Lieferung innerhalb 3-4 Tage
Bezahlmöglichkeiten
Vorbestellung möglich
Blick ins Buch
Blick ins Buch
Hunt – Sie kriegen dichHunt – Sie kriegen dich

Hunt – Sie kriegen dich

Thriller

Download Cover
Taschenbuch
€ 9,99
E-Book
€ 8,99
€ 9,99 inkl. MwSt.
Lieferzeit 3-4 Werktage
Jetzt kaufen Im Buchshop Ihrer Wahl bestellen
Gratis-Lieferung ab 5,00 €
Geschenk-Service
Versand und Lieferbedingungen
€ 8,99 inkl. MwSt.
sofort lieferbar
Jetzt kaufen Im Buchshop Ihrer Wahl bestellen
Gratis-Lieferung ab 5,00 €
Geschenk-Service
Versand und Lieferbedingungen

Hunt – Sie kriegen dich — Inhalt

Der gefährlichste Geheimagent der britischen Krone ist zurück – diesmal in eigener Mission.

Tief in den Wäldern Michigans: Vier Verbrecher sind auf der Flucht, einen weiteren Mann haben sie in ihre Gewalt gebracht. John Milton jagt die Männer gnadenlos durch die Wildnis, doch er ahnt bereits, dass dies noch nicht das Ende ist. Und sein Instinkt täuscht ihn nicht: Bald schon sieht er sich einer ungeahnten Übermacht gegenüber – und führt einen Kampf auf Leben und Tod.

Erschienen am 12.01.2017
Übersetzer: Andrea Brandl
480 Seiten, Broschur
ISBN 978-3-492-30995-0
Erschienen am 12.01.2017
Übersetzer: Andrea Brandl
480 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-492-97536-0

Leseprobe zu »Hunt – Sie kriegen dich«

Kapitel 1

Den Mann mit dem schweren Rucksack, der auf dem Seitenstreifen in Richtung Truth marschierte, entdeckte Sheriff Lester Grogan erst, als dieser etwa hundert Meter von ihm entfernt war. Grogan drosselte das Tempo, um ihn sich genauer anzusehen. Von hinten sah er aus wie jeder andere Wanderer, der die Hügellandschaft der Oberen Halbinsel von Michigan durchstreifte. Er wirkte schlank und sehnig, musste aber ziemlich kräftig sein, da er seine Last mühelos zu schultern schien – einen prall gefüllten Rucksack, an dem noch diverse kleinere Taschen [...]

weiterlesen

Kapitel 1

Den Mann mit dem schweren Rucksack, der auf dem Seitenstreifen in Richtung Truth marschierte, entdeckte Sheriff Lester Grogan erst, als dieser etwa hundert Meter von ihm entfernt war. Grogan drosselte das Tempo, um ihn sich genauer anzusehen. Von hinten sah er aus wie jeder andere Wanderer, der die Hügellandschaft der Oberen Halbinsel von Michigan durchstreifte. Er wirkte schlank und sehnig, musste aber ziemlich kräftig sein, da er seine Last mühelos zu schultern schien – einen prall gefüllten Rucksack, an dem noch diverse kleinere Taschen hingen, sowie ein Gewehr, das er quer darübergeschnallt hatte.

Grogan schloss zu ihm auf, fuhr im Schritttempo weiter und ließ das Beifahrerfenster herunter.

»Alles klar so weit ?«

Der Mann blieb stehen und sah zu ihm herüber. »Ja, wieso ?«

Grogan musterte ihn kurz. Der Fremde wirkte ungepflegt und abgerissen. Die dunklen verfilzten Haare reichten ihm bis zu den Schultern, und er trug einen dichten, zotteligen Bart. Seine Kleidung war schmutzig, die Jeans an den Säumen ausgefranst und x-mal geflickt, die Wanderschuhe starrten von Schlamm und Staub. Er hatte die kältesten und blauesten Augen, die Grogan jemals gesehen hatte. Ein eisiges Feuer schien in ihnen zu lodern, und während der Mann seinem Blick begegnete, spürte Grogan, wie leises Unbehagen Besitz von ihm ergriff.

»Lester Grogan«, stellte er sich vor. »Sie kommen bald nach Truth. Noch zwei Meilen an dieser Straße entlang.«

»Ich weiß.«

»Und ich bin der Sheriff.«

Der Mann nickte nur.

»Und Ihr Name, mein Freund ?«

»John.«

»John ?« Er brauchte einen Namen, den er durch den Computer jagen konnte.

»Genau.«

»Haben Sie auch einen Nachnamen ?«

»Klar.«

Allmählich ging Lester das Geplänkel auf den Geist. »Dürfte ich ihn vielleicht erfahren ? Oder wollen Sie mich weiter auflaufen lassen ?«

»Habe ich irgendwas verbrochen ?«

»Nicht dass ich wüsste. Trotzdem würde ich ganz gern erfahren, wen ich in meiner Stadt begrüßen darf.«

»Milton.«

»Okay, Mr. Milton, sehr erfreut. Und was machen Sie hier ?«

»Ich wandere.«

»Sie wandern ?«

»Exakt.«

»Wo kommen Sie denn gerade her ?«

»Aus Trout Creek.«

»Und wo wollen Sie hin ?«

Der Rucksack wippte auf seinen Schultern, als der Mann die Achseln zuckte. »Weiß ich noch nicht«, erwiderte er. »Mal sehen, wo ich lande.«

Lester Grogan war seit zwanzig Jahren im Polizeidienst und hatte dabei stets auf seinen Instinkt vertraut. Und dieser Typ ließ bei ihm sämtliche Alarmglocken schrillen: Er war maulfaul, er war patzig, er sah aus wie ein Penner. All diese Eigenschaften bestätigten seinen ersten Eindruck, und der Gedanke, dass der Bursche in seine Stadt wollte, bereitete ihm ernsthafte Bauchschmerzen.

»Haben Sie vor, sich länger in Truth aufzuhalten ?«

»Ich werde mir den Ort mal ansehen.«

»Soll ich Sie ein Stück mitnehmen ?«

Der Mann schüttelte den Kopf. »Nein danke.«

Lester öffnete die Beifahrertür. »Im Ernst«, sagte er. »Kommen Sie schon. Und nehmen Sie den Rucksack ab.«

»Nicht nötig, Sheriff.«

»Steigen Sie ein, Mr. Milton.«

Abermals fixierte ihn der Mann mit seinen kalten blauen Augen, und einen Moment lang erwog Grogan, ob er es darauf ankommen lassen sollte. Doch ausgerechnet in der Sekunde, als Lester Grogan nach seinem Revolver greifen wollte, streifte Milton den Rucksack von den Schultern, öffnete die hintere Tür und hievte ihn auf den Rücksitz. Er machte das Gewehr los, platzierte es behutsam neben seiner Tasche und stieg auf den Beifahrersitz.

»Okay«, sagte Lester. »Dann mal los.«

 

Lester Grogan fuhr über den schnurgerade nach Westen verlaufenden Highway 28 in Richtung Truth. Sie kamen an den Briefkästen vor den großen Villen am Ortseingang vorbei, am Hinweisschild zum Indoorspielplatz und am Einkaufszentrum mit der Tankstelle, dem Quadverleih und der erst kürzlich eröffneten Pizza-Hut-Filiale. Er lebte hier, seit er aus dem Golfkrieg zurückgekehrt war, und er kannte den Ort und das Umland wie seine Westentasche, die kleinen Läden und Betriebe ebenso wie die Wälder am Stadtrand.

Sie fuhren über die Kreuzung, wo der alte McDonald letzte Woche mit seinem Pick-up in einen UPS-Transporter geknallt war, und an Johnny’s Bar vorbei, wo Lester am Vorabend eingeschritten war, weil Thor Bergstroms Junge und zwei Wanderer nach ein paar Gläschen zu viel die Fäuste hatten sprechen lassen. Lester Grogan war nichts Menschliches fremd.

Truth war ein hübsches, beschauliches Örtchen mit gut tausend Einwohnern, in dem es für gewöhnlich ausgesprochen friedlich zuging. Als Polizist stand man hier jedenfalls vor keinen besonderen Herausforderungen. Lester neigte nicht zur Angeberei, war aber fest davon überzeugt, dass sich die hiesige Geruhsamkeit vor allem seinem Berufsethos verdankte. Er behielt stets den Überblick und pflegte Probleme von vornherein im Keim zu ersticken. Dafür wurde er schließlich auch bezahlt, und er war stolz darauf, dass er alles bestens im Griff hatte.

Die Ampel sprang auf Rot, und Lester hielt an.

»Also«, sagte er, den Blick auf die Ampel gerichtet. »Wo kommen Sie her ?«

»Heute hier, morgen dort«, erwiderte der Fremde.

»Gesprächig sind Sie ja nicht gerade.«

»Weil ich nichts zu erzählen habe.«

»Ihr Akzent … Sind Sie Engländer ?«

»Ja.«

»Diesen Zungenschlag kriegen wir hier in der Gegend nicht allzu oft zu hören.«

Milton schwieg.

Je länger Lester sich in der Gesellschaft des Fremden befand, desto unwohler fühlte er sich. Zunächst hatte er gedacht, er hätte es mit einem Landstreicher zu tun. Mit jemandem, der nicht in die Idylle ihres schönen Städtchens passte. Doch nachdem er ein paar Worte mit ihm gewechselt hatte, befiel ihn das untrügliche Gefühl, dass dieser John Milton Ärger verhieß. Er war undurchsichtig, verschlossen bis zur Unhöflichkeit, und sein Verhalten machte Lester nervös. Der Kerl hatte ganz offensichtlich etwas zu verbergen. Und Typen wie John Milton hatten in seiner Stadt definitiv nichts zu suchen.

Die Ampel sprang auf Grün um. Statt nach rechts ins Ortszentrum abzubiegen, fuhr Lester weiter geradeaus. Milton sah über die Schulter, während das freundliche Städtchen hinter ihnen verschwand. Als er sich wieder zu Lester umdrehte, schien ihm irgendetwas auf der Zunge zu liegen. Lester spitzte die Ohren, doch dann hatte es sich der Fremde offenbar anders überlegt. Ein schmales Lächeln huschte über sein Gesicht, dann hüllte er sich weiter in Schweigen.

Kurz darauf passierten sie das Schild mit der Aufschrift: »Sie verlassen jetzt Truth – kommen Sie bald wieder !« Nun herrschte kein Zweifel mehr, was hier gerade lief. Milton schwieg nach wie vor. Lester fuhr noch eine Meile weiter, bis links von ihnen das Blau des East Lake zu sehen war, dann erst ging er vom Gas. Kiesel knirschten unter den Reifen, als er auf einen Schotterparkplatz fuhr, der zu dem weiter unten gelegenen Campinggelände gehörte.

Lester schaltete den Motor aus. »Ich hoffe, ich konnte Ihnen behilflich sein.«

Milton stieg aus. Dann öffnete er die hintere Tür und nahm seine Ausrüstung vom Rücksitz.

»Da unten ist ein Campingplatz.« Lester deutete in Richtung Seeufer. »Die Übernachtung kostet einen Zehner oder so. Falls es irgendwelche Probleme geben sollte, berufen Sie sich auf mich, Sheriff Lester Grogan. Dann drücken sie auf jeden Fall ein Auge zu.«

Milton gab immer noch keinen Ton von sich.

»Schönen Abend noch«, sagte Lester und schloss die Beifahrertür. Dann ließ er das Fenster herunter. »Passen Sie auf sich auf.«

Milton schob den rechten Arm durch den Tragegurt seines Rucksacks und warf ihn sich über die Schulter. Er nahm seine Waffe und sah den Sheriff an. »Also dann. Man sieht sich.«

Lester wollte gerade losfahren, hielt aber inne. Er lächelte den Fremden an, und seine Stimme klang stählern, als er erwiderte: »Nein, ganz bestimmt nicht.«

Dann startete er den Wagen und legte den Rückwärtsgang ein. Es wurde schnell dunkel. Die Scheinwerfer sprangen automatisch an, und die Insekten tanzten im grellen Licht, das über den See huschte. Der Schotter knirschte unter den Reifen, als Lester auf die Straße setzte und zurück nach Truth fuhr.

 

Kapitel 2

 

Milton blickte den Rücklichtern des Streifenwagens hinterher, der noch eine halbe Meile geradeaus fuhr, bis die Straße einen Bogen nach links machte und ihn das Dunkel der Bäume zu verschlucken schien. Das Aufeinandertreffen mit dem Sheriff hatte etwas beinahe Komisches gehabt. Er sah an sich hinunter. Er mochte tatsächlich schmuddelig und verwahrlost wirken, aber die letzten Wochen hatte er in der Wildnis zugebracht, wo Luxus eher die Ausnahme war. Was erwarteten die Leute in einer Gegend wie dieser ? Einen tadellosen Haarschnitt und manikürte Nägel ? Einen Anzug mit Krawatte ?

In Ohio hatte der ganze Ärger angefangen, und er war zu dem Entschluss gelangt, dass es am klügsten war, möglichst schnell das Weite zu suchen. In Akron hatte er alles besorgt, was er brauchte, und sich dann durch die Wildnis geschlagen, am südlichen Ufer des Eriesees entlang, ehe er in Toledo nach Norden abgebogen und dem See bis nach Michigan gefolgt war. Den Großteil der Strecke hatte er zu Fuß zurückgelegt, nur ab und zu war er ein paar Meilen getrampt. Von Städten hatte er sich tunlichst ferngehalten und sich abgelegene Schlafplätze gesucht, wo er sein Zelt aufstellen konnte. Der Marsch hatte sich als überaus friedliches Erlebnis entpuppt – genau das Richtige, um den Aufruhr in seinem Innern in den Griff zu bekommen.

Die lange Wanderung hatte ihn an seine Zeit bei der Armee erinnert, vor allem an die Ausbildung in Brecon Beacons – lange Tage und Nächte, in denen er sich durch die Wildnis geschlagen und sich vor den anderen Soldaten versteckt hatte, die ihn aufzustöbern versuchten. Schon damals war es ihm leichtgefallen, im Verborgenen zu bleiben, und es freute ihn, dass er seitdem nichts von seinen Fähigkeiten eingebüßt hatte. Sein altes Leben als Mitglied der Group hatte ihm öfter mal Entspannungsphasen zwischen zwei Einsätzen beschert, doch dann war er wieder gezwungen gewesen, sich in einer Nobelherberge einzuquartieren, damit ihn die Zielpersonen, die er eliminieren sollte, möglichst nicht bemerkten. Übertriebener Protz und Prunk waren noch nie sein Ding gewesen, ganz im Gegenteil: In den letzten Tagen hatte er festgestellt, dass dieses schlichte, ehrliche Leben genau das war, was er in Wahrheit brauchte.

Während er weiter in Richtung Norden quer durch den Straits State Park gegangen war, hatten die Regenfälle eingesetzt. Ein besonders heftiger Guss hatte ihn mitten auf der Straße erwischt. Das Prasseln war so laut gewesen, dass es sogar das Motorengeräusch der Autos übertönt hatte, deren Fahrer seinen ausgestreckten Daumen geflissentlich ignorierten. Innerhalb kürzester Zeit war er nass bis auf die Knochen gewesen. Er hatte sein Zelt aufgeschlagen und sich einen ganzen Tag lang darin verkrochen, doch als absehbar gewesen war, dass sich die Wetterlage nicht nennenswert bessern würde, hatte er seine Sachen gepackt und war weitergezogen. Er musste in Bewegung bleiben, und wenn dies mit gewissen Beschwerlichkeiten verbunden war, ließ sich das nicht ändern.

Auf seinem Weg nach Norden hatte es immer weiter geregnet. Die Pfade hatten sich in schlammige Rutschbahnen verwandelt, und er hatte sich vor Sturzfluten in Acht nehmen müssen, weil eben noch trockene Flussbetten mit beängstigender Geschwindigkeit zu reißenden Strömen geworden waren. Sein Plan war gewesen, bis zur Staatsgrenze von Wisconsin vorsichtshalber keinen längeren Aufenthalt in einer Stadt einzulegen. Er war sich sicher, dass er es schaffen würde, ohne der Versuchung nachzugeben. Die Wildnis hatte sein Bedürfnis nach Alkohol geschwächt, und er fühlte sich stabil genug. Die Karte verriet ihm, dass Truth direkt auf seiner Route lag, und mit einem Mal war die Aussicht auf eine warme Mahlzeit, ein heißes Bad und ein sauberes Bett geradezu unwiderstehlich.

Und dann das.

Es war einfach unglaublich.

Er ließ den Blick über den Parkplatz, den Pfad zum See und den schmalen Streifen schweifen, der für die Camper reserviert war. Ein einziges Zelt war aufgebaut. Es war groß und stand direkt neben einem Geländewagen mit Allradantrieb. Angler, vermutete Milton. Die Brise wehte Stimmen heran.

Bestimmt konnte er dort unten sein Zelt aufstellen. Der Platz reichte aus, um genug Abstand zu den Anglern halten zu können. Wakewood lag zwanzig Meilen westwärts. Im Schnitt legte er drei Meilen pro Stunde zurück, und wenn er dicht an der Straße blieb, sollte er einigermaßen zügig vorankommen. Er könnte hier sein Lager aufschlagen und wäre, wenn er in aller Frühe aufbrach, schon um die Mittagszeit dort.

In diesem Moment ertönte ein Donnergrollen, Sekunden später erhellte ein gewaltiger Blitz den Himmel, und die ersten dicken Tropfen fielen. Wieder zuckte ein Blitz, gefolgt von einem lauten Donnerschlag, diesmal deutlich näher. Milton beschloss, seine Pläne zu ändern. Er würde sich doch von einem voreingenommenen Hinterwäldler-Cop nicht vorschreiben lassen, wo er Rast machen durfte.

Also rückte er die Gurte seines Rucksacks zurecht, hob sein Gewehr auf und machte sich auf den Weg zurück nach Truth.

 

Für die Strecke von einer Meile brauchte er zwanzig Minuten. Mittlerweile goss es wie aus Kübeln. Eine regelrechte Sintflut, die mit jeder Minute heftiger zu werden schien. Er kam an dem »Willkommen in Truth«-Schild am Ortseingang vorbei und ging weiter bis zur Kreuzung, wo sie zuvor an der roten Ampel gehalten hatten. Er hatte genau aufgepasst und wusste, wo sich das Zentrum der Kleinstadt befand. Der Regen prasselte immer noch auf den Asphalt. Er überquerte die Straße und ging nach Norden. Nach einer weiteren halben Stunde hatte er das Zentrum von Truth erreicht.

Lächelnd musste er daran denken, wie angenehm es war, sich nicht an die Abläufe halten zu müssen, die so viele Jahre lang Teil seines Alltags gewesen waren. Normalerweise hätte er beim Betreten einer Stadt einen sogenannten Surveillance Detection Run durchgeführt – ein Routineverfahren, mit dem er feststellen konnte, ob ihm vielleicht jemand gefolgt war. Das war nun nicht länger nötig, aber alte Gewohnheiten legte man nicht so leicht ab.

Truth war eine Kleinstadt, wie sie im Buche stand. Es gab zwar alles, was man brauchte, aber eben auch nicht mehr: zwei Hotels, ein paar Restaurants, eine Handvoll Bars. Und dem Zustand der Häuser und den billigen, flackernden Neonschildern nach zu schließen, lief keines der Lokale sonderlich gut. Orte wie diesen hatte Milton auf seinem Marsch mehr als genug gesehen – dieser Teil von Michigan war eine Arme-Leute-Gegend. An den Straßenecken lungerten junge Männer herum und warfen ihm drohende Blicke zu. Verwahrloste Jugendliche und Schulabbrecher, die mit vergammelten Rostlauben oder altersschwachen Motorrollern herumkurvten, Bier tranken und Zigaretten rauchten, die sie sich eigentlich gar nicht leisten konnten, mexikanisches Dope schnieften und darauf warteten, irgendeine Scheiße zu bauen, die sie für mehrere Jahre hinter Gitter bringen würde.

Häuser waren zum Verkauf ausgeschrieben, auch wenn es keinerlei Hoffnung gab, dass sie jemals den Besitzer wechseln würden. Auf seiner langen Wanderung hatte Milton weder einen Lexus noch einen Mercedes zu Gesicht bekommen. Vor den Waschsalons und Billigsupermärkten standen nur verbeulte Fords und alte Chevys. Die verstreuten Gehöfte trugen Namen wie Hope Ranch oder Last Chance – ohne jede Spur von Ironie.

Er betrat einen Waschsalon, der noch offen hatte, und fragte nach dem nächsten Hotel. Die Angestellte schickte ihn ein Stück die Straße hinauf, dann nach rechts. Wenige Minuten später stand Milton vor dem Gebäude, das die nur flackernden Leuchtbuchstaben über der Tür als Perkins Village Inn auswiesen. Er trat ein und wischte sich die Regentropfen aus dem Gesicht.

Das Mädchen hinter der Rezeption musterte ihn angewidert. Milton runzelte die Stirn, als ihm bewusst wurde, wie er inzwischen aussehen musste.

»Hallo«, sagte er. »Ich brauche ein Zimmer.«

»Für wie lange ?«

»Eine Nacht.«

Das Mädchen kaute mit gelangweilter Unbekümmertheit ihren Kaugummi weiter und tippte etwas in die Tastatur. »Geht klar«, sagte sie. »Wir haben noch was frei. Macht fünfzig Mäuse. Bezahlung im Voraus.«

Milton öffnete den Reißverschluss seines wasserdichten Gürtels, zog ein Geldbündel heraus und zählte zwei Zwanziger und einen Zehner auf den Tresen. Das Mädchen legte das Geld in die Kasse und nahm einen Schlüssel von einem Wandbrett.

»Zimmer zwölf«, sagte sie. »Am Ende des Flurs nach rechts, dann gleich auf der linken Seite.«

Milton dankte ihr, nahm seinen Rucksack und das Gewehr und ging den Flur hinunter. Das Hotel war alt und heruntergekommen, der Teppich fleckig, und das Mobiliar hatte eindeutig schon bessere Zeiten gesehen. Es schien keine anderen Gäste zu geben, und auch der Parkplatz vor dem Haus war leer. Aber das war ihm egal.

Er schloss die Tür zu seinem Zimmer auf und betrat den trostlosen Raum. Die Wände hatten Löcher im Putz, außerdem verlief ein länglicher Streifen von der Decke abwärts, wo es offenbar durch ein Loch im Dach hereingeregnet hatte. Der Teppichboden war feucht, an den Fußleisten entdeckte er Schimmelflecken, und der Vorhang hatte einen langen Riss. Unter einem Bein des Schreibtischs klemmte ein zusammengelegter Bierdeckel, und die Matratze war durchgelegen. Das Bettzeug jedoch schien sauber zu sein, und er konnte nirgendwo Ungeziefer entdecken. Für eine Nacht würde es schon gehen.

Wieder verspürte er den gewohnten Drang, den Raum auf Kameras und Wanzen abzusuchen. Aber auch das war überflüssig. Niemand suchte nach ihm. Er war ein Herumtreiber, kaum eines zweiten Blickes würdig. Zumindest war das sein Ziel, auch wenn der Ärger mit dem Sheriff den Verdacht nahelegte, dass er es noch nicht ganz erreicht hatte.

Milton stellte den Rucksack ab, legte das Gewehr hin und zog seine nassen Sachen aus. Er würde sie morgen in den Waschsalon bringen. Am Wasserhahn befand sich ein Duschkopf, allerdings war die Halterung abgebrochen, außerdem gab es keinen Vorhang, um zu verhindern, dass das Wasser auf die schmutzigen Fliesen spritzte. Er stieg in die Wanne, drehte den Hahn auf und ließ das lauwarme Wasser über seinen Körper laufen. Je länger es lief, umso wärmer wurde es, und nach zwei Minuten war es brüllend heiß. Milton seifte sich von oben bis unten ein, ehe er sich Kopf und Bart mit dem Shampoo wusch.

Danach drehte er den Hahn ab, trat aus der Wanne und trocknete sich vor dem Spiegel ab. So sauber und erfrischt war er schon lange nicht mehr gewesen. Mit der Hand strich er über seinen Bart, der inzwischen ziemlich dicht und lang war und sich nun, da er das Gesicht gewaschen hatte, recht weich anfühlte. Er hatte auch schon früher Bart getragen, in der Armee, so wie fast alle Soldaten. Sein Erscheinungsbild war ein Grund dafür, dass der Sheriff vorhin nicht gerade zimperlich mit ihm umgesprungen war, das war Milton bewusst, störte ihn aber nicht weiter.

Er nahm seinen Rasierer aus dem Rucksack, verteilte großzügig Seife in seinem Bart und begann, die Klinge mit behutsamen Bewegungen von der Wange bis zum Kinn zu ziehen. Wieder und wieder wusch er sie ab, bis der Großteil der Haare abrasiert war. Als Rechtshänder war die Gefahr am größten, sich unterhalb des linken Ohrs zu schneiden. Er machte weiter, sorgsam darauf bedacht, nur so viel Druck wie unbedingt nötig auf die Klinge zu geben. Prompt schnitt er sich, doch die Wunde war winzig, und da er die Klinge regelmäßig abgespült hatte, war das Risiko einer Entzündung minimal.

Hinterher nahm er sein Werk in Augenschein – es war halbwegs gelungen und würde für den Moment genügen müssen. Vielleicht kam er ja zufällig bei einem Friseursalon vorbei, wo er sich nicht nur anständig rasieren, sondern auch seine wilde Mähne stutzen lassen konnte.

Vielleicht.

Er trat vor seinen Rucksack – ein teures Modell mit erstklassiger Imprägnierung – und nahm frische Kleider heraus. Seine Laune hob sich merklich, als er sich eine trockene Jeans, T-Shirt und Socken anzog. Nur seine Stiefel waren noch schmutzig. Er nahm die Gratistageszeitung vom Schreibtisch und wischte die gröbsten Schlammklumpen ab.

Dann schlüpfte er hinein, band die Schnürsenkel und überlegte, was er am liebsten essen würde. Ein leckeres Steak mit den üblichen Beilagen. Allein bei der Vorstellung lief ihm das Wasser im Mund zusammen.

 

Das Mädchen an der Rezeption verfolgte gelangweilt eine Simpsons-Folge in einem tragbaren Fernseher mit grauenhaft schlechtem Bild, der wie ein Relikt aus den Achtzigern aussah.

»Wo kriege ich hier etwas Anständiges zu essen ?«, fragte Milton.

Sie zeigte in Richtung Tür. »Im Johnny’s. East Helen Street. Fünf Minuten von hier.«

»Danke.«

Milton machte sich auf den Weg. Der Regen hatte aufgehört, allerdings zogen immer noch dicke Wolken über den Himmel, die ahnen ließen, dass noch mehr kommen würde. Er gelangte in ein Viertel, das aussah, als wäre hier früher die Industrie von Truth angesiedelt gewesen. Es gab mehrere halb verfallene Lagerhäuser, auch hier mit den obligatorischen, längst verwitterten »Zu Verkaufen«-Schildern. Eine einzelne Straßenlaterne tauchte die Überbleibsel eines abgerissenen Gebäudes in trübes, gespenstisches Licht.

Die Zinn- und Kupfervorkommen in den Bergen ringsum hatten der Gegend über Jahre hinweg eine stabile Industrie beschert, bis der Abbau zu teuer geworden war und die ausländischen Importe die Preise zu sehr gedrückt hatten, um die Wirtschaftlichkeit der hiesigen Minen noch länger zu gewährleisten. Damit war der Tourismus wieder zur Haupteinnahmequelle der Region geworden, der jedoch starken saisonalen Schwankungen unterlag.

Milton ging die Straße entlang bis zu einem einstöckigen Gebäude mit Holzvertäfelung, Buntglasfenstern und einem Schieferdach. Johnny’s Bar, stand in weißen Buchstaben auf einem roten Schild.

Auf der Schwelle blieb er stehen. Natürlich war ihm klar gewesen, dass hier auch Alkohol ausgeschenkt werden würde. Und er war zu dem Schluss gelangt, dass er einen Restaurantbesuch schaffen würde. Er würde sich einfach etwas zu essen bestellen und dann wieder gehen. Allerdings war er auf ein Restaurant gefasst gewesen, nicht auf eine Bar, in der feste Nahrung höchstens als Dessert in Betracht kam. All die Sprüche, die er bei den Treffen der Anonymen Alkoholiker gehört hatte, kamen ihm wieder in den Sinn – dass kein Trinker trocken bleiben konnte, wenn er sich ununterbrochen den Versuchungen aussetzte.

Wenn du kein Dompteur bist, hast du im Löwenkäfig nichts zu suchen.

Er dachte daran zurück, was in Ohio vorgefallen war. Wie nahe er daran gewesen war, sich einen Drink hinter die Binde zu kippen. Er hatte in einer Bar gesessen, und es war ihm als das Natürlichste auf der Welt erschienen, sich einen Whiskey zu bestellen. An diesen Moment erinnerte er sich mit einer Klarheit, als wäre es gestern gewesen: das niedrige Glas vor ihm auf dem Tresen, das Eis, das klirrend in der schimmernden bernsteinfarbenen Flüssigkeit schwamm. Die Versuchung war schier übermächtig gewesen.

Er versuchte, diese Grübeleien zu unterlassen. Früher mochte er anfälliger gewesen sein, doch die Zeit des Alleinseins hatte die Schutzmauern erneuert und gestärkt, die er um sich errichtet hatte, um den Versuchungen zu widerstehen. Zumindest hatte es ihm geholfen, die Schuldgefühle, die seit zehn Jahren auf ihm lasteten, in den Griff zu bekommen, ohne dafür zur Flasche zu greifen.

Und er hatte Hunger.

Wenn er etwas Anständiges in den Magen bekommen wollte, blieb ihm keine andere Möglichkeit als diese Bar.

Wieder grollte der Donner, direkt über ihm und so heftig, dass die Verandalampe über seinem Kopf kurz flackerte. Das war der ermutigende Schubs, den er brauchte. Er öffnete die Tür und trat ein.

 

Kapitel 3

 

Lester Grogan verließ mit seinem roten Chevrolet Silverado den Parkplatz der Schule. Auf dem Beifahrersitz hockte sein Ältester, Billy, und starrte verdrossen vor sich hin, als trüge allein sein Vater die Schuld an all seinen Problemen. Was nicht der Fall war, auch wenn Lester zwischenzeitlich immer wieder Zweifel befielen.

Vor einer Stunde hatte Lester den Anruf bekommen: Billy und ein paar seiner Freunde seien erwischt worden, als sie ins Chemielabor der Schule einbrechen wollten. Lesters Stellvertreter, Morten Lundquist, war auf einem Einsatz. Er hätte dafür gesorgt, dass der Vorfall diskret behandelt worden wäre und der Junge Hausarrest bekommen hätte und keine Anzeige, die vielleicht sogar in Billys Vorstrafenregister erscheinen würde.

Aber das ging nun nicht mehr.

Das Problem dabei war, dass ausgerechnet der Rektor die Jungs erwischt und die Polizei alarmiert hatte.

Der Mann hieß Peter Lyle und war bekannt dafür, dass er seine Frau verprügelte. Vor sechs Monaten war Lester zu ihnen nach Hause gerufen worden und hatte die Ehefrau mit blutender Nase im Garten hinter dem Haus vorgefunden. Wenn es eines gab, was Lester auf den Tod nicht ausstehen konnte, dann waren es Männer, die ihre Frauen verprügelten. Er hatte die Tür eingetreten und den Mann am Kragen aus dem Haus gezerrt. Möglicherweise hatte seine Faust auch seine Schläfe erwischt, als er ihm Handschellen angelegt hatte. Vielleicht hatte er in seinem Bericht auch einen gewissen Widerstand gegen die Festnahme erwähnt, obwohl sich der Rektor ehrlich gesagt recht fügsam gezeigt hatte. Lesters Einschätzung nach war jedoch eine geplatzte Lippe das Mindeste, was ein Dreckskerl wie Peter Lyle verdiente.

Lester war bitter enttäuscht gewesen, als die Ehefrau sich geweigert hatte, Anzeige zu erstatten.

Und noch viel enttäuschter war er gewesen, als sich der Schulrat geweigert hatte, den Mann fristlos zu entlassen.

Lesters Frau hatte schon geahnt, dass es Ärger geben könnte, weil Billy kurz darauf auf Lyles Schule kam. Und sie sollte recht behalten: Rektor Lyle tat alles, was er nur konnte, um es Lester heimzuzahlen. Billys Noten verschlechterten sich schlagartig, und selbst kleinste Verstöße gegen die Vorschriften wurden mit drakonischen Strafen geahndet. Lester war die ganze Zeit schon drauf und dran gewesen, Lyle einen Besuch abzustatten – ob er mit ihm Frieden schließen oder ihn warnen würde, dass er als Polizist ihm das Leben mächtig schwer machen konnte, wusste er noch nicht, aber nun hatte Billy seinem Gegner die perfekte Vorlage geliefert.

»Was hast du dort getrieben ?«, fragte Lester, als er die Stille nicht länger ertrug.

»Nichts«, brummte der Junge.

»Du hast die Scheibe eingeschlagen.«

»War ich nicht.«

»Dann eben jemand anderes.«

»Joey.«

»Aber dir ist trotzdem klar, dass er behaupten wird, du wärst verantwortlich dafür, oder ? Es genügt ja schon, dass du dabei warst.«

Der Junge schüttelte kaum merklich den Kopf und starrte weiter geradeaus.

»Was ist mit dem Joint ? War der von dir ?«

»Nein.«

Lester seufzte. »Wem hat er dann gehört ?«

»Komm schon, Dad, dreimal darfst du raten, wer den da hingelegt hat.«

Lester löste kurz den Blick von der Straße und sah Billy an. »Machst du Witze ?«

Der Junge schwieg und hob zynisch die Brauen.

»Verdammte Scheiße !«, schrie Lester und schlug mit der Faust aufs Armaturenbrett.

Billy zuckte zusammen und starrte wieder nach vorn.

»Dir ist klar, dass du ihm damit genau die Chance gegeben hast, auf die er die ganze Zeit gewartet hat, oder ?«, rief Lester. »Wie konntest du so etwas Schwachsinniges tun ?«

Der Rest der Fahrt verlief in angespanntem Schweigen. Schließlich hielt Lester vor ihrem zweigeschossigen Haus.

»Sag deiner Mutter, dass ich noch mal wegmuss.«

»Ja, genau«, ätzte der Junge. »Geh nur und lass dich volllaufen. Das löst ja jedes Problem.«

Lester wollte ihn zusammenstauchen, doch der Junge war bereits ausgestiegen, schlug die Tür zu und stapfte die Einfahrt hinauf. Zornig legte er den Gang ein und fuhr in die Stadt.

 

In Johnny’s Bar traf Lester auf Leland Mulligan, einen seiner Deputys. Sie setzten sich an den Tresen und sahen sich bei einer Flasche Budweiser ein Footballspiel an. Leland versuchte ihm ein Gespräch über das neue Motorrad aufs Auge zu drücken, das er sich kaufen wollte.

In der Bar herrschte ungewöhnlich viel Betrieb: Stammgäste, alte Säcke, die nichts Besseres mit sich anzufangen wussten, als ihre Leber in Alkohol einzulegen und sich zu beschweren, dass es immer beschissener auf der Welt zuging. Ein Tisch wurde von den vier Jägern mit Beschlag belegt, die er am Morgen gesehen hatte, als er in die Stadt gefahren war. An einem anderen saßen drei weitere Gäste: die beiden FBI-Agenten, ein Mann und eine Frau, die wegen einiger Bankräuber herumschnüffelten, die in der Gegend ihr Unwesen trieben, und Mallory Stanton, die Schwester des Schwachkopfs, mit dem er vor fünf Jahren mal mächtigen Ärger gehabt hatte. Daher lauschte Lester seinem Kollegen nur mit einem Ohr, als dieser versuchte, ihm ein Urteil über die Vorzüge von Kawasaki- oder Suzuki-Quads abzunötigen.

»Ja, ich weiß, dass das alles japanische Reiskocher sind«, erklärte Leland. »Du wirst sagen, sie sind teuer im Unterhalt, und ich soll lieber eine amerikanische Marke wie Polaris nehmen, aber die haben mir nun mal einen Bombenpreis gemacht, deshalb muss ich mir das echt überlegen.«

Lester brummte eine Erwiderung und blendete Leland wieder aus, während er die beiden Agents beobachtete. Gleich nach ihrer Ankunft vor zwei Wochen hatten sie ihn aufgesucht und ihm erklärt, was sie vorhatten. Die beiden waren in einem riesigen GMC Denali angerauscht, einem dieser Luxus-SUVs, der garantiert fünfzig Riesen gekostet hatte und für die Straßen hier etwa so praktisch war wie Sandalen bei einem Meter Schnee. Sie kamen aus Detroit und hatten dieselbe Großstadtarroganz an sich, die Lester von den Touristen kannte, die hier einfielen, um zu jagen und zu angeln: eine unausgesprochene Gewissheit, dass Lester sofort springen würde, wenn sie bloß »Piep« sagten.

Er war mit den Gedanken immer noch bei den beiden FBI-Leuten, als die Tür aufging und John Milton eintrat. Er erkannte ihn auf Anhieb wieder, auch wenn er geduscht, sich den Bart abrasiert und frische Kleider angezogen hatte. Milton ließ seinen eisig blauen Blick durch den Raum schweifen, blieb kurz an Lester hängen, dann sah er weg. Lester spürte Wut in sich aufsteigen. Der Mann setzte sich einfach über seine Anweisungen hinweg. Dabei war er der Sheriff, ein Gesetzeshüter. Vielleicht hatte er sich ja nicht klar genug ausgedrückt, nicht so deutlich, dass jegliches Missverständnis ausgeschlossen war.

Oder vielleicht wollte der Typ einfach nicht hören.

Egal. Lester wusste, dass man sich als anständiger Polizist nicht erlauben durfte, Ungehorsam durchgehen zu lassen. Er kannte Milton zwar nicht, mit diesem Typ Mann hatte er allerdings Erfahrung – sie waren Besserwisser, die sich einbildeten, sie könnten tun und lassen, was ihnen gerade in den Sinn kam. Wenn man Typen wie ihm den kleinen Finger reichte, lag man praktisch schon quer über der Tischplatte.

Das konnte Lester unmöglich durchgehen lassen.

Gerade als er aufstehen und zu ihm hinübergehen wollte, erhob sich einer der Agents – Wilson ? Carlson ? – und setzte sich neben Lester.

»’n Abend, Sheriff.«

Lester nippte an seinem Bier und musterte den FBI-Mann argwöhnisch. »’n Abend.«

»Ich dachte, ich sollte Ihnen sagen, dass wir morgen früh aufbrechen.«

Clayton. Richtig, so hieß er. Special Agent Orville Clayton. Mittleren Alters, ergrauender Schnauzer, könnte ein paar Pfund weniger auf den Rippen haben.

»Haben Sie gefunden, wonach Sie suchen ?«

»Wir haben getan, was wir konnten.«

»Dann sind Sie also auch endlich zu der Ansicht gelangt, dass diese Jungs nicht hier sind ?«

»Es sieht zumindest nicht danach aus.«

»Ich hab’s Ihnen ja gleich gesagt.«

»Wenn wir einen Tipp kriegen, müssen wir der Sache nun mal nachgehen, Sheriff.«

Lester sah über die Schulter. Milton hatte sich inzwischen auf einen der Plätze für die Gäste gesetzt, die essen wollten, und die Kellnerin, ein hübsches Ding namens Clementine, nahm seine Bestellung auf.

»Bevor wir aufbrechen, muss ich noch etwas loswerden«, fuhr der Agent fort.

»Ich höre.«

»Wir haben uns die ganze Zeit nicht sonderlich willkommen gefühlt, Sheriff. Wir hatten beide das Gefühl, als wären Sie nicht allzu erfreut, uns hier zu haben.«

»Das liegt daran, dass Sie nicht auf mich hören wollten, als ich gesagt habe, dass Sie bloß Ihre Zeit verschwenden. Ich habe weder gegen Sie noch gegen Ihre Freundin da drüben etwas, aber ich und auch meine Mitarbeiter halten die gesamte Aktion für reine Zeitverschwendung. Hätten sich diese Burschen tatsächlich hier in den Bergen versteckt, dann hätten wir sie längst gefunden. Wir alle hätten eine Menge Zeit und Energie gespart, wenn Sie gleich von Anfang an auf mich gehört hätten.«

»Das mag ja sein, aber wenn Sie mich fragen, sind wir ein Team und sitzen alle im selben Boot. Und Sie würden gewiss davon profitieren, wenn Sie das im Hinterkopf behielten.«

Lester verdrehte die Augen. Du lieber Gott, was für ein arroganter Idiot. Sie würden gewiss davon profitieren, wenn Sie das im Hinterkopf behielten ? Kurz war er versucht, dem Kerl anständig die Meinung zu geigen, besann sich aber eines Besseren. Damit wäre keinem geholfen. Er und seine hübsche Taschenträgerin würden morgen in ihren superschicken, von seinen Steuergeldern bezahlten Luxusschlitten steigen und in die Stadt zurückfahren, Ende der Geschichte. Was würde es also nützen ?

Nichts.

Nur für seine Stimmung wäre es gut. Als er sich wieder zu Milton umwandte, wurde ihm bewusst, dass er heute noch irgendetwas unternehmen musste, damit die Leute kapierten, dass er – zumindest in dieser Gegend hier – derjenige war, der sagte, wo es langging. Dieser Bursche, der offensichtlich zu dämlich war, um Lesters Anweisung zu befolgen, sollte gleich erfahren, dass er sich zur falschen Zeit am falschen Ort mit dem falschen Bullen angelegt hatte.

 

Milton bemühte sich nach Kräften, die Flaschen hinter dem Tresen zu ignorieren, während er sich ein Steak mit Pommes bestellte und seinen Orangensaft an seinen Platz im Restaurantbereich trug. Er hatte den Sheriff bemerkt und wusste, dass der Sheriff auch ihn gesehen hatte. Einen kurzen Moment überlegte er, ob es vielleicht klüger wäre, sich ein anderes Lokal zu suchen. Er wollte keinen unnötigen Ärger provozieren. Auch sonst hatte er die letzten Jahre alles darangesetzt, möglichst unbemerkt zu bleiben: kein fester Wohnsitz, nichts Schriftliches, keine Kreditkarten. Zwar war durch den Tod von Control und den Einsatz von Michael Pope als neuem Leiter der Group Fifteen sein persönliches Sicherheitsrisiko ein wenig gesunken, aber es war immer schon ein Geheimnis seines Erfolgs gewesen, im Verborgenen zu agieren und möglichst nicht aufzufallen. Daher war es ganz sicher kein besonders schlauer Schachzug gewesen, den Sheriff gegen sich aufzubringen.

Anderseits … na und ?

Was hatte er schon getan ?

Gar nichts.

Er war lediglich auf der Durchreise, wollte etwas zu essen und ein Bett für eine Nacht, mehr nicht.

Am Tisch neben ihm saßen vier Männer, die er reflexartig in Augenschein nahm. Sie trugen teure Outdoorkleidung, wie Angler und Jäger aus der Gegend sie sich wohl kaum leisten würden. Ihre Hände waren sauber und glatt, ohne die typischen Schwielen, wie er sie bei den anderen Gästen bemerkt hatte. Vor der Tür hatte ein teurer Jeep gestanden, der vermutlich einem von ihnen gehörte.

Die Männer ließen es mächtig krachen. Einer von ihnen, ein blonder Typ mit Bauch und brutalem Blick, bestellte gerade mit lauter Stimme eine weitere Runde Bier. Der Barkeeper tauschte einen Blick mit einem seiner Stammgäste, und Milton fragte sich, ob er sich wohl weigern würde, das Bier auszuschenken. Das könnte interessant werden. Doch dann stellte der Barkeeper vier Gläser auf den Tresen und kassierte.

Neben dem Blonden saß ein dünner, rothaariger Typ in einem schwarz-rot karierten Holzfällerhemd. Er hatte strahlend weiße Zähne und massenhaft Sommersprossen im Gesicht. »Ich muss mal pissen«, hörte Milton ihn sagen.

Der Typ stand mühsam auf und navigierte vorsichtig die wenigen Meter von ihrem Tisch zu den Toiletten. Miltons Platz befand sich genau dazwischen. Der Typ schwankte heftig von links nach rechts, als befände er sich auf hoher See. Prompt geriet er ins Stolpern, taumelte zwei Schritte, ehe er gegen Miltons Schulter stieß und quer über die Tischplatte fiel.

»Alles klar ?«, fragte Milton und wollte ihm aufhelfen.

»Du hast mir ein Bein gestellt«, nuschelte der Mann und starrte Milton mit zusammengekniffenen Augen an.

»Nein«, widersprach Milton. »Sie sind gestolpert. Und jetzt helfe ich Ihnen auf.«

Wieder streckte er die Hand aus, doch der Rothaarige schlug sie weg.

Milton befahl sich, Ruhe zu bewahren. »Na gut«, sagte er. »Kein Problem.«

»Kein Problem ?« Der Mann kam wieder auf die Füße und stand, immer noch schwankend, vor Miltons Tisch. »Ich hab kein Problem, Freundchen, aber du hast eines.«

Milton erhob sich ebenfalls und trat vorsichtig einen Schritt zurück, um sich Bewegungsfreiheit zu verschaffen.

Aus dem Augenwinkel registrierte er, dass der Sheriff die Szene beobachtete.

Er hob die Hände. »Ich will keinen Ärger«, sagte er. »Es war ein dummer Zufall. Ihnen geht’s gut. Mir geht’s gut. Nichts passiert. Belassen wir es einfach dabei, ja ?«

»Und was ist, wenn ich es nicht dabei belassen will ?«

»Es wäre aber besser, Sie täten es.«

»Willst du mir drohen ?«

Miltons Blick fiel auf die Freunde des Mannes. Inzwischen war der Blonde aufgestanden, der noch ein Stück größer war, als Milton angenommen hatte, knapp zwei Meter groß und bestimmt hundertdreißig Kilo schwer. Sein Körperbau war massig, und der gemeine Ausdruck in seinen Augen verhieß nichts Gutes. Die beiden anderen Typen am Tisch waren ebenfalls aufgestanden, schienen jedoch nicht allzu scharf auf Ärger zu sein.

»Ob das eine Drohung sein soll, hab ich gefragt«, wiederholte der Rothaarige.

»Nein, ich sehe bloß keinen Grund, weshalb die Sache ausufern sollte.«

»Wohl die Weisheit mit Löffeln gefressen, du arroganter Sack, was ?« Der Rothaarige holte zu einem Schlag aus, dem Milton mühelos mit einem Schritt nach hinten auswich und dessen Schwung den anderen, als er sein Ziel verfehlte, eine Vierteldrehung um die eigene Achse wirbeln ließ. Milton sah zu, wie der Typ nach hinten wegkippte, und verpasste ihm einen Hieb in die Nieren, sodass er, eine Hand gegen seinen Rücken gepresst, auf die Knie ging.

Nun holte der Blonde zum Schlag aus. Seine riesige Faust streifte Miltons Kopf, traf jedoch nicht richtig. Er wollte sich auf ihn stürzen, als Milton das rechte Knie hob, es dem Blonden ungebremst in die Leiste rammte und ihn schließlich mit einem kurzen linken Haken vollends niederstreckte. Der Mann verlor das Bewusstsein, noch bevor sein Kopf den Boden berührte.

Milton löste die Faust und bewegte die Finger. Der Schlag war härter gewesen als beabsichtigt. Es würde ihn nicht wundern, wenn der Typ beim Aufwachen feststellte, dass sein Kiefer gebrochen war.

Die beiden anderen Jäger hatten zum Rückzug geblasen, nachdem sie mit angesehen hatten, wie ihre Freunde mit zwei Schlägen niedergestreckt worden waren.

Milton nahm sein umgekipptes Saftglas, um sich ein frisches zu holen, wandte sich um und blickte direkt in den Lauf von Sheriff Lester Grogans Waffe.

»Hände hoch«, befahl der Sheriff.

»Ich bitte Sie«, stöhnte Milton.

»Hände hoch.«

Der Sheriff hatte eine SIG Sauer P226 auf ihn gerichtet, und seine entspannte, gut ausbalancierte Körperhaltung ließ darauf schließen, dass er sehr gut damit umgehen konnte.

»Die brauchen Sie nicht«, sagte Milton und deutete auf die Waffe.

»Ich sage es nicht noch einmal.«

Milton hob die Hände. »Und jetzt ?«

»Umdrehen.«

Milton gehorchte, ließ die Arme sinken und streckte die Hände hinter dem Rücken aus.

Der Sheriff legte ihm Handschellen an. »Sie sind festgenommen. Sie haben das Recht zu schweigen. Alles, was Sie sagen, kann vor Gericht gegen Sie verwendet werden. Sie haben das Recht, zu jeder Vernehmung einen Verteidiger hinzuzuziehen. Wenn Sie sich keinen Verteidiger leisten können, wird Ihnen einer gestellt. Haben Sie Ihre Rechte verstanden, Mr. Milton ?«

»Sie überreagieren komplett«, sagte Milton. »Die beiden sind auf mich losgegangen. Jeder hier hat es gesehen.«

Der Sheriff kam näher. »Sie hätten auf mich hören sollen. Ich wusste sofort, dass Sie nur Ärger machen, und mein Bauchgefühl täuscht mich normalerweise nicht. Und siehe da – auch jetzt hat es gestimmt.«

 

Kapitel 4

 

Lester steckte seine Waffe ins Holster und schob Milton Richtung Ausgang. Draußen regnete es in Strömen. Lester stieß einen Fluch aus. Jetzt würde er auch noch nass werden. Er kramte seine Autoschlüssel hervor, entriegelte den Wagen, öffnete die hintere Tür und half Milton beim Einsteigen.

Dann stieg er ebenfalls ein und sah zum Eingang der Bar hinüber. Ein Grüppchen Schaulustiger hatte sich versammelt, darunter die beiden FBI-Agenten. Hinter der Agentin sah er Mallory Stanton, die das Geschehen mit unergründlichem Blick verfolgte. Auch ein paar Stammgäste waren herausgekommen, gingen aber wieder hinein, als sie sahen, dass die Show vorbei war.

Er hörte die Sirene des Rettungswagens, sah das Blaulicht über die Häuser am Ende der Straße zucken.

»Da haben Sie einen echten Volltreffer gelandet«, bemerkte Lester. »Wenn ich mich nicht ganz täusche, haben Sie ihm den Kiefer gebrochen.«

»Tja, da habe ich wohl etwas zu fest zugeschlagen.«

»Auf jeden Fall hätten Sie sich jemand anderen aussuchen sollen. Das sind nämlich Anwälte aus Detroit. Die kommen jedes Jahr hierher zum Angeln und zur Jagd. Befreundet bin ich nicht mit ihnen, dazu sind sie mir zu arrogant, aber Tatsache ist, dass die Sie garantiert verklagen werden, vor allem wenn Sie ihm tatsächlich den Kiefer gebrochen haben.«

»Jetzt machen Sie mal halblang, Sheriff. Ich war wirklich nicht auf Ärger aus. Ich wollte bloß eine Kleinigkeit essen. Sie haben doch selbst gesehen, dass die angefangen haben. Ich habe mich lediglich gewehrt.«

»Möglich«, räumte Lester ein und fuhr los.

Milton schwieg. Ab und zu warf Lester einen Blick in den Rückspiegel. Der Fremde wirkte nicht sonderlich beunruhigt, und seine Miene war genauso undurchdringlich wie am späten Nachmittag. Bislang hatte sich Lester stets auf seine Menschenkenntnis verlassen können, doch in diesem Fall stand er auf komplett verlorenem Posten.

Der Kerl gab ihm Rätsel auf.

 

Das Revier befand sich in der West Harris Street, fünf Minuten von der Bar entfernt. Lester stellte den Wagen auf dem Parkplatz ab, setzte seine Mütze auf – in der vagen Hoffnung, dass sie ihm ein wenig Schutz vor dem Regen bieten würde – , stieg aus und öffnete die hintere Tür. Milton leistete keinen Widerstand und marschierte vor Lester her zum Hintereingang des Gebäudes. Lester schob Milton mit sanftem Nachdruck über die Schwelle und machte Licht. Dann entledigte er sich seiner tropfnassen Jacke, schüttelte sie aus und hängte sie über einen Stuhl.

Sie befanden sich im hinteren Teil des Empfangsbereichs. An einem Schrank lehnten ein paar Metallklappstühle, und an der Wand hingen Plakate, die vor Diebstahl und Einbruch warnten, diverse ältere Fahndungsfotos von Kriminellen, von denen einige längst hinter Schloss und Riegel saßen, sowie ein Porträt des Präsidenten. Eine Tür führte hinunter in den Keller, wo sich die einzige Zelle befand. Hinter einer weiteren Tür lag die Toilette. Die vierte führte in Lesters Büro.

»Hier herein.«

Er knipste das Licht an. Es war ein bescheidenes, spartanisch eingerichtetes Zimmer. Lester war ein Mann der klaren Worte, ein genauso harter Hund wie die Gesetzeshüter, die vor ihm in Truth für Ruhe und Ordnung gesorgt hatten. Er pflegte zwischen Arbeit und Privatleben strikt zu trennen, weshalb er sich keine große Mühe gegeben hatte, dem Büro seinen persönlichen Stempel aufzudrücken. Auf dem Schreibtisch standen zwei gerahmte Fotos, eins von seiner Frau und eins von seinen Kindern, doch das war auch schon alles, was er an Privatem preisgab.

Lester trat hinter Milton und löste die Handschellen.

»Hätten Sie heute Nachmittag so ausgesehen wie jetzt, hätte ich Ihnen wahrscheinlich keinen zweiten Blick geschenkt.«

Milton streckte die Arme und massierte seine Handgelenke. »Sie haben gedacht, ich wäre ein Landstreicher ?«

»Ja. Normalerweise beurteile ich andere Menschen nicht nach ihrem Äußeren, aber in letzter Zeit hat es bei uns diverse Einbrüche gegeben, die auf das Konto von Fremden gehen. Und ich lasse es nicht gern drauf ankommen.«

Milton gab keine Antwort. Stattdessen fasste er einen Rahmen an der Wand ins Auge.

»Sie haben gedient ?«, fragte er.

Lester blickte auf. Was an der Wand über dem Regal mit seinen Schießtrophäen hing, war die einzige Konzession an sein Ego – ein gerahmter Orden.

»Selbstverständlich«, erwiderte Lester.

»Das ist das Navy Cross.«

Lester nickte, ein wenig verblüfft, dass der Fremde so zielsicher erkannt hatte, um was für eine Auszeichnung es sich handelte.

Milton stand auf und trat einen Schritt auf die Wand zu. »Kann ich mal sehen ?«, fragte er.

»Tun Sie sich keinen Zwang an.«

Unter dem Orden stand ein längerer Text, den Milton laut vorlas: »Für außergewöhnliche Verdienste als Platoon Commander der Kompanie D, Erstes Bataillon, Fünfte Brigade, Erste Marine-Division der Fleet Marine Force im Kampfeinsatz im Irak wird First Lieutenant Lester Grogan Jr. das Navy Cross verliehen. Sie waren da drüben ?«

»Dreimal.«

Milton las weiter. »Am 10. Juli 2003 entdeckte First Lieutenant Grogans Platoon während einer Vernichtungsmission im Feindesgebiet einen gut getarnten, aber anscheinend verlassenen Bunkerkomplex. First Lieutenant Grogan befahl seinen Männern, sich in Deckung zu begeben. Als er sich dem ersten Bunker näherte, sah er sich plötzlich drei feindlichen Soldaten mit Handgranaten gegenüber. Er überwältigte einen Soldaten und nahm die beiden anderen mit vorgehaltener Waffe gefangen. Von einem seiner Männer begleitet, näherte er sich dem zweiten Bunker und forderte den Feind auf, sich zu ergeben. Als die feindlichen Soldaten stattdessen eine Granate warfen, die in nächster Nähe von ihm explodierte, feuerte First Lieutenant Grogan seinerseits eine Granate, mit der er zwei Gegner eliminierte und die Bunkeröffnung freilegte. Anschließend rückte er zum dritten Bunker vor, als der Feind erneut eine Granate warf, die in gefährlicher Nähe seines Kameraden landete. First Lieutenant Grogan nahm den Feind unter Beschuss, stieß seinen Kameraden geistesgegenwärtig zur Seite und warf sich schützend über ihn. Obwohl er dabei von herumfliegenden Schrapnellsplittern verletzt wurde, gelang es ihm, eine Granate in die Bunkeröffnung zu werfen und die verbleibenden Gegner außer Gefecht zu setzen. Durch seinen Mut, seine Führungseigenschaften und seinen selbstlosen Einsatz hat First Lieutenant Grogan dem Marine Corps und dem United States Naval Service höchste Ehre gemacht.« Milton nickte anerkennend. »Ganz schön beeindruckend, Sheriff.«

»Was haben Sie da draußen gemacht ?«

»Darüber darf ich nicht sprechen.«

»Spezialeinheit ?«

»Mmmh.«

»Was Sie nicht sagen.« Lester spürte, wie ihm vor Verlegenheit das Blut in die Wangen stieg. Der britische Akzent – warum war er nicht gleich darauf gekommen ? »SAS ?«

Milton nickte.

»Jetzt komme ich mir wie ein Vollidiot vor«, bemerkte Lester.

Milton winkte ab. »Und was passiert jetzt ?«

Lester wusste nicht, was er sagen sollte.

»Machen Sie sich keine Sorgen. Bringen wir’s einfach hinter uns.«

»Ich muss Sie einbuchten«, sagte er. »Was danach passiert, kommt auf den Kerl an, dem Sie die Fresse poliert haben. Wenn Sie ihm etwas gebrochen haben, fangen Sie sich vermutlich eine Anzeige wegen Körperverletzung ein. Ich schreibe jetzt erst mal nur einen Bericht, den der zuständige Richter vorgelegt bekommt. Außerdem muss ich Sie über Nacht hierbehalten.«

»Und wenn er mich anzeigt ?«

»Dann müssen Sie entweder eine Kaution hinterlegen oder werden innerhalb von achtundvierzig Stunden einem Richter vorgeführt. Aber vielleicht kommt es ja gar nicht so weit. Womöglich kann ich ihn davon überzeugen, von einer Anzeige abzusehen. Er war betrunken. Und er hat angefangen. Das habe ich mit eigenen Augen gesehen.«

»Schade, dass Sie nicht ihn festgenommen haben.«

»Tja«, sagte Lester. »Jetzt sehe ich das auch so. Tut mir leid, Milton. Es ist nicht Ihre Schuld, aber ich habe seit Tagen nichts als Ärger am Hals. Mein Sohn raubt mir den letzten Nerv, und außerdem treiben sich hier zwei FBI-Agenten herum, die mir das Leben auch nicht einfacher machen. Möglicherweise ist mir deshalb die Galle übergelaufen, als ich Sie in der Bar gesehen habe … Aber wir kriegen das schon hin. Ich kümmere mich darum.« Lester warf einen Blick auf seine Uhr. Es war bereits zehn. »Dann bringe ich Sie jetzt mal in die Zelle.«

Als er Milton durch den Eingangsbereich zurückführte, kam Morten Lundquist gerade zur Hintertür herein.

»’n Abend, Lester«, sagte er.

»’n Abend, Morten. Alles okay ?«

»Immer dasselbe Theater mit der Alten. Aber sonst alles im grünen Bereich.«

Lundquist war Anfang sechzig und seit dreißig Jahren Deputy. Eigentlich hätte er schon seit Ewigkeiten selbst Sheriff sein müssen, doch er war an dem Posten nie interessiert gewesen. Er war ein hochanständiger, zuverlässiger Mann, der Dienst nach Vorschrift machte und sich auf die Rente freute. Früher mal war er so etwas wie eine Vaterfigur für Lester gewesen, und im Lauf der Jahre waren sie enge Freunde geworden. In letzter Zeit beklagte sich Lundquist immer häufiger über seine Frau Patti. Sie nörgelte an ihm herum und befürchtete, dass er nach seiner Pensionierung nur noch zu Hause herumhängen werde. Lester wusste jedoch, dass Lundquist gern mal übertrieb, um für den einen oder anderen Lacher auf dem Revier zu sorgen. Als passionierter Jäger wollte der alte Mann den Herbst des Lebens vorwiegend in der Natur verbringen, und Lester hatte ihn schon des Öfteren auf Streifzügen durch die Wildnis begleitet.

»Wen haben wir denn da ?«

»Er heißt John Milton. Hat sich mit den vier Touristen angelegt, die abends immer im Johnny’s sitzen.«

»Mit dem Blonden, der wie ein großer Schmusebär aussieht ?«

»Aber ebenso gut Linebacker bei den Lions sein könnte ? Ja, mit genau dem. Er hat ihn mit einem Schlag auf die Bretter geschickt. Rumms.«

»Autsch«, meinte Lundquist. »Dann will ich mich mal lieber nicht mit Ihnen anlegen, Mr. Milton.«

»Keine Sorge«, erwiderte dieser. »Ich tue keiner Fliege was zuleide.«

»Und was machen Sie sonst so ? Beruflich, meine ich.«

»Ach, dies und das.«

»Er hat ebenfalls gedient«, erklärte Lester.

»Ausgezeichnet.«

»Morten war auch bei der Army. Vietnam.«

»Schon lange her.«

»Mag sein. Aber das war kein Zuckerschlecken.«

»Weiß Gott nicht. Freut mich, Sie kennenzulernen.«

Lundquist schüttelte Milton die Hand, als hätte er seinen lang vermissten Bruder wiedergefunden – oder als wolle er ihm einen Gebrauchtwagen verkaufen.

»Ich buchte ihn jetzt wegen einer Ordnungswidrigkeit ein«, sagte Lester. »Er verbringt die Nacht in der Zelle, und morgen lassen wir ihn wieder laufen. Ich schätze, die Gegenseite lässt sich überzeugen, das Ganze nicht zu hoch zu hängen.«

Lundquist zog seinen Mantel aus und hängte ihn an einen Haken. »Konntest du inzwischen die Sache mit der Schule regeln ?«

»Nein«, erwiderte Lester. »Nicht mal ansatzweise.«

»Wenn du willst, mache ich mich mal schlau über diesen Lyle. Vielleicht lässt sich ja irgendwas ausgraben.«

»Ich weiß nicht, Morten. Ich muss erst mal wieder den Kopf frei kriegen.«

»Na gut, dann geh doch nach Hause. Ist ja jetzt sowieso meine Schicht. Ich übernehme den Papierkram.«

»Wirklich ?«

»Na klar. Geh schon. Ich habe alles im Griff.«

Lester zuckte mit den Schultern, nahm seinen regennassen Mantel vom Stuhl und zog ihn über. »Tut mir leid, dass Sie die Nacht hier verbringen müssen«, sagte er zu Milton. »Aber so ungemütlich ist unsere Zelle gar nicht, und wenn Sie Morten nett bitten, macht er Ihnen bestimmt einen Kaffee und sorgt dafür, dass Ihre Klamotten bis morgen früh wieder trocken sind.«

Milton nickte.

»Und noch mal Entschuldigung wegen … na ja, wegen vorhin. Da habe ich echt danebengelegen.«

»Vergessen Sie’s. War ja bloß ein Missverständnis.«

Mit schlechtem Gewissen eilte Lester zu seinem Silverado. Er stieg ein und startete den Motor, ehe er zurücksetzte und den CD-Player anstellte. Der Regen prasselte gegen die Windschutzscheibe, und während Lester sich auf den Heimweg machte, ertönten die ersten Klänge von Bob Dylans Subterranean Homesick Blues.

Mark Dawson

Über Mark Dawson

Biographie

Mark Dawson wurde in Suffolk, Großbritannien, geboren. Nach verschiedenen Aushilfsjobs entschloss er sich, Jura zu studieren, und arbeitete anschließend zehn Jahre lang als Anwalt in London. Momentan ist er in der Filmbranche tätig und lebt mit seiner Frau und zwei Kindern im Südwesten Englands.

Weitere Titel der Serie »John-Milton-Reihe«

John Milton war Number One. Der beste Agent der Group 15, einer Untergrundeinheit des britischen Geheimdienstes. Doch nach zehn Jahren des Tötens hat John Milton genug – er will raus. Jetzt ist er der meistgesuchte Mann der britischen Regierung, denn niemand steigt ungestraft aus.

Kommentare zum Buch

Kommentieren Sie diesen Beitrag:
(* Pflichtfeld)
Kommentar senden