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Hectors ReiseHectors ReiseHectors Reise

Hectors Reise

oder die Suche nach dem Glück

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Hectors Reise — Inhalt

Das Buch zum Film: »Hectors Reise« kommt in die Kinos

Hector ist ein ausgezeichneter Psychiater. Trotzdem werden seine Patienten einfach nicht glücklich. Also begibt er sich auf eine Reise durch die Welt, um dem Geheimnis des Glückes auf die Spur zu kommen.

Verfilmt wird der Weltbestseller von dem preisgekrönten Starregisseur Peter Chelsom (»Darf ich bitten?«, »Weil es Dich gibt«). Die deutsch-kanadische Gemeinschaftsproduktion mit Simon Pegg, Rosamund Pike und Oscar©-Preisträger Christopher Plummer läuft ab August in den deutschen Kinos.

€ 8,99 [D], € 9,30 [A]
Erschienen am 11.08.2014
Übersetzt von: Ralf Pannowitsch
208 Seiten, Broschur
EAN 978-3-492-30624-9
€ 11,00 [D], € 11,40 [A]
Erschienen am 01.11.2006
Übersetzt von: Ralf Pannowitsch
208 Seiten, Broschur
EAN 978-3-492-24828-0
€ 10,99 [D], € 10,99 [A]
Erschienen am 23.03.2011
Übersetzt von: Ralf Pannowitsch
208 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-95059-6

Leseprobe zu »Hectors Reise«

Hector ist nicht zufrieden


Es war einmal ein junger Psychiater, der Hector hieß und mit sich nicht besonders zufrieden war.
Hector war unzufrieden, und doch sah er wie ein richtiger Psychiater aus: Er trug eine Brille mit kleinen runden Gläsern, die ihm einen intellektuellen Anstrich verlieh; er verstand es, den Leuten mit nachdenklicher Miene zuzuhören und dabei »Hmm ...« zu machen, ja er hatte sogar einen kleinen Schnurrbart, an dem er herumzwirbelte, wenn er sehr nachdachte.
Sein Sprechzimmer sah ebenfalls aus wie das eines richtigen Psychiaters: Es [...]

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Hector ist nicht zufrieden


Es war einmal ein junger Psychiater, der Hector hieß und mit sich nicht besonders zufrieden war.
Hector war unzufrieden, und doch sah er wie ein richtiger Psychiater aus: Er trug eine Brille mit kleinen runden Gläsern, die ihm einen intellektuellen Anstrich verlieh; er verstand es, den Leuten mit nachdenklicher Miene zuzuhören und dabei »Hmm ...« zu machen, ja er hatte sogar einen kleinen Schnurrbart, an dem er herumzwirbelte, wenn er sehr nachdachte.
Sein Sprechzimmer sah ebenfalls aus wie das eines richtigen Psychiaters: Es gab dort eine altertümliche Couch (ein Geschenk seiner Mutter, als er die Praxis eingerichtet hatte), Nachbildungen von ägyptischen oder hinduistischen Figuren und eine große Bibliothek voller Bücher, die schwer zu lesen waren, manche von ihnen so schwer, daß er sie gar nicht erst gelesen hatte.
Viele Leute wollten bei Hector einen Termin haben, nicht bloß, weil er wie ein richtiger Psychiater aussah, sondern weil er ein Geheimnis kannte, von dem alle guten Ärzte wissen und das man an der Universität nicht lernt: Er interessierte sich wirklich für seine Patienten.
Wenn die Leute zum ersten Mal einen Psychiater aufsuchen, sind sie oftmals ein wenig verlegen. Sie haben Angst, er könnte sie für verrückt halten, obgleich sie doch wissen, daß er solche Leute gewohnt ist. Oder manchmal fürchten sie auch, ihr Fall wäre in seinen Augen nicht schlimm genug, und er würde ihnen sagen, sie sollten sich anderswo behandeln lassen. Aber weil sie nun einmal den Termin ausgemacht haben und gekommen sind, entschließen sie sich doch, von ihren wunderlichen kleinen Manien zu erzählen, von den seltsamen Gedanken, die ihnen durch den Kopf gehen und die sie noch niemandem anvertraut haben, obwohl sie ihnen große Schmerzen bereiten, von den großen Ängsten oder den mächtigen Traurigkeiten, die ihnen ein gutes Leben unmöglich machen. Sie fürchten auch, nicht richtig erzählen zu können und den Arzt zu langweilen. Und man muß schon sagen, daß Psychiater manchmal gelangweilt oder ermüdet aussehen. Wenn man das nicht gewohnt ist, kann man sich sogar fragen, ob sie einem überhaupt zugehört haben.
Aber bei Hector war das fast nie so: Er schaute die Leute an, wenn sie ihre Geschichte erzählten, er nickte ermutigend, machte seine kleinen »Hmm«s und zwirbelte dabei den Schnurrbart, und manchmal sagte er sogar: »Warten Sie, erklären Sie mir das. Ich habe es nicht genau verstanden.« Außer an den Tagen, an denen Hector sehr müde war, spürten die Leute, daß er wirklich hinhörte und ihre Geschichten sogar interessant fand.
Und so kamen die Leute von neuem in seine Sprechstunde, machten viele Termine aus, reichten seinen Namen an Freunde weiter oder sprachen mit ihrem Hausarzt darüber, der andere Patienten an Hector überwies. Bald brachte Hector lange Tage damit zu, anderen Leuten zuzuhören, und er begann, eine Menge Steuern zu zahlen, selbst wenn er die Konsultationen nicht sehr teuer in Rechnung stellte. (Seine Mutter sagte ihm immer, er solle mehr Geld verlangen, aber ihm war das peinlich.)
Eine Konsultation kostete bei ihm beispielsweise weniger als bei Madame Irina, die eine ziemlich berühmte Hellseherin war. Übrigens hatte auch sie ihm geraten: »Doktor, Sie sollten Ihre Tarife anheben!«
»Na so was«, hatte Hector entgegnet, »das haben mir schon andere gesagt.«
»Ich spreche zu Ihnen wie eine Mutter; ich sehe, was gut für Sie wäre, Doktor.«
»Ja genau, wie steht es denn im Moment mit Ihrem Sehen?«
Dazu muß man erklären, daß Madame Irina in Hectors Sprechstunde gekommen war, weil es ihr nicht mehr gelang, in die Zukunft zu schauen. Sie hatte großen Kummer gehabt wegen eines Herrn, der sie verlassen hatte, und seither sah sie nicht mehr wirklich in die Zukunft.
Zwar schaffte sie es dennoch, pfiffig, wie sie war, ihren Kunden irgend etwas Interessantes zu erzählen, aber weil auch ein wenig Ehrgefühl in ihr steckte, verdroß es sie, nicht mehr so hellsehen zu können wie früher. Also gab ihr Hector Pillen für Leute, die allzu traurig sind, und sie begann wieder ein bißchen zu sehen.
Hector wußte nicht recht, was er davon halten sollte.
Er war nicht nur erfolgreich, weil er es verstand, den Leuten zuzuhören. Er kannte auch die Tricks und Kniffe seines Metiers.
Zunächst einmal wußte er, wie man eine Frage mit einer Frage beantwortet. Fragte ihn beispielsweise jemand »Glauben Sie, daß ich da wieder rauskommen kann, Herr Doktor?«, dann erwiderte er: »Was heißt für Sie wieder rauskommen?« Das zwang die Leute, über ihren Fall nachzudenken, und so half ihnen Hector, die Mittel zu finden, mit denen sie »wieder rauskamen«.
Dann wußte er auch gut über die Medikamente Bescheid. In der Psychiatrie ist das ziemlich einfach, weil es dort nur vier große Gruppen von Medikamenten gibt: Pillen, die man nimmt, wenn man zu traurig ist – die Antidepressiva –, Pillen, die man nimmt, wenn man zu viel Angst hat – die Anxiolytika –, Pillen, die man nimmt, wenn man wirklich zu bizarre Gedanken hat oder Stimmen hört – die Neuroleptika –, und dann Pillen, mit denen man die allzu hohen Höhen und die allzu tiefen Tiefen vermeidet – die Stimmungsstabilisierer. Nun ja, etwas komplizierter ist es schon, denn für jede Art von Medikamenten gibt es wenigstens ein Dutzend verschiedene Präparate mit komischen Namen, die sich eigens jemand ausgedacht hat, und der Psychiater muß jene Marke finden, die einem am besten zusagt. Mit den Medikamenten ist es ein bißchen wie mit Desserts: Es mag nicht jeder die gleichen.
Wo Medikamente nicht ausreichten oder die Leute ganz einfach keine benötigten, hatte Hector ein anderes Hilfsmittel, die Psychotherapie. Das ist ein kompliziertes Wort, aber es besagt einfach nur, daß man den Leuten hilft, indem man ihnen zuhört und mit ihnen spricht. Aber aufgepaßt: nicht so, wie man alle Tage miteinander redet, sondern nach einer speziellen Methode. Wie bei den Pillen gibt es auch bei den Psychotherapien verschiedene Arten. Manche wurden von Leuten erfunden, die schon lange tot sind. Hector hatte eine Psychotherapie erlernt, deren Erfinder noch lebten, obgleich auch sie schon ziemlich alt waren. Es war eine Methode, bei der sich der Psychiater mit seinen Patienten unterhielt, und auch das mochten die Leute, denn manchmal hatten sie schon Psychiater angetroffen, die so gut wie nicht mit ihnen sprachen, und daran hatten sie sich nicht gewöhnen können.
Bei Madame Irina hatte es Hector kaum mit der Psychotherapie versucht, denn sobald er ihr eine Frage stellen wollte, sagte sie: »Doktor, ich weiß schon, was Sie mich fragen wollen.«
Am schlimmsten war, daß sie häufig recht hatte (wenngleich nicht immer).
Mit den Kniffen seines Berufes, den Medikamenten, den Psychotherapien und seinem Geheimnis, sich wirklich für die Leute zu interessieren, war Hector also ein ziemlich guter Psychiater, was bedeutet, daß er zu den gleichen Ergebnissen gelangte wie ein guter Arzt, ein guter Herzspezialist beispielsweise: Manche seiner Patienten heilte er völlig; andere hielt er bei ordentlicher Gesundheit unter der Bedingung, daß sie jeden Tag ihre Pille einnahmen und von Zeit zu Zeit vorbeikamen, um mit ihm zu reden; einigen schließlich konnte er gerade mal helfen, ihre Krankheit zu ertragen, indem er versuchte, diese Krankheit so wenig schlimm werden zu lassen wie möglich.
Und trotzdem war Hector mit sich nicht zufrieden. Er war nicht zufrieden, weil er ganz deutlich sah, daß er die Leute nicht glücklich machen konnte.

 


Hector stellt sich Fragen


Hector hatte seine Praxis in einer großen Stadt mit breiten Alleen, die von schönen alten Gebäuden gesäumt wurden. Diese Stadt unterschied sich von den meisten Großstädten der Welt: Ihre Bewohner aßen, bis sie satt waren; sie konnten sich kostenlos behandeln lassen, wenn sie krank wurden; die Kinder gingen zur Schule, und die meisten Leute hatten eine Arbeit. Man konnte auch zu vielen verschiedenen Filmvorführungen gehen und mußte dafür nicht sehr teuer bezahlen; es gab Museen, Schwimmbäder und sogar ein paar Ecken, wo man radeln konnte, ohne überfahren zu werden. Die Leute konnten auch jede Menge Fernsehprogramme empfangen, sie konnten alle möglichen Zeitungen lesen, und die Journalisten hatten das Recht, beinahe alles zu schreiben, was sie wollten. Die Leute hatten eine Menge Urlaub, selbst wenn das manchmal ein Problem war für diejenigen, die nicht genug Geld hatten zum Verreisen.
Obwohl alles besser lief als in den meisten großen Städten der Erde, gab es dennoch Leute, die gerade mal genug Geld hatten zum Leben; es gab Kinder, die es nicht ertragen konnten, in die Schule zu gehen, und schlimme Dummheiten anstellten, oder sogar welche, die keine Eltern mehr hatten, die sich um sie hätten sorgen können. Es gab auch große Leute, die keine Arbeit hatten, und Leute, die dermaßen unglücklich waren, daß sie sich selbst zu behandeln versuchten, indem sie alles mögliche Zeug tranken oder ganz üble Pillen einnahmen. Aber diese Leute wohnten nicht in Hectors Stadtviertel. Trotzdem wußte er, daß es sie gab, denn er hatte viele von ihnen behandelt, als er noch am Krankenhaus gearbeitet hatte. Und das ging sogar weiter: Jeden Mittwoch war Hector nicht in seiner Praxis, sondern im Krankenhaus. Und dort traf er solche Leute wie Roger, den er fragte: »Roger, haben Sie auch Ihre Medikamente eingenommen?«
»Ja, ja, der Herr ist mein Hirte, er leitet meine Schritte.«
»Das ist wohl so, aber haben Sie auch die Medikamente genommen?«
»Ja, ja, der Herr ist mein Hirte, er leitet meine Schritte.«
Roger glaubte, daß der liebe Gott unaufhörlich zu ihm sprach, er hörte sozusagen Stimmen, und wenn er ihnen antwortete, redete er ganz laut. Warum auch nicht, werden Sie sagen. Das Problem war nur, daß Roger manchmal seine Medikamente nicht nahm und dann ganz alleine auf der Straße vor sich hinredete und sogar richtig laut, wenn er einen getrunken hatte. Und dann gab es Leute, die nicht nett waren und sich über ihn lustig machten. Weil Roger aber ziemlich stämmig war, ging das manchmal nicht gut aus, und er landete für einige Zeit in der Nervenklinik.
Roger hatte eine Menge andere Probleme: Er hatte niemals einen Vater oder eine Mutter gehabt, die für ihn dagewesen wären, in der Schule hatte es nicht recht geklappt, und seitdem er mit dem lieben Gott redete, wollten ihn die Leute nirgendwo mehr einstellen. Also füllte Hector zusammen mit einer Dame von der Sozialfürsorge haufenweise Formulare aus, damit Roger seine kleine Einzimmerwohnung in einem Viertel, wo Sie nicht unbedingt gern gelebt hätten, behalten konnte.
In Hectors Praxis ging es ganz anders zu als im Krankenhaus: Die Damen und Herren, die zu ihm in die Sprechstunde kamen, hatten in der Schule ziemlich gute Noten gehabt und waren von einem Vater und einer Mutter großgezogen worden. Sie hatten eine Arbeit, und wenn sie einmal keine mehr hatten, schafften sie es meist, eine neue zu finden; im allgemeinen waren sie gut gekleidet und konnten ihre Geschichte erzählen, ohne grammatische Fehler zu machen, und die Damen waren oft ziemlich hübsch (das machte die Sache für Hector bisweilen kompliziert).
Manche waren dennoch richtig krank oder hatten ein richtiges Unglück erlebt, und in diesen Fällen gelang es Hector größtenteils, sie mit Psychotherapien und Medikamenten zu behandeln. Aber es waren auch viele dabei, die keine richtigen Krankheiten hatten, jedenfalls nicht solche, wie sie Hector als Student zu behandeln gelernt hatte, und sie hatten auch kein richtiges Unglück erlebt wie etwa, daß ihre Eltern nicht gut zu ihnen gewesen wären oder daß sie einen sehr geliebten Menschen verloren hätten. Und trotzdem waren diese Leute nicht glücklich.
Zum Beispiel sah Hector in seiner Sprechstunde ziemlich oft Adeline, eine reizende junge Dame.
»Wie geht’s?« fragte Hector sie.
»Sie hoffen wohl, daß ich Ihnen eines Tages ›Danke, sehr gut‹ antworten werde?«
»Warum denken Sie, daß ich das hoffe?«
»Sie müssen meine Geschichten doch langsam ein bißchen satt haben, oder?«
Da hatte Adeline nicht ganz unrecht, selbst wenn Hector sie im Grunde gut leiden konnte. Adeline hatte Erfolg in ihrem Beruf, sie war Marketingspezialistin, wie man das heute nennt; sie verstand also die Dinge viel teurer zu verkaufen, als sie es eigentlich wert waren, und so waren ihre Chefs hochzufrieden mit ihr und gaben ihr oft fette Prämien.
Aber sie beklagte sich immerzu, vor allem über die Männer. Weil sie recht charmant war, hatte sie immer einen Mann in ihrem Leben, aber es lief niemals so, wie es sollte: Entweder war er nett zu ihr, aber dann fand sie ihn nicht aufregend, oder aber er war aufregend, und sie fand, daß er nicht besonders nett war; manchmal war er auch weder nett noch aufregend, und dann fragte sie sich, was sie eigentlich mit ihm anfangen sollte. Dazu kam, daß es immer ziemlich bedeutende Herren sein mußten, denn wer nicht bedeutend war, brauchte es bei Adeline gar nicht erst zu versuchen.
Indem er ihr eine Reihe von Fragen stellte, versuchte Hector ihr klarzumachen, daß der Gipfel des Glücks nicht unbedingt ein Maximum an Aufregung mit einem höchst wichtigen und dazu noch richtig netten Mann ist (vor allem können Sie sich ja vorstellen, wie leicht so einer zu finden ist – sehr wichtig und sehr nett zugleich ...). Aber es war schwierig, denn Adeline war nun einmal anspruchsvoll.
Er traf auch Männer, die ein bißchen wie Adeline dachten: Sie wollten die alleraufregendste Frau, aber gleichzeitig sollte sie so richtig lieb zu ihnen sein und noch dazu Erfolg haben im Leben. In puncto Arbeit lief es genauso: Sie wollten einen richtig bedeutenden Job, der ihnen aber auch die Freiheit ließ, sich »selbst zu verwirklichen«, wie manche das ausdrückten. Selbst wenn sie in einem Job ganz erfolgreich waren, fragten sie sich, ob sie mit einer anderen Arbeit nicht viel glücklicher gewesen wären.
Alles in allem sagten diese eher gut gekleideten Leute also, daß sie ihr jetziges Leben nicht mochten; sie stellten sich Fragen über ihren Beruf, sie fragten sich, ob sie mit der richtigen Person verheiratet oder beinahe verheiratet waren, sie hatten den Eindruck, daß sie in ihrem Leben gerade etwas Wichtiges verpaßten und die Zeit ihnen zwischen den Fingern verrann, daß sie es nicht schafften, all das zu sein, was sie sein wollten.
Sie fühlten sich nicht glücklich, und das war nicht gerade zum Lachen; einige dachten sogar daran, sich umzubringen, und Hector mußte sich sehr um sie kümmern.
Eines Tages fragte er sich, ob er solche Leute womöglich richtiggehend anzog. Vielleicht lag in seiner Art zu reden etwas, das ihnen besonders gefiel? Oder in der Art und Weise, wie er sie ansah und seinen Schnurrbart zwirbelte, vielleicht sogar in seinen Hindu-Figürchen? In ganz beiläufigem Ton erkundigte er sich bei seinen Kollegen, die sich schon vor längerer Zeit niedergelassen hatten. Kümmerten sie sich bloß um Patienten mit richtigen Krankheiten? Die Kollegen guckten Hector an, als hätte er eine etwas dämliche Frage gestellt. Natürlich befaßten sie sich nicht nur mit Leuten, die richtig krank waren! In ihrer Sprechstunde hatten auch sie viele Personen, die mit ihrem Leben nicht zufrieden waren und sich unglücklich fühlten. Und aus dem, was sie sagten, schloß Hector, daß sie es mit diesen Leuten auch nicht viel besser hinbekamen als er.
Noch seltsamer war jedoch, daß es in diesen Stadtteilen, wo die meisten Leute viel mehr Glück hatten als die Bewohner der anderen Viertel, mehr Psychiater gab als in allen anderen Stadtteilen zusammen und daß dort Monat für Monat neue Praxen öffneten. Und wenn man auf die Weltkarte der Psychiatrie schaute (suchen Sie nicht nach ihr, sie ist sehr schwer zu finden), konnte man sehen, daß es in Ländern wie jenem, wo Hector wohnte, viel mehr Psychiater gab als im Rest der Welt, wo doch wesentlich mehr Leute lebten.
All dies war sehr interessant, brachte Hector aber auch nicht weiter. Er hatte den Eindruck, diesen unglücklichen Leuten nicht helfen zu können. Selbst wenn sie gern wieder einen neuen Termin ausmachten, ihn bedrückte es immer mehr. Er hatte bemerkt, daß ihn eine Sprechstunde mit solchen unzufriedenen Leuten viel müder machte als eine Konsultation mit Patienten wie Roger. Und weil er immer häufiger diese Unglücklichen ohne Unglück sah, wurde er immer müder und sogar selbst ein bißchen unglücklich. Er begann sich zu fragen, ob er den richtigen Beruf gewählt hatte, ob er mit seinem Leben zufrieden war und ob er nicht gerade etwas Wichtiges verpaßte. Da bekam er es mit der Angst zu tun, weil er sich fragte, ob diese unglücklichen Leute nicht womöglich ansteckend waren. Er dachte daran, selbst ein paar Pillen zu nehmen (er wußte, daß manche seiner Kollegen welche nahmen), aber er überlegte noch einmal und fand, daß es keine gute Lösung war.
Eines Tages sagte Madame Irina zu ihm: »Doktor, ich sehe, daß Sie sehr müde sind.«
»Oh, es tut mir leid, wenn man das merkt.«
»Sie sollten wirklich Urlaub machen, das würde Ihnen guttun.«
Hector fand diese Idee gut: Wie wäre es, wenn er eine richtige Urlaubsreise machte?
Aber weil er gewissenhaft war, wollte er seine Ferien so einrichten, daß sie ihm dazu dienten, ein besserer Psychiater zu werden.
Und so beschloß er, eine Reise um die Welt zu unternehmen, und überall wollte er versuchen zu begreifen, was die Leute glücklich oder unglücklich machte. Wenn es denn eine geheime Glücksformel gab, sagte er sich, dann würde er sie auf diesem Wege früher oder später gewiß entdecken.

François Lelord

Über François Lelord

Biografie

François Lelord, geboren 1953, studierte Medizin und Psychologie und wurde Psychiater, schloss jedoch seine Praxis, um zu reisen und sich und seinen Lesern die wirklich großen Fragen des Lebens zu beantworten. Er lebt mit seiner Frau in Paris und Thailand. 2004 eroberte er sich mit seinem...

Medien zu »Hectors Reise«

Das Buch zum Film: »Hectors Reise« kommt in die Kinos

Pressestimmen

Pforzheimer Zeitung

»Macht beim Lesen einfach so richtig glücklich!«

Voralberger Nachrichten

»Es ist eine bezaubernde, poetische Geschichte über Glück und den Sinn des Lebens.«

Brigitte

»Am Ende von ›Hectors Reise oder Die Suche nach dem Glück‹ ist jeder auf seine Weise glücklich.«

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