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Im Land des Feuervogels

Im Land des Feuervogels

Roman

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Im Land des Feuervogels — Inhalt

Galeristin Nicola Marter besitzt eine besondere Gabe: Sobald sie einen Gegenstand berührt, sieht sie dessen früheren Besitzer. Als eine Unbekannte ihr eine Holzskulptur anvertraut, erkennt sie, dass es sich um einen Feuervogel aus der Welt der russischen Märchen handelt, und einst Zarin Katharina gehörte. Ihre Nachforschungen fördern eine lang vergessene Geschichte zutage, von verzweifelter Liebe, von Mut und von bitterer Rache ....

€ 8,99 [D], € 8,99 [A]
Erschienen am 13.08.2013
Übersetzt von: Anja Rüdiger, Elvira Willems
544 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-96073-1

Leseprobe zu »Im Land des Feuervogels«

Kapitel 1

An jenem Morgen spürte ich, dass er an mich dachte.

Ich war gerade mit der U-Bahn unterwegs, etwa anderthalb Minuten hinter der Haltestelle Holland Park, und befand mich in dem üblichen benommenen Noch-nicht-ganz-wach-Zustand zwischen meinem Frühstückskaffee und der ersten Tasse an meinem Schreibtisch. Beinahe hätte ich nicht bemerkt, wie seine Gedanken meine berührten. Es war seltsam in diesen Tagen; besonders seltsam, dass ich seine Gedanken empfing, während meine eigenen umherschweiften. Und ich wusste, dass es ihm genauso ging. Jedenfalls [...]

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Kapitel 1

An jenem Morgen spürte ich, dass er an mich dachte.

Ich war gerade mit der U-Bahn unterwegs, etwa anderthalb Minuten hinter der Haltestelle Holland Park, und befand mich in dem üblichen benommenen Noch-nicht-ganz-wach-Zustand zwischen meinem Frühstückskaffee und der ersten Tasse an meinem Schreibtisch. Beinahe hätte ich nicht bemerkt, wie seine Gedanken meine berührten. Es war seltsam in diesen Tagen; besonders seltsam, dass ich seine Gedanken empfing, während meine eigenen umherschweiften. Und ich wusste, dass es ihm genauso ging. Jedenfalls ließ mich das, was ich von dem Ort sah, an dem er sich befand – der Blick an die Zimmerdecke und die in leichter Düsternis liegenden Wände – davon ausgehen, dass er noch im Bett lag und gerade erwachte.

Ich musste ihn nicht aussperren. Er zog sich bereits zurück, entschuldigte sich. Sorry. Kein gesprochenes Wort, dennoch hörte ich den leicht bedauernden Tonfall in seiner vertrauten Stimme. Und dann war er nicht mehr da.

Neben mir saß ein dicker Mann, quetschte mich auf meinem Sitz ein, und für meine bereits empfindsamen Sinne war dieser ungewollte Kontakt zu viel. Ich stand auf, lehnte mich gegen die schmale Wand neben der nächsten Tür und versuchte mich zusammenzureißen, bis wir zur Haltestelle Bond Street kamen. Als sich die Türen öffneten, glitt ich sicher in den Zustand vertrauter Routine, bewegte mich zügig im Gleichschritt mit der sich vorwärtsbewegenden, sprechenden, SMS schreibenden Menge, die gemeinsam auf und ab wogte, durch die Drehkreuze und hinaus auf die Straße, wo sich die Wege trennten, die Köpfe gesenkt und entschlossen vorwärtsstrebend.

Es war ein wunderbarer Augustmorgen. Die drückende, stickige Hitze war frischerer Luft gewichen, die eine angenehme Wärme versprach, und der Himmel strahlte in makellosem Blau.

Ich bemerkte es kaum, denn ich dachte an den düsteren Raum, das von Wolken oder Regen verhangene graue Licht, die Hand, die träge ins Bild kam, um seine Augen zu reiben, als er erwachte. Es war seine linke Hand, und er trug keinen Ring. Jedenfalls meinte ich, keinen Ring gesehen zu haben.

Ich gebot meinen Gedanken Einhalt, bevor sie weiterwandern und mich verraten konnten. Es ist mir egal, rief ich mir entschieden ins Gedächtnis, und um sicherzugehen, dass ich es gehört hatte, sagte ich es laut: »Es ist mir egal.«

Ich fühlte die Blicke der Leute auf mir und merkte, wie ich rot wurde, also senkte ich den Kopf, als ich in die South Molton Street einbog, eine hübsche Flaniermeile mit exklusiven Geschäften, Cafés und Galerien. Nach dem heftigen Gedränge auf der Bond Street wirkte hier alles angenehm ruhig. Ich ging weiter, an den schönen alten Gebäuden mit den hübschen Türen vorbei zu dem Haus mit der in frischem Weiß gestrichenen Fassade, an der auf einem teuer aussehenden Messingschild in edler Schrift zu lesen war: Galerie St.-Croix. Ausgewählte russische Kunst und Kunstgegenstände, dritter Stock.

Der Name der Galerie war eine von Sebastians kleinen Eitelkeiten – trotz seines französischen Nachnamens war er durch und durch Engländer, Spross einer Ahnenreihe, deren Wurzeln in Hampshire bis zu Wilhelm dem Eroberer zurückreichten. Aber Sebastian verstand etwas vom Geschäft, und für Kunsthändler wie ihn war ein entsprechendes Image unerlässlich.

Ich selbst war ein Teil dieses Image, denn ich sah gut aus, hatte einen einwandfreien Stammbaum, die besten Referenzen und kleidete mich angemessen. Aber als er mich vor zwei Jahren einstellte, versicherte er, dass er vor allem auf meine Fähigkeiten Wert lege, denn ich hatte nicht nur Russisch und Kunstgeschichte studiert, sondern beherrschte die russische Sprache fließend, und meine organisatorischen Fähigkeiten passten zu seinem ausgeprägten Ordnungssinn. Ich hatte das, was er damals »Potenzial« nannte.

Er formte mich, war mein Mentor, brachte mir bei, auf Auktionen richtig zu bieten und mit schwierigen Klienten umzugehen. Es war ein weiter Weg von der wenig weltgewandten jungen Frau, die ich war, als er mich einstellte.

Auch das Gebäude, in dem sich die Galerie befand, veränderte er in seinem Sinne, sodass wir nun in einem perfekt ausgestatteten Penthouse residierten, bis hin zum verspiegelten Aufzug, was mich allerdings an diesem Morgen nicht gerade begeisterte.

Ich runzelte die Stirn, als die Aufzugtüren sich zu dem eleganten Empfangsbereich hin öffneten, in dem ein Gemälde von Natalia Gontscharowa, einer Blumenhändlerin, über dem Tresen hing, hinter dem bis vor Kurzem unsere Empfangsdame gesessen hatte. Sie hatte überraschend gekündigt, und ich hatte die Woche über bereits Vorstellungsgespräche geführt, um eine Nachfolgerin zu finden, während Sebastian und ich uns die zusätzliche Arbeit geteilt hatten.

Es war nicht gerade leicht, jemanden zu finden, der Sebastians Vorgaben entsprach – im ästhetischen Sinne. Er wollte mehr als einfach nur Kompetenz oder Klasse. Er wollte jemanden, der das verkörperte, was das Gontscharowa-Gemälde aussagte – das Gemälde, das er über den Empfangstresen gehängt hatte, wo es das Erste war, was jeder Klient wahrnahm, der die Galerie betrat.

Es hatte bereits mehrere Angebote für das Gemälde gegeben. Einige unserer Klienten konnten es sich durchaus leisten, eine Millionen Pfund dafür zu bezahlen. Aber Sebastian hatte das Geld nicht gewollt.

»Wenn ich das Bild verkaufe«, hatte er mir einmal gesagt, »dann stelle ich einen Klienten damit zufrieden. Wenn ich es da lasse, wo es ist, wird jeder unserer Klienten denken, dass es eines Tages ihm gehören könnte.«

Das Prinzip funktionierte – nicht nur, was den Verkauf von Bildern betraf. Es war kein Zufall, dass die meisten unserer treuen und besten Klienten Frauen waren, und sie betrachteten Sebastian – wie das Gontscharowa-Gemälde – als einen Preis, der mit viel Zeit und Geduld zu erringen war.

Und auch jetzt, als ich auf dem Weg zu meinem Arbeitsplatz an seinem mit Glaswänden umgebenen Büro vorbeikam, war eine Frau bei ihm. Ich wollte sie nicht stören, aber er sah mich und winkte mich herein, sodass ich die Tür öffnete und zu ihnen trat.

Sebastians Lächeln wirkte professionell, aber selbst wenn es nicht so gewesen wäre, hätte es mich kaltgelassen. Er war zu reich, um mein Typ zu sein. Als er sich nach vorn lehnte und der Ärmel seines maßgeschneiderten Anzuges leicht nach oben rutschte, wurde eine goldene Armbanduhr sichtbar, und er wirkte insgesamt derart makellos, dass man annehmen konnte, ein ganzes Rudel Stylisten tobe sich jeden Morgen an ihm aus, von seinen polierten Schuhen bis zu seinem stylish zerzausten toffeefarbenen Haar, das mit genau dem richtigen Grad an Nachlässigkeit gekämmt war. »Nicola«, stellte er mich vor, »das ist Margaret Ross. Miss Ross, meine Kollegin Nicola Marter.«

Miss Margaret Ross war, anders als ich erwartet hatte, keine unserer üblichen Klientinnen. Zum einen war sie eher einfach gekleidet, jedoch mit so viel Sorgfalt, dass ich wusste, sie hatte sich große Mühe gegeben, möglichst gut auszusehen. Und obwohl ich normalerweise sehr gut darin war, jemandes Alter zu schätzen, war es mir in diesem Fall nicht möglich. Sie war wohl etwa zehn Jahre älter als ich, um die vierzig also, aber während ihre Kleidung und ihr Auftreten sie eher älter wirken ließen, lag in ihrem ruhigen Blick etwas, was deutlich jünger schien, beinahe unschuldig.

»Guten Morgen.« Sie war Schottin. »Ich fürchte, ich habe Mr St.-Croix’ Zeit verschwendet.«

Sebastian, charmant wie immer, schüttelte den Kopf. »Überhaupt nicht. Dafür bin ich da. Und auch wenn man es nicht beweisen kann, haben Sie Ihren Enkeln einmal eine faszinierende Geschichte zu erzählen.«

Sie schlug den Blick nieder, wie um ihre Enttäuschung zu verbergen. »Ja.«

»Erzählen Sie Nicola davon.« Sebastian sagte es so, dass es schmeichelhaft klang. Er wollte ihr das Gefühl geben, dass das, was sie zu sagen hatte, tatsächlich faszinierend wäre, auch wenn es nicht stimmte. Darin war er gut. Zu mir sagte er: »Sie hat uns diese Skulptur gebracht, um sie schätzen zu lassen.«

Auf den ersten Blick sah das, was auf seiner Handfläche lag, aus wie irgendein Stück Holz, aber als ich genauer hinsah, stellte ich fest, dass es ein kleiner geschnitzter Vogel mit angelegten Flügeln war, ein Spatz oder ein Zaunkönig. Sebastian fuhr fort: »Ein Familienerbstück … seit wann?«

Margaret Ross beeilte sich, seine Frage zu beantworten: »Seit etwa dreihundert Jahren, wurde mir gesagt. Meine Vorfahren haben das Stück von Zarin Katharina erhalten. Nicht von Katharina der Großen«, erklärte sie, »sondern von Katharina I.«

Sebastian lächelte ermutigend. »Der Witwe von Peter dem Großen also, etwa in den Zwanzigerjahren des siebzehnten Jahrhunderts. Und das scheint durchaus möglich zu sein.« Er studierte die kleine Skulptur genauestens, wobei er sie so vorsichtig in der Hand hielt, als wäre sie von unermesslichem Wert.

Margaret Ross erklärte: »Bei uns heißt er ›Der Feuervogel‹. So wurde er jedenfalls in unserer Familie schon immer genannt. Er wurde im Haus meiner Großmutter unter Glas aufbewahrt, und uns Kindern war es verboten, sich ihm zu nähern. Und nun war meine Mutter der Meinung«, ihre Stimme zitterte leicht, aber sie überspielte es, »sie meinte, jetzt, da Andrew nicht mehr lebt – mein Bruder Andrew starb in Afghanistan – und ich keine eigene Familie habe, gebe es keinen Grund mehr, den Feuervogel aufzubewahren. Es sei eine Verschwendung, und ich solle den Vogel verkaufen und endlich auf Reisen gehen, wie ich es schon immer wollte.«

»Miss Ross hat ihre Mutter vor Kurzem verloren«, informierte mich Sebastian.

Nun verstand ich sein verständnisvolles Verhalten. »Das tut mir sehr leid«, sagte ich.

»Es ist schon in Ordnung. Sie hatte MS. Es war nicht gerade leicht für sie. Und sie hatte Schuldgefühle, weil ich mich um sie gekümmert habe. Aber …«, begann sie und bemühte sich zu lächeln, »ich habe mich auch um meine Tanten gekümmert, bis sie starben, und sie war schließlich meine Mutter. Ich konnte sie nicht im Stich lassen.«

Ich blickte Margaret Ross noch einmal in die Augen und entschied, dass ihr kindlicher Blick wohl daher stammte, dass sie niemals ihr eigenes Leben gelebt hatte. Sie hatte darauf verzichtet, um sich um andere zu kümmern. Sie tat mir leid. Und auch die Mutter tat mir leid, die gehofft hatte, ihre Tochter könnte nun das einzige wertvolle Familienerbstück verkaufen, um endlich das Leben genießen und reisen zu können.

 

»Die Sache ist nur die«, sagte Sebastian höflich, »ohne irgendeine Dokumentation oder einen Beweis, ohne das, was wir Händler einen Herkunftsnachweis nennen, haben wir keine Sicherheit. Ohne einen solchen Herkunftsnachweis hat dieses kleine Kunstwerk keinen realen Wert. Wir können nicht einmal sagen, ob es wirklich aus Russland stammt.« Er sah mich an. »Nicola? Was meinst du?«

Er gab mir die Skulptur, und ich nahm sie, ohne nachzudenken, ohne mich daran zu erinnern, dass meine Gedanken an diesem Morgen bereits einmal kräftig durchgerüttelt worden waren. Erst als ich sie in den Händen hielt, wurde mir klar, dass ich einen Fehler gemacht hatte.

Sofort spürte ich die Wärme, die nichts mit der Skulptur selbst zu tun hatte. Ich schloss die Augen bei dem Versuch, die Vision zu stoppen, aber das machte es nur schlimmer. Ich sah einen schrägen Lichtstrahl, in dem leicht der Staub tanzte. Dann zwei Frauen, die eine schon älter, aber wunderschön, mit dicken schwarzen Augenbrauen; die andere respektvoll verneigt, möglicherweise kniend, ihr junges Gesicht unsicher der anderen zugewandt. »Meine liebe Anna«, sagte die Ältere in elegantem Russisch und lächelte, »niemals seid Ihr ein Niemand gewesen.«

Schnell öffnete ich die Augen, vielleicht ein wenig zu schnell. Aber zu meiner Erleichterung schien keiner der beiden etwas bemerkt zu haben. »Leider kann ich dazu gar nichts sagen«, wehrte ich ab und gab den kleinen geschnitzten Vogel Sebastian zurück.

Er sah ihn mit einer Mischung aus Bewunderung und Bedauern an.

»Das Problem ist«, erklärte er unserer Klientin, »dass es äußerst schwierig ist, diese Art Kunstgegenstand mit Sicherheit einzuordnen. Wenn er wirklich aus Russland stammt, dann wahrscheinlich aus bäuerlichem Umfeld. Es gibt keine Signatur, und ohne Herstellungsnachweis …« Er zuckte leicht mit den Schultern, womit er all die Ungerechtigkeit dieser Angelegenheit zum Ausdruck brachte. »Wenn Ihre Vorfahrin Ihnen eine Ikone oder ein Schmuckstück hinterlassen hätte, hätte ich Ihnen möglicherweise weiterhelfen können.«

»Ich verstehe«, sagte Margaret Ross entmutigt.

Sebastian nahm die kleine Skulptur noch ein letztes Mal in die Hand, und ich wusste, er suchte nach einem lobenswerten Detail, um diese Frau so rücksichtsvoll wie möglich fortschicken zu können. »In jedem Fall ist es ein sehr altes Stück«, sagte er schließlich, »und ich bin sicher, es hat einiges erlebt.«

Margaret Ross war sich dessen nicht sicher. »Solange ich es kenne, hat es dort, im Haus meiner Großmutter, unter Glas gesessen, und wahrscheinlich auch schon lange vorher.«

Ihr trauriges Lächeln wirkte verständnisvoll, obwohl sie wieder einmal Pech hatte, und ich bemerkte ihre hoffnungslos herabhängenden Schultern, als sie den Vogel vorsichtig wieder in das verblichene, zerknitterte Tuch einschlug.

In einem Impuls fragte ich: »Wie war ihr Name?«

Sie sah auf. »Wie bitte?«

»Ihrer Vorfahrin. Die den Feuervogel aus Russland mitgebracht hat.«

»Anna. Das ist alles, was meine Familie von ihr weiß. Wirklich, wir kennen nicht einmal ihren Nachnamen. Ihre Tochter hat in unsere Familie eingeheiratet. So sind wir an das Stück gekommen.«

Anna. Irgendetwas ließ meinen Arm warm prickeln. Meine liebe Anna …

»Ich frage, weil ich überlege, ob Sie nicht vielleicht ein wenig nachforschen möchten, um eine Verbindung zwischen ihr und Zarin Katharina I. herzustellen«, schlug ich vor.

Sebastians Blick ließ nicht darauf schließen, ob er dankbar oder erbost war, aber er stimmte zu. »Ja, wenn Sie in der Lage wären, irgendeinen Beweis zu finden, wäre das hilf-reich.«

Wieder das traurige Lächeln, das zeigte, wie wenig Hoffnung sie sich machte. »Meine Großmutter hat bereits alles versucht, aber ohne Ergebnis. Meine Vorfahren waren einfache Leute, die nicht in den Geschichtsbüchern erwähnt werden.«

Ich sah wieder das herzliche Lächeln vor mir. Hörte die Stimme: Niemals seid Ihr ein Niemand gewesen.

»Tja«, sagte Sebastian und stand auf, »es tut mir leid, dass wir Ihnen nicht weiterhelfen können. Aber wenn Sie uns Ihre Adresse hinterlassen, werden wir uns melden, wenn einer unserer Klienten einmal nach etwas Derartigem sucht …«

Ich fühlte mich wie eine Verräterin, als Margaret Ross aufstand und uns beiden die Hände schüttelte. Und das Gefühl hielt an, als wir sie zurück zum Empfangsbereich begleiteten und Sebastian ihr zuvorkommend und charmant seine Karte überreichte, ihr viel Glück wünschte und sie verabschiedete. Als sich die Aufzugtüren hinter ihr geschlossen hatten, wandte er sich zu mir um und sagte, als er den Ausdruck in meinen Augen sah: »Ja, ich weiß.«

Aber er hatte keine Ahnung.

Wie hätte er es auch wissen sollen. In all der Zeit, die ich bereits für ihn arbeitete, hatte ich ihm nie erzählt, wozu ich imstande war, und selbst wenn ich es getan hätte, hätte er es für Blödsinn gehalten. »Hokuspokus« hätte er es genannt, so wie damals, als unsere ehemalige Empfangsdame uns gestanden hatte, dass sie zu einer Hellseherin gegangen war.

»Nein«, hatte sie sich verteidigt, »sie kann wirklich Dinge sehen, die andere nicht sehen. Es ist eine Gabe – sie nimmt einen Gegenstand in die Hand, eine Kette oder einen Ring zum Beispiel, und kann dann etwas über den Besitzer dieses Gegenstandes erzählen. Das nennt man Psychometrie«, hatte sie mit vertraulicher Autorität erklärt.

Sebastian hatte mit einem Seitenblick korrigiert: »Das nennt man Betrug. Es gibt keine Hellseher. Sie existieren einfach nicht.«

Ich widersprach ihm nicht, obwohl ich ihm hätte sagen können, dass er sich irrte. Ich hätte ihm erzählen können, dass auch ich hellsehen konnte, und zwar schon immer. Dass auch ich detaillierte Visionen hatte, wenn ich mich auf einen Gegenstand konzentrierte, den jemand anderes in der Hand gehabt hatte. Und manchmal – an diesem Tag zum Beispiel – hatte ich sogar Visionen, wenn ich mich nicht darauf konzentrierte, sie gar nicht hervorrufen wollte. Auch wenn das inzwischen nur noch äußerst selten vorkam.

Das Aufblitzen unbeabsichtigter Visionen war eher ein Kapitel meiner Kindheit. Inzwischen musste ich meine Augen schließen und mich ernsthaft konzentrieren, wenn ich meine »Gabe« nutzen wollte – meinen Fluch, sollte ich vielleicht sagen. Schon vor Jahren hatte ich mich entschieden, nicht mehr darauf zurückzugreifen.

Vor zwei Jahren, um genau zu sein.

Ich hatte beschlossen, normal zu sein, und hatte nicht vor, daran etwas zu ändern. Ich wollte respektiert und nicht angestarrt oder veralbert werden. Es war also gegen jede Vernunft, als ich mich in meinem Büro an den Computer setzte, die lange Liste ungeöffneter E-Mails ignorierte und stattdessen nach Bildern suchte.

Ich fand drei Porträts, zu verschiedenen Zeiten in unterschiedlichen Posen gemalt, aber auf allen drei Bildern erkannte ich die Frau sofort an ihrem schwarzen Haar, den starken bogenförmigen Brauen und dem warmen Braunton ihrer Augen. Dieselben Augen, in denen sich das Lächeln spiegelte und die ich kurz zuvor in einer Vision hatte aufblitzen sehen, als ich den hölzernen Feuervogel in den Händen gehalten hatte.

Es bestand kein Zweifel: Zarin Katharina I., die Witwe Peters des Großen.

»Verdammt«, flüsterte ich. Und es kam aus tiefster Seele.

 

 

Kapitel 2

Sebastian hatte es bemerkt. »Du hörst gar nicht zu.«

Ich sammelte meine Gedanken und schenkte ihm meine Aufmerksamkeit. »Entschuldige. Was hast du gesagt?«

»Jetzt weiß ich es selbst nicht mehr.«

Es war am späten Nachmittag desselben Tages, und wir gingen vor dem Feierabend noch einmal alles gemeinsam durch. Die Routine, alles zu regeln, unsere jeweiligen Terminpläne für den nächsten Tag gemeinsam zu besprechen und uns über nötige Einzelheiten auszutauschen, beruhigte mich.

Nachdem er einen Moment nachdenklich auf sein Handy geblickt hatte, sah er erfreut auf. »Ach ja. Übernächstes Wochenende, genauer: von Donnerstag bis Sonntag. Hast du da irgendetwas vor?«

»Nein. Habe ich nicht. Aber ich bin sicher, du hast etwas für mich geplant, wenn du so fragst.«

»Na ja, ich habe daran gedacht, dich nach St. Petersburg zu schicken.«

Jetzt hatte er meine volle Aufmerksamkeit. »St. Petersburg? Wieso?«

»Um dir eine Ausstellung anzusehen.«

Daran, wie er mich ansah, während ich das Datum nachrechnete, erkannte ich, dass er darauf wartete, wie lange ich brauchen würde, zwei und zwei zusammenzuzählen.

Donnerstag war der zweite September. »Du meinst die Wanderer-Ausstellung? Die, die aus Amerika kommt?«

Die »Wanderer« oder Peredwischniki waren eine Gruppe russischer realistischer Maler, die sich wegen ihrer liberalen politischen Ansichten mit der Petersburger Kaiserlichen Kunstakademie entzweit hatten, sodass sie sich von der Akademie gelöst und ihre eigene Genossenschaft gegründet hatten, mit dem Ziel, »die Kunst um der Kunst willen« zu betreiben und die sie umgebende Gesellschaft mit all ihren Fehlern und Schwächen abzubilden. Entsprechend ihres Namens waren sie Ende des neunzehnten, Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts mit ihrer Kunst »gewandert«, und so waren ihre Bilder heute an den unterschiedlichsten Orten zu finden, von den Niederlanden bis nach Tokio. Dieses Ausstellungsprojekt war über Jahre vorbereitet worden, hatte das ehrgeizige Ziel, Gemälde aus Museen, privaten Sammlungen und Galerien auszuleihen und – noch ehrgeiziger – sie auf eine Wanderausstellung von New York nach Paris und nach Sydney zu schicken. Aber zunächst würde sie zur Eröffnung für ein paar Monate in St. Petersburg gezeigt.

»Du hast es erfasst«, meinte Sebastian. »Juri ist einer der Kuratoren. Du erinnerst dich an Juri? Er hat mir erzählt, dass Wendy Van Hoek bei der Eröffnung anwesend sein wird.«

Ich wartete darauf, was kommen würde. »Ja?«

»Und ich hätte gern, dass du ein Geschäft mit ihr abschließt.«

»Ich bin Wendy Van Hoek noch nie begegnet«, erinnerte ich ihn.

Sebastian hielt das für einen Vorteil. »Sie ist ziemlich …« Er hielt inne, wohl um nach einer höflichen Formulierung zu suchen, schließlich fuhr er fort: »… schwierig. Aber wenn man Van Hoek heißt, muss das wohl so sein. Mit ihrem Vater zu verhandeln war noch deutlich beängstigender.«

Ihr Vater besaß, wie ich wusste, eine der bedeutendsten privaten Sammlungen in Amsterdam. Auch ihm war ich noch nie begegnet.

»Solltest nicht besser du mit ihr verhandeln? Sie kennt dich«, wandte ich ein.

»Sie denkt, dass sie mich kennt, ja. Aber unglücklicherweise kann sie den, den sie zu kennen meint, nicht leiden«, erklärte er. »Wir kommen nicht klar miteinander.« Er hielt inne, als er den Ausdruck auf meinem Gesicht sah, und fragte: »Was ist?«

»Ich wusste nicht, dass es tatsächlich irgendeine Frau gibt, die deinem Charme widerstehen kann«, entgegnete ich trocken.

»Sie ist nicht ›irgendeine Frau‹.«

Ich hatte Sebastian noch nie so über eine Frau reden hören. Es machte mich neugierig. »Also, worüber soll ich mit ihr verhandeln?«

»Sie hat einen Surikow. Ich möchte ihn kaufen. Er gehört zu der Ausstellung, du wirst ihn sehen.«

»Und für wen ist er?«

»Für Wassili«, sagte er. »Er will ihn unbedingt haben. Und du kennst Wassili.«

Allerdings. Ein netter Mann mit einem ruhigen Charme, hinter dem eine unglaubliche Hartnäckigkeit steckte. Er war mein absoluter Lieblingsklient. Als Kind hatte er sehr gelitten, als seine Eltern während des Sowjetregimes im Lubjanka-Gefängnis gefoltert worden waren. Aber er sprach nur selten darüber. Stattdessen schien er nun entschieden zu haben, sich nur noch auf das Schöne in der Welt zu konzentrieren. Es machte für mich einen Unterschied zu wissen, dass es für Wassili war.

Außerdem mochte ich St. Petersburg sehr. Ich hatte eine Weile dort an der Universität studiert und kannte die Stadt gut.

»Okay«, sagte ich. »Ich werde mein Bestes tun.« Ich überschlug die Zeit, die mir noch blieb, und die Dinge, die zu tun waren. »Ich muss mir einen neuen Koffer kaufen, mein alter ist kaputt. Und ich sollte vorher noch einmal mit Wassili sprechen.«

»Mach das doch morgen. Warum nimmst du dir nicht den Tag frei?«, bot Sebastian an. »Es ist eh Freitag, mach ein langes Wochenende, ruh dich ein bisschen aus.«

Die Art, wie er es sagte, machte mich misstrauisch. »Mache ich den Eindruck, dass ich mich ausruhen muss?«

»Ich weiß nicht.« Er sah mich an und meinte: »Du bist irgendwie seltsam.« Und dann sagte er plötzlich: »Oh, Mist, ich komme zu spät zu meiner Verabredung.«

»Mit wem?«

»Penelope.« Er blieb einen Moment neben seinem Schreibtisch stehen. »Jackett oder kein Jackett?«

»Eine Verabredung mit Penelope? Dann Jackett.«

»Denke ich auch. Verdammt, wo ist meine Krawatte? Ist sie das da auf dem Stuhl hinter dir?«

Ich drehte mich um. »Nein, das ist ein Seidentuch.«

»Ein Seidentuch?« Er runzelte die Stirn. »Bist du sicher?«

»Natürlich bin ich sicher.« Ein Seidentuch in Blautönen, die gleichen Farben wie die der Krawatte, die ich nun sorgsam zusammengerollt am Ende eines Bücherregals entdeckte. »Da ist sie.«

Sebastian sah in die Richtung, in die ich wies. »Danke dir.« Er legte sie um und band einen Windsorknoten. »Ist es so in Ordnung?«

»Sie ist schief.«

»Könntest du …?« Während er mit leicht erhobenem Kinn dastand, schielte er zu dem blauen Seidentuch hinüber, das immer noch über dem Stuhl hing. »Es muss ihres sein. Von der schottischen Frau heute Morgen. Margaret …«

»Ross.« Ich band seine Krawatte, wie ich es bereits Hunderte Male vorher getan hatte. Ich hatte einen Bruder und war gut im Krawattenbinden. »Ich erinnere mich nicht daran, dass sie ein Tuch trug.«

»Na ja, dort hat sie gesessen. Und abgesehen von dir ist sie die einzige Frau, die heute hier war.«

»Sie hat ihre Adresse hinterlassen, oder? Ich werde ihr das Tuch schicken.«

Als ich zurücktrat, strich er befriedigt über die perfekt gebundene Krawatte. »Danke dir. Du schließt dann gleich ab?«

Ich versicherte es ihm. Als er weg war, nahm ich das blaue Tuch von dem Stuhl und brachte es zum Tresen im Eingangsbereich, um es in einen Umschlag zu stecken.

Es war das Mindeste, was ich tun konnte, dachte ich. Egal, wie mies mein Tag gewesen war, ich wusste, dass ihrer es noch übertraf. Sie musste am Morgen mit so viel Hoffnung erwacht sein, in dem Glauben, sich mit der kleinen Skulptur ein bisschen Glück, ein bisschen Leben kaufen zu können. Und wir hatten diesen Traum wie eine Seifenblase zerplatzen lassen, ihn mit Füßen getreten, und das schien mir unentschuldbar.

Es war ein teures Tuch, ein Designerstück. Meine Finger berührten das Etikett. Hermès. Alles andere als ein billiges, alltägliches Teil, sondern ein ausgesprochener Luxus – etwas, was die Frau, die ich heute Morgen kennengelernt hatte, nicht verlieren durfte.

Ich fand die Adresse, die sie hinterlassen hatte, und schrieb sie sorgfältig auf den Briefumschlag. Dann nahm ich das Tuch, um es zu falten.

Was ich nicht hätte tun sollen.

 

–––

 

Wenn ich mich konzentrierte, empfing ich meine Visionen wesentlich gelassener. Auch wenn ich nicht wirklich in einen Trancezustand verfiel, versetzte mich die Konzentration in eine Art Ruhezustand, ein friedliches, tiefes Bewusstsein, ähnlich dem Gefühl der Entspannung in der Badewanne. Dann erstand allmählich eine Reihe sich bewegender Bilder aus der Leere, wie in einem Film, bis eines der Bilder größer wurde und alle anderen ausblendete, sodass ich es vor mir sah wie auf einer Kinoleinwand.

Aber bei dieser Vision war ich alles andere als gelassen. Sie traf mich wie ein zufälliger Blitz, wie zuvor, als ich den hölzernen Vogel in der Hand gehalten hatte, in der Art, wie es mir oft in meiner Kindheit ergangen war. Nur am Ende war es wie sonst. Und diesmal sah ich einen kurzen Ausschnitt aus Margaret Ross’ Leben vor mir.

Ich sah von Stille und Trostlosigkeit geprägte Einsamkeit, einen Stuhl, ein Fenster, das auf einen kleinen, schmalen, von Mauern umgebenen Garten hinausging, und irgendwo tickte eine Uhr, die unnachgiebig die langsam vergehenden Minuten zählte. In dem tristen Raum konnte ich nur einen Farbfleck ausmachen – die Broschüre eines Kreuzfahrtunternehmens, das weiße Schiff verführerisch auf einem so leuchtend blauen Ozean, dass es vor den Augen flimmerte.

Dann wurde die Szenerie kleiner, eine andere tauchte auf und nahm ihren Platz ein: ein Fenster, ein Schreibtisch … das Sprechzimmer eines Arztes. Darin sah ich Margaret Ross so wie heute Morgen. Niedergeschlagen saß sie mit hängenden Schultern auf einem Stuhl. Ich konnte hören, was der Arzt sagte, und ich hielt den Atem an, denn es schien so grausam, so unfair.

Ich versuchte, zurück zur Wirklichkeit zu gelangen, und die Vision brach ab, aber was ich gesehen hatte, blieb, und ich würde nicht mehr vergessen, was ich nun wusste.

Auch am nächsten Morgen ließ es sich nicht aus meinen Gedanken vertreiben.

Ich traf Wassili schon früh, zum Frühstück in seinem Lieblingsrestaurant, dem St. Pancras Grand, in der oberen Halle des gleichnamigen Bahnhofs. Er mochte die retro-englische Speisekarte und die Eleganz dieses Ortes mit den vergoldeten Blattornamenten an der Decke, dem dunklen Holz und den ledernen Bistrositzen, und wir führten ein angeregtes Gespräch über den Surikow, das Gemälde, das ich hoffentlich in St. Petersburg für ihn würde erwerben können. Aber erst das, was er mir am Ende unseres Treffens sagte, sollte meinen Tag komplett verändern.

Er bestellte ein Frühstück zum Mitnehmen, eine weitere Portion Eier Benedikt, woraufhin ich ihn neckte: »Wenn Sie jetzt jeden Tag zweimal frühstücken, werden Sie ganz schön zu-legen.«

»Das ist nicht für mich«, erklärte er. »Es ist für einen alten Mann in meiner Nachbarschaft. Er lebt allein, deswegen isst er nicht regelmäßig. Immer wenn ich herkomme, nehme ich ihm eine Portion Eier Benedikt mit.«

»Sie sind ein guter Mensch, wissen Sie das?«

Er winkte ab. »Das ist nicht gut. Es ist richtig. Wenn jemand Hilfe braucht, dann hilft man ihm. Was sonst?«

Als Wassili gegangen war, dachte ich darüber nach. Ich nahm den Umschlag mit Margaret Ross’ Tuch, den ich aus meiner Handtasche mitgenommen hatte, um ihn zur Post zu bringen, und starrte lange auf die Adresse. Dann verließ ich das Restaurant, ging zum King’s-Cross-Bahnhof und kaufte eine Fahrkarte nach Dundee in Schottland.

Denn Wassili hatte recht. Margaret Ross brauchte Hilfe. Und ich konnte ihr helfen. Die Wahrheit war, ich musste ihr helfen. Denn ansonsten hätte ich mich für immer geschämt.

Was Sebastian ihr gesagt hatte, stimmte vollkommen: Auf konventionellem Weg gab es keine Möglichkeit, die Herkunft des Feuervogels festzustellen. Doch wenn ich ihn noch einmal in die Hand nähme und mich konzentrierte, war es möglich, dass ich etwas fand, was mir verriet, wo ich suchen musste, um zu beweisen, dass die Skulptur ein Geschenk der Zarin war. In weniger als einer Woche würde ich in St. Petersburg sein, wo Zarin Katharina I. einst gelebt und regiert hatte und gestorben war – und wo Margarets mysteriöse Vorfahrin Anna sich in meiner kurzen Vision wahrscheinlich befunden hatte. Das wäre die Gelegenheit, mich umzusehen, zu erfahren, was möglich war, meine Kollegen in der Eremitage zu befragen … es gab für mich viele Möglichkeiten, zu helfen.

Ich musste den Vogel nur noch einmal in die Hand nehmen.

Niemand würde davon erfahren, beruhigte ich mich. Ich würde Margaret Ross einfach bitten, mir die Skulptur noch einmal anschauen, sie kurz in Ruhe betrachten zu dürfen. Sie würde nur sehen, wie ich sie in der Hand hielt, nicht mehr. Niemand würde mehr darüber erfahren.

Mit diesen beruhigenden Gedanken trat ich die Zugfahrt nach Norden an.

Erst nach ein paar Stunden schlichen sich die ersten Zweifel ein. Ich war in Gedanken noch einmal meinen Plan durchgegangen, als ich plötzlich eine Lücke darin entdeckte, die nach und nach immer größer zu werden schien, bis nur noch sie übrig blieb.

Zarin Katharina I. und Anna hatten vor etwa dreihundert Jahren gelebt, wurde mir plötzlich klar, und seit dieser Zeit hatten wahrscheinlich zahllose Menschen die Skulptur berührt und die Spuren von damals mit späteren Zeichen überdeckt, die meine Vision überschatten würden.

Die Vision, die ich gehabt hatte, hatte sich spontan eingestellt, war außerhalb meiner Kontrolle gewesen. Wenn ich Margaret Ross wirklich helfen wollte und vielleicht nur diese eine Möglichkeit hatte, den Vogel noch einmal in die Hand zu nehmen, musste ich sicher sein, dass ich all die Schichten aus späteren Zeiten durchdringen und zur richtigen vordringen konnte.

Genau das war der Grund, warum ich, als ich am Waverly-Bahnhof in Edinburgh ankam, nicht in den Zug nach Dundee stieg, wie ich es vorgehabt hatte. Ich verließ den Bahnsteig und ging über die Rampe aus der Dunkelheit des Untergrunds hinauf ins Tageslicht, wo direkt über mir Edinburgh Castle auf seinem Felsen thronte. Dann ging ich die belebte Princess Street entlang und weiter zum Fluss, den Hügel hinunter zu dem Ort, von dem ich gedacht hatte, dass ich ihn nie wieder aufsuchen würde.

Über Susanna Kearsley

Biografie

Susanna Kearsley, geboren 1966, lebt in Ontario. Sie hat Politik und Internationale Entwicklungen studiert und als Museumskuratorin gearbeitet. Gleich ihr erster Roman »Mariana« war ein großer Erfolg. Danach veröffentlichte sie die Bestseller »Glanz und Schatten«, »Die Geister von Rosehill«, »Haus...

Pressestimmen

Wiener Journal (Wiener Zeitung)

»Sehr gelungen!«

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