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Heldenstellung — Inhalt

Moderne Männer sind flexibel – moralisch, beruflich und im Bett. Aber nicht beim Yoga.

Der passionierte Schluffi Frederick fällt aus allen Wolken, als sein Vater ihm den Geldhahn zudreht und ihn in seiner Unternehmensberatung einstellt. Mit selbstmörderischem Elan springt er ins Berater-Haifischbecken. Dort lauern 23,5 Stunden-Tage, ein Ex-Taxi als Dienstwagen und Papas verheißungsvolle Assistentin Jessica. Um ihr näher zu kommen, beginnt Frederick mit Yoga. Doch bevor er die Heldenstellung einnehmen kann, begegnet er Sommersprosse Sina, dem personifizierten Kontrastprogramm zur neuen Beraterwelt ...

€ 7,99 [D], € 7,99 [A]
Erschienen am 13.08.2013
272 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-492-96059-5

Leseprobe zu »Heldenstellung«

Crash Management

An der Garderobe gebe ich mein bisheriges Leben ab. Die Frau hinter der Holztheke deutet auf das Gepäcklabel: »Ach, Berlin-Tegel?«, fragt sie im Plauderton. »Aus dem neuen Flughafen ist ja nix geworden. Ich frage mich, wie man eine so wichtige Sache vermasseln kann.«

»Ach, das ist ganz einfach«, sage ich aus Erfahrung und reiche ihr meinen Trolley.

Die Garderobiere mustert mich. »Habe ich Sie hier schon mal gesehen?«

»Kann sein, ist aber ein Weilchen her.« Ich schaue zu dem durchgesessenen Hocker an der Wand. Weil ich nicht weiterrede, [...]

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Crash Management

An der Garderobe gebe ich mein bisheriges Leben ab. Die Frau hinter der Holztheke deutet auf das Gepäcklabel: »Ach, Berlin-Tegel?«, fragt sie im Plauderton. »Aus dem neuen Flughafen ist ja nix geworden. Ich frage mich, wie man eine so wichtige Sache vermasseln kann.«

»Ach, das ist ganz einfach«, sage ich aus Erfahrung und reiche ihr meinen Trolley.

Die Garderobiere mustert mich. »Habe ich Sie hier schon mal gesehen?«

»Kann sein, ist aber ein Weilchen her.« Ich schaue zu dem durchgesessenen Hocker an der Wand. Weil ich nicht weiterrede, wendet sie mir den Rücken zu und räumt meinen Rollkoffer zu den anderen. Ja, sie kommt mir auch bekannt vor, und ja, ich fühle mich gegen meinen Willen bei ihr geborgen. So geht es mir seit frühester Kindheit mit allen Garderobieren. Diese hier könnte gut meine Mutter sein: Anfang sechzig vielleicht, ihr Haar trägt sie bereits in kurzer fliederfarbener Omawelle, über dem Busen baumelt die randlose Brille am falschen Goldkettchen. Sie betrachtet ihre kleine Trolleysammlung mit eigentümlichem Stolz. »Jetzt habe ich fünfmal Berlin, zweimal München und wieder zehnmal Köln-Düsseldorf. Dabei ist das ein Transitflughafen, da weiß ich gar nicht, woher die Leute kommen.«

Ihre Probleme hätte ich gern. Dafür kann sie meine haben.

»Wollen Sie noch etwas abgeben?« Ich sehe an mir herunter: schwarzer Anzug, weißes Hemd, schmale Krawatte – das alles hatte ich für die Filmpremiere gekauft. Mein Gewissen, das wäre ich noch gern los, denn ich bin aus keinem ehrenwerten Grund in diesem ehrenwerten Club.

Die Garderobiere zückt eine Liste. »Wie ist Ihr Name?« Ich seufze. »Der steht da nicht drauf. Mein Besuch soll eine Überraschung sein.« Sie geht zu meinem Trolley herüber, setzt ihre Brille auf, greift sich den Adressanhänger und liest ab: »Frederick von Schnaidt.« Mit einem Mal stutzt sie, lacht ungläubig auf, murmelt den Namen erneut, dreht den Adressanhänger, als stünde auf der Rückseite vielleicht ein anderer Name, und sieht erstaunt zu mir herüber. »Das Garderobenkind?«

Ich nicke traurig.

»Und ich dachte immer, es gäbe Sie in Wirklichkeit gar nicht«, sagt sie mit ungläubiger Stimme. »So wie den neuen Berliner Flughafen.« Sie zwinkert mir munter zu und streckt ihre Hand aus: »Ich bin Marie, willkommen zuhause.«

»Na ja«, sage ich, aber Marie bedeutet mir, mich nicht von der Stelle zu rühren. Sie schiebt Mäntel und Jacken beiseite. Dahinter kommt ein Bilderrahmen zum Vorschein. Vorsichtig nimmt sie ihn von der Wand und legt ihn auf den Garderobentresen: Eine Kollage aus etwa zwanzig Fotos von einem Jungen, der auf diesem Hocker zwischen all den Klamotten sitzt. Die Ärmel, Schals und Seidenblousons haben das Bild über die Jahrzehnte sauber gehalten. Auf dem ältesten Foto ist er vielleicht drei Jahre alt, auf dem neuesten ein Teenager. Mein Herz macht einen Hüpfer, knickt blöd um und stürzt die tiefe Schlucht zu meiner Seele herunter.

Der Junge bin ich. Mal nehme ich einen Mantel von der Garderobe oder falte Schiffchen aus roten Abholzetteln, aber auf den meisten Fotos sitze ich trotzig auf dem Hocker und halte ein Magazin in der Hand. Superman, Batman, einmal sogar die Financial Times – allerdings falschrum.

Mein Vater hat mir oft Superheldencomics gekauft. Früher dachte ich, er wollte einfach, dass ich lesen lerne. Heute weiß ich, dass es ihm um etwas anderes ging. Ich sollte sehen, dass die Guten immer auf die Nase kriegen. Die Schurken dagegen hatten die schönsten Frauen, das meiste Geld und die größte Freiheit, weil sie nicht in so einfältigen Kategorien wie Gut und Böse dachten. Mein Vater ist so ein Schurkentyp: einer der besten Unternehmensberater Deutschlands. Und einer der schlechtesten Väter.

Marie schaut zwischen dem Bild und mir hin und her.

»Sie müssen heute um die dreißig sein.«

Ich nicke. Wir haben Ende Juli, ich bin noch ein halbes Jahr lang neunundzwanzig. Ein halbes Jahr, das hoffentlich sehr schnell vorbeigeht. »Kann ich jetzt bitte meinen Garderobenzettel bekommen?«

»Ach, die Nummer können Sie sich doch bestimmt merken«, meint sie glucksend. »Bei Ihrer Erfahrung! Ich hatte Sie mir übrigens kleiner vorgestellt. Und Sie sehen Ihrem Vater überhaupt nicht ähnlich.«

»Sind wir uns auch nicht.«

»Noch nicht.«

»Wie bitte?«

Die Garderobiere hebt den Zeigefinger. »Sie sind sich noch nicht ähnlich. Früher oder später werden wir alle so wie unsere Eltern, glauben Sie mir.«

»Dann wäre ich lieber der Sohn von Brad Pitt«, entgegne ich.

Sie schaut unbeeindruckt auf die Gästeliste. »Der konnte heute leider nicht kommen, sonst hätten Sie sich noch adoptieren lassen können. Ich glaube, in Ihrem Alter hat der noch niemanden.« Sie drückt mir einen Garderobenzettel in die Hand und klopft auf den freien Stuhl neben sich. »Aber hier ist auch immer ein Plätzchen für Sie frei. Den Weg kennen Sie ja.«

Ohne ein weiteres Wort drehe ich mich um und steige die Treppen hinauf. Zeit, der Wahrheit ins Gesicht zu sehen – und meinem Vater.

An meinem dritten Geburtstag hat er mich zum ersten Mal mit in den Best-Buddies-Business-Club (BBBC) genommen. Hier bekam ich meine ersten Manschettenknöpfe, lange bevor ich Hemden trug. Während andere Kinder bei sich zuhause mit Buntstiften Häschenbilder ausmalten, kritzelte ich im Eingangsbereich des Clubs mit einem vergoldeten Kugelschreiber Haifische unter die Dax-Kurve. Die Clubmitglieder gewöhnten sich schnell daran, von einem kreischenden Jungen aus dem Hinterhalt angegriffen zu werden, wenn sie gerade Zeitung lasen. Manche Kollegen aber warfen meinem Vater irgendwann gequälte Blicke zu. Dann schimpfte er nicht mit mir oder ermahnte mich, leiser zu sein. Nein, er löste das Problem so effizient, wie es nur ein Berater konnte: Er gab mich an der Garderobe ab.

Klingt nach verkorkster Kindheit? Falsch. Der Vorwand, einen Whisky für meinen alten Herren zu holen, verschaffte mir hier schon mit zehn Jahren meinen ersten Vollrausch, meine erste Zigarre habe ich von einem dieser Tische geklaut – und es war immerhin eine echte Havanna.

Neben der Tür hängt ein Bild meines Vaters. Darunter steht: Richard von Schnaidt wird 62. Wir gratulieren unserem Geschäftsfreund und Partner. Ich drücke die Klinke herunter.

Applaus brandet auf. Er gilt nicht mir, sondern einem jungen Mann, der sich offensichtlich weigert, vor das Rednerpult zu treten. Er ist schmächtig, blass und trägt einen Seitenscheitel. Früher war er sicher einer von diesen Strebern, die es nicht stört, gehänselt zu werden, weil sie genau wissen, dass sie sich eines Tages einfach von bezahlten Schlägern rächen lassen können. Seine Bewegungen sind bedacht und sicher, als er durch die Reihen der Gäste nach vorn geht.

Hinter einem beeindruckenden Technikpult, das in einer Schattenecke des Raumes verborgen liegt, kommt ein Techniker mit Kordanzug, hängenden Schultern und Britpop-Pilzkopf hervor. Er streicht sich die Haare aus dem Blickfeld und reicht dem Streber einen Laserpointer.

»Möge die Macht mit mir sein«, scherzt der junge Mann mit überraschend hoher Stimme und lässt den Laserpointer aufblitzen. Jemand skandiert »Adam, Adam!«, andere stimmen ein. Der Bejubelte streckt die Arme aus, die Rufe verstummen. »Das war mein Backoffice«, erklärt er. »Ich habe ihnen Urlaub versprochen.«

Erneutes Gelächter.

»Na gut. Ihr habt es so gewollt. What’s the project?«

»PowerPoint-Karaoke!«, ruft eine Frauenstimme,

»Assessment Center«, ein Mann.

»Meilen-Check«, höre ich einen anderen.

»Klugscheißing«, werfe ich in die Runde und drehe mich schnell um, bevor mich jemand sieht.

»Es ist nicht so, dass ich euch für jeden Vorschlag bezahle«, scherzt Adam. »Wir sind hier nicht beim Kunden.«

Nach und nach mehren sich die Rufe nach PowerPoint-Karaoke, bis der Techniker schließlich einen Videobeamer anschließt und Adam aufmunternd zunickt.

»Okay, mal schauen, welchen Case ich kriege.« Er geht zu dem Laptop und drückt eine Taste. Buchstabe für Buchstabe rast das Thema der Präsentation an die Wand, bis es schließlich Satz und Sinn ergibt. Oder auch nicht:

Was wir von Haustieren lernen können, steht dort.

Na, ist doch klar: Fressen oder gefressen werden.

Eine Hostess stellt sich neben mich, bewegt den Kopf in Richtung meines Ohrs: »Das Spiel heißt Unternehmensberatung«, erklärt sie. Wie? Die spielen in ihrer Freizeit ihren Beruf nach? Na ja, immerhin haben sie noch einen. Die Hostess sieht meine Zweifel und fügt schmallippig hinzu: »Ist doch lustig.« Leider fährt mein Sinn für Humor noch auf irgendeinem Rollband durch den neuen Berliner Flughafen spazieren.

An die weiße Wand wird nun das Bild eines kopulierenden Hamsterpärchens geworfen. Das Publikum johlt. Die Hostess nutzt den Augenblick, um sich wieder zu mir zu beugen.

»Ihr Geschenk legen Sie bitte dorthin«, flüstert sie noch und deutet auf einen Tisch vorn neben dem Rednerpult, der vor Gaben strotzt wie ein Opferaltar für Donald Trump. »Sie können es Herrn von Schnaidt auch gern selbst überreichen – nach den Vorträgen.«

Das hatte ich befürchtet. Diesmal habe ich mich notgedrungen für etwas Persönliches entschieden. Weil ich, wie mein Vater wohl sagen würde, finanziell viel Spielraum nach oben habe. Es ist ein blaues T-Shirt mit rot-goldfarbenem Logo, das unverkennbar an das von Superman angelehnt ist. Nur, dass statt dem »S« im Dreieck auf der Brust eben ein »F« steht. Darunter ist zu lesen: »Fredman never gives up«. Korrekter wäre gewesen: »Fredman never gets up«.

Das ist das einzige Erinnerungsstück an meinen ersten und einzigen Film. Ein Abschiedsgeschenk der Crew – alles, was von »Fredman« geblieben ist. Jetzt schulde ich der Produktionsfirma eine Viertelmillion Euro Eigenanteil. So viel Geld habe ich nicht. Mein Vater schon.

Ich nehme mir ein Glas Champagner und leere es in einem Zug. »Lammroastbeef mit Meerrettichschaum auf Pumpernickel?«, fragt ein Kellner. Sieht eher aus wie Leberwurst-Sushi. Trotzdem lade ich gleich drei Horsd’œuvres auf ein Tellerchen und stelle mich an den Gabentisch. Von hier aus kann ich den Raum gut überblicken. Während ich kaue, suche ich die Sitzreihen nach meinem Vater ab und entdecke ihn in der ersten Reihe, direkt vor dem Rednerpult. Sein vormals graumeliertes Haar ist wieder richtig dunkelbraun, auch die Falten auf seiner Stirn sind verschwunden. Unwillkürlich muss ich an Herrn Kaiser von dieser Versicherung aus der Fernsehwerbung denken. Ein Lächeln zieht über sein Gesicht, als Adam erklärt, dass Haustiere sowohl unsere »Soft Skills« fördern als auch die »Attitude schärfen« und uns ans »Homecoming« erinnern. Ich sollte mir auch ein Haustier zulegen. Oder überhaupt erst mal ein echtes Zuhause.

Neben meinem Vater sitzt eine junge Frau, die ihre schwarzen Haare zu einem Pferdeschwanz zurückgegelt hat. Sie trägt ein enges, graues Business-Kostüm und starrt auf ihr Smartphone. Ab und zu flüstert sie meinem Vater etwas ins Ohr, woraufhin der nickt. Plötzlich hält sie inne und dreht sich zu mir um. Unsere Blicke treffen sich. Sie stutzt, wendet den Blick aber zum Glück nicht ab, sondern zwinkert mir zu. Ich bin so überrascht, dass ich erst auf die Idee komme, zurückzuzwinkern, als sie sich schon längst wieder umgedreht hat. Mein Zwinkern erwischt eine ältere Geschäftsfrau, die mir daraufhin einen Vogel zeigt.

Jetzt flüstert die junge Frau meinem Vater etwas ins Ohr. Sofort dreht er den Kopf in meine Richtung. Sein Lächeln verschwindet, in seinen Augen macht sich jene ätzende Skepsis breit, die mich schon als Junge in die Knie zwang. Ich nicke grüßend. Er hält meinen Blick eine Sekunde und dreht sich dann zurück nach vorn. Kaum schaut er wieder dem PowerPoint-Terrier zu, kehrt das Lächeln zurück. Ich spüre, wie kindliche Wut in mir aufsteigt.

»Wir alle lieben unsere Haustiere«, ruft der Redner und erntet Szenenapplaus. »Aber auch unsere Haustiere lieben sich gegenseitig. Wie sich das auf uns auswirkt, werde ich Ihnen nun verdeutlichen.« Die nächste Folie. Darauf stehen Sätze in Bullet Points.

Ich schlendere zum Geschenketisch herüber. In einer Kristallschale liegt eine Schachtel, eingeschlagen in weinrotes Papier, verziert mit einem goldenen Schleifchen. Darauf steht Golden Gifts. Ich nehme sie heraus und platziere stattdessen dort das T-Shirt. Falls das Päckchen Schmuck enthält, sollte es hier wirklich nicht so herumliegen. Also stecke ich es lieber ein, bevor es noch jemand klaut. Nicht, dass mein Vater den Verlust eines kleinen Geschenks überhaupt bemerken würde. Aber falls er mich gleich rausschmeißen lässt, brauche ich Geld, um den Tag bis morgen zu überstehen. Während ich noch überlege, wie viel Bares ich mit meiner Beute beim Pfandleiher wohl rausschlagen kann, schließt der Redner mit den Worten: »Nun, meine Damen und Herren, liebe Kollegen und Haustierfreunde. Ich hoffe, dass Sie, wenn Sie heute Abend nachhause kommen, mit Ihrem Hund Gassi gehen, Ihrer Katze zur Abwechslung mal frische Vollmilch servieren und eine große Decke über den Hamsterkäfig legen, um Goldi etwas Privatsphäre zu gönnen.« Er drückt eine Taste des Notebooks, und auf der Leinwand erscheint dasselbe Porträt meines Vaters, das ich schon am Eingang gesehen habe. »Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit. Und denken Sie daran: Teurer Rat ist gut.« Erneuter Applaus brandet auf. Als er sich gelegt hat, steht mein Vater auf.

»Vielen Dank, Adam, du hast die Audience mal wieder überzeugt. Aber zum Partner kann ich dich leider noch nicht machen. Die Stelle ist schon besetzt. Von mir.« Gefälliges Gelächter. Nur Adam verzieht keine Miene, sondern tritt von der Bühne, direkt neben mich.

»Bringen Sie mir einen Gin Tonic, aber asap«, murmelt er. Ich sehe ihn fragend an. Der Typ verdreht die Augen.

»As soon as possible! Verstehen Sie kein Englisch?«

»Nope«, sage ich und schüttle den Kopf. Er sieht mich erstaunt an.

»Egal. Holen Sie mir einen Drink.« Keine Ahnung, was es ist: der lange Flug, der aufgestaute Frust oder vielleicht einfach nur der abschätzige Blick dieses Typen, gepaart mit der Arroganz in seiner Stimme. Jedenfalls packe ich den Kerl am Kragen – ungefähr 0,8 Sekunden lang. Dann liegt seine Hand auf meiner, ich spüre einen Tritt gegen das Schienbein, lockere meinen Griff. Im gleichen Moment fährt mir ein stechender Schmerz durchs Handgelenk, weil mein Gegenüber es jetzt so verdreht, wie ich es anatomisch nie für möglich gehalten hätte. Woher nehmen diese vielbeschäftigten Berater eigentlich noch die Zeit für Selbstverteidigungskurse? Instinktiv gebe ich dem Schmerz nach und weiche aus – in die Richtung, in der es am wenigsten wehtut. Zur Bar. »Ohne Zitrone«, ruft Adam mir hinterher. Ich würde ihm am liebsten den Stinkefinger zeigen, aber leider spüre ich den gerade nicht mehr.

Wenig später lehne ich am Tresen und reibe mir das schmerzende Handgelenk. Neben mir steht ein älterer, feister Geschäftsmann mit Mittelstandsschnauzer, Cowboyhut und rosig glänzendem, großporigen Gesicht. Er mustert mich. Genervt starre ich zurück.

»Nein, ich kann Ihnen keinen Drink besorgen, ich bin kein Kellner.«

Er grinst so selbstbewusst, dass ich seine hinteren Goldkronen sehen kann. »Sie sind Richards Sohn«, sagt er mit amerikanischem Akzent.

»Danke, dass Sie mich daran erinnern. Gerade wünsche ich mir mal wieder, ich wäre es nicht.«

Die Antwort ist ein erneutes Goldgrinsen. »Dabei hätten Sie wohl die besten Chancen, sein Nachfolger zu werden.« Ich glaube, ich höre nicht richtig.

»Sein Nachfolger? Mein Vater hört auf zu arbeiten? Das kann ich mir kaum vorstellen.«

Ausgerechnet jetzt ist der Kellner da, mein Gegenüber bestellt ein »deutsches Bier«, sieht mich fragend an, aber ich schüttle nur den Kopf.

»Ihr Vater hat in einem Interview mit dem Magazin Good Money erzählt, er wolle sich bald zurückziehen und einen Nachfolger bekanntgeben. Und plötzlich steht sein Sohn auf der Matte. Da habe ich eins und eins zusammengezählt.« Mein Magen zieht sich zusammen. Theoretisch ergibt das einen gewissen Sinn – allerdings nicht in der Praxis.

»Das glaube ich nicht. Mein Vater verdient so gut wie kaum jemand sonst, hat einen erstklassigen Ruf und könnte wahrscheinlich Bundeskanzler werden, wenn er es nur wollte.« Der Business-Cowboy schaut mich an wie einen Urmenschen, der gerade aus der Zeitmaschine in die Gegenwart gekrabbelt ist und sich freut, dass endlich mal was los ist.

»Heute geht es doch nicht mehr um Karriere, Vermögen oder Luxus. Es geht um das persönliche Glück, um ein gutes Leben. Ihr Vater hat alles erreicht. Er kann sich jetzt locker machen.«

»Schön wär’s«, murmle ich.

»Sie hätten die besten Voraussetzungen«, sagt der Cowboy und nimmt das Bier, das ihm der Kellner hingestellt hat. »Allein genetisch.« Das Grinsen folgt automatisch jedem Hauptsatz.

Ich hole tief Luft. Mein Gegenüber bewegt sich auf dünnem Eis. »Ich komme nicht nach meinem Vater.«

»Was sagen Sie da? Sie müssen eine großartige Kindheit gehabt haben. Immerhin durften Sie jeden Tag mit einem der besten Unternehmensberater Deutschlands verbringen. Er hat Sie erzogen, Ihnen Ratschläge erteilt. Dafür zahlen andere Leute ein Vermögen. Verzeihen Sie das Kompliment, aber theoretisch müssten Sie perfekt sein.«

Jetzt reicht’s!

»Soll ich Ihnen mal etwas aus meiner Kindheit erzählen?« Mein Barnachbar nickt, wobei mich fast seine Hutkrempe touchiert. »Mein Vater hat mich zum ersten Mal auf den Arm genommen, als ich schon fast drei Monate alt war. Meine erste bewusste Erinnerung an ihn ist ein halbstündiger Argumentationsmarathon, den er meinem Wunsch nach einem Meerschweinchen entgegensetzte. Kurz darauf hat er einen Zeitplan aufgestellt, der die Handlungsabläufe meiner Mutter bei der Zubereitung des Frühstücks optimieren sollte. Seine Rolle am Frühstückstisch bestand darin, die Financial Times zu lesen. Ich erinnere mich noch an die Streitereien, als wir an meinem vierten Geburtstag einfach im Kinderzimmer herumtoben wollten, er sich aber in den Kopf gesetzt hatte, mit uns Monopoly zu spielen. Die Hälfte meiner Kindergartenfreunde musste weinend abgeholt werden. Ein Jahr später stieg mein Vater zum Partner auf. Ab da ließ er sich kaum noch zuhause blicken. Und eines Tages wendete er die SWOT-Analyse auf seine Ehe an. Wissen Sie, was das ist?«

Der Cowboy nickt: »Eine unserer besten Methoden, wenn es darum geht, eine Firma abzuwickeln oder zu schauen, was aus der Sache noch herauszuholen ist. Das S steht für Strength oder Stärken, das W für Weakness, also Schwächen, das O für Opportunities, also Chancen, und das T für Threats, die Risiken. Zu welchem Ergebnis ist er gekommen?«

Ich muss kurz schlucken, mein Mund ist mittlerweile etwas trocken geworden. »Die Schwächen und Risiken müssen wohl überwogen haben, die Ehe meiner Eltern wurde abgewickelt und geschieden.«

Die Lippen meines Gegenübers schließen sich über dem Goldschatz. »Wie ging es weiter?«, will er wissen.

»Oh, das wird Sie auch interessieren«, fahre ich leise fort. »Meine Mutter hat sich zurückgezogen und wurde krank. Sehr krank. Ein Jahr nach der Scheidung ist sie gestorben. Da war ich sechs. Mein Vater schob mich auf ein Elite-Internat voller Elitesöhne ab. Mit 18 flog ich ohne Elite-Abschluss raus und zog nach Berlin. Das alles stand nicht in der SWOT-Analyse.«

Mein Barnachbar sieht mich mitleidig an. Ich ärgere mich, dass ich mich von meinem Zorn derart habe mitreißen lassen. Wieso muss ich Idiot auch auf dem Geburtstag meines Vaters an der Bar stehen und weinerlich erklären, warum ich es im Leben nie zu etwas bringen konnte.

Der Cowboy legt mir die Hand auf die Schulter.

»Sorry, son«, sagt er, prostet mir zu und trinkt sein Bier in einem Zug halb leer. Der Schaum bleibt im Schnauzer hängen. Wie ein Bernhardiner streckt er die Zunge heraus und schlabbert sich den Bart wieder sauber. »German beer!«, stellt er zufrieden fest. Ich bin mir sicher, dass er in seinem Schnauz noch weitere Lebensmittel bunkert. Da wäre genug Platz für eine Banane.

»Einen Cuba Libre«, bestelle ich beim Barkeeper, »auf den Kapitalismus.« Der Cowboy grinst, dann kommt von der anderen Seite jemand, der ihn kennt, und verwickelt ihn in ein Gespräch.

Ich warte, bis mein Drink da ist, und mache mich auf den Weg zu meinem Vater. Gerade ist seine Entourage einige Meter von ihm abgerückt. Er steht allein und tippt etwas in sein Mobiltelefon. Wenige Schritte vor ihm tritt mir der PowerPoint-Prinz in den Weg. Ich zucke zusammen.

»Keine Angst«, sagt er und strahlt übers ganze Gesicht. Genau das ist es, was mir Angst macht.

»Ich habe Neuigkeiten«, freut er sich. »Jessica, die Assistentin Ihres Vaters, hat mir verraten, wer Sie sind, und da habe ich mal ein paar Nachforschungen angestellt ... Ah, mein Backoffice hat mir gerade ein Update geschickt«, fährt er fort und zückt sein Smartphone. »Also: Die Kollegen haben sich mit unserem Partnerbüro in Los Angeles kurzgeschlossen. Sie haben offenbar einen Cash-Engpass, weil Ihr Film nicht optimal kalkuliert wurde. Wobei Cash-Engpass vielleicht das falsche Wort ist. Mir sieht das eher nach einer Null-Basis-Kalkulation aus. Statt die Prozesse zu verbessern, sind Sie abgereist. Sie schulden Ihrem Vater ...« Er blickt auf sein Smartphone und macht ein erstauntes Gesicht. »Uih!!! Eine ganze Menge Geld. Wann wollen Sie es ihm sagen?«

Am liebsten gar nicht.

»Sobald er eine Sekunde Zeit für mich hat.«

Der Mann nickt und streckt die Hand aus. Als ich sie nicht ergreife, formt er aus Zeigefinger und Daumen eine Pistole und zielt auf mich. Sein Gesicht bleibt dabei so sachlich, als würde er einen Einkaufszettel studieren. »Egal, wie Sie es anstellen, Sie werden nie sein Nachfolger. Dazu haben Sie nicht das Zeug.« Er schießt mich ab.

Zum Glück bemerke ich in diesem Moment, dass ich meinen Stinkefinger wieder bewegen kann.

Mein Vater kommt jetzt zu uns herübergeschlendert, den Blick immer noch auf sein Smartphone gerichtet.

»Bei Wayland brauchen wir eine Turnkey-Solution«, sagt er, ohne aufzublicken. Adam Giebowski überlegt kurz und nickt dann. »Ohne Outplacement kriegen wir keinen Social Liftoff hin.« Die beiden sehen in meine Richtung, aber durch mich hindurch.

»Also, ich habe zufällig gerade so einen Social Liftoff hinter mir«, sage ich. »Sogar mit Outplacement!« Die beiden ignorieren mich. »Jedenfalls herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag«, wechsle ich das Thema. »Wir haben uns ja lange nicht gesehen.«

Mein Vater verzieht keine Miene: »Da bin ich ja gespannt, warum du das nun änderst.«

»Richard, ich muss dich mal unter vier Augen sprechen«, versuche ich es, aber er bewegt den Zeigefinger hin und her.

»Das ist gerade ganz schlecht.«

Jetzt reicht es mir: »Immerhin bin ich ein paar tausend Kilometer geflogen, nur um zu deiner Geburtstagsfeier zu kommen!«

»Das kann ich toppen«, sagt er, greift in sein Sakko und zückt die schwarze Karte einer großen deutschen Airline. Er hält sie in die Luft wie einen Joker. »Zwanzigtausend Meilen. Seit vergangener Woche. Dabei war mein letzter Flug ein Inlandsflug.«

Adam sieht ihn fragend an. Das Ganze wirkt wie ein schlecht einstudiertes Laientheater. »Wo warst du eigentlich?«

»In Berlin«, erklärt mein Vater. »Bei einem alten Kunden.« Er macht eine Pause, atmet ein, atmet aus und sagt langsam und deutlich: »Einer Filmproduktionsfirma.«

Mein Magen zieht sich zusammen. Adam fletscht die Zähne.

So wollte ich dieses Gespräch nicht führen. Nicht in Gegenwart seines offensichtlich neuen Lieblingssohns und unter den Blicken der internationalen Wirtschaftselite. Aus lauter Verlegenheit greife ich nun auch in meine Jackettinnentasche, obwohl sich dort garantiert keine Vielfliegerkarte befindet. Dafür erwischt meine Hand die teuer verpackte Schachtel.

»Ich hab dir eine Kleinigkeit mitgebracht«, sage ich und ziehe das Geschenk aus dem Jackett. Jetzt steckt mein Vater die Karte weg und wendet sich endlich mir zu.

Adam stutzt. Er deutet auf den Golden Gifts-Aufkleber. »So ein Zufall, wir haben doch tatsächlich in derselben Boutique eingekauft: die allerbeste Adresse der Stadt und dazu noch der Lieblingsladen Ihres Vaters.«

Mein Herz rutscht von der Hose in die Halbsocken.

»Soll ich es gleich auspacken?«, fragt mein Vater.

»Auf jeden Fall!«, findet Giebowski und zeigt wieder seinen Terrierblick: »Ich habe schon so eine Ahnung, was drin sein könnte.« Adam nimmt das Päckchen und hält es sich ans Ohr.

Mein Vater räuspert sich.

»Ich dachte, ich höre ein Ticken«, sagt Adam. »Wie von einer Bombe, die gleich hochgeht.«

»Du musst es auch nicht jetzt auspacken«, erwidere ich und versuche, das Päckchen wieder an mich zu nehmen. Aber Adam zieht es weg. Adams Tonfall hat die Aufmerksamkeit der anderen Gäste auf uns gelenkt. Hätte nicht gedacht, dass der Tag so mies enden würde. Ich trete einen Schritt zurück und taste schon mal nach meinem Garderobenzettel.

Mein Vater löst die Klebestreifen der Verpackung. Mit Bedacht öffnet er erst die kurzen Seiten, arbeitet sich dann bis zu den Längsseiten vor, um schließlich eine längliche Schachtel aus dem Geschenkpapier zu ziehen. Darauf steht Patek Philippe. Es ist vollkommen still geworden. Mein Vater sieht mich entsetzt an. »Diese Uhren kosten ein Vermögen! Hast du die George Clooney geklaut, als er eingeschlafen ist?«

Ich hätte sie einfach behalten sollen. Ich Trottel. Giebowski dagegen grinst so breit wie der weiße Hai.

»Darf ich die auch mal sehen?«, fragt er. Sein Unterton lässt die Gäste aufblicken.

»Was ist denn los, Adam?«, fragt mein Vater, und ich sehe, wie sich seine Stirn kräuselt. »Bist du eifersüchtig?«

Ich habe eine böse Vorahnung, schnelle vor und reiße ihm die Uhr aus der Hand, bevor er sie Adam geben kann.

»Darf ich mal kurz, danke.«

Mein Vater zieht die Augenbrauen zusammen.

Ich mache ein zerknirschtes Gesicht. »Ich glaube, da hängt noch das Preisschild dran.« Vorsichtig nehme ich die Uhr aus der Verpackung. Auf der Rückseite entdecke ich eine Gravur. In verschlungener Schrift steht dort: Meinem Mentor und Ziehvater Richard von Schnaidt zum Geburtstag. Danke für alles, Adam.

So ein Mist. Mein Blick trifft Adam. Der kneift die Augen zusammen. Schade, dass wir nicht im Wilden Westen sind, dann könnte ich ihn einfach über den Haufen schießen oder er mich. Fände ich beides okay. Mein Vater streckt die Hand aus. Widerwillig reiche ich ihm das Päckchen.

Er gibt es Adam. Der nimmt die Uhr erneut aus der kleinen Kassette, schaut sich gar nicht erst das Ziffernblatt an, sondern wirft gleich einen Blick unter das Gehäuse.

»Was für eine schöne Widmung!«, sagt er und zieht die Augenbrauen hoch. »Soll ich sie vorlesen?«

»Das muss nicht sein«, entgegne ich. »Ist persönlich.«

Adam räuspert sich und hält die Uhr direkt unter den Strahl der Deckenlampe. Laut deklamiert er:

»Für meinen Vater und größten Helden. Dein Frederick.«

Wie bitte? Jetzt klatschen die Umstehenden Beifall. Die Stimmung im Saal schlägt von eisig in feierlich um. Der Schnauzbartträger, der eben noch neben mir an der Bar stand, klopft mir auf die Schulter und zwinkert mir wissend zu. Mein Vater kommt und nimmt mich in den Arm. Das hat er schon zehn Jahre nicht mehr gemacht und lässt sich wahrscheinlich jetzt nur dazu herab, weil so viele Leute zuschauen.

In dem Moment geht das Licht aus, und ein Raunen zieht durch die Menge, gefolgt von zwei Männern, die einen Funken sprühenden, mit Wunderkerzen verzierten Kuchen in Form einer DAX-Kurve hereintragen. Oder ist es eine Schlange? Jemand intoniert »Happy Birthday«, ein weiterer fällt ein, und schon interessiert sich niemand mehr für mich oder die Gravur. Die Tortenträger stellen sich als Redakteure des Wirtschaftsmagazins Good Money vor. Ihre Leser haben meinen Vater auf Platz zwei in der Kategorie »Berater des Jahres« gewählt. Einer der beiden überreicht eine ebenfalls mitgebrachte silberne Bullen-Trophäe, faltet einen Zettel auseinander und setzt zu einer Rede an.

»Du bekommst jetzt eine Kuh überreicht«, sage ich. Aus dem Augenwinkel kann ich sehen, wie Adam der Assistentin die Uhr gibt.

»In welchem Hotel wohnst du?«, fragt mein Vater.

»Ich hab noch keins. Offen gestanden ...«

Er legt den Kopf schief und kneift kurz die Augen zusammen. Dann sagt er: »Geh schon mal runter und warte an der Garderobe auf mich!«

 

 

Grow or go

Fredman sieht auf mich herab. Er steht auf einem schmalen Metallregal an der Wand meines alten Kinderzimmers, direkt neben He-Man. Der ist zwar einen Kopf kleiner, dafür aber eine Schulter breiter und gleichmäßiger gebräunt. Auf beiden Helden liegt Staub, doch im Gegensatz zu He-Man scheint Fredman unter der Last gebeugt. Das muss an seinem weichen Kern liegen. Ich habe die Figur damals aus blauer Knete geformt. Früher war sie für mich der Inbegriff von Schönheit, jetzt erinnert mich Fredman an einen deformierten Schlumpf. Damit spiegelt er meine gegenwärtige Verfassung ganz gut wider.

Nachdem mich mein Vater zur Garderobe geschickt hatte, habe ich mich der alten Zeiten wegen mal kurz auf meinen einstigen Stammplatz gesetzt. Die Garderobiere schien davon nicht wirklich überrascht. Während er oben den »Business-Bullen« erhielt, habe ich auf dem Stuhl, in dem ich den Großteil meiner Kindheit verbracht habe, ein kleines Nickerchen gemacht und bin erst wieder aufgewacht, als mein Vater seinen Mantel holte. Immerhin musste mich die Garderobiere nicht ausrufen lassen.

Früher hingen an den Wänden meines Kinderzimmers Plakate der ersten Superman- und Batmanfilme und ein paar Poster von Iron Maiden, Metallica und Black Sabbath. Mein Vater hat sie nach meinem Auszug von den Wänden genommen. Und den Putz offenbar gleich mit. Der Raum sieht jetzt aus wie die Vorzeigesuite eines Vier-Sterne-Hotels: Einzelzimmer de luxe, mit Fischgrätparkett, drei weißen Wänden und einer dunkelbraunen Koikarpfentapete. Die Chromlampen setzen ebenso deutlich Akzente wie die Leiste, auf der Fredman neben He-Man erblasst. Als ich meinem Vater damals erzählte, dass ich Schauspieler werden will, meinte er lediglich, das sei kein Job, sondern ein Kleine-Jungs-Traum. Von Berlin aus wollte ich ihm das Gegenteil beweisen.

»Eines Tages wirst du bei mir auf der Matte stehen und mich um einen Job anbetteln«, hat er mir hinterhergerufen, als ich aus der Tür gestürmt bin. Und ich habe etwas unglaublich Pathetisches gesagt wie: »Eines Tages wirst du stolz sein, dass der Mann, der dich von der Leinwand anlächelt, dein Sohn ist.«

Hat nicht geklappt.

Zu der Filmpleite kommt jetzt auch noch Geschenkediebstahl hinzu. Darauf gibt es keine Bewährung. Auf dem Weg ins Esszimmer erkenne ich das Haus meiner Kindheit kaum wieder. Nicht nur, dass mir alles viel kleiner vorkommt; auch sind all die Bilder, Gardinen und versponnenen Kunstwerke meiner Mutter verschwunden. Sie hingen noch hier, als ich auszog. Mit den Bildern ist der verspielte Charme meines Elternhauses verloren gegangen, jetzt wirkt es wie eine Mischung aus Designmuseum und Junggesellenloft.

Klar, ich war 10 Jahre nicht hier, aber mein Vater hätte mich ja mal fragen können, ob ich eines der Bilder haben möchte – auch wenn ich während unseres letzten Telefonats einfach aufgelegt habe. Sofort fühle ich, wie mir das Blut in den Kopf schießt. Ich bin wütend, auf ihn, auf mich, auf gestern Abend und die verschissene Filmfirma. Aber das Leben ist kein Ponyhof, und ich kann eh nicht reiten. Nun werde ich mir einen Job suchen und meinem Vater brav sein Geld zurückzahlen. Mit der Schauspielerei hat es nicht geklappt, der Traum ist geplatzt. Es ist mir egal, was ich jetzt mache – und wenn ich den ganzen Tag Kräuter für Grüne Soße in einem Frankfurter Traditionslokal häckseln muss.

Mein Vater steht in einer nun offenen amerikanischen Küche am Mixer, der rasselnd einen roten Brei umherwirbelt. Er trägt eine dunkelblaue Jogginghose, darüber das Fredman-Shirt. Es ist voller roter Fruchtsaftspritzer.

»Ich hatte keine Schürze«, sagt er. »Lust auf einen Smoothie?«

Ich fahre mir durch die Haare. »Lieber Kaffee.«

»Gibt es bei mir nicht. Ist schlecht für die Haut. Koffein, Tabak und Alkohol habe ich von meinem Ernährungsplan gestrichen. Macht dich doch alles nur überdreht, alt und kaputt. Gesundheit ist unser wertvollstes Kapital.«

Ich würde meine Gesundheit sofort gegen 250000 Euro eintauschen.

Er schwenkt den Mixer, gießt den zähflüssigen Inhalt in zwei große Becher und stellt einen direkt neben meinen Teller. Auf dem Tisch stehen duftende Brötchen, Eier und Marmelade. »Selbstgemacht«, betont er und zeigt auf die Gläser. »Auf einem Führungskräfteseminar zum Thema Soft Skills.« Er nimmt seinen Smoothie, setzt sich mir gegenüber und sieht mir eine Weile beim Essen zu. Ich kriege kaum einen Bissen hinunter. Nach einem Brötchen und einem Ei lege ich meine Serviette neben den Teller und starre feindselig das Smoothie-Glas an.

»Schönes T-Shirt«, flüstere ich.

»Na ja«, entgegnet mein Vater. »Soweit ich weiß, ist Fredman abgestürzt, oder?«

Mein voller Magen zieht sich zusammen. Ich schlucke, obwohl ich nichts mehr im Mund habe.

»Das Kinderzimmer sieht besser aus als vorher«, stelle ich fest.

Mein Vater nickt und nimmt einen Schluck Smoothie. Ich atme tief ein und aus. Sicherheitshalber lege ich mir noch ein Brötchen auf den Teller. Wahrscheinlich schmeißt er mich gleich raus. Wer weiß, wann ich das nächste Mal etwas zu essen kriege.

»Der Techniker hat die Uhr geklaut, die du mir geschenkt hast«, sagt er.

Ich muss mich zusammenreißen. »Der Techniker?«, frage ich.

Mein Vater zuckt mit den Achseln. »Er stand am nächsten am Geschenketisch. Und er braucht dringend Geld. Außerdem hat er sich geweigert, die Uhr wieder herauszurücken. Ich habe ihn rausgeschmissen.«

»Und wenn er es gar nicht war?«

»Spielt keine Rolle. Wir haben sowieso nur einen Grund gebraucht, ihm zu kündigen. Er fiel ständig aus, weil seine Tochter krank war. Nicht sehr professionell. Der ganze Technikaspekt im BBBC soll ohnehin outgesourced werden. Als ich zur Toilette ging, hat er mich abgepasst und gefragt, ob er in der Agentur arbeiten kann. Das muss man sich mal vorstellen!«

»Ich habe die Uhr geklaut«, höre ich mich sagen.

Mein Vater winkt ab. »Jetzt tu nicht immer so sozial. Der Typ ist draußen, und daran wirst du nichts ändern. Problem solved, next one please!«

Er deutet auf mich. »Wann bekomme ich mein Geld wieder?«

»Welches Geld?«, frage ich arglos.

»Tu nicht so. Tell it like it is.«

»Das ist ein Song von Don Johnson. Ziemliche Schnulze.«

Aber es bringt ja nichts, das Ende hinauszuzögern. Mit gesenktem Kopf erzähle ich von der zu optimistischen Kalkulation des Budgets, von meiner Hauptdarstellerin, die fett wurde, obwohl das nicht im Drehbuch stand, dem Regisseur, der nicht mit seinem Kameramann reden wollte, von dem bekifften Drehbuchautor, der plötzlich noch dringend den Verlust all seiner Tanten dritten Grades in dem Buch verarbeiten musste, und dem Co-Produzenten, der im Herzen immer ein Autoverkäufer geblieben ist. Zuletzt beichte ich stockend, dass ich selbst den Absprung bei diesem Kamikaze-Projekt verpasst habe, weil ich so vernarrt in meine Superheldenidee war, dass ich die Finanzierung aus den Augen verloren habe. »Ich bin nicht mehr jung, aber ich brauche das Geld«, versuche ich es. »Eine Viertelmillion Euro.«

»War das alles?«, fragt mein Vater.

»Ich wollte dich fragen, ob du mir was leihen kannst.«

Jetzt ist es raus. Er starrt mich feindselig an. Ich wage es nicht, ihm in die Augen zu sehen. Offen gestanden würde ich jetzt nicht mal gern in den Spiegel schauen, so schäme ich mich.

»Der verlorene Sohn kommt nachhause und braucht meine Hilfe. Das ist ja wie in einem schlechten Film«, stellt er fest. »Aber mit schlechten Filmen kennst du dich ja aus.«

Ich koche innerlich, wage es aber nicht, zu widersprechen. Nach einer strafenden Schweigeminute spricht er weiter: »Ich habe deine Schulden bezahlt. Deine Produktionsfirma ist einer unserer Klienten.«

Jetzt sehe ich auf. »Danke, Papa, ich ...«

»Das habe ich nicht für dich getan«, unterbricht er mich. »Mein guter Name stand auf dem Spiel.«

Ein Stein fällt mir vom Herzen. Wobei ich gerade nicht weiß, ob es besser ist, meinem Vater Geld zu schulden oder der Produktionsfirma.

»Ich werde mir einen Job suchen und dir alles zurückzahlen«, murmle ich und lasse den Kopf auf die Tischplatte sinken. »Irgendeinen Job. Und wenn ich bei McDonald’s jobbe. Du hattest recht, Schauspieler ist kein Beruf.«

Auf einmal knallt etwas auf die Tischplatte, die rote Smoothiepampe schwappt in ihrem Glas hin und her. Erschrocken sehe ich auf, aber mein Vater hat sich schon wieder im Griff. »Erst willst du Schauspieler werden, dann klappt ein Film mal nicht, und schon schmeißt du alles hin und willst Burger braten? Du kannst nicht bei der ersten Niederlage aufgeben! Steh wenigstens zu deinen Fehlern«, sagt er wütend. »Manchmal kann ich echt nicht glauben, dass du mein Sohn bist!«

Sebastian Glubrecht

Über Sebastian Glubrecht

Biografie

Sebastian Glubrecht, 1976 in der Weltstadt Hannover geboren, entwickelte sich nach Pubertät und Adoleszenz über Umwege vom wilden Kerl zum domestizierten Mann. Er hat ein ordentliches Allgemeinwissen, einen anerkannten Journalistenpreis, trägt eine schlaue Brille und macht sowohl Yoga als auch...

Pressestimmen

BUNTE

»Die lustigste Komödie des Herbstes.«

FOCUS

»Selbstfindung mit viel Situationswitz. Der zeigt: Auch deutsche Autoren können komisch.«

Kölner Stadt-Anzeiger

»Ein witziges, unterhaltsames Buch mit überraschend viel Tiefgang.«

Buchblinzler

»Sebastian Glubrecht hat Sinn für Situationskomik.«

Main-Echo

«Verdammt lustig geschrieben. Sebastian Glubrecht ist ein Meister des intelligenten Wortwitzes.«

Cosmopolitan

»Lustig«

Executive World

»Dieser Roman ist wirklich lustig.«

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