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Hirschkuss

Hirschkuss

Ein Fall für Anne Loop

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Hirschkuss — Inhalt

Eine Bankerin auf Wellnessurlaub verschwindet beim Joggen spurlos. Polizeihauptmeisterin Anne Loop begibt sich fieberhaft auf die Suche, doch eigentlich hat sie ganz anderes im Kopf, denn sie ist frisch verliebt! Aber der Bergwald ist eine mörderische Idylle. Als kurze Zeit später ein Paar nach einem Spaziergang stirbt und dann auch noch eine explodierende Buche einen Menschen unter sich begräbt, schwant Anne Loop, dass die Todesfälle zusammenhängen wie die Zapfen eines Fichtenzweigs ...

€ 8,99 [D], € 8,99 [A]
Erschienen am 17.02.2014
288 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-492-96380-0

Leseprobe zu »Hirschkuss«

Der Jäger braucht eine Kurzwaffe zum Töten von Raubwild

sowie für Fangschüsse; ferner auch in Notwehrfällen

zur Selbstverteidigung.

Helmut Krebs, Jagdexperte

 

EINS

Hanna Nikopolidou blickte auf das Smartphone, das neben ihren rötlich-braun lackierten, gepflegt kurzen Fingernägeln lag. Gestern noch war sie bei der Maniküre gewesen. Zehn Uhr vierunddreißig war es jetzt. Das Meeting dauerte bereits über eine Stunde. Die letzten durch den Raum gewaberten Begriffe, die sie mitbekommen hatte, waren Risikomatrix, Profitabilität und Transaktionssettlement. Das [...]

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Der Jäger braucht eine Kurzwaffe zum Töten von Raubwild

sowie für Fangschüsse; ferner auch in Notwehrfällen

zur Selbstverteidigung.

Helmut Krebs, Jagdexperte

 

EINS

Hanna Nikopolidou blickte auf das Smartphone, das neben ihren rötlich-braun lackierten, gepflegt kurzen Fingernägeln lag. Gestern noch war sie bei der Maniküre gewesen. Zehn Uhr vierunddreißig war es jetzt. Das Meeting dauerte bereits über eine Stunde. Die letzten durch den Raum gewaberten Begriffe, die sie mitbekommen hatte, waren Risikomatrix, Profitabilität und Transaktionssettlement. Das Meeting war öde wie immer. Aber Hanna Nikopolidou mochte ihren Job, und weil sie gut darin war, verdiente sie auch exzellent. Bereits in ihrem ersten Berufsjahr hatte sie verinnerlicht, dass die Aufgabe einer erfolgreichen Bankerin darin bestand, aus viel Geld mehr Geld zu machen. Da konnte man in Meetings noch so viel angelsächsisches Fachvokabular daherlabern – ob die Geldvermehrung klappte oder nicht, hing von zahllosen Zufällen und Unwägbarkeiten ab. Von mehr Zufällen und Unwägbarkeiten, als man den Kunden, die in Hannas Fall größtenteils finanzstarke Investoren waren, zumuten konnte. Eine gute Bankerin war verschwiegen, dieser Tage.

Zehn Uhr fünfunddreißig. Hanna dehnte ihren sportlichen Körper und dachte mit Vorfreude an das Wellnesswochenende am See. Sie hatte in dieser Woche bereits zweiundzwanzig solcher Sitzungen ertragen. Die Meetings nahmen zu. Kein Wunder, dass sie – wie im Übrigen fast alle Kollegen in der Bank – auf weit über siebzig Arbeitsstunden pro Woche kam. Die reguläre Arbeitszeit wurde durch Konferenzen blockiert, die wirklich wichtigen Arbeiten verschoben sich zwangsläufig in den Abend und die Nacht. Hanna unterdrückte den plötzlichen Drang zu gähnen. Stattdessen lächelte sie ihren Vorgesetzten an. Er war heute besonders gut drauf. Am Morgen hatte sie seinen neuen Porsche auf dem Parkplatz gesehen. Weiße Lackierung, cremefarbene Sitze. »Weiß ist das neue Schwarz«, hatte er verkündet. »Penisverlängerung« hatte Hannas britische Kollegin Jane mit ihrem hinreißenden englischen Akzent geraunt.

Hanna sah wieder auf das Telefon. Es galt, noch exakt vier Stunden und dreiundzwanzig Minuten durchzuhalten. Dann würde sie das Büro verlassen, sich den reservierten Mietwagen – ein nettes, nicht zu protziges Cabrio (zweifellos keine Penisverlängerung!) – holen, Katja in ihrer Wohnung aufsammeln und in die Natur entfliehen. Der idyllische See lag nur etwa fünfzig Kilometer von München entfernt, wohlbeschützt von majestätischen Bergen. Hannas kleiner Koffer wartete gepackt unter dem Schreibtisch im Office. Sie schloss für eine Hundertstelsekunde die Augen und glitt in Gedanken in das heiße, sprudelnde Wasser des Hotelwhirlpools. Für einen Augenblick spürte sie das warme Nass auf der Haut. Obwohl Hanna die Sonne mied, war ihre Haut braun, und zwar ganzjährig. Zu verdanken hatte sie das im Gegensatz zu manch wohlgebräunter Kollegin jedoch nicht der Sonnenbank, sondern ihren Eltern, die kurz vor Hannas Geburt aus Griechenland nach Deutschland eingewandert waren.

Sie dachte an die sanften ätherischen Öle, die Wellnessbereiche in Orte des Rückzugs, der inneren Einkehr und körperlichen Harmonie verwandelten, da vermeldete ihr gelangweiltes Gehirn, dass diese Frage ihr galt: »Was halten Sie von unserem neuen paneuropäischen Sektoransatz, Frau Nikopolidou?«

Hanna hatte keine Ahnung, worum es ging. Aber davon ließ sie sich nicht aus der Fassung bringen. Sie war zwar erst vierunddreißig, aber sie kannte den Laden nun doch schon seit bald einem Jahrzehnt. Ihre Position war safe. Sie hatte in der Vergangenheit einige gute Entscheidungen getroffen. Und sie war sprachbegabt, das war ein Vorteil als Bankerin. Die Antwort auf die Frage ihres Vorgesetzten Heinzelsperger fiel ihr leicht: »Ich denke, dass wir damit im Equitiesbereich gut aufgestellt sind. Sowohl die jüngst gelaunchten Researchergebnisse als auch die Statistiken der Sales Results haben die eingeschlagene Strategie bestätigt. Allenfalls im Bereich Fixed Income sehe ich Room for Improvement.« Natürlich hätte Hanna auch »Luft nach oben« sagen können, aber hätten dann auch wirklich alle (insbesondere die Porschefraktion) mit ernsten Mienen genickt? Zehn Uhr zweiundvierzig. Hanna freute sich auf das leichte Fischgericht, das sie sich im Hotelrestaurant gönnen würde. Der See war bekannt für seine Saiblinge.

 

_________________

 

Das ist ja gerade so, wie wenn der Präsident vom

Bauernverband im Kimono Traktor fahren tät!

Kurt Nonnenmacher, Polizeichef

 

ZWEI

Montag

»Wie, was, wie – sie ist weg, zefix? Das gibt’s doch nicht! … Spurlos! Bei uns verschwindet doch niemand spurlos. Jetzt gehen’S noch einmal durch das ganze Hotel hindurch, ganz konzentriert. Und schauen überall nach. In jedem Eck. Die muss ja irgendwo sein. Vielleicht hockt’s in der Sauna. Oder im Dampfbad. Das mag die Türkin! … Ach so, ja dann halt Griechin … Ja! … Das ist doch eh das Gleiche … Ja, Herrgottsakra!«

Anne Loop, die eben das Dienstzimmer ihres Vorgesetzten Kurt Nonnenmacher betreten hatte, machte mit der rechten Hand eine beschwichtigende Bewegung, die den Chef darauf hinweisen sollte, dass er gerade eine Nuance zu laut war. Doch der brüllte weiter: »Ja, warum rufen Sie dann erst jetzt bei uns an? Heute ist Montag! Die kann ja genauso gut sonstwo sein! … Eine alleinstehende Frau! Gut aussehend! Griechin! Und dann noch von der Bank! Die können rechnen, das sag ich Ihnen. Die wird sich einen von unseren Millionarios am See geschnappt haben! … Jajajaja, ist ja gut, wir schauen gleich einmal vorbei. Ja, servus, Ende.«

Wütend knallte der Leiter der kleinen Polizeiinspektion den Hörer auf und schrie: »So ein Depp!« Anne machte intuitiv einen Schritt zurück, um sich vor den Schweißtropfen in Sicherheit zu bringen, die den Wutausbruch des wild mit den Armen rudernden Urbayern begleiteten. Dabei trat sie versehentlich ihrem Kollegen Sepp Kastner auf den Fuß, der sich gerade ebenfalls im Chefzimmer der nicht unbedeutenden Polizeiinspektion eingefunden hatte: Man war an dem idyllischen Bergsee immerhin für die Sicherheit einer ganzen Ansammlung von Bonzen zuständig, darunter laut jüngsten Gerüchten sogar ein waschechter russischer Oligarch. Und das in einer Gegend, in der vor nicht einmal einem guten Jahrhundert der Wilderer Georg Jennerwein gewaltsam den Tod gefunden hatte. Der Überlieferung nach war der Girgl, wie man ihn genannt hatte, an einer Kugel, die ihn feig am Rücken getroffen hatte, gestorben. Ein Fleischteil seiner rechten Wange, an dem sogar noch ein Stück des stolzen Schnurrbarts im Wind geflattert haben soll, wurde in den Ästen einer Fichte am Bergkamm der Bodenschneid aufgefunden. Der Verbleib des Fleischteils inklusive des Schnurrbarts ist in etwa so nebulös wie der Tod des Märchenkönigs. Es gibt Stimmen im Tal, die behaupten, der halbe Jägerschnurrbart befinde sich in einem geheimen Giftschrank der Asservatenkammer des Bayerischen Landeskriminalamts.

»Was für ein Depp war jetzt das?«, griff Sepp Kastner die letzte Aussage des Chefs auf.

»Ein Hotelhanswurscht.«

»Und was wollte der?« Kastner neigte zum gepressten Sprechen, er wirkte stets ein wenig hektisch, was womöglich daran lag, dass er einerseits verklemmt, andererseits praktisch ständig auf Frauensuche war. Vierundzwanzig Stunden am Tag, sieben Tage die Woche.

»Nix«, erwiderte Nonnenmacher und zog eine grüne Kunststoffdose mit Schlumpfaufdruck aus der geöffneten Schublade des Schreibtischs. Die Reisdiät, die seine Frau Helga in einer Frauenzeitschrift entdeckt hatte, war das Einzige, was seinen nervösen Magen halbwegs in Schach halten konnte. Gut, Nonnenmachers Arzt meinte zwar, dass eine gesündere Ernährung auch helfen könnte, aber war bayerisches Bier dank seiner vielen wertvollen Inhaltsstoffe – Folsäure, zahllose B-Vitamine, Vitamin H, Magnesium, Kalium et cetera – nicht ein Fitnessgetränk erster Güte? War der bayerische Leberkäse nicht regelrechtes Powerfood, eine Kraftquelle ohnegleichen? Nonnenmachers Arzt, der nebenbei auch als Kurdoktor praktizierte und deshalb etliche Esoterika im Programm für Individuelle Gesundheitsleistungen, genannt IGeL führte, war da anderer Meinung.

»Was, ›nix‹?«, insistierte Kastner. Anne Loop schwieg.

Nonnenmacher sah ihn böse an und sagte dann langsam, immer noch Reis mampfend: »Ist garantiert ein Fehlalarm.« Er kaute. »Da ist angeblich eine Türkin aus einem Wellnesshotel verschwunden. Aber bei uns verschwindet doch niemand einfach so. Und überhaupts: Was heißt schon verschwunden …« Er vollendete seinen Gedanken nicht.

»Ich finde«, schaltete Anne Loop sich ein, »wir könnten uns vornehmen, etwas mehr wie Dienstleister aufzutreten. Letztlich sind doch die Menschen, die bei uns anrufen, unsere Kunden.«

Für diese Aussage erntete die nicht aus dem, wie Nonnenmacher fand, schönsten und reichsten Bundesland Deutschlands, sondern nur aus dem Rheinland stammende Polizeihauptmeisterin zwei erstaunte Blicke.

»Kunden?«, meinte Nonnenmacher vorwurfsvoll und schüttelte den Kopf. »Ja sind wir denn hier beim Aldi, oder was?«

»Habe die Ehre, wer von euch hat bei uns angerufen?«, kam Nonnenmacher direkt zur Sache, als die drei Ermittler an der Hotelrezeption angedockt hatten.

»In welcher Angelegenheit?«, erkundigte sich die Rezeptionsdame mit der in Luxushotels üblichen völlig unglaubwürdig unterwürfigen Art.

»Es geht um die Vermisstenmeldung«, kam Anne ihrem Chef zuvor, um zu verhindern, dass er sich auch hier im Ton vergriff.

»Ach, das wird wohl der Herr Weindorf gewesen sein, unser Direktor.« Sie nahm den Hörer eines der Rezeptionstelefone und hauchte diskret in die Muschel. Anne, die knapp hinter Nonnenmacher stand, zog im selben Moment ein abgestandener Leberkäsegeruch in die Nase. Nonnenmacher hatte auf der Herfahrt darauf bestanden, einen Zwischenstopp in der Metzgerei einzulegen. Die junge Polizistin rümpfte die Nase.

Der Hoteldirektor Josef Weindorf war ein erstaunlich braun gebrannter Mittfünfziger, Typ Segelklub. Er berichtete, dass die vermisste Hanna Nikopolidou sich am Freitag im Hotel einquartiert habe. »Frau Nikopolidou hat sich für unser Arrangement ›Seephrodite‹ entschieden. Neben klassischen Anwendungen wie Face- und Bodypeeling, Chi-Yang-Energieflussmassagen und Entspannungsbädern verwöhnt es auch mit einem Yoga-Crashkurs, Focusing und Qigong mit Biofeedback.«

»Focusing und Qigong mit Biofeedback«, brummte Nonnenmacher und schob ein »Dingdong« hinterher.

»Was ist denn das – Focusing?«, erkundigte sich Kastner staunend.

Ohne die Antwort des Hoteldirektors abzuwarten, fragte Anne: »Und welche dieser Anwendungen hat Frau Nikopolidou wahrgenommen?«

»Keine!«, rief Josef Weindorf aus. Er klang beleidigt. »Das ist es ja! Obwohl sie das bei uns all inclusive hätte haben können! Sie hat am Freitagabend um siebzehn Uhr zweiundfünfzig eingecheckt, später hat sie zu Abend gegessen …«

»Was hat sie gegessen?«, fragte Anne schnell dazwischen.

»Das ist doch völlig wurscht, was die gegessen hat«, maulte Nonnenmacher.

»Frau Nikopolidou hat ein Gericht von unserer Prinzesskarte gewählt, den Chilisaibling an Zitronengras und Rahmmousse, und ist dann wohl zu Bett gegangen.«

»Prinzesskarte, Chilisaibling, Zitronengras … der Saibling ist ein bayerischer Fisch! Das ist ja gerade so, wie wenn der Präsident vom Bauernverband im Kimono Traktor fahren tät!«

»Und seither wurde sie nicht mehr gesehen?«, fragte Anne ungläubig.

»Wissen Sie, ob sie die Nacht im Hotel verbracht hat?«, schob Kastner hektisch hinterher.

Der Hoteldirektor zögerte einen Moment und erwiderte dann mit leicht genervter Stimme: »Am Frühstück hat sie auch noch teilgenommen. Jedenfalls sagt das unser Computer. Und das Zimmermädchen teilte mit, dass das Bett von Frau Nikopolidou nicht gemacht war, als sie morgens zum Reinigen kam. Aber danach war Frau Nikopolidou – so hat es jedenfalls den Anschein – nicht mehr drin.«

»Können wir das Zimmer einmal in Augenschein nehmen?«

»Natürlich«, erwiderte Josef Weindorf auf Annes Bitte. »Aber eines ist noch erwähnenswert: Frau Nikopolidou reiste allein an, obgleich sie für zwei Personen gebucht hatte. Unser Buchungsprogramm verzeichnet einen weiteren Gast, Frau Katja Engels. Doch sie hat nicht mit eingecheckt.«

»Katja Engels«, wiederholte Nonnenmacher nachdenklich. »Wie Friedrich Engels, der Spezl vom Marx.«

»Zwei Frauen in einem Zimmer«, meinte dagegen Kastner. Die Vorstellung inspirierte ihn ganz offensichtlich.

Anne verdrehte die Augen. »Wer war an der Rezeption, als Frau Nikopolidou eincheckte?«

»Das war unsere Frau Himmelsgarten.«

»Himmelsgarten … Könnten wir diese Frau Himmelsgarten kurz befragen?«, bat Anne.

Der Hoteldirektor rief seine Mitarbeiterin herbei.

»Sie haben Frau Nikopolidou eingecheckt?«, fragte Anne freundlich. Die Angesprochene nickte.

»Sah sie lesbisch aus?«, platzte es aus Kastner heraus.

»Seppi, bitte!«, fuhr Anne den Kollegen an und wandte sich dann wieder der Rezeptionsdame zu. »Hat sie gesagt, weshalb Katja Engels nicht mit angereist ist?«

Frau Himmelsgarten nickte. »Sie sei krank geworden, hat sie gesagt.«

»Und haben Sie ihr das geglaubt?«, wollte Nonnenmacher wissen.

Die Gefragte zuckte mit den Schultern. »Weshalb sollte ich dies denn nicht tun?«

Anne schüttelte aus Verzweiflung über ihren Chef den Kopf, wandte sich dann aber Josef Weindorf zu: »Können wir dann jetzt das Zimmer sehen?«

Betrat man das Hotelzimmer, gelangte man gleich links ins Bad. Ging man an dem großen Wandschrank entlang geradeaus, stand man in einem etwa dreißig Quadratmeter großen Raum mit zwei Betten. Sie sahen aus, als wären sie eben frisch bezogen worden.

»Haben Sie eigentlich einmal versucht, Frau Nikopolidou anzurufen? Sie hat doch sicher eine Telefonnummer hinterlassen?«, wandte Anne sich an den Hoteldirektor und scannte den Raum. Am Fußboden vor dem Bett lagen Hotelschläppchen aus Frotteestoff. Auf dem Nachtkästchen befand sich ein Buch mit dem Titel Risiko, ein Ratgeber zum Thema Entscheidungsfindung, wie Anne mit einem Blick auf den Klappentext feststellte. Unter dem kleinen Schreibtischchen an der Wand stand ein Paar Damenlederslipper.

»Sie geht nicht ans Handy«, antwortete der Hotelchef. »Wir haben es bereits mehrfach versucht. Auch auf die Mailbox haben wir gesprochen. Eine andere Nummer haben wir von ihr nicht.«

»Vielleicht schauen’S einmal ins Telefonbuch«, meinte Nonnenmacher.

»Für München gibt es zu diesem Nachnamen nur einen einzigen Treffer. Das ist ein griechisches Restaurant. Aber auf der Website dieses Restaurants, es heißt Melissos, stehen Inhaber mit anderen Vornamen.« Josef Weindorf zögerte. »Und wir sind diskret. Wir können doch nicht unseren Gästen hinterherforschen …«

Kastner hatte den Wandschrank geöffnet. Dort fanden die Ermittler ein Paar schwarzer, hochhackiger Schuhe und einen kleinen Rollkoffer. Kastner hob ihn heraus und stellte ihn vorsichtig auf das hintere Bett. Der blonde Polizist mit dem schütteren Haar klappte den Koffer auf und meinte sofort: »Mmh, das riecht aber gut.« Auch Nonnenmacher, der sich neben ihn gestellt hatte, schnüffelte und stellte fachmännisch fest: »Das ist Parfüm.«

Dann sah Kastner, dass obenauf weiße Unterwäscheteile lagen, und er machte schnell einen Schritt zurück.

»Hoppla«, meinte Nonnenmacher.

»Ich glaub, das ist eher deine Baustelle, Anne«, wandte sich Kastner an seine Kollegin. Er wirkte mit einem Mal hilflos.

»Jetzt geh!«, meinte der Dienststellenleiter und griff mit seinen dicken Fingern die Dessous, bei denen es sich um einfache Baumwollslips und -BHs handelte, und ließ sie neben den Koffer aufs Bett plumpsen. Weiter unten in dem Gepäckstück stießen die Polizisten auf nichts, was ihre Aufmerksamkeit erregt hätte. Hanna Nikopolidou hatte sich für ihr Wellnesswochenende der frühsommerlichen Jahreszeit angemessene, elegant-sportliche Freizeitkleidung eingepackt. Auch zwei Bikinis fanden sie. »Wahrschein’s fürs Hotelschwimmbad«, meinte Nonnenmacher. Als Polizeichef in einem bei Urlaubern beliebten Alpental war dies für ihn nicht die erste Ermittlung in einem Hotel mit Wohlfühlanlage.

Dann erreichte Josef Weindorf ein Anruf auf seinem Handy. Der Hotelier entschuldigte sich und ließ die Ermittler allein. Nonnenmacher öffnete die Balkontür und trat hinaus. Kastner ging ins Bad, und Anne durchstöberte den Schlafraum. Alle drei schwiegen, bis Anne plötzlich rief: »Nimmt man mehr als zwei Paar Schuhe mit auf ein Wellnesswochenende?« Die anderen beiden kamen von ihren Suchrevieren zurück und sahen sie ratlos an. »Also, ich meine: Wenn die Hanna Nikopolidou jetzt auf ihren eigenen Füßen rausgegangen ist, dann müsste sie doch eigentlich noch ein drittes Paar dabeigehabt haben.«

»Wenn sie nicht barfuß hinaus ist«, kommentierte Kastner, der seinen Einwand jedoch selbst nicht recht ernst nehmen konnte und sogleich den Kopf schüttelte.

»Der Türke hat eine ganz andere Barfußkultur wie der Bayer«, meinte Nonnenmacher fachkundig. »Geht unsereins nicht einmal barfuß in den eigenen Garten, weil man fürchtet, in Hühnerscheiße zu treten, wäscht sich der Türke sogar vor dem Kirchgang die Füße und geht dann barfuß hinein. Die Kirche heißt beim Türken auch nicht Kirche, sondern …« Nonnenmacher dachte nach und sagte dann mit so viel Stolz, als hätte er beim Tischfußball einen Treffer versenkt: »Moschää.« Er griff sich etwas eitel an die Nase. »Ich war mit der Helga schon einmal in so einer Moschää. Da liegen überall Teppiche, und es gibt keine einzige Kirchenbank. Der Türke hat wenig Holz, weshalb er alles verheizen muss und es nicht zum Möbelbau verwenden kann.«

Ohne auf die kulturellen Details von Nonnenmachers Vortrag einzugehen, stelle Anne trocken fest: »Hanna Nikopolidou ist Griechin.«

»Kurt, ein Tipp«, klinkte sich Kastner ein. »Mit den Türken und den Griechen, das kannst du dir ganz einfach merken: Türke, das ist Kebab. Und Grieche, das ist G wie Gyros. Ich mag ja Kebab lieber. Und außerdem … kann ich mir gut vorstellen, dass die noch ein drittes Paar Schuhe dabeihatte.« Er sah Anne ernst an. »So eine feine, erfolgreiche Dame hat natürlich mehrere Schuhe zur Auswahl dabei.« Gedankenverloren zog Kastner die Schublade des Nachtkästchens auf, auf dem das Buch lag. »Da ist noch was.« Er hob eine elegante Brieftasche hoch. Sofort untersuchten die drei Ermittler den Inhalt: achthundert Euro in großen Scheinen, ein wenig Münzgeld, mehrere Kredit- und Eurochequekarten, ein Foto eines küssenden Paars, bei dem die Frau so südländisch aussah, dass sie durchaus Hanna Nikopolidou sein konnte, ein Personalausweis, der die Verschwundene eindeutig als in München geborene Deutsche auswies, und Visitenkarten.

»Aha, eine Bankerin«, stellte Nonnenmacher nach einem kurzen Blick auf die Karten mit dem Aufdruck eines der größten deutschen Geldinstitute fest. »No, dann rufen wir da einmal an. Vielleicht ist sie ja schon längst im Büro, und unsere Sucherei hier ist komplett für die Katz.«

Doch die Hoffnung der Ermittler wurde enttäuscht. Auch Hanna Nikopolidous Kollegin, die den Anruf auf der Durchwahlnummer der Verschwundenen entgegennahm, vermisste die junge Frau. Sie erklärte, dass die Verschollene eigentlich spätestens um acht Uhr dreißig im Büro hätte sein sollen und dass sie bereits mehrfach versucht habe, sie auf dem Mobiltelefon zu erreichen. Zudem erklärte die Kollegin, dass Hanna Nikopolidou ihres Wissens nach allein lebte und ihre Eltern in München ein griechisches Restaurant betrieben. Am Ende des Gesprächs wies Nonnenmacher die Bankmitarbeiterin an, sich für eine Vernehmung bereitzuhalten.

Dann setzten die drei Polizisten die Durchsuchung des Hotelzimmers fort, fanden jedoch keinerlei weitere Hinweise. Die Befragung der Putzfrau, die es am Tag von Hanna Nikopolidous Verschwinden gereinigt hatte, brachte ebenfalls keinerlei Neuigkeiten zutage.

Die Ermittler verließen das Hotelgebäude, an dessen Stirnseite rechts und links des kleinen dunkelhölzernen Balkons zwei große Hirschgeweihe hingen, blieben jedoch noch einen Moment davor stehen. »Können wir kurz zusammenfassen«, wandte Nonnenmacher sich an die Kollegen: »Eine …«, er zögerte, »südländische Mitbürgerin, wohnhaft in München, kommt am Freitag ins Hotel und will das ganze Wochenende bleiben. Sie macht Brotzeit und frühstückt am nächsten Morgen …«

»Also, Brotzeit kann man da nicht sagen«, unterbrach ihn Kastner. »Das war ein warmer Fisch. Eine Brotzeit wär ja was Kaltes.«

»Das ist doch gehupft wie gesprungen, du Gscheidhaferl!« Nonnenmacher war empört.

Jörg Steinleitner

Über Jörg Steinleitner

Biografie

Jörg Steinleitner, geboren 1971 im Allgäu, studierte Jura, Germanistik und Geschichte in München und Augsburg und absolvierte die Journalistenschule in Krems/Wien. 2002 ließ er sich nach Stationen in Peking und Paris als Anwalt in München nieder. Er veröffentlichte mehrere Bücher – neben den bei...

Pressestimmen

Gießener Anzeiger

»Lesung? Hörspiel-Kabarett? Jedenfalls eine rechte Gaudi«

Der Westallgäuer

»Schräge bis schrille Handlung, überspitzt gezeichnete Figuren – der ›Hirschkuss‹ kommt mehr als Persiflage denn als ernst zu nehmender Krimi daher. Was ihm gut tut.«

Tegernseer Stimme

»Dienststellenleiter Kurt Nonnenmacher, seine rheinländische Kollegin Anne Loop und der sich ständig auf Frauensuche befindliche Sepp Kastner ermitteln unter ruppigen Holzfällern und in Millionärsvillen, sie stoßen auf Barbiepuppen und hören schreckliche Gerüchte von einem geplanten Nackt-Yoga-Zentrum im Wald oberhalb des Tegersees. Wer am vergangenen Samstagabend in der Naturkäserei TegernseerLand einen Tisch reserviert hatte, kam in den Genuss eines höchst unterhaltsamen ›Hirschkuss‹-Live-Hörspiels mit Musik und Geräuschen, welches auf Steinleitners Roman basiert.«

Thalia Magazin

»Seine Krimi-Live-Hörspiele sind so witzig wie legendär.«

Garmisch-Partenkirchener Tagblatt

»Steinleitners Krimis spielen im Voralpenland und sind mit einer gehörigen Prise Humor gewürzt.«

Lohrer Echo

»Mit Witz und Theatralik.«

Lahn-Dill-Anzeiger

»Gewürzt mit einer ordentlichen Prise Humor bietet das Büchlein beste Unterhaltung von der ersten bis zur letzten Seite.«

arcor.de

»Dramatisch-originelle Mischung aus provinzieller Gemütlichkeit und weiblicher Intuition.«

Merkur Online

»Wer einen Einblick in den oberbayerischen Mikrokosmos wagen möchte - auch wenn er ihn schon kennt -, der ist bei diesem mit einem Augenzwinkern geschriebenen Roman gut aufgehoben.«

SZ - Landkreisausgabe

»Top - Krimi«

Radio Arabella

»Eine etwas andere Buchlesung (…). Ein Erlebnis für alle Sinne.«

Radio Arabella

»„Sehr unterhaltsam.«

IN München

»Steinleitner versteht sein Handwerk und bedient Genre-Freunde bestens.«

tegernseerstimme.de

»Kurzweilige Unterhaltung.«

BR2 kulturLeben

»Ein süffiges Buch.«

THEO Magazin

»Steinleitners Prosa ist leichte Kost, gewürzt mit sprachlichem Können, keinesfalls ist sie trivial: In seinen Texten spielt er gekonnt mit Klischees, die er selbst nicht ganz ernst nimmt … Vieles, was Jörg Steinleitner schreibt, ist inspiriert von den Menschen um ihn herum …«

Amper-Kurier

»Eine szenische Lesung mit origineller Vertonung von Helmut Sinz (…) Auf kabarettistische Weise wird das Buch ›Hirschkuss‹ des Autors Jörg Steinleitner – eine Persiflage auf die aktuellen Lokalkrimis – dem Publikum präsentiert.«

PTA Magazin

»Es grantelt heftig in diesem ›Heimat‹-Krimi, es rumpelt und flirtet, es kracht und flüstert, kurzum, es macht Spaß, Loop und ihren Kollegen zu folgen.«

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