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Im Land des LaufensIm Land des Laufens

Im Land des Laufens

Meine Zeit in Kenia

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Im Land des Laufens — Inhalt

Stimmt es, dass Kenianer schon als Kinder täglich ­mehrere Meilen zur Schule rennen? Und ihr Laufstil effektiver ist als ­unserer, da sie barfuß aufwachsen? Der Brite Adharanand Finn spürt dem legendären ­Lauf­erfolg einer Nation nach. Dafür zieht er meh­rere Monate lang mit seiner Familie nach Iten, ins Mekka der besten Läufer. Besucht dort Weltklasseläufer und ­Nachwuchstalente in den Camps und schließt sich in der Morgen­dämmerung ­ihren Läufen durch die Savanne an. Und am Ende muss er selbst beweisen, ob sich das harte Training gelohnt hat – als er zum größten Lauf des Landes, dem ­berüchtigten Lewa Marathon, ­antritt.

€ 14,99 [D], € 15,50 [A]
Erschienen am 14.04.2014
Übersetzt von: Karlheinz Dürr, Werner Roller
320 Seiten, Klappenbroschur
EAN 978-3-492-40492-1
€ 12,99 [D], € 12,99 [A]
Erschienen am 25.05.2012
Übersetzt von: Karlheinz Dürr, Werner Roller
352 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-95613-0

Leseprobe zu »Im Land des Laufens«

Den Unterstützern, die mir am nächsten sind –
Marietta, Lila, Uma und Ossian

Hält das Göttliche nach dir Ausschau,
kann es eine mächtige Kraft sein.

 

Prem Rawat

 

Prolog

 

Zuerst höre ich einen anderen Wecker summen. Im Halbschlaf habe ich bereits auf dieses Signal gewartet. Es war ein leichter, unruhiger Schlaf unter dem dünnen Betttuch, auf dem der Hotelname in grüner Schrift steht: BOMEN. Unter der Tür dringt so viel Flurlicht hindurch, dass ich mich im Zimmer umsehen kann – jetzt wirken die Wände dunkelrosa, aber bei Tageslicht haben sie eine [...]

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Den Unterstützern, die mir am nächsten sind –
Marietta, Lila, Uma und Ossian

Hält das Göttliche nach dir Ausschau,
kann es eine mächtige Kraft sein.

 

Prem Rawat

 

Prolog

 

Zuerst höre ich einen anderen Wecker summen. Im Halbschlaf habe ich bereits auf dieses Signal gewartet. Es war ein leichter, unruhiger Schlaf unter dem dünnen Betttuch, auf dem der Hotelname in grüner Schrift steht: BOMEN. Unter der Tür dringt so viel Flurlicht hindurch, dass ich mich im Zimmer umsehen kann – jetzt wirken die Wände dunkelrosa, aber bei Tageslicht haben sie eine betörend helle Pfirsichfarbe. Über meinem Kopf baumelt eine nackte Energiesparlampe an einem Kabel.
Das Telefon klingelt. Godfrey, nur ein paar Schritte entfernt im anderen Bett, meldet sich sofort, als habe er den Hörer bereits in der Hand gehalten und auf den Anruf gewartet. Seine Stimme klingt wach und ruhig, er sagt ein paar Worte auf Kalenjin, dann legt er wieder auf.
»Chris«, sagt er im Dunkeln. Er weiß, dass ich wach bin. »Du kennst doch Chris. Er möchte runter zum Frühstück.«
Jetzt summt auch mein Wecker. Ich schalte ihn aus. Es ist vier Uhr morgens. Zeit zum Aufstehen.
Im Hotel ist bereits das Klappern von Töpfen und Geschirr und Stimmengewirr zu hören. Die übrigen Hotelgäste werden sich wahrscheinlich unwillig in ihren Betten umdrehen, auf die Uhr blicken und sich verärgert fragen, was der Lärm zu bedeuten hat. Ich trete auf den Flur hinaus, an dessen anderem Ende eine Palme langsam vor sich hin trocknet. Oben an der Treppe treffe ich im Halbschatten einer Nische auf Beatrice, die offenbar unsicher ist, ob sie sich allein hinunterwagen soll. Sie lächelt, die Zähne glänzen weiß in ihrem schwarzen Gesicht.
»Gehen wir«, sage ich.
Wortlos folgt sie mir die Treppe hinunter.
Im Frühstücksraum warten bereits die Kellner. Offenbar sind sie mitten in der Nacht aus den Betten gerissen und in ihre Kellneranzüge gesteckt worden. Jedenfalls sehen sie nicht sonderlich erfreut aus.
»Tee? Kaffee?«, fragt der Oberkellner und nähert sich mit einem Tablett voller Kannen und Tassen. Wir schütteln beide den Kopf. Ich setze mich an den Tisch; Beatrice nimmt mir gegenüber Platz. Draußen auf der Straße herrscht noch Stille.
»Bist du bereit?«, frage ich.
Beatrice nickt lächelnd. »Ich werde es schon schaffen.«
Japhet und Shadrack kommen herein. Zwei junge Männer Anfang zwanzig; keiner von ihnen war jemals so weit weg von zu Hause. Japhet ist groß, zeigt meist ein breites Lächeln und wirkt ständig ein wenig aufgeregt; Shadrack dagegen sieht mit seinen leicht vorstehenden Augen immer so aus, als hätte er gerade etwas unglaublich Schockierendes mit ansehen müssen. Der Oberkellner erscheint wieder mit seinem Tablett.
»Tee? Kaffee?«
»Chai«, sagt Shadrack so leise, dass er es zweimal wiederholen muss, bevor der Kellner ihn versteht. Japhet nickt nur. Der Kellner gießt den Tee in die Tassen.
»Fühlt ihr beide euch okay?«, frage ich. Shadrack schaut mich verwirrt an, so unfähig zu antworten, als hätte ich ihn gerade gefragt, ob er jemals verliebt gewesen sei.
»Ja, wir sind bereit«, antwortet Japhet grinsend. Der Kellner ist inzwischen richtig in die Gänge gekommen und bringt uns Teller mit Früchten. Shadrack spießt nervös ein Stück Wassermelone auf und bietet es Beatrice an. Schon werden weitere Teller serviert – Spiegeleier und Brot.
»Zum Frühstück könnt ihr essen, was ihr wollt«, hatte uns Godfrey gestern Abend eingeschärft, »bloß keine Eier.« Jetzt schaue ich die anderen verblüfft an.
»Esst ihr immer Eier vor einem Rennen?«, frage ich. Aber sie haben bereits zu essen begonnen, und so lasse ich die Sache auf sich beruhen. Das Spiegelei auf meinem Teller rühre ich jedoch nicht an, zwei Scheiben Brot und ein wenig Butter müssen genügen. Ich esse schnell zu Ende und kehre in mein Zimmer zurück.
Eigentlich hatte ich nach dem Frühstück weiterschlafen wollen, aber jetzt bin ich doch hellwach. Ich packe meine Sachen zusammen und setze mich aufs Bett. Mein Fuß fühlt sich gut an. Ich reibe ein wenig daran, um ganz sicherzugehen, und presse den Daumen auf die Verletzung in der Fußsohle. Danach hole ich eine Flasche Menthol Plus heraus, reibe meinen Fuß ein und ziehe die Socke wieder an. Langsam und tief atme ich ein und aus, während ich noch eine Weile auf dem Bett sitzen bleibe. Nach einer Stunde ist es Zeit zu gehen.
Das schwache Licht der Morgendämmerung liegt über dem Parkplatz, als wir uns bei dem Minibus versammeln. Wir warten auf Godfrey. Als ich das Zimmer verließ, kämmte er gerade sein Haar. Obwohl er einen militärisch kurzen Haarschnitt hat, striegelt er sich jeden Morgen fünf Minuten lang. Die anderen warten schweigend und geduldig. Endlich taucht Godfrey auf.
»Sorry, Leute«, sagt er und öffnet die Schiebetür. Die jüngeren Teammitglieder – Japhet, Shadrack und Beatrice – klettern nach hinten. Die erfahrenen Läufer Chris, Paul und Philip setzen sich auf die Mittelbank. Als einziger Mzungu, also Weißer, darf ich mich auf den Beifahrersitz neben Godfrey, unseren Trainer und Fahrer, setzen.
Der Minibus ruckelt durch die Ausfahrt und biegt in die geteerte Hauptstraße ein. Hier sind schon viele Menschen unterwegs, die Ziegen vor sich hertreiben oder große Säcke auf den Schultern tragen. Überfüllte Matatus, Minibusse, halten an beliebigen Stellen, und noch mehr Menschen quetschen sich hinein. Der Tag hat bereits begonnen.
In unserem Bus herrscht Schweigen. Godfrey fummelt am Radio herum, obwohl er längst weiß, dass es nicht funktioniert. Er fährt eine gerade Straße entlang, die bis hinauf zum Rand der Savanne führt, eine riesige, leere Fläche, die sich auf einer Seite weithin ausdehnt. Auf der anderen säumen notdürftig errichtete Hütten die Straße, dazwischen kleine Maisfelder und immer wieder bunt gestrichene Kioske mit großen Werbetafeln von Telefongesellschaften.
Nach etwa zwanzig Minuten erreichen wir den Haupteingang zum Lewa Conservancy, einem 263 Quadratkilometer großen Wildreservat 270 Kilometer nördlich von Nairobi, das an Übervölkerung und Verkehr fast erstickt. Eine lange Reihe von Geländewagen schlängelt sich hinein, und am Straßenrand gehen viele Leute entlang. Wir reihen uns in die Wagenkolonne ein. Die Savanne breitet sich hier auf beiden Seiten aus, sie scheint die Welt zu beherrschen. Das ist die klassische afrikanische Landschaft. Trockene Steppe, nur vereinzelt sind dornige Akazien zu sehen.
Meine Mitreisenden hinten im Auto zeigen aufgeregt aus dem Fenster.
»Was ist?«, frage ich.
»Schau doch!«, sagt Godfrey und deutet zum Seitenfenster hinaus. Nur ein paar Schritte entfernt steht ein Elefant, still wie eine Statue.
»Ist der echt?«, fragt Philip und reckt den Kopf, um über meine Schulter schauen zu können.
Holpernd geht die Fahrt in der Staubwolke der anderen Fahrzeuge weiter. Der Elefant hat die Stimmung in unserem Minibus aufgehellt. Godfrey will uns motivieren und setzt zu einer Rede an.
»Okay, Leute, alle mal herhören. Jetzt geht’s zur Sache. Ich weiß, wir haben einen Sieger hier im Auto. Ihr alle habt hart trainiert, jetzt wird es ernst. Denkt daran: Das ist ein Marathon. Lauft am Anfang nicht zu schnell. Aber achtet immer darauf, den Anschluss zur Spitze des Feldes zu halten. Ihr wisst, dass ihr es schafft.«
Er bremst und hält an. Obwohl es noch nicht einmal sechs Uhr ist, haben sich schon Hunderte hinter dem Startband versammelt und müssen von den Sicherheitskräften zurückgehalten werden. Immer mehr Läufer in kurzen Laufhosen und Shirts, auf denen die Startnummer befestigt ist, strömen den Weg entlang zum Start. Bevor ich auch nur weiß, wie die Sache hier abläuft, sind alle schon ausgestiegen und verschwunden.
»Sie sind direkt zum Start gegangen«, erklärt Godfrey. »Du solltest dich ebenfalls beeilen.« Es ist schon warm, deshalb ziehe ich meinen Trainingsanzug aus und lasse ihn im Bus. Darunter trage ich mein gelbes Trikot. Meine Nummer, 22, ist mit Sicherheitsnadeln am Trikot befestigt. Auf dem Rücken prangen die Worte »Iten Town Harriers«.
Am Start herrscht dichtes Gedränge – mehr als tausend Läufer. In dem Gewimmel entdecke ich eine Gruppe mit gelben Trikots, der Rest meines Teams. Meine Frau Marietta und mein zweijähriger Sohn Ossian stehen auch dabei, während meine beiden Töchter das Rennen irgendwo vom Rand aus verfolgen. Marietta winkt mich heran, sie will unbedingt noch ein Foto machen.
Wir stellen uns eng zusammengedrängt auf. Godfrey will nicht aufs Bild, aber wir ziehen ihn einfach in die Gruppe. Ohne ihn wären wir schließlich jetzt gar nicht hier. Er stellt sich ganz nach hinten, sein Gesicht ist im Schatten des Hutes kaum zu erkennen.
»Okay, danke«, sagt Marietta, »und viel Glück!« Jetzt müssen wir an den Start gehen. Wir drücken uns gegenseitig die Hand, es gibt nichts mehr zu sagen. Das ist es! Jetzt wird sich zeigen, was monatelanges hartes Training gebracht hat. Vor uns liegen die wilden Ebenen Afrikas. Warten auf uns. Still und lauernd. Über uns knattern Hubschrauber. Der Mann mit dem Mikrofon sagt es zwar nicht, aber alle wissen, dass wir noch warten müssen, bis ein paar Löwen von der Strecke verschwunden sind. Die Hubschrauber schwirren im Tiefflug über die Tiere, um sie zu vertreiben. Die Wartezeit kommt uns schier endlos vor. Ich recke die Arme. 26 Meilen – rund 42 Kilometer. Aber das sind nur Zahlen. Immer nur ein Schritt. Immer nur ein Atemzug. Morgenhitze steigt aus dem stacheligen Gras auf. Von der Seite winken mir meine Kinder zu, breit lächelnde kleine Gesichter. Dann beginnen wir zu zählen. Fünf. Ich spüre, wie mich mein Atem mit Leben füllt. Vier. Die Läufer stellen ihre Uhren, gehen in Starthaltung. Drei. Zwei. Gleich geht’s los. Eins. Los!

 

1
In my mind I am a Kenyan.

 

NIKE-WERBESLOGAN DER ACHTZIGERJAHRE

 

Wir laufen durch wogendes Gras, sprinten auf die erste Ecke des Sportplatzes zu. Ich laufe in der Spitzengruppe, werde vom Wirbeln der Beine um mich herum vorangetrieben, vom schnellen Atmen meiner Klassenkameraden. Wir laufen zwischen den Torpfosten hindurch und drehen seitwärts ab, sodass wir dicht an der Mauer am hinteren Rand des Platzes entlanglaufen. Es ist stiller geworden; ich werfe einen Blick über die Schulter. Nur noch ein Junge läuft dicht hinter mir, die anderen sind zurückgefallen. Ich laufe weiter, die Luft dringt kalt in meine Lungen.
Wir verlassen das Schulgelände, laufen einen mit Kies bestreuten Weg entlang, der normalerweise außerhalb der uns erlaubten Zone ist. Es knirscht unter meinen Sohlen. Ein alter Mann schiebt sein Fahrrad zum Wegrand, um mir Platz zu machen. Ich folge der Markierung, jetzt wieder einen steilen Abhang hinunter zu den Sportplätzen zurück, wo sich das Ziel befindet. Ich komme lange vor den anderen an und warte in der Kälte, bis sie nacheinander eintreffen und sich hinter der Ziellinie erschöpft zu Boden sinken lassen. Ich beobachte sie, wie sie sich auf den Rücken rollen, hinknien. Ihre Gesichter sind rot. Ich empfinde eine eigenartige Freude. Es ist die erste Sportstunde in meiner neuen Schule, und wir waren zu einem Geländelauf hinausgeschickt worden. Ich war noch nie weiter als über einen Fußballplatz gelaufen und bin nun überrascht, wie leicht diese Übung für mich war.
»Er ist nicht mal außer Atem«, sagt mein Lehrer und führt mich den anderen als gutes Beispiel vor. Dann befiehlt er mir, die Hände unter die Achseln zu stecken, um sie warm zu halten, bis der Rest der Klasse eintrudelt.

 

Ein paar Jahre später, als Zwölfjähriger, unterbiete ich bei einem Sporttag den Schulrekord über 800 Meter, obwohl ein paar Jungen versuchen, mich am Start zu rempeln, damit ihr Freund das Rennen gewinnt. Fünf Minuten später laufe ich den 1500-Meter-Lauf und gewinne auch dieses Rennen. Mein Vater erahnt mein Talent und schlägt mir vor, in den örtlichen Leichtathletikverein einzutreten. Er sucht die Nummer aus dem Telefonbuch heraus, und ich höre ihn telefonieren und jemanden nach dem Weg fragen. Von diesem Augenblick an steht fest: Ich werde Läufer.

 

Alles beginnt an einem Abend ein paar Wochen später unter recht ungünstigen Vorzeichen. Ich ziehe meine Laufshorts und den Trainingsanzug an und gehe von unserem Wohnblock in Northampton über die Brücke zum nahe gelegenen Einkaufszentrum. Der Komplex ist um diese Zeit schon ziemlich menschenleer, nur ein paar späte Kunden kommen aus dem riesigen Tesco-Supermarkt. Ich überquere den Parkplatz und die Straße und komme zur nicht markierten Aschenbahn, wo sich die Läufer des Sportvereins Northampton Phoenix treffen. Es ist ein kalter Abend, und alle stehen dicht zusammengedrängt in dem kleinen Durchgang an der riesigen roten Ziegelsteinmauer. Innen sind die Flurwände blutrot gestrichen und mit anzüglichen Graffiti besprüht. Weiter hinten im Korridor befinden sich die Umkleideräume, von wo wir durch das Rauschen der Duschen Männergelächter hören. Am Eingang sitzt eine Frau hinter einem kleinen Tisch. Ich nenne meinen Namen.
Ich hatte mir vorgestellt, dass man mich direkt zur Laufbahn schicken würde, aber stattdessen werde ich zusammen mit einer Gruppe von Kindern in meinem Alter wieder über die Straße zur Lieferantenbucht des Einkaufszentrums gebracht, zu einem Stück überdachter Straße mit einer Reihe von Lieferrampen, deren Eingänge mit Rollläden verschlossen sind. Die Ölpfützen unzähliger LKWs bedecken den Asphalt. Ein Mann in Trainingssachen lässt uns immer wieder über die Straße sprinten, wobei wir auf beiden Seiten die Bordsteinkanten berühren müssen. Zwischen jedem Sprint müssen wir bestimmte Übungen machen, zum Beispiel Liegestütze oder Scherensprünge. Als ich auf dem Rücken auf dem kalten, harten Asphalt liege und gehorsam meine Aufwärmübungen mache, kommen mir starke Zweifel, ob ich hier überhaupt richtig bin. Hier geht es offenbar nicht ums Laufen. Ich hatte Gruppen leichtfüßiger Sportler erwartet, die geradezu über die Aschenbahn fliegen. Mein Dad muss da wohl etwas verwechselt und den falschen Verein angerufen haben.
Ich bin so sehr überzeugt, dass es sich nicht um einen Laufsportverein handeln könne, dass ich ein ganzes Jahr lang nicht mehr hingehe. Aber als ich dann doch zurückkehre, fragt man mich, ob ich zuerst im »Tunnel« trainieren oder lieber gleich auf die lange Laufstrecke wolle. Mit dem »Tunnel« ist vermutlich die Lieferantenbucht des Supermarkts gemeint. Ich entscheide mich für die Langstrecke und werde einer Gruppe von etwa vierzig Leuten zugeteilt. Das sieht schon eher nach Laufsport aus. Als wir über die kieselbestreuten Wege der Sozialwohnungssiedlungen im Osten Northamptons laufen, spüre ich zum ersten Mal, was es heißt, in einer Gruppe mitzulaufen. Der mühelose Bewegungsablauf der Beine, die an uns vorbeigleitenden Bäume, Häuser, Seen, die Menschen, die uns bereitwillig Platz machen. Die meisten anderen Läufer sind älter als ich und witzeln ständig miteinander, aber ich lasse mich still von der Gruppe ziehen und empfinde dabei sogar so etwas wie ein vages Zugehörigkeitsgefühl.
In den folgenden sechs Jahren werde ich zu einem engagierten Clubmitglied. Ich trainiere mindestens zweimal pro Woche, und an den meisten Wochenenden laufe ich Cross Country oder Bahn. Einen großen Teil meiner Jugendjahre verbringe ich mit Langstreckenläufen auf der Straße. Auch als ich mir die Haare wachsen lasse und in einer Band als Gitarrist mitspiele, trainiere ich weiter. Die anderen Läufer geben mir den Spitznamen Bono. Als ich ungefähr achtzehn bin, laufe ich eines Abends einer Gruppe meiner Klassenkameraden über den Weg, die aus einem Pub kommen. Wir sind gerade auf der letzten Meile eines Langstreckenlaufs und rennen mit voller Geschwindigkeit. Meine Schulfreunde starren mir ungläubig nach, als ich vorbeirase, und einer schreit mir verblüfft nach: »He, was soll das?«, während ich schon in der Ferne verschwinde.

 

Ungefähr Mitte der Achtzigerjahre werde ich zum ersten Mal auf die kenianischen Läufer aufmerksam, etwa zur selben Zeit, als ich dem Sportclub beitrete. Sie tauchen plötzlich in großer Zahl in der Welt des Laufsports auf, die zu diesem Zeitpunkt von Sportlern wie dem Briten Steve Cram und dem Marokkaner Said Aouita beherrscht wird. Ich bin ein großer Fan dieser beiden Erzrivalen – von dem langbeinigen Cram mit seinem majestätischen Laufstil und dem kleineren Aouita, der ständig Grimassen schneidet und die Schultern bewegt, aber über jede Distanz brilliert, vom kurzen, schnellen 800-Meter-Lauf bis hin zur 10 000-Meter-Strecke.
Aber schon bei den Olympischen Spielen von 1988 in Seoul wird alles von den Kenianern beherrscht. Mit einer einzigen Ausnahme räumen die kenianischen Männer bei sämtlichen Mittel- und Langstreckenläufen die Goldmedaillen ab. Am meisten beeindruckt mich ihr Laufstil. Bislang galt ein gleichmäßiger Lauf als effizienteste Methode, vor allem bei längeren Distanzen, und tatsächlich werden auch die meisten Rennen so gelaufen. Doch die Kenianer gehen viel unbeständiger vor. Immer jagen sie sofort los und werden dann plötzlich wieder langsamer, oder sie sprinten vom Start weg in einem irren Tempo davon. Ich liebe es, wenn die Sportreporter im Fernsehen vorhersagen, dass irgendein Kenianer auf der Bahn das Rennen viel zu schnell angehe, nur um dann verwirrt feststellen zu müssen, dass der Läufer plötzlich noch schneller wird.
Ich erinnere mich, wie ich an einem warmen Abend Mitte August 1993 in unserem Wohnzimmer in Northampton den 5000-Meter-Lauf bei der Leichtathletik-Weltmeisterschaft in Stuttgart am Fernseher verfolge. Meine Mutter kommt immer wieder herein, um mich zu überreden, doch in den Garten zu kommen. Tatsächlich ist es ein wunderbarer Abend, aber ich sitze wie gebannt vor dem Bildschirm. Vor dem Rennen gilt der Olympiasieger aus Marokko, Khalid Skah, als Favorit, aber die Kameras richten sich auch auf einen jungen Äthiopier namens Haile Gebrselassie, der im Jahr zuvor bei der Leichtathletik-Juniorenweltmeisterschaft den 5000- und den 10 000-Meter-Lauf gewonnen hatte. Die Läufer stehen nebeneinander an der Startlinie und blicken direkt in die Kamera. Sie lächeln nervös, als ihre Namen ausgerufen werden, und winken kurz.
Das Rennen beginnt mit fast mörderischer Geschwindigkeit. Ein afrikanischer Athlet nach dem anderen saust an die Spitze, sodass die Führungsgruppe aus einer ganzen Reihe von Afrikanern besteht. Skah, der es schon häufig mit den Kenianern aufgenommen und sie geschlagen hatte, folgt jedem Manöver und hält sich immer direkt hinter dem Führer. Rob Denmark, der einzige britische Läufer, fällt schon bald weit zurück.
Als noch sieben Runden zu laufen sind, findet der BBC-Kommentator Brendan Foster schon das bloße Zuschauen nervenaufreibend. »Das ist ein wahrhaft gnadenloses Rennen«, stöhnt er. Und wie auf dieses Stichwort hin stürmt plötzlich Ismael Kirui, ein junger Kenianer, an die Spitze. Nach einer Runde hat er seinen Vorsprung schon auf 50 Meter ausgedehnt. Foster hält diese Taktik für reinen Selbstmord. »Er ist erst 18 und hat praktisch keine internationale Erfahrung. Ich glaube, jetzt hat er sich einfach zu sehr mitreißen lassen.« Ich sitze wie gebannt und brülle wütend den Fernseher an, als die Übertragung kurz zum Speerwurf hinüberblendet. Als das Rennen wieder auf den Bildschirm kommt, liegt Kirui immer noch an der Spitze. Runde um Runde liefern ihm Skah und eine Gruppe von drei Äthiopiern ein Verfolgungsrennen, können aber den Abstand nicht verringern. Die Kamera zoomt auf Kiruis Augen, die geradeaus starren und in denen der wilde Ausdruck eines gejagten Beutetiers liegt. Und doch scheint er das Lauftempo noch zu erhöhen. »Dieses Rennen ist grausam«, kommentiert Foster.
Als die letzte Runde eingeläutet wird, liegt Kirui immer noch in Führung. Auf der Gegengeraden läuft er wie um sein Leben, aber auch die drei Äthiopier fliegen nur so dahin und verringern allmählich den Abstand. Etwa hundert Meter vor dem Ziel wirft Kirui einen Blick über die Schulter und sieht Gebrselassie, der deutlich aufgeholt hat. Für den Bruchteil einer Sekunde scheint alles stillzustehen. Das ist der Moment, wo es darum geht, ob Kirui triumphiert oder vernichtet wird. Entsetzt richtet er den Blick wieder nach vorn und ringt seinem erschöpften Körper noch mehr Leistung ab – irgendwie zwingt er seine müden Beine auf der Zielgeraden zum Endspurt. Kirui rast eine knappe halbe Sekunde vor Gebrselassie über die Ziellinie. Er hat es geschafft – er hat gewonnen. Erschöpft und ein wenig verwirrt absolviert er seine Ehrenrunde und schwenkt die
kenianische Fahne im Triumph über dem Kopf.
Am selben Abend laufe ich wieder meine Trainingsrunden mit den Leuten vom Sportclub. Ich versuche so wie Kirui zu laufen, starre unbeirrt geradeaus, laufe vom Start an, so schnell ich kann. Es wird zu einem der besten Trainings, die ich jemals gelaufen bin. Wenn man gleich nach dem Start sehr schnell läuft, muss man sich normalerweise ständig Sorgen machen, ob die Kraft später reicht. Die Vorahnung der Schmerzen, die kommen werden, spürt man im ganzen Körper. Und normalerweise bewirkt das, dass man langsamer wird. Deshalb muss man seine Laufstrategie entsprechend planen. Aber an diesem Abend ist mir das völlig egal. Ich will mich von solchen Ängsten befreien und so unbeschwert laufen wie ein Kenianer.
Wie sich bald herausstellt, ist dieser Abend, an dem ich nach Ismael Kiruis Sieg begeistert meine Trainingsrunden laufe, eine der letzten Trainingseinheiten in meinem Verein. Etwas mehr als einen Monat später packe ich mein Hab und Gut in das Auto meiner Eltern und fahre nach Liverpool, um mein Universitätsstudium aufzunehmen. Dort schließe ich mich zwar der Laufsportgruppe des College an, aber im Trubel des ungewohnten Lebens an der Universität trainiere ich nur noch in unregelmäßigen Abständen. Wie den meisten Studenten in meinem Alter eröffnet sich auch mir plötzlich eine neue Welt, in der alles möglich scheint. Laufen gehört nun irgendwie zu einem früheren Leben, auch wenn ich es nie völlig aufgebe.
Wie sehr mein Laufsport verkümmert, wird deutlich, wenn man meine Leistung bei der Britischen Universitätsmeisterschaft im Crosslauf in jenem Jahr betrachtet. Sie fand am Tag nach einem spontanen spätnächtlichen Trip nach Wales mit drei Freunden statt. Ich nehme den frühesten Bus nach Durham, wo die Meisterschaft stattfindet, aber ich bin zu kaum etwas fähig außer schlafen. Es grenzt an ein Wunder, dass ich die Strecke überhaupt durchstehe. Der Tag ist kalt und böig. Ich schnüre meine Spikes und durchlaufe die übliche Aufwärmroutine mit leichtem Joggen und Dehnübungen, aber kaum ist das Rennen angelaufen, als meine Füße auch schon im schweren Matsch versinken und meine Beine kampflos aufgeben. Ich jogge hinterher, völlig unfähig, mich zu größerer Geschwindigkeit anzutreiben, und komme als 280. Läufer ins Ziel. Ciaran Maguire, mein Freund und Rivale aus den alten Zeiten in Northampton, wird Zweiter. Es ist kaum ein paar Jahre her, dass wir fast das ganze Rennen bei der Crosslauf-Meisterschaft der Grafschaft Kopf an Kopf liefen, bis er sich kurz vor dem Ziel noch an mir vorbeischob. Und nun liegen fast 300 andere Läufer zwischen uns! Nach dem Rennen treffe ich mit ihm zusammen. »Du brauchst nur ein Jahr gutes Training, dann bist du wieder da«, sagt er tröstend. Ich nicke, aber tief im Innern weiß ich, dass das kaum möglich sein wird.
Im Lauf der Jahre habe ich viele kennengelernt, denen es ähnlich erging: ehemalige Läufer, die immer wieder mal ihre alten Laufschuhe aus dem Schrank holen und im Park ein paar Runden drehen in der vagen Hoffnung, sich beim Laufen wieder so zu fühlen wie früher. Vielleicht treten wir sogar einem örtlichen Langstrecken- oder gar Marathonclub bei, fest entschlossen, wieder in Form zu kommen. Aber immer kommt etwas dazwischen – das Leben, eine Verletzung, der Mangel an Disziplin –, und schon hören wir auf zu trainieren. Nur ein bisschen Glut glimmt weiter. Wir weigern uns, die alten, halb ausgelatschten Laufschuhe wegzuwerfen. Denn wir wissen, dass wir sie irgendwann einmal wieder brauchen werden, weil der Drang zu laufen eben doch wieder zurückkehren wird.
Doch sobald Kinder im Haus sind, wird es noch schwerer, Zeit fürs Training zu finden. Genauso war es auch bei mir – bis ich eines Tages einen Job als freiberuflicher Laufsport-Reporter beim Magazin Runner’s World ergattern konnte. Obwohl dieser Posten nicht viel Geld einbringt, gibt er mir doch das Gefühl, dass das Laufen nicht mehr nur der bloßen Selbstbestätigung dient oder Kindheitserinnerungen wachhält. Es ist jetzt Teil meiner Arbeit.

Adharanand Finn

Über Adharanand Finn

Biografie

Adharanand Finn, 1973 in London geboren, ist begeisterter Läufer und trainierte schon als junger Mann mit den Profis. 2011 zog er mit seiner Frau und seinen Kindern für mehrere Monate nach Kenia, dem Mekka der besten Läufer der Welt, um das Geheimnis der Laufnation zu ergründen. Finn arbeitet als...

Pressestimmen

Münsterland Zeitung

»Ein faszinierender Bericht mit erstaunlichen Erkenntnissen.«

OÖ Nachrichten

»Dieses motivierende Buch zeigt, dass man seine Träume und Ziele verfolgen sollte, auch wenn man dazu ungewöhnliche Wege gehen muss. (...) Eine kurzweilige Pflichtlektüre (nicht nur) für Marathon-Läufer.«

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