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His Treat – Sündiger GenussHis Treat – Sündiger Genuss

His Treat – Sündiger Genuss

Roman

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His Treat – Sündiger Genuss — Inhalt

Ein Cupcake-Bäcker aus Leidenschaft – und eine Künstlerin mit einer Leidenschaft für Cupcakes … Als die Künstlerin Emily einen vielversprechenden Auftrag erhält, traut sie ihren Augen nicht: Ihr neuer Boss ist ausgerechnet ihr ehemaliger Highschool-Schwarm Ryan. Wie sich herausstellt, ist er noch immer extrem süß, und inzwischen nicht mehr nur der weltbeste Cupcake-Bäcker, sondern auch Inhaber des Bubbly Baker in New York.
Emily soll für Ryan die Dekoration für eine große Firmen-Halloweenparty gestalten – und weiß, dass sie sich dabei auf keinen Fall von seinem verführerischen Grinsen und perfekten Körper ablenken lassen sollte. Denn aus zu viel Süßem kann schnell etwas Sündiges werden …

Die prickelnde romantische Komödie „His Treat – Sündiger Genuss“ von USA Today-Bestseller-Autorin Penelope Bloom ist eine süße Versuchung der besonderen Art. Romantisch, witzig und verboten sexy!

Penelope Bloom war Lehrerin an einer Highschool, bevor sie ihren Job an den Nagel hängte, um sich ganz dem Schreiben zu widmen. Inzwischen ist sie eine erfolgreiche USA-Today-, Washington Post- und Amazon Kindle-Bestsellerautorin. Ihre Romane „His Banana“ und „Her Cherry“ haben sich in zahlreiche Länder verkauft. Sie lebt mit ihrem Mann und zwei kleinen Töchtern in Florida.

€ 12,99 [D], € 13,40 [A]
Erscheint am 05.10.2020
Übersetzt von: Richard Betzenbichler
240 Seiten, Klappenbroschur
EAN 978-3-492-06213-8
€ 9,99 [D], € 9,99 [A]
Erscheint am 05.10.2020
Übersetzt von: Richard Betzenbichler
256 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-99688-4

Leseprobe zu „His Treat – Sündiger Genuss“

EINS

Emily
Wassertropfen rannen über das Seitenfenster von Liliths Auto. Lilith war meine einzige echte Freundin und mein einziger Zugang zum nicht öffentlichen Personennahverkehr in der Stadt. Ich hatte mich für die vergleichsweise milden Temperaturen an diesem frühen Herbstmorgen zugegebenermaßen ein bisschen zu dick eingepackt, aber ich hatte den ganzen Sommer darauf gewartet, endlich wieder meine bequemen Klamotten tragen zu können, und sollte es mir wirklich zu warm werden, konnte ich immer noch ein paar Schichten ablegen.

Ich fuhr mit den [...]

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EINS

Emily
Wassertropfen rannen über das Seitenfenster von Liliths Auto. Lilith war meine einzige echte Freundin und mein einziger Zugang zum nicht öffentlichen Personennahverkehr in der Stadt. Ich hatte mich für die vergleichsweise milden Temperaturen an diesem frühen Herbstmorgen zugegebenermaßen ein bisschen zu dick eingepackt, aber ich hatte den ganzen Sommer darauf gewartet, endlich wieder meine bequemen Klamotten tragen zu können, und sollte es mir wirklich zu warm werden, konnte ich immer noch ein paar Schichten ablegen.

Ich fuhr mit den Fingerspitzen über den Brief in meiner Jacketttasche. Da ich ihn ständig mit mir herumtrug und immer wieder las, war das Papier mittlerweile völlig abgegriffen, aber der Brief löste in mir immer noch gleichermaßen Begeisterung und Furcht aus, wenn ich ihn berührte. Er bedeutete einen Neuanfang. Die Chance, meinem Traum einen bedeutenden Schritt näherzukommen. Seit Jahren hatte ich das Gefühl, mein Ziel, eine richtige professionelle Künstlerin zu werden, ähnlich orientierungslos zu umkreisen wie ein Kleinkind, das auf seinem Fahrrad mit nur einem Stützrad herumeiert. Ich kam nie auf geradem Weg vorwärts, und jedes Mal, wenn ich dachte, jetzt würde es klappen, verfehlte ich mein Ziel und musste wieder von vorne anfangen.

Doch diesmal würde es anders sein. Der Brief in meiner Tasche war der gerade Weg. Es war ein Direktflug, und nicht einmal ich konnte ihn verpassen. Ich musste lediglich im Januar am Flughafen auftauchen. Es war so einfach wie Luft holen. Allerdings litt ich unter Schlafapnoe, Atmen war für mich also nicht ganz so einfach. Insofern war der Vergleich auch nicht der beste. Der springende Punkt war: Ich konnte es schaffen.

Jetzt war meine liebste Jahreszeit. Herbst. Der Sommer war vorüber oder lag zumindest in den letzten Zügen. Sicher, angeblich ist der Sommer die schönste Zeit. Die Zeit der Badeanzüge, der Partys und Picknicks. Die Zeit, in der man seinem Golden Retriever im Park eine Frisbeescheibe zuwerfen konnte. Ja! Weiter so, Sommer! Für mich hatte die Sache leider ein paar Haken. Sommer hieß für mich Schweiß unter den Brüsten, den ganzen Tag im Haus bleiben, weil ich draußen nicht zerschmelzen wollte, und dann doch der jährliche Sonnenbrand, der mich daran erinnerte, dass ich eigentlich keinen Sonnenbrand mehr kriegen wollte. Ach ja, und nicht zuletzt der Ansturm von Werbespots für Klimaanlagen im Radio mit der großartigen Botschaft: „Besieg die Hitze!“

Tja, Sommer, du kannst mich mal! Für ein weiteres Jahr war der Spuk vorbei, und jetzt kam wieder die Zeit für Horrorfilm-Marathons und für M&Ms, ihre Halloween-Werbung zu starten. Die Blätter hatten von gelb und orange bis rot jede Schattierung, die man sich nur vorstellen konnte. Verregneter Morgen hin oder her, ich spürte bereits die Vorfreude auf die herannahenden Feiertage. Heute war der Tag, auf den ich das ganze Jahr gewartet hatte – der Tag, an dem man die Veränderung spürte, kaum dass man einen Fuß aus dem Haus gesetzt hatte. Die Luft war erfüllt von einer derart frischen Energie, dass ich den Tag sofort in Angriff nehmen wollte, selbst wenn es einer dieser Tage gewesen wäre, die anzugehen in etwa so reizvoll gewesen wäre, als müsste ich es mit einem verschwitzten Hundertfünfzigkilomann mit dichter Körperbehaarung aufnehmen.

Halloween hatte ich immer geliebt, nicht sosehr wegen des Feiertags an sich, sondern weil es der erste Feiertag der kalten Jahreszeit war, auf den ich mich das ganze Jahr über schon freute. Dieses Jahr allerdings kam noch etwas anderes hinzu: Es waren die letzten paar Monate bis zu meinem Abflug nach Übersee und meinem Studienbeginn an der Kunstakademie in Paris. Egal, wie oft ich darüber nachgedacht und wie oft ich den Brief, dass ich angenommen worden war, gelesen hatte, mir kam das Ganze immer noch unwirklich vor.

„Hör auf, so glücklich vor dich hin zu strahlen“, stöhnte Lilith. Sie hatte einen dicken Eyelinerstrich aufgetragen, ihr schwarzer Pony war perfekt geschnitten, dazu trug sie einen schwarzen Spitzenreif um ihren bleichen, schlanken Hals. Sie hatte einen perfekten Porzellanteint und Gesichtszüge wie eine Schönheitskönigin, aber ihre Leichenbittermiene machte allen Betrachtern ohne jeden Zweifel klar, dass sie es für eine Zumutung hielt, existieren zu müssen.

Wenn sie schon auf Erden sein musste, sollte das Universum wissen, dass ihm ein Fehler unterlaufen war.

Ich hatte das Glück gehabt, sie auf der Highschool kennenzulernen, und seither waren wir ungleiche Freundinnen. Vielleicht lag es daran, dass sie nur dank meiner Unterlagen und Nachhilfe die Highschool überstanden hatte, vielleicht auch daran, dass ich ihr die schlimmsten Mobber vom Hals halten konnte, die sich von ihr offenbar angezogen fühlten wie die Motten vom Licht. Jedenfalls mochte ich sie – vermutlich aus den gleichen unerklärlichen Gründen, aus denen Leute Katzen mochten. Willst du auf mein Kissen kacken, weil ich mal einen Tag auswärts zu tun hatte? Willst du direkt neben das Katzenklo pinkeln, obwohl es vollkommen sauber ist? Willst du vielleicht zum zehnten Mal diese Woche testen, ob die Schwerkraft noch funktioniert, indem du mein Glas vom Tisch stößt? Das war Lilith, abgesehen von den Toilettengewohnheiten. Meines Wissens zumindest. Tief im Innersten, ganz, ganz tief in meinem Innersten wusste ich, dass sie, wie jeder andere Mensch auch, Zuneigung brauchte. Und mir gefiel, wie konsequent sie versuchte, ihre Umwelt vom Gegenteil zu überzeugen.

„Ich sagte, du sollst aufhören“, ermahnte sie mich auf ihre übliche todernste Art. „Ich kann aus den Augenwinkeln heraus sehen, wie du lächelst. Gleich muss ich kotzen.“

„Ich kann nichts dafür. Es ist Herbst“, erwiderte ich in leichtem Singsang, teils, weil ich wusste, nach außen gekehrte Fröhlichkeit war Liliths Kryptonit.

Sie verzog das Gesicht. „Gut, dann werden diese widerlichen Wesen, die du in unserer Küche züchtest, hoffentlich bald ihren Geist aufgeben.“

„Pflanzen, Lilith. Die heißen Pflanzen. Und nachdem sie drinnen sind, werden sie vermutlich überleben. Tut mir leid.“

„Unfälle passieren schneller, als man denkt.“ Sie hielt den Blick stur auf die Straße gerichtet, aber ich dachte, ich hätte einen Anflug von Vergnügen in ihren Augen entdeckt, als ihr die mörderischen Gedanken durch den Kopf gingen.

„Was für ein Mensch mag denn keine Pflanzen?“

„Sie stinken.“

„Ohh!“, rief ich und deutete auf eine Reklametafel. „Pumpkin Spiced Lattes! Der halbe Oktober ist schon vorbei, und ich hatte noch nicht einen. Das müssen wir ändern! Bitte!“

„Bah.“ Sie schaute mich von der Seite her an – und zeigte keinerlei Interesse am schnell fließenden Verkehr vor uns, während sie mich in Grund und Boden starrte.

Ein nervöses Lächeln zuckte um meinen Mund. „Die Straße“, sagte ich leise.

Gelangweilt richtete sie den Blick wieder nach vorne. „Die verschwindet nicht so schnell.“

„Rein formal gesehen hast du recht. Sie nicht. Aber wir … bei knapp hundertfünfzig“, sagte ich mit Blick auf den Tachometer. Ich lachte, doch das Herz schlug mir bis zum Hals. Ich war mir ziemlich sicher: Ein paar Sekunden länger, und wir wären von der Fahrbahn ab- und in einem Flammeninferno umgekommen. Ich hatte noch zu viel vor mir, um so jung zu sterben. Die letzte Staffel von Game of Thrones stand noch aus, ich hatte noch nie verlorene Eier gegessen, und auf meiner Bucket List mit den Dingen, die ich unbedingt noch machen will, ehe ich den Löffel abgebe, standen noch mindestens zehn unerledigte Dinge, angefangen von einem nächtlichen Schlittschuhlaufen mit einem hübschen Jungen zur Begleitmusik von Dirty Dancing.

Aber mal im Ernst. Sollte ich sterben, ehe ich es zur Pariser Kunstakademie schaffte … dann würde ich garantiert zurückkommen und Lilith heimsuchen. Ich würde mein künstlerisches Talent nutzen und auf die mit Wasserdampf bedeckten Glasscheiben ihrer Dusche Gespensterpenisse malen, und die hätten mit den Penis-Graffitis von der Highschool garantiert keine Ähnlichkeit. Ich würde sie verstörend detailliert und lebensecht gestalten. Ich … äh … hier war ich mit meiner Spuk-Kreativität so ziemlich am Ende. Aber wenn es so weit kam, dann würde ich mir schon etwas Besseres einfallen lassen.

Meine Ermahnung, auf die Straße zu schauen, tat Lilith mit einem Schulterzucken ab. Es war schwer zu beurteilen, wann sie vergnügt war, aber ich bildete mir ein, ich könnte es spüren, weil sie es wie Hitze ausstrahlte. Die meisten Menschen hielten mich vermutlich für naiv, und sie hielt mich für zerbrechlich, auch wenn wir uns nun schon viele Jahre kannten. Ihrem katzenhaften Wesen entsprechend, drängte sie mich quasi mit der Pfote an den Rand einer Katastrophe, nur um zu sehen, was passierte.

Ich schaute aus dem Fenster, als wir die Ausfahrt nahmen. Die meisten Läden hatten schon begonnen, die Regale mit Halloween-Artikeln zu füllen, von Candy Corn bis zu Kürbissen. Ich hatte bereits zwei Horrorfilm-Marathons absolviert, obwohl ich so schreckhaft war wie ein Chihuahua am 4. Juli. Freddy Krueger jagte mir die größte Angst ein. Was könnte denn furchtbarer sein als ein Mann, der dich in deinen Träumen aufschlitzt? Bei den anderen Bösewichten ist es zumindest leichter, sich nicht mit der blöden Horrorfilmschnepfe zu identifizieren, die keine Ahnung hat, dass der Keller den Tod bedeutet, dass der erste Stock den Tod bedeutet und dass eine Scheune voller Gerümpel definitiv den Tod bedeutet. Ehrlich, wäre ich in einem Horrorfilm, würde ich meine Freunde um mich scharen, in den Spiegel schauen und herauszufinden versuchen, wer am ehesten das süße Mädchen von nebenan sein könnte. Alle Übrigen wären so gut wie tot, und der Kerl, der am sportlichsten daherkäme, wäre vermutlich insgeheim der Mörder. Und wenn ihre Handlung noch so vorhersehbar ist, ich schaute Horrorstreifen immer mit einem großen Kissen vor dem Gesicht.

Ich sagte Lilith, sie solle im Wagen warten, ich würde den Kaffee holen, teils, weil ich das Wetter genießen wollte, vor allem aber, weil ich schon erlebt hatte, wie sie mit Beschäftigten in Fast-Food-Läden umsprang. Einmal hatte sie mir erzählt, dass sie eine tote Fliege gefunden und diese in einem Plastikbeutel aufbewahrt hatte, nur um sie dann auf ihre Pommes zu kippen und auf diese Weise eine kostenlose Mahlzeit zu ergattern. Dabei ging es ihr meiner Meinung nach weniger um das eingesparte Geld als vielmehr darum, Leute zu schikanieren.

Ich wickelte mir den Schal enger um den Hals. Ja, meinen Schal. Es war Schalwetter, und nichts tat ich lieber, als mir das riesengroße Wolltuch um den Hals zu wickeln und es mir bis über die Nase hochzuziehen. Dann wünschte ich mir immer, Umhänge kämen wieder in Mode. Ich sah zwar nie welche in den Serien und Filmen, die im Mittelalter spielten, aber ich würde jeden Cent verwetten, dass die Leute damals ihren Umhang herumwirbelten und ihn als Decke benutzten, wenn sie irgendwo im Schloss herumhingen.

Als ich die kühle Luft spürte, hätte ich am liebsten ein kleines Freudentänzchen aufgeführt und begeistert in die Hände geklatscht, aber ich fürchtete, Lilith würde explodieren, wenn sie im Rückspiegel so viel Glück entdecken müsste, deshalb beherrschte ich mich.

Ich bekam unseren Kaffee, ohne jemanden zu traumatisieren, und stieg wenige Minuten später wieder in das Auto ein. Lilith nahm ihren Becher und probierte. „Herrje. Grässlich.“

„Was?“, fragte ich. „Haben sie ihn verhunzt?“

„Nein, ist schon okay. Ich wusste, dass er so schmeckt.“

Ich zog die Augenbrauen hoch und wartete auf eine Erklärung.

Sie schaute mich an. „Es ist leichter, alle zu hassen, die dieses Zeug trinken, wenn man weiß, wie abartig sie sind.“

„Ach ja, richtig.“ Ich nickte, als hätte ich sie verstanden. Ich nippte am Kaffee und wartete. Ich dachte, sie würde loslachen, wenigstens andeutungsweise grinsen, doch sie verzog keine Miene.

Ich lächelte in mich hinein. Auch wenn sie sich selbst nicht für lustig hielt, ich mochte Lilith und ihre … Momente. Sie hatte eindeutig den Charme einer Katze. Auch wenn sie vorgaben, dich zu hassen und viel zu gut für dich zu sein, man wusste einfach, sie würden es nie zugeben, aber letztlich wollten sie gekrault werden. Ich fragte mich, wie Lilith reagieren würde, wenn ich mich hinter ihrem Ohr zu schaffen machen würde, aber da sie mich schlimmer zurichten konnte als eine Katze, behielt ich die Hände lieber bei mir. Ich nahm mir allerdings fest vor, ihr irgendwann doch noch ein Lächeln zu entlocken, und wenn ich ihr dafür einen toten Vogel bringen müsste.

Kurz darauf hielten wir vor dem Seniorenheim.

„Soll ich mit reinkommen?“, fragte Lilith.

Ich grinste. „Nein, danke, Mom.“

„Auch recht. Ich habe ohnehin Blähungen. Ist wahrscheinlich besser, wenn ich mich momentan nicht allzu viel bewege.“

„Ob du es glaubst oder nicht, ich hätte den ganzen Tag durchgehalten, ohne dass du mir das auf die Nase bindest.“

„Heute ist dein Glückstag. Da kriegst du von mir zwei für den Preis von einem.“

„Was? Zwei Dinge, die ich nicht wissen will?“

Sie nickte.

Offensichtlich wartete sie auf meine Zustimmung. Ich würde es vermutlich bedauern, nickte aber trotzdem. „Na gut. Immer raus damit.“

„In manchen Nächten sehe ich einen grauen, gesichtslosen Mann in einer Ecke meines Schlafzimmers. Er beobachtet mich. Gelähmt wache ich auf und kann nichts bewegen außer meinen Augen …“

„Perfekt.“ Ich unterbrach sie, weil mir schon ein Schauder über den Rücken lief. „Die Schlafstörungen, unter denen ich leide, kann ich damit bestimmt beheben. Jetzt bringe ich ein paar schlecht gelaunten Senioren das Malen bei. Danke fürs Herbringen.“

„Ach, übrigens, heute hat William Dienst. Nur zur Vorwarnung.“

William Chamberson war Liliths Chef. Sie war seine Sekretärin. Ich wusste nur nicht, ob sie mich vorwarnte, weil sie glaubte, ich sei immer noch in ihn verknallt, was ich nie gewesen war, auch wenn sie mir das nicht abnahm. In der Middle School hatte mich mein Freund betrogen, indem er mit einem anderen Mädchen Händchen hielt, kurz nachdem wir offiziell verkündet hatten, wir „gingen miteinander“. Insofern war ich quasi Expertin in Sachen qualvoller Schmerz, verursacht durch Untreue. William war verheiratet, und die frühere Schülerin in mir würde nie zulassen, dass ich mich in einen verheirateten Mann verknallte, und mochte er noch so klasse aussehen und noch so charmant sein.

William war ein Zwilling. Sein Bruder hieß Bruce Chamberson, und beide waren CEOs eines Multimillionendollar-Unternehmens. Beiden war ich hin und wieder über den Weg gelaufen, seit ich hier Malunterricht gab. Eine in meiner Seniorenklasse war Williams angeheiratete Großmutter, und seine Frau, sein Bruder und dessen Frau kamen regelmäßig hierher, um mit den alten Herrschaften Poker zu spielen.

Bruce war der zugeknöpfte Supermantyp mit einem Kinn, mit dem er schneller als der Kool-Aid-Man in der Neunzigerjahre-Werbung durch eine Ziegelmauer gebrochen wäre, mit Augen, dass einem der Schweiß ausbrach, und dem dazu passenden schlanken, muskulösen Körper. Sein Haar war stets perfekt gekämmt, und man brauchte ihn nur ein paar Sekunden zu betrachten, um zu wissen, dass er entweder unter einer Zwangsneurose litt oder wenigstens gefährlich nah dran war. Wenn man auf Männer stand, war es schwer, irgendeinen Makel an ihm zu finden. Abgesehen davon, eben, dass er verheiratet war.

Und dann war da noch William. Wenn Bruce Superman war, dann sah William aus wie ein Superman, der gern auf Partys ging, der nie einen Kamm gesehen hatte und ein kleines Kleptomanieproblem hatte. Sie waren ein sehr ungleiches Paar, aber es war höchst unterhaltsam zu erleben, wie sie aneinandergerieten, was sie offenbar permanent taten.

Als ich zum ersten Mal erfuhr, dass Lilith als Sekretärin für einen ultramächtigen Mann arbeitete, fragte ich mich, was das für ein Chef war, der mit ihr auskam. Sobald ich William kennenlernte, war mir die Sache klar. Lilith war die durchtriebene Katze, und William war eher wie ein … Fuchs mit ein wenig kindlicher Begeisterung und Gutmütigkeit. Manchmal erweckte er den Eindruck von Unbekümmertheit und Harmlosigkeit, aber hinter seinem lockeren Auftreten lauerte ein cleveres Genie. Ich konnte mir seine Belustigung vorstellen, wenn Lilith einen wichtigen Kunden mit ihrem trockenen Humor abfertigte oder jemandem die kalte Schulter zeigte, weil sie gerade jemandem eine Nachricht schrieb.

Mit einem kleinen Beutel voller Utensilien trat ich durch die Eingangstür, begrüßte die bekannten Gesichter und richtete im Aufenthaltsraum, den man mir als Klassenzimmer zur Verfügung gestellt hatte, alles her. Das Geld, das ich hier verdiente, war kaum der Rede wert, aber es war Geld, und der Job hatte etwas mit Kunst zu tun. Das war für mich entscheidend. Seit ich mir vorgenommen hatte, Künstlerin zu werden, war ich in dem Punkt besonders empfindlich. Jeder, dem ich von meinen beruflichen Plänen erzählte, war schnell mit einem Witz bei der Hand. „Ach, du bist Künstlerin? Und in welchem Starbucks arbeitest du?“

Das konnten sie sich sonst wohin schmieren. Ich arbeitete in keinem Starbucks. Ich arbeitete in … na ja, in einem Seniorenheim, und manchmal erledigte ich auch seltsame Jobs. Und als ich tatsächlich einmal in einem Café gearbeitet hatte, war das kein Starbucks gewesen. Es war eine Starbucks-Kopie gewesen, was im Grunde genommen noch übler war. Trotzdem konnten sie es sich sonst wohin schmieren.

Ich breitete gerade an jedem Platz alles Nötige aus, als ich draußen eine Stimme hörte, die ich nicht erkannte. Ich verdrehte mir den Kopf, um in den Flur zu blicken, wo ich den Sprecher entdeckte. Unwillkürlich zog ich eine Augenbraue hoch.

Was ich sah, gefiel mir und meinen Augenbrauen ebenfalls – zumindest einer. Ganz dunkel kam er mir bekannt vor. Er ähnelte einem Kerl von meiner Highschool, da ich allerdings auf eine Kleinstadt-Highschool am Arsch der Welt gegangen war, hätte das schon ein sehr großer Zufall sein müssen.

Er stand kerzengerade da und hatte die Statur eines Athleten. Sein dunkles Haar war kurz geschnitten, und mein Blick blieb sofort auf seinen faszinierenden Lippen hängen. Was er sagte, war ihm sichtlich wichtig, aber mich interessierte der Inhalt seiner Ausführungen in etwa so sehr wie einen Gymnasiasten am Ende der siebten Stunde die Erklärungen des Lehrers.

Er war der Mann. Der Mann, von dem frau träumt, wenn frau bei gedämpftem Licht seit fünf Minuten im Schaumbad liegt. Wenn die Kerzen neben der Wanne flackern und eine angenehm sanfte Musik erklingt.

Ich hätte mir an Ort und Stelle ein paar Tausend Fantasiesituationen ausmalen können. Fifty Shades of … diesem Typ da. Etwa: Ich stehe am Straßenrand neben meinem defekten Auto – vergesst mal kurz den Umstand, dass ich gar keinen Wagen besitze –, und er stützt sich mit seinen tätowierten Händen auf der Motorhaube auf und sieht nach, was fehlt. „Ich muss unter Ihre Haube, Miss. Und da wird es schmutzig zugehen. Ich werde mein größtes Werkzeug brauchen. Meinen Penis. Wir werden Sex miteinander haben.“ Ja, sonderlich subtil sind die Männer in meinen Träumen nicht.

Oder: Drei Männer haben mich in einer dunklen Gasse umzingelt. Er kommt angerannt und macht sie fertig. Wenn dann die Typen am Boden liegen, nimmt er mich in seine stählernen Arme, flüstert mir den ganzen Weg zu seiner Wohnung süße Nichtigkeiten ins Ohr.

„Ich habe mein Gebiss verloren.“

Kurzzeitig verwirrt brauchte ich einen Moment, um zu erkennen, dass dies nicht Mr Fantasy gesagt hatte, sondern die berüchtigte Grammy, die inzwischen neben mir stand. Sie war die Großmutter von Williams Frau, und sie war im Wesentlichen der ungezogene Klassenclown des Seniorenheims.

„O-okay …“, stotterte ich.

„Und das von Earl habe ich gefunden.“ Sie lachte los, grinste übers ganze Gesicht und ließ ein paar extrem schlecht sitzende Zähne sehen.

Mein Magen hob sich ein kleines Stück. „Aber wieso haben Sie … was?“

„Der Schweinehund hat mich letzte Nacht beim Pokern ausgenommen. Jetzt muss er seine Mahlzeit zu Brei zerstampfen, wenn er was essen will.“ Kichernd wackelte sie an ihren Platz. Sie bewegte sich, als wäre sie eine zerbrechliche alte Frau, aber mir konnte sie nichts vormachen. Sie war beweglicher als manch sehr viel Jüngere, aber sie spielte gern die Rolle der lieben alten Omi, weil sie dann mit ihren Streichen leichter davonkam.

Ich versuchte, das Bild von Earls Zähnen in ihrem Mund abzuschütteln, und konzentrierte mich wieder auf den wunderbaren Augenblick, der mir gerade vergönnt war.

Der Mann sprach mit William Chamberson, der mich bemerkte und auf mich zukam. Jetzt näherten sich mir sogar beide Männer, und in einem Anflug von Panik stand ich kurz davor wegzurennen.

Rasch beruhigte ich mich – mühsam – und brachte ein Lächeln zustande, das hoffentlich verbarg, dass ich demnächst ein frisches Höschen brauchte.

„Ryan“, sagte William und deutete auf mich. „Das ist Emily. Emily, das ist Ryan. Er hat die Bäckereien meiner Frau übernommen, als die Einnahmen aus ihrem Fernsehgeschäft in die Höhe schossen. Zufällig braucht er eine Künstlerin.“

Ryan. Selbst der Name kam mir bekannt vor. Während meiner Highschoolzeit musste ich eine große Verdrängungsspezialistin gewesen sein, denn ich hatte Mühe, mich an den Namen meines Cupcakes backenden Quälgeistes von damals zu erinnern. Allerdings hätte ich schwören können, dass es Ryan war. So aus der Nähe kam er mir noch bekannter vor.

Ryan hielt mir die Hand hin. Wie förmlich. Ich schluckte und schüttelte sie, obwohl in all meinen Fantasieszenarios unser erster Körperkontakt ein Kuss gewesen war.

Leider vergriff ich mich ein wenig und schüttelte statt seiner Hand nur seinen Mittel- und Zeigefinger. Irgendwie vertuschte er meine Ungeschicktheit, indem er meine Hand sanft an sich zog, und zwar auf eine altmodische Art, dass mir die Röte ins Gesicht stieg.

„Hi“, sagte ich.

Er kniff die Augen zusammen und musterte mich. Wüsste ich es nicht besser, hätte ich gesagt, er hatte das gleiche Déjà-vu-Erlebnis wie ich. Er neigte den Kopf ein wenig und schien etwas sagen zu wollen, ließ aber einige Sekunden verstreichen.

„Sie sind also die Künstlerin? William hat Ihre Arbeiten über den grünen Klee gelobt. Ich bin schon sehr gespannt, sie zu sehen.“

„Tja, also, ich bin arm, zeichne gern Bilder, kämpfe zudem mit jeder Menge Unsicherheiten, Selbstzweifeln und emotionalem Schmerz. Ich kann mich wohl ruhigen Gewissens Künstlerin nennen.“

Grinsend wandte er sich an William. „Die nehme ich.“

„Wohin soll’s denn gehen?“

Beide Männer unterdrückten ein Lachen.

Wohin soll’s denn gehen? War mir das wirklich rausgerutscht? Ich hatte den Eindruck, ich bräuchte einen dieser altmodischen Fächer, um mich abzukühlen. Vielleicht würde es auch ein großer Leinensack tun, den ich mir über den Kopf ziehen konnte.

„Im übertragenen Sinn“, sagte Ryan. „Entschuldigung. Ich war schon einen Schritt weiter. Ich organisiere eine gemeinsame Halloween-Party für alle Beschäftigten von The Bubbly Baker und von Galleon. Das soll so eine Teambuilding-Sache werden. Zumindest ist das meine Ausrede dafür, dass ich Williams Geld verpulvere.“

The Bubbly Baker. Erinnerungen stiegen in mir auf, Bilder von einem Jungen, den ich auf der Highschool kannte und mit dem ich in der Oberstufe am ersten Tag in der Hauswirtschaftsklasse ein Team bildete. Er war der typische beliebte, sportliche Typ und ging mit einem geradezu unanständig hübschen und hinterhältigen Mädchen. Ich hatte eigentlich erwartet, er würde keinen Handstrich tun und mir die ganze Arbeit aufhalsen, aber er kochte offenbar sehr gern und war darin auch ausgesprochen gut. Das war er. Das musste er sein.

Und kaum war mir der Gedanke durch den Kopf gegangen, stand mir alles wieder vor Augen, als wäre es gestern gewesen. Dass er nicht für mich eingestanden war, als seine Freundin Haisley mich vor der halben Schule blamiert hatte, und dass er tatenlos zugeschaut hatte, wie sie Märchen über mich verbreitete, und mich nie verteidigt hatte. Und die Krönung des Ganzen: Er hatte zugegeben, der Übeltäter zu sein, als ein Cupcake, den wir gemeinsam gebacken hatten, über mein Kunstprojekt verschmiert worden war.

Der einzige Grund, warum ich ihm nicht auf den Fuß stampfte und ihm eine gepfefferte Gardinenpredigt hielt, war der, dass ich mir ziemlich sicher war, dass er gar nicht der Schuldige war. Seine Freundin hatte mich die ganze Zeit verhöhnt, und der Ryan, den ich kannte, war eher dazu bereit, die Schuld für etwas auf sich zu nehmen, das er nicht getan hatte, als die schändliche Tat selbst auszuführen.

Die Wahrheit hatte ich nie erfahren, aber jetzt kam mir das alles nicht mehr so niederschmetternd vor. Es waren schließlich viele Jahre seither vergangen. Damals waren wir Kinder gewesen und hatten Unsinn angestellt. Ja, ich hatte ihn gehasst, aber im Moment war er für mich die Gelegenheit, an einen Job zu kommen. Abgesehen davon, war es Jahre her, und es wäre geradezu lächerlich, wenn ich deswegen heute noch sauer auf ihn wäre, oder etwa nicht?

„Arsch.“ William starrte auf sein Handy und kümmerte sich nicht weiter um Ryans Äußerungen. „Offenbar stecke ich mitten in einem Bieterkrieg auf eBay. Die Vertragsverhandlungen überlasse ich besser euch beiden cleveren Geschäftsleuten.“

„eBay? Ist das noch aktuell?“, fragte Ryan.

„Ja, sicher. Ich kaufe andauernd irgendwelches Zeug auf eBay.“

„Und zwar?“

Ein schelmisches Funkeln tauchte in Williams Augen auf. Er wackelte geheimnisvoll mit seinen Augenbrauen. „Alles Mögliche“, sagte er noch, drehte sich dann um und verschwand.

Ryan schüttelte den Kopf. „Wahrscheinlich Dildos.“

„Ganz bestimmt Dildos“, pflichtete ich ihm bei. Mein Bauch platzte schier vor übernervösen Schmetterlingen, aber in Ryans Augen lag eine Freundlichkeit, die seinem ruppigen Äußeren widersprach.

Ich hätte nicht im Traum daran gedacht, mit einem Mann, den ich eben zum ersten Mal seit der Highschool wiedersah, über Dildos zu reden, schon gar nicht mit meinem erklärten Todfeind, nicht einmal in meiner Mieder zerfetzenden Fantasiewelt.

Ich überlegte, ihn zu fragen, ob er sich an mich erinnerte, aber wenn er dann sein Angebot zurückzog? Was dann?

„Und? Können Sie mir ein paar Ihrer Arbeiten zeigen? Haben Sie ein Portfolio oder Ähnliches?“

Seine Worte hingen im Raum. Die Zeit verlangsamte sich, als verfügte das Potenzial dieses Augenblicks über seine eigene Schwerkraft. Hinter seinen harmlosen Worten spürte ich seine Neugier – sein Interesse. Es knisterte wie eine elektrische Ladung, und ich brauchte sie nur zu packen. Einerseits hatte ich das Gefühl, die Dinge klarzustellen würde eine alte, längst vergessene Narbe heilen, andererseits aber, sie könnte wieder aufbrechen.

„Sie können sich in meine Malklasse setzen“, sagte ich. Als ich meine Worte hörte, drehte sich mir ein wenig der Kopf. Sie waren so harmlos wie seine und hatten doch ihre versteckte Bedeutung. Ich bot ihm nicht an, ihm mein Portfolio zu mailen oder ihm ein paar Skizzen zu zeigen, die ich nur ein paar Schritte entfernt in meiner Tasche hatte. Ich konnte nicht anders. An einem x-beliebigen Tag hätte ich die Willenskraft aufgebracht und die Gelegenheit ungenutzt verstreichen lassen, aber nicht heute. Heute verspürte ich die Erregung, die mit dem Wechsel der Jahreszeiten und den bevorstehenden Feiertagen einherging. Heute war ein Tag, an dem ich etwas riskierte und unvorsichtige Dinge tat. Nichts konnte mich stoppen. „Wir üben das klassische Kopieren von Van Goghs Sternennacht, aber mit Halloween-Farben. Es ist mittlerweile ein Kunstklischee, aber sie haben die ganze Zeit gefragt, wann wir endlich zur Sternennacht kommen, insofern …“

„Hat Van Gogh sich nicht den Penis abgeschnitten und seiner Freundin per Post geschickt, oder so was in der Art?“

Ich grinste. „Das Ohr. Ob er es geschickt oder persönlich überreicht hat, weiß ich allerdings nicht mehr. Man würde doch meinen, so etwas sollte einigermaßen frisch ankommen, oder?“

„Tja, dann haben Sie das wichtigste Detail vergessen. Der Unterschied ist immens, etwa so wie eine Trennung per Nachricht oder persönlich.“

„Genau. Ohr oder Penis, wo ist da schon der Unterschied? Aber der Lieferweg …“

Er nickte. „Ich kenne Bilder von dem Burschen. Sein Ohr hätte er sicher nötiger gehabt als seinen Penis.“

Ich legte mir die Hand vor den Mund, um mein Lächeln zu verbergen, und schüttelte den Kopf. „Wenn Sie glauben, ein paar Scherze über berühmte Maler machen Sie mir sympathisch, dann haben Sie recht.“ Ich bekam regelrecht Angst, wie schnell sich das Ganze entwickelte. Die gleiche lockere Unterhaltung von damals kam mir wieder in den Sinn. Und ich erinnerte mich, wie rasant ich mich in ihn verliebt hatte und welchen Stich er mir versetzt hatte, als er meine Teenagerliebe eiskalt zurückwies.

„Wer sagt denn, dass Sie mich sympathisch finden sollen? Ich bin nur zum Üben hier. Mein Traum ist, dass, wenn ich mir irgendein Körperteil absäbele, Schulkinder das noch Jahrhunderte später lernen müssen.“

Ich verzog das Gesicht. „Ich mache Ihnen einen Vorschlag: Bleiben Sie bis zum Schluss in meiner Malklasse, und dann, wenn ich gesehen habe, was Sie draufhaben, verrate ich Ihnen, wie sehr Ihre Selbstverstümmelung die Kunstwelt erschüttern würde.“

„Hervorragend. Sie haben doch Material zum Fingermalen, oder nicht?“

Ich verdrehte die Augen, lächelte aber, kaum dass ich ihm den Rücken zugedreht hatte und mich wieder daranmachte, alles für den Unterricht vorzubereiten. Mein Herz pochte wie wild nach diesem Intermezzo, und ich fühlte mich so ausgelassen wie lange nicht mehr, zumal nach einem Gespräch mit einem Mann. Er sah schockierend gut aus und hatte diese flotte, spielerische Persönlichkeit, die ich so liebte.

Ich wusste nicht einmal, ob er Single war oder welche Absichten hinter seinem angeblichen Bedarf an einer Künstlerin steckten. Großer Gott, gut möglich, dass er noch mit Haisley zusammen war. Falls er das war, versprach ich mir selbst, werde ich mir etwas überlegen, um erstens ihr das Leben zu vermiesen und zweitens so weit vor ihm davonzulaufen wie nur irgend möglich. Selbst meine Bereitschaft zu verzeihen hatte ihre Grenzen.

Was ich jedoch sehr wohl wusste: Er schaffte es, dass ich mich wieder fühlte wie auf der Highschool, wo etwas so Simples wie ein Blick mein Herz zum Rasen und meine Haut zum Brennen brachte. Dabei hatte er mir mehr als nur einen Blick geschenkt, nicht wahr?

Ich holte tief Luft, um mich zu beruhigen. Ich brauchte nur an die Kunstakademie zu denken. Völlig egal, was aus Ryan geworden war oder was er sich wünschte, ihr galt meine oberste Priorität. Paris. Meine Zukunft. Meine Träume. Alles hing davon ab, dass ich im Januar den Fuß in den Flieger setzte und abhob, um ein neues Kapitel meines Lebens zu beginnen. Hoffentlich kam dann der Teil des Buchs, in dem es langsam interessant wurde. Die bisherigen Seiten meines Lebensbuchs waren diejenigen, die man überblättert und nach denen man sich fragt, ob es sich gelohnt hat, dafür ein paar Dollar abzudrücken.

Das durfte ich nicht vergessen. Ich musste an meine Zukunft denken. Und das Letzte, was ich brauchen konnte, war, mich in einen Kerl zu verknallen, der mich glauben ließ, ich hätte einen Grund, hierzubleiben und meine Chance zu verpassen.

Aber ich brauchte einen richtigen Job. Sosehr ich die Abende hier im Seniorenheim mochte, es war nicht gerade die Sixtinische Kapelle.

Ich begann den Unterricht und stotterte mich durch eine kurze Wiederholung über das Mischen von Farben und wie man eine Farbpalette für ein größeres Projekt zusammenstellt.

Mehr als einmal stolperte ich über meine eigenen Worte, weil ich immer wieder heimlich zu Ryan hinüberschaute. Er sah nicht einfach nur gut aus, er schien aus einem Block kristallisierten weiblichen Begehrens gemeißelt und direkt vor mich hingesetzt worden zu sein. Er entsprach exakt meiner Definition von sexy. Selbstbewusst, aber nicht aufdringlich. Dunkle, buschige Augenbrauen, dunkles Haar und ein Aussehen irgendwo zwischen Actionheld und männliche Hauptrolle in einem Liebesfilm. Ich stellte ihn mir vor, wie er russische Ganoven am Steuer eines entführten Boots niederschlug oder wie er Frauen aus einem Gewittersturm rettete, während er seiner unsterblichen Liebe nachhing. Okay, machen wir uns nichts vor. Ich sah ihn, wie er mich aus dem Gewittersturm rettete.

Entweder war es lange, sehr lange her, seit ich von einem Mann etwas Aufmerksamkeit bekommen hatte, oder Ryan war etwas Besonderes.

Fast konnte ich spüren, wie mein Gehirn blinkte, um meine Aufmerksamkeit zu erregen, als wollte es mir sagen: Hirn an Eierstöcke: Wisst ihr, was noch etwas Besonderes ist? Paris! Kunstakademie! Eure berufliche und finanzielle Zukunft! Eure Träume!

Meine Eierstöcke waren zu sehr damit beschäftigt, eine lachhafte Fantasie nach der anderen durchzuspielen, um zuzuhören. Solange ich hier direkt meinen Traummann vor Augen hatte, war in meinem Schädel kein Platz für Logik und Vernunft. Dort wimmelte es von Herzchen und kleinen Küsschen-Emojis. Da konnte ich mir noch so oft vorsagen, was für ein Trottel er letztlich auf der Highschool gewesen war, es half alles nichts. Wie lange war das her? Eine Million Jahre? Zwei Millionen? Wie könnte ich ihm und diesen schmachtenden hellbraunen Augen etwas vorwerfen, was so lange zurücklag?

Ryan selbst konzentrierte sich vollkommen darauf, eine gute Arbeit abzuliefern. Aber er war anbetungswürdig schlecht. Ich war erleichtert zu sehen, dass er seine Frage nach Fingermalen als Witz gemeint hatte, aber er hielt den Pinsel, als müsste er damit jemandem auf den Kopf schlagen. Ihm musste ich mehr helfen als den Senioren, weil er ein Problem mit Farben hatte.

„Was bekommt man, wenn man Gelb und Rot mischt?“, fragte ich ihn.

„Braun“, antwortete er wie aus der Pistole geschossen.

Ich verkniff mir das Lachen. Ich nahm meine Arbeit ernst, auch wenn ich weniger als den Mindestlohn bekam und die Unterrichtsmittel selbst bezahlte. Meinen Eltern war es nie gelungen, die Karriereleiter nach oben zu klettern, aber sie brachten mir bei, meine Arbeit ordentlich zu erledigen, egal, worin sie bestand. Für meinen Dad war es das Aufwischen von Böden in Bürogebäuden, und für Mom war es das Vereinbaren von Terminen in einer Zahnarztpraxis. Trotzdem lehrten sie mich, dass es darauf ankam, eine Arbeit gut zu machen, und weniger darauf, um welche Arbeit es sich handelte.

Mein Dad hatte so seine Art, die Dinge zu umschreiben, die mir im Gedächtnis haften geblieben ist. Ich wusste noch gut, was er zu mir sagte, als ich meinen Wunsch äußerte, Künstlerin zu werden. Er entmutigte mich nicht und behauptete auch nicht, damit sei kein Geld zu verdienen. Er dachte eine Weile nach, holte dann tief Luft und nickte. „Großartig. Die Leute werden dich dafür auslachen, aber das würden sie auch tun, wenn du Klempnerin, Köchin oder Sekretärin werden wolltest. Mach das, was du machst, gut, dann kann dir immer egal sein, was die anderen sagen.“

Als Ryan mich also nun aus seinen verträumten hellbraunen Augen anschaute, blickte ich auf seine Palette und konzentrierte mich auf meine Aufgabe. Mein Dad würde wollen, dass ich nicht vergaß, dass mein Job der Kunstunterricht war, und Ryan hatte Unterricht dringend nötig.

„Man bekommt Orange.“ Ohne groß nachzudenken, nahm ich seine Hand und leitete ihn an, wie man mit kreisförmigen Bewegungen die Mischung eher hinkriegt als mit seinen stoßartigen aggressiven Versuchen. Kaum war ich fertig, zog ich meine Hand von seiner unglaublich warmen, wunderbaren Haut zurück und spürte dennoch weiterhin ein Prickeln an den Stellen, an denen wir uns berührt hatten.

„He!“, sagte er. „Ich glaube, ich habe die Technik nicht ganz kapiert. Können Sie es mir noch mal zeigen?“

Beinahe hätte ich ihm einen Klaps verpasst und gekichert wie eine Idiotin, aber es gelang mir, beides zu vermeiden. Ich wandte mich ab und presste die Augen zusammen. Paris! Ich sagte mir im Geist das Wort wie ein Mantra vor. Bisher war es mir hervorragend gelungen, Männern aus dem Weg zu gehen. Langsam, aber sicher fühlte ich, wie ich mich aus meiner Kleinmädchendummheit herauskämpfte, die drohte, mich blind und taub für Vernunft und gesunden Menschenverstand zu machen.

„Bringen Sie uns anderen auch noch bei, wie man den Mumpitz da malt?“, maulte Grammy. Ihre Worte waren wegen Earls Gebiss ein wenig undeutlich zu verstehen. „Oder wollen Sie den ganzen Abend mit dem kleinen Jungen da flirten?“

„Brauchen Sie Hilfe?“, fragte ich. Meine Stimme war ein einziges Quieken, aber ich tat so, als sei alles in Ordnung.

„Ja.“ Ihre Lippen verzogen sich zu einem bösen Grinsen. „Ich habe ganz vergessen, wie man französisch küsst. Vielleicht könnt ihr notgeilen Turteltäubchen mir auf die Sprünge helfen.“

Earl, dessen Mund ohne sein Gebiss ein eingesunkenes kleines Loch war, stieß ein krächzendes Lachen aus, unterbrochen von kürzeren Hustenanfällen. Der Rest meiner Schüler fand das nicht so lustig, vielleicht hatten sie es auch gar nicht mitbekommen. Ich wusste es nicht.

Als der Unterricht zu Ende war, sah Ryans Werk noch immer aus, als habe er es mit dem Finger gemalt, obwohl ich eindeutig gesehen hatte, dass er den Pinsel benutzt hatte. Es war zweifellos das schlechteste Bild, das ich je einen Erwachsenen hatte malen sehen. Hätte Jackson Pollock mit Picasso ein Baby gezeugt und dieses Baby wäre als Erwachsener kokainsüchtig geworden und hätte während des Entzugs mit zitternden Händen ein Bild gemalt, es wäre trotzdem besser als das von Ryan geworden. Er hob es hoch und betrachtete es mit gerunzelter Stirn, dann drehte er es herum und lächelte gezwungen. „Ach, es stand auf dem Kopf“, erklärte er.

„Das können Sie feststellen?“, fragte ich skeptisch.

„Nein, eigentlich nicht. Sie können von Glück reden, dass ich keine Kunstlehrerin suche. Denn gelernt habe ich bei Ihnen nichts.“

Ich runzelte die Stirn. „Von den anderen hat sich noch niemand beschwert.“

„Die hatten es einfacher, sich darauf zu konzentrieren, was Sie sagen, statt darauf, wie Sie dabei aussehen.“

Ich fuhr mir verlegen mit den Händen durch das Haar und dachte, ich müsste die ganze Zeit irgendetwas vollkommen falsch verstanden haben.

„Nein, ich meine nur, es war schön, Ihnen zuzuschauen. Man sieht, dass Ihnen tatsächlich etwas an all dem liegt. Ich habe einfach vergessen, Ihnen zuzuhören, das ist alles.“

Ich grinste. „Wenn Sie mir zugehört hätten und trotzdem das da abgeliefert hätten, würde ich mich selbst feuern.“

„Von so einem netten Ort? Nie im Leben. So eine Beschäftigung können Sie nicht einfach aufgeben.“

„He, vorsichtig! Ich bin froh, diesen Job hier zu haben. Ich tue etwas, was ich mag, und werde dafür bezahlt.“

Er lächelte mich an. „Das gefällt mir.“

„Was denn?“

„Ihre Leidenschaft. Das ist richtig erfrischend.“

„Und was ist mit Ihnen? Sind Malkurse im Seniorenheim Ihre Leidenschaft?“

Er antwortete nicht sofort. Stattdessen biss er sich auf die Lippe und musterte mich von oben bis unten, und das auf eine Art und Weise, dass mir die Knie ganz weich wurden.

Paris. Denk einfach an Paris …

Seine Miene veränderte sich, als sei ihm plötzlich ein unangenehmer Gedanke gekommen. Innerhalb von Sekunden fielen die Hitze und Flirtbereitschaft seiner Körpersprache in sich zusammen, und es blieben nur Freundlichkeit und Geschäftsmäßigkeit zurück. Keine Hitze. „Also, eigentlich habe ich zwei Leidenschaften. Einmal, mein Geschäft zu führen, und dann noch, auch wenn das vielleicht seltsam klingt, Feiertage.“

„Was soll daran seltsam sein? Jeder mag Feiertage.“

Er zuckte ein wenig befangen mit den Schultern, was bei einem so bildhübschen Mann zauberhaft aussah. „Vielleicht nicht in dem Maß wie ich.“

Ich verzog das Gesicht. „Tut mir leid. Aber ich habe ein kleines Problem damit, mir vorzustellen, wie es ist, wenn man zu sehr auf Feiertage steht. Als Nikolaus verkleidet Weihnachtslieder singen? Der Typ in der Nachbarschaft, der sein Haus an Halloween in eine Horrorbude verwandelt? Oder der Typ, der an Thanksgiving Reden über Pilgerväter und Ureinwohner hält, ehe er seinen Gästen den ersten Bissen gönnt?“

Er rieb sich den Nacken und verzog das Gesicht, als müsse er sich krampfhaft eine Antwort überlegen.

„Wie bitte?“, lachte ich. „Jetzt sagen Sie bloß, dass Sie so einer sind …“

„Na ja, also, über Pilgerväter habe ich noch nie gesprochen, aber ich glaube schon, dass den meisten Leuten das Wesentliche von Thanksgiving entgeht.“

„O nein“, sagte William, der den Kopf zur Tür hereinstreckte.

Ich zuckte von Ryan zurück, als hätte man mich bei etwas Ungehörigem erwischt.

„Bin ich zu spät gekommen? Hat er schon zugegeben, was er für ein Nerd ist?“ William schlenderte ins Zimmer, nahm Ryan das Bild ab und betrachtete es skeptisch. „Herr im Himmel, und Sie schimpfen sich Kunstlehrerin? Das sieht ja aus, als hätten Sie ihn gezwungen, so viel Farbe wie möglich zu schlucken und dann alles aufs Papier zu spucken. Und wenn ich annehme, es sei aus seinem Mund gekommen, ist das noch geschmeichelt. Vielleicht hat er …“

„Danke für die sachliche Kritik, William“, unterbrach ihn Ryan. „Nächstes Mal strenge ich mich sehr viel mehr an.“

„Ich habe schon Elefanten schönere Bilder malen sehen, fällt mir gerade ein. Ungelogen, es gibt da einen Ort, an dem …“

„Wir haben es kapiert“, sagte Ryan. Er warf William einen bösen Blick zu, der eindeutig besagte: Zieh Leine! Aber entweder übersah William das, oder es war ihm egal.

„So“, sagte er, ging im Zimmer herum und berührte alles, was in seiner Reichweite lag. Er hob einen Pinsel hoch und fuhr mit dem Finger der Länge nach darüber, betrachtete ihn eine Weile und legte ihn dann wieder hin. „Ich komme hier rein und ertappe euch beide, wie ihr euch wie zwei aufgeheizte Highschool-Kinder angrinst. Höchst ungewöhnlich. Was ist aus dem Ryan geworden, den ich kenne?“

„Wir haben nicht …“

„Psst!“, sagte William. „Sie brauchen sich nicht zu entschuldigen. Schließlich sind wir ja alle Erwachsene. Ich will nur herausfinden, wieso mein Freund hier“, er ging zu Ryan und drückte ihm die Schulter, »warum mein guter Freund auf einmal Stielaugen bekommt, obwohl er normalerweise Mr Friendzone ist.«

„Wenn du mich weiterhin als guten Freund haben willst, dann such dir möglichst einen besseren Zeitpunkt, um mit mir über das alles zu quatschen“, drohte Ryan.

„Ach. Ach. Aaaaach!“ William zwinkerte. „Mist. Ich spiele gerade den Schwanzblocker, oder? Dabei halte ich mich eigentlich für einen erstklassigen … Wie lautet das Gegenteil von Schwanzblocker? Schwanzlockerer? Nein, das klingt mir zu unanständig. Schwanzkuppler? Schwanzvermittler?“ Er tippte sich aufs Kinn und ging zur Tür, nicht ohne weitere Varianten vor sich hin zu murmeln, aber ohne sich zu verabschieden.

Ryan schüttelte den Kopf. „Kennen Sie ihn schon so lange, dass ich mich nicht für ihn entschuldigen muss?“

„Ja, leider. Die Großmutter seiner Frau ist Stammkundin in meiner Senioren-Malklasse.“

„Gut, also, ich habe Ihnen noch gar nicht erzählt, was ich eigentlich suche. Ich brauche jemanden, der für meine Halloween-Party Plakate malt und ein paar Requisiten herstellt. Es wird eine große Firmenparty. Nicht allzu förmlich, aber das Ganze soll ein eher persönliches Flair haben, deshalb wollte ich nicht in den üblichen Geschäften irgendwelche Standardartikel anschaffen.“

„Wie viele Leute kommen in etwa?“

„Ich habe rund dreißig Angestellte. Galleon ist ein bisschen größer … sagen wir, alles in allem etwa zweitausenddreißig Leute.“

Ich merkte, wie meine Augen größer wurden, spielte aber die Coole. „Verstehe. Und ich würde direkt unter Ihnen arbeiten?“

„Wenn Sie das so möchten“, erwiderte er. Er schwieg eine Weile, aber seine Mundwinkel zuckten belustigt.

Meine Wangen begannen zu brennen, doch ich nickte. „Unter Ihnen ist mir recht. Ich meine, alles andere wäre auch in Ordnung.“ Ich schloss die Augen und senkte langsam den Kopf. „Der Job klingt gut. Danke.“

Über Penelope Bloom

Biografie

Penelope Bloom war Lehrerin an einer Highschool, bevor sie ihren Job an den Nagel hing, um sich ganz dem Schreiben zu widmen. Inzwischen ist sie eine erfolgreiche Bestsellerautorin, und ihre Romane wurden in zahlreiche Länder verkauft. Sie lebt mit ihrem Mann und zwei kleinen Töchtern in...

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