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Ich bin unschuldigIch bin unschuldig

Ich bin unschuldig

Thriller

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Ich bin unschuldig — Inhalt

Von einem Tag auf den anderen wird Gaby Mortimers Leben zum Albtraum. Beim Joggen entdeckt sie die Leiche einer ermordeten jungen Frau. Doch das ist erst der Anfang. Gaby ruft die Polizei, versucht, alles richtig zu machen, aber plötzlich wird sie verdächtigt. Niemand will ihr mehr glauben, dass sie die Tote nicht kannte, sie nie zuvor gesehen hat. Immer mehr Indizien sprechen gegen sie, die Beweise werden erdrückend. Gaby steht mit dem Rücken zur Wand, ganz allein. Und sie spürt, dass ihr Mann mehr weiß, als er zu erkennen gibt …

€ 9,99 [D], € 10,30 [A]
Erschienen am 10.11.2014
Übersetzt von: Elvira Willems
352 Seiten, Broschur
EAN 978-3-492-30640-9
€ 8,99 [D], € 8,99 [A]
Erschienen am 13.08.2013
Übersetzt von: Elvira Willems
352 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-96397-8

Leseprobe zu »Ich bin unschuldig«

Freitag

 

Ich habe das Haus heute früher verlassen als gewohnt, und obwohl es nicht mehr ganz dunkel ist, ist es auch noch nicht hell. Der Wandsworth Common ist voller Geister und Schatten; wie eisengepanzerte, starre Gestalten ragen die Bäume in den Dunst der ersten Frühlingstage; die Sträucher und Brombeeren an den Eisenbahnschienen ein dicht verfilztes Gewirr: ein Paradies für finstere Gestalten, aber darüber mag ich gar nicht nachdenken.

Ich nehme die gewohnte Route – über die Brücke und um die Fußballfelder herum, die matschig und aufgewühlt sind [...]

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Freitag

 

Ich habe das Haus heute früher verlassen als gewohnt, und obwohl es nicht mehr ganz dunkel ist, ist es auch noch nicht hell. Der Wandsworth Common ist voller Geister und Schatten; wie eisengepanzerte, starre Gestalten ragen die Bäume in den Dunst der ersten Frühlingstage; die Sträucher und Brombeeren an den Eisenbahnschienen ein dicht verfilztes Gewirr: ein Paradies für finstere Gestalten, aber darüber mag ich gar nicht nachdenken.

Ich nehme die gewohnte Route – über die Brücke und um die Fußballfelder herum, die matschig und aufgewühlt sind wie ein kabbeliges Meer. Da wo der Weg auf die Ecke trifft, ist es am dunkelsten, und einen unbehaglichen Augenblick lang ist man eingezwängt zwischen den Eisenbahnschienen auf der ­einen und dem Abenteuerspielplatz auf der anderen Seite. Ein blauer Anorak, der durchweicht über einem Pfosten hängt, verleiht diesem eine gruselig menschliche Gestalt, und ich beschleunige meine Schritte, bis der Weg über die offene Wiese zur Hauptstraße führt. Autoscheinwerfer streichen über den Bürgersteig – Pendler, die, falls das überhaupt möglich ist, noch früher zur Arbeit müssen als ich. Ein Schemen kommt fast lautlos auf mich zu, ein anderer Läufer, ein Aufblitzen von Kopfhörern und Lycra, verschwunden in einem Atemzug, zurück bleibt ein Hauch von Wärme und Schweiß. In London ist man nie allein, selbst mitten in der Nacht, selbst in der klirrenden Kälte vor der Morgendämmerung im März. Es besteht immer die Möglichkeit, dass einen jemand beobachtet, einem folgt, sieht, was man im Schilde führt. Ich weiß nicht, ob mir das gefällt.

Das Laufen hilft. Das Tempo, der Rhythmus, das Gefühl regelmäßiger Bewegung der Beine bringt Ordnung in meine Gedanken. Letzte Nacht habe ich nicht gut geschlafen. Selbst in den kurzen Phasen der Bewusstlosigkeit habe ich geträumt, ich sei wach. Am Ende musste ich aufstehen. Ich konzentriere mich auf das Atmen. Ein, aus. Ein, aus. Ich werde laufen und versuchen, den Kopf klar zu kriegen, und wenn ich zu Hause bin, gehe ich unter die Dusche, und um sieben kommt Steve, um mich ins Studio zu fahren. Abschiedskuss für Millie – Marta macht ihr Frühstück. ( Ich sollte versuchen, Marta mehr zu mögen. ) Ob Philip noch da ist ? Wahrscheinlich nicht. Er ist jetzt sicher schon – was, Viertel nach fünf ? – unter der Dusche, rasiert sich, schüttelt das Nobu und das Dorchester ab – ich habe die Zigarren gerochen, als er um drei Uhr reingestolpert kam –, zwängt sich in seine eng anliegenden Fahrradklamot-
ten und radelt auf seinem funkelnagelneuen Karbonfahrrad nach Mayfair, Tokio, Bloomberg. Früher sind wir zusammen gelaufen. ( Passende Laufjacken mit Kapuzen, Sie und Er, von Asics. Ist es bescheuert, dass ich das toll fand ? ) Doch seit letztem Sommer sind wir nicht mehr zusammen gelaufen. So wie es in der City läuft, sagt er, braucht er ernsthaftes Muskeltraining. Er braucht starken Widerstand. Laufen, sagt er, wird seinem Stress nicht im Entferntesten gerecht.

Mein Atem geht stoßweise. Ich spüre ihn warm in der Brust. Es ist alles falsch, ich kriege es nicht richtig hin. Ich bin hoffnungslos; nicht mal richtig laufen kann ich. Ich biege in den Mittelweg ein, an der sentimentalen Bank vorbei, wo jemand an Weihnachten einen Kranz festbindet ( » MUM « ). Vielleicht hilft es, erst einmal die Belanglosigkeiten auszusortieren: Philips Eltern warten auf eine Antwort wegen des Essens am Sonntag. Millies nachgeholter Geburtstag: Ich muss Philip bitten, ihn nicht zu vergessen. ( Wie hat er es fertiggebracht, am Dienstag nicht aufzutauchen ? ) Das Wochenende in Brighton … Wenn ich daran denke, passiert in meinem Magen etwas Schreckliches. Er sagte, er habe zu viel zu tun. » Kein Ding «, habe ich gesagt, auch wenn das überhaupt nicht stimmte. So eine Formulierung benutze ich normalerweise nicht. Es war, als wolle ich jünger und kecker wirken. India, das Mädchen auf der Arbeit mit dem kieferorthopädisch perfekten Lächeln, Stan Kennedys Protegé, hübsch und clever genug, um ein Auge auf meinen Job zu werfen. Kein Ding ? Hat Philip mich seltsam angesehen, als ich es gesagt habe ? Habe ich mich angehört, als versuchte ich, cool zu sein ? Kein Ding – keine große ­Sache. Aber die ganzen Sachen sind groß, das ist ja das Problem. Was ist belanglos ? Was ist ernst ? Essen am Sonntag mit Philips ­Eltern, sexy Unterwäsche in einer Hotelsuite in Brighton, die perlweißen Zähne einer jüngeren Frau, eine Achtjährige, die ihre Kerzen auspustet. Daraus ist das Leben gemacht. Am Ende geht es immer um Liebe.

Rauf zur Brücke und rüber. Hier draußen ist jetzt mehr los. Zwei andere Läufer überqueren die Wiese. Ein großer Hund, der schnüffelnd zum Teich läuft. Unter wildem Flügelschlagen und Geschnatter flattern drei Gänse auf. Der Himmel wird lichter – irgendwo hinter diesen düsteren metallgrauen Wolken geht die Sonne auf, auch wenn die klaren dünnen Sonnenstrahlen den Common noch flacher erscheinen lassen, Kontrast und Farbe aus ihm saugen. Am Kinderspielplatz steckt ein kleiner roter Kinderschuh umgekehrt auf dem grauen Geländer. An einem silbrigen Ast hängt eine nasse Marienkäfermütze. All diese zurückgelassenen Besitztümer, diese Teile, die Menschen dagelassen haben. Einmal fiel mein Blick beim Laufen im Unterholz auf eine Männerhose. Wie bitte ? Es ist schließlich nicht der Clapham Common. Wir sind hier in Wandsworth. Hier haben wir Labradoodle und den Rusty-Racquets-Tennisklub, keine Kabinettsmitglieder in kompromittierenden Positionen. Hier spannt keiner.

---

Am Café überlege ich es mir in einem Sekundenbruchteil anders und biege ab – eine schnelle Runde um das Bowling Green. Doch als ich die Hütte an den Tennisplätzen erreiche, zieht mich etwas in die Wildnis des Wäldchens dahinter. Normalerweise laufe ich da nicht. Es ist nur ein Dreieck aus dicht stehenden Bäumen, hoch und eng, die den Fußballplatz begrenzen, aber man ist außer Sichtweite der Hauptwege. Es kommt mir zu heikel vor, zu riskant. Warum mache ich es ? Das zunehmende Licht ? Der Wunsch, dem Tag davonzulaufen ? Der fein manikürte Rasen des Bowling Greens und die Behäbigkeit meines Tempos ? Mein hoffnungsloses Scheitern bei dem Versuch, Ordnung in meine Gedanken zu bringen ? Ich weiß es nicht. Hinterher sage ich womöglich, es war die plötzliche Sehnsucht, frisches Grün unter den Füßen zu spüren, die elend zahmen Grenzen des Common zu sprengen, um ein paar Sekunden allein zu sein.

Ich habe keine Angst – vielleicht laufe ich zu schnell –, aber das Laufen fällt mir nicht so leicht, wie ich erwartet hatte. Der Untergrund ist uneben, verschiebt sich, um mich zum Stolpern zu bringen. Äste stechen in Augenhöhe hervor, auf Knöchelhöhe lauern Grasbüschel. Und dann fällt durch ein Gewirr aus Ästen mein Blick darauf.

Zuerst denke ich an aufblasbare Puppen. Oder Fische. Einmal sind wir im Urlaub auf der Isle of Wight an einem toten Delfin vorbeigekommen, der am Strand lag – beunruhigend blass und fleischig, verstörend deplatziert –, und als ich als Studentin vor Jahren in Oxford am Kanal entlangspazierte, bin ich über einen toten Schwan gestolpert, der auf dem Damm ausgestreckt lag. Es war schockierend, aber nicht so sehr, weil er tot war – obwohl in all der vergeudeten Schönheit, dem vielen Weiß, durchaus ­etwas Grausames lag –, sondern vermutlich, weil er einfach ­dalag, weil niemand ihn weggeräumt hatte, bevor ich kam.

Ich bleibe stehen und schiebe mich ein Stück ins Gebüsch, drücke die blassen Weißbirkenschösslinge zur Seite, wo Hunde oder ein Fuchs oder ein Mensch das Laub platt getreten haben, bis dahin, wo dieses Durcheinander liegt.

Dann trifft mich das ganze Entsetzen dessen, was ich sehe, und alles, was ich denken kann, ist: Es ist weder eine Puppe noch ein Fisch noch ein Schwan.

Sie liegt auf der Seite, die nackten, weißen Arme über dem Kopf ausgestreckt, den Kopf nach hinten gebogen. Ihr maha­goni­far­benes Haar wurde nach hinten gerissen und legt ihr Gesicht frei. Ihre Augen sind offen, doch sie sind glasig, wie mit Klebefolie überzogen. Sie hat lange, dichte Wimpern – so lang und dicht, dass es nur künstliche sein können oder Exten­sions –, ein schmales Gesicht, kleine Zähne über einer geschwollenen Zunge, die aus dem Mund über die Unterlippe quillt. Sie trägt eine enge, khakifarbene Hose – vielleicht von Topshop – mit Taschen an den Oberschenkeln und kleinen Reißverschlüssen an den Knöcheln. Ihre Füße sind nackt. Ihre Zehennägel sind poliert, fast schwarz, die Fingernägel dagegen rau und eingerissen. Das schwarze Dreieck eines Tangas da, wo ihr pinkfarbenes T-Shirt mit Flügelärmeln am Rücken hochgerutscht ist. Ihre Haut – Gesicht, Hals, ein Teil ihrer Brust – ist bläulich weiß, doch übersät von Malen, Blut, Schnitten und Kratzern, winzigen Punkten, waagerechten dunklen Linien und blauen Flecken. Und ihr Hals … Ich ertrage es nicht, den Blick auf ­ihren Hals zu richten.

Ich habe nicht geschrien. Ich habe überhaupt keinen Laut von mir gegeben. Ist das nicht seltsam ? Aber plötzlich höre ich deutlich meine Atemzüge: Sie klingen wie Schluchzer oder Würgen. Ich keuche. Vieles, was ich nicht erwartet hätte – etwa der Gedanke an Topshop. Warum kümmert es mich, wo sie ihre Hose gekauft hat oder ob sie falsche Wimpern trägt ? Die Details, die mir auffallen, die ich erfasse, kommen alle auf einmal, wie eine Flut. Ich verarbeite sie nicht, und wenn, fasse ich sie im Kopf in Worte. Ich sortiere sie. Ich denke darüber nach, wie ich es anderen Menschen sagen werde. Ich denke schon an später.

Ich habe die Hand an den Mund gehoben, und für einen Augenblick denke ich, mir wird schlecht. In meiner Kehle ist Galle aufgestiegen, doch ich schlucke sie herunter und taumele durch das Gestrüpp raus auf den Weg. Ich fummele nach meinem Handy, das in dem Ding um meinen Hals steckt, und ich brauche mehrere Versuche, bis ich den Reißverschluss aufhabe. Viel zu schnell drücke ich die Tasten, immer wieder. Meine Finger sind zu groß; sie zittern so sehr, dass ich es beinahe fallen lasse, selbst als ich durchkomme.

Die Stimme am anderen Ende ist ruhig und leise, so leise, dass ich andauernd wiederhole: » Können Sie mich hören ? Können Sie mich hören ? «

Sie sagt, sie kann mich hören, und haspelnd bringe ich die Einzelheiten heraus. Auf den Namen der Straße kann ich mich nicht besinnen – die, die diesem Bereich des Common am nächsten ist, ziemlich in der Nähe der Straße, in der ich wohne, eine der Parallelstraßen mit denselben großen, soliden Häusern, eine bekannte Straße, aber ich sage nur: » Trinity Road, das Gefängnis, der › Toast Rack ‹. Sie wissen doch, diese rasterförmigen Straßen ? Das Café dort, das Common Ground. ­Direkt dahinter. In dem dreieckigen Wäldchen. « Sie hat es wohl auf einem Navi oder so, denn sie scheint mehr zu wissen als ich. Sie fragt, ob es mir gut geht oder ob ich das Gefühl habe, in Gefahr zu sein. Sie sagt, ich solle mich nicht vom Fleck rühren und warten.

Als die Verbindung getrennt wird, fühle ich mich plötzlich alles andere als gut. Ich weiß nicht, was ich mit mir anfangen soll. Ich laufe zurück zu den Tennisplätzen, damit ich sehe, wenn sie kommen, und ihnen zeigen kann, wo sie hinmüssen. Niemand ist in Sicht – nur die Autos, die unablässig die Trinity­ Road hinter dem Kricketfeld rauf und runter fahren, in der Ferne die Dächer des Wandsworth-Gefängnisses, das Licht, das sich verändert über den großen Häusern an der Straße, deren Name – Dorlcote Road – mir jetzt wieder eingefallen ist. Ein Knarren von der Tennishütte, Dunkelheit hinter den Fenstern des kleinen Schuppens am Bowling Green, wo vor Jahren eine schmuddelige schwarz-weiße Katze lebte, die jedoch längst tot ist. Ich bin auf der anderen Seite der Bahngleise, wo ich vorhin war – ein oder zwei Kilometer Laufdistanz, aber über die Gleise nur ein paar Meter. Die Böschungen auf beiden Seiten sind steil, aber da sind Sträucher und Bäume, die ihr nasses Laub im Herbst fallen lassen und den Zugverkehr behindern, Schatten und dunkle Ecken, wo einer hocken könnte. Kinder haben in dem Gebüsch direkt unter mir Lager aufgeschlagen und Höhlen gebaut, um sich darin zu verstecken. Ein Rascheln – es könnte ein Fuchs sein oder ein Eichhörnchen oder bloß ein ­Vogel, doch zum ersten Mal habe ich Angst. Ich glaube, hier ist jemand, ich werde beobachtet.

Ich schieße den Weg rauf und runter, laufe zur Straße, überlege es mir anders und renne wieder zurück. Ich bin wie eine Ratte unter stressigen Laborbedingungen. Ich kann das Mädchen nicht mehr sehen, und plötzlich habe ich das Gefühl, sie ist fort – jemand hat sie fortgebracht, oder sie war überhaupt nicht da –, und ich laufe den Weg hinunter, stolpere, strecke die Arme aus, um mein Gesicht vor den Ästen und Zweigen zu schützen, und zwänge mich durch Weißdorn, Ginster und Weißbirken – die Kratzer scheren mich nicht –, bis ich den schrecklichen Ort erreiche. Noch bevor ich dort bin, weiß ich, dass sie nicht fort ist, dass sie dort liegt, in dieser schrecklich verzerrten Position, mit diesen glasigen Augen und immer noch tot.

Einen Augenblick ist es still. Vogelgezwitscher, das ist ­alles. Ein Zug kreischt. Es ist hell geworden, richtiges Tageslicht. Grüne Spitzen an den Enden der Äste in meiner Nähe. Das müssen Knospen sein. Ich komme zu spät zur Arbeit – ich muss direkt ins Studio fahren und mich im Auto schminken –, aber daran sollte ich jetzt nicht denken. Ich hocke mich hin, setze mich in das feuchte Gras und bin mit ihr allein. Sie sieht so verletzlich aus. Ich bemerke einen scharfen, muffigen Geruch, wie Krankenhausflure oder Schwimmbadumkleidekabinen. Ich versuche, nicht auf ihre Augen zu sehen. Winzige Punkte überziehen ihre Augenlider, bis zu den schmal gezupften Augenbrauen. Ich berühre ihr Haar. Es fühlt sich tot an, aber das sind Haare doch, oder ? Irgendwas an ihrem Top – mit Flügelärmeln, vorne runter Knöpfe – stört mich. Unter einer Achsel ist es zusammengeknüllt, und man sieht ihren BH. Ein loser Träger aus
schwarzer Spitze hängt vorne raus; er hat sich wohl losgerissen.

Ich weiß nicht, warum ich das tue. Ich tue es fast, ohne zu überlegen. Etwas rührt sich in mir, und ich nehme den losen Träger aus schwarzer Spitze und schiebe den Haken in die Öse vorn am Körbchen des BHs. Meine Knöchel streichen über den Stoff. Die Oberfläche ist kalt, feucht. Ich höre etwas, und mir geht auf, dass ich Laute von mir gebe. Ich singe. Das Wiegenlied, das ich Millie immer vorgesungen habe, wenn sie beruhigt werden musste. Selbst damals konnte ich mir den Text nicht richtig merken. » Rüttelnd und schüttelnd … alle wollen nach Morgenstadt, viele Kilometer entfernt … « Die Worte bleiben mir im Hals stecken. Es klingt wie ein Stöhnen.

Wie eine Ewigkeit kommt es mir vor, doch es vergehen nur wenige Minuten, bis eine Sirene zu hören ist. Schon in dem Augenblick, da ich das Haus verließ, wusste ich, dass etwas passieren würde. Ich hatte so ein Gefühl: ein banges, leicht süß­liches Gefühl in der Magengrube – eine gruselige Vorahnung.

---

Sie kommen zu zweit. Eine Frau in Uniform – sie erkennt mich, das sehe ich an ihren leicht geröteten Wangen und wie sie die Augen aufreißt und ihren Kollegen ansieht, als wollte sie sagen: Das ist sie … du weißt schon, die aus dem Fernsehen. Falls der Mann weiß, wer ich bin, wird er es sich nicht anmerken lassen. Er trägt Alltagskleidung – Jeans und Polohemd –, ein Zeichen für seinen Rang in der Polizeihierarchie. Ich habe oft genug Inspektor Morse gesehen, um das zu wissen. Als er sich vorstellt, fährt er mit einer Hand durch sein leicht fettiges, dichtes, dunkles Haar. Sein Name ist DI Perivale. » Und das hier ist PC Morrow. «

Wir sind an der Tennishütte. Ich bin zurückgelaufen, als die Sirene verstummte, als das blaue Licht durch die Bäume zuckte. Ich schüttele ihnen die Hand, denn plötzlich habe ich ein starkes Bedürfnis nach Körperkontakt. Ich darf nicht weinen; ich bin nicht diejenige, die tot ist. PC Morrow, die aussieht, als wäre sie zwölf, fasst mich im Gehen am Arm. Sie ist klein und sommersprossig, das mittelbraune Haar zu einem Pferdeschwanz gebunden; sie ist fast hübsch, obwohl ihre Augen­ ziemlich nah zusammenstehen und ein Vorderzahn übel überkront ist. Sie erklärt mir, sie habe gerade Schichtende gehabt, als der Anruf einging. » Hatte mich schon auf ein Sandwich mit gebratenem Speck gefreut. Ketchup. Bisschen Würzsoße. « Sie will mich beruhigen. DI Perivale liegt daran nichts. Er geht voraus – krumme Schultern, die Jeans hängt ihm hinten runter. Er rammt die Füße in den Boden wie ein Skifahrer seine ­Stöcke, entschlossen, als wollte er sich ausbalancieren.

Ich muss ihnen nicht sagen, wo sie ist. Es ist offensichtlich. Als wir näher kommen, sagt DI Perivale, ich solle auf dem Weg warten – beziehungsweise zeigt er es mir, indem er den Arm ausstreckt wie eine Barriere.

» Von der Kripo. Er ist gerade erst gekommen «, flüstert PC Morrow entschuldigend. » Wir haben die Hunde herbestellt. Das Soko-Team ist gleich hier – acht Minuten, wenn sie mit Blaulicht fahren, würde ich tippen. «

» Soko ? «, hake ich nach.

» Tatort-Sonderkommission. Die sperren das Gebiet ab und durchkämmen es nach Beweisen. «

Ich frage sie, was für eine Art von Beweisen, und sie sagt: » Alles Mögliche, Fußabdrücke, das Tatwerkzeug, Fasern, Blut, Haare, Farbe, Glas. Erstaunlich, was die alles einsammeln. Wir müssen also verhindern, dass Sie den Fundort verunreinigen. «

» Hoffentlich habe ich das nicht schon gemacht. «

Sie blickt in das Gestrüpp und macht staunend: » Tz, tz, tz. Man sollte doch wirklich meinen, die Leute würden hinter sich aufräumen. «

Einen bizarren Augenblick denke ich, sie meint die Tote, und lache halb vor Schock auf, doch dann zeigt sie mit dem Kinn auf eine zusammengeknüllte McDonald’s-Tüte, aus der Styroporfetzen und Salatblätter herausgefallen sind.

» Meinen Sie, das könnten Beweise sein ? «, frage ich und betrachte sie.

» Eher verdammter Müll. Ganz zu schweigen davon, was das ganze Fett und das Salz mit ihren Arterien anstellt. Wahrscheinlich Kinder. «

» Kinder «, wiederhole ich und denke: Wer war noch hier draußen ?

DI Perivale ist noch bei der Toten. Er berührt sie nicht, er hat sich nur hingehockt und betrachtet sie, und er telefoniert. Jetzt ruft er PC Morrow etwas zu – klingt nach einer Zahlenreihe –, und sie ruft ihrerseits jemanden an. Bleierne Müdigkeit senkt sich über mich. Als sie auflegt, frage ich, ob ich gehen kann, aber sie sagt, sie müsse noch ein paar Details notieren.

Zuerst erkläre ich ihr, dass ich dringend zur Arbeit muss, und sie nickt und erwidert: » Verstehe. « Sie zieht das Wort in die Länge und betont damit den Unterschied zwischen dem Tempo meines Lebens und den Prioritäten ihres Jobs. Sie berät sich kurz mit DI Perivale und geht dann mit mir zurück zum Café, wo wir uns eine Bank suchen. » Sie sehen irgendwie anders aus «, sagt sie. » Ich will mich nicht lustig machen oder so, aber Sie sehen jünger aus als im Fernsehen. «

Ich lache. » Das liegt an den Haaren. Viel Haar. Viel rotes Haar für das Vormittagsfernsehen. Ich habe eigentlich sehr feines Haar, aber für die Sendung wird es mit so viel Haarspray traktiert, dass es wie ein Helm ist. «

» Macht das ein Friseur ? «, fragt sie, und als ich nicke, hakt sie nach: » Wie, jeden Tag ? «

» Das ist absolut unwirklich «, sage ich, » ein normales Gespräch zu führen, wo … «

» Ich weiß. Der erste Tote ist immer ein Schock. Jemand hat mal zu mir gesagt, im ersten Jahr entwickelt ein Polizist ein Gefühl für zwei Gerüche. Erstens Dope und zweitens Tod. «

» Da war ein Geruch … «, sage ich.

Sie zieht die Nase kraus. » Wie im Altenheim … irgendwie sauer. «

» Was anderes. «

Während sie ihr Notizbuch herausholt, zählt sie – so wie jemand von Büchern erzählt, die er kürzlich mit Vergnügen gelesen hat – die Toten auf, mit denen sie in zwei Jahren auf Streife zu tun hatte: ein Selbstmord ( durch Erhängen ), ein Verkehrsunfall und zwei Herzinfarkte.

» Ein Selbstmord ? «, frage ich.

» Ja, du meine Güte «, sagt sie. » Davon kriegt man in diesem Job viele zu sehen. « Sie erklärt mir, dass Frauen und Männer es auf unterschiedliche Art tun, Überdosis und aufgeschlitzte Handgelenke, Erhängen und Erschießen. Und ich weiß, ich könnte aufhören, darüber nachzudenken, aber es ist alles zu viel. Ich will jetzt nach Hause und rasch einen Schluck Kaffee trinken, wenn ich noch Zeit habe, und wenn nicht, dann im Auto. Mir wird schuldbewusst klar, dass ihre Schwatzhaftigkeit mich nervt. Vielleicht gibt sie sich keine besondere Mühe, damit ich mich entspanne; vielleicht ist sie einfach so. Also unterbreche ich sie und erzähle ihr, was passiert ist ( » Oh, nicht so schnell «, bremst sie mich ), dass ich laufen war und nicht weiß, warum ich diesen Weg genommen habe, aber irgend­etwas mich dazu gebracht hat, und dass ich zuerst gedacht habe, der blasse, längliche Schatten sei ein toter Schwan oder ein Delfin … Sie notiert, was ich sage. Sie fragt, ob ich etwas oder jemanden gesehen habe, und ich erwähne die anderen Läufer und den Hund am Teich. Abgesehen davon niemanden, nein.

» Sonst noch etwas Ungewöhnliches ? «

» Nur … das Mädchen. «

Sie liest sich einmal durch, was sie notiert hat, und ich beschließe, sie nach den Punkten im Gesicht des Mädchens zu fragen. » Kleine Punkte «, sage ich, » wie Ausschlag, nach dem man schaut, wenn man ein Baby hat, so einer, der nicht weggeht, wenn man ein Glas draufdrückt. «

» Ah, das kenne ich «, sagt sie und schreibt es in ihr Notizbuch. » Petechien, ein Zeichen für Ersticken. «

» Und sie hatte diese Streifen rund um den Hals, als hätte man einen Käsedraht darumgelegt, aber auch blaue Flecken und Abschürfungen, wie Fingerabdrücke. Glauben Sie, das war eine Schnittwunde an ihrem Hals, oder wurde sie erdrosselt ? «

» Das kann erst die Rechtsmedizin sagen «, erwidert sie. » Ich bin keine Expertin, aber in so einem Fall gehören Fingerabdrücke oft nicht dem Angreifer, sondern dem Opfer. Wissen Sie, wenn es sich wehrt, um sich von dem Seil zu befreien. «

Unwillkürlich erschaudere ich, und dann tue ich es noch einmal, weil ich mich dann besser fühle. Ich habe mir meine graue Kapuzenjacke um die Taille gebunden, und jetzt knote ich sie auf und ziehe sie über mein T-Shirt. Ich spüre, wie der Schock sich allmählich legt und zu etwas Normalerem, Erklärbarerem wird.

» Kann ich Ihr Autogramm haben ? «, fragt PC Morrow, und ich drehe mich mit einem instinktiven Lächeln und gehorsam erhobener Hand um, bevor ich begreife, dass sie nur will, dass ich meine Aussage unterzeichne.

Als ich aufschaue, kommt DI Perivale den Weg runter, und in der Ferne höre ich neue Sirenen, die sich durch das Gewirr von Einbahnstraßen in Wandsworth nähern und lauter werden. Hunde und Soko, Leute mit Kameras und Gerätschaften – was, Stöcken ? –, um im Gras zu stochern, um Beweise zu finden, Fasern, Farbe, Glas, um herauszufinden, wer das hier getan hat.

Es ist ein seltsames Gefühl, es ist, wie loszulassen. Es ist jetzt nicht mehr meine Tote. Sie gehört jetzt ihnen.

---

Eingekeilt im dichten Verkehr von Stockwell nach Waterloo, von Minute zu Minute mit mehr Verspätung, fünfundvierzig Minuten, die sich zu neunzig ausdehnen, verpasse ich die morgendliche Produktionsbesprechung, wodurch ich den ganzen Tag im Hintertreffen bin. Als wäre ich das – nachdem ich über eine Tote gestolpert bin – nicht eh schon.

Stan Kennedy, mein Komoderator, ist, als ich vorbeigehe, in der Künstlergarderobe und plaudert mit zwei Gästen – eine Hebamme, die den Pampers-Preis für herausragende Leistungen gewonnen hat und hier ist, um hinsichtlich einer neuen Sitcom über Geburten zu sprechen, und eine arme Frau etwa in meinem Alter, deren Sohn sich vor einem Jahr im Alter von vierzehn das Leben genommen hat, nachdem er eine Zeit lang auf Facebook gemobbt worden war. Unter dem Tisch schnüffelt ein Lurcher nach runtergefallenen Krümeln, der, wie die Regieassistentin Dawn mir erklärte, » das Herz der Nation gestohlen hat «, weil er auf einem bei YouTube eingestellten Filmchen mit einem Huhn Fußball spielt. Leben, Tod und ein Hund, das ist hier bei Mornin’ All ganz normal.

Falls Stan mich sieht, dann schaut er nicht auf. Das Leben wäre leichter, wenn wir miteinander klarkämen. Er lacht laut, als ich zum Make-up eile – das kehlige, schallende Gelächter, das sein Markenzeichen ist und das ihn so natürlich und liebenswert rüberkommen lässt, in dem er sich ganz auf den Menschen vor ihm konzentriert. Selbst die trauernde Mutter wird bezaubert sein, den Blick lächelnd auf die Füße senken und unsichtbare Knitterfalten aus ihrem Rock streichen. Er schenkt es jedem, außer mir. Das ist Krieg durch Unterlassung. Meine Freundin Clara, die ihm zweimal begegnet ist, sagt, seine zackigen Eckzähne machten ihn so attraktiv – sie machten das Mädchenhafte seiner Züge wieder wett. Seine Unterlippe ist viel dicker als seine Oberlippe – als hätte er eine draufbekommen. Clara, das kleine Biest, findet sie zum Reinbeißen.

Ich kann es immer noch hören, sein leutseliges Zigaretten-und-Schnaps-Bellen, das von den Wänden widerhallt, als ich den Flur hinunter in meine Garderobe gehe. Irgendetwas an diesem Lachen gibt mir immer das Gefühl, ausgeschlossen zu sein. Annie wartet bereits, nervös wegen meiner Verspätung, die Tuben aufgereiht, die Warmluftbürste im Anschlag. Ich komme rein und entschuldige mich gleich; ich mache ihr die Arbeit nur ungern noch schwerer, als sie eh schon ist. Ich weiß nicht, ob man ihr gesagt hat, warum ich zu spät komme – aus dem Auto habe ich die Produzentin kurz darüber informiert, was passiert ist, und vielleicht hat sie es rumerzählt.

» Sie sehen aus wie der Tod «, sagt sie, als ich mich setze. Also nicht.

Ich wünschte, ich hätte Zeit, ihr alles zu erzählen. Ich unterhalte mich gern mit ihr. Das sage ich ihr immer wieder, denn ich möchte, dass sie sich besser fühlt wegen ihres Jobs. Obwohl ich wahrscheinlich nur möchte, dass ich mich wegen ihres Jobs besser fühle. Ich habe es gar nicht verdient, dass man so ein Tamtam um mich macht. Aber jetzt geht es nicht. Es ist kurz vor zehn. Es ist nicht genug Zeit. Es wäre ihr gegenüber nicht fair. Annie, die kurzes Haar trägt und kein Make-up aufgelegt hat, ist zu nervös, um zu plaudern, und ich habe mir schon ein karmesinrotes Kleid von Diane von Furstenberg über den Kopf streifen lassen und ziehe das Gesicht glatt für Cashmere Beige oder Opal Beige, öffne die Lippen für Sangria oder Old Holly­wood, schließe die Augen für Weizen und Zobel, Toast und Taupe. Kann sein, dass sie recht hat. Vielleicht sehe ich aus wie der Tod – violette Flecken unter den Augen, und die Augen­lider schlupfen auch jeden Tag mehr. Mein Haar ist nicht mehr so kräftig, wie es mal war; das Tizianrot verblasst zu … was, Lachs ? Ich denke an das Haar meiner Mutter, so glänzend, so wild und lebenssprühend, als ich ein Kind war, doch am Ende von ­einem schmutzigen Orange-Pink. Die Haare des toten Mädchens ­waren auch rot. Bestimmt nicht echt. Bestimmt gefärbt. Ist es verrückt zu sagen, dass sie mir irgendwie bekannt vorkam ?

» So … «, sagt Annie und tritt zurück, » jetzt sehen Sie wieder mehr aus wie ein Mensch. «

» Sie sind einfach brillant «, sage ich, obwohl in Wirklichkeit ich diejenige bin, die brillant ist – die ganzen schimmernden Pigmente und reflektierenden Mikropartikel. Ich werde einigermaßen anständig aussehen da draußen. Niemand wird den winzigen zuckenden Muskel an meinem Auge bemerken. Auch wenn das gar nicht ich bin, dieser Look, diese gigantischen Haare. Wenn ich ehrlich bin – was ich Annie gegenüber niemals zugeben würde –, dann finde ich, dass ich im Vergrößerungsspiegel aussehe wie eine Transe. Frauen verwandeln sich in Männer, wenn sie älter werden, Männer in Frauen. Ich kann mich nicht erinnern, wer das mal gesagt hat. Altwerden ist ein rechter Mist. Doch, wie Clara sagt, die Alternative ist noch schlimmer.

Hätte ich mir den Tag freinehmen können ? Hätte es ausgereicht ? Selbst als meine Mutter krank war, habe ich kaum eine Sendung verpasst. Es gab Nächte, da bin ich nicht ins Bett gekommen; ich habe mich um die entsetzlichen Folgen ­ihrer Krankheit gekümmert und bin in den frühen Morgenstunden wieder die M4 runtergebrettert und stand, an den Händen noch den leisen Hauch von Erbrochenem, lächelnd vor der Kamera. Empfinden viele Frauen das ähnlich ? Dass wir durch reines Glück dahin gekommen sind, wo wir sind ? Ein Ausrutscher, der kleinste Fehler, und raus sind wir ? Doch heute Morgen hätte ich vielleicht nicht kommen sollen. Wenn man mit einer Tragödie konfrontiert ist, bemerkt man es am Anfang manchmal gar nicht. Wir hatten einmal ein Paar in der Sendung, das am Ende des Skiurlaubs gerade beim Kofferpacken war, als ihr kleiner Sohn bei einem Unfall mit einem Schneepflug ums Leben kam; er erstickte unter dem zur Seite geschobenen Schnee. Ein unerträgliches Detail: Nachdem sie den Leichnam ihres kleinen Jungen ins Krankenhaus gebracht hatten, fuhren sie über die Alpen und nahmen die bereits gebuchte Fähre. Ich weiß, dass man mein Erlebnis nicht im Entferntesten mit ihrem vergleichen kann, aber ich will vermutlich darauf hinaus, dass Menschen unter Stress die seltsamsten Dinge tun.

Annie verlangt nach meinen Fingern – scharlachrote Fingernägel, passend zu den scharlachroten Nelken in der Vase auf dem Couchtisch im Studio. Sie hat ihre Anweisungen. Diese Details sind wichtig. Falls ihr auffällt, dass meine Hände zittern, dann sagt sie nichts. Ich drücke die Handflächen in das Handtuch auf dem Frisiertisch und spüre das Zittern den ganzen Arm rauf.

Die roten Nägel. Die roten Blumen. Das langärmelige rote Kleid. Ich denke an Blut und Tod, unblutigen Tod – diese Streifen am Hals des Mädchens. Ich wedele mit meinen roten Nägeln vor Annies Nase herum. » Bin ich nicht zu rot ? «

» Fröhlich «, meint Annie. » Aufheiternd an einem grauen Märzmorgen wie heute. Sie sehen toll aus, wie immer. Muntern Sie uns auf. Wir können es Gott weiß gebrauchen. «

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Ich hatte nie vor, Fernsehmoderatorin im Vormittagsprogramm zu werden. Ich bin da reingerutscht. Ich war Rechercheurin und Reporterin, und dann kam das Angebot, und Philip war ganz begeistert, und ich sagte Ja, bevor ich auf die Idee kam, Nein zu sagen. Ein seltsamer Job, weder richtig schauspielern noch richtiger Journalismus. Man kann sich gar nicht vorstellen, dass er bei jemandem auf der Liste der Traumberufe einen der vorderen Plätze einnimmt. Niemand respektiert eine Fernsehmoderatorin im Tagesprogramm. Wir sind die Kurzschrift für » nichtssagend «, rangieren in der Nahrungskette weit unter unseren Kollegen von den Nachrichten – » süße Gesichter und süße Hintern und nichts dazwischen «, um Kate Adie zu zitieren. » Wenn Mr Blair anfängt, Bagdad zu bombardieren «, sagt Richard Ingrams, » werden wir darüber von einer lächelnden Tussi mit perfekt gerichteten Zähnen informiert. «

Wenn ich Studienkollegen aus Oxford sehe, die im Verlagswesen und in der akademischen Welt Karriere gemacht haben, oder einer dieser Tussen über den Weg laufe, mit denen ich bei der BBC im Traineeprogramm war – die jetzt Produzentinnen bei Panorama sind oder hinter den Kulissen in der Politik ­agieren –, bin ich abgehärtet gegen Beleidigungen. » Wie ist es in der Welt unsanft gebogener Bananen ? «, brüllte kürzlich beim National Television Award ein Typ durch den Saal, mit dem zusammen ich Rechercheurin bei Newsnight war. Gott weiß, was er jetzt macht, aber er schien immer noch dasselbe Hemd zu tragen. Ich lächelte und sagte: » Lass die Hosen runter, und ich sag’s dir. « Sein ganzer Tisch lachte.

Bei der Erinnerung daran habe ich ein komisches Gefühl. Es war nicht lustig. Sie haben nur gelacht, weil ich ( ein bisschen ) berühmt bin, weil man mich halt kennt. In Bezug darauf war ihr Gelächter ehrlich gesagt schlimmer als seine Stichelei. Ich weiß schon, dass das Vormittagsprogramm im Fern­sehen mit Langzeitarbeitslosen und unheilbar Depressiven asso­ziiert wird, dass es beim Bügeln nur geringfügig besser ist als die Stille. » Hausfrauenfernsehen « ist der passende Begriff. Aber ich weiß auch, dass vieles für das spricht, was ich tue, und dass längst nicht jeder es könnte. Es geht nicht um perfekte Zähne oder darum, genau Bescheid zu wissen über die EU-Gemüseverordnung; es geht darum, den Zuschauer direkt anzusprechen – nicht alle auf einmal, einen nach dem anderen. Man muss einen guten Draht zu den Leuten haben. Wir sind das richtige Leben in Ihrem Wohnzimmer, Stan und ich, und das ist keine geringe Leistung, wenn nicht sogar eine Kunst.

Trotz allem sitze ich heute vor ihm auf dem Sofa. Annie sagt, er ist gern als Erster da, dann kann er über mein Zuspätkommen lästern, » mein hektisch jongliertes Leben «, wie er es nennt. Ich habe ihr erklärt, das wäre nur Spaß, flapsige Hänseleien, Warmlaufen für den gespielt groben Schlagabtausch zwischen uns, der die Show so beliebt macht; er meine kein Wort davon ernst. Doch hinter dem Lächeln, den Klapsen auf die Schulter, fürchte ich, er meint es doch ernst. Es ist ein winzig kleines Element in seinem Bemühen, mir um eine Nasenlänge voraus zu sein, seiner Kampagne, mich zu ersetzen. Er hat keine Gewissheit, dass ich mehr verdiene als er, aber er erträgt den Zweifel nicht.

Ich bekomme das Mikrofon angesteckt – Hal, der Aufnahmeleiter, befestigt es unter dem Kleid an meinen Balconette-BH und schiebt es in meinen Ausschnitt. Ich denke an das Mädchen und seinen BH – es muss ein Multiway-BH gewesen sein, bei dem man die Träger als Nackenträger oder überkreuz befestigen oder ganz weglassen kann, sonst hätte sich der eine nicht vorn gelöst. Doch dann kommt mir der Gedanke viel zu intim vor, also versuchte ich, nicht daran zu denken. In dem Moment kommt Stan rein und plaudert mit Terri, der Produzentin.

Er sieht mich und hält in gespielter Überraschung die Hände hoch. » Miss Marple. Klärt einen Mord auf, hilft der Polizei bei ihren Ermittlungen, und trotzdem pünktlich bei der Arbeit. Oder ist Miss Marple als Rollenvorbild doch ein bisschen zu alt ? « Er zwirbelt unsichtbare Schnurrbartspitzen und spricht mit belgischem Akzent weiter. » Vielleicht Hercule Poirot ? «

Hat er die ganze Zeit vorgehabt, nach mir reinzukommen ? Es ist immer gut zu stehen, wenn man jemanden herabsetzen will. In diesem Kontext – dem Kontext, in dem mein Leben aus dem Gewohnten und Häuslichen herausgerissen wurde – ist es vielleicht wichtig für ihn, geschäftiger und fröhlicher und verantwortungsbewusster und lebendiger zu erscheinen als ich.

» Keinen Mord aufgeklärt, Stan the Man «, versetze ich grinsend. Ich lasse Terri niemals sehen, wenn ich einknicke. Sie ist tough und hat keine Zeit für Weichlinge, aber solange ich gelassen bleibe, macht sie sich für mich stark. Ich weiß, dass er nicht nachhaken wird; dies ist meine einzige Chance. » Nur eine Tote gefunden. «

Als er sich auf die Couch plumpsen lässt, plustert sich die Polsterung unter mir von der verdrängten Luft auf.

» Erinner mich daran, niemals mit dir laufen zu gehen «, sagt er in den Raum.

Das Mornin’-All-Studio nimmt die ganze fünfte Etage ­eines
Turms an der South Bank ein. Aus dem Fenster hinter mir geht der Blick über London und die Themse – so großartig und perfekt wie ein Studiohintergrund. Unser Bereich mit seiner künstlichen Wand im » Lagerhausstil «, dem Teppich mit Wirbelmuster und dem kuscheligen Sofa liegt mitten im Studio. Die Beleuchtung ist montiert. Wir sind eine glänzende, hell erleuchtete Insel der Lieblichkeit, ein Sonnenstrahl, aber ich sitze hier und alles, woran ich denken kann, ist, wie hässlich Stan ist. Die Musik läuft, das Intro wird abgespielt, und er witzelt durch den Raum – zu den Beleuchtern und den Tonleuten, den Recher­cheu­ren, zu der hübschen India in ihrer Ecke, die auf ­ihren Einsatz bei Twitter und E-Mail und Facebook wartet. Er ist ein ungehobelter Rugbyspieler: » Was ist der Unterschied zwischen Pädophilie und Nekrophilie ? Achtzig Jahre. « Er versucht, mich nervös zu machen. Ich frage mich, ob er nicht ein wenig mit schwerer Zunge spricht.

Dann sind wir auf Sendung. Ich sage Guten Morgen und erzähle ein bisschen was, und er wendet sich zur Kamera, stellt mit den Augen eine Verbindung zu den Zuschauern her und blickt ihnen tief in die Seele, als wäre er der Einzige, der sie versteht. Bei meiner Begrüßung, eingestellt auf die Stimme in meinem Ohr, sage ich, in der Küche werde uns ein Muppet erwarten, und preise unseren Wettbewerb um das bestgekleidete Mitglied des Unterhauses an. Ich verspreche Sally Bercrows » Presseschau « und verweise auf den Lieblingshund der Nation und die preisgekrönte Hebamme. Doch die Facebook-Mutter haben sie Stan gegeben. Mit ernster Miene und nach unten gezogenen Mundwinkeln kündigt er an, mit welch traurigem Thema wir uns im Laufe der Sendung befassen werden. » Vor einem Jahr «, sagt er schlicht, » verlor Maggie Leo­nards vierzehnjähriger Sohn das Leben, weil er im Internet schikaniert wurde. « Er bedenkt mich mit einem von geteiltem Leid schweren Blick. Ich nicke mitfühlend und deute ein trauriges Lächeln an. Das stehen wir gemeinsam durch, wir
beide.

Er fährt sich mit der Hand über das Kinn; ich allein kann das Schaben der Haut über die Stoppeln hören.

» Ein harter Tag «, schließt Stan.

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Vor ein paar Wochen, als ein Kabinettsminister dabei erwischt worden war, wie er bei einer öffentlichen Befragung gelogen hatte, luden wir eine Psychologin ins Studio ein, um über Körpersprache und die Kunst des Lügens zu sprechen. Kinder, sagte sie, halten sich oft den Mund zu, nachdem sie kleinere Lügen erzählt haben; Erwachsene fahren mit der Hand ans Kinn oder hantieren an ihren Manschetten herum – der unbewusste Wunsch, die Arme zu verschränken.

Während der heutigen Sendung achte ich besonders auf meine Körpersprache, denn ich habe das Gefühl, ich lüge von vorn bis hinten. Es ist mir völlig egal. Heute kommen mir die Banalitäten besonders seicht vor. Ich bin zu spät dran mit meinem Stichwort für India und muss mich live entschuldigen und für die Zuschauer ein » Oh, wie peinlich «-Gesicht aufsetzen. » Kein Problem «, sagt India darauf. Ich äußere mich begeistert über den Lurcher – Billy heißt er –, necke Stan, wünschte, ich hätte die Alarmanlage überprüft, bevor ich das Haus verlassen habe, und hätte Marta gesagt, sie soll nicht durch den Common gehen, sondern den langen Weg zur Schule fahren. Ich hatte meine Gedanken nicht beisammen. Man muss Vorsichtsmaßnahmen treffen.

Während des Interviews mit Maggie Leonard sitze ich mit zur Seite geneigtem Kopf da. Wir wissen, welches Vokabular am Vormittag erlaubt ist und welches nicht. Wir sprechen von » entschlafen «, » verlor sein Leben «, » ist nicht mehr unter uns «, » hat uns verlassen «. Es ist verrückt, wie viel Mühe wir uns geben, damit uns bloß nicht das Wort » tot « über die Lippen kommt.

Im Auto auf dem Heimweg lehne ich das Gesicht an die Scheibe. Es ist eine Erleichterung, mich endlich zu entspannen. Ich denke an das arme Mädchen. Das Auto bleibt stehen und fährt weiter, ruckt an und beschleunigt. Ich stoße mir das Kinn, schlage mit der Stirn an. Mein Hals ist ganz schlaff. Steve, mein Fahrer, plaudert über sein Dartspiel am Vorabend und die Straßenbauarbeiten an der Kreuzung Elephant and Castle. » Ich hab dieses Wetter satt «, sagt er. » Es ist nicht kalt, es ist nicht nass, es ist nicht warm. Es ist einfach nichts, oder ? Dieses Jahr ist der März einfach nur gar nichts. «

Ladenfronten, Wellblech, Kreisverkehre, U-Bahn-Eingänge, Bauarbeiten – Kräne und Presslufthammer und mit Graffiti besprühte Markisen, es ist alles noch da. Schreckliche Dinge widerfahren guten Menschen. Busse haben Unfälle, und Kinder sterben. Im Kongo werden Frauen vergewaltigt und verstümmelt – darüber war neulich eine Sendung im Fernsehen. Freunde erzählen einem von Tragödien – der unerwartete Herzinfarkt eines jungen Ehemannes, die tapfere Sechsjährige mit Leukämie. Und sie berühren das eigene Leben, diese schrecklichen Dinge. Man wünscht, sie wären nicht real, und mitten in der Nacht setzt das Herz einen Schlag aus. Doch dann prallen sie ab wie Steine von einer Windschutzscheibe, und nach einer Weile muss man zu seiner Schande gestehen, dass man die winzige Kerbe in der Ecke gar nicht mehr bemerkt. Man macht mit seiner kleinen Existenz weiter, sorgt sich um die eigenen kleinen Probleme – ein liebloser Mann, ein anmaßender Kollege. Doch dies, dieser Tod, hat alles auf den Kopf gestellt. Er ist zu nah. Niemand ist sicher. Dies ist eine Welt, in der Menschen andere Menschen töten. Der Tod kommt nicht immer langsam, über Monate oder Jahre, wie bei meiner Mutter. Er kann sekundenschnell kommen, von außen. In wenigen Sekunden. Ein Seil um den Hals, ziehen, mehr braucht es nicht. Bei diesem Gedanken wird mir schwindlig, als würde ich jeden Augenblick stürzen.

Das Auto vibriert an der Ampel. Mein perfektes Leben. Was ist es im Vergleich dazu ? Nichts. Ich denke nicht an den Tod des Mädchens, sondern an seine Geburt. An seine Mutter. Seine Eltern. Die Schule. Sommerferien. Jobs. Familie. Freunde. Freund. Hat man es ihnen schon gesagt ? Weiß die Poli­zei schon, wer sie ist ? War. Mochte sie ihr Leben, oder hat sie sich ein anderes gewünscht ? Ich habe angefangen zu zittern, obwohl es hier hinten warm ist.

Die BBC-Nachrichten-App auf meinem iPhone erwähnt die Sache noch mit keinem Wort. Kein kleiner Pfeil oder Kasten mit » Neu «. Keine » Eilmeldung «. Ist es überhaupt eine Nachricht ? Ich weiß nicht. Ein Torso, der in Limehouse auf dem Wasser hüpfte, ein Müllbeutel mit Gliedmaßen, der im Regent’s Canal schwamm, das waren Nachrichten. Aber bei ganzen Toten ist es vielleicht etwas anderes. Vielleicht sind unversehrte Tote etwas ganz Normales. Vielleicht werden in öffent­lichen Parks in anderen Vororten – Bexleyheath, ­Southall Green, Crouch End – jeden Tag ganze Tote gefunden. Was ist normal ? Was nicht ? Ich habe keinen klaren Blick darauf.

Der Verkehr kommt ganz zum Erliegen. Ein Lkw mit ­einem Container, der von der Walworth Road auf die Kreuzung setzt, blockiert die Straße in sämtliche Richtungen. Hupen. Auspuffwolken steigen gen Himmel.

» Da sitzen doch nur Idioten am Steuer, bei diesen Container-Lkws «, sagt Steve. » Kein Respekt. Die sind alle gleich. Ex­häftlinge, jede Wette. Wie die in meiner Straße über die Schwellen brettern, das klingt jedes Mal, als würde eine Bombe hochgehen. Die machen das bestimmt mit Absicht. Die sollten lernen, ihre Wut zu zügeln «, sagt er und fährt, indem er jedes Mitgefühl fahren lässt, fort: » Gehören alle aufgeknüpft. «

Der Stau löst sich auf. Ungehindert gleiten wir die Kennington Park Road hinunter, der Straßenbelag glatt unter den Rädern, und Steve, der das Fenster runtergekurbelt hat, um ­einen zornigen Ellbogen rauszustrecken, spricht jetzt mit dem Wind, der an seinen Ohren vorbeipfeift, am U-Bahnhof Oval Tube und an der St. Mark’s Church vorbei, und seine Worte verwirbelt. Ich habe nicht viel Zeit. Am Clapham Common wird er die Scheibe schließen, bis dahin hat er sich beruhigt. Ich muss ihn nach seiner Frau fragen – sie hatte heute ihren Termin beim Frauenarzt – und mich danach erkundigen, ob seine Tochter Sammy den Vorstellungstermin bekommen hat. Ich mach’s gleich, wenn das Fenster zu ist. Doch jetzt ist ein guter Moment, um Clara anzurufen, jetzt ist sie im Lehrerzimmer; ruhiger wird’s bei ihr nicht.

» Hallo, Gaby Mortimer «, sagt Clara, die meinen Namen vom Display ihres Nokia-Handys abliest, wie immer.

Im Hintergrund höre ich Lärm, wie ein langsamer Zug auf einem Gleis oder eine Kantinenmitarbeiterin, die Tabletts abräumt.

» Bist du da ? «, fragt sie.

Ich räuspere mich und sage: » Hallo, Clara Macdonald. «

» Gott «, meint sie. » Freitag. Konnte, was mich angeht, nicht schnell genug kommen. Ich will nur noch nach Hause, mir ein heißes Bad einlassen, nach den Kindern schauen – Nick
kocht – und vor Mad Men die Füße hochlegen. Ich müsste einen ganzen Berg Stunden vorbereiten, aber ich werde mir keine Schuldgefühle machen, denn die Liste der aufgenommenen Folgen ist so lang, dass ich sie abarbeiten muss, sonst fängt sie noch an, sich selbst zu löschen. Oder ist das nur ein ­Mythos ? Egal, wenn ich ein bisschen Fernsehen gucke, dann ist das, als würde ich aufräumen. «

Allein ihre Stimme zu hören muntert mich auf. Wir sind seit der Schule befreundet, und für mich verkörpert Clara Macdonald den perfekten Menschen.

» Was gibt’s ? «, fährt sie fort, als sie mein Schweigen bemerkt. » Wer hat dich geärgert ? Philip ? Ist er immer noch ein Idiot ? Oder ist es der gut aussehende Typ auf der Arbeit ? «

» Beide «, sage ich halb lachend. » Der Idiot ist ein Idiot, und der Arsch ist ein Arsch, aber … «

Ich habe überlegt, wie ich es sagen soll, in welche Reihenfolge ich die Worte bringen soll, ob ich meinen » erstklassigen Klatsch « fröhlich mit » Du wirst nicht glauben, was mir heute passiert ist « einleiten oder ob ich ernst sein soll: » Hör mal, es ist sicher bald in den Nachrichten, und ich wollte, dass du es von mir erfährst. « Ich weiß es immer noch nicht. Beides kommt mir irgendwie nicht richtig vor. Das Erste ist zu aufdringlich und gefühllos. Das Zweite, also, dieser Tonfall, nicht wahr, der sich einschleicht, wenn Menschen einem schreckliche Dinge berichten ? Ein bisschen das, was meine Lieblingstante » kirchlich « genannt hätte, ein bisschen genuschelt und selbstgerecht. Ein absoluter Killer. Und ich weiß auch, dass Clara tränenselig mitfühlend auf mein traumatisches Erlebnis reagieren wird, und das habe ich nicht verdient. Es ist nicht fair. Kein bisschen.

Ich stelle mir vor, wie Clara im Lehrerzimmer steht, ihre Kolleginnen und Kollegen um sie herum, eine Büchertasche von Daunt Books über der Schulter, ihre Oyster-Card für die U-Bahn – rasch hinfassen, um sich zu vergewissern – sicher in der Gesäßtasche. Sie hat vielleicht schon den Mantel an – der Tweedmantel von Primark –, den gestreiften Schal um den Hals geschlungen. Ich stelle mir vor, dass jeden Moment die Tür aufgeht, ein Stück durch den überfüllten Flur, ein netter Kollege, der ihr anbietet, sie bis zur ­U-Bahn-Haltestelle mitzunehmen.

Steve hat das Fenster hochgekurbelt. Ich überlege es mir anders. Ich rede nachher mit ihr, wenn sie nicht in Eile ist. Wahrscheinlich reagiere ich sowieso übertrieben. So fröhlich wie möglich sage ich: » Wollte nur mal Hallo sagen vor dem Wochenende. «

Sie klingt vergnügt, als hätte sie keinerlei Sorgen. » Bevor die Hölle ausbricht «, sagt sie.

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Marta ist in der Küche, sie isst nicht, sondern sitzt gleichmütig am Tisch und blättert in der Grazia. Sie scheint nie was zu ­essen. Letzten Sommer ging alles so schnell – Robin, unser altes Kindermädchen, war schwanger, und meine Mutter lag im Sterben. Ich war nicht so sorgfältig wie sonst. Vielleicht habe ich auch nicht die richtigen Fragen gestellt. Das Kindermädchen war quasi ein Panikkauf. Jetzt bereitet sie mir Sorgen. Ich mache ihr keine Vorwürfe, dass sie nicht isst, was ich koche – ich bin nicht gerade Jamie Oliver. Aber ich frage mich, wann sie isst und was und ob es irgendwie meine Verantwortung ist. Immerhin ist sie erst vierundzwanzig. Vielleicht hat sie Heimweh oder hat irgendeine Essstörung, über die ich Bescheid wissen sollte. Ich stelle mir vor, wie sie sich heimlich mit Twix und Monster Munch und Kartoffelchips vollstopft.

Millie ist im Turnklub, eine andere Mutter bringt sie nachher mit nach Hause. Marta hat die Wäsche fertig gemacht. Rechteckige Stapel gefalteter Pullover und T-Shirts – darunter auch meine Laufsachen vom Morgen, gewaschen und gebügelt – warten darauf, verteilt zu werden. Die Küchenarbeitsplatten aus hellem Granit sind poliert und aufgeräumt, der Boden glänzt. Öffnet man eine der schimmernden Schranktüren, sind dahinter die Müslischachteln und Marmeladengläser ordentlich aufgereiht. Das ist auch so etwas: ihre Reinlichkeit. Als sie zu uns kam, war das Einzige, worum sie bat, besondere Putzhandschuhe aus Latex, wie eine zweite Haut. Ich weiß, dass ich dankbar sein sollte. Philip ist in seinem Element, endlich eine Umgebung, die seinem Hirn entspricht. Doch ich fühle mich unbehaglich. Ich wünschte, sie würde überhaupt nicht sauber machen oder aufräumen. Robin, die aus Neuseeland stammte und sieben Jahre bei uns war, bis sie schwanger wurde und letzten Sommer ihren Bauern aus East Anglia geheiratet hat, war unglaublich unordentlich, was mich überhaupt nicht gestört hat. Sie gehörte zur Familie. Wir – also sie und ich – haben zusammen die Ärmel hochgekrempelt. Marta ist anders. Marta fühlt sich wie eine Hausangestellte, und ich weiß, dass das ein Luxusproblem ist, und ich weiß auch, dass ich mich einkriegen sollte, aber mir wäre es lieber, sie wäre eher wie eine Freundin.

Leise mache ich Tee – Zitrone und Ingwer, gut für die Nerven – und setze mich auf die Bank. Marta blickt schicksals­ergeben auf. Sie denkt, ich will mich unterhalten. Ihr graut davor. Aber ich muss ihr erzählen, was passiert ist. Ich will sie nicht beunruhigen, sage ich, aber sie muss vorsichtig sein. Sie solle darauf achten, dass Türen und Fenster verschlossen sind. Sie solle nicht durch den Common gehen, nicht mit Millie, aber auch nicht allein. Sie solle auf der Hut sein. Wir wissen nicht, wer da draußen herumläuft, sage ich, suche nach einem Funken oder gar Erschrecken, irgendetwas anderem als dieser stumpfen Ausdruckslosigkeit.

Sie starrt mich hinter zwei Vorhängen aus schwarzem Haar an. Als ich fertig bin, schaut sie weg, beißt ein Stück Nagelhaut ab und zupft mit dem Daumen daran. Sie sagt, sie sei immer vorsichtig, wenn sie sich um Millie kümmere, und vergewissere sich immer, dass die Alarmanlage eingeschaltet sei. Wahrscheinlich bilde ich es mir nur ein, aber sie klingt ein wenig defensiv, als hätte ich mir die ganze Geschichte nur ausgedacht, um auf ihr herumzuhacken. Ich muss es ganz falsch rübergebracht haben.

Ich senke den Blick auf die Zeitschrift, die aufgeschlagen vor ihr liegt. Es ist eine Fotostrecke über Pippa Middleton, und Marta hat mit Kugelschreiber auf der Seite herumgekritzelt, obwohl es eigentlich keine Kritzeleien sind, sondern eher Kratzspuren. Wie es aussieht, hat sie Pippa Middletons Gesicht durchgestrichen.

Ich frage sie, wie ihr Kurs läuft – sie lernt Englisch in ­einer Sprachenschule in Tooting. Ich erzähle ihr von einer Bar, von der ich gehört habe, wo sich junge Leute treffen, die » ganz ­juxig klang «. Nicht zu fassen, dass ich das gerade gesagt habe. Ganz juxig ? Verdammt. Kein Wunder, dass sie mich hasst. Als es an der Tür läutet, fliehe ich, damit ich endlich den Mund halte.

Ein großer dunkelhaariger Mann in weiter Jeans und ­einer schmutzig grünen Wachsjacke steht da, leicht vornübergebeugt, den Rücken mir zugekehrt. Er betrachtet eindringlich ein Blatt an einem Ast des Olivenbaums, der dem Weg am nächsten steht. Eine Millisekunde später als nötig dreht er sich um und sagt: » Pressen Sie Ihr eigenes Öl ? «

Es ist DI Perivale.

» Erst vor einem Monat gepflanzt «, sage ich, » die Olivenbäume. Wir haben den ganzen Garten machen lassen, vor und hinter dem Haus, eine komplette Umgestaltung. Eine Firma namens Muddy Wellies. Also weiß ich es noch nicht. Aber es sind nur drei Bäume, also selbst in heißen Sommern eher nicht. «

Er tritt vor und streckt die Hände aus, wie um einen Abstand zu messen. » Hübsche Bude. Groß für Sie drei. «

Um meine Überraschung zu verbergen, dass er überhaupt etwas über mich weiß ( » Sie drei « ), lehne ich mich zurück und blicke an der neu verfugten Backsteinmauer hoch zu den drei Etagen Fenster, dem eleganten, spitz zulaufenden viktorianischen Giebel und dem dicken, verdrehten Holz einer frisch gepflanzten Glyzinie, als würde ich unser Haus das erste Mal betrachten, als würde jemand anders darin wohnen.

» Meine Kollegin «, fügt er wie beiläufig hinzu, » hat mir erzählt, dass das Haus nebenan für fünf Millionen verkauft wurde. «

Ich werde rot. Er macht nur Konversation, aber mir ist unbehaglich zumute. Ich weiß nicht, warum er so etwas sagt. Wir stehen da, betrachten das Haus, beäugen einander, und ich weiß nicht, was ich denken soll. Und dann sagt er etwas, wovor ich mich gefürchtet habe, denn ich hatte gehofft, mein Teil sei er­ledigt. Ich habe gedacht, er wäre vielleicht schon vorbei.

» Haben Sie eine Minute Zeit ? «

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Marta ist verschwunden, ist aus der Küche gehuscht, während ich an der Haustür war. Sie muss nach oben geflüchtet sein, obwohl ich sie nicht gehört habe. Die Bügelwäsche ist weg, genau wie mein noch halb voller Becher Kräutertee. Sie muss den Becher in die Geschirrspülmaschine gestellt haben; sie räumt mich ebenfalls fort.

Ich bitte DI Perivale, sich zu setzen, doch er bleibt stehen. Um etwas zu tun zu haben, fülle ich den Wasserkessel am Hahn, und ich höre das leise Knarren seiner Schuhe, das leise Ächzen des Leders, als er das Gewicht verlagert. Er trägt braune Budapester, die mit Löchern in den Kappen, die man mit Jermyn Street assoziiert, vornehme Schuster, die Schuhwerk per Hand fertigen.

» Wohnen Sie in der Nähe ? «, frage ich.

» Battersea. « Er hat mir den Rücken zugekehrt. » Auf der anderen Seite von Clapham Junction. «

» Im Kommen «, sage ich und könnte mich augenblicklich dafür ohrfeigen.

» Hübsches Bild. Hat Ihre Tochter das gemalt ? «

Ich bin nervös. Natürlich musste er nur googeln – erst letzte Woche habe ich » Ein Tag im Leben von « in der Sunday Times gemacht –, aber es ist zermürbend, wenn Menschen, denen man noch nie begegnet ist, Sachen über einen wissen. Das habe ich auch dem Constable zu erklären versucht, mit dem ich im letzten Sommer gesprochen habe, als die ganzen seltsamen Stalker-Sachen anfingen. ( Solange man keinen Stalker hat, ist man im Showgeschäft niemand. )

» Craigie Aitchison «, sage ich und trete zu ihm. Das Bild zeigt einen Hund vor einem einfachen Hintergrund, knallblauer Himmel und wackelpetergrünes Gras. Es gibt einen Baum, ein sich verjüngender Strich wie die Spitze eines Pinsels. Trügerisch schlicht, natürlich: Der Hund hat etwas Isoliertes und Meditatives an sich. Ich glaube, man soll an Christus denken. » Es ist ein Bedlington Terrier «, sage ich.

» Nicht irgendein Terrier, ein Bedlington Terrier. Und noch ein Olivenbaum. Das zieht sich hier offensichtlich als Thema durch. «

» Ich glaube, es ist eine Zypresse. Wissen Sie, Tod und so. Mein Mann hat es vor Jahren erstanden, aber als Aitchison starb, sind die Preise in die Höhe geschossen. Ein kluger Kauf. «

» Ein kluger Kauf «, wiederholt er, als hätte er noch nie im Leben so etwas Dämliches gehört.

Ich würde gern einen spielerischen Ton anschlagen, aber wahrscheinlich klinge ich einfach nur kratzbürstig. » In der Tate hängen vier. Elton John hat einen. «

Er zuckt leicht die Achseln. Er ist jünger, als ich ihn geschätzt habe. Ich hatte gedacht, er wäre über fünfzig, aber er ist ungefähr in meinem Alter, glaube ich – Anfang vierzig. Sein Gehabe, die vorgebeugte Haltung, soll vielleicht seine Körpergröße verbergen. Seine herabhängenden Wangen, die er noch betont, indem er seitlich am Mund zieht, wie um Krümel zu entfernen, machen ihn älter. Kein Grau in dem braunen Haar – Philips Schläfen sind grau meliert. Unter seinen männlichen Wangenknochen sind Vertiefungen, ein lang gestreckter Unterkieferknochen: ein bisschen mehr Gewicht, und er wäre beinahe attraktiv. Mit seinem langen Haar und seiner Knochenstruktur kommt er rüber wie ein missratener Dandy.

Genug, denke ich und sage: » Also, Tee. Stark mit viel Milch und Zucker ? Oder stehen Sie mehr auf grünen ? « Ich könnte mich erschießen.

» Wie’s kommt «, meint er.

Er hat sich endlich an den Tisch gesetzt, hat seine Barbourjacke abgelegt und ordentlich über die Stuhllehne gehängt und schaut raus in den frisch angelegten Garten hinterm Haus – unseren hübschen grünen Rasen, die Hochbeete, das Trampolin, das tolle » Baumhaus «, das auf Stützen an der Mauer verläuft, hinter der Reihe von Hainbuchen. Philip fand, wir sollten den Garten machen lassen, nachdem wir im Kellergeschoss größere Fenster einbauen und dafür einen Teil des Gartens tiefer legen ließen. Durch den Bodenaushub war er völlig ruiniert.

Etwas da draußen in den Sträuchern, was im Märzwind flattert, scheint sein Interesse zu beanspruchen. Vielleicht ist das so, wenn man Polizist ist: Der Blick heftet sich auf kleine Details; man weiß nie, was wichtig ist und was nicht.

» Haben Sie ihren Körper angefasst ? «

Beinahe lasse ich seine Teetasse fallen. Ich trage sie zum Tisch, und ein wenig Tee schwappt mir auf das zarte Dreieck zwischen Daumen und Zeigefinger.

» Autsch. «

Ich halte die Hand unter den Wasserhahn und sehe zu, wie das Wasser über meine Haut rinnt. Für einen Augenblick konzentriert sich mein Gehirn ganz darauf, das Wasser und meine Haut. Und dann ist alles, woran ich denken kann, das Haar der Frau, seine strähnige, faserige Struktur.

» Ihren Körper «, sage ich. » Nein. Ich habe ihren Körper nicht angefasst. «

Als ich mich umdrehe, sieht er mich an.

» Haben Sie die Frau gekannt ? «

» Nein. « Ich atme tief durch und schüttele die Hand trocken. Der Augenblick ist vorüber. » Wie ich PC Morrow schon gesagt habe, habe ich sie noch nie gesehen. Wissen Sie schon, wer sie ist ? «

» Nein, noch nicht. «

Ich setze mich ihm gegenüber auf die Bank, die auf der ­einen Seite vom Tisch steht, mit dem Rücken zum Garten. Genug Small Talk, er ist jetzt zur Vernehmung übergegangen. Er bittet mich, noch einmal durchzugehen, was passiert ist. Er macht sich keine Notizen. Es ist offensichtlich nur ein inoffizielles Gespräch, aber während ich rede, sind meine Gesten gehemmt, wie zur Schau gestellt. Gespräche folgen einem bestimmten Muster: Wer zuhört, soll den, der spricht, ansehen; wer redet, darf den Blick abwenden. Doch DI Perivale sieht mich nicht an – vielmehr beobachte ich ihn –, bis zu dem Augenblick, da ich innehalte und sein Blick sich auf mich richtet, ja, mich förmlich aufspießt. Es ist irritierend. Als ich den Kopf neige und meine Haare zu einem Pferdeschwanz fasse und ihn drehe, damit er hält, kommt es mir unnatürlich vor, wie jemand, der so tut, als sei er entspannt. Dasselbe, wenn ich die Hände in die Ärmel meines Pullovers schiebe. Am besten versuche ich stillzusitzen. Das sagen wir unseren Gästen in der Sendung auch immer. Setzen Sie sich, falls nötig, auf Ihre Hände. Hitze kriecht an meinem Hals hoch. Als ich mit meinem Bericht fertig bin – dieselbe Geschichte, die PC Morrow sich schon notiert hat –, erkläre ich DI Perivale, dass er mir das Gefühl vermittelt, schuldig zu sein und irgendwie in der Defensive. Ich habe die Schultern hochgezogen, wie wenn man durch eine Sicherheitsschranke geht oder wenn man an der Tür zu teuren Läden am Sicherheitspersonal vorbeimuss.

» Machen Sie das oft ? «

» Was ? «

» Durch die Türen teurer Läden gehen ? «

Ich versetze seinem Arm einen spielerischen Klaps. Es ist kein angenehmer Augenblick. Seine Haut, unter den kurzen Ärmeln seines Polohemds, ist blass und mit dunklem, spinnenartigem Haar besetzt. Er schaut auf meine Hand hinunter, auf meine karmesinroten Fingernägel. » All Shook Up «, sage ich und ziehe sie zurück. » Von OPI. Den musste ich zur Arbeit auflegen. «

Er deutet ein Lächeln an.

» Sie trinken besser Ihren Tee «, sage ich. » Es tut mir leid, dass ich Ihnen nicht mehr helfen kann. Ich wünschte, ich hätte irgendjemanden gesehen, irgendetwas. Es tut mir leid, dass Sie umsonst hergekommen sind. Aber die arme Frau. «

» Für mich ist kein Weg je umsonst. «

Vielleicht gehört er zu den Männern, die sich weniger unzulänglich fühlen, wenn sie andere klein machen. Er erinnert mich an meinen Chef bei Panorama, als ich Trainee war – Colin Sinclair, mit seiner großen schwarzen Ledermontur und seiner kleinen roten Suzuki 125. » Das könnte man so sagen; ich enthalte mich jeglichen Kommentars «, äußerte er zu jeder auch nur im Entferntesten strittigen Bemerkung. Oder wenn mein Zug Verspätung hatte: » Ich glaube Ihnen, Millionen würden es nicht. « Sein Gehirn war verloren, wenn er nicht eine kleine abgewetzte Rille fand, wo er einhaken konnte, wenn er nicht eine vorgefasste Meinung fand, der er sich anschließen konnte. Bei diesem Polizist scheint es genauso zu sein. Und eine Tote da draußen … falls sie noch da draußen ist.

» Ist sie noch da ? «, frage ich. » Mitten im Common. Oder haben Sie sie weggebracht ? Ich habe keine Ahnung, was in so einer Situation passiert. « Ich tippe auf den Tisch, klopfe auf Holz. » Zum Glück. «

Er reibt sich das Gesicht. » Wir haben die Tote weggebracht. Sie ist in der Rechtsmedizin. «

» Haben Sie, ich meine, hat die Soko irgendetwas gefunden ? Irgendetwas, was Ihnen verrät, was passiert ist ? Glauben Sie, es war ein Raubüberfall ? Oder eine Vergewaltigung ? Ein zufälliger Mord ? Läuft da draußen ein Wahnsinniger herum, von dem wir alle wissen sollten ? Tut mir leid, dass ich diese Fragen stelle, aber es wäre schön … es zu wissen. « Zu meiner Überraschung stelle ich fest, dass ich kurz davor bin, in Tränen auszubrechen.

» Wir müssen warten «, sagt er nicht unfreundlich. » Später wissen wir mehr. Mein Motto: NNA. Nichts voraussetzen. Niemandem glauben. Alles überprüfen. Ich melde mich wieder. Versprochen. «

» Sie wissen nicht, wer sie ist ? Kein Handy … keine Brieftasche  ? «

» Nein. « Er stößt einen theatralischen Seufzer aus. Vielleicht ist er doch nicht so unausstehlich. » Im Augenblick wissen wir nichts. «

Plötzlich werde ich ganz traurig. » Sie sind so etwas vermutlich gewohnt. «

» Eigentlich nicht. «

» Also, ich bin mir sicher, Sie finden ihn «, sage ich unpassenderweise.

» Und Sie können sich an sonst gar nichts erinnern ? «

Eine Erinnerung überkommt mich, der Schock einer kalten Welle. » Ein seltsamer Geruch. Fast … es klingt dumm, aber fast wie Bleiche. «

Er nickt. » Der ist mir auch aufgefallen. Die Rechtsmedizin wird es sicher bestätigen. «

» Und ihre Augen ? Ich wollte fragen. Als wären sie mit Wachs überzogen ? « Aus irgendeinem Grund ist meine Stimme lauter geworden, wie bei Millie, wenn sie zu viel iCarly geguckt hat.

» Das ist die Konjunktiva. Hat nichts damit zu tun, wie sie gestorben ist, mehr damit, wann. Wenn der Augeninnendruck abfällt, werden die Augäpfel weich und wirken dünner, fast wolkig oder wie mit Folie überzogen. «

» Das Licht geht aus. «

» In der Tat. «

Ich schaue auf meine Uhr. Jeden Moment wird Millie nach Hause gebracht, und ich hätte nichts dagegen, wenn er fort wäre, bevor sie kommt. Ich muss überlegen, was ich ihr sagen werde und wie. Und ich muss Philip anrufen. Es ist schrecklich, dass ich das nicht längst getan habe. Während der letzten Phase der Krankheit meiner Mutter habe ich ihn jeden Tag angerufen. Es ist seltsam, beunruhigend, dass ich noch nicht mit ihm gesprochen habe – noch ein Zeichen, falls ich ein solches brauchte, für die Distanz zwischen uns. Ich stehe auf, nehme den Becher des DI vom Tisch und krempele die Ärmel hoch, wie um anzudeuten, dass ich jetzt abwaschen möchte. Er betrachtet meine Arme. Die Innenseite meiner Unterarme ist verkratzt und voller Abschürfungen, winzige getrocknete Blutstropfen, und mein Armband ist verschwunden, das Armband, das ­Philip mir zum Geburtstag geschenkt hat. Ich muss es verloren ­haben. Doch dafür interessiert sich der Polizist nicht. Ich reibe meine Handgelenke.

» Unterholz «, sage ich. » Als ich mich durchs Gestrüpp gekämpft habe. Ist mir nicht mal aufgefallen. Gut, dass ich in der Sendung heute ein langärmeliges Kleid getragen habe, sonst hätten mir die Zuschauer Bücher über Selbstverletzungen geschickt. Das Erlebnis hat mich buchstäblich gezeichnet. «

Zum Glück scheint er das nicht zu hören. Er zieht seine ­Jacke an. An den Manschetten und unten am Rand, wo er festhalten muss, um den Reißverschluss zuzuziehen, ist sie speckig.

» Ich muss noch kurz eine DNA-Probe nehmen, um Sie ausschließen zu können «, sagt er, » und wissen Sie, was wirklich hilfreich wäre ? Die Turnschuhe, die Sie heute Morgen getragen haben. Für die Fußabdrücke. «

» Selbstverständlich. «

Er kramt in seiner Tasche nach einer Plastiktüte und einem Wattestäbchen, und in einer plötzlichen, fast lächerlich demütigenden Sequenz öffne ich den Mund, stoße einen leichten
Zitrone-Ingwer-Atem aus, und er steckt das Wattestäbchen rein, zieht es raus und schiebt es ins Röhrchen, lässt dieses in die kleine Tüte plumpsen, versiegelt sie und steckt sie wieder in die Tasche. Ich verlasse eilig die Küche und laufe nach oben. Ich poltere lauter die Stufen hinauf, als es nötig wäre. Ich lache kurz auf. Er hatte die Plastiktüte in der Tasche, einsatzbereit. Ich denke an die Jungen von früher, in meiner Teenagerzeit in Yeovil, das Kondom in der zerknitterten Folienverpackung stets startklar in der Gesäßtasche. Vor dem Spiegel der Frisierkommode im Schlafzimmer stoße ich einen stummen Schrei aus, um ein wenig Spannung abzubauen. Ich hole die Turnschuhe aus dem Schrank und laufe wieder hinunter. Als ich auf halber Treppe an Martas Zimmer vorbeikomme, dringt Musik durch die Tür, ein wummerndes elektronisches Dröhnen, zu viel Bass für meinen Geschmack.

DI Perivale ist in dem Raum rechts von der Haustür – er ist einfach reinspaziert, als wäre er hier zu Hause. Es waren mal zwei Räume, und wir haben einen Durchbruch machen lassen, sodass ein heller, cremefarbener prächtiger Vorzeigeraum entstanden ist – Couchtische aus Glas, Sofas zum Reinsinken und bauschige Kissen –, ein Raum, den wir natürlich so gut wie nie benutzen. DI Perivale steht an einem der beiden Kamine und betrachtet die gerahmten Fotos.

Er nimmt eines in die Hand. Ich weiß von hier aus, dass es unser Hochzeitsfoto ist. Ich lache in die Kamera, und Philip hat mir einen Arm um die Taille gelegt und zieht mich an sich. Philip, mit wirrem dunklem Haar und großen Augen, lächerlich jungenhaft, trägt einen weiten Anzug aus dem Wohltätigkeitsladen. Ich trage ein knittriges weißes Kleid – aus einem haftenden Polyesterstoff, der damals absolut angesagt war; er zog sich beim Waschen zusammen, und man musste ihn mit dem Bügeleisen wieder in Form bringen. In der unbeholfenen seitlichen Pose, die man einnimmt, wenn man denkt, man müsste sich dünn machen, um aufs Bild zu passen, sehe ich aus, als würde ich jeden Augenblick die Stufen der Old Town Hall in Chelsea runterfallen. Ich weiß noch, dass ich gedacht habe: Ich glaub’s nicht, dass er mich gewählt hat ! Er hat mich geheiratet ! Wir haben im Pub eine Party gefeiert und den Rest des Wochenendes in unserer Wohnung verbracht, nackt, denn wir waren frisch verheiratet und frisch verliebt – wir kannten uns ganze sechs Monate – und konnten einfach nicht genug voneinander kriegen.

DI Perivale hält mir das Foto hin, und zu meiner Überraschung muss ich der Versuchung widerstehen, es ihm aus der Hand zu reißen. Ich mache eine Bemerkung darüber, wie jung wir aussehen, doch er zieht ein seltsames Gesicht, als wäre da etwas, was ich nicht begreife.

» Geht das nur mir so ? «, fragt er.

» Geht was nur Ihnen so ? «

Er schüttelt den Kopf, wie um einen Gedanken zu verscheuchen. » Tut mir leid. Nichts. Es ist nur … «

Ich nehme das Foto und tue so, als würde ich es studieren, und dann stelle ich es zurück auf den Kaminsims. Es macht mich traurig, dieses Foto. Ich nehme mir Zeit und stelle es so hin, dass es symmetrisch zu einem Foto von Millie steht, auf dem sie Turnübungen macht.

» Also «, sagt er, » vermutlich hören Sie wieder von uns. «

» Ehrlich ? «, sage ich. » Ach so, Opferunterstützung. Natürlich. «

» Opferunterstützung ? «

» Als mir bei einem Ausflug nach Cineworld mal das Handy gestohlen wurde, hatten wir Besuch von einer Beamtin, die sich Sorgen um meinen Seelenzustand machte. Sie war sogar recht hartnäckig. Also bekommt man vermutlich auch Beratung angeboten, wenn man über eine Tote stolpert. Vielleicht täusche ich mich aber auch. «

» Das Opfer des Verbrechens ist in diesem speziellen Fall vermutlich nicht in der perfekten Position, persönliche Beratung zu erhalten, wie persistent auch immer. « Es ist ein Rüffel, und wahrscheinlich hat er auch recht, aber ist ihm eigentlich klar, wie schrecklich es für einen ganz normalen Menschen ist, so unvermittelt über eine Tote zu stolpern ?

» Sehr viele Alliterationen in dem Satz «, sage ich.

» Verschlusslaute. Ein › p ‹ ist ein Verschlusslaut. «

Wir mustern einander, als wüsste keiner mehr so richtig, woran er bei dem anderen ist.

» Wie auch immer, ich brauche keine Beratung. Ich bin stärker, als ich aussehe «, sage ich.

Er steht noch am Kaminsims, und in diesem Augenblick scheint er eine Entscheidung zu treffen. Draußen auf der Straße höre ich Türen zuschlagen, das fröhliche Kreischen und Quieken kleiner Mädchen. Zu spät. Ich habe ihn nicht früh genug hinauskomplimentiert.

» Ich bin nur verblüfft «, sagt er, » wie sehr Sie – oder jedenfalls die Frau auf dem Foto hier – dem Mädchen da draußen ähneln. «

Mit dem Kinn zeigt er auf das Fenster, und ich weiß, dass er nicht meine Tochter meint, die schon die Stufen hochkommt.

» Nur weil wir beide rotes Haar haben «, sage ich und werfe mein rotes Haar über die Schulter, um zu verbergen, wie sehr mich das alles aufwühlt. » Sie hat viel jünger ausgesehen als ich. Und … und war kleiner. «

Er schließt den Reißverschluss seiner Jacke, zieht an dem speckigen Stoff am unteren Rand und schiebt die Hände in die Taschen. Als er das Zimmer durchquert, fällt mir auf, dass die Sohlen seiner Budapester Abdrücke im Flor des cremefarbenen Teppichs hinterlassen.

An der Haustür sagt er etwas Seltsames: » › Und Taten unnatürlich erzeugen unnatürliche Zerrüttung. ‹ William Shakespeare. «

» Jetzt auch noch Dichtung. Sie haben ja wirklich viel drauf. «

» Was ich damit sagen will: Seien Sie vorsichtig. Das ist alles. Passen Sie auf. «

Sabine Durrant

Über Sabine Durrant

Biografie

Sabine Durrant lebt mit ihrem Mann und ihren drei Kindern in London, wo sie als Autorin und Journalistin arbeitet. Sie schreibt unter anderem für den Guardian, den Daily Telegraph sowie die Sunday Times und hat bereits mehrere Romane und Kinderbücher veröffentlicht. Mit »Ich bin unschuldig« legte...

Medien zu »Ich bin unschuldig«

Pressestimmen

Cellesche Zeitung

»Mit ›Ich bin unschuldig‹ beweist Durrant, dass ihr dieses Genre liegt.«

Dolomiten - Tagblatt der Südtiroler

»Beeindruckendes Thrillerdebüt von Sabine Durrant.«

Doppelpunkt - Magazin für Kultur in Nürnberg, Fürth, Erlangen

»Sehr spannend geschrieben und absolut empfehlenswert. Das sehr überraschende Ende macht den besonderen Reiz aus.«

Wiener Journal

»Atemlos, beklemmend und - Achtung: irreführend! Mehr wird nicht verraten, denn das Ende ist eine meisterhafte Auflösung eines wahren gordischen Knotens der Erzählkunst.«

Living at home

»Schlauer Psycho-Ehe-Krimi.«

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