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Im großen Krieg

Im großen Krieg

Leben und Sterben des Leutnants Fritz Rümmelein

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Im großen Krieg — Inhalt

Fritz Rümmelein, 19 Jahre alt, meldet sich am 2. August 1914 als Kriegsfreiwilliger. Viereinhalb Jahre lang kämpft er an der Westfront, nimmt an allen großen Schlachten teil und lernt das Grauen der Gräben, aber auch den ganz normalen Alltag des Krieges kennen. Am 4. November 1918, fast auf den Tag genau nach vier Jahren und drei Monaten an der Front und sieben Tage vor dem Waffenstillstand, fällt der Leutnant Fritz Rümmelein. Er hinterlässt Briefe, Tagebücher und Fotos. Ralf Georg Reuth erzählt dieses Leben und gliedert es in den historischen Zusammenhang ein. Karten, Zeitleisten und Begriffserklärungen ermöglichen dem Leser einen leichten Zugang zum Geschehen.

€ 19,99 [D], € 20,60 [A]
Erschienen am 14.07.2014
208 Seiten, Halbleinenband
ISBN 978-3-492-05682-3

Leseprobe zu »Im großen Krieg«

Vorwort

Vor 100 Jahren begann der Erste Weltkrieg. Der amerikanische Historiker George F. Kennan nannte ihn die Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts, weil er weitere Katastrophen nach sich zog. Wer schon einmal auf den Schlachtfeldern von Verdun gewesen ist, der hat die Spuren der Urgewalt gesehen, mit der der erste moderne, weil technisierte Krieg Mensch und Natur heimgesucht hat. Noch heute ist dort die Kraterlandschaft zu erkennen, die damals durch Millionen Granateinschläge entstanden ist. Im Gebeinhaus von Douaumont ruhen 130 000 Gefallene, die [...]

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Vorwort

Vor 100 Jahren begann der Erste Weltkrieg. Der amerikanische Historiker George F. Kennan nannte ihn die Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts, weil er weitere Katastrophen nach sich zog. Wer schon einmal auf den Schlachtfeldern von Verdun gewesen ist, der hat die Spuren der Urgewalt gesehen, mit der der erste moderne, weil technisierte Krieg Mensch und Natur heimgesucht hat. Noch heute ist dort die Kraterlandschaft zu erkennen, die damals durch Millionen Granateinschläge entstanden ist. Im Gebeinhaus von Douaumont ruhen 130 000 Gefallene, die nicht mehr identifiziert werden konnten.

9,4 Millionen Soldaten sind während des Ersten Weltkriegs gestorben. Das ist nicht nur eine Zahl aus dem Geschichtsbuch. Das sind vielmehr 9,4 Millionen menschliche Schicksale. Allzu leicht wird dies bei den historischen Darstellungen und Analysen vergessen. Aus diesem Grunde haben wir von BILD entschieden, in unserem Beitrag zu 100 Jahren Erster Weltkrieg den Menschen in den Mittelpunkt zu stellen. Wir erzählen in diesem Buch das Leben des jungen Leutnants Fritz Rümmelein, das stellvertretend für das von Millionen anderen Soldaten steht, gleichgültig auf welcher Seite sie gekämpft haben und gestorben sind.

Krieg ist für uns Deutsche außerhalb der Vorstellungskraft, auch wenn unsere Soldaten heute in Afghanistan im Einsatz sind. Und die Konflikte an der Peripherie Europas scheinen weit weg zu sein. Doch auch bei uns ist der Frieden keine Selbstverständlichkeit. Nichts schärft dafür mehr das Bewusstsein als der Rückblick auf die Geschichte des 20. Jahrhunderts und auf dessen Urkatastrophe. Auch deshalb legen wir ein multimediales Projekt zum Großen Krieg vor, zu dem neben einem interaktiven Online-Feature auch dieses Buch gehört.

Kai Diekmann

 

Einleitung

Ein Leutnant steht für eine ganze Generation

Die Geschichte des Leutnants Fritz Rümmelein ist in vielerlei Hinsicht bemerkenswert. Knapp 19-jährig meldet sich der Sohn eines Holzhändlers am 2. August 1914, gleich zu Beginn des Ersten Weltkriegs, als Kriegsfreiwilliger bei einem hessischen Reserve-Infanterie-Regiment. Er stirbt – nur eine Woche, bevor das Völkerringen mit dem Waffenstillstand von Compiègne am 11. November 1918 sein Ende findet. Auf dem Schlachtfeld fällt jedoch kein einfacher Soldat, sondern – nach dem Verständnis seiner Zeit – ein Kriegsheld. Denn Fritz Rümmelein wird für seinen Einsatz beim Rückzug im Westen mit dem Pour le Mérite, der höchsten Tapferkeitsmedaille des deutschen Kaiserreichs, dekoriert. Er ist damit der einzige Bataillonsadjutant des Ersten Weltkriegs, dem diese zwischen 1914 und 1918 nur 687-mal verliehene Auszeichnung zuteil wird.

Bei allem, was den Leutnant aus dem Massenheer der Soldaten heraushebt, steht er doch gleichzeitig für eine ganze Generation von jungen Männern, die in jenem August überall in Europa zu den Fahnen eilen. Die Bilder vom Ausrücken der Truppen, vom patriotischen, ja nationalistischen Taumel, der die Menschen besonders im aufstrebenden wilhelminischen Deutschland erfasst, befremden aus heutiger Sicht. Doch denjenigen, die damals in den Krieg ziehen, sind ihre Vaterländer heilig. Sie sind so erzogen worden und fühlen sich als Teil ihrer Nation und nicht als Individualisten. Und wenn das Vaterland sie braucht, dann stehen sie bereit. Pflicht und Treue sind dabei die Maximen ihres Handelns, Pflicht und Treue notfalls auch um den Preis des eigenen Lebens. Dies gilt in besonderem Maße auch für den Leutnant und Bataillonsadjutanten Fritz Rümmelein, der seine Feldpostbriefe und -karten stets – und bis zum Ende – mit »Euer treuer Fritz« unterschreibt.

Hinzu kommt, dass diejenigen, die ins Feld ziehen, nicht im Entferntesten eine Vorstellung von dem haben, was sie erwartet. Krieg kennen sie nicht. Der letzte liegt mehr als 40 Jahre zurück. Nur noch die Großväter erzählen von 1870/71, verklärend, romantisierend von Kavallerieattacken und Artillerieduellen und natürlich vom deutschen Sieg. Was den Jungen nicht bewusst ist, sind die Auswirkungen der industriellen Revolution auf Waffentechnik und Kriegführung. Sie erst ermöglichen die massenhafte Vernichtung des Feindes. Schnell ist dann auch die Begeisterung der Augusttage verflogen, als die jungen Soldaten die Wirklichkeit dieses modernen Krieges draußen im Felde erfahren.

Mehr als vier lange Jahre teilt Fritz Rümmelein mit Millionen anderen das harte Los der Frontsoldaten. Für welches der vielen Vaterländer sie dabei auch kämpfen, nicht nur ihr entbehrungsreiches Leben in den Gräben gleicht sich, sondern auch ihr Denken. Alle glauben, dass sie es seien, die Recht und Moral auf ihrer Seite haben – nicht zuletzt, weil sie der Nationalismus jener Zeit das eigene Vaterland über das des anderen stellen lässt. Und ihre Hoffnungen unterscheiden sich ebenfalls nicht. Sie wollen bei aller Pflichterfüllung überleben und nach dem Sieg über den Feind ihre Familien und die Heimat wiedersehen. Fast neuneinhalb Millionen Soldaten aus mehr als 30 Ländern, darunter zwei Millionen Deutschen, ist dies nicht vergönnt; auch dem Leutnant Fritz Rümmelein nicht.

Zur Katastrophe wird der Erste Weltkrieg aber nicht nur für die Hinterbliebenen oder für die Millionen Kriegsversehrten, sondern auch für das alte Europa. Die Historiker sprechen sogar von einer Urkatastrophe. Denn der Erste Weltkrieg ist nicht irgendein Krieg, an den erinnert wird, weil sich sein Beginn zum hundertsten Mal jährt. Er ist vielmehr ein Krieg, der eine Abfolge von Ereignissen nach sich zieht, die das gesamte 20. Jahrhundert bestimmen. Die ungeheuren Menschenopfer und Verwüstungen haben einen solchen Hass gesät, dass die Siegermächte nicht in der Lage sind, Europa eine tragfähige Friedensordnung zu geben, indem sie die Verlierer gleichberechtigt in diese miteinbeziehen.

Stattdessen rechnen sie auf der Versailler Konferenz und den Folgekonferenzen 1919/20 mit den Mittelmächten, insbesondere aber mit Deutschland ab. Beträchtliche Gebietsabtretungen an vier angrenzende Länder, die ein Siebtel des Reichsgebiets ausmachen, gewaltige Reparationen und die Zuweisung der alleinigen Schuld am Weltkrieg schüren dort wiederum neuen Hass und Revanchegelüste. Zusammen mit der Weltwirtschaftskrise vom Ende der 20er-Jahre bietet Versailles einen idealen Nährboden für Hitler, der Deutschland und die Welt in einen zweiten, noch furchtbareren Krieg führt. Durch ihn gehen die Lichter in Europa tatsächlich aus, wie es ein namhafter britischer Politiker 1914 vorhergesagt hat. An die Stelle des alten Kraftzentrums tritt nun ein halbes Jahrhundert lang eine neue, bipolare Weltordnung – mit den Vereinigten Staaten im Westen und der Sowjetunion im Osten.

Doch nicht nur das sind die Folgen des Ersten Weltkriegs, sondern auch eine Vielzahl anderer Konflikte. So werden nach seinem Ende von den Siegern aus der Konkursmasse des untergegangenen österreichisch-ungarischen Vielvölkerstaates die neuen Vielvölkerstaaten Jugoslawien und die Tschechoslowakei aus der Taufe gehoben. Ungarn muss an fast alle seine Nachbarn weite Teile seines Territoriums abtreten. Nur durch autoritäre Regime und seit 1945 durch die kommunistische Zwangsherrschaft können die daraus resultierenden Nationalitätenkonflikte unterdrückt werden. Sie brechen wieder auf und führen zum Zerfall Jugoslawiens und der Spaltung der Tschechoslowakei, als Ende der 80er-Jahre die friedliche Revolution in Ostmitteleuropa zu obsiegen beginnt.

Im Ersten Weltkrieg wurzeln aber auch Konflikte des Nahen Ostens, einschließlich desjenigen zwischen Israelis und Arabern. Die transjordanische Landbrücke gehört bis 1918 zum mit Deutschland und Österreich-Ungarn verbündeten Osmanischen Reich. Als es bei Kriegsende aufhört zu bestehen, ziehen Briten und Franzosen im Namen einer neuen Friedensordnung recht willkürliche Grenzen. Sie stiften damit einen Frieden, der bis auf den heutigen Tag allen Frieden unmöglich macht.

Die Folgekonflikte sind weniger Gegenstand der Flut von Büchern, die aus Anlass der 100. Wiederkehr des August 1914 erschienen sind. In diesen kreist die Diskussion auch immer wieder um die Kriegsschuldfrage. Die einen folgen der seit Ende der 60er-Jahre verbreiteten These von der deutschen Hauptschuld und ziehen eine gerade Linie vom wilhelminischen Imperialismus zu Hitler. Die anderen bestreiten das und vertreten stattdessen die Auffassung, dass der Ausbruch des Ersten Weltkriegs eine verhängnisvolle, einem Automatismus ähnelnde Abfolge von Ereignissen sei. Niemand unter den Hauptbeteiligten habe diesen Krieg gewollt, aber auch niemand habe ihn verhindert, lässt sich diese Position zusammenfassen.

In den Hintergrund gerät bei alldem, wie der Krieg von den Soldaten erlebt wurde. Die Zeitzeugen, die darüber berichten könnten, sind längst nicht mehr. Und was an Briefen und Fotografien erhalten blieb, ist zumeist bruchstückhaft. Umso wertvoller ist das, was Fritz Rümmelein der Nachwelt hinterlassen hat. Das sind zunächst einmal weit mehr als 1000 bisher nicht gezeigte Fotografien, die er während der vier Jahre im Weltkrieg machte und die in zehn alten Steckfotoalben bei einem niederbayerischen Militaria-Händler auftauchten. Der Leutnant fotografierte mit seiner 6 x 6-Zentimeter-Kamera das Dasein in den Stellungen und den Kampf seines Reserve-Infanterie-Regiments in der Champagne, vor Verdun und im Artois. Er bildete das Leben in den Ruheräumen und Truppenlagern hinter der Front in all seinen Facetten ab; er zeigte die mörderischen Innovationen des Ersten Weltkriegs, der waffentechnisch im 19. Jahrhundert begonnen hatte und im 20. endete – technische Innovationen wie Flugzeuge und Tanks, wie man die ersten Panzer nannte. Er fotografierte aber auch die hässliche Fratze des Soldatentodes und die liebevoll hergerichteten Gräber der gefallenen Kameraden.

Neben der fotografischen Dokumentation steht die nicht minder bemerkenswerte schriftliche Hinterlassenschaft Fritz Rümmeleins. So führt er zeitweise ein Tagebuch, in dem er etwa seine Erlebnisse vor Verdun im Jahr 1916 oder während der Panzerschlacht von Cambrai Ende 1917 festhält. Neben den kleinen, voll geschriebenen Kladden, die sich bei einem seiner Neffen im oberfränkischen Hof fanden, verwahrte seine Nichte im niederbayerischen Zwiesel ganze Bündel von Feldpostbriefen und -karten, die der Leutnant nach Hause schrieb, darunter auch eine mehr als 20 Seiten füllende handschriftliche Schilderung der erbitterten Kämpfe vom Oktober 1918, in deren Folge er mit dem Pour le Mérite ausgezeichnet wurde. Sie lagen zusammen mit seiner Pickelhaube, seiner Offiziersmütze und anderen Ausrüstungsgegenständen samt Kartentasche mit militärischen Lageplänen in einer alten hölzernen Munitionskiste. Sie kam mit dem in einen Zinksarg eingelöteten Leichnam im Dezember 1918 vom westlichen Kriegsschauplatz nach Zwiesel, wo sie auf dem Dachboden seines Elternhauses fast ein ganzes Jahrhundert überdauert hat.

Diese breite Überlieferung in Schrift und Bild ermöglicht es heute, sich eine Vorstellung vom Leben und Sterben des Leutnants Fritz Rümmelein an der Westfront zu machen, ihn sozusagen auf seinem ebenso kurzen wie tragischen Lebensweg zu begleiten. Es ist in gewisser Hinsicht Geschichte von unten, die die von oben verursachte Katastrophe, die vor 100 Jahren ihren Anfang nahm, intensiver, weil emotionaler ins Bewusstsein rückt, als es die gängigen Darstellungen und Analysen tun. Dennoch soll hier der historische Kontext nicht fehlen, genauso wenig wie zahlreiche neu angefertigte Kartenwerke. Alles zusammen erst macht aus der Geschichte von der gnadenlosen Lebenswirklichkeit des Frontkämpfers Fritz Rümmelein gleichzeitig eine kleine Geschichte des Großen Kriegs, der nicht vergessen werden sollte.

 

Kapitel 1

Der Holzhändler-Sohn Fritz Rümmelein zieht begeistert in den Krieg

Die Nachrichten überschlagen sich am 1. August 1914, an diesem wunderbaren Sommertag. Die Jungen, die das Extra-Blatt der »Hanauer Zeitung« verteilen, schreien sie hinaus: Das Deutsche Reich hat Russland den Krieg erklärt. Frankreich macht mobil. In der hessischen Stadt kommt es zu Menschenansammlungen. Hochrufe auf den Kaiser ertönen. Vaterländische Lieder werden spontan angestimmt. Auch die Hanauer sind dem nationalen Taumel erlegen. Überall flackert Kriegsbegeisterung auf. Tausende sind dabei, als die Soldaten mit klingendem Spiel aus der Garnisonsstadt ausrücken. Vor den Meldestellen des Heeres stehen derweil Schlangen junger Männer. Sie alle wollen auf dem Feld der Ehre, wie man das Schlachtfeld damals genannt hat, ihre patriotische Pflicht erfüllen. Unter ihnen ist auch der schmächtige, 18 Jahre alte Fritz Rümmelein.

Er ist am 9. August 1895 als Sohn eines wohlhabenden Holzhändlers im nieder-
bayerischen Zwiesel geboren und dort auch aufgewachsen. Vater Heinrich ist ein aus dem Württembergischen stammender Protestant. Mutter Karolina ist katholisch und kommt aus dem Bayerischen Wald. Die Rümmeleins, allen voran Familienoberhaupt Heinrich, sind national orientiert. Sie verehren den Hohenzollern-Kaiser. In ihrem Wohnzimmer hängt dann auch das Bildnis Wilhelms II. und nicht das des bayerischen Monarchen.

Vaterlandsliebe und unbedingte Treue sind die Werte, die die Eltern ihren fünf Kindern, insbesondere den vier Jungs, vermitteln. Die wachsen in einer beschaulichen Welt auf, zu der die weiten Wälder um den Großen Arber ebenso gehören wie das väterliche Sägewerk oder das Haus am Stadtrand von Zwiesel. Fritz, der Erstgeborene der Rümmelein-Kinder, ist nach Regensburg auf das Königliche Alte Gymnasium geschickt worden, denn als Protestant ist ihm der Zugang zu einer der näher gelegenen katholischen Klosterschulen verwehrt.

Der Junge fühlt sich auf dem humanistischen Elite-Gymnasium, auf dem er Griechisch und Latein lernen muss, aber nicht so recht wohl. Seine schulischen Leistungen sind daher zumeist nur »genügend«, wie aus den heute noch existierenden Zeugnissen hervorgeht. Nur in Geschichte, Religion und Sport kann er gute Noten vorweisen. Den Vater lässt er daher 1913 wissen, dass er heuer, wenn er »durchkomme«, was Gott geben möge, aus der Schule austreten und ins Geschäft eintreten werde. »Lieber plag ich mich einmal als Kaufmann, als dass ich mich noch 10 – 15 Jahre herumschlag und dann erst angestellt werde. Dann verdien ich mir ehe mein Brot und mach Euch, liebe Eltern, keine so großen Kosten mehr.« Seine Lehrer bestärken ihn darin. »Er tut (...) gut daran, sich einer anderen Laufbahn zuzuwenden«, haben sie ihm ins Zeugnis geschrieben. So ist Fritz in die Fußstapfen des Vaters getreten. Deshalb hat er eine Ausbildung zum Holzkaufmann bei Conrad Fuss, einem der Familie bekannten Geschäftsfreund, in Hanau begonnen.

Doch all das tritt durch die Ereignisse des Sommers 1914 für Fritz in den Hintergrund. Denn auch er will dabei sein, wenn das Kaiserreich nunmehr zu neuen Ufern aufbricht und sich den Platz in der Welt erobert, der ihm nach Auffassung der allermeisten Deutschen längst gebührt. Am 2. August hat er sich daher als Einjährig-Kriegsfreiwilliger beim 88. Hessischen Reserve-Infanterie-Regiment in Hanau gemeldet. Und Weihnachten seien sie nach siegreichem Feldzug ohnehin wieder daheim, glaubt auch er.

Die militärische Ausbildung, die ihm zuteil wird, ist schnell und unzulänglich: preußischer Drill, ob beim Exerzieren, der Leibesertüchtigung oder beim Umgang mit den Waffen, allen voran mit dem Gewehr 98, der »Braut“ des Soldaten. Nach Hause schreibt Fritz, der freilich auch eine infanteristische Gefechtsausbildung erhält, am 18. August 1914, »als Soldat heißt’s früh aufstehen. (...) Wir werden schon stramm exerziert. Seit Sonntag haben wir unsere Gewehre. (...) Um 6 Uhr geht’s mit Gewehr auf den Exerzierplatz. Leider ist das Wetter zur Zeit sehr schlecht. Lasst bitte bald wieder was hören. In treuer Liebe grüßt Euch Euer Fritz.«

Bevor es an die Front geht, muss Fritz noch eine Einverständniserklärung des »gesetzlichen Vertreters« nachreichen, denn er ist noch keine 21 Jahre alt und damit nicht volljährig. Für seinen durch und durch patriotischen Vater ist die Unterschrift eine Frage der Ehre und damit eine Selbstverständlichkeit. Auch, dass er – wie damals üblich – die Kosten für Unterhalt und Ausrüstung des Freiwilligen bezahlt.

Am 5. Oktober 1914 rückt der notdürftig ausgebildete Infanterist Fritz Rümmelein schließlich mit seinem Regiment ins Feld – nach Westen, wo der Krieg auf der ganzen Frontlinie von Flandern bis herunter nach Lothringen zum Stellungskrieg erstarrt ist. Bis vor die Tore der französischen Hauptstadt ist das kaiserliche Heer Ende August/Anfang September vorgestoßen. An der Marne ist die Wende gekommen. Deutsche Führungsfehler und französische und britische Gegenoffensiven haben die Oberste Heeresleitung unter Helmuth von Moltke jr. veranlasst, die Truppen an die Aisne zurückzunehmen, wo sie sich eingegraben haben.

Am Oberlauf des Flusses, dort, wo die Argonnen in die östliche Champagne auslaufen, ist die 21. Reserve-Division, der Fritz Rümmeleins 88. Infanterie-Regiment angehört, im Einsatz. Die Truppe, die der vom preußischen Kronprinzen Wilhelm kommandierten 5. Armee angehört, ist für Schanzarbeiten herangezogen, das heißt, im Schutze der Dunkelheit bauen die Männer Stellungen. Am 5. November schreibt Fritz seinem Großvater aus einem Waldlager namens »Schwerinsburg« bei Cernay-en-Dormois: »Wir liegen immer noch hier; zur Zeit sind wir mehr Pioniere denn Infanterie.« Er meint noch, »dass wir hier auch so schnell nicht wegkommen«. Alles ist sehr ernüchternd.

Die Feuertaufe, die Fritz dann kurz vor Weihnachten erhält, gerät für ihn und für seine Kameraden, die soeben noch im Zivilleben standen, zum Schock. Denn mit den romantischen Vorstellungen, die sie vom Krieg haben, hat es nichts zu tun, als am 20. Dezember 1914 französische Regimenter auf der Linie Prosnes-Perthes-Massiges zum Angriff antreten, um die deutsche Aisne-Front zu durchbrechen. Todesmutig rennen sie über das freie Gelände gegen die deutschen Stellungen an. Sie werden regelrecht niedergemäht. Wo sie dennoch durchkommen und in die Gräben einbrechen, entbrennt der Nahkampf Mann gegen Mann – wenn die Munition verschossen ist – mit Bajonett, Grabenkeule oder Klappspaten. Am grausamsten ist das Gemetzel beim Kampf um die Höhe 191 bei Massiges, die nach zwei Wochen unter fürchterlichen Verlusten von französischen Kolonial-Regimentern genommen wird. Von taktischer Bedeutung ist der Geländegewinn von gerade einmal zwei Kilometern freilich nicht.

Fritz fotografiert die Briqueterie, wie die vom Krieg zerfurchte Landschaft in diesem Teil der Champagne heißt. Er macht Bilder von dem umkämpften Kanonenberg, von der neuen, zurückgenommenen Front und vor allem auch von den Kameraden. Er besitzt nämlich seit einigen Wochen eine 6 x 6 Kamera. Mehr als 1000 teils einzigartige fotografische Aufnahmen wird Fritz Rümmelein im Verlaufe des Weltkriegs mit ihr machen und nach Zwiesel schicken. Dort stellt er sie während seiner Heimaturlaube in Einsteckalben zusammen.

Überhaupt pflegt Fritz eine ausgiebige Korrespondenz mit seinen Eltern, den Geschwistern Wilhelmine, Eugen und Heinz, mit dem Großvater, dessen Namen er trägt, aber auch mit den Freunden in Hanau. Die Feldpostbriefe und -karten, die der Infanterist in den Wintermonaten des Jahres 1914/15 schreibt, atmen nichts mehr von den Zeiten des patriotischen Überschwangs zu Kriegsbeginn. Es sind oftmals nur Lebenszeichen, in Grüßen vom »getreuen Fritz« für »die Lieben daheim« verpackt. Kein Wort vom Grauen oder von der verdrängten Angst, will man doch die Angehörigen in der Heimat nicht noch mehr beunruhigen, als sie es schon sind. Und berichtet Fritz einmal vom Krieg, so sind es eher nüchterne Erklärungen allgemeinerer Art. So schreibt er am 23. Januar 1915 auf eine an die Familie Heinrich Rümmelein adressierte Feldpostkarte, die die zerschossene Kirche von Cernay zeigt: »So sehen hier auf dem Kriegsschauplatz leider viele Kirchen aus. Challerange (wo sein Bataillon vorrübergehend Ruheraum bezogen hat) ist noch gut erhalten, ganz wenig zerstört.«

So sehr Fritz das eigentliche Kriegsgeschehen in seiner Korrespondenz mit der Heimat ausspart, so sehr klingt darin immer wieder sein unverbrüchliches Pflichtbewusstsein an. »Hoffentlich können wir bald wieder vor«, schreibt er auf der Postkarte vom 23. Januar 1915. Nur wenige Tage darauf ist er wieder ganz vorn, als sein Regiment und andere Verbände seiner Division die Höhe 191 nördlich von Massiges zurücker­obern. Mineure haben unterirdische Stollen in Richtung der französischen Stellungen getrieben, sie mit Sprengstoff verfüllt und in die Luft gejagt. Die drei gewaltigen Detonationen, die am 3. Februar 1915 den Auftakt zum Sturmangriff bilden, haben eine derartig vernichtende Wirkung, dass der Einbruch in die Stellungen des Gegners gelingt. Nach kurzem Kampf ist die mit Leichen übersäte Höhe wieder in deutscher Hand. Anstelle des Gefechtslärms ist nur noch das Schreien der Verwundeten und Sterbenden zu hören.

Fünf Tage später ist Fritz mit dabei, als Kronprinz Wilhelm, der Oberbefehlshaber der 5. Armee, der Truppe einen Besuch abstattet, um die siegreichen Stürmer von Massiges zu begrüßen. Es ist ein Ereignis, bei dem er nicht fehlen will. Der Kampf, der die Front wieder um ein kleines Stück nach vorne verschoben hat, ist vorerst der letzte Einsatz von Fritz, denn der soeben mit dem Eisernen Kreuz Zweiter Klasse Ausgezeichnete wird als ehemaliger Gymnasiast für Mitte Februar 1915 zum Reserveoffiziers-Lehrgang nach Elsenborn kommandiert.

Bevor sich Fritz beim Ausbildungskursus 8 auf dem Truppenübungsplatz in der Westeifel meldet, verbringt er noch einige Tage in Hanau und in Zwiesel. Er trifft dort neben Eltern und den Geschwistern auch Arbeitskollegen und einige Freunde, die noch nicht den feldgrauen Rock des Kaisers tragen. Wie die vom Krieg reden, eben so, wie man es sich in der Heimat vorstellt und wie es sich auch er vorgestellt hat, bevor er ins Feld zog, will so gar nicht zu seiner Befindlichkeit passen. Doch was soll’s. Der Urlaub ist ohnehin allzu schnell vorüber.

An Stelle des Müßiggangs tritt sehr bald der harte Drill der preußischen Reserveoffiziers-Ausbildung. Die jungen Männer, soeben noch selbst Geführte, sollen im Schnelldurchgang dazu befähigt werden, nun ihrerseits junge Männer in den Kampf zu führen. Fritz, der von guter körperlicher Konstitution ist und einen starken Willen hat, absolviert den Lehrgang mit gutem Erfolg. Daheim in Zwiesel sind sie alle stolz auf den Offiziersaspiranten.

 

Ralf Georg Reuth

Über Ralf Georg Reuth

Biografie

Ralf Georg Reuth, geboren 1952 in Oberfranken, studierte Geschichte sowie Germanistik und promovierte 1983 über Hitlers Strategie. Er ist Journalist und Autor mehrerer Bücher zur Geschichte und Vorgeschichte des »Dritten Reiches«, aber auch zur Wende 1989/90.

Pressestimmen

Passauer Neue Presse

»Zu den Höhepunkten des Buches zählen die zuvor noch nie gezeigten Fotos, die Rümmelein einst mit seiner Kamera gemacht hat.«

Inhaltsangabe

Einleitung: Ein Leutnant steht für eine ganze Generation

August 1914 – Februar 1915

»Weihnachten sind wir wieder daheim«: Der Holzhändler-Sohn Fritz Rümmelein zieht begeistert in den Krieg

März 1915 – Juni 1916

»Da kommt kein Franzmann durch«: Der Leutnant der Reserve kämpft in der östlichen Champagne

Juli 1916 – Dezember 1916

»Alles ist hier in Grund und Boden geschossen«: Der Bataillonsadjutant überlebt die Hölle von Verdun

Januar 1917 – Oktober 1917

»Die Kanonen sind feste bei der Arbeit«: Fritz Rümmelein wird beim Sturm auf den Mont Cornillet lebendig begraben

November 1917 – Juni 1918

»Sie sehen gefährlich aus, die stählernen Ungeheuer«: Der Adjutant führt in der Großen Schlacht um Frankreich das Bataillon

Juli 1918 – Dezember 1918

»Dann lieber einen ehrlichen Soldatentod«: Der Pour le Mérite-Träger fällt eine Woche vor Kriegsende

1918 – 1939

»Er ist ein Vorbild für die Jugend«: Fritz Rümmelein wird von der NS-Propaganda missbraucht

Ein Jahrhundert später

»Die, die hier kämpften, wollten keinen Krieg«: Auf den Spuren des Gefallenen im Nordosten Frankreichs

Anhang

Karten, Namens- und Ortsregister

Kommentare zum Buch

Sehr aufwühlende Lebensgeschichte
Kai-Uwe Spitzer am 15.10.2014

Ein sehr eindrucksvolles Buch mit einer bewegenden Geschichte des Soldaten Fritz Rümmelein - an Tragik kaum noch zu überbieten! Den ersten Weltkrieg hat man noch nie so hautnah, informativ und intensiv erlebt - wenn das keine Vorlage für einen erstklassigen Film über das Grauen des grossen Krieges und Schicksal von Millionen Soldaten ist !! 

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