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Here Comes Trouble

Here Comes Trouble

Mein Leben als Querschläger

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Here Comes Trouble — Inhalt

Eine unvergessliche, atemberaubende Reise durch das Leben und die Zeiten von Michael Moore. Der Bestseller-Autor schreibt darüber, wie er mit Bobby Kennedy im Aufzug fuhr und was er mit katholischen Priestern erlebte. Er erzählt, wie er ­damals die Berliner Mauer ­einreißen half und natürlich darüber, wie er ­seine eigene feierliche Oscar-Verleihung störte und was er mit Ronald ­Reagan in Bitburg zu tun hatte.

€ 10,99 [D], € 10,99 [A]
Erschienen am 12.03.2012
Übersetzt von: Helmut Dierlamm, Reiner Pfleiderer
368 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-95605-5

Leseprobe zu »Here Comes Trouble«

Vorbemerkung des Autors
Dies ist ein Buch mit kurzen Geschichten, die auf Ereignissen in den frühen Jahren meines Lebens beruhen. Viele Namen und Umstände wurden geändert, um Unschuldige und manchmal auch Schuldige zu schützen. Es heißt, das Gedächtnis sei bisweilen ein seltsamer Vergnügungspark, voll mit Achterbahnen und Zerrspiegeln, furchterregenden Geisterbahnen und netten Schlangenmenschen. Dies ist mein erster Band mit Geschichten aus meinem Leben. Ich wollte sie zu Papier bringen, solange es noch Papier (und Buchhandlungen und Büchereien) gibt.


Epi [...]

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Vorbemerkung des Autors
Dies ist ein Buch mit kurzen Geschichten, die auf Ereignissen in den frühen Jahren meines Lebens beruhen. Viele Namen und Umstände wurden geändert, um Unschuldige und manchmal auch Schuldige zu schützen. Es heißt, das Gedächtnis sei bisweilen ein seltsamer Vergnügungspark, voll mit Achterbahnen und Zerrspiegeln, furchterregenden Geisterbahnen und netten Schlangenmenschen. Dies ist mein erster Band mit Geschichten aus meinem Leben. Ich wollte sie zu Papier bringen, solange es noch Papier (und Buchhandlungen und Büchereien) gibt.


Epilog
Die Hinrichtung von Michael Moore
Ich denke daran, Michael Moore zu töten, und frage mich, ob ich es wohl selbst tun könnte oder jemanden dafür anheuern müsste […]
Nein, ich glaube, ich könnte es. Ich denke, er könnte mir in die Augen sehen, wissen Sie, und ich würde ihn zu Tode würgen. Ist das falsch? Ich trage das Armband nicht mehr, auf dem steht: »Was würde Jesus tun?« Ich habe im Moment jeden Sinn für Recht und Unrecht verloren. Früher konnte ich sagen: »Ja, ich könnte diesen Michael Moore töten«, doch dann blickte ich auf das kleine Band mit der Frage: Was würde Jesus tun? und erkannte: »Oh, du würdest Michael Moore nicht töten. Wenigstens nicht erwürgen.« Aber wissen Sie, jetzt bin ich mir da nicht mehr so sicher.
Glenn Beck,
live in seiner Radiosendung Glenn Beck Program,
17. Mai 2005

Überall schien man mir ein frühes Ableben zu wünschen. Jedenfalls galt das auch für Bill Hemmer von CNN an einem sonnigen Morgen im Jahr 2004. Er hatte etwas gehört, zu dem ich mich äußern sollte. Also hielt er mir auf dem Demokratischen Parteitag von 2004 ein Mikro vor das Gesicht und fragte mich, was die Amerikaner wohl von Michael Moore hielten:
»Ich habe Leute sagen hören, dass sie Michael Moore gern tot sehen würden.«
Ich versuchte mich zu erinnern, ob je ein Journalist live im Fernsehen jemandem eine solche Frage gestellt hatte. Dan Rather hatte Saddam Hussein diese Frage nicht gestellt. Und ich bin mir ziemlich sicher, dass Stone Phillips sie auch dem Serienmörder und Kannibalen Jeffrey Dahmer nicht gestellt hat.
Vielleicht hat Larry King sie Liza [Minelli] einmal gestellt, aber ich glaube eigentlich nicht.
Aus irgendeinem Grund jedoch fanden es die Leute offenbar völlig in Ordnung, mich mit dieser Möglichkeit zu konfrontieren, einen Mann, dessen schlimmstes Verbrechen darin bestand, Dokumentarfilme zu drehen. Hemmer tat so, als würde er nur das Offensichtliche sagen, als ob mich die Leute ganz selbstverständlich gerne töten würden. Er nahm einfach an, dass sein Publikum diese Binsenweisheit schon lange begriffen hatte, genau wie es wusste, dass die Sonne im Osten aufgeht oder dass Mais Kolben hat.
Ich wusste nicht, wie ich darauf reagieren sollte. Ich versuchte, die Sache leicht zu nehmen. Aber ich kam nicht so einfach darüber hinweg, was Hemmer gerade live in einer Sendung gesagt hatte, die in 120 Länder und nach Utah übertragen wurde. Dieser »Journalist« hatte womöglich irgendein krankes Hirn, irgendeinen wütenden Rush-Limbaugh-Fan, der daheim in seiner Küche saß und in der Mikrowelle seinen Doughnut and Bacon Cheeseburger zubereitete, während in seinem Küchenfernseher (einem von fünf Geräten im Haus) zufällig CNN lief, zu einer üblen Idee inspiriert: »Also, das Wetter bleibt heute leider im ganzen Ohio Valley schlecht, eine Katze in Philadelphia rollt ihre Sushi selbst, und außerdem gibt es Leute, die Michael Moore tot sehen wollen!«
Aber Hemmer war noch nicht fertig. Er wollte auch noch wissen, woher ich die Einladung zu dem Parteitag hatte. »Das DNC (Democratic National Committee) hat sie bestimmt nicht eingeladen, oder?«, sagte er, als wäre er ein Polizist, der meinen Ausweis kontrollieren wollte. Ich war mir sicher, dass er keinem anderen, der in dieser Woche den Parteitag besuchte, eine solche Frage gestellt hätte.
»Nein«, sagte ich, »der Congressional Black Causus hat mich eingeladen.« Ich wurde immer zorniger, also fügte ich der Wirkung halber hinzu: »Diese schwarzen Kongressabgeordneten, wissen Sie.« Damit war das Interview zu Ende.
In den folgenden paar Minuten, als ich nicht mehr auf Sendung war und von anderen Journalisten befragt wurde, behielt ich Hemmer mit wachsender Wut im Auge. Er ging ein paar Schritte weiter und ließ sich von einem Blogger interviewen. Schließlich hielt ich es nicht mehr aus. Ich ging wieder zu ihm hin und sagte in bemüht cooler Dirty-Harry-Manier: »Das ist das absolut Widerwärtigste, was je ein Mensch im Fernsehen
zu mir gesagt hat.«
Hemmer meinte, ich solle ihn nicht unterbrechen, sondern warten, bis er das Gespräch mit dem Blogger beendet habe. Klar Blödmann, ich kann warten.
Und dann, als ich gerade nicht hinsah, verdrückte er sich. Doch es gab keinen Ort, wo er sich verstecken konnte! Er floh in die Delegation aus Arkansas – die Zuflucht aller Gauner –, aber ich fand ihn und baute mich direkt vor ihm auf.
»Sie haben dafür gesorgt, dass mein Tod annehmbar erscheint«, sagte ich. »Sie haben gerade irgendeinem Kerl da draußen zu verstehen gegeben, dass es ganz in Ordnung wäre, wenn er mich tötet.«
Er wollte sich wieder davonmachen, aber ich versperrte ihm den Weg. »Ich will, dass Sie sich daran erinnern, was Sie getan haben, falls mir etwas zustößt. Glauben Sie ja nicht, dass meine Familie Sie nicht zur Verantwortung ziehen wird, genau das wird sie nämlich tun.« Er murmelte, dass er mich fragen könne, was er wolle, oder so etwas Ähnliches, und ich dachte: Dieser Lump von CNN ist es nicht wert, dass ich meinen lebenslangen Grundsatz breche, nie einen Menschen zu schlagen. (Spar dir das lieber für Meet the Press* auf, Mike!)
Hemmer riss sich los und suchte das Weite. Binnen eines Jahres verließ er CNN und landete bei Fox News, wo er von Anfang an hingehört hätte.
Zu Hemmers Gunsten muss ich sagen, dass er nicht der Einzige war, den meine Filme zur Weißglut trieben. Es kam öfters vor, dass Fans auf mich zukamen, mich umarmten und sagten: »Ich bin ja so froh, dass Sie noch da sind!« Und sie meinten nicht, dass ich noch im Gebäude war.
Ja, warum war ich eigentlich noch am Leben? Seit mehr als einem Jahr gab es Drohungen, Einschüchterungsversuche und Belästigungen und sogar Angriffsversuche am helllichten Tag. Es war das erste Jahr des Irakkriegs, und ein wichtiger Sicherheitsexperte (der von der amerikanischen Bundesregierung oft bei Maßnahmen zur Verhinderung von Attentaten eingesetzt wurde) sagte damals zu mir, dass »es außer Präsident Bush in Amerika niemanden gibt, der in größerer Gefahr schwebt als Sie«.
Aber wie zum Teufel war es so weit gekommen? Hatte ich das alles selbst verursacht? Natürlich. Und ich kann mich noch gut an den Augenblick erinnern, als alles begann.
Es war am Abend des 23. März 2003. Vier Tage zuvor war George W. Bush im Irak einmarschiert, einem souveränen Staat, der die Vereinigten Staaten nicht nur nicht angegriffen hatte, sondern dem sie in der Vergangenheit sogar Militärhilfe geleistet hatten. Die Invasion war illegal, unmoralisch und dumm, aber die Amerikaner sahen das anders. Mehr als 70 Prozent der Öffentlichkeit waren für den Krieg, auch Liberale wie
Al Franken und die 29 demokratischen Senatoren, die für das Gesetz zur Autorisierung des Krieges gestimmt hatten (darunter Chuck Schumer, Dianne Feinstein und John Kerry). Andere liberale Kriegsbefürworter waren Bill Keller, Chefredakteur und Kolumnist der New York Times, und David Remnick, der Chefredakteur des New Yorker. Selbst Linksliberale wie Nicholas Kristof von der New York Times wurden zu Mitläufern und beteiligten sich an der Verbreitung der Lüge, dass der Irak über Massenvernichtungswaffen verfüge. Kristof lobte Bush und dessen Außenminister Colin Powell, weil sie so »sorgfältig« bewiesen hätten, dass der Irak Massenvernichtungswaffen besitze. Er schrieb das, nachdem Powell vor den Vereinten Nationen falsche Beweise vorgelegt hatte. Die New York Times brachte viele verlogene Artikel über Saddam Husseins Massenvernichtungswaffen auf der ersten Seite. Sie entschuldigte sich später, dass sie mit ihrer Berichterstattung zur Entstehung des Krieges beigetragen hatte. Aber da war der Schaden schon angerichtet. Die renommierte Zeitung hatte Bush die notwendige Rückendeckung gegeben und ihm die Möglichkeit verschafft zu sagen: Also wenn eine liberale Zeitung wie die Times es schreibt, muss es ja wahr sein!

Und nun, am vierten Abend eines sehr populären Krieges, fand die Oscarverleihung statt, und mein Film Bowling for Columbine war nominiert. Ich ging zu der Verleihungszeremonie, durfte aber genau wie alle anderen Nominierten nicht mit der Presse sprechen, während ich im Kodak Theatre in Hollywood über den roten Teppich ging. Es grassierte die Angst, dass irgendjemand irgendetwas sagen könnte, und in einem Krieg müssen ja alle für die Kriegsanstrengungen sein und das Gleiche denken. Die Schauspielerin Diane Lane kam auf die Bühne und verlas die Liste mit den Nominierten für den besten Dokumentarfilm. Der Umschlag wurde geöffnet, und sie verkündete mit unverhohlener Freude, dass ich den Oscar gewonnen hatte. Das Publikum im Parterre, die nominierten Schauspieler, Regisseure und Drehbuchautoren, sprangen auf und spendeten mir einen sehr langen Applaus. Ich hatte die anderen nominierten Dokumentarfilmer gebeten, zu mir auf die Bühne zu kommen, falls ich die Auszeichnung erhielte, und sie kamen. Endlich hörte der Applaus auf, und ich sagte:

Ich habe die anderen nominierten Dokumentarfilmer zu mir auf die Bühne gebeten. Sie sind hier aus Solidarität mit mir, weil wir Nonfiction (Nichterfundenes) mögen. Wir mögen Nonfiction, aber wir leben in fiktiven Zeiten. Wir leben in einer Zeit, in der wir fiktive Wahlergebnisse haben, durch die ein fiktiver Präsident gewählt wird. Wir leben in einer Zeit, in der uns ein Mann aus fiktiven Gründen in den Krieg schickt. Gleichgültig, ob es die Erfindung von Klebeband oder die Erfindung von Alarmstufe Orange ist – wir sind gegen diesen Krieg, Mr. Bush! Schämen Sie sich! Und wann immer Sie den Papst und die Dixie Chicks gegen sich haben, ist Ihre Zeit abgelaufen! Vielen Dank.

Als ich mit der Ansprache etwa halb fertig war, brach die Hölle los. Auf den oberen Rängen und hinter der Bühne wurde gebuht, sehr laut gebuht. (Einige Zuhörer – Martin Scorsese, Meryl Streep – versuchten, mich von ihren Plätzen aus anzufeuern, aber sie kamen nicht gegen die Buhrufer an.) Gil Cates, der Produzent der Show, befahl dem Orchester zu spielen, damit man mich nicht mehr hörte. Mein Mikrofonständer versank langsam im Boden. Vor mir leuchtete ein gigantischer Bildschirm auf, der mit riesigen roten Buchstaben »IHRE ZEIT IST UM!« zeigte. Der Tumult war ungeheuer, als man mich von der Bühne scheuchte.
Hier eine wenig bekannte Tatsache: Die ersten zwei Worte, die jeder Oscarpreisträger zu hören bekommt, wenn er nach der Verleihung die Bühne verlässt, kommen von attraktiven jungen Menschen in Abendkleidung. Sie sind von der Academy engagiert, um ihn gleich hinter dem Vorhang zu empfangen.
Und so wartete also diese junge Frau im Designerkleid auf mich, während im Kodak Theatre das Chaos ausbrach, und sagte, ohne zu merken, in welcher Gefahr sie schwebte, zu mir: »Champagner
Und sie hielt mir eine Champagnerflöte hin.
Gleich darauf sagte der Mann in dem raffinierten Smoking, der neben ihr stand: »Breathmint
Und er hielt mir eine Minztablette hin.
Champagner und Breathmint sind die ersten zwei Wörter, die alle Oscarpreisträger zu hören bekommen.
Ich jedoch hatte das Glück, dass ich noch ein drittes Wort zu hören bekam. Ein wütender Bühnenarbeiter kam auf mich zu und schrie es mir, so laut er konnte, ins Ohr: »ARSCHLOCH!«
Weitere stämmige, angepisste Bühnenarbeiter kamen auf mich zu. Ich packte meinen Oscar wie eine Waffe und schwang ihn wie ein Sheriff, der einen wütenden Mob zurückhalten will, oder wie ein Mann, der sich allein im Wald verlaufen hat und dessen einzige Hoffnung die Fackel ist, die er wild durch die Luft schwingt, um nahende Vampire abzuwehren.
Die immer wachsamen Sicherheitsleute hinter der Bühne erkannten, dass es gleich zu einer Schlägerei kommen würde. Sie packten mich schnell beim Arm und brachten mich in Sicherheit. Ich war erschüttert und fassungslos und versank wegen der überwältigend negativen Reaktion auf meine Rede in einen Abgrund der Verzweiflung, statt den größten Moment meines Lebens zu genießen. Ich war mir ganz sicher, dass ich alles vermasselt und alle enttäuscht hatte: meine Fans, meinen Vater, der im Publikum saß, die Daheimgebliebenen, die Organisatoren der Oscarverleihung, meine Crew, meine Frau Kathleen – alle, die mir etwas bedeuteten. Es kam mir so vor, als hätte ich ihnen den Abend ruiniert. Ich hatte nur eine einfache Sache erklären wollen, und ich hatte versagt. Freilich sah ich damals nicht voraus und hätte es selbst mit 1000 Kristallkugeln nicht voraussehen können, dass ich nur den ersten Schritt getan hatte. Obwohl ich nicht geplant hatte, es zu tun (ich wollte nur Diane Lane und Halle Berry treffen), galt dieser Abend später als der erste kleine Ruf in einem Vorgang, der sich zu einem kollektiven Wutschrei über die Taten von George W. Bush entwickeln sollte. Fünf Jahre später würde die andere Seite ausgebuht werden, und das Land würde mit seiner Vergangenheit abschließen und einen Mann wählen, der ganz anders aussah als alle, die mich bei der Oscarverleihung ausgebuht hatten.
Am 23. März 2003 jedoch wusste ich noch nichts von alledem. Ich wusste nur, dass ich etwas gesagt hatte, das man nicht sagen durfte. Weder bei der Oscarverleihung noch an irgendeinem anderen Ort. Ihr wisst, wovon ich spreche, meine amerikanischen Landsleute. Ihr wisst, wie die Atmosphäre in jener Woche, jenem Monat, jenem Jahr war, als kaum jemand wagte, ein Wort gegen den Krieg zu sagen, und wer es doch tat, als Verräter und Soldatenverächter galt! All das war ein neuer Höhepunkt der Manipulation, die Orwell in seinem Roman 1984 vorausgesagt hat, denn die Einzigen, die die Soldaten wirklich verachteten, waren diejenigen, die sie in diesen unnötigen Krieg schickten.
Doch das alles spielte für mich keine Rolle, als ich bei der Oscarverleihung hinter der Bühne stand. Damals hatte ich einzig und allein das Gefühl, dass ich jedermann abgrundtief enttäuscht hatte.
Eine Stunde später, als meine Frau und ich beim Governor's Ball den Saal betraten, wurde es plötzlich totenstill. Leute in unserer Nähe entfernten sich hastig, damit sie nicht mit mir fotografiert wurden. Die Zeitschrift Variety schrieb später: »Bei Michael Moore könnte der Zeitraum zwischen dem Höhepunkt und dem Tiefpunkt seiner Karriere der kürzeste in der Geschichte des Filmgeschäfts sein.« Und der Oscarpreisträger Saul Zaentz (Einer flog über das Kuckucksnest) wurde mit der Äußerung zitiert: »Er hat sich zum Narren gemacht.«
So stand ich am Eingang des Governor's Ball – allein mit meiner Frau, gemieden vom Hollywoodestablishment. Da sah ich plötzlich, wie Sherry Lansing, die Chefin von Paramount Pictures, auf dem Mittelgang entschlossen auf mich zusteuerte. Genau so würde es enden: Die mächtigste Person in der Stadt würde mich zusammenstauchen, Lansing, die in den vergangenen 20 Jahren 20th Century Fox geführt hatte und nun Chefin von Paramount war. Ich wappnete mich innerlich gegen die öffentliche Demütigung, von der größten aller Studiochefinnen zum Gehen aufgefordert zu werden. Mit gesenktem Kopf und eingezogenen Schultern wartete ich auf meine Hinrichtung.
Und dann war sie bei mir und drückte mir einen dicken, wohlwollenden Kuss auf die Wange.
»Ich danke Ihnen«, sagte sie. »Jetzt tut es weh. Aber eines Tages wird sich zeigen, dass Sie recht haben. Ich bin sehr stolz auf Sie.« Und dann umarmte sie mich, vor den Augen der Elite Hollywoods. Das war eine Stellungnahme. Robert Friedman, Lansings Vize bei Paramount (der mir Jahre zuvor geholfen hatte, Warner Bros. zum Kauf meines ersten Films Roger & Me zu überreden), umarmte meine Frau, und dann ergriff er meine Hand und schüttelte sie heftig.
Das war es dann so ziemlich für den Rest des Abends. Wegen Sherry Lansings öffentlicher Demonstration unerwarteter Solidarität hielten sich die Moore-Hasser zurück, aber außer Lansing wollten nur wenige mit mir in Verbindung gebracht werden. Schließlich wussten alle, dass der Krieg in ein paar Wochen vorbei sein würde, und niemand wollte in die Geschichte eingehen, weil er auf der falschen Seite gestanden hatte. Wir saßen ruhig an unserem Tisch und aßen unseren Braten. Danach verzichteten wir auf die restlichen Partys und gingen direkt ins Hotel, wo unsere Freunde und Verwandten warteten. Und die waren, wie sich herausstellte, keineswegs enttäuscht. Wir saßen im Speisezimmer unserer Suite, und alle Anwesenden nahmen nacheinander den Oscar in die Hand und hielten ihre Oscarrede. Es war schön und ergreifend, und ich wünschte, sie hätten statt meiner auf der Bühne gestanden.
Meine Frau und ich gingen relativ früh zu Bett, aber ich konnte nicht schlafen, also stand ich wieder auf und schaltete den Fernseher ein. In der folgenden Stunde sah ich die Abschlusssendungen der lokalen Fernsehsender über die Oscarverleihung. Als ich von Kanal zu Kanal zappte, stieß ich auf zahlreiche Kommentatoren, die an meinem Geisteszustand zweifelten, meine Rede kritisierten und im Wesentlichen immer wieder das Gleiche sagten: »Ich weiß nicht, was in ihn gefahren ist!« »Er wird es bestimmt nicht leicht haben in seiner Stadt, nachdem er dieses Ding abgezogen hat!« »Was glaubt er, wer jetzt noch einen weiteren Film mit ihm dreht?« »Er hat bestimmt seine Karriere ruiniert!« Nachdem ich mir das eine Stunde reingezogen hatte, machte ich den Fernseher aus und ging online. Dort dominierte die gleiche Kritik, nur war sie heftiger und kam aus den ganzen USA. Mir wurde allmählich schlecht. Ich wusste, was das bedeutete: Schluss mit meiner Arbeit als Filmemacher. Ich glaubte alles, was über mich gesagt wurde. Ich schaltete den Computer und das Licht aus, saß auf einem Stuhl im Dunkeln und ging immer wieder durch, was ich getan hatte. Ganze Arbeit, Mike! Und tschüs!
In den folgenden 24 Stunden wurde ich weiter ausgebuht: Als ich in die Hotellobby hinunterkam, beschwerte sich gerade
Robert Duvall, dass meine Anwesenheit zu viel Aufruhr verursache. (»Er fand den Geruch von Michael Moore am Morgen nicht angenehm«, witzelte später einer aus meinem Kamerateam.) Auf dem Flughafen wurde ich nicht nur verhöhnt, sondern die Beamten des Heimatschutzministeriums beschädigten auch noch absichtlich meinen Oscar und hinterließen lange Kratzer auf der goldenen Figur. Auch im Flugzeug nach Detroit war mindestens ein Dutzend Sitzreihen mit Moore-Hassern besetzt.
Als wir in unser Haus im Norden von Michigan zurückkamen, hatte das lokale Stadtverschönerungskomitee unsere Einfahrt hüfthoch mit drei Lastwagenladungen Pferdemist zugedeckt, damit wir nicht ins Haus kamen. Das Grundstück war übrigens mit etwa einem Dutzend Schildern verziert, die an unsere Bäume genagelt waren: RAUS MIT DIR! GEH DOCH NACH KUBA! KOMMUNISTISCHER ABSCHAUM! VERRÄTER!
HAU BLOSS AB, SONST …!
Ich hatte nicht die Absicht abzuhauen.

Mehr Informationen zu Michael Moore und weiteren Büchern aus dem Piper Verlag unter www.piper-verlag.de.

Über Michael Moore

Biografie

Michael Moore, geboren 1954 in Flint/Michigan, arbeitet als Regisseur, Fernsehmoderator und Schriftsteller. Berühmt wurde er durch seine Dokumentarfilme »Roger & Me«, »Bowling for Columbine«, der 2003 mit dem Oscar als bester Dokumentarfilm ausgezeichnet wurde, »Fahrenheit 9/11«, der 2004 in Cannes...

Pressestimmen

Südwest Presse

»Moore kann einfach Geschichten erzählen.«

1Live

»Spannende, unterhaltsame Anekdoten aus Moores Leben, die tief in die Seele der amerikanischen Gesellschaft blicken lassen.«

Inhaltsangabe

Für meine Mutter, die mir Lesen und Schreiben beibrachte, als ich vier war.

sGrowing up it all seemed so one-sided Opinions all provided The future pre-decided Detached and subdivided In the mass production zone. Nowhere is the dreamer Or the misfit So alone …

NEIL PEART, RUSH, Subdivisions

Vorbemerkung des Autors

Dies ist ein Buch mit kurzen Geschichten, die auf Ereignissen in den frühen Jahren meines Lebens beruhen. Viele Namen und Umstände wurden geändert, um Unschuldige und manchmal auch Schuldige zu schützen. Es heißt, das Gedächtnis sei bisweilen ein seltsamer Vergnügungspark, voll mit Achterbahnen und Zerrspiegeln, furchterregenden Geisterbahnen und netten Schlangenmenschen. Dies ist mein erster Band mit Geschichten aus meinem Leben. Ich wollte sie zu Papier bringen, solange es noch Papier (und Buchhandlungen und Büchereien) gibt.

Geschichten

Epilog: Die Hinrichtung von Michael Moore

Rückwärtskrabbeln

Suchtrupp

Das Kanu

Pietà

Tet

Weihnachten C43

Ein heiliger Donnerstag

Exorzismus

Boys State

Zoe

Das Fluchtauto

Zwei Verabredungen

20 Namen

Milhous in drei Akten

Krisenintervention

Ein äffentlicher Erziehungsfall

Redaktionsrazzia

Bitburg

Ein Segen

Abu beschenkt auch mich

Eine heiße, braun gebrannte Nazibraut

Der Parnass

Dankbarkeit

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