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Heimat ist ein Sehnsuchtsort Heimat ist ein Sehnsuchtsort

Heimat ist ein Sehnsuchtsort

Roman

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Heimat ist ein Sehnsuchtsort — Inhalt

„Heimat ist ein Sehnsuchtsort“ – der Auftaktband zur bewegenden Heimatsaga von SPIEGEL-Bestsellerautorin Hanni Münzer (u.a. „Honigtot“ und „Marlene“)

Vor dem heraufziehenden Sturm des Zweiten Weltkriegs entfaltet sich das dramatische Schicksal der schlesischen Familie Sadler von 1928 bis heute – eine Geschichte von Liebe und Leid, von Glück und Hoffnung.  

Breslau, 1928: Als der junge Komponist Laurenz Annemarie begegnet, ist es vom ersten Augenblick an Liebe. Für sie will er ein Land aus Licht und Blumen schaffen. Von Annemaries bewegter Vergangenheit und ihrem gefährlichen Geheimnis ahnt er nichts. Eine familiäre Katastrophe zwingt Laurenz, den elterlichen Hof zu übernehmen. Er, der nie Bauer sein wollte, findet sein Glück mit Annemarie an seiner Seite und zwei außergewöhnlichen Töchtern: der hochbegabten Kathi und der an einer seltenen Krankheit leidenden Franzi. Zwar stehen die Zeichen der Politik bereits auf Sturm, doch noch ist in der deutsch-polnischen Grenzregion alles friedlich. Als die fünfzehnjährige Kathi einen landesweiten Mathematikwettbewerb gewinnt, zieht sie ungewollt die Aufmerksamkeit Berlins auf die Familie. Ihre Mutter handelt, um ihre Kinder zu schützen – und tritt damit eine Lawine tödlicher Ereignisse los, die Kathis und Franzis Schicksal über Jahrzehnte bestimmen wird.  

„Münzers Bücher haben eine Botschaft.“ Welt am Sonntag

€ 20,00 [D], € 20,60 [A]
Erschienen am 01.10.2019
576 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag
EAN 978-3-86612-461-5
€ 3,99 [D], € 3,99 [A]
Erschienen am 01.10.2019
576 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-99455-2
„Liest sich spannend und weckt Kindheitserinnerungen!“
Frau von Heute
„Eine fesselnde Familiensaga.“
Wienerin (A)
„Jede Szene ist so plastisch beschrieben, dass der Leser glaubt, sich in einem Film zu befinden.“
Freie Presse
„Historisch hervorragend recherchiert. Mit vielen Details – bis hin zum kindlichen Vergnügen am Genuss von Ahoj-Brause. Und ebenso prickelnd zu lesen.“
Münchner Merkur
„Hanni Münzer ist eine Meisterin dieses Genres. Sie hat ein Gefühl für seinen Ton, seinen Aufbau, seine Dramatik.“
Bremer Nachrichten

Leseprobe zu „Heimat ist ein Sehnsuchtsort “

PROLOG

Irgendwo in Russland, 1928

 

In einem abgeschiedenen Haus, inmitten dunkler Wälder, in denen nachts die Wölfe heulten, lebte seit Jahren die geheimnisvollste Gefangene Russlands.

Soeben hatte Dimitri Wassilijev Domratchev, der für ihre Bewachung abkommandierte Offizier des Geheimdienstes, seine abendliche Inspektionsrunde um das eingezäunte Areal beendet. Nicht, dass er Schwierigkeiten erwartet hätte – in all der Zeit hatte es nie welche gegeben. Aber es war seine Aufgabe, niemals in seiner Aufmerksamkeit nachzulassen. Dies schärfte er beim [...]

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PROLOG

Irgendwo in Russland, 1928

 

In einem abgeschiedenen Haus, inmitten dunkler Wälder, in denen nachts die Wölfe heulten, lebte seit Jahren die geheimnisvollste Gefangene Russlands.

Soeben hatte Dimitri Wassilijev Domratchev, der für ihre Bewachung abkommandierte Offizier des Geheimdienstes, seine abendliche Inspektionsrunde um das eingezäunte Areal beendet. Nicht, dass er Schwierigkeiten erwartet hätte – in all der Zeit hatte es nie welche gegeben. Aber es war seine Aufgabe, niemals in seiner Aufmerksamkeit nachzulassen. Dies schärfte er beim täglichen Appell auch dem halben Dutzend Wachsoldaten ein, die hier in dieser Einsamkeit mit ihm ihr Dasein fristeten.

Die Identität seiner Gefangenen war Dimitri nicht bekannt. Jedenfalls nicht offiziell. Bei seinem Dienstantritt hatte man ihm unmissverständlich zu verstehen gegeben, dass es seinem Vorgänger an der nötigen Diskretion gemangelt hatte.

Dimitri war daher fest entschlossen, seinen Vorgänger in dieser Position zu überleben. Soweit das in seiner Macht stand. In diesen bewegten Zeiten verkörperte er den mustergültigen Offizier, der treu seine Pflicht erfüllte und das Denken seinen Vorgesetzten überließ. Was seine Fantasie jedoch nicht davon abhielt, auf Reisen zu gehen, über Mauern zu klettern und mit Geschichten zurückzukehren, die sich um seine Gefangene und ihre Besucher rankten. Diese fuhren von Zeit zu Zeit einzeln und in teuren Limousinen vor, ihre Gesichter dabei stets sorgsam mit einer Maske verhüllt. Zweifelsohne handelte es sich bei ihnen um hochgestellte Persönlichkeiten. Dimitri gegenüber legitimierten sie sich mit einer täglich aus Moskau übermittelten Parole sowie einer kleinen Zinnmarke, auf der ein Schwert abgebildet war.

Nach ihrer Ankunft verschwanden sie sofort im Zimmer der Frau. Einige blieben die Nacht über, andere brachen nach weniger als einer Stunde wieder auf. Als geschulter Beobachter konnte sich Dimitri Einzelheiten wie Gang, Statur und Siegelringe der Unbekannten einprägen. Er kam zu der Erkenntnis, dass nicht mehr als fünf verschiedene Personen der Bewachten ihre Aufwartung machten. Im ersten Jahr seiner Abkommandierung waren sie noch häufiger aufgetaucht, doch im Laufe der Zeit waren die Besuche rarer geworden. Es war augenscheinlich, dass ihr Interesse an der Gefangenen nachließ.

Mit im Haus lebte auch eine Hebamme. Die beiden Frauen waren ungefähr im gleichen Alter, und er hatte sie der Einfachheit halber zusammen eingesperrt. In den letzten Jahren hatte die Hebamme mehrmals tätig werden müssen. Bald würde die Gefangene zum fünften Male niederkommen. Sobald ein Kind geboren worden war, meldete Dimitri dies seinen Vorgesetzten in Moskau, und es wurde binnen Tagesfrist abgeholt. Was mit den Neugeborenen geschah, hatte Dimitri ebenso wenig zu interessieren wie die Identität seiner Schutzbefohlenen. Dennoch ließ ihm sein Instinkt seit Tagen keine Ruhe. Es war die Zahl Fünf, die ihm nicht mehr aus dem Kopf gehen wollte. Fünf Männer, fünf Kinder. Das Geschehen war so offensichtlich, dass er sein Gewissen kaum zum Schweigen bringen konnte. Doch er musste den Dingen ihren Lauf lassen. Er hatte mit einem anderen inneren Konflikt schon genug zu kämpfen. Einst war er Lenins Bewegung aus Überzeugung beigetreten, wollte seinen Teil dazu beitragen, aus einem im Zarismus erstarrten Land ein neues Russland zu erschaffen. Sehr bald schon fühlte er sich betrogen. Das alte Russland lag in Trümmern. Aber wo war das neue Russland? Er vermochte es genauso wenig zu erkennen, wie er seine einstige Begeisterung für die Revolution begreifen konnte.

Als man ihm seine neue Aufgabe übertrug, sagte man ihm, dies bedeute eine hohe Ehre. Für ihn lag jedoch keine Ehre darin, den Gefängniswärter für zwei junge Frauen zu spielen.

Im Grunde war er selbst ein Gefangener. Noch am selben Tag, als man ihn auf diesen einsamen Posten berufen hatte, war ihm klar geworden, dass sein Dienst erst in der Stunde des Todes seiner Gefangenen enden würde. Ihr Tod würde auch sein Schicksal besiegeln. Er und seine Männer mussten sterben, damit die seltsamen Vorgänge in diesem Haus für immer das Geheimnis der fünf Männer blieben.

Die Gefangene zu befreien oder von diesem Ort zu fliehen stellte für Dimitri keine Option dar. Seine Vorgesetzten konnten sich seiner absoluten Loyalität sicher sein: Denn seine Frau und sein kleiner Sohn Kolja befanden sich in ihrem Gewahrsam. Und er, Dimitri, würde nichts tun, was sie gefährden könnte. Allein sein Opfer rettete das Leben seiner Familie. Und diese Hoffnung war es, die ihn tun ließ, was er zu tun beauftragt war.




Teil 1

Frieden

Menschen und Zweige brechen;

preise das Leben,

da du noch schreitest und wachst;

es ist nur geliehen.

David Campell

 

1

Während der ganzen Jahrhunderte und Epochen
schauten Menschen in den dunklen blauen Himmel
und träumten …

S. P. Koroljow 1957
in einem Brief an seine Frau Nina

Breslau, Hauptstadt Schlesiens, 1928

 

Woher kommen wir, und wohin gehen wir? Sei es König oder Bauer, Philosoph oder Priester – seit Urzeiten grübeln jene, die zu tieferem Denken neigen, über diese Frage nach. Inzwischen geht das irdische Leben seine eigenen Wege und nimmt uns ungefragt mit auf die Reise.

Diese Erfahrung machte auch Laurenz Sadler. Der jüngste Sohn eines Landwirts im kleinen oberschlesischen Petersdorf hatte einen völlig anderen Lebensplan als Aussaat und Ernte – auch, weil Fortuna das Füllhorn einer großen musischen Begabung über ihn ausgeschüttet hatte. Musik studieren wollte er, Komponist und Dirigent werden und einmal ein großes Orchester leiten. Ein Träumer, ja, das war er.

Anfangs schien es, als wären die Sterne Laurenz durchaus gewogen, und er konnte sich Hoffnungen machen, dass aus dem erträumten Leben ein reales werden würde. Schließlich war der Vater im Großen Krieg als begabter Trompeter Mitglied der Marschkapelle seines Regiments gewesen, während die Mutter, eine geborene von Papenburg, als höhere Tochter in den Genuss einer höheren Erziehung gekommen war und neben dem Führen eines großen Haushalts auch Harfe- und Klavierspielen erlernt hatte.

Zwar hielt sich, was den Berufswunsch ihres Jüngsten anging, die Begeisterung der Eltern in Grenzen, aber sie legten ihm auch keine größeren Hindernisse in den Weg. Denn sie hatten noch zwei weitere Söhne, Alfred und Kurt – nüchterne und vernünftige junge Burschen, die keine närrischen Erwartungen an das Leben stellten und gerne auf Hof und Feld mit anpackten.

Also ging Laurenz nach dem Großen Krieg nach Breslau, legte im dortigen Schlesischen Konservatorium die Prüfung ab und begann sein Studium. Eigentlich hatte Laurenz geplant, nach seinem Abschluss sein Glück in Berlin zu versuchen, aber es kam anders. Denn er begegnete in Breslau seinem eigentlichen Schicksal, dem einzig wahrhaften seines Lebens: Annemarie.

Annemarie war zu jener Zeit keine Frau, auf die der Blick eines Mannes ein zweites Mal fallen würde. Sie war eine verhärmte Erscheinung, wie man sie in jenen bitteren Nachkriegszeiten häufig in den Gassen Breslaus antraf – der Gang schleppend, der Rücken gebeugt, die Gestalt unter einem unförmigen dunklen Kittel verborgen. Falls man diese vom Schicksal Betrogenen überhaupt wahrnahm, so vergaß man sie sogleich wieder.

Doch Laurenz war mehr als ein Träumer. Er war ein Getriebener und stets auf der Suche nach Perfektion – dem perfekten Ton, dem perfekten Klang, der perfekten Melodie. Laurenz besaß auch ein unbestechliches Gespür für die Zwischentöne – das, was über Dur und Moll hinausging. Er mochte das andere, das Unangepasste, das aus dem Rahmen Fallende, spürte im menschlichen Wesen jenen Tiefen nach, aus denen er seine Inspiration schöpfte.

Als Laurenz Annemarie das erste Mal begegnete, lief er den Bürgersteig entlang, ein Notenblatt in der Hand, um rasch eine Tonfolge zu notieren, die ihm eben eingefallen war. Und wenn zwei mit gesenktem Blick zur selben Zeit auf demselben Weg unterwegs sind, ergibt es sich zwangsläufig, dass sie ineinanderlaufen.

Erschrocken sah Laurenz hoch, erhaschte einen flüchtigen Blick in ebenso erschrockene Augen, die sich sogleich wieder zu Boden senkten. Aber diese eine Sekunde genügte. Sie brachte in Laurenz eine unbekannte Saite zum Schwingen – ein neuer innerer Ton, der ihn erfüllte und ihm die Sprache verschlug, sodass er die junge Frau nicht einmal um Verzeihung für seine Ungeschicklichkeit bitten konnte. Laurenz hatte gefunden, wonach er immer gesucht hatte: Vollkommenheit. Perfektion. Annemarie war perfekt – für ihn.

Die junge Frau las bereits ihre beim Zusammenstoß aus dem Korb gekullerten Äpfel wieder auf. Hastig half Laurenz ihr dabei und wünschte sich innig, dass sie ihn nochmals ansehen würde. Tatsächlich hob sie den Kopf, und er blickte in Augen so blau wie die Kornblumen zu Hause auf den Feldern seiner Kindheit. Die schönsten Augen der Welt. Die traurigsten Augen der Welt. Annemarie war Antwort und Frage zugleich, sie würde in ihm eine so gewaltige schöpferische Kraft freisetzen, dass er in wenigen Wochen eine ganze Oper zu schreiben vermochte. Annemarie war seine zur Wirklichkeit gewordene Sinfonie. Für sie wollte Laurenz ein Land aus Licht und Blumen schaffen – einen Sehnsuchtsort für seine Sehnsuchtsfrau.

Während er sich noch in fernen Träumen verlor, war der letzte Apfel aufgelesen und Annemarie bereits davongelaufen.

Denn Annemarie wollte nicht gefunden werden. Sie hütete ein Geheimnis, zu groß und tödlich, um es mit jemandem zu teilen.

Doch Laurenz hatte es sich in den Kopf gesetzt, sie zu finden. Ebenso hartnäckig, wie er schon als Junge seinen Traum vom Musikerleben vorangetrieben hatte, machte er sich nun auf die Suche nach der scheuen jungen Frau, um sie zu erobern.

2

„Kein schöner Land in dieser Zeit …“
Altes Volkslied

Anton von Zuccalmaglio

 

Auf den ersten Blick war an Petersdorf nichts Besonderes und auch nicht auf den zweiten. Doch für seine Bewohner bedeutete Petersdorf ihre ganze Welt. Dort waren sie geboren, dort würden sie sterben. Jede Familie besaß einen Grabstein auf dem örtlichen Friedhof, einige verwitterte Inschriften darauf reichten gar zurück bis ins vierzehnte Jahrhundert.

Petersdorf war ein typisches Reihendorf im Grenzgebiet zu Polen. Die Mehrzahl seiner knapp dreihundert Seelen verdingte sich in der Landwirtschaft. Es gab eine Kirche, ein Gemeindehaus, den Gasthof Klose, eine Brauerei (Petersdorfer Märzen), ebenfalls im Besitz von Klose, dazu einen kleinen Kaufmannsladen für den täglichen Bedarf und eine Schmiede für die zahlreichen Pferde, die, neben den Ochsen, für die Feldarbeit und als Fortbewegungsmittel eingesetzt wurden. Außer dem Bürgermeister besaß 1928 in Petersdorf noch niemand ein Automobil. Allein der alte Pfarrer, der seit einem Sturz vom Pferd am Stock ging, knatterte inzwischen auf einem Zündapp-Zweirad zu seinen Schäfchen.

Der Ort erwachte früh. Auch auf dem Hof der Sadlers brannte schon Licht. Kurt Sadler betrat wie an jedem Morgen gegen fünf Uhr die Küche. Die Dämmerung war noch fern, und außer ihm waren um diese Zeit nur Dorota, die polnische Wirtschafterin, und Oleg, der Knecht, auf den Beinen. Dorota hatte bereits den Holzherd angefacht, der Raum war warm und gemütlich, und das Aroma frisch gebrühten Kaffees kitzelte angenehm in Kurts Nase. Wie stets würde er sich nur eine schnelle Tasse gönnen und erst gegen sieben gemeinsam mit seiner schwangeren Frau Paulina und seiner Mutter Charlotte frühstücken.

Kurt schätzte die stille Zeit bis zum Sonnenaufgang – diese Niemandszeit zwischen Nacht und Tag, zwischen Dunkelheit und Licht, wenn er seinen morgendlichen Rundgang machte, in den Ställen nach den Tieren sah und das erste Heu gabelte. Bereits mit sechs hatte er seinen Vater frühmorgens begleitet, so wie sein Vater dessen Vater. Seit jeher waren die Sadlers Bauern gewesen. Mit Fleiß und durch umsichtiges Wirtschaften hatten sie ihren Besitz im Laufe der Zeit vermehren können und bescheidenen Wohlstand erreicht: fünfundzwanzig Hektar fruchtbares Ackerland, Hänge voller Obstbäume, ein paar Schweine, etwas Kleinvieh und eine überschaubare Anzahl von Kühen, die noch auf Namen wie Lotti, Erna und Liesel hörten.

Es war ein einfaches, aber auch ein erfülltes Leben. Im Winter im Stall, im Sommer auf dem Feld. Die Familie hielt zusammen, bis zu vier Generationen lebten zeitweilig unter einem Dach. Der Hof ging vom Vater auf den ältesten Sohn über, man verheiratete die Söhne und Töchter aus der Gegend miteinander, vermischte sich mit böhmischen, deutschen und polnischen Familien, und bis auf ein paar Unverbesserliche, die es bekanntlich überall gibt, störte sich niemand daran. Das Leben im polnischen Grenzgebiet war nicht immer einfach, aber im Großen und Ganzen war es ein friedliches Miteinander.

Der Große Krieg, der von 1914 bis 1918 in Europa wütete, änderte vieles. Die deutsche Niederlage wurde in Versailles besiegelt, danach Grenzen wie Bausteine verschoben. Dem Frieden folgte Unfrieden. Man stritt um Schuldzuweisungen, um Entschädigungen, um Land. Kurt für seinen Teil interessierte sich nicht für das politische Geschacher. Das Land war das Land, so wie Gott es geschaffen hatte; selbst kannte es keine Grenzen. Allein die Menschen zerrten daran herum. Auch fehlte ihm die Zeit, sich mit dem Versailler Vertrag zu beschäftigen – im Gegensatz zu seinem Freund Franz Honiok. Der behauptete, der Vertrag verschärfe die Situation für die Überlebenden und lege den Grundstein für weitere Konflikte und Kriege. Kurt wusste nur eines: Die Versehrten blieben versehrt und die Toten tot. Es war stets die Bevölkerung, die den Preis für den Krieg zahlte. Denn mochten auch neue Grenzen gezogen und neue Länder geschaffen worden sein, der Mensch war derselbe geblieben.

Für Kurt hatte der Krieg einiges an Veränderungen gebracht. Er war gemeinsam mit seinem älteren Bruder Alfred losgezogen und allein zurückgekehrt.

In jenen fiebrig-heißen Augusttagen des Jahres 1914 marschierten sie begeistert an der Seite ihrer Kameraden und landeten im Vorhof zur Hölle. Während Alfred in Bialystok sein Leben ließ, hatte Kurt die Schlachtfelder an der Somme und die fauligen Schützengräben von Verdun überlebt, sprang dem Tod zigfach von der Schippe, während seine Kameraden um ihn herum starben wie die Fliegen. An Kugeln und Schrapnellen, an Giftgas, Typhus, Ruhr und Wechselfieber und nicht zuletzt an Hunger und Kälte. Weit entfernt vom wilhelminisch glorifizierten Heldentod. Er selbst war mit einer leichten Taubheit und dem Verlust mehrerer Zähne davongekommen, Letzteres der Mangelernährung geschuldet. Er hatte auch die folgenden, entbehrungsreichen Jahre als Kriegsgefangener überstanden. Auch wenn ihm das erlittene Grauen bis heute so manche Nacht den Schlaf raubte, war er seinem Schicksal nicht undankbar. Vielen seiner Kameraden erging es schlechter. Überleben war nicht alles, so mancher verzweifelte am Krieg und nahm ihn für immer mit nach Hause. Wie sein eigener Vater August.

Nach der Rückkehr aus der Gefangenschaft hatte Kurt die Verlobte seines gefallenen Bruders Alfred, die Köhler Paulina, geehelicht und den Sadler-Hof als Bauer übernommen. Der Hof lag etwas außerhalb von Petersdorf, eingebettet zwischen grünen Hügeln und saftigen Wiesen, umgeben von Wald und gut bestellten Feldern, die sich wie exakt gezeichnete Mosaike in die Landschaft fügten. Hinter dem Haus zog sich eine Obstwiese in sanften Wellen den Hügel hinauf, die den Sadlers vom Frühsommer bis in den Herbst eine vielfältige Ernte bescherte. Sein jüngerer Bruder Laurenz, nicht nur Musiker, sondern auch Poet, hatte den Hügel Himmelsleiter getauft. Selbst Kurt, obschon mit weniger Fantasie als sein kleiner Bruder ausgestattet, musste zugeben, dass man tatsächlich den Eindruck gewinnen konnte, dass die Bäume den Hügel hinaufkletterten, um am Ende in den Himmel zu steigen.

Irgendwann, vor vielen Generationen, musste es unter den Vorfahren auch einen besonderen Beerenliebhaber gegeben haben. Sobald die Luft nach Frühling schmeckte und an Bäumen und Büschen die Knospen aufbrachen, versank der Hof unter einem weißen und rosa Blütenmeer, und den ganzen Sommer gab es Beeren satt: Erdbeeren, Johannisbeeren, Blaubeeren, Stachelbeeren … Deshalb war der Hof der Sadlers auch als Beerenhof bekannt und Dorota über die Grenzen von Petersdorf hinaus berühmt für ihre eingemachten Marmeladen und Kompotte. Honig lieferten die hofeigenen Bienenstöcke. Im Sommer stand das Getreide hoch, im Wald gab es reichlich Wild und vielerlei Pilze; Fische holte man aus dem nahen Weiher, und zweimal im Jahr wurde geschlachtet. Der Hof versorgte sich quasi selbst.

Während Kurt seinen Kaffee trank, holte Dorota je eine Schütte Rüben und Kartoffeln aus dem Vorratskeller. Die Ernte in diesem Jahr konnte sich sehen lassen. Was sie selbst nicht verbrauchten, verkaufte Kurt wie alle Petersdorfer Bauern an Händler, die mit die Oder hinauffahrenden Booten die Ware in die nächsten Städte und teilweise bis nach Berlin brachten.

Kurt stellte eben die leere Tasse ab, als Oleg, Dorotas Ziehsohn und Knecht auf dem Hof, die Küche betrat. Er war von Kopf bis Fuß mit Mist besudelt. Dorota schnappte sich sofort den Besen und fegte den Knecht förmlich hinaus.

„Bei der Schwarzen Madonna! Oleg Rajewski, wie oft habe ich dir gesagt, dass du dich erst umziehen und waschen sollst! Vorher gibt es kein Frühstück!“

Oleg trollte sich, aber sie konnten ihn leise über Willi schimpfen hören. Willi war ein junger Ochse, der noch nicht ganz verinnerlicht hatte, wer der Herr im Stall war.

Kurt hatte Willi erst vorige Woche unter Preis erworben. Inzwischen schwante ihm, dass das angebliche Schnäppchen in Willis Charakter gründete und der Hoffmann Herbert ihn tüchtig übers Ohr gehauen hatte.

Kurt erhob sich und folgte Oleg nach draußen. Der Knecht holte eben einen Eimer Wasser aus dem Brunnen.

„Was ist, Oleg? Bekommst du Willi in den Griff?“

„Er will das Joch nicht tragen.“

„Wenn er sich nicht bald vor die Egge spannen lässt, geht er zum Metzger.“

Als Nächstes inspizierte Kurt das neue Tiefsilo, das er und Oleg angelegt hatten. Kurt plante noch mehr, träumte von elektrischem Licht und einer Toilette im Haus. Vorausgesetzt, die Ernte würde im kommenden Jahr 1929 genauso gut ausfallen.

Das Silo war bis zum Rand mit Rübenblättern gefüllt, die darin vergären sollten. Im Winter wurde das Gärfutter an die Kühe und Ochsen verfüttert. Das brachte Kurt zurück zu Willi. Auch wenn die Ernte gut war, die Zeiten waren es nicht. Er konnte es sich nicht leisten, ein unnützes Tier durchzufüttern. Er hatte den Großen Krieg überlebt, da würde er auch mit einem ungebärdigen Ochsen fertigwerden. Oleg hatte einfach zu viel Geduld mit dem Tier. Kurt steuerte den Stall an.

„So, Willi. Jetzt ist Schluss mit den Mätzchen!“

Willi hob bedächtig den Kopf, ließ sich jedoch bei seiner Mahlzeit nicht stören und kaute gemächlich weiter sein Stroh. Sobald Kurt das Stirnjoch vom Haken griff, ging eine Veränderung mit dem Tier vor. Willi begann, an der Kette zu zerren, stampfte und schnaubte. Kurt legte ihm die Hand auf den breiten Rücken.

„Ruhig, mein Dicker, ruhig.“

Ein Zittern lief durch den mächtigen Tierleib. Dann stand der Ochse still. „Siehst du, geht doch, Willi!“ Kurt tätschelte Willis Stirn und setzte das Joch an.

Ohne Vorwarnung warf Willi plötzlich den Kopf herum und traf Kurt wuchtig am Brustkorb. Kurt spürte, wie seine Rippen brachen.

Hanni Münzer

Über Hanni Münzer

Biografie

Hanni Münzer ist eine der erfolgreichsten Autorinnen Deutschlands. Mit den Romanen ihrer „Honigtot-Saga“, der „Seelenfischer“- und „Schmetterlinge“-Reihe erreichte sie ein Millionenpublikum und eroberte die Bestsellerlisten. Nach Stationen in Seattle, Stuttgart und Rom lebt Hanni Münzer heute...

Weitere Titel der Serie „Heimat-Saga“

Bewegende, epische Familiensaga über vier Generationen vor dem dramatischen Hintergrund des 20. Jahrhunderts
Pressestimmen
Frau von Heute

„Liest sich spannend und weckt Kindheitserinnerungen!“

Wienerin (A)

„Eine fesselnde Familiensaga.“

Freie Presse

„Jede Szene ist so plastisch beschrieben, dass der Leser glaubt, sich in einem Film zu befinden.“

Münchner Merkur

„Historisch hervorragend recherchiert. Mit vielen Details – bis hin zum kindlichen Vergnügen am Genuss von Ahoj-Brause. Und ebenso prickelnd zu lesen.“

Bremer Nachrichten

„Hanni Münzer ist eine Meisterin dieses Genres. Sie hat ein Gefühl für seinen Ton, seinen Aufbau, seine Dramatik.“

Bonus – Magazin der Volksbanken Raiffeisenbanken

„Spannend und gefühlvoll werden die familiären Ereignisse und Katastrophen mit der politisch brisanten Zeit verwoben.“

onetz.de

„Bewegende Heimatsaga“

Dolomiten Tagblatt der Südtiroler (A):

„Ein berührender Roman“

NEXT

„Das Buch erzählt eine wundervolle Familien-Saga. Wie in den vorherigen Büchern der Autorin (u.a. ›Honigtot‹ und ›Marlene‹) fühlt man sich schnell in die Geschichten der Personen hinein.“

Westfälischer Anzeiger

„Die Heimat-Saga [...] ist wieder ein gelungenes Buch von Hanni Münzer.“

Fürther Nachrichten

„Es geht um Liebe und Leidenschaft, um Historie, um Menschen, Geheimnisse, Hoffnung, Leid und Glück. Es ist wohl genau diese Mixtur, die Münzers Werke zu Bestsellern macht.“

Westfalenpost

„Ein schöner Schmöker für lange Herbstabende.“

Isar-Loisachbote

„Nicht eine Seite langweilig“

erlesen

„Hanni Münzer legt den Auftakt zu einer bewegenden Familiensaga über vier Generationen vor.“

Buchmedia Magazin

„Hanni Münzer ist eine hervorragende Erzählerin, die ihre Geschichte der Heimatsuche auch in ein imposantes Zeit- und Sittengemälde verwandelt. Ein großer Wurf.“

Kommentare zum Buch
Ein kluges Mädchen in einer schweren Zeit
Philiene am 30.12.2019

Ehrlich gesagt habe ich bei dem Titel zuerst gezögert, da er mich an einen Liebesroman denken ließ. Doch auch wenn die große Liebe zwischen Annemarie und Laurenz zueinander und zu ihren Kindern einen wichtigen Teil einnimmt ist dieses Buch soviel mehr. Es geht um Freundschaft, Geheimnisse , Familienleben, aber auch um Neid und Missgunst. Wie schön gesagt geht es um Annemarie, Laurenz und ihre außergewöhnlichen Töchter. Kathie die Ältere ist ein Mathe-Genie, Franzie leidet an einer seltenen Krankheit. Die Famiele lebt auf einem Bauernhof dicht an der Polnischen Grenze zur Zeit des Nationalsozialismus. Eigentlich leben sie ein ruhiges Leben doch dann gewinnt Kathie einen Mathewettbewerb und zieht so die Aufmerksamkeit der Regierung auf die Familie und das Unglück nimmt seinen Lauf...   Mir hat das Buch sehr gut gefallen und ich konnte gar nicht aufhören zu lesen. Kathie und Franzie sind mir ans Herz gewachsen und auch die anderen Personen waren sehr lebensnah beschrieben. Auch das Zeitgeschehen war so beschrieben wie es damals gewesen sein könnte.  

Heimat ist ein Sehnsuchtsort – schwacher Anfang, aber starkes Ende
Katja Brune am 05.11.2019

Es hat eine Weile gedauert bis ich mich in die Geschichte eingelesen habe. Zunächst kam es mir so vor, als wenn jedes Kapitel eine eigene Episode erzählt, ohne direkten Zusammenhang zum vorherigen Kapitel. Die Zeiten und auch die Personen, aus deren Sicht erzählt wurde, wechselten häufig, sodass ich schnell den Überblick verlor. Zum Glück wurden einige historische Ereignisse erwähnt. So konnte ich die Zeit wenigstens einordnen. Das besserte sich im Laufe des Buches, die Zusammenhänge wurden immer klarer. Nur die Vergangenheit von Annemarie Sadler bleibt noch etwas nebulös. Aber es wird ja einen zweiten Teil geben. Bis auf die anfänglichen Schwierigkeiten kam ich gut mit dem Schreibstil klar. Der Überblick der einzelnen Personen am Anfang war sehr hilfreich. Zum Inhalt: Hanni Münzer hat es hervorragend geschafft eine Familiensaga mit einem Kriegsdrama zu verbinden. Wie schrecklich jeder Krieg ist, weiß jeder, dafür muss man nicht die Greueltaten detailliert beschreiben. In diesem Roman wurde gerade genug geschrieben um zu erahnen, wie es den Menschen damals ergangen ist. Gut fand ich auch (auch wenn es zunächst verwirrend war), dass aus der Sicht unterschiedlicher Personen geschrieben wurde. So konnte man sich in viele Charaktere hineinversetzen. Ich bin sehr gespannt auf den nächsten Teil!

Schlesische Familiengeschichte
Hennie am 25.10.2019

„Heimat ist ein Sehnsuchtsort" erzählt eine dramatische, schicksalhafte Geschichte, die 1928 in einem kleinen schlesischen Örtchen in der Nähe von Gleiwitz, ihren Anfang nimmt. Die Chronik des Vorkriegs- und Kriegsgeschehens erfolgt insbesondere anhand der Personen, die mit der Bauernfamilie Sadler zu tun haben.   Laurenz Sadler lernt seine Annemarie durch einen unachtsamen Zusammenstoß auf der Straße kennen. Der verträumte Musikstudent verliebt sich Knall auf Fall. Allerdings verhindern mehrere Tragödien auf dem elterlichen Bauernhof seine Komponistenkarriere. Laurenz muss den Hof tatkräftig und in voller Verantwortung übernehmen. In großem Abstand bekommen sie zwei außergewöhnliche Töchter. Die erstgeborene Katharina ist hoch begabt, vielseitig talentiert. Franziska leidet unter einer seltenen Erkrankung, die sie zu einer hochsensiblen, empfindsamen Seele macht. Die Gemeinschaft auf dem Sadlerhof ist geprägt von einem harmonischen Zusammenspiel in den Verantwortlichkeiten für Mensch und Tier, von gegenseitigem Respekt, Fürsorglichkeit, Liebe und Verständnis. Bevor die braune Gefolgschaft Hitlers von der dörflichen Idylle Besitz ergreift, sorgt eine Bewohnerin mit ihrem abgrundtief schlechten Charakter, ihrem Haß und Neid für ständigen Unfrieden. Auf die Familie Sadler hat sie es im besonderen Maße abgesehen und ihre giftigen Attacken finden einen guten Nährboden bei den Nazis. Das Unheil nimmt seinen Lauf...   Ich fand es sehr beeindruckend, wie die Autorin Hanni Münzer ihre Protagonisten durch die Handlung führt und mit den relevanten, geschichtlichen Ereignissen in Verbindung bringt. Da wären der Überfall auf Polen, die geheimen Forschungen an der V2-Rakete, die polnische Widerstandsbewegung, Agententätigkeit u.v.mehr. Daraus entstand ein unglaublich lebendig wirkender Ablauf, in dem sich alle Personen bewegen. Bis in die kleinste Nebenrolle erfahren die Akteure eine detailreiche Zeichnung ihrer Charaktere. Auch die Handlungsabläufe sind sorgfältig erdacht. Nichts scheint mir dem Zufall überlassen. An einigen Stellen ist es mir etwas zu viel des Guten (z. B. die Umstände, um Kathi als Hochbegabte nach Berlin zu holen oder die Wandlung des Fräulein Liebig, die Verhörmethoden im Hause Sadler...). Die tragischen Momente überwiegen und doch gibt es immer wieder Hoffnung, kleine Lichtblicke im immer trister werdenden Alltag. Auch der Humor kommt nicht zu kurz. Dieser Humor und der Zusammenhalt läßt die Menschen vieles ertragen und immer wieder nach Auswegen in dieser trostlosen, vom Werteverfall, Tod und Verderben gekennzeichneten Zeit suchen.   Fazit: Es ist trotz der angesprochenen Kritikpunkte ein lesenswertes, bewegendes Buch mit starken Charakteren, das mich neugierig macht auf die Fortsetzung. Ich möchte gern verfolgen, wie es im zweiten Band der epischen Saga mit der Familie Sadler weitergeht. Erwähnenswert ist die Karte von Schlesien in den Grenzen von 1914 vorn im Buch. Eine ausführliche „Dramatis Personae" gibt Auskunft über die Personen.   Ich bewerte diesen Roman mit fünf von fünf Sternen und empfehle ihn für alle Leser, die es lieben, historische Fakten fantasiereich verpackt zu erleben.  

Einfühlsam geschilderte Familiengeschichte zwischen den Weltkriegen
Sommerlese am 14.10.2019

Diese spannend erzählte Geschichte ist angelehnt an die der Autorin, voll von emotionalen und tiefgründigen Erlebnissen, die von Liebe, Leid, Intrigen, Glück und Hoffnung erzählen. Man wird unweigerlich vom Sog der Handlung mitgerissen und erlebt die Vorkommnisse gespannt mit. Besonders das Aufkommen der Nazis in Berlin sorgt allmählich auch für Veränderung der ländlichen Idylle in Petersdorf. Dabei sorgt der flüssige und einnehmende Schreibstil für einen guten Lesefluss, der den Leser an das Buch fesselt.   Zu dieser Zeit wurden die Menschen zum Spielball der politischen Vorgänge, der zweite Weltkrieg sorgte dafür, das Menschen zum Krieg eingezogen wurden, dass sich Pläne für die eigene Berufswahl oder Zukunft zerschlugen und sich die Menschen einfach ihrem Schicksal fügen mussten. Die gute alte Heimat, die vielen so wichtig war, gab es plötzlich nicht mehr, aber die Sehnsucht danach hallte noch lange nach. Mir hat der Roman durch die vielseitigen Szenen und Einblicke in politisches Geschehen, familiäre Schicksale und heimatliche Schilderungen sehr gut gefallen.   Besonders gut gefallen haben mir die Zitate zu Beginn der Kapitel, die von Romanfiguren oder Personen der Weltgeschichte stammen. Zitat Seite 380: "Es wird niemals so viel gelogen, wie vor der Wahl, während des Krieges und nach der Jagd." Louis Berger   Sehr anschaulich an das Zeitgeschehen angepasst ist auch die im Buch abgedruckte Landkarte Schlesiens mit den Grenzen von 1914, weiterhin gibt es Feldpostbriefe und ein umfangreiches Glossar, das die im Buch befindlichen Personen vorstellt.   Wer lebendig erzählte Familiengeschichten vor der Kulisse deutscher Geschichte mag, der wird mit diesem Buch schöne Lesestunden haben. Die politischen Schilderungen sollen als mahnender Appell angesehen werden, sodass sich die Verfolgung von Menschen nicht mehr wiederholen darf.

Eines der besten Bücher über Zeit der Weltkriege
Lelo2 am 12.10.2019

"Viel ist über den Ersten und Zweiten Weltkrieg geschrieben worden, Zehntausende Bücher beschäftigen sich mit diesem Thema. Auch ich reihe mich darin ein. Um Zeugnis abzulegen wider das Vergessen, auf dass sich die Geschichte nicht wiederholt."   Hanni Münzer hat mit dem ersten Band ihrer Heimat-Saga" Heimat ist ein Sehnsuchtsort" ein ganz besonderes, prägendes und zutiefst berührendes Werk wider das Vergessen verfasst.   Obwohl das Buch 576 Seiten lang ist, hat es mich von der ersten bis zur letzten Seite unglaublich gefesselt und emotional sehr berührt. Für mich ist es nicht nur eines der besten Bücher, die ich in diesem Jahr lesen durfte, sondern auch eines der besten Romane, die in dieser Zeit spielen.   Gleich zu Beginn findet sich eine vier Seiten umfassende Übersicht der Dramatis Personae. Dachte ich deshalb anfangs noch, ich könnte womöglich angesichts dieser Vielzahl an handelnden Personen den Überblick verlieren, wurde ich schnell eines besseren belehrt. Hanni Münzer gelingt es mit ihrem Schreibstil den Leser flüssig und spannend durch die Geschichte zu führen. Die Personen werden so prägend und detailliert beschrieben, dass jeder von ihnen in Erinnerung blieb und ich gut folgen konnte. Es ist regelrecht ein Sog entstanden, der es nahezu unmöglich machte das Buch weglegen zu müssen. Ich wurde ein Teil der Familie Sadler, konnte schnell Sympathien mit den Hofbewohnern, ob menschlich oder tierisch, entwickeln und habe mit ihnen mitgelitten, mich mitgefreut. Ihre Hoffnungen, Ängste, Träume, den Alltag und auch besondere Ereignisse geteilt.   Da es sich nicht um einen rein fiktiven Roman handelt, sondern auch historische Begebenheiten und Personen einfließen, habe ich zudem auch noch einige mir unbekannte Details erfahren. Obwohl es bereits zehntausende Bücher über die Zeit des Ersten und Zweiten Weltkrieg gibt, hat "Heimat ist ein Sehnsuchtsort" mein Wissen erweitert und mir neue Sichtweisen eröffnet.   Besonders schön habe ich empfunden, dass die einzelnen Kapitel recht kurz sind und jedes mit einem besonderen Zitat eingeleitet wird. Neben einigen Sätzen aus den Kapiteln, haben mich diese Zitate oft sehr berührt und waren sehr intensiv. Einige Passagen dieses großartigen Romans werde ich noch länger in Erinnerung behalten.   Die Vorfreude und gespannte Erwartung auf den zweiten Band der Heimat-Saga ist sehr groß. Ich kann es kaum erwarten zu erfahren, wie es für die Bewohner des Sadler-Hofes weitergeht.   "Heimat ist ein Sehnsuchtsort" von Hanni Münzer ist ein sehr gelungener, intensiver Auftakt einer neuen Saga. Ich kann ihn allen Lesern historischer Romane, die auf wundervolle Charaktere und eine spannende, berührende Handlung, Wert legen, wärmstens empfehlen.      

Von Seite zu Seite spannender
Lefra am 11.10.2019

Der Auftakt einer nie zuvor dagewesenen Reihe über eine schlesische Familie im Zweiten Weltkrieg! Taucht mit Hanni Münzers „Heimat ist ein Sehnsuchtsort“ ab in längst vergangene Zeiten.   „Es war stets die Bevölkerung, die den Preis für den Krieg zahlte. Denn mochten auch neue Grenzen gezogen und neue Länder geschaffen worden sein, der Mensch war derselbe geblieben.“   Familie Sadler lebt seit Generationen auf einem Bauernhof an der polnischen Grenze. Alle Hofbewohner sind ein eingespieltes Team, Vater Laurenz und Mutter Annemarie, die Großmutter Charlotte, die rüstige, polnische Köchin Dorota, Knecht Oleg und die Schwestern Kathi und Franzi. Von Kindesbeinen an folgt Kathi ihrem Entdeckergeist und erlebt einige Abenteuer, doch der Krieg soll für sie alles ändern. Nach einem Mathematik-Wettbewerb, den sie gewinnt, gerät sie in das Zentrum der Aufmerksamkeit, denn für die Nazis steht fest: Das junge Talent müssen sie sich zu eigen machen.   „Ein Haus war mehr als nur aus Stein und Holz, es war verwoben mit den Schicksalen der Menschen, die darin geboren und gestorben waren. Erst durch seine Bewohner wurde aus einem Haus ein Heim, in dem man sich ihrer für immer erinnerte.“   Fast der gesamte Roman spielt auf dem Sadlerhof und aufgrund der bildlichen, wortgewandten Sprache fühlt man sich als Leser sofort dorthin versetzt. Die Familie Sadler ist so lebensnah und natürlich dargestellt, nicht im Anflug kitschig oder geschönigt, dass es nicht schwer fällt sich vorzustellen, es hätte sie wirklich gegeben. Auch der liebevolle Umgang mit den tierischen Gefährten ist ein schönes Detail, die Tiere sind hier keine sinnlosen Randfiguren und Mittel zum Zweck, sondern geliebte Gefährten, was für die Zeit nicht selbstverständlich ist. Jeder einzelne Sadler ist auf seine individuelle Art brillant ausgearbeitet und auch wenn sie grundverschieden sind, halten doch alle zusammen. Besonderes Highlight für mich war die wissbegierige, freundliche, kleine Kathi und ihre Beziehung zu ihrem Vater, der ihr auf liebevolle Weise stets versucht die Welt zu erklären, was zur NS-Zeit sicher kein Leichtes war.   Einziger Abzug ist für mich der schleppende Einstieg. Der Roman ist aufgeteilt in zwei Teile. Der erste Teil (bis Seite 263) zieht sich und kann nur mit wenig Handlung und Spannung aufwarten. Alle werden vorgestellt, die Atmosphäre wird aufgebaut, Hintergründe erklärt, doch wirkt dies ab einem gewissen Punkt etwas ermüdend. Mit dem zweiten Teil jedoch beginnt es von Seite zu Seite spannender zu werden und nachdem die ersten 300 Seiten gelesen war, konnte ich schließlich das Buch gar nicht mehr aus der Hand legen und habe es in einem Rutsch zu Ende gelesen.   Nachdem meine Hoffnungen zu Beginn also aufgrund des schleppenden Einstiegs getrübt waren, wurden sie schlussendlich um ein Mehrfaches übertroffen. Zu viel zum Inhalt zu verraten wäre dabei eine Schande, da es einem die Chance rauben würde, mit Kathi den eigenen Entdeckergeist zu wecken.

Heimat ist ein Sehnsuchtsort
Gabriele Cerny am 08.10.2019

Da ist der tollen Autorin wieder ein Meisterwerk gelungen. Man kann das Buch nicht weglegen, vor allem wenn man sich für die Geschichte des 2. Weltkrieges interessiert. Mein Opa hat so vieles erlebt, er hätte auch so gerne darüber gesprochen, aber meine Großmutter hat ihn immer gleich abgestellt. Schade! Ein Buch mit viel Liebe für die Geschichte und die Personen geschrieben. Schon alleine die 2- Zeiler vor jedem Kapitel sind bemerkenswert, habe mir etliche abgeschrieben. Man kann sich die Personen so richtig vorstellen, manche gewinnt man lieb, leidet mit ihnen, manchmal möchte man ins Buch kraxeln und eingreifen, wie im wirklichen Leben. Hoffentlich lesen dieses Buch auch so manch junge Leute, aber leider lernt ja niemand aus der Geschichte, ich denke, so manche Gräueltaten würden wir sich heute wiederholen. Ich werden zum Inhalt nichts mehr schreiben, dass haben andere schon erledigt. Auf jeden Fall müssen wir uns in Geduld üben, bis der nächste Band erscheint, aber ich denke, wir warten alle sehr sehnsüchtig drauf. Ich möchte auch gerne die anderen Bücher von der großartigen Hanni Münzer empfehlen! Sehr lesenswert!

Spannende Familiensaga
Elena am 07.10.2019

"Heimat ist ein Sehnsuchtsort" beginnt im Jahr 1928 in Petersdorf, einem kleinen schlesischen Ort an der deutsch-polnischen Grenze. Im Mittelpunkt steht die Familie Sadler, die wir in der Geschichte über mehrere Jahre begleiten. Hanni Münzer erzeugt die Spannung vor allem durch die historischen Elemente, so sehen sich die Sadlers mit der beginnenden politischen Stärke der Nazis und der Gefahr des Kriegs konfrontiert. Die politischen Veränderungen wirken sich stark auf die idyllische Atmosphäre von Petersdorf und das Familienleben aus. Tiefgründig, berührend und sehr gut recherchiert zeigt Hanni Münzer damit ein Stück unserer Geschichte. Aber auch die Figuren füllt Hanni Münzer mit Leben und gibt jedem seinen eigene Persönlichkeit. Laurenz wird als aufopfernder Mann dargestellt, der sich um den Hof der Eltern kümmert. Annemarie stellt ihre Familie über alles, verbirgt aber etwas vor ihnen. Die Tochter Kathi ist ein aufgewecktes Mädchen, das sich sehr für Physik und Technik begeistert. Die kleine Franzi ist behindert, verständigt sich durch Summen mit ihrer Schwester und so berührt ihr Leben uns Leser besonders. Natürlich gibt es noch weitere Personen in dieser Familiensaga, die detailreich beschrieben werden. Besonders schön war der Zusammenhalt vieler Ortsbewohner zu sehen, die sich in schwierigen Situationen gegenseitig den Rücken gestärkt haben. Der flüssige, mit reißende Schreibstil lässt die Seiten dann nur so dahin fliegen. Wir leiden mit den Schicksalsschlägen und bangen mit der Familie während der Zeit des Kriegs. "Heimat ist ein Sehnsuchtsort" ist mein erstes Buch von Hanni Münzer, aber sicher nicht mein letztes. Zuletzt auch noch ein Lob an den Verlag: Das Cover in türkis mit der goldenen Schrift und die hochwertige Aufmachung mit dem Lesebändchen gefallen mir wirklich außerordentlich gut! Einfach toll!

Eine Familiengeschichte mit Tiefgang , die unter die Haut geht
Ariettas Bücherwelt am 01.10.2019

  Meine Meinung zur Autorin und Buch:   Hanni Münzer ist mit diesem Roman ein großartiges Meisterwerk gelungen, man spürt beim Lesen wie viel Herzblut, sie in diese Saga gesteckt hat, die angelehnt ist an ihre eigene Familiengeschichte. Die einzelnen Figuren und deren Charaktere sind meisterhaft und Authentisch dargestellt. Beim schreiben beweist sie viel Fingerspitzengefühl und Einfühlungsvermögen. Hanni Münzer nimmt uns mit auf eine sehr Bildhafte Reise von 1928-1946 nach Schlesien nach Petersdorf , nahe der deutsch/polnischen Grenze. Sie wollte mit diesem Buch, all den vergessenen Opfern, unschuldigen und auch den Tieren, die mit in die Schlachtfelder zogen, ein Denkmal setzen, was ihr sehr gut gelungen ist. Ich habe schon einige ihrer Romane gelesen und dieser ist einfach einzigartig, es ist nicht leicht die richtigen Worte zu finden, um dem Buch gerecht zu werden. Es ist gelungen das ich mit den Sadlerfrauen gelacht und geweint habe, besonders Annemarie, Laurenz Frau, gibt uns große Rätsel auf ein gut gehütetes Geheimnis umgibt sie. Eine Geschichte die viel Tiefgang hat und uns auf die Folter spannt. Mitreißend , spannend und poetisch erzählt. Schon wenn man das Buch aufschlägt kann man auf der Landkarte so einiges verfolgen, auch die Liste der Figuren und das Nachwort sind sehr hilfreich, Fiktive und reale Personen sind gut miteinander verknüpft.     Schon das Prolog das 1928 irgendwo in Russland spielt, ist sehr mystisch und spannend erzählt, ich hoffte beim Lesen der Geschichte zu erfahren wer die gefangenen Frauen sind, ihr Schicksal ging mir unter die Haut. Meine Lieblingsfiguren waren Annemarie, ihr Mann Laurenz, ihre Töchter Kathi eine sehr aufgewecktes und wissbegieriges Kind, aber auch die kleine Franzi, die in einer eigenen Welt lebt , musste man einfach ins Herz schließen. Man konnte spüren wie sich die Eltern mit jeder Faser ihres Herzen liebten, auch ihre zwei Töchter. Ja Schwiegermutter Charlotte ein richtiger Giftzwerg, machte es Annemarie oft schwer. Aber wir dürfen unsere gute Köchin Dorata nicht vergessen eine Seele von Mensch, was wäre ich so gerne in ihrer Küche gewesen. Aber zurück zu Kathi es war schön sie zu begleiten und sie mit ihrem Freund Anton, auf ihren Streifzügen und dem Erwachsen werden zu begleiten. Die unbekümmerten Zeiten werden schwerer, Kathi und Anton begeben sich bei ihren Streifzügen auf verbotenes Gebiet und öffnen mit ihren Fund, Die Dose der Pandora. Als Kathi ,auch noch bei dem Schülerwettbewerb schließlich als beste gewinnt, überstürzen sich die Ereignisse, und sie bringt damit die Familie in höchste Lebensgefahr. Hinter den vielen hinterhältigen Anschuldigungen steckt Antons Mutter Elsbeth, die Frau des Bürgermeisters, für mich eine Ausgeburt des Teufels. Kein Wunder das Laurenz, sie Gevatterin Fledermausohr taufte. Annemarie, tut ihr bestes um Kathi aus der Schusslinie zubringen. In ihrer größten Not, halten Charlotte und Annemarie zusammen, hier lernt man die wahre Charlotte kennen, was mich mit ihr versöhnte. Sie ist es die hinter verschlossenen Türen von Annemarie seit 15 Jahren gut gehüteten Geheimnis erfährt. Werden wir es auch erfahren, und werden sich Dorats Prophezeiungen bewahrheiten ? „Kathi solle sich vor dem falschen Bienen hüten, und der Sternenmann würde kommen und sie holen“ (Seite 361). Denn Dorata hat das 2. Gesicht. Denn Kathi, träumt von klein auf vom Fliegen…. Lassen wir uns überraschen, wie es mit den Sadlers weitergeht. Ob sie ihre Schicksale meistern, eine Familiengeschichte, aufregend, mysteriös uns spannend.

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