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Gutes Personal ist schwer zu finden

Gutes Personal ist schwer zu finden

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Gutes Personal ist schwer zu finden — Inhalt

Als die beiden Schwestern Laure und Marie erfahren, dass ihre Eltern die Sommerresidenz L’Agapanthe an der Côte d'Azur verkaufen wollen, weil es heutzutage kein geeignetes Personal für diese Art von »bonne maison« mehr gibt und die Instandhaltung zu teuer ist, schmieden sie einen Plan: Noch einen letzten Sommer wollen sie illustre Urlaubsgäste laden, – männliche illustre Urlaubsgäste –, bis sie einen geeigneten Kandidaten zum Lieben und zur Hausfinanzierung gefunden haben. Doch als sie auf die neureichen Herren treffen, kommt es ungewollt zu einer Salonkomödie; in den Hauptrollen Börsenmakler, Yogis, Modedesigner und Männer, die im Sommer Flanell tragen. Am Ende der Saison wollen die Schwestern schon das Waffelpiqué-Handtuch werfen, als aus ungeahnter Richtung Rettung naht …

€ 8,99 [D], € 8,99 [A]
Erschienen am 31.03.2014
Übersetzt von: Bärbel Arnold, Velten Arnold
368 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-96637-5

Leseprobe zu »Gutes Personal ist schwer zu finden«

I

Prolog

 

 

Frühling 2007

Es war ein Sonntag wie jeder andere. Mein Sohn Félix war bei seinem Vater. Meine Schwester und ich richteten es immer so ein, dass wir mindestens einmal im Monat gemeinsam mit ­unseren Eltern zu Abend aßen, und jetzt, da der Mai fast vorüber war und das Wetter immer besser wurde, würde unsere ­Unterhaltung an diesem Abend zwangsläufig um unsere Pläne für den Sommer kreisen. Dass ich mich auf einen Abend freute, der Jahr für Jahr nach dem gleichen Muster ablief, konnte nur bedeuten, dass ich zutiefst gelangweilt gewesen sein [...]

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I

Prolog

 

 

Frühling 2007

Es war ein Sonntag wie jeder andere. Mein Sohn Félix war bei seinem Vater. Meine Schwester und ich richteten es immer so ein, dass wir mindestens einmal im Monat gemeinsam mit ­unseren Eltern zu Abend aßen, und jetzt, da der Mai fast vorüber war und das Wetter immer besser wurde, würde unsere ­Unterhaltung an diesem Abend zwangsläufig um unsere Pläne für den Sommer kreisen. Dass ich mich auf einen Abend freute, der Jahr für Jahr nach dem gleichen Muster ablief, konnte nur bedeuten, dass ich zutiefst gelangweilt gewesen sein muss. Ich verspürte einen Anflug von Wehmut; mein Leben war definitiv eintönig. Ich kümmerte mich um Félix’ Wohlergehen und um die Ängste meiner Patienten, doch es gab nichts, was meine ­eigene Leidenschaft entfachte. Ich fühlte mich leer. Also überzeugte ich mich letztendlich selbst, dass es nichts daran auszusetzen gab, an einem Familienritual Gefallen zu finden, das ich in- und auswendig kannte.

Ich sah alles genau vor mir: Marie und ich würden uns um fünf vor neun Uhr auf dem Vorplatz treffen und uns gegenseitig zu unseren jeweiligen Outfits gratulieren, bevor wir uns der zur Schau getragenen Gleichgültigkeit meiner Mutter stellten, die unsere Bemühungen, ihren kleidungstechnischen Ansprüchen gerecht zu werden, niemals auch nur wahrzunehmen schien. Die sonntäglichen Abendessen waren ein regelrechter Modewettbewerb: Wir hatten in einem zugleich eleganten und zwanglosen Outfit zu erscheinen, zum Beispiel in einem gut geschnittenen Kostüm oder in schicker Sportkleidung. In diesem Spiel war meine Schwester anerkanntermaßen unschlagbar.

Wir würden in die Küche marschieren, um uns das leichte Abendessen zu holen, das der Koch, der seinen freien Tag hatte, für uns dort bereitgestellt hatte, und das Tischgespräch würde sich selbstverständlich dem bevorstehenden Sommer zuwenden.

»Immer dieselben Gäste!«, würde mein Vater klagen und seufzen.

Meine Mutter, die ihr kastanienbraunes Haar zu einem Chignon hochgesteckt haben würde und in ihrem eleganten Hauskleid (diesem altmodischen Kleidungsstück, das irgendwo zwischen einem Morgenmantel und einem Abendkleid angesiedelt war) schick und schlank aussah, würde einwenden, dass sie nach Kräften ihr Bestes tue. Arbeitete sie nicht sowieso schon hart genug daran, die übliche Runde mit neuen Gesichtern aufzufrischen? Es sei viel schwieriger, als es aussehe, Jahr für Jahr kultivierte und interessante Gäste aufzubieten, die kluge Gesprächspartner waren, sich jedoch nicht als Schnorrer erwiesen. Dann würde meine Mutter innehalten und so tun, als würde sie einlenken.

»Im Grunde genommen hast du recht. Aber ich weiß trotzdem nicht … Meine letzten Versuche … Denk nur an Joy, Moïra und Samuel … all die Mühe war …. vergebens. Sie schienen so charmant zu sein, und dann … ein einziges Desaster.«

Marie und ich würden uns einen Blick zuwerfen, um uns zu vergewissern, dass wir uns nichts einbildeten. Da niemand sonst je Notiz davon zu nehmen schien, wenn unsere Mutter in beunruhigender Weise nach Worten rang, würde jeder Kommentar, den meine Schwester oder ich hätten abgeben können, gemein klingen und die vergnügliche Diskussion über unser Sommerhaus mit einer bitteren Note versehen.

Denn für uns war L’Agapanthe ein Hort des Glücks.

Abgeschirmt von jeglicher Zeit, war es eine eigene Welt. Eine Welt des Luxus und des unbeschwerten Vergnügens. Wir redeten voller Stolz über L’Agapanthe, so wie andere über den ­Exzentriker ihrer Familie reden oder über irgendeine schillernde Person, die zu kennen sie für ein Privileg halten. L’Agapanthe war nicht das normale Sommerhaus einer rosaroten Kindheit, das nostalgische Erinnerungen an Marmeladenbrot, Arme Ritter und aufgeschürfte Knie heraufbeschwor. Nein. Während der Sommermonate verlangte das Haus, genau wie ein Ozeandampfer, nach Passagieren und jeder Menge Personal. Kurz gesagt war es das, was man meint, wenn man von bonne maison spricht.

Dieses unverschämt snobistische Understatement bezog sich auf die Handvoll Häuser der gleichen extravaganten Edelkategorie, die über die ganze Welt verteilt waren und in denen der Verbindung von Luxus, perfektem Geschmack und einem kultivierten Lebensstil gefrönt wurde. Im gleichen Sinn würde man von grandes familles oder grand hôtels sprechen. Die Bediensteten, die in derartigen Häusern arbeiteten, nannten sie grandes maisons, und ohne sie zu beschreiben oder zu definieren, was all diese grandes maisons gleichermaßen auszeichnete, hätten diese Experten in Korsika, Mexiko, in der Toskana oder auf Korfu eine ­Inventarliste herunterbeten können, die weitaus stichhaltiger war als das, womit die Gastgeber prachtvoller europäischer ­Hotels ihre Häuser in Reiseführern und Zeitschriften anzupreisen pflegten.

Diese Häuser verfügten grundsätzlich über:

Speiseaufzüge,

begehbare Kühlräume,

Klingeltafeln für den Service in den Zimmern der

oberen Etagen,

Lieferwagen für die Lebensmitteleinkäufe,

Schränke für die Frühstückstabletts,

eine Küche (für die Köche),

ein Anrichtezimmer (für die Butler),

eine Wäscherei mit Wäscheschränken,


einen Raum mit einer Kupferspüle zum Arrangieren von Blumengestecken und zum Aufbewahren von Vasen,

Keller,

Lagerräume

und ausgedehnte Quartiere für die Bediensteten.

Aus diesen Häusern wurden jegliche Spülmaschinen, Mikrowellengeräte, in Empfangsräumen befindliche Fernseher, Fertiggerichte, unbekümmerte Ungezwungenheit sowie jede Form von legerer Kleidung verbannt.

Eines der wichtigsten Kriterien für ein »gutes Haus« war die Schönheit des Ortes, an dem die Patina der Zeit jegliche Tri­vialität ausgelöscht hatte, eine Voraussetzung, die selbst die prachtvollsten modernen Häuser von vornherein ausschloss. Nicht einmal historische Monumente wurden in den erlesenen Kreis aufgenommen, jene herrschaftlichen Anwesen, deren Besitzer, nur selten wohlhabend, sich oft in der Rolle der Hüter von Traditionen wiederfanden, die aufrechtzuerhalten sie für ihre Pflicht hielten. Sogar dann, wenn es sie in den Bankrott trieb. Im Gegensatz zu einem Burgherrn widmete der Hausherr eines »guten Hauses« seine Kultur, sein Vermögen und sein ­Savoir-vivre einzig und allein dem Wohlbefinden seiner Gäste. Sein Ziel? Sie all ihre materiellen Sorgen vergessen zu lassen, ­damit sie die Schönheit seines Hauses und seiner Kunstwerke, den üppig gedeckten Tisch und die lebhaften Unterhaltungen in guter Gesellschaft ungehindert genießen konnten.

Um es auf den Punkt zu bringen: In einem »guten Haus« packten Zimmermädchen die Koffer der Gäste ein und aus – ­unter Zuhilfenahme eines großen Vorrats an Seidenpapier –, und die Gäste fanden in ihren Zimmern hübsche Bettwäsche, Mineralwasser, Früchte, Blumen, einen Safe sowie mit dem ­Namen des Hauses versehene Streichholzschachteln, Bleistifte und Briefpapier vor. Am wichtigsten war jedoch, dass die Gäste zu nichts verpflichtet waren – weder dazu, Sport zu ­treiben, noch dazu, irgendetwas zu besichtigen, auch wenn all dies jederzeit möglich war und sich problemlos arrangieren ließ, falls ­jemand den Wunsch danach verspüren sollte. Das einzige verpflichtende Ritual war die Einhaltung der Essenszeiten, vergleichbar mit der Teilnahme an den Gebeten in ­einem Laienkloster, in dem die Anwesenden ansonsten völlige Freiheit genossen, damit ihre Gedanken beliebig umherwandern konnten.

Und in Anbetracht dessen, dass vor allem zählte, auf welch anmutige Weise es dem magischen Ort, an dem sich ein solches Haus befand, gelang, den Lauf der Zeit anzuhalten, erfüllte L’Agapanthe exakt die Kriterien dieser ausführlichen und ganz eigenen Definition eines »guten Hauses«. Eine Zeit, die irgendwo in einem vergangenen Zeitalter des atemberaubenden, jedoch unprätentiösen Luxus hängen geblieben war.

Wenn Marie oder ich es am Esstisch während unserer Familiendiskussionen über potenzielle Sommergäste wagten, der leisen Kritik unseres Vaters zuzustimmen, ging unsere Mutter, ganz die empfindliche Seele, die sie in Wahrheit war, sofort zum Angriff über und stellte klar, dass sie in L’Agapanthe eher die Rolle der Managerin eines Luxushotels spielen müsse als die der Hausherrin.

Wieder einmal würden Marie und ich erleichtert zur Kenntnis nehmen, dass unsere Mutter ihr übliches bestimmendes Selbstbewusstsein zurückerhielt, sobald es darum ging, wie sie die Dinge in ihrem Haus zu richten hatte. Und dann schmeichelten wir ihr ungeniert, um ihren Durst nach Anerkennung zu stillen und uns endlich unserem Lieblingsproblem zuzuwenden: dem Zusammenstellen der Gästeliste.

Zunehmend entmutigt durch die glanzlosen Eindrücke, die die zurückliegenden Sommer hinterlassen hatten, würde mein Vater schließlich durchaus aufrichtig klingen, wenn er uns bat, Vorschläge für neue Essensgäste zu unterbreiten.

Wenn meine Mutter davor zurückschreckte, nach neuen Gesichtern Ausschau zu halten, so lag dies vermutlich daran, dass sie es vermeiden wollte, sich selbst einzugestehen, dass sie keine Ahnung hatte, wie sie dabei zu Werke gehen sollte. Sie würde sich damit abfinden müssen, dass selbst sie gealtert war und es ihr zunehmend schwerfiel, innerhalb ihrer eigenen Generation »shoppen« zu gehen und geeignete Gäste aufzutreiben. Nicht dass ihre Altersgenossen und -genossinnen schon kurz vor dem Umfallen waren, das gewiss nicht. Doch die zunehmenden verheerenden Spuren des Alters verwandelten sie mehr und mehr in verbitterte Sonderlinge, selbstgerechte Pedanten, von ihren Ehrungen und Auszeichnungen besessene Snobs oder mit Selbstgefälligkeit aufgeblasene Wichtigtuer. Aber wenn sie sich auf der Suche nach frischem Blut der jüngeren Generation zuwandte, so fürchtete sie, stünde sie womöglich plötzlich so verletzlich und eingeschüchtert da wie ein neues Kind auf dem Schulhof.

»Aber Flokie«, würde mein Vater ungeduldig fragen, »wie kriegen das denn andere hin?«

»Andere?«

»Ja. Die Leute, die wir kennen.«

An diesem Punkt würden Marie und ich einschreiten und unsere Eltern daran erinnern, dass sie so viel umherreisten, dass sie gar nicht mehr die Gelegenheit hatten, auf irgendwelchen Dinnerpartys in der Stadt neue Bekanntschaften zu machen. Wir würden ihnen erklären, dass die meisten ihrer Freunde einfach zum Telefonhörer greifen und einladen würden, wen auch immer sie gerne sehen würden: einen angesagten Schriftsteller, einen mächtigen Regierungsbeamten, einen aufstrebenden Wissenschaftler oder einen gierigen Banker – Berühmtheiten eben, deren glänzende, aufregende und prestigeträchtige Gegenwart leuchtend auf deren Gastgeber abstrahlen würde.

Meine Eltern würden vor Staunen den Mund aufreißen, wenn sie erführen, dass Angehörige ihrer Kreise sich inzwischen benahmen wie Fernsehmoderatoren, die die Gästelisten für ihre Talkshows zusammenstellten, eine Taktik, die ihnen niemals in den Sinn gekommen wäre.

Denn sie hatten keine Ahnung, wie viele Menschen alles ­gegeben hätten, um eine Einladung nach L’Agapanthe zu ergattern, und wenn Marie und ich ihnen die Namen von Leuten ­genannt hätten, von denen wir definitiv wussten, dass sie darauf brannten, kommen zu können, hätten sie uns das auch nicht ganz abgenommen. Da sie sich selbst im Wesentlichen darauf beschränkten, die offensichtlichen Emporkömmlinge zu identifizieren und zu meiden, bemerkten sie nur selten die diskreten Hinweise und die subtilen Manöver von Aspiranten, die nach ­einer solchen Einladung lechzten. Und da es sie selbst nie danach verlangt hatte, zu irgendeiner Schickimicki-Szene dazuzugehören, konnten sie sich natürlich nicht vorstellen, wieso andere derartige Wünsche im Hinblick auf sie entwickelten.

Meine Eltern waren mit der Vorstellung groß geworden, dass sie die Speerspitze der Schickeria repräsentierten. Die zur Schau getragene gelassene Arroganz ihrer Bescheidenheit war ein Beweis dieser Haltung. Doch sie waren sich der Tatsache überhaupt nicht bewusst, dass ihre Bekannten sie in so einem Licht sahen. Existierten andere Menschen in den Augen meiner Eltern überhaupt in einem ausreichenden Maß, um so etwas auch nur wahrnehmen zu können? Im Zustand glücklicher Unwissenheit gegenüber der Tatsache, dass Unsicherheit Menschen dazu treibt, ihr Selbstbild darauf zu stützen, wie andere sie sehen, ­waren meine Eltern einfach zu schlechte Beobachter, um sich vorstellen zu können, dass irgendjemand sich Phantasievorstellungen über sie machte.

Zu ehrlich und intelligent, um sich dem Narzissmus hinzugeben, hatten meine Eltern beschlossen, die Illusion des Erfolgs oder den Kick, der davon ausgeht, sein Foto in den Zeitungen zu sehen, schlichtweg zu ignorieren. Und so waren sie ganz ­anders als die Karikaturen der Kunst- und Geschäftsmogule, die in den Medien aus ihnen gemacht worden waren, und hielten sich für zurückhaltende und höfliche Menschen, zu denen die angesagte übermäßige Vertrautheit mit der Schickeria so gar nicht passte.

Und genau dies machte einen Teil ihres Charmes aus. Sie ­luden keine Prominenten ein, sondern sie wählten ihre Gäste aufgrund ihrer Eignung als gute Gesprächspartner, ihres guten Aussehens oder ihrer Kultiviertheit aus. Oder auch, weil sie gute Laune verbreiteten, nett, inspiriert oder sympathisch waren oder weil sie ihnen einfach nur eine Gegeneinladung schuldig waren. Manchmal boten meine Eltern einem Freund eine Woche Luxus an, der gerade eine schlechte Phase hatte, oder einem Cousin, der gerade finanziell in der Klemme steckte. Doch ihre Prinzipien konnten Einfluss auf ihre Entscheidungen haben: Sie würden es ablehnen, einen Minister einzuladen, der gerade im Amt war, oder jemanden, der gerade den Zenit seiner Karriere erreicht hatte und sich in seinem Ruhm sonnte, aber es wäre für sie ­Ehrensache, dieselben Personen zu Besuch zu haben, wenn diese gerade eine bittere Zeit durchmachten.

Auf jeden Fall war die Gastfreundschaft meiner Eltern zur großen Überraschung der wenigen Neulinge, die nach L’Agapanthe eingeladen wurden, aufrichtig und echt. Diese Selbstlosigkeit verblüffte einige Gäste derart, dass sie sich fragten, warum sie wohl eingeladen worden waren, doch letztendlich wurden sie von dem im ganzen Haus spürbar herrschenden altmodischen, jedoch ehrlichen Sinn für perfekte Umgangsformen eingelullt, woraufhin sie sich entspannten und sich dessen bewusst wurden, dass sie schlicht und einfach ausgewählt worden waren, weil sie waren, wer sie waren.

Na gut, dies war die romantische Version der Fakten. Doch L’Agapanthe hatte tatsächlich einen merkwürdigen Effekt auf eine überraschende Anzahl von Gästen. Einige änderten sich, andere offenbarten ihre wahre Natur. Beeindruckt von dem Haus, wurden die ruhigeren Gäste von der Sorge umgetrieben, dass sie möglicherweise nicht elegant oder kultiviert genug auftraten, andere fingen an, ständig laut zu reden oder zu lachen, um ihr Selbstvertrauen aufzupolieren. Wohingegen ein eher mit oberflächlichem Wissen begütertes Wesen in der Hoffnung, für intellektuell gehalten zu werden, sich dazu berufen fühlen konnte, plötzlich über Politik und Wirtschaft zu schwadronieren. Gelegentlich kamen unvorteilhafte Unzulänglichkeiten ans Licht: Einmal erwischte ich einen populistischen Politiker dabei, wie er die Bediensteten tyrannisierte, ein anderes Mal ertappte ich einen der erlauchtesten Herzöge Frankreichs dabei, wie er sich die Taschen mit den Havanna-Zigarren vollstopfte, die für die Gäste bereitgelegt worden waren.

Insofern ist es durchaus nicht überraschend, dass meine ­Eltern, was ihre Einladungen betraf, mit Bedacht vorgingen.

»Warum ladet ihr nicht Claude Lévi-Strauss oder Martin Scorsese ein?«, stichelte Marie vielleicht. »Das könnte interessant werden.«

Sie wusste genauso gut wie ich, dass wir eigentlich nur da waren, um unsere Eltern zu unterhalten, und nicht, um ihnen ernsthafte Vorschläge zu unterbreiten, denn sie waren beide nicht bereit, auch nur irgendetwas von ihren Vorrechten als Gastgeber aufzugeben. Ganz im Gegenteil: Sie brauchten uns als Zeugen ihrer Entscheidungsgewalt, um ihr eigenes Bewusstsein für ihre Entscheidungskompetenz zu stärken. Nicht, dass wir etwas dagegen gehabt hätten, denn diese Sitzungen stärkten unsere Familienbande im Namen bestimmter Werte, die wir aufgrund unserer ständigen Sorge, zu aufgeblasen und zu angeberisch zu erscheinen, einfach »unsere Art von Anmut« nannten.

Auch wenn sie unausgesprochen blieben, gab es für diese Werte etliche, genau festgelegte Kriterien. Ganz oben auf der Liste standen gute Umgangsformen. Die Förmlichkeit des Alltags in L’Agapanthe erforderte eine problemlose Beherrschung der geltenden Konventionen, weshalb die Tür jedem, der mit diesen Gepflogenheiten nicht vertraut war, automatisch verschlossen blieb. Etwaige Gäste sollten den Umgang mit Bediensteten gewohnt sein und über tadellose Tischmanieren verfügen – etwa im Hinblick auf den korrekten Gebrauch von Fingerschalen oder die Fertigkeit, sich einwandfrei an Salatplatten zu bedienen. Und auch sonst sollten sie mit den Gepflogenheiten in einem gehobenen Hause vertraut sein – wie dem angemessenen Verteilen von Trinkgeldern –, auch wenn die Kenntnis der Etikette unseren Gästen in erster Linie dazu diente, es ihnen zu ermöglichen, die Regeln mit dem erforderlichen Sachverstand gekonnt zu missachten.

Um die Wahrheit zu sagen, amüsierten uns insbesondere überholte, jedoch nach wie vor pittoreske Moderegeln wie etwa die Vorgabe der Briten keine gelben Schuhe nach sechs Uhr oder die strenge Direktive kein Samt nach Ostern, die nur noch von meiner Mutter beachtet wurde. Wir verglichen die Empörung der Amerikaner über das Tragen hellfarbiger Hosen nach dem ­Labor Day mit der Maßgabe der Briten, Portwein nur in Monaten mit einem R zu trinken (ähnlich der Beschränkung der Franzosen im Hinblick auf Austern: nur von September bis ­April) oder das Verbot des Tragens von Sakkos in Monaten ohne R (also von Mai bis August). Oder, um es anders zu ­sagen: Ein Mann, der in diesen Monaten ein Sakko trägt und Portwein trinkt, wäre ein hoffnungsloser Fall.

Alles andere verblasste jedoch vor unserem bedingungslosen Respekt gegenüber den grundlegenden Höflichkeitsregeln, die gegenüber anderen ein taktvolles und zuvorkommendes Benehmen vorschrieben. Wir hätten nie geduldet, dass ein Gast jeman­dem ungehörig ins Wort fiele oder vor einer älteren Person ein Zimmer beträte oder – wenn es sich um einen Mann handelte – sitzen bliebe, wenn sich eine Frau zu uns gesellte.

Obwohl wir uns auf derartige Konventionen verließen, um den Charakter von Menschen einschätzen und Rückschlüsse darauf ziehen zu können, welche Kinderstube sie genossen hatten, beurteilten wir unsere Gäste tatsächlich ausschließlich aufgrund ihrer Gewandtheit im Understatement. Diese Disziplin, in der Marie und ich es dank ausgiebigen Trainings und intensiver Beobachtung zu wahrer Meisterschaft gebracht hatten, erforderte eine gewisse Bescheidenheit im Ton und in der Haltung. Zum Beispiel wurden wir als Kinder zurechtgewiesen, wenn wir das Château, in dem wir unsere Wochenenden verbrachten, anders als einfach nur Haus nannten oder die Siebzig­meterjacht, auf der wir gelegentlich umherkreuzten, als etwas Ausgefalleneres als einfach nur als Schiff bezeichneten. Wir ­bekamen mit, dass unsere Großmutter Order erteilte, ihren Zobelmantel zu scheren, damit er aussah wie ein Nerzmantel, und dass unsere Eltern ihre Gäste auf Gartenmöbeln Platz nehmen ließen, ohne zu verkünden, dass diese von Sol LeWitt ­entworfen worden waren, oder ihnen das Abendessen auf Tellern servieren ließen, ohne jemals zu erwähnen, dass diese von ­Picasso designt worden waren.

Am Ende unseres gemeinsamen Sonntagabends würden Marie und ich einen letzten Versuch wagen: »Wie wäre es mit Moumouche de Ganay? Oder Gary Shoenberg? Oder Perla de Cambray?«

»Das ist wirklich eine gute Idee«, würden unsere Eltern murmeln. »Wir sollten in der Tat mal darüber nachdenken.«

Doch wir wussten bereits, dass sie unsere Vorschläge komplett ignorieren würden, da sie von vornherein niemals die ­Absicht gehabt hatten, sie in Betracht zu ziehen. Wie immer würden sie tun und lassen, was sie wollten. Und wir würden bis zu unserer Ankunft in L’Agapanthe warten müssen, um zu erfahren, welche Gästeliste sie für diesen Sommer zusammengestellt hatten, um dann die Erfahrung zu machen, dass sich unter den Geladenen trotz all der Vorkehrungen meiner Eltern und all der gepriesenen Vorzüge der Gäste, wie überall auf der Welt, ein nicht zu vermeidender Anteil an Heuchlern, Rüpeln und Schmarotzern befand.

An diesem Sonntag jedoch trug sich nichts zu wie erwartet, obwohl mein Vater das Prozedere wie immer damit eröffnete, dass er herumlamentierte. Sichtlich niedergeschlagen verkündete meine Mutter daraufhin freimütig, dass sie für die Erfordernisse einer derartigen Gästebewirtung vielleicht einfach zu alt wurden, woraufhin mein Vater sich bemüßigt fühlte, einen Witz zu reißen.

»Wisst ihr, was die Engländer über die Beschwerlichkeiten des Alters sagen? Bedenke die Alternative!«

Marie und ich sahen uns an. Es war das erste Mal überhaupt, dass unsere Eltern ihre schwache Seite offenbarten. Das erste Mal überhaupt, dass sie schlichtweg vor uns aufzugeben schienen, vor uns, die wir vermutlich dazu bestimmt waren, sie eines Tages unter die Erde zu bringen und ihre Plätze einzunehmen. Wir hofften beide, dass sie nicht wirklich darüber nachgedacht hatten, was sie da soeben von sich gegeben hatten, und wollten uns die schockierenden Schlussfolgerungen, die damit einhergingen, nicht zu sehr zu Herzen nehmen.

Wir waren schon eine ganze Zeit lang darauf bedacht, keine Aufmerksamkeit auf die Tatsache zu lenken, dass wir inzwischen erwachsen waren. Unsere Freunde, unsere Liebhaber, unsere Patienten, unsere Chefs waren inzwischen Minister, Botschafter, Filmregisseure, Schriftsteller und Vorstandsvorsitzende riesiger Firmen geworden. Oder anders gesagt: Wir waren begehrte junge Frauen, und unsere Eltern wurden allmählich alt. Wir ­haben unser Bestes getan, sie im Rampenlicht stehen zu lassen, und Marie, die als Dolmetscherin für den Präsidenten der Republik arbeitete, war sogar peinlich darauf bedacht, sie nicht wissen zu lassen, dass sie die Ergebnisse landesweiter Wahlen bereits vor ihrer offiziellen Verkündigung kannte.

Das Verhalten meiner Eltern hatte etwas Merkwürdiges und zugleich Beunruhigendes. Es war, als hätte sich ein feiner Dunstschleier zwischen uns gelegt. Zu meiner Überraschung fand ich mich dabei wieder, ihnen anzubieten, sie mit neuen Gästen zu versorgen, sozusagen frei Haus geliefert wie eine Schachtel Pralinen.

»Warum ladet ihr nicht einfach die üblichen Verdächtigen ein, und wir bringen die neuen mit? Dann müsstet ihr euch nicht darum kümmern.«

Mein Vater stimmte zu.

»Das ist eine gute Idee«, sagte er ernst. Und während ich angesichts der Ungeheuerlichkeit, die er soeben von sich gegeben hatte, völlig perplex dasaß, fuhr er fort: »Eine sehr gute Idee ­sogar. Insbesondere in Anbetracht dessen, dass wir in diesem Jahr nicht mit voller Begeisterung bei der Sache sind, weil … tja, meine Mädchen, wir haben beschlossen, L’Agapanthe zu verkaufen.«

»Was?«, riefen meine Schwester und ich wie aus einem Mund.

»Seid ihr in finanziellen Schwierigkeiten?«, platzte Marie ­heraus und überschritt damit im gleichen Augenblick eine Grenze, die wir immer respektiert hatten, sozusagen als Gegenleistung für die stillschweigende finanzielle Unterstützung, die unsere Eltern uns zukommen ließen.

»Nein.«

»Na dann, warum denn bloß?«, schrie ich beinahe.

»Ach, meine Mädchen. Es ist die einzig mögliche verantwortungsvolle Handlungsweise, denn was auch immer ihr sagt – ich glaube kaum, dass eine von euch die erforderlichen Millionen für den Unterhalt des Anwesens aufbringen kann.«

Das war ein Schlag unter die Gürtellinie, denn er kannte ­unsere finanzielle Lage besser als irgendjemand sonst. Abgesehen von meinem Einkommen als Psychotherapeutin und Maries Dolmetschergehalt, stammten unsere Einkünfte von ihm.

Das Urteil war gefallen. Gegen seine Entscheidung anzudiskutieren, das war sinnlos. Verbarg mein Vater Geldprobleme vor uns? Oder dachte er einfach rational, wenn auch herzlos, und hielt es für absurd, uns eine derartige Bürde aufzuladen, wenn er nicht mehr da war, um die Rechnungen zu begleichen? Da wir gelernt hatten, einem Mann grundsätzlich nie zu wider­sprechen oder auch nur offen die Richtigkeit seiner Ent­scheidungen zu hinterfragen, sagten wir nichts mehr zu dem Thema.

Wir brauchten Zeit, um mehr über die finanzielle Situation der Familie in Erfahrung zu bringen, die Lage einzuschätzen und einen Gegenangriff zu planen.

Bevor sie an jenem Abend in ihr Auto stieg, um nach Hause zu fahren, wandte Marie sich mir erschöpft zu.

»Wir müssen möglichst bald miteinander reden«, sagte sie niedergeschlagen.

Doch der erste Mensch, den ich am nächsten Tag anrief, war Frédéric, der Onkel, den ich gerne gehabt hätte. Seit meiner Kind­heit sagte er mir immer »Du hast dieses Funkeln in den Augen«, obwohl er mir gleichzeitig vorhielt, dass er mich für mein Alter zu ernst finde, was wahrscheinlich seine Art war, mich wissen zu lassen, dass ich seiner Meinung nach gequält und unglücklich aussah. Er war auf meiner Seite und schreckte nicht davor zurück, offen zu zeigen, dass er mich mochte, indem er mich zum Lachen brachte und mir die Zuneigung schenkte, nach der ich lechzte.

»Ich verstehe kein Wort von dem, was du mir da erzählst«, entgegnete er am Telefon und seufzte. »Du redest zu schnell, und außerdem bin ich zu hungrig, um denken zu können. Treffen wir uns um ein Uhr im Relais Plaza. Du weißt ja, die escalopes de veau viennoise sind dort …«

»Unwiderstehlich, ich weiß. Danke, Frédéric. Dann also bis später.«

Ich war ein bisschen zu früh und nahm an seinem Stammtisch gegenüber der Theke Platz. Er kam hereinspaziert und war in seinem hellbeigen Anzug eine elegante Erscheinung. In seiner Brusttasche steckte ein lilafarbenes Taschentuch, über die Schultern hatte er einen Kaschmirpullover geworfen, weil ihm immer kalt war, sogar im Hochsommer. Er ist inzwischen ein alter Mann. Eher gepflegt als affektiert wirkend, mag er traurig und gebrechlich erscheinen, aber in Wahrheit ist er ein durchtriebener kleiner Teufel.

»Monsieur Hottin!«, rief Serge, der Oberkellner, und eilte herbei, um ihn zu begrüßen.

»Bonjour Monsieur«, hieß ihn auch die Garderobendame willkommen und setzte ein strahlendes Lächeln auf.

Es ist unbestreitbar: Frédéric ist unglaublich beliebt. Vor ­allem ist er eine Berühmtheit. Er und sein verstorbener Assistent Brady sind für das Varietétheater das Gleiche wie Ben und Jerry für amerikanische Eiscreme: ein Goldstandard. Außerdem ist er sehr großzügig, vor allem gegenüber dem Personal, das er mit fürstlichen Trinkgeldern bedenkt, obwohl er nicht reich ist (wenngleich er seit Bradys Tod komfortabel von dem Verkauf seiner Urheberrechte lebt). Mit der neckischen Unbekümmertheit eines alten Mannes, der sich von niemandem etwas vor­machen lässt, und gegen jegliche Regeln verstoßend, behandelt er Herzoginnen und Zimmermädchen in der exakt gleichen Weise und weigert sich, irgendjemanden ernst zu nehmen, am wenigsten sich selbst. Bei angesagten jungen Schriftstellern, Fernsehstars und Kulturgeiern jeglicher Art hat er es sogar zu einem gewissen Kultstatus gebracht. Das Gleiche gilt für Nos­talgiker, die sich nach einem Paris der Varietétheater und der Spontanpartys zurücksehnen. In Clubs, in denen Reality-TV-Sternchen seine Truppe abgelöst haben, die er einst mit Françoise Sagan, dem Maler Bernard Buffet und dessen Frau, der Schauspielerin Annabel, einem Gesellschaftskolumnisten namens Chazot sowie einigen Schauspielern und Komödianten gebildet hat, rezitieren sie unentwegt seine besten Sprüche und machen großes Tamtam um ihn.

»Mein Bester, bringen Sie mir doch bitte einen Bull Shot mit viel Eis«, bat er den Kellner. »So, und nun erzähl mal. Was ist mit L’Agapanthe?«

Ich fasste die Situation zusammen. Frédéric verstand alles bestens. Er war einer der Stammgäste in L’Agapanthe, ein »Pfeiler« des Hauses, wie meine Eltern es ausgedrückt hätten, die ihre Gäste entsprechend ihres jeweiligen Vertrautheitsgrades und der Vielzahl der Besuche in L’Agapanthe einstuften und sie sogar entsprechend behandelten. Vergleichbar dem Status von Vielfliegern, der im Hinblick auf das ihnen gewährte Prestige und die ihnen eingeräumten Sonderkonditionen von der Regelmäßigkeit ihrer Reisen abhängt.

Frédéric stand in dieser Hierarchie ganz oben, genau wie Gay Wallingford, seit mehr als dreißig Jahren seine engste und innigste Freundin. Die Familie hatte dieses pittoreske Paar mehr oder weniger adoptiert. Als Nächstes kamen in der Rangfolge die Stammgäste des Hauses. Dieser Begriff mag etwas abschätzig klingen, doch es handelte sich immerhin um die wenigen Glücklichen, die jedes Jahr eingeladen wurden und feste, ihnen zugewiesene Zimmer hatten. Was ihre Rolle war? Die Grundausstattung an Besuchern zu gewährleisten, die erforderlich war, um die Villa auf ihrem Kurs durch den Sommer zu stabilisieren und die Neulinge zu betreuen, deren Novizentum ja dazu ­bestimmt war, unseren Aufenthalt aufzupeppen.

Dann folgte in der Hierarchie die Mittagsmeute, auch bekannt als der »Cafeteria-Club«: Nachbarn, bei denen es sich um Schriftsteller, Museumsdirektoren, Künstler oder Golfspieler handelte und die in der Regel ledig oder vom Pech verfolgt ­waren und, angezogen von der Qualität der Speisen und der ­Gesellschaft, jeden Tag zum Mittagessen kamen. Als Letztes folgten die Allerweltsgäste, die über Mittag aus Monaco, aus dem Landesinneren oder aus Saint-Tropez hereinschneiten und unsere Gesellschaft – da sie im Gegensatz zu unseren Übernachtungsgästen nicht handverlesen waren – um eine spezielle Fauna bereicherten: mit Botox vollgespritzte reiche texanische Ladys, drogenbesessene Fotografen und Galeriebesitzer, Halbweltdamen, Künstler mit Schlapphüten und Selfmade-Männer, die so braun gebrannt waren, dass sie nur knapp an einer töd­lichen Hautverbrennung vorbeigeschrammt sein konnten, und deren einzige Daseinsberechtigung in unserer Runde darin bestand, die Unterhaltung zu beleben.

»Könnten unsere Eltern möglicherweise in finanziellen Schwierigkeiten stecken?«, fragte ich Frédéric.

Er sah mich einen Moment lang nachdenklich an und erwiderte völlig unerwartet: »Erzähl mir von deinem Liebesleben.«

»Wie bitte?«

»Ich meine es ernst, es interessiert mich wirklich«, erwiderte er in einem provozierenden Ton, den ich unwiderstehlich fand.

»Es ist eine einzige Katastrophe.«

»Ach komm. Wie lange liegt deine Scheidung jetzt zurück?«

»Drei Jahre.«

»Und seitdem lief nichts? Mit niemandem?«

»Nein. Jedenfalls nicht wirklich. Willst du die Wahrheit wissen? Ich schrecke Männer ab. Es ist ein unerklärliches Phänomen. Es gibt einfach keinen, der es wagt, mich auf einem Sofa flachzulegen oder mit mir ins Bett zu steigen. Bevor sie mich auch nur küssen, fragen sie sich, ob sie bereit wären, ihre Frauen zu verlassen, um mich zu heiraten. Dieses ›Sie-ist-die-Tochter-von‹-Ding mag zwar in gesellschaftlicher Hinsicht ein Pluspunkt sein, wirkt aber wie Gift. Ich bin zu mondän, zu unabhängig und vermutlich auch noch zu helle und erspare dir lieber, was passiert, wenn ich offenbare, dass ich Seelenklempnerin bin. Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass die Welt voller Männer ist, die nicht für mich bestimmt sind. Oder besser gesagt, nicht für uns bestimmt, denn für Marie gilt das Gleiche.«

»Nein!«

»Doch, in gewisser Weise schon. Natürlich hat sie mehr Liebhaber als ich, aber angesichts all dieser Bodyguards und ­Geheimdiensttypen, mit denen sie zu tun hat, hat sie ja auch einfach mehr Gelegenheiten.«

»Mit wem?«

»Na ja, du weißt schon, diese Typen mit den Ohrenstöpseln, die für die Sicherheit verantwortlich sind, wenn die wichtigsten Staats- und Regierungschefs ihre Gipfeltreffen abhalten. Dann hängt sie den ganzen Tag mit ihnen herum. Sie haben keinen Schimmer, aus welchem Hause sie stammt, und wenn sie es wüssten, wäre es ihnen auch völlig egal, denn sie sind ja bekanntlich Burschen von der harten Sorte. Aber wenn es darum geht, einen Mann zu finden, mit dem sie sich wirklich vorstellen könnte zusammenzuleben, steht sie auf dem gleichen Posten wie ich: verloren im Niemandsland. Und zwar aus denselben Gründen, auch wenn sie sich nach Kräften bemüht, sie nicht abzuschrecken. Zum Beispiel schwindelt sie ihnen am Telefon vor, dass sie auf einem Radiologenkongress in Limoges ist, während sie in Wahrheit in Davos oder in Rio weilt – mit dem Präsidenten!«

»Das ist doch lächerlich. Ihr seid beide jung, schön, reich …«

Serge brachte unsere Bestellung an den Tisch.

»… Ah! Meine escalopes viennoise. Wusstest du, dass es hier das beste Wiener Schnitzel in ganz Paris gibt? Sieh nur, diese kleinen Köstlichkeiten, die sie dazu reichen. Was für eine liebevolle Präsentation!«

»Sehr liebevoll«, wiederholte ich leicht sarkastisch.

»Entschuldige bitte, wo waren wir stehen geblieben?«

»Ich habe dir erklärt, dass die Männer, je näher wir ihnen kommen, sich umso ferner von uns halten. Was soll ich dir ­sagen? Genau so ist es. Und was ist mit dir? Immer noch verrückt nach François?«

»Nur zu, mach dich nur weiter über mich lustig!« Er er­rötete wie immer, wenn ich einen seiner Angebeteten erwähnte. Der aktuelle Kandidat war eine Zweitbesetzung, deren Karriere er nach Kräften zu befördern versuchte.

Obwohl er dreimal verheiratet gewesen war und bereits mit mindestens drei Männern zusammengelebt hatte, unter ihnen ein Transsexueller, dessen Veranlagung allgemein bekannt war, ging Frédéric alles andere als locker mit diesen Dingen um. Er war reserviert, altmodisch und hasste es, über Sex zu sprechen. Deshalb wechselte ich das Thema.

Cécile David-Weill

Über Cécile David-Weill

Biografie

Cécile David-Weill wurde in New York geboren und ist französisch-amerikanischer Herkunft. Unter dem Pseudonym Cécile de la Baume hat sie in den USA zwei Romane veröffentlicht. Sie schreibt unter dem Titel »Letters from New York« regelmäßig Kolumnen für die französische Nachrichtenseite »Le Point«,...

Pressestimmen

BRF1 Buchtipp

»Cécile David-Weill vermittelt Ferienstimmung pur.«

Inhaltsangabe

I Prolog

Frühling 2007

Nanny

Das Haus

II Wochenende 14. Juli

Wochenende 14. Juli

Freitag, 7:00 Uhr 61

Die Spielregel, Film von Jean Renoir (1939)

Freitag, 12:30 Uhr

Freitag, 15:00 Uhr

Freitag, 18:30 Uhr

Freitag, 20:00 Uhr

Abendessen, Freitag, 14. Juli

Samstag, 9:00 Uhr

Mittagessen, Samstag, 15. Juli

Samstag, 18:30 Uhr

Der Strand im Winter

Abendessen, Samstag, 15. Juli

Sonntag

Mittagessen, Sonntag, 16. Juli

III Wochenende 21. Juli

Wochenende 21. Juli 2007

Freitag, 18:00 Uhr

Abendessen, Freitag, 21. Juli

Freitag, 23:00 Uhr

Samstag, 9:30 Uhr

Samstag, 13:30 Uhr

Mittagessen, Samstag, 22. Juli

Die Abkürzung

Samstag, 19:00 Uhr

Abendessen, Samstag, 22. Juli

Sonntag, 9:30 Uhr

Mittagessen, Sonntag, 23. Juli

IV Wochenende 28. Juli

Wochenende 28. Juli 2007

Freitag, 18:00 Uhr

Trop bien élevé, 2007, von Jean-Denis Bredin

Abendessen, Freitag, 28. Juli

Samstag, 8:00 Uhr

Mittagessen, Samstag, 29. Juli

Abendessen, Samstag, 29. Juli

Die Straße nach Eden Roc

Sonntag, 13:00 Uhr

Dankschreiben

V Anhänge

Die Personen

Menübuch des Personals

Küchenschrank-Inventar

Rezepte

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