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Heilige Mörderin

Heilige Mörderin

Kriminalroman

Taschenbuch
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Heilige Mörderin — Inhalt

Auf den ersten Blick ist ein perfekter Mord geschehen: Der erfolgreiche Unternehmer Mashiba liegt tot in seinem Wohnzimmer. Kurz zuvor hatte er von seiner Frau die Scheidung verlangt. Erneut liefert Physik-Professor Yukawa mit Inspektor Kusanagi ein Kabinettstück an Kombination, um die Schuldige zu überführen.

€ 9,99 [D], € 10,30 [A]
Erschienen am 10.08.2015
Übersetzt von: Ursula Gräfe
320 Seiten, Broschur
EAN 978-3-492-30163-3

Leseprobe zu »Heilige Mörderin«

Kapitel 1

Die Stiefmütterchen in den Blumenkästen standen in voller Blüte. Die Erde war trocken, was jedoch den lebhaften Farben der Blüten keinen Abbruch tat. Stiefmütterchen sind vielleicht nicht die vornehmsten Blumen, aber zäh sind sie, dachte Ayane, während sie durch die Glastür hinaus auf den Balkon blickte. Auch die anderen Pflanzen mussten gegossen werden.

»Hörst du mir überhaupt zu?«

Sie wandte sich zu ihrem Mann um. »Natürlich. Tue ich doch immer.«

»Wieso reagierst du dann nicht?«

Yoshitaka lag, die langen Beine übereinandergelegt, auf dem [...]

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Kapitel 1

Die Stiefmütterchen in den Blumenkästen standen in voller Blüte. Die Erde war trocken, was jedoch den lebhaften Farben der Blüten keinen Abbruch tat. Stiefmütterchen sind vielleicht nicht die vornehmsten Blumen, aber zäh sind sie, dachte Ayane, während sie durch die Glastür hinaus auf den Balkon blickte. Auch die anderen Pflanzen mussten gegossen werden.

»Hörst du mir überhaupt zu?«

Sie wandte sich zu ihrem Mann um. »Natürlich. Tue ich doch immer.«

»Wieso reagierst du dann nicht?«

Yoshitaka lag, die langen Beine übereinandergelegt, auf dem Sofa, wechselte aber jetzt seine Position. Er trainierte häufig in einem Fitness-Studio, achtete jedoch darauf, dass seine Oberschenkel nicht zu muskulös wurden, weil er fürchtete, sonst keine engen Hosen mehr tragen zu können.

»Ich war in Gedanken.«

»Das sieht dir gar nicht ähnlich.« Yoshitaka hob eine gezupfte Augenbraue.

»Nun, ich bin ziemlich überrascht.«

»Wirklich? Eigentlich solltest du mit meiner Lebensplanung vertraut sein.«

»Ja, eigentlich schon.«

»Was meinst du mit eigentlich?« Yoshitaka sah sie fragend an.

Ayane holte tief Luft und blickte in sein gutaussehendes markantes Gesicht.

»Ist das denn wirklich so wichtig für dich?«

»Was meinst du?«

»Na ja … Kinder eben.«

Er erwiderte ihren Blick mit einem unwilligen Lächeln.

»Hast du mir eigentlich nie zugehört?«

»Doch, deshalb frage ich ja.« Ayane musterte ihn durchdringend, und Yoshitaka sah ernst zurück.

»Ja, das ist so wichtig für mich. Ich kann mir ein Leben ohne Kinder nicht vorstellen. Ohne Kinder hat eine Ehe keinen Sinn. Die Liebe zwischen Mann und Frau vergeht mit der Zeit. Ihr Zusammenleben dient der Gründung einer Familie. Ein Mann und eine Frau heiraten, bekommen Kinder und werden Vater und Mutter. Erst dann sind sie richtige Lebensgefährten. Findest du nicht?«

»Nein, ich finde nicht, dass das alles ist.«

Yoshitaka zuckte die Schultern. »Aber ich. Ich glaube ganz fest daran und habe nicht die Absicht, meine Meinung zu ändern. Ohne Aussicht auf Kinder will ich unser gemeinsames Leben nicht fortführen.«

Ayane presste die Finger gegen die Schläfen. Sie bekam Kopfschmerzen. Nicht im Traum hätte sie daran gedacht, jemals ein solches Gespräch führen zu müssen.

»Du meinst, du hast keine Verwendung für eine Frau, die keine Kinder bekommen kann. Also schmeißt du mich raus und suchst dir eine, die es kann – und damit ist die Sache für dich erledigt.«

»So ausgedrückt hört es sich schlimm an.«

»Aber darauf läuft es doch hinaus, oder?«, sagte Ayane ernst.

Yoshitaka setzte sich auf. Er runzelte die Stirn, zögerte kurz und nickte. »Aus deiner Perspektive ist es wahrscheinlich so. Aber du hast immer gewusst, wie ernst es mir mit meiner Lebensplanung ist. Sie hat oberste Priorität für mich.«

Ein bitteres Lächeln erschien auf Ayanes Lippen. »Sind wir wieder bei deinem Lieblingsthema, ja? Deiner großartigen Lebensplanung? Das war ja auch das Erste, worüber wir gesprochen haben, als wir uns kennenlernten.«

»Ach, Ayane, warum bist du denn so unzufrieden? Du hast doch alles, was du dir wünschst. Wenn dir irgendetwas fehlt, brauchst du es mir nur zu sagen, und ich werde tun, was ich kann. Lass uns an unser neues Leben denken. Oder hast du einen besseren Vorschlag?«

Ayane betrachtete den breiten Wandbehang über dem Bett, für den sie ungefähr drei Monate gebraucht und besondere Materialien verwendet hatte, die sie eigens aus England hatte liefern lassen.

Yoshitaka brauchte ihr nichts zu erzählen. Ein Kind zu bekommen war auch ihr größter Traum. Wie oft schon hatte sie sich gewünscht, in einem Schaukelstuhl zu sitzen und an einer Patchwork-Decke zu nähen, während ihr Bauch sich immer mehr rundete. Doch aus einer Laune heraus hatte Gott ihr diesen Wunsch nicht gewährt. Und da es nun einmal so war, hatte sie beschlossen, sich damit abzufinden und das Beste aus ihrem Leben zu machen. Sie hatte gehofft, dass auch Yoshitaka das könnte.

»Darf ich dir noch eine Frage stellen? Auch wenn sie dir vielleicht banal erscheint.«

»Um was geht es?«

Ayane wandte sich ihm zu und holte tief Luft. »Was ist aus deiner Liebe zu mir geworden?«

Yoshitakas Kinn zuckte verdächtig, dann kehrte das Lächeln auf seine Lippen zurück.

»An meinen Gefühlen für dich hat sich nichts geändert«, sagte er. »Das versichere ich dir.«

Für Ayane klang das nach einer Lüge. Doch auch sie lächelte. Was hätte sie sonst tun sollen?

»Da bin ich froh«, sagte sie.

»Gehen wir.« Yoshitaka schwang sich vom Sofa und ging zur Tür.

Während Ayane ihm folgte, wanderte ihr Blick zu ihrer Frisierkommode. Sie dachte an das weiße Pulver, das in der untersten rechten Schublade versteckt war. In einer fest verschlossenen Plastiktüte.

Anscheinend würde ihr nichts anderes übrigbleiben, als es zu benutzen. Es gab nicht mehr den kleinsten Hoffnungsschimmer.

Ayane sah ihrem Mann nach. Yoshitaka!, schrie es in ihr. Ich liebe dich aus tiefstem Herzen. Aber mit deinen Worten hast du mein Herz getötet. Deshalb sollst auch du sterben.

 

 

Kapitel 2

Als Hiromi Wakayama das Ehepaar Mashiba aus dem ersten Stock herunterkommen sah, fiel ihr gleich das gezwungene Lächeln der beiden auf. Besonders Ayane wirkte angespannt. Natürlich enthielt Hiromi sich jeder Bemerkung.

»Es hat ein bisschen länger gedauert, entschuldigen Sie. Haben Sie etwas von den Ikais gehört?«, fragte Yoshitaka schroff.

»Sie haben gerade eine SMS geschickt. In fünf Minuten sind sie hier.«

»Wollen wir schon mal den Champagner aufmachen?«

»Ich mach das«, sagte Ayane bestimmt. »Hol du die Gläser, Yoshi.«

»Das kann ich doch machen«, sagte Hiromi.

Als Ayane in der Küche verschwunden war, öffnete Hiromi die Tür zum Wandschrank. Eine Antiquität, die angeblich fast drei Millionen Yen gekostet hatte. Natürlich war das Geschirr darin ebenfalls sehr kostbar.

Behutsam nahm sie die Champagnergläser heraus, zwei von Baccarat und drei aus venezianischem Glas. Im Hause Mashiba servierte man Champagner in venezianischen Gläsern.

Yoshitaka verteilte fünf Sets auf dem Tisch, an dem acht Personen Platz hatten. Er gab häufig Essenseinladungen. Auch Hiromi kannte sich mit der Sitzordnung aus und verteilte die Champagnergläser. Aus der Küche hörte man das Wasser rauschen.

»Worüber hast du mit ihr geredet?«, fragte Hiromi leise.

»Über nichts Besonderes«, erwiderte Yoshitaka, ohne sie anzusehen.

»Aber du hast es ihr gesagt?«

Zum ersten Mal sah er Hiromi an. »Was gesagt?«

Na, was schon?, wollte sie gerade erwidern, als es an der Tür klingelte.

»Das werden sie sein«, rief Yoshitaka in Richtung Küche.

»Ich habe gerade keine Hand frei. Könntest du vielleicht aufmachen?«

»Wird gemacht.« Yoshitaka ging zur Tür.

Etwa zehn Minuten später saßen alle am Tisch. Man gab sich gutgelaunt und fröhlich. Dennoch erschien Hiromi die heitere Stimmung aufgesetzt. Sie fragte sich oft, wie Ayane sich diese Art der Rücksichtnahme angeeignet hatte. Angeboren konnte sie ja nicht sein. Hiromi wusste, dass sie nahezu ein Jahr gebraucht hatte, um diese zu übernehmen.

»Du hast wie immer vorzüglich gekocht, Ayane. Normalerweise macht niemand sich solche Mühe mit der Marinade.« Yukiko Ikai führte einen Bissen Weißfisch zum Mund. Ihre Rolle war es, jedes einzelne Gericht zu loben.

»Du lässt dir ja auch immer diese Fertigsaucen schicken«, ergänzte ihr Mann Tatsuhiko.

»Entschuldige mal, hin und wieder mache ich auch eine Sauce selbst.«

Tatsuhiko Ikai war Rechtsanwalt und als Berater für mehrere Firmen tätig. Die Firma von Yoshitaka Mashiba war eine davon. Außerdem war er auch an der Geschäftsleitung beteiligt. Tatsuhiko und Yoshitaka waren alte Studienkollegen.

Tatsuhiko nahm die Flasche aus dem Weinkühler, um Hiromi nachzuschenken.

»Oh, nein danke, ich habe schon genug«, sagte sie und bedeckte ihr Glas mit der flachen Hand.

»Trinken Sie denn nicht gerne Wein, Hiromi?«

»Doch, schon, aber für heute reicht es mir.«

Tatsuhiko nickte und schenkte Yoshitaka Weißwein nach.

»Fühlst du dich nicht wohl?«, fragte Ayane.

»Doch, ganz im Gegenteil. Ich habe nur in letzter Zeit ein wenig zu viel mit Freunden getrunken …«

»Ach, ihr jungen Leute habt’s gut«, sagte Tatsuhiko und schenkte Ayane nach. Nach einem kurzen Blick auf seine Frau genehmigte er sich ebenfalls noch ein Glas. »Heute Abend habe ich zum Glück mal Gesellschaft. Yukiko trinkt ja momentan nichts.«

»Das ist sicher auch besser«, sagte Yoshitaka mit erhobener Gabel.

»Es sei denn, das Baby soll auch was abbekommen«, sagte Tatsuhiko. »Der Alkohol geht nämlich in die Milch.«

»Und wie lange musst du das durchhalten?«, fragte Yoshitaka.

»Der Arzt meint, etwa ein Jahr«, antwortete Yukiko.

»Eher anderthalb«, korrigierte Tatsuhiko. »Zwei wären noch besser. Und wenn du einmal so lange nichts getrunken hast, kannst du auch gleich ganz damit aufhören.«

»Also weißt du! Ich muss mich jetzt jahrelang um den Kleinen kümmern. Und du gönnst mir nicht mal ab und zu etwas. Oder wollen wir vielleicht tauschen?«

»Ist ja gut, ist ja gut. In einem Jahr darfst du wieder Bier und Wein trinken. In Maßen.«

Yukiko schmollte, lächelte aber gleich wieder. Sie wirkte glücklich. Das Geplänkel mit ihrem Mann machte ihr offenbar Spaß.

Sie hatte vor zwei Monaten ein Baby bekommen, das lang ersehnte erste Kind der Ikais. Tatsuhiko war zweiundvierzig und Yukiko fünfunddreißig. Sie hatten noch in letzter Sekunde die Kurve gekriegt, wie selbst gern sagten. Am heutigen Abend wollten die Freunde gemeinsam die Geburt des kleinen Jungen feiern. Die Party war Yoshitakas Idee gewesen, dennoch hatte Ayane alle Vorbereitungen übernommen.

»Eure Eltern machen wohl heute den Babysitter?« Yoshitaka sah die Ikais an.

Tatsuhiko nickte.

»Sie haben gesagt, wir dürften uns ruhig Zeit lassen. Sie sind ganz versessen darauf, auf das Baby aufzupassen. Günstig, dass sie so in der Nähe wohnen.«

»Aber ehrlich gesagt, übertreibt meine Schwiegermutter es. Meine Freundinnen sagen, man könne ein Kind auch ruhig mal ein bisschen schreien lassen«, sagte Yukiko mit gerunzelter Stirn.

Hiromi sah, dass Yukikos Glas leer war, und stand auf. »Einen Moment, ich hole Ihnen etwas Wasser.«

»Im Kühlschrank ist Mineralwasser, bring doch bitte eine Flasche«, sagte Ayane.

Hiromi ging in die Küche und öffnete den Kühlschrank. Es war ein riesiges, zweitüriges Modell, das 500 Liter fasste. In der Tür standen mehrere Mineralwasserflaschen. Sie nahm eine davon heraus. Sie schloss den Kühlschrank, und als sie auf ihren Platz zurückkehrte, begegnete sie Ayanes Blick. Ihre Lippen formten das Wort Danke.

»Ein Kind verändert das ganze Leben«, sagte Yoshitaka.

»Alles dreht sich nur noch um das Kind. Der Alltag, sogar die Arbeit«, erwiderte Tatsuhiko.

»Da kann man nichts machen. Aber beruflich beeinträchtigt es dich doch nicht, oder? Angeblich wächst das Verantwortungsgefühl, wenn man ein Kind hat. Du müsstest jetzt sogar mehr Ausdauer und Kampfgeist haben, oder nicht?«

»Kann schon sein.«

Ayane nahm Hiromi die Mineralwasserflasche ab und schenkte lächelnd allen ein.

»Und wie sieht es bei euch aus? Wird es nicht langsam Zeit?« Tatsuhiko sah Ayane und Yoshitaka an. »Ihr seid jetzt ein Jahr verheiratet. Seid ihr das Leben zu zweit nicht allmählich leid?«

»Hör schon auf.« Yukiko schlug ihrem Mann tadelnd auf den Arm. »Das geht uns nichts an.«

»Schon gut, jeder, wie er mag.« Tatsuhiko lachte verlegen und trank seinen Wein aus. Dann sah er Hiromi an. »Und wie sieht’s bei Ihnen aus, Hiromi? Nein, nein, keine Sorge, ich frage schon nichts Ungehöriges. Ich meine eure Patchwork-Schule. Den Unterricht und so weiter.«

»Ja, allmählich klappt es immer besser. Aber perfekt ist es noch nicht.«

»Inzwischen kannst du das meiste sicher Hiromi überlassen?«, wandte Yukiko sich an Ayane.

Ayane nickte. »Ich kann ihr nichts mehr beibringen.«

»Das ist ja großartig.« Yukiko warf Hiromi einen bewundernden Blick zu.

Diese lächelte und schlug die Augen nieder. Sie vermutete, dass das Ehepaar Ikai sich nicht im Geringsten für sie interessierte. Wahrscheinlich fühlten sie sich nur bemüßigt, die unverheiratete junge Frau ins Gespräch einzubeziehen, damit sie sich zwischen den beiden Paaren nicht allzu überflüssig vorkam.

»Ach, wir haben doch ein Geschenk für euch beide.« Ayane stand auf und holte hinter dem Sofa eine große Plastiktüte hervor.

»Oh, aber das geht doch nicht«, rief Yukiko und schlug vor Überraschung die Hände vor den Mund.

Es war eine Tagesdecke aus Patchwork, nur viel kleiner als eine gewöhnliche.

»Ich fand, sie würde gut auf ein Kinderbett passen«, sagte Ayane. »Wenn ihr das Bett nicht mehr benutzt, könnt ihr sie als Wandbehang verwenden.«

»Wie wunderschön. Vielen Dank, Ayane.« Yukiko hielt die Tagesdecke begeistert am Saum in die Höhe. »Wir werden sie in Ehren halten. Vielen, vielen Dank.«

»So was ist doch eine Menge Arbeit. Das kostet viel Zeit, nicht wahr?« Tatsuhiko sah fragend zu Hiromi hinüber.

»Ungefähr ein halbes Jahr hast du dafür gebraucht, oder?«, fragte Hiromi ihre Freundin.

»Ich weiß nicht mehr genau.« Ayane zuckte die Achseln. »Jedenfalls freut es mich, wenn sie euch gefällt.«

»Sie ist wunderbar. Aber dürfen wir sie denn überhaupt annehmen? Weißt du, Tatsuhiko, wie teuer so etwas ist? Ein Original von Ayane Mita. In einer Galerie in Ginza kostet eine Tagesdecke für ein Einzelbett zwei Millionen Yen.«

Tatsuhiko machte große Augen. Er schien ehrlich erstaunt. Das sind doch bloß Stoffreste, sagte seine Miene.

»Sie hat sich richtig in die Arbeit gekniet«, sagte Yoshitaka. »Sogar wenn ich freihatte, hat sie die ganze Zeit auf dem Sofa gesessen und genäht. Den ganzen Tag. Ich war richtig beeindruckt.« Er deutete mit dem Kinn in Richtung Sofa.

»Zum Glück bin ich rechtzeitig fertig geworden«, sagte Ayane leise und mit gesenkten Lidern.

Nach dem Essen zogen sie auf das Sofa um, und die Männer genehmigten sich einen Whisky. Da Yukiko noch eine Tasse Kaffee wollte, ging Hiromi in die Küche.

»Ich mache den Kaffee«, sagte Ayane. »Hol du doch die Sachen für den Whisky Soda, Hiromi. Im Kühlschrank ist Eis.« Ayane drehte den Wasserhahn auf und füllte den Kessel.

Als Hiromi mit Eis und Wasser auf einem Tablett ins Wohnzimmer zurückkam, hatte das Gespräch sich dem Garten des Ehepaars Mashiba zugewandt. Er war beleuchtet, so dass man sogar bei Nacht die Blumen bewundern konnte.

»So viele Pflanzen machen doch sicher eine Menge Arbeit«, sagte Tatsuhiko.

»Es scheint so. Auf dem Balkon im ersten Stock haben wir auch welche. Ayane gießt sie jeden Tag. Mir wäre das zu viel, aber sie nimmt es sehr genau damit. Sie liebt Blumen.«

Ayane brachte drei Tassen Kaffee ins Wohnzimmer. Hiromi machte sich daran, die Whiskys zuzubereiten.

Gegen elf brach das Ehepaar Ikai auf.

»Das Essen war mal wieder köstlich. Und für das wunderbare Geschenk können wir uns gar nicht genug bedanken«, sagte Tatsuhiko, als sie aufgestanden waren. »Nächstes Mal müsst ihr aber zu uns kommen. Auch wenn wegen des Babys alles ziemlich chaotisch ist.«

»Ich werde demnächst aufräumen.« Yukiko boxte ihren Mann leicht in die Seite und lächelte Ayane zu. »Ihr müsst unseren kleinen Prinzen sehen, obwohl er eher wie ein dicker Frosch aussieht.«

»Gern«, sagte Ayane.

Auch für Hiromi wurde es allmählich Zeit. Sie beschloss, sich dem Ehepaar Ikai anzuschließen.

»Hör mal, Hiromi, ich bin ab morgen eine Weile fort«, sagte Ayane, als sie sich im Flur die Schuhe anzog.

»Ach ja, wir haben ab morgen drei Feiertage. Machst du eine Reise?«, fragte Yukiko.

»Nein, ich muss für eine Weile nach Hause fahren.«

»Zu deinen Eltern? Nach Sapporo?«

Ayane nickte und lächelte. »Meinem Vater geht es nicht so gut, und meine Mutter kann etwas Hilfe gebrauchen. Aber es ist nichts Schlimmes.«

»Aber Sorgen macht man sich doch. Und ausgerechnet jetzt veranstaltet ihr eine Party für uns.« Tatsuhiko wirkte verlegen.

Ayane schüttelte den Kopf.

»Nein, nein, macht euch keine Gedanken. Es ist wirklich nichts Schlimmes. Also, Hiromi, wenn etwas sein sollte, erreichst du mich auf meinem Handy.«

»Wann wirst du zurück sein?«

»Tja, wenn ich das wüsste …« Ayane zuckte die Achseln. »Ich melde mich, sobald ich es weiß.«

»In Ordnung.«

Die Gäste verließen das Haus, und als sie die Hauptstraße erreichten, winkte Tatsuhiko ein Taxi heran.

»Vielleicht haben wir ein bisschen zu viel über Kinder gesprochen«, sagte Yukiko, nachdem das Taxi losgefahren war.

»Warum denn? Das macht doch nichts. Immerhin war die Geburt der Anlass für die Party«, entgegnete Tatsuhiko.

»Schon, aber vielleicht hätten wir etwas mehr Rücksicht nehmen sollen. Sie hätten gern ein Kind, aber es will nicht so recht klappen, oder?«

»Ja, Yoshitaka hat vor einiger Zeit so etwas angedeutet.«

»Und wenn sie keins bekommen können? Wissen Sie etwas darüber, Hiromi?«

»Nein, keine Ahnung.«

»Ach«, entfuhr es Yukiko. Sie klang enttäuscht.

Am nächsten Morgen verließ Hiromi wie immer um neun Uhr ihre Wohnung, um zu Anne’s House nach Daikanyama zu fahren. Sie und Ayane hatten in einem Apartment eine Schule für Patchwork eröffnet. Ayane war allerdings die Chefin. Auch ihre dreißig Schülerinnen kamen, um diese Kunst von Ayane Mita zu erlernen.

Als Hiromi aus dem Aufzug stieg, stand Ayane vor dem Apartment und lächelte ihr entgegen. Sie hatte einen Koffer bei sich.

»Ist etwas passiert?«

»Nein, nein, es ist nichts Besonderes. Ich wollte dir nur das hier geben.« Ayane nahm etwas aus ihrer Jackentasche. Es war ein Schlüssel, den sie Hiromi in die Hand drückte.

»Aber …«

»Das ist ein Schlüssel zu unserem Haus. Wie ich gestern schon sagte, weiß ich nicht, wann ich zurück sein werde. Deshalb bin ich etwas unruhig. Es wäre mir lieber, wenn du ihn hättest.«

»Äh, ja, aber …«

»Ist dir das nicht recht?«

»Nein, das ist es nicht, aber wirst du ihn nicht brauchen?«

»Nein, kein Problem. Wenn ich zurückkomme, rufe ich dich an.«

»Na gut.«

»Ich bin dir sehr dankbar.« Ayane nahm Hiromis Hand und legte den Schlüssel hinein. Dann schloss sie ihre Finger fest darum.

»Also dann«, sagte Ayane und machte sich mit ihrem Koffer auf den Weg.

Unwillkürlich rief Hiromi ihr nach. »Ayane, einen Moment noch …«

Ayane blieb stehen. »Was ist denn?«

»Pass gut auf dich auf.«

»Danke.« Ayane winkte mit der freien Hand und ging weiter.

Hiromi gab bis zum Abend Unterricht. Die Schülerinnen wechselten, doch Hiromi hatte kaum eine Pause. Als die letzten gegangen waren, fühlten sich ihre Schultern und ihr Nacken sehr verspannt an.

Als Hiromi aufgeräumt hatte und gerade gehen wollte, klingelte ihr Handy. Sie schaute auf das Display und musste schlucken. Es war Yoshitaka.

»Bist du fertig mit dem Unterricht?«, fragte er abrupt.

»Ja, gerade fertig geworden.«

»Gut. Ich bin noch mit Kunden essen. Danach gehe ich gleich nach Hause. Komm vorbei.«

Es klang so beiläufig, dass Hiromi um eine Antwort verlegen war.

»Was ist? Passt es dir nicht? Du weißt doch, dass sie so bald nicht zurückkommt.«

Hiromi schaute auf ihre Handtasche. In ihr befand sich der Schlüssel, den sie heute Morgen bekommen hatte.

»Außerdem will ich etwas mit dir bereden«, sagte er.

»Was denn?«

»Später. Ich bin um neun zu Hause. Ruf mich an, bevor du kommst.« Ohne ihre Antwort abzuwarten, legte er auf.

Hiromi aß in einem Restaurant eine Pasta und rief anschließend Yoshitaka an. Er war schon zu Hause und drängte sie, sich zu beeilen.

Im Taxi erging sie sich in Selbstvorwürfen. Es gefiel ihr nicht, dass Yoshitaka sich überhaupt nicht schuldig fühlte, dennoch musste sie sich eine freudige Erregung eingestehen.

Yoshitaka empfing sie mit einem Lächeln. An seinem Benehmen war nichts Verstohlenes, sein ganzes Verhalten wirkte offen und entschlossen.

Als sie das Wohnzimmer betrat, wehte ihr der Duft von Kaffee entgegen.

»Ich habe schon lange keinen Kaffee gekocht. Ich weiß nicht, ob er schmeckt.« Yoshitaka kam mit zwei Tassen aus der Küche. Offenbar legte er keinen Wert auf Untertassen.

»Es ist das erste Mal, dass ich dich überhaupt in der Küche sehe.«

»Wirklich? Kann sein. Seit ich verheiratet bin, habe ich überhaupt nichts mehr gemacht.«

»Ayane ist eben eine hingebungsvolle Ehefrau.« Hiromi schlürfte ihren Kaffee. Er war stark und bitter.

Yoshitaka verzog den Mund. »Ich habe zu viel Kaffee in den Filter getan.«

»Soll ich neuen kochen?«

»Nein, nein, schon gut. Du machst den nächsten.« Er stellte seine Tasse auf dem marmornen Tisch ab. »Ich habe gestern noch mit ihr gesprochen.«

»Und?«

»Allerdings habe ich ihr nicht erzählt, dass du es bist, sondern behauptet, sie kenne die Frau nicht. Ich weiß nicht, ob sie mir geglaubt hat.«

Hiromi dachte an Ayanes Ausdruck, als sie ihr am Morgen den Schlüssel gegeben hatte. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass sich hinter ihrem Lächeln etwas verborgen hatte.

»Und was hat sie gesagt?«

»Sie war mit allem einverstanden.«

»Wirklich?«

»Ja. Wenn ich es doch sage.«

Hiromi schüttelte den Kopf.

»Es klingt seltsam aus meinem Mund, aber ich kann sie nicht verstehen.«

»Aber so lautete doch unsere Abmachung. Du brauchst dir keine Gedanken zu machen. Alles ist geklärt.«

»Also können wir uns sicher fühlen.«

»Natürlich.« Yoshitaka legte ihr den Arm um die Schulter und zog sie an sich. Hiromi lehnte sich an ihn. Seine Lippen streiften ihr Ohr. »Heute Nacht kannst du hier schlafen.«

»In eurem Schlafzimmer?«

Yoshitaka schmunzelte.

»Wir haben ein Gästezimmer. Dort steht auch ein Doppelbett.«

Hiromi nickte mit einem Gefühl des Unbehagens. Sie empfand Verwirrung und Erleichterung zugleich.

Als sie am nächsten Morgen in der Küche Kaffee kochte, gesellte Yoshitaka sich zu ihr und bat sie, es ihm zu zeigen.

»Ich habe es auch nur von Ayane gelernt.«

»Egal, zeig mir, wie es geht.« Yoshitaka verschränkte die Arme.

Hiromi legte das Papier in den Filter und füllte mit dem Messlöffel Kaffee hinein. Yoshitaka merkte sich die Menge und nickte.

»Zuerst muss man ganz wenig heißes Wasser zugeben. Nur einen kleinen Schuss. Und dann warten, bis der Kaffee quillt.« Nachdem sie ein wenig kochendes Wasser aus dem Kessel in den Filter gegossen hatte, wartete sie etwa zwanzig Sekunden und brühte erst anschließend den Kaffee auf. »Man muss das Wasser mit einer kreisförmigen Bewegung aufgießen. Der Kaffee steigt nach oben. Du musst ihn gleichmäßig übergießen. Du schaust auf die Markierung, und wenn du genug für zwei Tassen hast, nimmst du den Filter herunter. Sonst wird er zu dünn.«

»Erstaunlich kompliziert.«

»Du hast doch sicher früher auch Kaffee gekocht?«

»Mit einer Kaffeemaschine. Aber die hat Ayane entsorgt, als wir geheiratet haben. So schmeckt der Kaffee besser, behauptet sie.«

»Ayane weiß, wie kaffeesüchtig du bist.«

Yoshitaka nahm einen Schluck.

Anne’s House hatte sonntags geschlossen, was nicht bedeutete, dass Hiromi freihatte. Denn sie unterrichtete zusätzlich in einem Kulturzentrum in Ikebukuro. Auch diesen Job hatte Ayane ihr vermittelt.

Sobald sie mit ihrer Arbeit fertig sei, solle sie ihn anrufen, hatte Yoshitaka gesagt. Dann könnten sie zusammen zu Abend essen. Hiromi sah keinen Grund abzulehnen.

Ihr Kurs im Kulturzentrum endete um sieben. Während sie das Gebäude verließ, rief sie Yoshitaka auf dem Handy an, aber er hob nicht ab. Sie versuchte es auf seinem Festnetzanschluss, ebenfalls ohne Erfolg.

Ob er unterwegs war?

Hiromi beschloss, dennoch zum Haus der Mashibas zu fahren. Unterwegs versuchte sie immer wieder vergeblich Yoshitaka anzurufen.

Als sie ankam, sah sie, dass im Wohnzimmer Licht brannte. Sie nahm ihren Mut zusammen und holte den Schlüssel, den Ayane ihr gegeben hatte, aus der Tasche. Die Haustür war abgeschlossen. Sie öffnete sie und trat in den Flur. Er war ebenfalls hell erleuchtet.

Hiromi zog sich die Schuhe aus und betrat die Wohnung. Es duftete schwach nach Kaffee. Wahrscheinlich hatte sich Yoshitaka frischen gekocht.

Sie öffnete die Tür zum Wohnzimmer. An der Schwelle erstarrte sie.

Yoshitaka lag auf dem Boden. Neben ihm eine Kaffeetasse. Die braune Flüssigkeit hatte sich über das Parkett ergossen.

Ein Krankenwagen! Zittrig kramte Hiromi ihr Handy hervor. Doch plötzlich konnte sie sich nicht mehr an die Nummer des Rettungsdienstes erinnern.

Über Keigo Higashino

Biografie

Keigo Higashino, wurde 1958 in Osaka, Japan, geboren. Nach seinem Ingenieurstudium begann der Kapitän einer Bogenschützenmannschaft Kriminalromane zu schreiben. Für seine mittlerweile neun Romane erhielt er zahlreiche Preise. Einige von ihnen standen jahrelang an der Spitze der Bestsellerlisten und...

Weitere Titel der Serie »Physikprofessor-Yukawa-Reihe«

Krimireihe des Japaners Keigo Higashino um den Physikprofessor Yukawa, der seinem Freund, Kommissar Kusanagi, bei der Auflösung von kniffeligen Kriminalfällen hilft.

Pressestimmen

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»Ein Kriminalfall wie ein Sudoku: Spannung bis zum Ende garantiert, die Auflösung rückblickend ganz logisch.«

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