Lieferung innerhalb 2-3 Tage
Bezahlmöglichkeiten
Vorbestellung möglich
Heldenzorn

Heldenzorn

Ein Roman aus der Welt des Skaldat

E-Book
€ 9,99
€ 9,99 inkl. MwSt.
sofort lieferbar
Jetzt kaufen
Gratis-Lieferung ab 5,00 €
Geschenk-Service
Versand und Lieferbedingungen

Heldenzorn — Inhalt

Seit Jahrzehnten führen die Barbaren der Steppe einen verzweifelten Kampf gegen das übermächtige Dominum. Bei einem Scharmützel wird auch der junge Teriasch gefangen genommen. Als Sklave erfährt er die Grausamkeit des Dominums am eigenen Leib. Teriasch hat jedoch eine geheimnisvolle Begabung, die er gemeinsam mit dem gerissenen Halbling Rukabo zu erforschen beginnt. Nachdem er der schönen Julanesca das Leben gerettet hat, scheint die Freiheit zum Greifen nahe. Doch wird Teriasch Tausende anderer Sklaven in der Knechtschaft zurücklassen, oder wird er die Feuer der Revolution entfachen und dem dekadenten Imperium den Untergang bringen?

€ 9,99 [D], € 9,99 [A]
Erschienen am 16.07.2012
400 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-95514-0

Leseprobe zu »Heldenzorn«

Gewidmet all jenen,
die noch das Feuer der Freiheit
im Herzen tragen

 

Prolog

 

 

 

Die Nacht, in der Tamnis Stamm ausgelöscht wurde, begann mit einem Fest. Die Jungen tanzten um die Feuer und wirbelten ihr Haar umher, Schellenkränze um die Knöchel. Die Alten schauten zu, lachten und klatschten im Takt. In Strömen floss die vergorene Milch der Stuten, löste die Zungen und öffnete die Herzen.
Und hatten die Sukawantschi Manil, die Kinder der Weite, nicht auch allen Anlass zur Freude? Hatte es nicht noch am Morgen eher danach ausgesehen, als müssten sie [...]

weiterlesen

Gewidmet all jenen,
die noch das Feuer der Freiheit
im Herzen tragen

 

Prolog

 

 

 

Die Nacht, in der Tamnis Stamm ausgelöscht wurde, begann mit einem Fest. Die Jungen tanzten um die Feuer und wirbelten ihr Haar umher, Schellenkränze um die Knöchel. Die Alten schauten zu, lachten und klatschten im Takt. In Strömen floss die vergorene Milch der Stuten, löste die Zungen und öffnete die Herzen.
Und hatten die Sukawantschi Manil, die Kinder der Weite, nicht auch allen Anlass zur Freude? Hatte es nicht noch am Morgen eher danach ausgesehen, als müssten sie die Sehnen auf ihre Bögen spannen und als würden die steinernen Köpfe ihrer Keulen bald Blut schmecken?
Immer sonst, wenn die Suda Ojate, die Harten Menschen in ihren Rüstungen aus Metall, auf ihr Land gekommen waren, hatten sich die Fremden feindselig gezeigt. Hatten getötet und geraubt. Hatten die Männer und die Alten erschlagen und die Frauen und die Kinder verschleppt. Hatten die Zelte in Brand gesteckt oder sie mit den massigen Leibern ihrer gepanzerten Reittiere zermalmt – Bestien so hoch wie zwei Männer, mit dicker Haut grau wie Stein und einem fleischigen Schlauch als Schnauze, der zwischen zwei spitzen Stoßzähnen herunterbaumelte.
Diesmal war alles anders gewesen.
Die Harten Menschen – nicht mehr als zwei Dutzend und den Kindern der Weite damit an Zahl deutlich unterlegen – schlugen ein Lager auf, um einen der Haufen aus aufgeschichteten Steinen herum, mit dem alle Sippen der Steppe die Stellen markierten, an denen es sich lohnte, nach Wasser zu graben. Dann setzten sie sich hin und warteten. Sie blieben selbst dann noch sitzen, nachdem Scheschoka den Haltepfifffür den gesamten Tross ausgestoßen und sich die Staubwolke um die Kinder der Weite wieder gelegt hatte. Nur einer der Fremden hob die Hand und winkte. Zweimal von links nach rechts, dann noch zweimal, wie man winkte, wenn man jemanden zu sich ins Zelt einlud.
»Lasst sie uns töten!«, drängten einige der heißblütigeren Krieger, die noch kein Bild auf der Haut trugen, womit sie stolz beweisen konnten, schon einmal einen Feind erschlagen zu haben.
»Lasst uns ihnen keine Beachtung schenken und weiterziehen«, war die Forderung mancher der erfahreneren Männer und Frauen.
Scheschoka, dem der Schamane nach Rücksprache mit den Geistern für diesen Mond die Rolle des Entscheiders zugedacht hatte, hatte weder auf die einen noch auf die anderen gehört. Und Tamni war stolz darauf, dass er sich an das Gesetz der Steppe gehalten hatte.
Scheschoka schoss einen Pfeil zu den Harten Menschen hinüber, um dessen Schaft er ein blaues Band gewunden hatte. Der eine Fremde, der zuvor gewunken hatte, erhob sich, um den Pfeil aus der Erde zu ziehen. Tamni fiel auf, dass sich dieser Harte Mensch von seinen Begleitern unterschied. Er trug keine Rüstung, sondern ein locker fallendes rotes Gewand, das der stete Steppenwind aufbauschte, und für einen Moment wirkte es, als loderten Flammen aus seinem Rücken. Den Pfeil in der Hand, sah er kurz zu ihnen herüber, ehe er in einem der sonderbaren Zelte verschwand, das die Harten Menschen aufgebaut hatten. Es war nicht rund wie ihre eigenen Zelte. Es hatte vier Ecken, ganz so, als müsste alles, was diese Fremden ihr Eigen nannten, kantig sein und Spitzen aufweisen.
»Sie sind dumm«, murrte ein junger Krieger. »Sie wissen nicht, was der Pfeil bedeutet. Sie haben es nicht einmal verdient, dass ihre Haut mein Zelt schmückt.«
»Was willst du mit ihrer Haut?«, entgegnete einer seiner Freunde. »Sie schreiben sich doch nicht einmal ihre Taten darauf. Sie haben Kinderhäute.«
Scheschoka, dessen Hals so rot war wie der des Vogels, von dem er seinen Namen erhalten hatte, zeigte zum Lager der Harten Menschen. »Da.«
Der Fremde im roten Gewand war aus dem Zelt herausgetreten, begleitet von einem zweiten Mann, der nun in ihre Richtung zeigte. Einer der Gepanzerten reichte ihm einen Bogen. Ein Raunen ging durch Tamnis Stamm. Ein Pfeil schwirrte auf sie zu. Tamni hielt den Atem an. Das Geschoss landete keine zwanzig Schritt vor Scheschoka im kniehohen Gras. Scheschoka stieg von seinem Pferd und eilte zum Pfeil. Tamni konnte das blaue Band darum sehen und die kleine Ausbuchtung in dem gewickelten Stoff. Geschickt legte Scheschoka frei, was die Fremden ihnen gesandt hatten: einen Streifen Dörrfleisch. Ein Hund wuselte kläffend unter den Beinen von Tamnis Pferd hindurch, um frech Anspruch auf den Leckerbissen zu erheben.
Scheschoka sah auf das Fleisch, zu den Harten Menschen, wieder auf das Fleisch, und dann suchte er den Blick des Schamanen. Unter dem Geklapper der Rasseln an seinem Gürtel trat Gopatanka an seine Seite.
»Was sagen die Geister?«, fragte Scheschoka.
Der Schamane hob den Kopf zu den Wolken am Himmel, murmelte leise, ging in die Hocke, streichelte das Gras und leckte sich die Fingerspitzen. »Sie schweigen.«
Scheschoka rieb sich das Kinn. »Ist das gut oder schlecht?«
»Es ist, wie es ist«, antwortete Gopatanka.
Im Lager der Fremden winkte der Mann in dem roten Gewand. Zweimal. Wie man winkte, wenn man jemanden zu sich ins Zelt einlud.

 

Tamni gehörte zu den Ersten, die Scheschoka zu den Harten Menschen begleitete. Sie war mit ihm geritten, weil auch Mado mit ihm geritten war, und wenn Mado starb, weil es nur eine Falle der Fremden war, wollte sie auch sterben. Mado, der so raue Hände und so weiche Lippen hatte.
Als die graue Bestie am Rand des Lagers die Pferde witterte, hob sie ihre schlauchige Schnauze wie eine Schlange ihren Leib, und sie gab einen furchtbaren Laut von sich, der Tamni schaudern ließ. So mussten die wütenden Geister der giftigen Winde klingen, die in den Tiefen der Finsteren Scharten gefangen waren. Die Pferde antworteten auf das Getöse mit Schnauben und Wiehern.
Der Fremde im roten Gewand lächelte und verneigte sich vor ihnen, doch Tamni hatte nur Augen für den Mann an seiner Seite. Er stammte ohne jeden Zweifel aus einer der Sippen der Steppe: schwarzes Haar, Haut von der Farbe regennasser Erde, die Augen schmal und nicht in ewigem Schrecken geweitet wie die der Harten Menschen. Doch anstelle weichen Leders trug er eine metallene Rüstung, auf deren Brustplatte ein Löwe brüllte, und auch der Reif um seinen Hals war aus einem starren Material. Knochenbleich und immerzu schimmernd, auch wenn die Sonne gerade von einer Wolke verhüllt war.
Der Fremde in Rot sagte einige Worte in der abgehackten Sprache der Harten Menschen, die in Tamnis Ohren wie eine Verwünschung klangen, obwohl sie seinem Gesichtsausdruck nach freundlich gemeint waren.
»Der Lexis des Dominex heißt euch willkommen«, übersetzte der Mann aus der Steppe. »Er ist hier, um Frieden mit den Sippen der Steppe zu schließen. Als Zeichen seiner Aufrichtigkeit will er euch reich beschenken.«
Zwei große Kisten wurden herbeigeschafft, und der Lexis ließ es sich nicht nehmen, sie von eigener Hand zu öffnen. Tamni, Mado und Scheschoka glitten gewandt von den Rücken ihrer Pferde. Was sie in den Kisten dargeboten fanden, zeugte gewiss von einer guten Absicht, doch der Großteil waren Dinge, die nicht für das Leben in der Steppe gemacht waren: zerbrechliche Trinkbecher aus gesponnenem Glas, dünne Stoffe, die selbst vom leichtesten Sturm mühelos in Fetzen gerissen wurden, glänzender Schmuck, der einen schon von Weitem verriet, wenn man sich an Beute oder einen Feind heranpirschte. Immerhin war auch das eine oder andere Brauchbare darunter: ein Paar Stoßdolche, pelzbesetzte Stiefel und eine Löwenstatue, die sich als Zierde für eine Zeltspitze eignete.
Scheschoka schürzte die Lippen. »Das ist alles, womit dieser Harte Mensch das Unrecht wiedergutmachen will, das den Sippen der Steppe angetan wurde?«
Der Übersetzer leitete die Frage an den Fremden in Rot weiter, der ihm auch prompt eine Antwort gab, lächelnd und ohne zu zögern. »Es ist nur der erste Tropfen eines langen Regens von Wohltaten, mit denen der Dominex euch überschütten wird. Für die Sippen der Steppe wird nichts mehr so sein, wie es bis heute war. Zu Ehren dieses großen Tages bittet euch der Lexis, ein Fest mit ihm auszurichten, um diese Zeitenwende zu feiern.«
»Ein Fest ?«
Tamni wusste, dass Scheschoka die Bitte nicht zurückweisen würde. Wenn es etwas gab, von dem er nicht genug bekam, war es vergorene Milch und der Anblick tanzender Frauen.

 

»Wenn du nicht tanzt, dann iss etwas.« Wakijela hielt ihr eine Schale mit getrockneten Beeren hin. »Warum tanzt du nicht ?«
Tamni steckte sich eine Beere in den Mund und zuckte mit den Achseln. »Mir ist nicht danach.«
Wakijela setzte sich neben sie auf die Decke, die Tamni am Rande des Lagers ausgebreitet hatte, wo das Lachen und Klatschen und das Rufen und Reden der Feiernden wenig mehr als leises Gemurmel war. »Es bringt Unglück, ein Fest nicht zu feiern. Oder freust du dich nicht, dass uns ein Kampf erspart geblieben ist ?«
»Doch.« Tamni strich mit den Fingern über ihren Bauch und zog kleine Kreise, wie der Wind es manchmal tat, wenn er im Steppengras spielte. »Die Sippen haben schon genug gekämpft.«
Wakijela nickte, ihr spöttisches Lächeln auf dem runden Gesicht war plötzlich fortgewischt. »Ich weiß.«
Die meisten Kinder der Weite hatten durch den Großen Zug gen Norden vor einem Sommer Verluste zu beklagen, aber Wakijela hatte es besonders schwer getroffen. Ihr Vater, ihre Mutter, ihre zwei älteren Brüder, ihr Onkel – alle hatten sie den wahnsinnigen Traum, jenseits der Gipfel der Struppigen Mähne neue Jagdgründe und neues Weideland zu erobern, mit dem Leben bezahlt. In der Schlacht, in der die Toten sich erhoben hatten, um über die Lebenden herzufallen, Freund wie Feind gleichermaßen. Gopatanka nannte sie das Lange Lied der Singenden Klingen, aber das waren viel zu schöne Worte für ein viel zu grässliches Gemetzel.
»Weißt du, was das Schlimmste daran ist?«, fragte Wakijela.
»Was ?«
»Dass die Söhne und die Töchter der Sippen immer wieder vergessen, warum so viele von ihnen Waisen sind.« Es war eine triste Einschätzung, doch wie hätte ihr Tamni widersprechen können ? Nur eine Generation vor dem Großen Zug nach Norden waren die Sippen schon einmal den Omen und den Verheißungen eines Führers gefolgt – in dieselbe Himmelsrichtung, an denselben Ort, und dort waren sie demselben Grauen begegnet: Toten, die nicht ruhen wollten und ihren Hunger nach Fleisch an jedem Lebenden stillten, der ihnen in die Fänge geriet. »Manchmal meine ich, wir werden es nie lernen, an unserem Platz in der Welt zu bleiben und uns nicht nach etwas zu sehnen, das uns nicht gehört und uns niemals gehören wird.«
»Vielleicht wird es diesmal anders.« Tamni legte die Hände flach auf ihren Bauch. »Vielleicht sind wir weiser als unsere Ahnen.«
Angesichts dieses kleinen Frevels sog Wakijela scharf die Luft ein. »Reiz die Geister nicht.«
»Im Ernst.« Tamni wies mit dem Kinn in Richtung des großen Feuers, um das Scheschoka und die Ältesten gemeinsam mit den Harten Menschen saßen. »Sieh es dir doch an. Sie sind gekommen, um Frieden mit uns zu schließen. Sie wollen uns nicht mehr jagen. Sie wollen uns noch mehr Geschenke bringen.«
»Ich traue ihm nicht«, wisperte Wakijela.
»Wem? Dem Mann in dem Gewand aus Stoffwie Blut?«
»Nein.« Wakijela rückte dichter an Tamni heran. »Dem, der für ihn spricht. Wo ist seine Sippe? Ist er nicht tot, wenn er keine Sippe mehr hat?«
»Und wenn die Harten Menschen seine neue Sippe sind?«, fragte Tamni.
Wieder sog Wakijela die Luft ein. »Hör auf damit, solche Sachen zu behaupten. Das sind nicht die Gesetze, denen die Welt folgt.«
»Überleg doch«, entgegnete Tamni trotzig. »Am Ende ist es mit ihm so gewesen, wie wenn einer von uns in eine andere Sippe geht. Hast du ihn gefragt? Es könnte doch sein, dass er seinen Schamanen und die Geister sogar um Erlaubnis gebeten hat, zu den Harten Menschen gehen zu dürfen.«
»Er ist nicht mehr wie wir.« Wakijela zerkaute eine Beere, und ihre Augen funkelten wild. »Er trägt ihre Kleider aus Metall.«
»Aber auch eine Keule an seinem Gürtel«, wandte Tamni ein.
»Ja, auch aus Metall.« Wakijela schüttelte barsch den Kopf.
»Trinkt er nicht die Milch der Stuten, auch wenn die Harten Menschen es nicht tun und sich an Wasser halten?«
»Warum willst du mir nicht glauben, wenn ich dir sage, dass man ihm nicht trauen kann?«
Tamni seufzte. »Weil es schöner wäre, wenn man ihm trauen könnte.«
»Aber warum?«, beharrte Wakijela.
»Darum.« Tamni beugte sich nach hinten und reckte Wakijela ihren Bauch entgegen. »Für das, was in mir wächst.«
Wakijela schlug eine Hand vor den Mund, und ihre Augen wurden fast so groß wie die eines Harten Menschen. Dann kicherte sie so heftig, dass ein paar Beeren aus der Schale in ihrer Hand hüpften. »Tamni! Bist du sicher?«
»Ich blute nicht. Seit zwei Monden.«
Wakijela drückte sie fest an sich. »Oh, wie ich mit dir singen werde, wenn es kommt!«
Tamni genoss die Umarmung nicht nur, weil die Nachtluft kühl war. Sie erfreute sich an Wakijelas Herzschlag, den sie an ihrer Brust spürte. Das Flattern eines aufgeregten Vogels.
»Wer ist der Vater?«, fragte Wakijela.
»Wer wohl ?«
»Mado ?«
»Ja.«
»Weiß er es schon?«
»Ich will noch warten. So lange, bis man es sieht und ich etwas herzuzeigen habe.«
Wakijela stellte die Beeren weg und fasste nach einem von Tamnis Zöpfen. »Ob es dein Haar haben wird?«
Im Widerschein der Feuer glomm Tamnis Haar schwach wie die Sonne in den allerletzten Augenblicken ihres Laufs über den Himmel. »Meine Mutter hatte es, und ihre Mutter vor ihr. Wenn es ein Mädchen wird, wird wohl nie jemand daran zweifeln, dass sie meine Tochter ist.«
Wakijela drückte Tamni noch einmal fest an sich. »Wenn es ein Mädchen ist, kann es mit Halhata eigene schöne Kinder machen, sobald sie groß genug dafür sind.«
Tamni lachte. »Zähl die Sommer erst, wenn sie vorüber sind, du ungeduldige Mücke. Wo hast du ihn denn gelassen?«
»Halhata?« Wakijela wedelte mit der Hand. »Im Zelt für die Kleinen. Er muss sich daran gewöhnen, dass ich nicht immer da bin. Es wird Zeit, dass er mir nicht mehr so oft hier hängt.« Sie klopfte sich auf die linke Brust. »Sein Mund wird mir zu heiß.« Auffordernd schaute sie Tamni an. »Hast du schon einen Namen? Soll ich dir einen vorschlagen?«
Tamni wiegte vorsichtig den Kopf hin und her. »Nur wenn mein Kind nicht auch so heißen muss wie deins. Wie ein Vogel, der alles stiehlt, was glitzert.«
Wakijela schnaubte in gespielter Empörung und setzte zu einer Erwiderung an. Lautes Rufen aus der Mitte des Lagers hinderte sie daran.
Tamni stand auf. »Was ist da los?«
Die Aufregung wurde ganz offenkundig von den Harten Menschen ausgelöst, und einen Moment packte Tamni die Furcht, die Verheißung auf Frieden zwischen den Völkern könnte nur eine Illusion gewesen sein. Zwei der Harten Menschen waren damit beschäftigt, lange Stangen in den Boden zu rammen, die verdächtig nach Lanzen aussahen. Der Mann, der für den Fremden in Rot sprach, hob beschwichtigend die Arme, sagte immer wieder laut: »Beruhigt euch ! Beruhigt euch !«, und nach und nach verstummten die Rufe.
Tamni kniffdie Augen zusammen. Wenn die Stangen tatsächlich Lanzen waren, mussten es die merkwürdigsten Lanzen sein, die sie je gesehen hatte. Sie liefen nicht spitz zu, vielmehr waren an ihrem oberen Drittel Röhren befestigt, die von ihrer Form an runde Köcher erinnerten. Nur dass oben nicht die Fiederung von Pfeilen hervorschaute. Stattdessen hing von ihrem unteren Ende ein dicker Faden herab.
Der Mensch aus der Steppe, der bei den Harten Menschen scheinbar eine neue Sippe gefunden hatte, führte die Hände seitlich zum Mund, damit seine Stimme weiter trug. »Der Lexis des Dominex möchte euch ein Wunder offenbaren. Feuer, das am Himmel tanzt.«
Die Kinder der Weite bedachten diese Ankündigung teils mit verblüfftem Schweigen, teils mit ungläubigem Lachen, und viele richteten ihre Blicke bereits in den Nachthimmel und sahen doch nichts anderes als die Sterne: die glitzernden Tränen, die die traurigen Geister über alles Leid in der Welt vergossen.
Wakijela nahm Tamni am Arm. »Komm, steh auf. Das schauen wir uns an.«
Sie bahnten sich ihren Weg näher an das große Feuer. Die beiden Harten Menschen, die die Stangen aufgestellt hatten, hielten glimmende Scheite an die herabbaumelnden Fäden. Funken sprühten auf, und sofort wichen die umstehenden Kinder der Weite einige Schritte zurück. Pfeifend und kreischend schossen die Stangen auf gleißenden Feuerschweifen in den Himmel.
Tamni blieb wie angewurzelt stehen und packte Wakijelas Hand. Die kalten Finger ihrer Freundin bebten.
Dann vollzog sich das Wunder, das der Fremde in Rot versprochen hatte: Donnerschläge hallten durch die Nacht, und dann zerbarst die sternenübersäte Schwärze zu einer atemberaubenden Farbenpracht. Rote und blaue Wirbel fuhren umeinander, gelbe Lichtpunkte zerstoben in schillerndem Grün, Bälle aus Purpur blähten sich auf und platzten in silbernen und goldenen Fahnen auseinander.
In Tamnis Brust rangen Ehrfurcht und Entrückung miteinander, und mit jedem neuen Donnerschlag und jedem neuen Blitz wurden ihrem Mund Laute des Staunens und der Bewunderung entlockt. Sie stützte Wakijela, die ins Wanken geraten war, und sie spürte, wie ihr selbst die Knie weich wurden. Es war wahr. Feuer tanzte am Himmel, ganz so, als loderte es voller Freude darüber auf, dass die Welt durch den Friedensschluss zwischen den Harten Menschen und den Kindern der Weite zu einem besseren Ort geworden war. Ein Ort, in dem all die Schlachten und all das Morden nur noch ein böser Traum waren.

 

Noch lange, nachdem das Feuer am Himmel erloschen war, starrten viele weiter mit offenen Mündern nach oben. Nur vereinzelt erklangen Zungenschnalzer und andere Bekundungen der Freude. Als die ersten aus der Sippe sich daranmachen wollten, den Fremden für ihr größtes Geschenk zu danken, brach Unruhe aus. Die Harten Menschen waren nirgends mehr zu sehen.
Scheschoka, dessen Gang von zu viel Stutenmilch zeugte, sah sich blinzelnd um, um danach auf den Eingang eines der Zelte der Fremden zuzuschwanken. Aus der Metallschale auf der Spitze des Zelts züngelte eine einzige Flamme, die so hell war, dass sie alles ringsum in ein giftiges grünes Licht tauchte.
»Die Sterne!«, rief da einer der Ältesten mit einem nackten Grauen in der Stimme, das Tamni einen kalten Schauder bereitete. »Die Sterne!«
Schatten huschten über das Firmament, hoch droben, wo sie kein Pfeil je hätte erreichen können. Tamni musste an die Silhouetten von Raubvögeln denken, die aus sicherer Höhe nach Beute Ausschau hielten. Doch sie kannte keinen Raubvogel, der nachts auf die Jagd ging. Von den Schatten fielen plötzlich kleine, grelle Lichter herab, die größer und größer wurden, je näher sie dem Erdboden kamen. Ein schrecklicher Verdacht schnürte Tamni die Kehle zu: Hatten die Fremden mit ihrem Donner und ihren Blitzen am Ende gar böse Geister beschworen? Nun erkannte sie, dass die Lichter, die die Schatten aussandten, keine Lichter waren: Es regnete feurige Kugeln vom Himmel.
Zwei oder drei von ihnen schlugen unmittelbar zwischen den Pferden ein, die die Kinder der Weite am Rande des Lagers für die Nacht zusammengetrieben hatten. Ihr ängstliches Wiehern bewahrte die Tiere nicht davor, von den lodernden Wogen getroffen zu werden, in die die Feuerkugeln sich beim Aufprall verwandelten. Die Flammen hafteten an ihnen, und die Pferde sprengten auseinander, trugen den Lichtschein, den ihr eigenes Fell und ihr eigenes Fleisch nährte, in die Nacht hinaus.
Binnen eines Wimpernschlags herrschte haltloses Chaos im Lager. Manche warfen sich zu Boden und flehten die Geister um Vergebung an, andere rannten los, um ihre Waffen zu holen. Wakijela riss sich von Tamni los und hetzte auf das Zelt zu, in dem die Kleinen schliefen. Sie kam nicht weit. Eine Feuerkugel platzte am Boden, und wo sie eben noch gewesen war, fauchten nun die Flammen.
»Nein!«, schrie Tamni auf, machte einen Schritt auf die Feuersbrunst zu, deren Hitze ihr das Gesicht versengte. »Nein !«
Sie taumelte zurück, stolperte über ihre Beine und ging zu Boden. Droben am Himmel zogen die todbringenden Schatten ihre Kreise. Tamni kämpfte sich hoch, suchte inmitten des Durcheinanders nach etwas, woran sie ihren Blick heften konnte, und fand das Zelt, in dem die Fremden verschwunden sein mussten. Scheschoka stand davor, Unglauben im Gesicht, eine Hand am Hals. Zwischen seinen Fingern sprudelte Blut hervor. Gopatanka sprang zu ihm, die Arme helfend ausgestreckt, da brach der Schamane schon zusammen. Das Ende eines kurzen, dicken Pfeils ragte ihm aus der Schläfe.
Tamni kämpfte sich hoch und sah, wie die Harten Menschen aus dem Zelt liefen. Ihre Klingen glänzten und ihre Panzer klirrten, als sie über die kopflosen Kinder der Weite herfielen wie tollwütige Hunde. Sie spalteten Schädel, trennten Gliedmaßen ab, trieben Stahl durch Leiber. Tamni legte eine Hand schützend auf ihren Bauch, wandte sich von dem Gemetzel ab und lief davon. Stumm bat sie ihre Sippe um Verzeihung.
Als eine Hand sie an der Schulter packte und herumwirbelte, hoffte sie noch, es könnte Mado sein, der sie in all dem Durcheinander gefunden hatte und vor den verräterischen Fremden beschützen würde. Doch der Mann, der sie eingeholt hatte, besaß zwar das schwarze Haar und eine ähnliche Statur wie ihr Gefährte, aber die Keule, die er zum Schlag hob, war aus Metall, ebenso wie der Ring um seinen Hals.
»Ich trage ein Kind in mir«, sagte sie, als er einen Augenblick zögerte und sie mit einem Ausdruck musterte, der ihr wie Bedauern erschien. »Ein Kind.«
Das Flackern des überall um sie herum wütenden Feuers färbte seine Augen rot. Die Keule fuhr herab.

 

Drei Tage nach dem Massaker suchte Pukemasu den Ort auf, an dem die Kinder der Weite ausgelöscht worden waren. Ein Späher ihrer Sippe hatte das Feld aus niedergebrannten Zelten und verkohlten Leichen noch in der gleichen Nacht entdeckt, in der die fremden Lichtgeister zwischen den Sternen getanzt hatten. Doch dann hatte der Himmel zu weinen begonnen und der Wind hatte gezürnt, und Pukemasu achtete den Willen der Geister. Das war die Aufgabe, der sie ihr ganzes Leben nachgegangen war: die Zeichen zu deuten und auszulegen, die die unsichtbaren Herrscher der Welt ihren Bewohnern sandten. Selten war ihre Absicht klarer gewesen. »Haltet euch fern«, sagten sie, und so hatte Pukemasu sich ferngehalten, bis der Regen aufgehört und der Sturm sich gelegt hatte.
Schlamm schmatzte an den Hufen ihres Pferds, als sie sich dem verwüsteten Lager näherte, doch das Land um sie herum bot keinen tristen Anblick. Denn beinahe so, als hätte der Boden die Lebenskraft der Erschlagenen aufgesogen, hatten die Gräser und Kräuter und Büsche Knospen gebildet, die sich zu einem Meer aus Blüten geöffnet hatten. Der Gestank von verbranntem Fleisch vermischte sich mit einem süßen Duft der Fruchtbarkeit.
Die alte Schamanin stimmte den Gesang an, mit dem man die Toten ins Reich der Ahnen geleitete, als sie den ersten Kadaver eines Pferdes passierte. Der einsame Schakal, der sich an das Aas gewagt hatte, scherte sich nicht darum. Er hob nur kurz den Kopf, zeigte ihr seine blutige Schnauze und fraß weiter, wie es nun einmal seine Bestimmung war.
Pukemasu hatte die beklemmende Stille des Todes erwartet, und ihre Melodie verstummte jäh. Nicht wegen der drei Pferde, die unweit des Gerippes eines Zelts standen und sie erwartungsvoll anblickten, gelassen und gern bereit, sich von ihr zu einer neuen Herde führen zu lassen. Nein, es war das klagende Gewimmer aus dieser Richtung, das Pukemasu die Worte raubte. Sie trieb ihren Hengst zu größerer Eile an – ein treuer Freund, dessen Fell so grau war wie ihr eigenes Haar –, und was sie dann im Gras neben einer tiefen Pfütze sitzen sah, versetzte ihrem Herzen einen Stich: Der Junge konnte nicht mehr als drei Sommer gesehen haben. Er war nackt, die Haut von Asche verkrustet. Auf seinen Wangen hatten Tränen breite Bahnen in den Ruß gezogen. Auf seiner rechten Schulter war eine Wunde von Schorf verschlossen, und Pukemasu hatte auf genügend solcher Verletzungen heilende Salben aufgetragen, um zu wissen, woher sie stammte. Es war ein Pferdebiss.
Der Junge bemerkte sie, schluchzte ein letztes Mal und wurde still. Die Hände, die er eben noch trotzig zu Fäusten geballt hatte, legte er in den Schoß, und er blickte Pukemasu aus wachen Augen an. »Du bist da«, sagte er, und da seine Kehle vom Weinen heiser war, klang er wie ein Greis.
Pukemasu schauderte. Es kostete sie Mühe, den Bann, in den der Junge sie mit einem einzigen Blick geschlagen hatte, zu brechen. Sie sah zu den Überresten des Zelts, zu den auf Puppengröße zusammengeschrumpften Leichen, die dort beisammen lagen. Die Geister schenkten ihr unvermittelt eine Einsicht, wie sie es manchmal taten, um sie für ihre Dienste zu belohnen. Sie verflocht miteinander, was ihre Sinne ihr verrieten. Das Blut an den Nüstern eines der drei Pferde. Der Schorf auf der Schulter des Jungen. Die vom Feuer geschwärzten Stangen des Zelts. Konnte das wirklich sein ? War das Kind nur deshalb nicht verbrannt wie die anderen, weil ein Pferd auf wundersame Weise seine natürliche Angst vor lodernden Flammen überwunden hatte, um es zu retten?
»Hast du die Pferde gerufen?«, fragte sie den Jungen.
Er nickte.
»Und sie sind gekommen?«
Ein weiteres Nicken.
Pukemasu, die es eben noch gefröstelt hatte, spürte einen heißen Wind in ihrem Nacken. Wie von einem Feuer, das groß und zornig genug war, die ganze Welt in Schutt und Asche zu legen. »Ihr Geister«, murmelte sie. »Was habe ich euch getan, dass ihr mir eine solch schwere Prüfung auferlegt?«

Über Jonas Wolf

Biografie

Jonas Wolf, geboren 1976 in Hamburg, schrieb schon als Kind Geschichten und Märchen. Seine Liebe zur Fantasy entdeckte er mit J.R.R. Tolkiens Epos über die Vernichtung eines magischen Rings und Robert E. Howards Erzählungen um einen grimmigen Barbaren. Sein Romanzyklus »Heldenwinter« steht in...

Pressestimmen

agm - Das Medienmagazin

»Ein fetziges Abenteuer, das Lust auf mehr macht.«

Kommentare zum Buch

Kommentieren Sie diesen Beitrag:
(* Pflichtfeld)
Kommentar senden