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Ich dich auch nicht

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Roman

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Ich dich auch nicht — Inhalt

Sacha Winter ist 14. Seine Mutter, eine Ex-68erin, verwöhnt ihn mehr, als dass sie ihn erzieht. Der Vater gibt sich bei seinen seltenen Auftritten erfolglos autoritär. Sacha gehört zu der coolen Clique in seiner Pariser Reiche-Leute-Schule, aber eigentlich langweilt ihn das alles. Da lernt er den charismatischen Augustin kennen. Mit ihm geht er Wodka klauen, raucht, snifft, beginnt Mädchen »flachzulegen«. Aber es ist Augustin, in den er sich verliebt …
Sperling erzählt mit subtiler Beobachtungsgabe und in einem geradezu filmischen Stil die immer wieder neue Geschichte vom Erwachsenwerden. Der besondere Ton dieses Romans – desillusioniert, luzide, beißend – zeugt von ganz ungewöhnlichem literarischen Talent.

€ 5,99 [D], € 5,99 [A]
Erschienen am 23.03.2011
Übersetzer: Carina von Enzenberg
224 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-492-95267-5

Leseprobe zu »Ich dich auch nicht«

Ich hatte keine Ahnung, wie melancholisch mich ein Spaetsommerhimmel machen kann, auch wenn er noch so blau ist.

Die Stille ist erdrueckend, wenn man auf jemanden wartet und sicher ist, dass dieser Jemand nicht kommt, jedenfalls nicht wirklich.

Es klingelt. Durch die Gegensprechanlage nenne ich das Stockwerk und frage mich, ob es sein kann, dass er es vergessen hat. Ich hoere den Aufzug. Ich oeffne ihm, beobachte ihn, erinnere mich, und schon bereue ich. Er entschuldigt sich fuer die Verspaetung. Er sieht mich nicht an. Er fragt nach einer Cola, ich [...]

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Ich hatte keine Ahnung, wie melancholisch mich ein Spaetsommerhimmel machen kann, auch wenn er noch so blau ist.

Die Stille ist erdrueckend, wenn man auf jemanden wartet und sicher ist, dass dieser Jemand nicht kommt, jedenfalls nicht wirklich.

Es klingelt. Durch die Gegensprechanlage nenne ich das Stockwerk und frage mich, ob es sein kann, dass er es vergessen hat. Ich hoere den Aufzug. Ich oeffne ihm, beobachte ihn, erinnere mich, und schon bereue ich. Er entschuldigt sich fuer die Verspaetung. Er sieht mich nicht an. Er fragt nach einer Cola, ich sage, dass ich Cola Light habe. Er geht in die Kueche und antwortet, dass er das weiss. Er beisst in einen Apfel und legt ihn zurueck. Wir sagen nichts mehr, und als er vorschlaegt, in mein Zimmer hochzugehen, hat sich der Apfel braun verfaerbt. In meinem Bett tut er so, als wuerde er fernsehen. Er erzaehlt mir von seinen Ferien, fragt mich nach meinen, ohne sich meine Antwort anzuhoeren. Er kuesst mich, ich weiche aus. Ich sage zu ihm: »Ich hoffe … « Es ist schwer, die richtigen Worte zu finden, wenn man nichts mehr zu sagen hat. Ich versuche es noch mal: »Ich bin keine aufblasbare Puppe, weisst du … « Er antwortet nicht. Ich frage ihn: »Liebst du mich?« Er starrt an die Decke und sagt ruhig: »Was glaubst du?« Ich muss mich gehen lassen. Dichtmachen. Ich wandere an seinem Bauch nach unten. Ich ziehe seine Unterhose runter. Zum Automaten werden. Ich schliesse die Augen. Er sieht es, sagt nichts. Ich richte mich wieder auf, ich glaube, er hat abgespritzt. Ich bitte ihn um eine Zigarette, er haelt sie mir hin, wie billig. Er steht auf. Er muss »abschieben«. Er fragt mich, ob ich » eine Kippe fuer spaeter « will. Koennte er mich noch mehr demuetigen ? Er hat kein schlechtes Gewissen. Er verabschiedet sich, wie er mich begruesst hat, ohne mich anzusehen. Mein Zimmer stinkt nach kaltem Rauch. Ich bleibe stehen, lange. Es gibt Augenblicke, da moechte ich weinen koennen. Nur ein bisschen. Geht nicht. Das Herz ist abgestorben. Ich kitzele es. Nein. Abgestorben. »Das einzig Unertraegliche ist, dass nichts unertraeglich ist.«
In zwei Tagen geht die Schule wieder los.


Wenn ihr mich so sehen koenntet, waehrend ich mit euch rede, wuerdet ihr nichts sehen. Jedenfalls nichts Interessantes.
Ich liege im Gras, zwischen einem Apfelbaum und einem Strauch. Ein Haus, ganz aus Schiefer, steht wie neben mich gestellt da. Eine graue Katze jagt einer unsichtbaren Maus nach. Die Landschaft hat nichts Fesselndes ausser vielleicht der Stille. Diese traurige, mittelmaessige laendliche Stille, die alles ein wenig ernst und duester wirken laesst. Mehr werdet ihr aus dem Drumherum nicht rausholen, ihr werdet euch auf mich konzentrieren. Im Augenblick gibt es nichts weiter zu sehen. Ich habe noch meine Badehose an, bin noch glatt, noch rein, noch Jungfrau. Ihr wuerdet nicht sagen koennen, wie alt ich bin. Ich bin sowieso gerade dabei, es abzulegen, mein Alter meine ich. Ich muss zugeben, einen Jungen anzusehen, der im Gras liegt und nichts tut, ist ziemlich oede. Geht also weiter weg oder kommt naeher ran. Auf mich zu. Nahaufnahme von meinem Gesicht. Close-up von meinen Augen. Seht ihr die Anspannung in meinem Blick, die Ungeduld ? Man muss dazu sagen, dass in meinem Hirn, in meinem Koerper, vielleicht sogar in meinem Herzen, eine Zeitbombe tickt. Allmaehlich koennt ihr das Ticken hoeren, und ihr findet es beklemmend. In ein paar Sekunden oder ein paar Tagen werde ich explodieren, und ihr werdet mit ansehen, wie das, was von mir uebrig bleibt, also meine Ueberreste, auf den Asphalt, den Sand oder euren Fussboden niedergehen. In Millionen von uns tickt eine Zeitbombe.
Ihr habt es sicher vergessen, aber eines Tages habt ihr euch, wie ich, eure Langeweile bewusst gemacht, und in diesem Augenblick ist sie euch unertraeglich geworden.
Wie ich habt ihr eines Tages von morgens bis abends den Himmel angesehen und euch gefragt, wo
die Sterne bleiben.
Wie ich habt ihr begriffen, dass euer Leben beginnt, ohne dass ihr was dafuer koennt.
Weil ihr, wie ich, vierzehn Jahre alt gewesen seid.

Der Zug faehrt aus dem Bahnhof von Lisieux, und es faengt an zu regnen. Ich blicke auf die Fensterscheibe, das Wasser klatscht dagegen, und die Landschaft sieht schon bald aus wie ein verschmiertes Gemaelde. Die Sitzbaenke aus Kunstleder stinken nach Erinnerungen und Enttaeuschung. Neben mir isst ein Mann eine Birne und starrt dabei vor sich hin. Was fuer eine Romanze hat er am Strand zuruecklassen muessen? Welche Eissorte? Welchen Lichtschutzfaktor?
Und was liegt hinter mir? Ein Sommer, der rasch zu Ende geht und nach dem man sich nur halb zuruecksehnt. Ein Sommer der Gespenster, in meinem Zimmer, spaetabends, zu einer Uhrzeit, in der niemand mehr ueber dumme Teenagertraeume richtet.
Der Zug faehrt direkt nach Paris. Ich sage »direkt«, weil man es eben so sagt, obwohl die Strecke in die Hauptstadt voller Windungen, gefaehrlicher Kurven und dead ends ist.
Der Mann neben mir starrt mich jetzt an, und weil mir das unangenehm ist, krame ich in meiner Tasche. Meine Mutter liest in einer Zeitschrift. Ich hole das Notizbuch raus, das sie mir geschenkt hat. Ein in schwarzes Leder gebundenes, ein bisschen steifes Notizbuch. Ich habe nicht verstanden, warum sie es mir gegeben hat, als wir ziellos durch La Cienega fuhren und sich die riesige orange Sonne im Schwarz ihrer Sonnenbrille spiegelte. Ohne die Augen von der Strasse zu nehmen, hat sie zu mir gesagt, dass sie ungefaehr in meinem Alter damit angefangen hat, in so ein Notizbuch zu schreiben. Sie schenkt mir jedes Jahr so ein Heft. Ich hatte noch nie was reinzuschreiben, was die Muehe gelohnt haette.
Im Wagon laeuft immer noch die Klimaanlage, obwohl es ueberhaupt nicht mehr heiss ist.
»Sacha, holst du mir bitte einen Kaffee? Hier ist es eiskalt«, sagt meine Mutter und liest, den Artikel in der Elle ueber die Beschneidung von Maedchen in Afrika weiter.
Ich wanke durch den schlingernden Zug zur Bar. Ein Paerchen kuesst sich vor dem Regen, der sich auf den Scheiben ausbreitet. Ein alter Mann sitzt vor einer kleinen Weinflasche und putzt seine Brillenglaeser. Ein Stueck weiter raucht ein Typ mit dem Ruecken zu mir eine Zigarette. Seine Kapuze verhuellt sein halbes Gesicht. Er trinkt eine Pepsi. Ich gehe an ihm vorbei zur Theke.
»Entschuldige.« Der Typ mit der Kapuze hat sich zu mir umgedreht. Seine Augen sind pechschwarz.
»Ja?« Der Zug schlingert wieder, und fast waere ich auf ihn draufgeflogen.
»Entschuldige«, faengt er noch mal an, »hast du vielleicht einen Euro? Damit ich mir ein Sandwich kaufen kann?«
Er tritt einen Schritt zurueck und sieht mich sonderbar an. »Heisst du nicht Sacha?«
Ich kriege keine Antwort raus, ich weiss auch nicht, warum.
»Ich bin Augustin, wir haben uns schon mal gesehen. Ich bin ein Kumpel von Jane, ich war letztes
Jahr auf ihrem Geburtstag. Du gehst auf die École de Lorraine, oder?«
Ich wuerde mich an ihn erinnern, wenn ich ihn schon mal gesehen haette. Ich antworte:»Ja, auf die Lorraine. Und du?«
»Nicht weit davon, aufs Lycée de Montaigne.«
Ich bewundere Menschen, die Blicken standhalten koennen, ich kriege das nicht hin. Ich gebe ihm einen Euro.
»Danke, das ist nett … Woher kommst du gerade?«
Ich antworte, waehrend ich die Bestellung aufgebe: »Aus Deauville. Meine Mutter hat dort in der Naehe ein Haus auf dem Land. Und du?«
Er steckt sich eine neue Zigarette an und antwortet: »Mein Vater auch, bei Lisieux.«
Er macht eine Pause und schiebt die Kapuze zurueck. Er hat braunes Haar mit fast schwarzen Stellen. Er sagt: »Kommst du jetzt auch in die Neunte?«
Die Weinflasche des Brillentraegers faellt zu Boden. Eine rote Lache breitet sich langsam aus, aber der Mann reagiert nicht. Ich starre den Fleck an und antworte: »Ja, in die Neunte.«
Die Kellnerin reicht mir den Kaffee. Ich sage: »Na dann, bis bald … «
Ich nehme den Becher.
»Bis zur Ankunft ist es noch eine gute Stunde …Ich warte hier, wenn du willst.«
»Okay, mal sehen … «
Wieder laechelt er mir zu.
Im Wagon liest meine Mutter immer noch. Ich werde nicht zurueck zur Bar gehen. Ich bleibe lieber hier, hoere Musik und schlafe vielleicht ein bisschen. Der Mann am Fenster faengt an zu heulen. Er schnieft leise. Meine Mutter ist in ihre Lektuere vertieft, sie beachtet den weinenden Mann nicht. Die Stimmung hier im Wagon ist mir zu duester. Ich habe Durst. Ich habe Lust auf eine Cola. Ich gehe zurueck zur Bar, die jetzt komplett leer ist. Als ich kleiner war, habe ich meine Mutter oft stundenlang bekniet, mit mir in ein Spielwarengeschaeft zu gehen. Kaum waren wir dort, schaemte ich mich. Ich wurde unausstehlich und wollte nichts mehr haben. Meine Mutter wurde natuerlich sauer. Dabei starb ich vor Lust, mir haufenweise Spielzeug zu kaufen. Wir gingen wieder, und ich fing an zu heulen. Ich haette gleich zurueck zur Bar gehen sollen. Ich wollte, dass meine Mutter meine Wuensche erriet. Egal.
»Eine Cola, bitte.«
Der Zug bremst, und es fuehlt sich an wie ein unterdrueckter Orgasmus. Es regnet nicht mehr, und ich
habe Netz. Ich rufe Rachel an.

Rachel spuckt ihren Kaugummi vor den Schaufenstern des Bon Marché in die Gosse. Sie muss sich fuer den Schulanfang ein Paar Schuhe kaufen. Sie erzaehlt mir von ihren Ferien. Ich langweile mich. In der Handtaschenabteilung laeuft uns ein Maedchen ueber den Weg, das grosse AEhnlichkeit mit Gabrielle hat. Gabrielle war diesen Sommer so was wie meine Freundin. Sie hat ein Haus in Deauville. Sie ist huebsch. Ihr Haar ist tagsueber gewellt und nachts glatt. Wir haben uns am Strand kennengelernt. Sie war nicht sehr interessant, hatte aber eine schoene ernste Stimme. Sie roch nach Kokosnuss und Nutella. Ein richtiger Crêpe ! Eines Abends war es noch warm am Strand, und wir haben uns in den Sand gelegt. Sie trug Jeans und einen Kaschmirpulli, und ich bekam Lust, sie zu kuessen. Sie hat den Pulli ausgezogen. Ihre schweren Straehnen klebten auf ihren mit Himbeergloss bepinselten Lippen. Ihre Haare klebten ueberall, auf ihren Lippen, ihrer Brust, ihren Schultern und ihren Wangen. Ich habe die Hand in Gabrielles Hose geschoben, aber sie hat mir zu verstehen gegeben, dass ich es gut sein lassen und aufhoeren soll. Ich wusste, dass ich sie nicht wieder sehen wuerde. Auf dem Heimweg habe ich masturbiert und dabei an sie gedacht, und das war’s. Ich habe Gabrielle beim Ejakulieren ausgeschieden.
Rachel findet ein Paar Chucks, die angeblich »perlgrau«, in meinen Augen aber marineblau sind. Sie bezahlt. »Ich habe Ihnen zu danken«, ruft der Verkaeufer, obwohl wir ueberhaupt nichts gesagt haben. Als wir aus dem Geschaeft kommen, sehe ich ploetzlich vor mir eine graue Kapuze. Es ist der Junge aus dem Zug. Ein upper cut in den Bauch, ich weiss nicht, warum. Keine logische Erklaerung, kein objektiver Grund. Er wirft seine Kippe weg. Er grinst laessig, als haette er vorausgesehen, dass er mich wiedersehen wuerde. Er sagt: »Na, du verfolgst mich wohl!«
Er streckt mir die Hand hin, ich druecke sie.
»Was machst du hier?«, frage ich ihn.
»Ich hab mir ein Paar Treter gekauft«, sagt er und hebt seine Tuete hoch.
Rachel, die ich ganz vergessen habe, antwortet, dass sie sich auch Schuhe gekauft hat. Langes Schweigen. Ich habe sie nicht vorgestellt. »Rachel, das ist … «
Ich erinnere mich nicht mehr. Er faehrt fort: » … Augustin.«
Rachel kichert und sagt: »Bist du nicht ein Freund von Jane ? Ich glaube, ich hab dich schon mal gesehen.«
Er nickt. Wir unterhalten uns kurz, und Rachel schlaegt ihm vor, mit uns was trinken zu gehen. Rachel sieht mich an, ich glaube, sie findet ihn gut aussehend. Er redet mit sanfter Stimme auf sie ein und legt dabei den Kopf leicht schief. Sie gefaellt ihm bestimmt, aber sie merkt es nicht. Sie ist es nicht gewohnt, von Typen wie Augustin angebaggert zu werden. Ich halte mich aus der Unterhaltung raus. Ich schaue durch die Fensterscheibe des Cafés. Der Himmel ist grau und draeuend. Die Luft ist schwuel. Sie will die letzte Sommerhitze loswerden. Augustin bietet Rachel eine Zigarette an. Sie nimmt sie, und das wundert mich. Vor zwei Monaten hat sie noch nicht geraucht. Ein Paerchen setzt sich an den Nebentisch. Das Maedchen weint. Die beiden haben bestimmt gerade Schluss gemacht. Augustin und Rachel beachten sie nicht. Ich bin wohl der Einzige, der die weinenden Fremden bemerkt. In Wirklichkeit lacht das Maedchen, und ich bin erleichtert. Rachel muss nach Hause. Sie gibt Augustin ihre Nummer, bevor sie geht.
Wir sitzen jetzt allein neben dem Paerchen, das die Rechnung verlangt. Augustin scheint das nicht zu stoeren. Er muss wirklich ein gesundes Selbstbewusstsein haben. Er ist einer von den Typen, die es schaffen, eine Stunde lang zu schweigen, ohne sich dabei unwohl zu fuehlen. Ich muss immer den Raum, die Stille ausfuellen. Ich erzaehle ihm irgendwas, texte ihn zu. Das amuesiert ihn. Er foppt mich ein wenig. Dann erklaert er mir, was er an Rachel mag. Er findet sie huebsch. Ich glaube herauszuhoeren, dass er sie ein bisschen verachtet.
Nachdem er mir erklaert hat, dass er Rachels Beine mag, sagt er: »Aber weisst du, das Wichtigste bei einem Maedchen sind nicht die Haare, die Figur oder die Beine … «
Er bricht ab, als wollte er analysieren, was er gerade gesagt hat, und faehrt dann mit abwesender Miene fort: »Es kommt auf die Einstellung an … «
Er macht noch eine Pause und schlussfolgert dann: »Die Einstellung taeuscht mich nicht.«
Ich verstehe nicht, was er damit sagen will. Ich bin mir fast sicher, dass es auch gar keinen Sinn macht. Ich halte jetzt den Mund. Im Hintergrund laeuft ein Lied von Gainsbourg. Ich kenne es nicht. Der Rhythmus ist abgehackt, und ich erkenne nur die Stimme.

Sur son coeur on lisait »personne«,
Sur son bras droit »raisonne«.

Als ich geboren wurde, wohnte mein Vater nicht bei uns. Meine Mutter und er hatten sich mit siebzehn kennengelernt.
Meine Mutter trank gerade was im Café gegenueber vom Lycée Jules Ferry. Mein Vater hatte einen Unfall mit dem Mofa. Meine Mutter ging raus, um ihm zu helfen. So lernten sie sich kennen. Sie kamen ins Gespraech, und meine Mutter machte sich ueber meinen Vater lustig, weil er einen Akzent hatte. Ich stelle mir gern vor, dass es bei meinen Eltern Liebe auf den ersten Blick war, das gefaellt mir.
Nach allem, was man mir erzaehlt hat, waren die ersten fuenf Jahre idyllisch. Meine Mutter brannte durch, um bei meinem Vater zu leben, und sie arbeiteten zusammen in Bars und Restaurants, mal im Service, mal an der Garderobe. Die Probleme begannen im Mai ’68. Weil sie zwanzig Jahre alt waren, weil man frei sein musste. Ich glaube, mein Vater ruehrte als Erster eine andere Frau an. Und ich glaube, meine Mutter schwor sich damals, es ihm zwar nie uebel zu nehmen, aber mit gleicher Muenze heimzuzahlen. So liebten und betrogen sie sich, sie betrogen sich abwechselnd, hassten sich, ohne es zuzugeben, und rauften sich wieder zusammen, ohne Traenen zu vergiessen. Sie waren frei, hatten zwar Schuldgefuehle, aber es war ja gerade der Wettstreit, der ihnen Lust bereitete. Jede neue Affaere des einen war wie ein Schlag gegen den anderen. Sie spielten Angstmachen. Sie taten so, als wuerde es ihnen nichts ausmachen. Ihre Liebe sollte staerker als alles andere sein.
Sie hatten die Rechnung ohne Marianne gemacht.
Marianne war vierundzwanzig, und ich glaube, sie weckte in meinem Vater verborgene Begierden aus der Kindheit, als er und seine Freunde in der Kasbah der huebschen, dunkelhaeutigen, schwarzhaarigen Nachbarin nachgestellt hatten. ein Vater konnte nicht widerstehen, und es hinderte ihn ja auch niemand. Aber meine Mutter begriff, dass die Geschichte diesmal von Dauer sein wuerde. Mein Vater faellt nicht gern radikale Entscheidungen, er moechte niemandem wehtun, und meine Mutter konnte ihm deshalb auch nie boese sein. Ein paar Jahre spaeter wurden meine Halbschwester Joséphine und mein Halbbruder Aurélien geboren. Ich glaube, das Verhaeltnis zwischen meiner Mutter und Marianne war damals sehr angespannt, weil mein Vater nach wie vor zwischen beiden Wohnungen pendelte. Ein paar Jahre spaeter wollte sie ein Kind. Ich weiss nicht genau, warum sie beschloss, dass mein Vater mein Vater sein sollte. Weil er ihre erste Liebe war? Weil er es ihr schuldete? Jedenfalls bekam sie ihr Kind, also mich, von meinem Vater (logisch, aber die Sache ist nun mal kompliziert). Ich habe meine Mutter nie wirklich verstanden, meinen Vater und diese ganze Geschichte uebrigens auch nicht. Als ich geboren wurde, wohnte mein Vater nicht bei uns. Es gab nie wirklich einen Mann im Haus. Mein Vater kam manchmal sonntags zu einer Stippvisite, einem Happening. Er kam, nahm mich in den Arm, meine Mutter machte Fotos, dann ging er und liess die Wohnung wieder » unbemannt « zurueck.
Als ich geboren wurde, war mein Vater nicht Teil meines Lebens, und trotz all seiner Bemuehungen aenderte sich das nie.

Ab der neunten Klasse weht hier ein anderer Wind. Sie werden mehr Verantwortung uebernehmen und fleissig lernen muessen – natuerlich nur, wenn Sie wollen, dass alles optimal laeuft. Das hat Monsieur Melion zu uns gesagt, als wir bei Schulbeginn in der Aula sassen. Ich hoere bei seinen Ansprachen nicht mehr zu. Ich mag Menschen nicht, die sich gern reden hoeren. Die Lehrer tun das alle. Ich bin seit zehn Jahren auf der École de Lorraine. Die Grundschule heisst hier nicht »École Primaire«, sondern »Petit Collège«. An meiner Schule gibt es so viele humanitaere Einrichtungen wie nicht berufstaetige Muetter. Ihr koennt so tun, als wuerdet ihr den Blinden, den Afrikanern, den Obdachlosen, den Kindern, den Alten, den Tieren oder der Erde helfen. Ihr koennt einen T-Shirt- Verkauf zugunsten koerperlich behinderter Kinder organisieren oder, wenn ihr nicht auf behinderte Kinder steht, einen Kuchenverkauf, um Hefte an eine Schule in Laos zu schicken. An der École de Lorraine kann man jeden Morgen einen gnadenlosen Klassenkampf miterleben. Vor dem Schultor auf der einen Seite die Muetter aus dem 6. Arrondissement mit ihren hellbraunen Hermès-Taschen, den grossen Chanel-Sonnenbrillen, Jeans von Zadig und Voltaire und Leinenjacken von Comptoir des Cotonniers, in einer Hand die druckfrische Marie-Claire und an der anderen ihr Kind, das die Turnschlaeppchen dabeihat, weil heute Psychomotorik-Stunde ist (ein Unterrichtsfach zur » Entwicklungsfoerderung im Bewegungsbereich«, das die Kinder an der École de Lorraine vom Kindergarten bis zur fuenften Klasse belegen muessen). Auf der anderen Seite eine Horde Philippininnen, Marokkanerinnen, Brasilianerinnen und Antillesinnen in den abgelegten Kleidern ihrer Arbeitgeberinnen, Relikte aus der Zeit vor Einfuehrung des Fettabsaugens. Die beiden Frauenlager kommunizieren nicht miteinander. Sollte ein Sohn in Begleitung seiner bourgeoisen Mutter dummerweise auf die Idee kommen, mit einem Jungen, der mit Nouna, der Senegalesin, da ist, spielen zu wollen, ignorieren sich die beiden Frauen und die Mutter muss ploetzlich dringend telefonieren.
An »normalen« Schulen finden die Schueler ihre Namen nach den Sommerferien auf einer Liste und wissen dann, welcher Klasse sie zugeteilt sind. Ich sehe mir die anderen Schueler an. Die Sitzenbleiber und die Neuen sitzen isoliert in den seitlichen Reihen. Ich habe meine Clique um mich. Wir haben alle Ketten aus kuenstlichen exotischen Blumen um den Hals, die Flora uns aus Hawaii mitgebracht hat. Sie hat uns angefleht, sie umzuhaengen, und gesagt, dass sie die Scheissdinger extra fuer uns im Flugzeug mitgeschleppt hat. Wir sehen albern aus. In meiner Gruppe sind die huebschesten Jungs und die huebschesten Maedchen. Ich gehoere zufaellig zu den Coolen.
»Wenn Ihr Name aufgerufen wird, gehen Sie bitte in Ihre Klasse.«
Ich werde aufgerufen. Meine Klasse ist graesslich. Ich kenne so gut wie niemanden. Zum Glueck gehoert Flora auch dazu. Ich ahne, dass es dieses Jahr nicht gerade lustig wird, jedenfalls nicht in der Schule.
»Heute hat sich im Bois de Boulogne ein Typ abgefackelt. Keiner weiss, warum«, erzaehlt uns Quentin.
»Wie ›abgefackelt‹?«, fragt Nina.
»Na, anscheinend mit Benzin und Streichhoelzern.«
»Komische Geschichte«, sagt Dominique.
»Komisch?«, frage ich.
»Na ja, nicht komisch, aber auf jeden Fall seltsam«, antwortet sie rasch.
»Er haette sich doch einfach eine Kugel in den Kopf jagen koennen«, schlaegt Flora vor.
Jane zuendet sich eine Zigarette an und teilt uns mit ernster Miene mit: »Mit Paul stimmt was nicht.«
»Warum?«, rufen wir alle.
»Ich glaube, er kokst wieder«, sagt sie mit Grabesstimme, in der auch ein bisschen Stolz mitschwingt.
»Wie kommst du darauf?«
»Keine Ahnung. Er ist wieder so … so … Wie soll ich sagen …? Speedy.«
»Wirst du ihn drauf ansprechen?«, frage ich.
»Vielleicht. Keine Ahnung«, antwortet sie und drueckt ihre Zigarette aus.
Wir treffen uns jeden Freitag hier. Das Lotus sieht aus wie alle Cafés, die angesagt aussehen sollen: pseudoindisch, pseudoloungemaessig, pseudo eben. Jeden Freitag reden wir ueber dieselben Dinge. Wir amuesieren uns nicht wirklich im Lotus, aber es ist Freitag und immer noch besser dort, als allein zu Hause zu sein. Obwohl, ganz sicher bin ich mir nicht.
»Du solltest mit ihm drueber reden«, sagt Nina lustlos.
»Dir zuliebe hoert er bestimmt nicht auf«, sage ich noch lustloser.
Jane sieht beleidigt aus, sie sagt: »Das zieht mich runter. Reden wir nicht mehr drueber.«
Also reden wir nicht mehr drueber.
Ich gehe gegen 21 Uhr nach Hause. Ich sehe mir eine DVD der Serie Friends an. Eine halbe Stunde spaeter schlafe ich ein. Mein letzter Gedanke ist, dass sich heute im Bois de Boulogne jemand abgefackelt hat und man immer noch nicht weiss, warum.


Mein Wecker klingelt. Ich habe keine Lust, mich zu ruehren. Es ist Samstag. Samstags schlafe ich immer aus. Ich goenne mir noch ein paar Minuten. Dann ziehe ich den Vorhang auf. Der Himmel ist grau. Ich habe keine grosse Lust auf Disneyland. Gestern hat mich Augustin angerufen. Er hat mich gefragt, ob ich mitkomme. Er hat gesagt, dass er zwei Eintrittskarten hat und es ein cooler Trip werden koennte. Ich habe mir gesagt, dass ich sowieso nichts Besseres vorhabe. Ich gehe duschen. Im Fernsehen laeuft ein Song, den ich mag. Unter der Dusche schliesse ich die Augen. Spaeter klopfe ich bei meiner Mutter an die Schlafzimmertuer. Sie ruft »Herein!«. Das Zimmer liegt im Halbdunkel. Sie ist noch im Pyjama und liest. Ich baue mich vor ihr auf, drehe mich einmal um die eigene Achse und frage: »Wie seh ich aus?«
Sie blickt von ihrem Buch auf. Sie ist noch ungeschminkt und unfrisiert. Sie ist schoen. Bestimmt finden alle Soehne ihre Muetter schoen. Sie hat ein sanftes Gesicht : eine kleine Nase, die nicht stoert, zartgruene Augen wie zwei Schildkroeten, Lippen so fein wie Streichhoelzer.
»Nicht uebel. Aber rote Socken zu schwarzen Schuhen … nicht gerade der Hit!«
»Maman, die Socken sind doch total egal, auf den Rest kommt es an!«, sage ich genervt.
Eine Fotografin als Mutter, das bedeutet, dass staendig ein Objektiv auf dich gerichtet ist. Ich habe gelernt, mit diesem Blick zu leben. Ich weiss mich in Szene zu setzen. Ich habe immer gewollt, dass sie mich interessant findet. Fesselnd. Ich habe schon vor einer Ewigkeit beschlossen, dass ich das wichtigste Motiv ihres Lebens sein werde. Das ist ungerecht. Aber menschlich.
»Socken hin oder her, bist du sicher, dass dir der Rest gefaellt?«, frage ich.
Ich glaube, niemand wird mich je mehr lieben als sie.
»Der Rest geht. Geschmack hattest du schon immer, wenn auch keinen Stil.«
Ich mache ein boeses Gesicht. Da sagt sie: »Das war ein Scherz, Sacha ! Schau nicht so ! Wohin willst du ueberhaupt in diesem Aufzug ? Es ist noch frueh … «
Eines Tages wird sie nicht mehr da sein. Ob man die Stimme seiner Mutter vergisst ? Ihren Geruch ? Mir kommt es so vor, als wuerden die Toten in den Koepfen der Lebenden nur einen Schatten zuruecklassen. Meine Mutter wird nie ein Schatten sein. Ich werde vor meinem Tod nicht so viel Angst haben wie vor ihrem.
»Das hab ich dir gestern Abend doch erzaehlt! Ein Freund hat mich nach Disneyland eingeladen. Ausserdem bin ich schon spaet dran. Kannst du mir ein bisschen Geld geben?«
Eines Tages habe ich aufgehoert, meine Mutter als meine Mutter zu sehen. Ich weiss nicht, wie das gekommen ist. An jenem Tag habe ich angefangen, sie wirklich zu lieben.
»Nimm dir aus meiner Handtasche, was du willst. Nur weil andere nicht auf ihre Socken achten, muss man es noch lange nicht genauso machen. Wenn man jemand sein will, muss man unverwechselbar sein.«
Ich habe fuer so was keine Zeit. Ich habe fuer diese Spielchen keine Zeit mehr. »Okay, Maman. Aus der schwarzen Handtasche oder aus der blauen?«
Sie laechelt mir zu. »Aus der schwarzen. Viel Spass. Ich liebe dich.«

Ich nehme fuenfzig Euro, verabschiede mich, werfe in der Diele einen Blick in den Spiegel, kaemme mein Haar, zerwuehle es wieder, betrete den Aufzug, verlasse das Haus, biege rechts ab, gehe zur Metro runter, steige ein, setze mich. Ich glaube, ich habe vergessen, mich bei meiner Mutter zu bedanken.

 


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Den Roman »Ich dich auch nicht« von Sacha Sperling finden Sie ueberall im Buchhandel.

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Sacha Sperling

Über Sacha Sperling

Biografie

Sacha Sperling lebt in Paris. Mit vierzehn begann er, an diesem Debütroman zu schreiben, mit sechzehn warf er alles über den Haufen und fing ihn noch einmal von vorn an. Sachas Ernsthaftigkeit hat sich gelohnt – er wurde 2009 in Frankreich als die literarische Entdeckung des Jahres gefeiert. »Ich...

Pressestimmen

Südwest Presse

»Das Buch ist eine sprachliche Wucht. (…) Es ist kaum zu glauben, dass ein so junger Schriftsteller derart wahrheitsgemäß und desillusioniert über das Leben und die Liebe schreiben kann und dabei nicht im mindestens dem Pathos verfällt. Einfach nur lesenswert!«

Hamburger Abendblatt

»Es gibt Romane, die brennen lichterloh, von der ersten bis zur letzten Seite. Ein solches Werk hat Sacha Sperling geschrieben.«

RBB Radio Fritz

»Schonungslos, ehrlich und kühl erzählt Sacha die Geschichte eines Teenagers, der seine ersten Drogenexzesse erlebt und sich in eine Welt voller Sex stürzt. Der Roman ist voller Herz- und Weltschmerz, ohne an einer Stelle kitschig zu klingen.«

WDR 1 Live

»Eindringlich und packend erzählt das Buch von der Obsession einer ungewöhnlichen Jungsfreundschaft und den schmerzhaften Lektionen des Erwachsenwerdens. Skandal hin oder her, dieser traurige Abgesang auf die Liebe geht tief unter die Haut.«

Münchner Merkur

»Das Skandal-Buch aus Frankreich beeindruckt. (…) Ein schonungsloser, packender Roman übers Erwachsenwerden, den man atemlos verschlingt.«

Siegener Zeitung

»Eines dieser Bücher übers Erwachsenwerden, die man so schnell nicht vergisst. Und was noch wichtiger ist: Die Kritiker bescheinigen dem Autor, einen richtig guten Roman geschrieben zu haben.«

Financial Times Deutschland

»Sperling erzählt mit melancholisch-sanfter Sprache, aber grausamen Bildern vom Albtraum in Sachas Kopf. Das Buch erfüllt jedes Klischee eines Popromans – eines guten wohlgemerkt. Und die sind mittlerweile selten.«

annabelle (CH)

»Die erste Fassung seines Romans schrieb er mit 14. Die zweite mit 17. Es ist ein erstaunlich gutes Buch über das Erwachsenwerden geworden.«

Elle

»Überraschend tiefgründig für einen so jungen Schriftsteller.«

Prinz

»Dass die Story nicht langweilt, liegt besonders am Ton. ›Erwachsenwerden heißt einsehen, dass man sterben wird‹, heißt es da. Davor wollen wir aber noch mehr von Sperling lesen.«

KulturSpiegel

»Der Roman ist klug. Der Roman ist poetisch. Der Roman ist komisch. Der Romane ist einer der besten Romane des Frühjahrs- egal wie alt der Autor ist. (...) Ihm gelingen Killersätze, die einen umhauen, weil sie lakonisch sind, frei von pathetischen Furor der Jugend.«

Buchkultur

»Mehr als eine homoerotische Jungengeschichte, denn Sperling gelingen lakonische Sätze, die das Lebensgefühl treffend beschreiben.«

Neon

»Seine erotische Abhängigkeit von Augustin beschreibt Sperling mit psychologischem Gespür, ohne dabei über Klischees zu stolpern. Es gelingt ihm, ein Gefühl auf den Punkt zu bringen, das exklusiv und gleichzeitig völlig banal ist: das Erwachen eines noch orientierungslosen Bewusstseins, das sich ganz neu entdeckten Leidenschaften ausliefert und dabei jede Erfahrung für absolut singulär hält. Kurz gesagt: Es geht ums Erwachsenwerden.«

Frankreich Magazin

»Mit einem flüssigen, zügigen Schreibstil nimmt dieses Buch einen mit – in eine Geschichte des Jugend, die dem einen Leser fremd sein mag, dem anderen glühendheiße Erinnerung.«

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