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Hardenberg

Reformer und Staatsmann

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Hardenberg — Inhalt

Karl August von Hardenberg war preußischer Außenminister von 1804 bis 1806 und Staatskanzler von 1810 bis 1822. Zusammen mit Karl Freiherr vom Stein lieferte er das Konzept für die »Stein-Hardenberg’schen Reformen«: Sie führten zu einer entscheidenden politischen, wirtschaftlichen und militärischen Modernisierung Preußens, die angesichts der verheerenden Niederlage gegen Napoleon dringend nötig war. Hardenberg war eine widersprüchliche Figur: Geschickt verfolgte er seine Karriere bis ins höchste preußische Staatsamt, er reformierte die Staatsfinanzen von Grund auf – war aber selbst chronisch überschuldet. Seine zahlreichen Ehen und Liebschaften lassen ihn als Getriebenen auf der Suche nach Geborgenheit erscheinen. Lothar Gall zeichnet in seiner Biografie das Bild eines großen Staatsmannes mit all seinen menschlich-allzumenschlichen Seiten.

 

Erschienen am 01.09.2016
288 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag
ISBN 978-3-492-05798-1
Erscheint am 03.07.2018
288 Seiten, Broschur
ISBN 978-3-492-31299-8
Erschienen am 01.09.2016
288 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-492-95210-1

Leseprobe zu »Hardenberg«

Einleitung

 

Die allgemeine Bewegung ist das eigentlich Lebendige in der Geschichte; wahre Bedeutung hat der Staatsmann nur insofern, als er sie an seiner Stelle fördert und vielleicht leitet« – mit diesen Worten umriss Leopold von Ranke in seiner »Vorrede« zu der von ihm vorgelegten Biografie und Edition über Karl August von Hardenberg, was ihn, den Historiker, an der Biografie des Mannes in speziellem Maße interessierte und worauf er die Aufmerksamkeit des Publikums in besonderer Weise richten wollte. »Um sein Leben und seine Laufbahn zu verstehen«, [...]

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Einleitung

 

Die allgemeine Bewegung ist das eigentlich Lebendige in der Geschichte; wahre Bedeutung hat der Staatsmann nur insofern, als er sie an seiner Stelle fördert und vielleicht leitet« – mit diesen Worten umriss Leopold von Ranke in seiner »Vorrede« zu der von ihm vorgelegten Biografie und Edition über Karl August von Hardenberg, was ihn, den Historiker, an der Biografie des Mannes in speziellem Maße interessierte und worauf er die Aufmerksamkeit des Publikums in besonderer Weise richten wollte. »Um sein Leben und seine Laufbahn zu verstehen«, fuhr er fort, müsse man »zugleich die allgemeinen Angelegenheiten, auf die er einwirkte, und die noch viel mehr auf ihn zurückwirkten, umfassen.«

Das war, ganz in der Tradition des Philosophen Georg Friedrich Wilhelm Hegel, aber ohne dessen einseitige, nur auf das Allgemeine abhebende Deutung, die Position der sich damals neu formierenden historischen Wissenschaft. Sie löste die Geschichte als eigenständige Disziplin aus ihrer bisherigen Bindung als eine Art Hilfswissenschaft an die jeweils vorherrschenden Kräfte des Staates, der Wirtschaft und der Kirche und auch der konkret dominierenden gesellschaftlichen Gruppen. Indem sie freilich die Bedeutung des Einmaligen, des Besonderen hervorhob und dessen jeweils spezifischen Charakter herausarbeitete, geriet sie leicht in die Versuchung, das Übergreifende, das Allgemeine aus dem Auge zu verlieren. Hiergegen hat sich Ranke, und darin beruht in vielem seine fortwirkende Bedeutung bis heute, sehr energisch ausgesprochen. Er hat in seinen Schriften immer wieder betont, wie das Allgemeine und das Besondere zusammenhingen und dass man zu übergreifenden Einsichten nur gelangen werde, wenn man aus dem Besonderen jeweils das in ihm enthaltene Übergreifend-Allgemeine herauszuarbeiten bestrebt sei.

Dass das gerade im Falle einer Biografie besonders schwierig sein werde, hat Ranke sehr genau gesehen. Er hat sich auch deswegen in seinem Werk mit biografischen Darstellungen eher zurückgehalten. Als ihm jedoch niemand Geringerer als Bismarck den erstmaligen Zugang zu dem im Staatsbesitz befindlichen schriftlichen Nachlass Karl August von Hardenbergs eröffnete, hat er sich dann doch im hohen Alter an eine Biografie Hardenbergs gemacht. In ihr suchte er in der Tat das Allgemeine im Besonderen herauszuarbeiten, und das in einem Maße, dass das Allgemeine über weite Strecken das Besondere, sprich die Biografie im engeren Sinne, ihre faktischen Einzelheiten, in den Hintergrund drängte.

Worin aber bestand das ganz Spezifische, Individuelle im Leben Hardenbergs, in dem sich zugleich das Übergeordnete, eine allgemeine Tendenz unmittelbar widerspiegelte? Es lag in dem unbedingten Vorrang, den der Gedanke des modernen Staates und der vorbehaltlos auf ihn verpflichteten Bürokratie für ihn hatte. In dessen Durchsetzung sah er nach dem Vorbild eines Mannes wie Richelieu, des eigentlichen Schöpfers des modernen französischen Staates, aber insgeheim auch eines Herrschers wie Napoleon seine eigentliche politische Lebensaufgabe, eine Aufgabe, die sich ihm nach dem völligen inneren und äußeren Zusammenbruch des alten Preußens nach 1806 unmittelbar und ganz konkret stellte. In ihrem Zeichen stand letzten Endes alles, was er außen- und innenpolitisch unternahm, wobei beide Bereiche für ihn untrennbar zusammenhingen.

Der Staat aber war für ihn der monarchisch verfasste, bürokratisch geleitete Anstaltsstaat, wobei, so nachdrücklich Hardenberg stets den unbegrenzten Machtanspruch des regierenden Monarchen betont hat, der Monarch als solcher für ihn insgeheim nur den Punkt auf dem i bildete, wie es Hegel später formulieren sollte. Auch in dieser Hinsicht folgte Hardenberg ganz dem Vorbild Richelieus, der nach außen immer den absoluten Machtanspruch seines Königs unterstrichen hatte, in dessen Schatten er nahezu unumschränkt wirkte.

Von hier aus lässt sich letztlich auch der zentrale Unterschied zwischen Hardenberg und dem Mann markieren, mit dem er zeitweise auf das Engste zusammenarbeitete und der stets mit ihm in einem Atemzug genannt wird: Heinrich Friedrich Karl Freiherr vom und zum Stein. Stein propagierte die Monarchie auf ständischer Grundlage und unter entscheidender Mitwirkung der ständisch verfassten Gesellschaft, während für Hardenberg die Gesellschaft als solche im Wesentlichen nur ein Objekt der Politik war, nicht aber ein Subjekt, dessen Wille letztendlich bestimmend sein müsse. Allerdings hob er gleichzeitig hervor, wie wichtig, unbeschadet der bürokratischen Leitung und Organisation des Gemeinwesens durch den etablierten Anstaltsstaat, die Mitwirkung freier gesellschaftlicher Kräfte an diesem Staat sei. Worin diese Mitwirkung genau bestehen solle, das ließ er weitgehend offen, und seine politischen Gegner, die sich vom Prinzip eines von gesellschaftlicher Mitwirkung gänzlich freien monarchisch-bürokratischen Absolutismus leiten ließen, trugen am Ende den Sieg davon.

Formal blieb Hardenberg bis zu seinem Tod an der bürokratischen Spitze des preußischen Staates, wiewohl er am Ende seine politische Machtstellung weitgehend eingebüßt hatte. Bis dahin aber hatte er die Macht des Staates in moderner Form entscheidend vorangebracht. Insofern gehört er, obwohl er hinsichtlich der meisten der von ihm ursprünglich verfolgten Ziele politisch gescheitert ist, zu den prägenden und bestimmenden Gestalten der preußischen und damit auch der deutschen Geschichte insgesamt.

Hardenberg war schon sechzig Jahre alt, als er 1810 als »Staatskanzler« an die Spitze des preußischen Staates gelangte – eines Staates, der, in der Schlacht von Jena und Auerstedt im Oktober 1806 vernichtend geschlagen und zur Abtretung eines erheblichen Teils seines Territoriums sowie zu einer gewaltigen Kriegskontribution gezwungen, praktisch in einem Satellitenverhältnis zum napoleonischen Frankreich stand. Preußen Schritt für Schritt aus diesem Satellitenverhältnis zu lösen und es zu seiner alten militärischen und territorialen Großmachtstellung zurückzuführen war das erste und vornehmste außenpolitische Ziel des Staatskanzlers Karl August von Hardenberg.

Innenpolitisch verfolgte er die Absicht, die von Stein eingeleitete und vorangetriebene grundlegende innere Reform des preußischen Staates weiterzuführen und auf immer neue Gebiete auszudehnen. Beide Ziele hat er, begünstigt durch die äußeren Umstände, binnen weniger Jahre im Großen und Ganzen erreicht. Dann aber wurde er, wenn man so will, zum Opfer seiner eigenen Erfolge, indem die neue Ordnung Kräfte begünstigte, die sich von eben dieser neuen Ordnung bedroht fühlten und sich gegen den Mann wandten, der sie wesentlich mit herbeigeführt hatte. Der Kampf gegen die »Revolution von oben« und um die Wiederherstellung zumindest eines Teils der alten Verhältnisse, die »Restauration«, wie es der Schweizer Staatstheoretiker und Politiker Carl Ludwig von Haller in seinem 1816 erschienenen Hauptwerk »Die Restauration der Staatswissenschaften« nannte, gab der nachfolgenden Epoche den Namen.

 

 

Jugend und erste Jahre im »Staatsdienst«

 

Zunächst hatte vergleichsweise wenig darauf hingedeutet, dass Karl August von Hardenberg als »Staatskanzler« an die Spitze des preußischen Staates aufsteigen würde. Sicher, aus einer altadligen Familie stammend, hatte er wie viele ihrer Vertreter von Anfang an das Ziel, in den, wie es in der Sprache der Zeit hieß, »Dienst« eines territorialen Landesherrn zu treten – in seinem Fall war das der Landesherr des Ende des 17. Jahrhunderts zum Kurfürstentum aufgestiegenen Herzogtums Hannover, der seit 1714 in Personalunion zugleich König von England war – und als »Staatsdiener« in möglichst raschen Schritten in eine hohe Position aufzusteigen.

Reguläre, an mehr oder weniger objektiv feststellbare Kriterien gebundene Stationen einer Beamtenlaufbahn gab es zu dieser Zeit nur sehr begrenzt. Entscheidend waren vielmehr der Einfluss und die Stellung – und nicht zuletzt die Gunst – des jeweiligen Amtsvorgesetzten. Und dieser suchte seine Position dadurch zu festigen, dass er sich mit einem Kreis nicht in erster Linie besonders befähigter, sondern ihm persönlich ergebener Männer umgab. Mit anderen Worten: Voraussetzung für eine erfolgreiche Karriere als Staatsdiener waren die Erwartungen des Vorgesetzten, ob sich der Betreffende dessen Ziele zu eigen machen und in dessen Sinne wirken werde. Die Staatsdienerschaft bildete so eine Art Lehensverband, in den einzudringen und in dem aufzusteigen von vielen ganz persönlichen Verbindungen und Faktoren abhing, unter denen die individuelle Befähigung und Leistungsfähigkeit nur einer von vielen war. Hardenberg musste diese Erfahrung schon ganz am Anfang seiner Karriere machen.

Hoher Beamter im Staatsdienst zu werden, das hatte Tradition in der Familie Hardenberg. Die Hardenbergs gehörten zum landbesitzenden, mit ständischen Rechten ausgestatteten Adel, der in der einen oder anderen Form auch landesherrliche Funktionen wahrnahm, sei es in der Armee oder in der Verwaltung. Hardenbergs Onkel Friedrich Karl, der Erbherr der beiden hardenbergischen »Gerichte«, war Geheimer Kammerrat und Kriegspräsident und wurde mit diplomatischen Aufträgen betraut, so gegenüber Frankreich, das während des Österreichischen Erbfolgekriegs Hannover bedrohte.1 Und dessen jüngerer Bruder Christian Ludwig, Hardenbergs Vater, war Soldat in der hannoverschen Armee; er zog als Generalmajor an der Seite des verbündeten Preußens in den Siebenjährigen Krieg und beendete seine Laufbahn als Generalfeldmarschall.

Der kinderlose Onkel hatte 1752, als Hardenberg zwei Jahre alt war, die Familiengüter seinem jüngeren Bruder vermacht und gleichzeitig bestimmt, dass sein Neffe, der künftige »Erbherr« seiner Länder, eines Tages sein gesamtes Privatvermögen erben solle. Überhaupt hatte er sich um seinen Neffen von früh an sehr intensiv gekümmert, vor allem, nachdem seine Schwägerin Anna Sophie, während ihr Mann im Krieg war, mit den Kindern nach Hannover gezogen war. Er hat ihn wie einen eigenen Sohn behandelt und insbesondere auch seine schulische Ausbildung mit großer Aufmerksamkeit verfolgt. Sein Ziel war, dass diese nach den modernsten Regeln der Zeit erfolgte und sich an modern-aufklärerischen Idealen orientierte.

Zuerst lag der Unterricht bei einem Hauslehrer. Im Oktober 1760 dann schickte der Onkel seinen Neffen auf eine öffentliche Schule, wo dieser mit den Söhnen aus der zumeist bürgerlichen Beamten- und Bildungsschicht in enge Berührung kam; darauf gründeten sich persönliche Verbindungen, die Hardenberg sein ganzes weiteres Leben begleiteten. Insbesondere nahm er hier, unter der Aufsicht und mit sehr direkten Impulsen des Onkels und seines Hauslehrers, der ihn nach wie vor begleitete, neben speziellen Kenntnissen in breitem Maße das in sich auf, was man das allgemeine Wissen eines »gebildeten« Zeitgenossen nannte: Grundkenntnisse in der Philosophie, der Literatur, der Kunst und Kunstgeschichte, hinsichtlich der Entwicklung des Bildungswesens und allgemein der Pädagogik in den verschiedenen Bereichen, aber auch der verschiedenartigen Staatsformen und Religionen. Insgesamt umfasste das ein gewaltiges Pensum und übertraf das, was ein gewöhnlicher Angehöriger des landsässigen Adels zu können und zu leisten hatte, um ein Mehrfaches.

Hardenberg war von früher Jugend an allen Bereichen des Wissens gegenüber aufgeschlossen, das betraf sowohl die fachlichen Anforderungen als auch die Gebiete, die man zu den nicht unmittelbar praktisch anwendbaren, für den Beruf eines künftigen Staatsdieners hingegen unbedingt erforderlichen zählte. So hat er sich schon sehr früh für Literatur, Musik und die schönen Künste interessiert. Er lernte Geige spielen und vertiefte sich neben der modernen insbesondere in die antike Literatur, wobei er sich vor allem mit Horaz beschäftigte, den er bis ins höhere Alter immer wieder las und von dessen Werken er vieles auswendig konnte.

Als er 1766, im Alter von sechzehn Jahren, an seiner heimischen Universität Göttingen immatrikuliert wurde, begann er das Studium der Jurisprudenz, bezog aber von Anfang an auch andere Fächer mit ein. Die Göttinger Universität war nach ihrer Gründung im Jahr 1736 sehr rasch zu einer der führenden Hochschulen Deutschlands aufgestiegen, mit zahlreichen hervorragenden Professoren auf den verschiedensten Gebieten. So belegte der junge Hardenberg2 neben den juristischen Fächern im engeren Sinne – die er allerdings von Anfang an, wie er rückblickend schrieb, »nur nachlässig frequentirte«3 – schon im ersten Semester die Horaz-Vorlesung des klassischen Philologen Christian Gottlob Heyne, eines der führenden Vertreter der neuen »Altertumswissenschaft« in Deutschland. Bei ihm hörte er auch »Altertumskunde« und »Gelehrtengeschichte«, die er bei Johann Stephan Pütter, einem der führenden Vertreter des öffentlichen Rechts, sprich des Rechts im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation, erweiterte und vertiefte; bei diesem hörte er auch dessen berühmtes Kolleg über die Reichsgeschichte, das er durch Vorlesungen über die Beziehungen der europäischen Staaten vom Mittelalter bis zur unmittelbaren Gegenwart bei Pütters Freund und Kollegen Gottfried Achenwall ergänzte.

Achenwall war im weiteren Verlauf seines Studiums auch sein akademischer Lehrer in »Urkundenlehre«, die unter dem Namen »Statistik« den »Inbegriff alles Wissens« umschrieb, »welches einem praktischen Staatsmanns notwendig ist«.4 Von Georg Christoph Lichtenberg, in dessen Haus er später wohnte, ließ er sich in die Grundlagen der Mathematik einführen. Und bei Johann Christoph Gatterer, dem Historiker, hörte er Vorlesungen über die »Universalgeschichte«.

Nach drei Semestern an der Universität Göttingen ging Hardenberg für zwei Semester an die Universität Leipzig – allerdings nicht so sehr, um hier weiter Jurisprudenz zu studieren, sondern um andere Fächer und vor allem andere Lebensformen kennenzulernen, als sie einem Spross des landständischen Adels damals vertraut waren. Johann Wolfgang von Goethe, der zur selben Zeit wie Hardenberg in Leipzig studierte, nannte die Stadt »Klein Paris«.

In der Tat bot Leipzig ein breites Panorama der verschiedenartigsten geistigen und künstlerischen Strömungen der Zeit. Sowohl Goethe als auch Hardenberg wie viele andere haben davon profitiert, freilich jeder auf seine Weise und nach seiner Art. Der Kontakt zwischen den beiden blieb oberflächlich, obwohl sie beide bei Adam Friedrich Oeser, dem Maler und Bildhauer, Zeichenunterricht in der Leipziger Kunstakademie nahmen, wo sie auch in die Kunstgeschichte der Antike im Sinne der Ideen Winckelmanns eingeführt wurden. Nach Herkunft, Erziehung, Ausbildung und Lebenszielen unterschieden sie sich grundlegend voneinander, und sie fanden, aufgrund ihrer ganz verschiedenen Mentalität, auch später nie einen richtigen Draht zueinander.

Wer als Student nach Leipzig ging, der kam vor allem wegen der Vorlesungen von Christian Fürchtegott Gellert, der eine Professur für »Poesie, Beredsamkeit und Moral« innehatte und als Schriftsteller und Poet eine Kultfigur der Zeit war. In seine Vorlesungen strömten Studierende aller Fakultäten, auch Hardenberg. Ihn nahm Gellert schon bald in seinen engsten Kreis auf, in sein »Privatissimum«, in dem er moralische Abhandlungen sehr verschiedener Art besprach. Dabei hob Gellert insbesondere immer wieder die Klarheit des Ausdrucks und des Stils hervor, in denen sich die Klarheit des Willens und der Gesinnung des Schreibenden spiegele. Seine eigentliche Lehre war, dass die zentrale Aufgabe des Menschen darin bestehe, sich, getragen von fester Vernunftgläubigkeit, in die Realität des Gegebenen hineinzufinden und an deren Versittlichung zu arbeiten. Goethe sprach später davon, dass Gellerts Schriften das Fundament der deutschen sittlichen Kultur der Zeit gewesen seien. Hardenberg bestachen vor allem die Klarheit und die moralische Gesinnung der Lehren Gellerts – und daneben insbesondere die Klarheit und innere Logik seines Stils, die er sich auch persönlich zum Vorbild nahm.

Dass Gellert noch während Hardenbergs Aufenthalt in Leipzig an dessen Eltern einen ausführlichen Brief schrieb, in dem er die Wissbegierde, den Fleiß und den nach allen Seiten hin offenen Verstand des jungen Mannes lobte und ihn als ein Musterbild eines heranwachsenden Kavaliers beschrieb, hat diesen sicher gefallen. Es hat jeden Gedanken, der Sohn nutze seine Freiheit von dem heimischen Umfeld noch zu anderen Zwecken als denen des Studiums, in den Hintergrund gedrängt. Ein solcher Gedanke konnte sich angesichts der enormen Ausgaben aufdrängen, die den schon reichlichen Wechsel weit überschritten, der dem Studenten für sein Leben und seine Studien in Leipzig gewährt worden war; Hardenberg begann Schulden aufzuhäufen, die ihn von da an zeitlebens begleiten sollten.

Seine gewaltigen Unkosten entstanden vor allem durch Ess- und Trinkgelage, die er laufend veranstaltete. In den »Aufzeichnungen über meinen Gesundheitszustand«, die er in den späten Achtzigerjahren des 18. Jahrhunderts in Braunschweig zu Papier brachte, heißt es lakonisch, er habe in seinen »Jugendjahren, ohne ein Säufer und Schlemmer zu sein, oft in fröhlichen Zusammenkünften stark getrunken und mit großem Appetit vielleicht mehr gegessen, als mir heilsam war«. Dazu kamen zahlreiche erotische Abenteuer, zu denen er an gleicher Stelle knapp bemerkte: »Liederlich war ich nie, aber des Vergnügens der Liebe genoß ich in gewissen Epochen meines Lebens viel und wohl zuweilen im Übermaß.«5 Das bezog sich neben anderem auf seine Zeit in Leipzig, von deren Eskapaden die Eltern kaum etwas erfuhren, zumal er sich von der Aufsicht durch den Hofmeister, der wöchentlich über sein Leben und sein Benehmen an die Eltern zu berichten hatte, mit Klagen über dessen Verhalten trickreich befreite.

Die Eskapaden in »Klein Paris« waren das eine, das Studium das andere. Und ihm widmete sich Hardenberg mit großer Intensität. Nicht in erster Linie der Jurisprudenz. Die Vorlesungen auf diesem Gebiet verfolgte er weiterhin eher nachlässig. Er widmete sich vor allem den »belles lettres«, wie es in der Sprache der Zeit hieß, also der Literatur, außerdem der Musik – einschließlich des praktischen Violinunterrichts zweimal die Woche –, dem Zeichnen bei Professor Oeser und einem Kurs über Baukunst. Ferner besuchte er ein Kolleg über »Manufakturen und Fabriquen«, in dem er auf einen entfernten Verwandten, Friedrich Anton von Heynitz, traf. Der damalige »Generalkommissarius« und Leiter der kursächsischen Bergwerke und spätere preußische Minister nahm Hardenberg auf seine Dienstreisen in die sächsischen Hüttenbetriebe mit und führte ihn in die Verbindung von Kameralwissenschaften und Bergwerkskunde, also von Theorie und Praxis, ein.

Mit vielfältigen Anregungen auf den verschiedensten Gebieten kehrte Hardenberg nach zwei Semestern in Leipzig im Sommer 1869 nach Göttingen zurück und widmete sich nun ganz seinem Fachstudium. Zu seinem Lehrer im engeren Sinne wählte er Johann Stephan Pütter. Pütter schilderte in seinen Vorlesungen in aller Nüchternheit die gewachsenen Rechte der mittleren und kleineren Staaten mit ihrem jeweiligen Landesherrn an der Spitze und fügte sie ein in den Rahmen des Reiches mit Reichstag, Reichskammergericht und Reichshofrat sowie dem Kaiser als obersten Repräsentanten und Integrationsfigur des Ganzen, wobei er die Schwächen und die Konfliktbereiche nicht ausklammerte. Er sprach vom »Privatrecht der deutschen Fürsten«, zu denen er auch die Herrscher der kleineren und der mittelgroßen Staaten wie etwa Preußen rechnete. Ob kleine oder größere Staaten, sie alle waren für ihn nur Teile des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation, waren also Partikularstaaten mit partikularem Recht, über denen die Institutionen des Reiches und die kaiserliche Gewalt standen. Dieses Konzept einer »reich abgestuften« wechselseitigen Abhängigkeit der Glieder des Reiches voneinander entsprach dem Interesse der Mehrheit der deutschen Fürsten. Und jeder junge Mann, der einmal in den Dienst eines deutschen Staates treten wollte, musste sich um das Reichsrecht kümmern, musste das Instrument beherrschen lernen, auf dem er einst selbst würde spielen müssen.

Hardenberg freilich, den Pütter als einen der begabtesten im Kreise seiner engsten Schüler einschätzte, sah sich von vornherein nicht als künftigen Fürstendiener, sondern als »Staatsdiener«, als Diener also des Staates an sich, nicht des Monarchen, der gerade an dessen Spitze stand. Der Staat aber, das waren seine Institutionen, getragen und geleitet von den Staatsdienern: den Beamten unterschiedlicher Stellung und unterschiedlichen Ranges. Institutionen und Staatsdiener in ein ihren Aufgaben entsprechendes, zeit- und vernunftgemäßes Verhältnis zueinander zu bringen, darin sah er von Beginn an seine eigentliche Aufgabe, eine Aufgabe, die nur auf dem Wege grundlegender Reformen zu bewältigen sein werde.

In solchem Geist und mit solchen grundsätzlichen Zielen bewarb sich Hardenberg nach einem achtsemestrigen Studium, das er ohne formellen Abschluss beendete, den niemand von einem Mann des Adels damals erwartete, bei seinem Landesherrn um Aufnahme in den Staatsdienst. Georg III. Wilhelm Friedrich, Kurfürst von Hannover und König von Großbritannien und Irland, befürwortete höchstpersönlich die Anstellung, die Hardenbergs Vater seit Längerem vorbereitet hatte. Hardenberg erhielt zunächst eine »Auditorenstelle«, die Stelle einer unbesoldeten Hilfskraft am Gericht, die etwa der eines heutigen Referendars entsprach, nur eben ohne Gehalt, was man einem »Edelmann auf dem Lande, der ein bedeutendes Vermögen zu erwarten hatte«, zumuten konnte.

Lothar Gall

Über Lothar Gall

Biografie

Lothar Gall zählt zu den bekanntesten deutschen Historikern. Er ist Träger des Leibniz- und des Balzan-Preises und erfolgreicher Autor zahlreicher Bücher, unter anderem über Wilhelm von Humboldt, Bismarck, Walther Rathenau und Hermann Josef Abs.

Pressestimmen

Die Tagespost

»Lothar Gall, Frankfurter Historiker und einer der besten Preußen-Experten, hat den Reformer und Staatsmann Hardenberg, der zugleich ein Lebemann war, mit einer glänzenden, knapp gehaltenen, aber alles enthaltenden Biographie gewürdigt.«

DVBI Deutsches Verwaltungsblatt

»Diese gut lesbare Biographie bietet eine schöne Gelegenheit, sich erneut dem Leben und Wirken Hardenbergs, ebenso wie dem der anderen, für die deutsche Staatlichkeit und Verwaltungsgeschichte so bedeutenden, Staatsmännern der preußischen Reformzeit zuzuwenden.«

Buch-Magazin

»Lothar Gall zeichnet in seiner Biografie das Bild eines großen Staatsmannes mit all seinen menschlich-allzumenschlichen Seiten.«

Bücher am Sonntag/ NZZ am Sonntag

»Lothar Gall, der Doyen der deutschen Historiografie, widmet ihm die erste Biografie seit Jahrzehnten - mit leichter Feder und nüchterner Eleganz.«

Inhaltsangabe

Einleitung


Jugend und erste Jahre im » Staatsdienst «
Minister in Braunschweig
» Vizekönig « in Ansbach und Bayreuth
Beorderung nach Berlin
Preußischer Außenminister
Rühriger Privatmann und prägender Vordenker
Erster Kabinettsminister
Die Rigaer Denkschrift
Staatsmann im Exil
Politisch am Ziel: Preußischer Staatskanzler
Das Ende

Anhang
Anmerkungen
Quellen
Literatur
Personenregister
Bildnachweis

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