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Heimat ist ein Sehnsuchtsort Heimat ist ein Sehnsuchtsort

Heimat ist ein Sehnsuchtsort

Roman

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Heimat ist ein Sehnsuchtsort — Inhalt

„Heimat ist ein Sehnsuchtsort“ – der Auftaktband zur bewegenden Heimatsaga von SPIEGEL-Bestsellerautorin Hanni Münzer (u.a. „Honigtot“ und „Marlene“)

Vor dem heraufziehenden Sturm des Zweiten Weltkriegs entfaltet sich das dramatische Schicksal der schlesischen Familie Sadler von 1928 bis heute – eine Geschichte von Liebe und Leid, von Glück und Hoffnung.  

Breslau, 1928: Als der junge Komponist Laurenz Annemarie begegnet, ist es vom ersten Augenblick an Liebe. Für sie will er ein Land aus Licht und Blumen schaffen. Von Annemaries bewegter Vergangenheit und ihrem gefährlichen Geheimnis ahnt er nichts. Eine familiäre Katastrophe zwingt Laurenz, den elterlichen Hof zu übernehmen. Er, der nie Bauer sein wollte, findet sein Glück mit Annemarie an seiner Seite und zwei außergewöhnlichen Töchtern: der hochbegabten Kathi und der an einer seltenen Krankheit leidenden Franzi. Zwar stehen die Zeichen der Politik bereits auf Sturm, doch noch ist in der deutsch-polnischen Grenzregion alles friedlich. Als die fünfzehnjährige Kathi einen landesweiten Mathematikwettbewerb gewinnt, zieht sie ungewollt die Aufmerksamkeit Berlins auf die Familie. Ihre Mutter handelt, um ihre Kinder zu schützen – und tritt damit eine Lawine tödlicher Ereignisse los, die Kathis und Franzis Schicksal über Jahrzehnte bestimmen wird.  

„Münzers Bücher haben eine Botschaft.“ Welt am Sonntag

€ 20,00 [D], € 20,60 [A]
Erscheint am 01.10.2019
576 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag
EAN 978-3-86612-461-5
€ 16,99 [D], € 16,99 [A]
Erscheint am 01.10.2019
576 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-99455-2

Leseprobe zu „Heimat ist ein Sehnsuchtsort “

Die Heimat. Großvater sprach oft davon.

Er erzählte von einem fernen Ort in einem fernen Land, von Wiesen, in denen der Klatschmohn rot leuchtete, von Obstbäumen, die sich unter den Früchten bogen, von einem Ort, wo die Luft endlos nach Sommer duftete.

Ich liebte Großvaters Geschichten und lauschte gleichermaßen neugierig wie verzückt. Er schuf für mich das Bild eines verwunschenen Ortes, eines Königreichs, in dem alle Menschen glücklich waren.

Und so verstand ich nicht, warum mein Großvater dieses Märchenland namens Heimat verlassen hatte. Auf meinen [...]

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Die Heimat. Großvater sprach oft davon.

Er erzählte von einem fernen Ort in einem fernen Land, von Wiesen, in denen der Klatschmohn rot leuchtete, von Obstbäumen, die sich unter den Früchten bogen, von einem Ort, wo die Luft endlos nach Sommer duftete.

Ich liebte Großvaters Geschichten und lauschte gleichermaßen neugierig wie verzückt. Er schuf für mich das Bild eines verwunschenen Ortes, eines Königreichs, in dem alle Menschen glücklich waren.

Und so verstand ich nicht, warum mein Großvater dieses Märchenland namens Heimat verlassen hatte. Auf meinen fragenden Blick hin sah er mich lange an, strich mir dann über den Kopf und sagte: „Tschapperl, Kleines, das verstehst du nicht. Der Krieg ist ein Dieb.“ Und verließ die Küche.

Nachdem Großvater gegangen war, drehte ich mich zu meiner Großmutter, um ihr eine zweite Tasse heißen Kakao abzuluchsen. Und da sah ich, dass sie weinte.

Damals wusste ich noch nicht, dass Heimat etwas ist, was man auch verlieren kann.

 

Für Annemarie und alle Liebenden …

 

Du warst nur ein ferner Traum.

Stimme, die in meinem Herzen flüsterte,

Melodie, die in meiner Seele sang.

Bis ich dich fand.

Und die Sehnsucht traf mich wie ein Lied.

Dir gehöre ich, mit allem, was ich bin.

Du bist die Eine,

Die eine Antwort auf die Fragen des Lebens.

Die Liebe traf mich mitten ins Herz.


PROLOG

Irgendwo in Russland, 1928

 

In einem abgeschiedenen Haus, inmitten dunkler Wälder, in denen nachts die Wölfe heulten, lebte seit Jahren die geheimnisvollste Gefangene Russlands.

Soeben hatte Dimitri Wassilijev Domratchev, der für ihre Bewachung abkommandierte Offizier des Geheimdienstes, seine abendliche Inspektionsrunde um das eingezäunte Areal beendet. Nicht, dass er Schwierigkeiten erwartet hätte – in all der Zeit hatte es nie welche gegeben. Aber es war seine Aufgabe, niemals in seiner Aufmerksamkeit nachzulassen. Dies schärfte er beim täglichen Appell auch dem halben Dutzend Wachsoldaten ein, die hier in dieser Einsamkeit mit ihm ihr Dasein fristeten.

Die Identität seiner Gefangenen war Dimitri nicht bekannt. Jedenfalls nicht offiziell. Bei seinem Dienstantritt hatte man ihm unmissverständlich zu verstehen gegeben, dass es seinem Vorgänger an der nötigen Diskretion gemangelt hatte.

Dimitri war daher fest entschlossen, seinen Vorgänger in dieser Position zu überleben. Soweit das in seiner Macht stand. In diesen bewegten Zeiten verkörperte er den mustergültigen Offizier, der treu seine Pflicht erfüllte und das Denken seinen Vorgesetzten überließ. Was seine Fantasie jedoch nicht davon abhielt, auf Reisen zu gehen, über Mauern zu klettern und mit Geschichten zurückzukehren, die sich um seine Gefangene und ihre Besucher rankten. Diese fuhren von Zeit zu Zeit einzeln und in teuren Limousinen vor, ihre Gesichter dabei stets sorgsam mit einer Maske verhüllt. Zweifelsohne handelte es sich bei ihnen um hochgestellte Persönlichkeiten. Dimitri gegenüber legitimierten sie sich mit einer täglich aus Moskau übermittelten Parole sowie einer kleinen Zinnmarke, auf der ein Schwert abgebildet war.

Nach ihrer Ankunft verschwanden sie sofort im Zimmer der Frau. Einige blieben die Nacht über, andere brachen nach weniger als einer Stunde wieder auf. Als geschulter Beobachter konnte sich Dimitri Einzelheiten wie Gang, Statur und Siegelringe der Unbekannten einprägen. Er kam zu der Erkenntnis, dass nicht mehr als fünf verschiedene Personen der Bewachten ihre Aufwartung machten. Im ersten Jahr seiner Abkommandierung waren sie noch häufiger aufgetaucht, doch im Laufe der Zeit waren die Besuche rarer geworden. Es war augenscheinlich, dass ihr Interesse an der Gefangenen nachließ.

Mit im Haus lebte auch eine Hebamme. Die beiden Frauen waren ungefähr im gleichen Alter, und er hatte sie der Einfachheit halber zusammen eingesperrt. In den letzten Jahren hatte die Hebamme mehrmals tätig werden müssen. Bald würde die Gefangene zum fünften Male niederkommen. Sobald ein Kind geboren worden war, meldete Dimitri dies seinen Vorgesetzten in Moskau, und es wurde binnen Tagesfrist abgeholt. Was mit den Neugeborenen geschah, hatte Dimitri ebenso wenig zu interessieren wie die Identität seiner Schutzbefohlenen. Dennoch ließ ihm sein Instinkt seit Tagen keine Ruhe. Es war die Zahl Fünf, die ihm nicht mehr aus dem Kopf gehen wollte. Fünf Männer, fünf Kinder. Das Geschehen war so offensichtlich, dass er sein Gewissen kaum zum Schweigen bringen konnte. Doch er musste den Dingen ihren Lauf lassen. Er hatte mit einem anderen inneren Konflikt schon genug zu kämpfen. Einst war er Lenins Bewegung aus Überzeugung beigetreten, wollte seinen Teil dazu beitragen, aus einem im Zarismus erstarrten Land ein neues Russland zu erschaffen. Sehr bald schon fühlte er sich betrogen. Das alte Russland lag in Trümmern. Aber wo war das neue Russland? Er vermochte es genauso wenig zu erkennen, wie er seine einstige Begeisterung für die Revolution begreifen konnte.

Als man ihm seine neue Aufgabe übertrug, sagte man ihm, dies bedeute eine hohe Ehre. Für ihn lag jedoch keine Ehre darin, den Gefängniswärter für zwei junge Frauen zu spielen.

Im Grunde war er selbst ein Gefangener. Noch am selben Tag, als man ihn auf diesen einsamen Posten berufen hatte, war ihm klar geworden, dass sein Dienst erst in der Stunde des Todes seiner Gefangenen enden würde. Ihr Tod würde auch sein Schicksal besiegeln. Er und seine Männer mussten sterben, damit die seltsamen Vorgänge in diesem Haus für immer das Geheimnis der fünf Männer blieben.

Die Gefangene zu befreien oder von diesem Ort zu fliehen stellte für Dimitri keine Option dar. Seine Vorgesetzten konnten sich seiner absoluten Loyalität sicher sein: Denn seine Frau und sein kleiner Sohn Kolja befanden sich in ihrem Gewahrsam. Und er, Dimitri, würde nichts tun, was sie gefährden könnte. Allein sein Opfer rettete das Leben seiner Familie. Und diese Hoffnung war es, die ihn tun ließ, was er zu tun beauftragt war.

Teil 1 – Frieden

Menschen und Zweige brechen;

preise das Leben,

da du noch schreitest und wachst;

es ist nur geliehen.

David Campell

 

1

Während der ganzen Jahrhunderte und Epochen
schauten Menschen in den dunklen blauen Himmel
und träumten …

S. P. Koroljow 1957
in einem Brief an seine Frau Nina

Breslau, Hauptstadt Schlesiens, 1928

 

Woher kommen wir, und wohin gehen wir? Sei es König oder Bauer, Philosoph oder Priester – seit Urzeiten grübeln jene, die zu tieferem Denken neigen, über diese Frage nach. Inzwischen geht das irdische Leben seine eigenen Wege und nimmt uns ungefragt mit auf die Reise.

Diese Erfahrung machte auch Laurenz Sadler. Der jüngste Sohn eines Landwirts im kleinen oberschlesischen Petersdorf hatte einen völlig anderen Lebensplan als Aussaat und Ernte – auch, weil Fortuna das Füllhorn einer großen musischen Begabung über ihn ausgeschüttet hatte. Musik studieren wollte er, Komponist und Dirigent werden und einmal ein großes Orchester leiten. Ein Träumer, ja, das war er.

Anfangs schien es, als wären die Sterne Laurenz durchaus gewogen, und er konnte sich Hoffnungen machen, dass aus dem erträumten Leben ein reales werden würde. Schließlich war der Vater im Großen Krieg als begabter Trompeter Mitglied der Marschkapelle seines Regiments gewesen, während die Mutter, eine geborene von Papenburg, als höhere Tochter in den Genuss einer höheren Erziehung gekommen war und neben dem Führen eines großen Haushalts auch Harfe- und Klavierspielen erlernt hatte.

Zwar hielt sich, was den Berufswunsch ihres Jüngsten anging, die Begeisterung der Eltern in Grenzen, aber sie legten ihm auch keine größeren Hindernisse in den Weg. Denn sie hatten noch zwei weitere Söhne, Alfred und Kurt – nüchterne und vernünftige junge Burschen, die keine närrischen Erwartungen an das Leben stellten und gerne auf Hof und Feld mit anpackten.

Also ging Laurenz nach dem Großen Krieg nach Breslau, legte im dortigen Schlesischen Konservatorium die Prüfung ab und begann sein Studium. Eigentlich hatte Laurenz geplant, nach seinem Abschluss sein Glück in Berlin zu versuchen, aber es kam anders. Denn er begegnete in Breslau seinem eigentlichen Schicksal, dem einzig wahrhaften seines Lebens: Annemarie.

Annemarie war zu jener Zeit keine Frau, auf die der Blick eines Mannes ein zweites Mal fallen würde. Sie war eine verhärmte Erscheinung, wie man sie in jenen bitteren Nachkriegszeiten häufig in den Gassen Breslaus antraf – der Gang schleppend, der Rücken gebeugt, die Gestalt unter einem unförmigen dunklen Kittel verborgen. Falls man diese vom Schicksal Betrogenen überhaupt wahrnahm, so vergaß man sie sogleich wieder.

Doch Laurenz war mehr als ein Träumer. Er war ein Getriebener und stets auf der Suche nach Perfektion – dem perfekten Ton, dem perfekten Klang, der perfekten Melodie. Laurenz besaß auch ein unbestechliches Gespür für die Zwischentöne – das, was über Dur und Moll hinausging. Er mochte das andere, das Unangepasste, das aus dem Rahmen Fallende, spürte im menschlichen Wesen jenen Tiefen nach, aus denen er seine Inspiration schöpfte.

Als Laurenz Annemarie das erste Mal begegnete, lief er den Bürgersteig entlang, ein Notenblatt in der Hand, um rasch eine Tonfolge zu notieren, die ihm eben eingefallen war. Und wenn zwei mit gesenktem Blick zur selben Zeit auf demselben Weg unterwegs sind, ergibt es sich zwangsläufig, dass sie ineinanderlaufen.

Erschrocken sah Laurenz hoch, erhaschte einen flüchtigen Blick in ebenso erschrockene Augen, die sich sogleich wieder zu Boden senkten. Aber diese eine Sekunde genügte. Sie brachte in Laurenz eine unbekannte Saite zum Schwingen – ein neuer innerer Ton, der ihn erfüllte und ihm die Sprache verschlug, sodass er die junge Frau nicht einmal um Verzeihung für seine Ungeschicklichkeit bitten konnte. Laurenz hatte gefunden, wonach er immer gesucht hatte: Vollkommenheit. Perfektion. Annemarie war perfekt – für ihn.

Die junge Frau las bereits ihre beim Zusammenstoß aus dem Korb gekullerten Äpfel wieder auf. Hastig half Laurenz ihr dabei und wünschte sich innig, dass sie ihn nochmals ansehen würde. Tatsächlich hob sie den Kopf, und er blickte in Augen so blau wie die Kornblumen zu Hause auf den Feldern seiner Kindheit. Die schönsten Augen der Welt. Die traurigsten Augen der Welt. Annemarie war Antwort und Frage zugleich, sie würde in ihm eine so gewaltige schöpferische Kraft freisetzen, dass er in wenigen Wochen eine ganze Oper zu schreiben vermochte. Annemarie war seine zur Wirklichkeit gewordene Sinfonie. Für sie wollte Laurenz ein Land aus Licht und Blumen schaffen – einen Sehnsuchtsort für seine Sehnsuchtsfrau.

Während er sich noch in fernen Träumen verlor, war der letzte Apfel aufgelesen und Annemarie bereits davongelaufen.

Denn Annemarie wollte nicht gefunden werden. Sie hütete ein Geheimnis, zu groß und tödlich, um es mit jemandem zu teilen.

Doch Laurenz hatte es sich in den Kopf gesetzt, sie zu finden. Ebenso hartnäckig, wie er schon als Junge seinen Traum vom Musikerleben vorangetrieben hatte, machte er sich nun auf die Suche nach der scheuen jungen Frau, um sie zu erobern.


2

„Kein schöner Land in dieser Zeit …“
Altes Volkslied

Anton von Zuccalmaglio

 

Auf den ersten Blick war an Petersdorf nichts Besonderes und auch nicht auf den zweiten. Doch für seine Bewohner bedeutete Petersdorf ihre ganze Welt. Dort waren sie geboren, dort würden sie sterben. Jede Familie besaß einen Grabstein auf dem örtlichen Friedhof, einige verwitterte Inschriften darauf reichten gar zurück bis ins vierzehnte Jahrhundert.

Petersdorf war ein typisches Reihendorf im Grenzgebiet zu Polen. Die Mehrzahl seiner knapp dreihundert Seelen verdingte sich in der Landwirtschaft. Es gab eine Kirche, ein Gemeindehaus, den Gasthof Klose, eine Brauerei (Petersdorfer Märzen), ebenfalls im Besitz von Klose, dazu einen kleinen Kaufmannsladen für den täglichen Bedarf und eine Schmiede für die zahlreichen Pferde, die, neben den Ochsen, für die Feldarbeit und als Fortbewegungsmittel eingesetzt wurden. Außer dem Bürgermeister besaß 1928 in Petersdorf noch niemand ein Automobil. Allein der alte Pfarrer, der seit einem Sturz vom Pferd am Stock ging, knatterte inzwischen auf einem Zündapp-Zweirad zu seinen Schäfchen.

Der Ort erwachte früh. Auch auf dem Hof der Sadlers brannte schon Licht. Kurt Sadler betrat wie an jedem Morgen gegen fünf Uhr die Küche. Die Dämmerung war noch fern, und außer ihm waren um diese Zeit nur Dorota, die polnische Wirtschafterin, und Oleg, der Knecht, auf den Beinen. Dorota hatte bereits den Holzherd angefacht, der Raum war warm und gemütlich, und das Aroma frisch gebrühten Kaffees kitzelte angenehm in Kurts Nase. Wie stets würde er sich nur eine schnelle Tasse gönnen und erst gegen sieben gemeinsam mit seiner schwangeren Frau Paulina und seiner Mutter Charlotte frühstücken.

Kurt schätzte die stille Zeit bis zum Sonnenaufgang – diese Niemandszeit zwischen Nacht und Tag, zwischen Dunkelheit und Licht, wenn er seinen morgendlichen Rundgang machte, in den Ställen nach den Tieren sah und das erste Heu gabelte. Bereits mit sechs hatte er seinen Vater frühmorgens begleitet, so wie sein Vater dessen Vater. Seit jeher waren die Sadlers Bauern gewesen. Mit Fleiß und durch umsichtiges Wirtschaften hatten sie ihren Besitz im Laufe der Zeit vermehren können und bescheidenen Wohlstand erreicht: fünfundzwanzig Hektar fruchtbares Ackerland, Hänge voller Obstbäume, ein paar Schweine, etwas Kleinvieh und eine überschaubare Anzahl von Kühen, die noch auf Namen wie Lotti, Erna und Liesel hörten.

Es war ein einfaches, aber auch ein erfülltes Leben. Im Winter im Stall, im Sommer auf dem Feld. Die Familie hielt zusammen, bis zu vier Generationen lebten zeitweilig unter einem Dach. Der Hof ging vom Vater auf den ältesten Sohn über, man verheiratete die Söhne und Töchter aus der Gegend miteinander, vermischte sich mit böhmischen, deutschen und polnischen Familien, und bis auf ein paar Unverbesserliche, die es bekanntlich überall gibt, störte sich niemand daran. Das Leben im polnischen Grenzgebiet war nicht immer einfach, aber im Großen und Ganzen war es ein friedliches Miteinander.

Der Große Krieg, der von 1914 bis 1918 in Europa wütete, änderte vieles. Die deutsche Niederlage wurde in Versailles besiegelt, danach Grenzen wie Bausteine verschoben. Dem Frieden folgte Unfrieden. Man stritt um Schuldzuweisungen, um Entschädigungen, um Land. Kurt für seinen Teil interessierte sich nicht für das politische Geschacher. Das Land war das Land, so wie Gott es geschaffen hatte; selbst kannte es keine Grenzen. Allein die Menschen zerrten daran herum. Auch fehlte ihm die Zeit, sich mit dem Versailler Vertrag zu beschäftigen – im Gegensatz zu seinem Freund Franz Honiok. Der behauptete, der Vertrag verschärfe die Situation für die Überlebenden und lege den Grundstein für weitere Konflikte und Kriege. Kurt wusste nur eines: Die Versehrten blieben versehrt und die Toten tot. Es war stets die Bevölkerung, die den Preis für den Krieg zahlte. Denn mochten auch neue Grenzen gezogen und neue Länder geschaffen worden sein, der Mensch war derselbe geblieben.

Für Kurt hatte der Krieg einiges an Veränderungen gebracht. Er war gemeinsam mit seinem älteren Bruder Alfred losgezogen und allein zurückgekehrt.

In jenen fiebrig-heißen Augusttagen des Jahres 1914 marschierten sie begeistert an der Seite ihrer Kameraden und landeten im Vorhof zur Hölle. Während Alfred in Bialystok sein Leben ließ, hatte Kurt die Schlachtfelder an der Somme und die fauligen Schützengräben von Verdun überlebt, sprang dem Tod zigfach von der Schippe, während seine Kameraden um ihn herum starben wie die Fliegen. An Kugeln und Schrapnellen, an Giftgas, Typhus, Ruhr und Wechselfieber und nicht zuletzt an Hunger und Kälte. Weit entfernt vom wilhelminisch glorifizierten Heldentod. Er selbst war mit einer leichten Taubheit und dem Verlust mehrerer Zähne davongekommen, Letzteres der Mangelernährung geschuldet. Er hatte auch die folgenden, entbehrungsreichen Jahre als Kriegsgefangener überstanden. Auch wenn ihm das erlittene Grauen bis heute so manche Nacht den Schlaf raubte, war er seinem Schicksal nicht undankbar. Vielen seiner Kameraden erging es schlechter. Überleben war nicht alles, so mancher verzweifelte am Krieg und nahm ihn für immer mit nach Hause. Wie sein eigener Vater August.

Nach der Rückkehr aus der Gefangenschaft hatte Kurt die Verlobte seines gefallenen Bruders Alfred, die Köhler Paulina, geehelicht und den Sadler-Hof als Bauer übernommen. Der Hof lag etwas außerhalb von Petersdorf, eingebettet zwischen grünen Hügeln und saftigen Wiesen, umgeben von Wald und gut bestellten Feldern, die sich wie exakt gezeichnete Mosaike in die Landschaft fügten. Hinter dem Haus zog sich eine Obstwiese in sanften Wellen den Hügel hinauf, die den Sadlers vom Frühsommer bis in den Herbst eine vielfältige Ernte bescherte. Sein jüngerer Bruder Laurenz, nicht nur Musiker, sondern auch Poet, hatte den Hügel Himmelsleiter getauft. Selbst Kurt, obschon mit weniger Fantasie als sein kleiner Bruder ausgestattet, musste zugeben, dass man tatsächlich den Eindruck gewinnen konnte, dass die Bäume den Hügel hinaufkletterten, um am Ende in den Himmel zu steigen.

Irgendwann, vor vielen Generationen, musste es unter den Vorfahren auch einen besonderen Beerenliebhaber gegeben haben. Sobald die Luft nach Frühling schmeckte und an Bäumen und Büschen die Knospen aufbrachen, versank der Hof unter einem weißen und rosa Blütenmeer, und den ganzen Sommer gab es Beeren satt: Erdbeeren, Johannisbeeren, Blaubeeren, Stachelbeeren … Deshalb war der Hof der Sadlers auch als Beerenhof bekannt und Dorota über die Grenzen von Petersdorf hinaus berühmt für ihre eingemachten Marmeladen und Kompotte. Honig lieferten die hofeigenen Bienenstöcke. Im Sommer stand das Getreide hoch, im Wald gab es reichlich Wild und vielerlei Pilze; Fische holte man aus dem nahen Weiher, und zweimal im Jahr wurde geschlachtet. Der Hof versorgte sich quasi selbst.

Während Kurt seinen Kaffee trank, holte Dorota je eine Schütte Rüben und Kartoffeln aus dem Vorratskeller. Die Ernte in diesem Jahr konnte sich sehen lassen. Was sie selbst nicht verbrauchten, verkaufte Kurt wie alle Petersdorfer Bauern an Händler, die mit die Oder hinauffahrenden Booten die Ware in die nächsten Städte und teilweise bis nach Berlin brachten.

Kurt stellte eben die leere Tasse ab, als Oleg, Dorotas Ziehsohn und Knecht auf dem Hof, die Küche betrat. Er war von Kopf bis Fuß mit Mist besudelt. Dorota schnappte sich sofort den Besen und fegte den Knecht förmlich hinaus.

„Bei der Schwarzen Madonna! Oleg Rajewski, wie oft habe ich dir gesagt, dass du dich erst umziehen und waschen sollst! Vorher gibt es kein Frühstück!“

Oleg trollte sich, aber sie konnten ihn leise über Willi schimpfen hören. Willi war ein junger Ochse, der noch nicht ganz verinnerlicht hatte, wer der Herr im Stall war.

Kurt hatte Willi erst vorige Woche unter Preis erworben. Inzwischen schwante ihm, dass das angebliche Schnäppchen in Willis Charakter gründete und der Hoffmann Herbert ihn tüchtig übers Ohr gehauen hatte.

Kurt erhob sich und folgte Oleg nach draußen. Der Knecht holte eben einen Eimer Wasser aus dem Brunnen.

„Was ist, Oleg? Bekommst du Willi in den Griff?“

„Er will das Joch nicht tragen.“

„Wenn er sich nicht bald vor die Egge spannen lässt, geht er zum Metzger.“

Als Nächstes inspizierte Kurt das neue Tiefsilo, das er und Oleg angelegt hatten. Kurt plante noch mehr, träumte von elektrischem Licht und einer Toilette im Haus. Vorausgesetzt, die Ernte würde im kommenden Jahr 1929 genauso gut ausfallen.

Das Silo war bis zum Rand mit Rübenblättern gefüllt, die darin vergären sollten. Im Winter wurde das Gärfutter an die Kühe und Ochsen verfüttert. Das brachte Kurt zurück zu Willi. Auch wenn die Ernte gut war, die Zeiten waren es nicht. Er konnte es sich nicht leisten, ein unnützes Tier durchzufüttern. Er hatte den Großen Krieg überlebt, da würde er auch mit einem ungebärdigen Ochsen fertigwerden. Oleg hatte einfach zu viel Geduld mit dem Tier. Kurt steuerte den Stall an.

„So, Willi. Jetzt ist Schluss mit den Mätzchen!“

Willi hob bedächtig den Kopf, ließ sich jedoch bei seiner Mahlzeit nicht stören und kaute gemächlich weiter sein Stroh. Sobald Kurt das Stirnjoch vom Haken griff, ging eine Veränderung mit dem Tier vor. Willi begann, an der Kette zu zerren, stampfte und schnaubte. Kurt legte ihm die Hand auf den breiten Rücken.

„Ruhig, mein Dicker, ruhig.“

Ein Zittern lief durch den mächtigen Tierleib. Dann stand der Ochse still. „Siehst du, geht doch, Willi!“ Kurt tätschelte Willis Stirn und setzte das Joch an.

Ohne Vorwarnung warf Willi plötzlich den Kopf herum und traf Kurt wuchtig am Brustkorb. Kurt spürte, wie seine Rippen brachen.

Hanni Münzer

Über Hanni Münzer

Biografie

Hanni Münzer ist eine der erfolgreichsten Autorinnen Deutschlands. Mit ihrer „Seelenfischer“-Reihe und der „Honigtot“-Saga erreichte sie ein Millionenpublikum und eroberte die Bestsellerlisten. Nach Stationen in Seattle, Stuttgart und Rom lebt Hanni Münzer heute mit ihrem Mann in Oberbayern.

Veranstaltung
Signierstunde
Sonntag, 20. Oktober 2019 in Frankfurt
Zeit:11:00 Uhr
Ort:Frankfurter Buchmesse,
PIPER-Stand, Halle 3.0, A 87 Frankfurt
Im Rahmen der Frankfurter Buchmesse.
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Lesung
Donnerstag, 24. Oktober 2019 in Lenggries
Zeit:19:30 Uhr
Ort:Gemeindebücherei Lenggries,
Bahnhofplatz 1
83661 Lenggries
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Buchpräsentation
Donnerstag, 21. November 2019 in Zirndorf
Zeit:20:00 Uhr
Ort:erlebe wigner!,
Albrecht-Dürer-Str. 66
90513 Zirndorf
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Lesung und Gespräch
Donnerstag, 28. November 2019 in Tettnang
Zeit:19:30 Uhr
Ort:Ravensbuch,
Karlstraße 18
88069 Tettnang
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Weitere Titel der Serie „Heimat-Saga“

Bewegende, epische Familiensaga über vier Generationen vor dem dramatischen Hintergrund des 20. Jahrhunderts
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