlich –, hatte ich die Chance vertan, sie zu fragen. Seit ungefähr einer Stunde waren wir zum Hauptlager unterwegs. Der Himmel hatte längst das letzte Tageslicht verloren, und der Mond hing tief über dem Horizont, halb hinter Wolken verborgen. Kantige Silhouetten in der Nähe eines Flusses, vermutlich Zelte, wiesen ebenso auf das Lager hin wie einige Lagerfeuer weiter oben am Hang, rechts von uns. Hinzu kam ein Gestank, der in den letzten Minuten immer stärker geworden war. Einzelheiten konnte ich ihm nicht entnehmen, aber das wilde Durcheinander von abscheulichen Gerüchen vermittelte mir eine ungefähre Vorstellung davon, wie viele Körper weiter vorn auf uns warteten.

Ich kannte diese Gegend. Hier beschrieb der Casto Mara einen Bogen in Richtung östliche Vorberge, unweit des Talausgangs. Die einzige nahe Stadt war Aspira Nero, die die Grenze zwischen dem Castoval und den vom König kontrollierten Mittländern markierte und als neutrales Territorium galt. In dieser Region gab es nur kleine Bauernhöfe mit Olivenhainen weiter oben am Hang und Reisfeldern beim Fluss. Es wäre gutes Land gewesen, ohne die häufigen Überflutungen, die es in einen Sumpf verwandelten. Ich fragte mich, was aus den Einheimischen geworden sein mochte. Vielleicht waren sie tot. Oder vielleicht lernte ich sie bald als Gefährten bei den »Freiwilligen« kennen.

Am Rand des Sumpfes – der Übergang war eher fließend, manchmal im wahrsten Sinne des Wortes – hielt uns ein Wächter an, ein Flachländer, der sein langes Haar zu einem Zopf geflochten über der einen Schulter trug.

»Wohin wollt ihr?«, fragte er ohne großes Interesse.

»Diese Männer …« Ich deutete auf meine Begleiter. »… sind Söldner von der billigeren Sorte. Ich hingegen bin ein Freiwilliger, dazu entschlossen, Moaradrid mit dem Elan und Mut meiner Jugend zu dienen.«

»Aber nicht mit deinem Schwert, wie?«, fragte der Wächter und warf einen demonstrativen Blick auf meinen leeren Gürtel.

»Es wurde mir von Räubern gestohlen«, sagte ich traurig. »Fast ein Dutzend von ihnen habe ich getötet, hielt es dann aber für klüger, mich zwar unbewaffnet, dafür aber mit heiler Haut auf und davon zu machen. Bestimmt wird jemand so gütig sein, mir ein neues Schwert zu leihen.«

»Zweifellos.«

Der Mann winkte jemandem zu, der lässig an einem Baum lehnte.

»Bring ihn zu den Entbehrlichen«, sagte er und zeigte auf mich.

Der Soldat brummte und bedeutete mir, vom Karren zu klettern. Als ich seiner wortlosen Aufforderung nachkam, richtete der Offizier einige Worte an Armando, und meine Füße hatten kaum den Boden berührt, da rollte der Karren auch schon wieder los.

»Viel Glück, Freiwilliger!«, rief Costas. Er spuckte, verfehlte mich aber um Armeslänge.

»Mögest du auch so gut zielen, wenn dein Leben davon abhängt!«, rief ich zurück.

Der Soldat musterte mich mit finsterem Blick und legte die Hand auf den Griff des Schwerts, das an einem Tuchgürtel hing. Die Schärpe zeigte das rötliche Violett eines frischen blauen Flecks, die Farbe von Moaradrid. Was bedeutete, dass er ein Berufssoldat war, ein Regulärer. Ich beschloss, ihn nicht noch mehr zu verärgern.

»Sollen wir gehen?«, schlug ich vor.

Er brummte erneut und stapfte los, zum Lager. Ich folgte ihm.

Moaradrids Lager war, offen gestanden, ein einziges Chaos. Ich gewann den Eindruck, dass die große Mehrheit seiner Soldaten die letzten Nächte im Freien verbracht hatte; nur die Offiziere und Veteranen schienen in den Zelten und requirierten Bauernhäusern beim Fluss untergebracht zu sein. Der Umstand, dass keine dauerhafteren Unterkünfte errichtet worden waren, deutete darauf hin, dass das Heer nicht lange an diesem Ort bleiben sollte. Daraus wiederum ließ sich der Schluss ziehen, dass eine Schlacht bevorstand. Unser Heer befand sich weiter im Norden, soweit ich wusste. Jetzt, nach Moaradrids Rückkehr von seiner geheimnisvollen Reise, schien es unvermeidlich zu sein, dass der seit Langem gärende Konflikt eine kritische Phase erreichte.

Natürlich war es nicht in dem Sinne »unser Heer«, zumindest war es nicht »meins«. Immerhin gehörte ich jetzt zur anderen Seite. Mein Status als Freiwilliger machte mich zu einem Feind, und das war ein deprimierender Gedanke, gleich in mehrfacher Hinsicht.

Um mich ein wenig aufzumuntern, entnahm ich den Taschen meines Mantels die Nahrungsmittel, die ich auf dem Karren an mich genommen hatte: ein Ranken Brot, ein verwelktes Stück Kohl und übel riechenden Fisch. Das Brot erschien mir nicht ganz so unappetitlich wie der Rest, und deshalb brach ich einen Brocken davon ab und kaute nachdenklich. Als mich der Soldat anstarrte, gab ich ihm etwas von dem Brot.

»Gestohlen?«, fragte er.

»Nicht von hier«, antwortete ich wahrheitsgemäß. Ich hatte den Ranken eingesteckt, kurz bevor wir vom Wächter am Rand des Lagers angehalten worden waren.

»Dann möchte ich auch was von dem Fisch«, sagte er, woraufhin ich den ebenfalls teilte.

Nachdem er gegessen hatte, ohne sich zu übergeben, folgte ich seinem Beispiel. Der Fisch schmeckte erstaunlich gut. Allerdings: Ich war so hungrig, dass mir vermutlich selbst meine Stiefel geschmeckt hätten. Der Soldat aß auch das Brot, nahm dann einen Schluck aus einem Wasserschlauch und reichte ihn mir. Wie sich herausstellte, enthielt er Wein, besser gesagt: Wein, der nach Essig schmeckte und stark verdünnt war. Aber ich fand ihn köstlich und nickte dem Soldaten dankbar zu, der einfach nur den Schlauch zurücknahm und wortlos weitermarschierte.

Es ging die ganze Zeit über nach oben, mehr konnte ich nicht feststellen. Zwar war der Mond fast voll, aber es zogen Wolken über den Himmel, und im Osten braute sich ein Unwetter zusammen. Das einzige zusätzliche Licht kam von den Lagerfeuern, und davon gab es nicht viele, vielleicht weil Holz so nahe beim Fluss knapp war, oder weil Moaradrid nicht die Größe seiner Streitmacht verraten wollte. Mein Begleiter schien den Weg genau zu kennen, was vermutlich bedeutete, dass es im Durcheinander von Männern und Feuerschein so etwas wie eine Ordnung gab. Das half mir nicht viel weiter. Wenn ich vor dem Beginn der Schlacht entkommen wollte – und genau das war meine Absicht –, musste ich zumindest wissen, wo ich mich befand.

Der Soldat blieb stehen. Vor uns brannte ein jämmerlich kleines Feuer, in der Nähe eines verkrüppelt wirkenden Olivenbaums und eines großen Felsens, der wie ein Obelisk aufragte. Ich bemerkte Gestalten am Feuer, aber es ließ sich nicht feststellen, wie viele es waren. Zählen konnte ich nur die, die direkt vom Licht des kleinen Lagerfeuers erreicht wurden, und sie schienen die Minderheit zu sein. Mein Begleiter sah sich um. Seine Nachtsicht war offenbar besser als meine, denn er wandte sich an einen Schemen, der sich kaum von den anderen unterschied, und rief: »Wie sieht es mit der Größe deiner Gruppe aus, Lugos?«

Ein untersetzter Mann kam aus der Dunkelheit. »Zwei sind krank, und einen weiteren habe ich bei einer Messerstecherei verloren.« Seine Stimme war rau und gleichzeitig hoch. Das flackernde orangefarbene Licht zeigte nur die eine Hälfte seines hässlichen Gesichts. »Warum fragst du? Hast du mir einen Neuen mitgebracht?«

»Habe ich, wenn du ihn willst. Er ist ziemlich hager und ein Dieb. Aber das dürfte dich kaum stören, oder?«

Der Mann namens Lugos wandte sich mir zu. »Ganz und gar nicht«, sagte er. »Hagere Diebe sterben ebenso gut wie andere Männer.«

»Ich heiße Easie Damasco«, sagte ich. »Und ich bin noch lange kein Dieb, nur weil ich einmal vor Hunger gestohlen habe.«

»Wenn kümmert’s? Klar, ich nehme ihn dir ab«, sagte Lugos. Mein Begleiter nickte und kehrte in die Richtung zurück, aus der wir gekommen waren. »Damasco, wie?«, fragte mich der Untersetzte. »Es gibt da einige Regeln, über die du Bescheid wissen solltest. Du tust, was ich dir sage. Ohne Widerrede. Wenn es darauf ankommt, rennst du nicht weg. Und leg dich nicht mit Leon und Salzleck an.«

»Ich glaube, das kann ich mir merken. Wer sind Leon und Salzleck?«

»Komm, ich stelle sie dir vor. Dann weißt du, wem du besser aus dem Weg gehst.«

Er führte mich um das Lagerfeuer herum. Ein oder zwei Männer beschwerten sich, als wir ihnen in der Finsternis auf Hände und Beine traten, aber sie schwiegen sofort, als sie Lugos erkannten. Wir blieben neben dem großen Felsen stehen, den ich zuvor bemerkt hatte. Eine hagere Gestalt saß bei ihm und sah auf, als wir uns näherten. Der Bursche erschien mir recht jung für jemanden, dem offenbar eine besondere Autorität zukam.

»Das ist Leon«, sagte Lugos, und Leon winkte mir mit einer knochigen Hand zu. »Und das …«, fuhr er fort und zeigte auf die schwarze Masse, an der der junge Mann lehnte. »… ist Salzleck.«

»Was? Hinter dem Felsen?«

Leon kicherte, und Lugos lachte schallend. Ich fragte mich, was so komisch sein konnte – bis sich der Felsen plötzlich bewegte. Für einen Moment gaben die Wolken den Mond frei, und ich sah eine monströse Hand, jeder Finger so lang wie mein Kopf. Ich sprang zurück, doch Lugos ergriff meinen Arm und schloss die Hand fest darum.

»Vorsichtig«, sagte er. »Wenn du wegläufst, könnte dich Salzleck für eine leckere Mahlzeit halten.«

Über David Tallerman

Biografie

David Tallerman ist englischer Fantasy-, Sciencefiction- und Horrorautor und liebt nichts so sehr wie das Schreiben. Deshalb verfasst der IT-Techniker seit Jahren Kurzgeschichten, Gedichte, Comictexte und seit Neuestem auch Romane. Mit Easie Damasco schuf er einen großartigen Helden, der sein...

Pressestimmen

Wiener Journal

»Ein Schelmenroman trotz Fantasygewand, man meint Till Eulenspiegel, den braven Soldaten Schwejk und vielleicht sogar den Piraten Jack Sparrow reden zu hören.«

Read Me

»Ist Easie Damasko ›der überzeugendste Held seit Captain Sparrow‹, wie der Rücktitel behauptet? Ja, ist er. Mindestens. Weil sich die Bilder, die der Piratenfilm den Augen liefert, beim Leser von ›Im Schatten der Giganten‹ ganz von selbst im Kopf einstellen. Noch bunter und abwegiger als alles, was noch aus der Karibik kommen könnte.«

phantastisch!

»spritzig und pfiffig«

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