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Hoffnung: Eine Tragödie

Hoffnung: Eine Tragödie

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Hoffnung: Eine Tragödie — Inhalt

Das Landstädtchen Stockton ist der durchschnittlichste aller Orte auf dieser Welt: niemand Berühmtes wurde hier geboren, nichts erfunden, keine berühmten Schlachten sind hier geschlagen worden. Genau das, was die Kugels gesucht haben. Einen Neuanfang. Nochmal von vorne beginnen. Doch schon kurz nach dem Umzug geht einiges schief: Kugels sture Mutter zieht ein und treibt alle in den Wahnsinn. Dann zündet ein Unbekannter in der Nachbarschaft Farmhäuser an, genau so

eines wie das, das Kugel gerade gekauft hat. Und dann, eines Nachts, hört Kugel das komische Tappen vom Dachboden. Schlaflos, angsterfüllt steigt er hinauf. Und dieses kleine Überbleibsel der Vergangenheit, das er dort entdeckt, die se fiese sarkastische Spitze der Geschichte, macht alles nur noch viel, viel schlimmer.

Hoffnung: eine Tragödie ist bitterböse und unendlich komisch, ein galoppierendes

Gespenst der Geschichte, eine Abhandlung über die conditio humana und eine Komödie zugleich.

€ 9,99 [D], € 9,99 [A]
Erschienen am 26.02.2013
Übersetzt von: Eike Schönfeld
336 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-8270-7639-7

Leseprobe zu „Hoffnung: Eine Tragödie“

1.
Komisch: man stirbt nicht durchs Feuer, sondern durch den
Rauch.
Da hämmert man also gegen die Fenster, rennt immer
weiter nach oben in dem brennenden Haus, will weg, will
raus, hofft, dass man, wenn man nur nicht in die Flammen
gerät, das Feuer überlebt, aber die ganze Zeit über erstickt
man langsam, füllen sich die Lungen mit Rauch. Da wartet
man also darauf, dass der Horror von einem Dort kommt,
einem Anderen, von außerhalb, und dabei stirbt man doch
schon, Stück für stickiges Stück, von innen.
Man kauft eine Waffe – zum Schutz, sagt man –, und
noch in [...]

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1.
Komisch: man stirbt nicht durchs Feuer, sondern durch den
Rauch.
Da hämmert man also gegen die Fenster, rennt immer
weiter nach oben in dem brennenden Haus, will weg, will
raus, hofft, dass man, wenn man nur nicht in die Flammen
gerät, das Feuer überlebt, aber die ganze Zeit über erstickt
man langsam, füllen sich die Lungen mit Rauch. Da wartet
man also darauf, dass der Horror von einem Dort kommt,
einem Anderen, von außerhalb, und dabei stirbt man doch
schon, Stück für stickiges Stück, von innen.
Man kauft eine Waffe – zum Schutz, sagt man –, und
noch in derselben Nacht hat man einen Herzinfarkt und
ist tot.
Man hängt Schlösser an die Tür. Man setzt Gitter vor
Türen und Fenster. Man baut eine Mauer um sein Haus. Der
Arzt ruft an: Es ist Krebs, sagt er.
Man schwimmt hektisch an die Oberfläche, um dem
Hai zu entkommen, bekommt die Taucherkrankheit und
ertrinkt.
Es ist ein sonniger Neujahrstag und man beschließt, sich
wieder in Form zu bringen. In diesem Jahr wird’s was,
sagt man beharrlich. Ein Neuanfang. Ein Neustart. Stärker
werden, zäher. Im Fitness-Club am folgenden Morgen, man
fängt gerade mit der dritten Runde Bankdrücken an, kriegt
man einen Muskelkrampf, die Langhantel kracht einem
auf den Hals und quetscht die Luftröhre ab. Man kann
nicht schreien. Das Gesicht wird blau. Die Arme werden
schwach. Auf einem Poster an der Wand neben einem stehen
die letzten Worte, die man sieht, bevor die Augen zugehen
und die Dunkelheit einen für alle Ewigkeit umhüllt:
Es muss brennen.
Komisch.

2.
Solomon Kugel lag im Bett und stellte sich vor, wie er bei
einem Hausbrand erstickte, denn er war Optimist. Das jedenfalls
meinte sein zuverlässiger Ratgeber, Professor Jove,
sein Leitbild. So sehr wolle Kugel, dass sich alles zum Besten
kehre, erklärte Professor Jove, dass er immerzu Angst
vor dem Schlimmsten habe. Die Hoffnung, sagte Professor
Jove, sei Solomon Kugels größte Schwäche.
Kugel versuchte, sich zu ändern. Es würde nicht leicht
werden.
Er hoffte, er könnte es.
Kugel starrte stumm an die Decke über seinem Bett und
horchte.
Er hörte etwas.
Er war sich ganz sicher.
Da oben.
Auf dem Dachboden.
Was ist das?, überlegte er.
Ein Kratzen?
Ein Scharren?
Ein Tapp-tapp-Tappen.
Der andere Grund, weswegen Kugel im Bett lag und
sich vorstellte, wie er bei einem Hausbrand erstickte, war
der, dass jemand Farmhäuser anzündete, genau solche wie
das, das er und seine Frau unlängst erworben hatten. Die
Brandserie
begann bald, nachdem die Kugels eingezogen
waren; in den sechs Wochen seither waren drei Farmhäuser
abgefackelt worden. Der Polizeichef von Stockton schwor,
er werde den Verantwortlichen schnappen, wer es auch sei.
Kugel hoffte es, hatte aber, seit das erste Farmhaus in Flammen
aufging und niederbrannte, nicht mehr geschlafen.
Da war es wieder.
Das Geräusch.
Vielleicht waren es Mäuse.
Wahrscheinlich waren es Mäuse.
Hier stehen hundert Farmhäuser, du Blödmann. Warum
sollte er es auf dich abgesehen haben? Wir sind hier auf dem
Land.
Du machst dir selber Angst.
Du quälst dich.
Es ist narzisstisch.
Es ist Größenwahn.
Es ist Optimismus.
Es sind Mäuse.
Klingt aber nicht nach Mäusen.
Kugel dachte häufig an den Tod und sogar noch häufiger
ans Sterben. Tat er das wirklich, so fragte er sich, weil er
Optimist war? Genau deshalb, hatte Professor Jove erklärt.
Kugel liebe das Leben, bemerkte Professor Jove, daher erwarte
er viel zu viel davon; wild versessen aufs Leben, habe
er eine Heidenangst, dass jemand durch Gewalt oder Zufall
seinen vorzeitigen Tod verursachen könnte. Kugel verwies
zu seiner Verteidigung darauf, dass er ja nicht glaube, jemand
wollte ihn umbringen, er finde es nur einfach durchaus
im Bereich des Möglichen, dass jemand, ihm unbekannt
und aus noch zu erhellenden Gründen, es tun könnte; es
gebe einen Unterschied, führte er an, wie klein auch immer,
zwischen Paranoia und Pragmatismus.
Kugels Mutter wiederum ängstigte sich weniger vor dem
Tod als vor dem Leben. Ihr Leben war bedauerlicherweise
zu gut, zu glatt verlaufen, überdurchschnittlich in puncto
Komfort und Sicherheit, unterdurchschnittlich in puncto
Leiden und Schmerzen, besser, als man mit Recht erwarten,
und herzloserweise viel länger, als man mit Recht verlangen
konnte. Am Leben und glücklich, rief sie.
Insbesondere dachte Kugel an das Sterben selbst. Er
dachte an den Schmerz, an die Angst. Am meisten aber
dachte er daran, was er im letzten Augenblick wohl sagen
würde, an seine ultima verba, seine letzten Worte. Sie sollten
weise sein, fand er, was aber nicht missmutig oder stumpf
hieße; einfach, dass sie etwas bedeuteten, etwas Besonderes
sein sollten. Sie sollten offenbaren, erhellen. Er wollte nicht
überrascht werden, sprachlos, ächzend, im allerletzten Augenblick
nicht wissen, was er sagen sollte.
Nein, halt, ich uff.
Darüber habe ich eigentlich nicht weiter klatsch.
Könnte ich doch nur peng.
Wir, die ganze Menschheit, sind eine Geschichte, kollektiv
wie individuell, und Kugel wollte nicht, dass seine
individuelle Geschichte mit einer Ellipse endete. Ein Punkt,
klar, wenn man Glück hat. Ein Ausrufezeichen, okay. Ein
Fragezeichen, möglicherweise; das waren doch die Satzzeichen,
mit denen alle Geschichten enden sollten, die kollektiven
wie die individuellen.
Aber nicht mit einer Ellipse.
Alles, nur keine Ellipse.
Lass es nicht so enden, sagte Pancho Villa, um Worte
verlegen, nachdem man ihm neunmal in Brust und Kopf
geschossen hatte. Sag ihnen, sagte er, bevor er starb, dass ich
etwas gesagt habe.
Für solche Gedanken hatte Kugel ständig ein kleines
Notizbuch samt Stift dabei, und ab und zu, wenn ihm ein
passender letzter Gedanke oder eine finale Wendung einfielen,
schrieb er sie schnell hinein. Mit den Jahren hatte er
so manches Notizbuch gefüllt, doch die präzise, die richtige
Idee, die stand noch aus. Der Unterschied zwischen dem
richtigen Wort und dem falschen Wort, schrieb Mark Twain,
ist der Unterschied zwischenBlitz
und Glühwürmchen.
Twains letzte Worte, an seine Tochter, waren: Wenn wir
uns wieder …
Dann starb er.
Also ist auch das Timing wichtig.
Kugel hoffte, dass alles, was er sagte, wenn es einmal so
weit sein würde, eines Tages noch einmal gesagt, dass es gehört
und weitererzählt würde, über alle Generationen hinweg,
die es bis zum großen Ende eben noch gebe. Er hoffte,
es werde etwas sein, was sein geliebter Sohn Jonah noch in
Erinnerung behaltenwerde,
etwas, woran sich der Junge in
schwierigen Zeiten, lange nachdem sein Vater verstorben
wäre, orientieren und in diesen sorgfältig gewählten Worten
ein Licht, eine Weisheit finden könne (vorausgesetzt natürlich,
dass Jonah nicht vor ihm starb oder dass sie, Vater und
Sohn, bei einem tragischen Unfall zusammen starben; sollte
das der Fall sein, dann wusste Kugel schon genau, was er
Jonah sagen würde, beispielsweise in einem Flugzeug, das
auf die Erde stürzt. Er würde sagen: Es tut mir leid, es tut
mir leid, aber wenigstens ist es vorbei. Oder etwas wie: Tja,
mein Sohn, das war der harte Teil. Das Leben ist vorbei. Danach,
mein Junge, ist alles super …).
Letztlich erhoffte Kugel sich dies: dass seine letzten Worte
das alles sinnvoll erscheinen ließen, alles … dieses Leben,
diese Anstrengungen, diese schreckliche Plackerei immerzu.
Diese ungewollte, unerbittliche Existenz. Dass es nicht
nur eine Bühne war, dass wir nicht lediglich Schauspieler
waren. Kugel konnte nie an Gott glauben, aber er konnte
auch nie nicht an ihn glauben; es sollte einen Gott geben,
fand Kugel, auch wenn es ihn wahrscheinlich nicht gab.
Lukas zufolge, dem Autor des gleichnamigen Evangeliums,
sagte Jesus, als er am Kreuz starb, Folgendes: Vater,
ich befehle meinen Geist in deine Hände.
Hm.
Ein bisschen durchsichtig. Ein bisschen selbstgefällig.
Ein bisschen blasiert. Wo sollte der Geist denn sonst hin,
wenn nicht zu Gott? Der Augenblick, bevor man vor seinen
Schöpfer tritt, ist wahrscheinlich nicht der richtige Moment,
um so zu tun, als erweise man Ihm einen großen Gefallen,
indem man Ihm seine Seele befiehlt.
Kugel ging auf die vierzig zu, und obwohl er sich noch
nicht ganz entschieden hatte, was seine letzten Worte sein
sollten, wusste er doch schon lange mit Sicherheit, was sie
nicht sein sollten: Sie sollten nicht flehentlich sein. Mehr als
alles andere wollte er nicht flehen. Kein Bitte. Kein Nein.
Kein Halt. Kein Bitte, nein; kein Nein, halt; kein Halt, bitte.
Kein Nein, nein, nein. Kein Bitte, bitte, bitte. Kein Halt,
halt, halt.
Bitte tut mir nicht weh, flehte die Mätresse Ludwigs XV.
ihren Scharfrichter an, als er sie zur Guillotine führte.
Er tat ihr weh.
Nun mal ganz ruhig, sagte Malcolm X zu seinen Mördern.
Sie erschossen ihn mit sechzehn Kugeln.
Vielleicht waren sie ja ganz ruhig, dachte Kugel. Vielleicht
hatten sie vorgehabt, ihn mit zwanzig Kugeln zu
durchlöchern. In diesen Dingen geziemt es sich für das
Opfer, präzise zu sein.
Kugels Abneigung gegen das Flehen entstammte weder
Stolz noch einem Übermaß an Mut; er hoffte nur, nicht in
eine Situation zu kommen, in der Flehen helfen könnte. Bei
Altersschwäche hilft kein Flehen. Bei Krebs hilft kein Flehen.
Mit diesen Toden konnte er leben. Man kann kein Auto
anflehen, dass es einen nicht überfährt, kein Klavier, dass
es einem nicht auf den Kopf fällt. Man kann nur Menschen
anflehen. Jede Situation, in der Flehen hilfreich sein konnte,
war zwangsläufig eine, in der das eigene Leben in der Hand
eines Anderen lag, ein bestürzend prekärer Ort für das eigene
Leben. Kugel war entschlossen, nicht von der Hand
eines anderen zu sterben, wenn auch nur, um seine Mutter
zu widerlegen, die darauf beharrte, dass ihre letzten Worte
wie auch die ihres Sohnes und des Sohnes ihres Sohnes, egal
welche, in einer Gaskammer gesprochen werden würden.
Oder in einem Ofen.
Oder ganz unten in einem Massengrab.
Oder ganz oben in einem Massengrab.
Da war es wieder. Das Tappgeräusch.
Die Verbringung in ein Massengrab war nur dann von
Belang, vermutete Kugel, wenn man noch am Leben war,
wenn sie einem irgendwie ins Bein oder den Arm geschossen
hatten und die Wunden nicht tödlich waren. In dem
Fall wäre es weit, weit besser, ganz unten in einem Massengrab
zu liegen, wo das Gewicht der Leichen darüber einen
totquetschen und das Leben gnädigerweise schnell beenden
würden, statt dass man langsam und qualvoll ganz oben auf
dem Leichenhaufen starb und vielleicht sogar noch lebte,
wenn sie einen begruben.
Tapp. Tapp-tapp-tapp.
Er war sich sicher.
Auf dem Dachboden.
Außer sie schossen noch ein zweites Mal in den Leichenhaufen.
Dann wäre es ganz oben natürlich besser.
Folgendes sagte Samuel Becketts Vater, kurz bevor er
starb: Was für ein Morgen.
Ein bisschen ironisch, das, dachte Kugel. Ein Lächeln.
Das Lachen, das über das Unglückliche lacht.
Oder übers Sterben.
Vielleicht ginge das:
Was für ein Tag.
Sieht nach Regen aus, ihr Trottel.
Kugel überlegte, was wohl die letzten Worte seines Vaters
gewesen waren oder ob er letzte Worte gesprochen hatte
oder ob er tot war oder lebte.
Es wurden Fehler gemacht?
Kugel hatte eine Theorie. Kugel war überzeugt, dass jeder,
egal welche letzten Worte er in seinem letzten Augenblick
auch sprechen mochte, doch eigentlich nur einen Gedanken
hatte, mehr nicht: die verwirrte, entgeisterte Enttäuschung
über die Todesursache.
Ein Hai?
Ein Zug? Wirklich? Ich werde von einem Zug überfahren?
Malaria? Ach, komm. Malaria?
Ungeachtet dessen, was gesagt wurde, war doch das und
nur das der letzte Gedanke eines Menschen, die letzte reine
Erkenntnis, die einem Menschen, jedem Menschen, durchs
Gehirn fuhr, bevor dieses Gehirn für immer aufhörte zu
arbeiten.
Nicht Shema yisroel adonai elohainu adonai echad.
Nicht Vergib mir, Vater, denn ich habe gesündigt. Nur die
lächerliche, lachhafte Ursache des eigenen unergründlichen,
unbegreiflichen Ablebens.
Krebs?
Tuberkulose?
Benito Mussolinis letzte Worte, als er seinem Henker
gegenüberstand,
waren folgende:
Schieß mir in die Brust!
Sein letzter Gedanke dagegen, da war sich Kugel sicher,
war der:
In die Brust geschossen?
Da war es wieder – dieses Geräusch.
So eine Art Trippeln. Ein Schleifen.
Kugel setzte sich auf.
Da war doch was.
Da oben war was.
Denn schließlich wird kein Tod einem Leben jemals gerecht.
Unser Ende ist immer eine Enttäuschung, eine Beleidigung,
eine Überraschung, blöder, als wir dachten, und
weniger, als wir erhofft hatten.
Kreuzigung?, dachte Jesus. Hör auf.
Schierling?, dachte Sokrates.
In eine Thora-Rolle eingewickelt und lebendig verbrannt?,
dachte Rabbi Akiba. Du verarschst mich doch.
Wieder dieses Geräusch.
Wie klang ein Brandstifter überhaupt?
Kugel horchte.
Neben sich hörte er seine Brianna, seine Bree, seine
Heldin,seine Liebe, tief in ihrem wunderbaren Prozac-
Schlummer. Er hörte Jonah auf der anderen Seite des Flurs,
die Bettfedern ächzten, als er sich im Tiefschlaf wälzte. Seinem
paracetamolschen.
Hart, hier überhaupt Schlaf zu finden.
Hier auf der Erde nämlich.
Natürlich schossen sie nicht immer ein zweites Mal in
ein Massengrab. So ist das Leben halt: ein kolossaler, unentrinnbarer
Leichenhaufen – und ein zweites Mal wird nicht
geschossen.
Kugel kroch leise aus dem Bett und kniete sich auf
den Fußboden neben der Heizungsklappe beim Nachttisch.
Der Holzboden drückte hart gegen seine Knie, dennoch
legte er die Hände zu beiden Seiten der Klappe, beugte sich
vor und hielt ein Ohr an das kalte Metallgitter.
Durch die Klappe hörte er den Mieter unter ihnen in sei nem Zimmer herumlaufen (er war zwei Wochen zuvor eingezogen,
und Kugel konnte sich seinen Namen noch immer
nicht merken; Isaac, Ishmael, Esau – irgendwas Biblisches).
Er hörte das Rauschen von Applaus und Gelächter aus dem
Fernseher des Mieters, den der Mieter die ganze Nacht
laufen ließ. Dazwischen hörte er Mutter in ihrem Schlafzimmer
neben dem des Mieters, ihr gequältes, schmerzgeplagtes
Stöhnen. Wenn Mutter sich anhörte, als läge sie
im Sterben, lebte sie; klang es, als schliefe sie friedlich, war
sie wahrscheinlich tot.

Shalom Auslander

Über Shalom Auslander

Biografie

Shalom Auslander, Sprössling einer jüdisch-orthodoxen Familie aus Spring Valley, New York, hat in diversen amerikanischen Magazinen veröffentlicht, u. a. Esquire und Maxim. Er lebt in Brooklyn.

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