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Gute Zeiten für schlechte Menschen Gute Zeiten für schlechte Menschen Gute Zeiten für schlechte Menschen

Gute Zeiten für schlechte Menschen

Ein Triest-Krimi

Paperback
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Gute Zeiten für schlechte Menschen — Inhalt

Eine Kältewelle fegt über Triest und hält die traditionsreiche Stadt am Meer fest in ihrem Griff. Auch Ettore Benussi stehen eisige Zeiten bevor. Dabei läuft gerade alles so gut für den Commissario: Endlich hat er Zeit, an seinem Kriminalroman zu schreiben und die wiedergefundene Nähe zu seiner Frau Carla zu genießen. Doch kurz vor Weihnachten verschwindet Carla spurlos. Während Benussi in seinem Ferienhaus auf dem Karst festsitzt, stoßen seine Kollegen Elettra Morin und Valerio Gargiulo auf eine Spur von Gewalt und blindem Hass, die weit in die Vergangenheit zurückführt.

€ 14,99 [D], € 15,50 [A]
Erschienen am 05.10.2015
Übersetzer: Luis Ruby
304 Seiten, Klappenbroschur
ISBN 978-3-86612-385-4
€ 10,00 [D], € 10,30 [A]
Erschienen am 01.02.2017
Übersetzer: Luis Ruby
304 Seiten, Broschur
ISBN 978-3-492-30996-7
€ 8,99 [D], € 8,99 [A]
Erschienen am 05.10.2015
Übersetzer: Luis Ruby
304 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-492-97109-6

Leseprobe zu »Gute Zeiten für schlechte Menschen «

1 Ein Schuss hallte durch die Morgendämmerung und riss Ettore Benussi aus dem Schlaf.
»Dieser verdammte Spinner«, knurrte er und rieb sich die schmerzende Stelle an der Schulter. Wieder einmal hatte er sich beim Hochschrecken an dem Messingzierknopf ­gestoßen. »Und dieses verdammte Bett«, fluchte er gleich hinterher. Und wenn er es hundertmal von Großvater Bepi geerbt hatte, das Ding war und blieb doch ein Prokrusteslager.
Auf den ersten Schuss folgte ein zweiter und dann noch ein dritter.
»Nein! Jetzt reicht’s!«, brüllte er.
Es war Zeit, der Sache ein Ende [...]

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1 Ein Schuss hallte durch die Morgendämmerung und riss Ettore Benussi aus dem Schlaf.
»Dieser verdammte Spinner«, knurrte er und rieb sich die schmerzende Stelle an der Schulter. Wieder einmal hatte er sich beim Hochschrecken an dem Messingzierknopf ­gestoßen. »Und dieses verdammte Bett«, fluchte er gleich hinterher. Und wenn er es hundertmal von Großvater Bepi geerbt hatte, das Ding war und blieb doch ein Prokrusteslager.
Auf den ersten Schuss folgte ein zweiter und dann noch ein dritter.
»Nein! Jetzt reicht’s!«, brüllte er.
Es war Zeit, der Sache ein Ende zu setzen.
Wütend schob Kommissar Benussi die Beine über den Bettrand und tastete nach der Krücke, die ihm wie üblich unters Bett gerutscht war. Seine erste Regung war, nach seiner Frau Carla zu rufen und sich von ihr helfen zu lassen, aber dann fiel ihm ein, dass sie gar nicht da war.
Er griff nach dem Handy auf dem Nachttisch und wählte die Nummer der Zentrale.
»Wer hat gerade Dienst?«, blaffte er ohne jegliche Vorrede. »Dann her mit ihr … Nicht da, was soll das heißen? Wo zum Henker steckt sie? Dann such sie und sag ihr, dass sie mich anrufen soll, und zwar sofort. Auf der Stelle!«
Damit knallte er den Hörer auf die Gabel.
Diese Morin machte ihn wahnsinnig. Konnte die nie an ihrem Platz sein, wenn man sie brauchte?
Im selben Moment klingelte sein Handy.
»Na endlich! Was war denn, haben Sie gepennt?«
Benussis Gesichtsausdruck nach nahm seine Gesprächspartnerin die Frage nicht gerade huldvoll entgegen.
»Sprechen Sie mit mir nicht in diesem Ton, Ispettore Mo­­­rin!«, unterbrach Benussi seine Kollegin. »Ich mag zwar noch nicht ganz genesen sein, aber ich bin doch immer noch Ihr Vorgesetzter. Mein Nachbar ballert schon wieder mit diesem verdammten Repetiergewehr herum, der bringt mich noch um den Verstand! Es muss doch irgendein Mittel geben, um den Kerl aufzuhalten! … Ich scheiße drauf, dass das legal ist, und ebenso auf diese ­angebliche Invasion von Wildschweinen und Rehen im Karst. Mich interessiert einen Dreck, dass die Bewohner nichts dagegen haben, ich will meine Ruhe. Ich bin in dieses Mistkaff gekommen, um mich in Frieden erholen zu können, und was passiert? Mein geistig minderbemittelter Nachbar ballert mit seinem Gewehr herum. Unternehmen Sie gefälligst etwas, bevor ich zum Mörder werde!«
Abrupt brach er das Gespräch ab und humpelte auf die Krücke gestützt ins Bad. Die kleine Szene hatte ihm gutgetan, ihn geradezu beruhigt. Er wusste, dass Inspektorin Morin sich etwas einfallen lassen würde. Sie war jung und brachte ihn manchmal zur Weißglut, aber unfähig konnte man sie wirklich nicht nennen.
In gelassenerer Stimmung setzte er sich auf den Badewannenrand und lenkte seine Gedanken wieder auf das Buch, an dem er gerade schrieb. Er hatte die ersten fünfzig Seiten erfolgreich hinter sich gebracht und platzte schier vor Lust weiterzumachen. Seine Hauptfigur, Kommissar Babic, war hinter einer Bande von Menschenhändlern her. Gewissenloser Abschaum, der im doppelten Boden eines Viehtransporters illegale Einwanderer ins Land schmuggelte. Es würde ein guter Thriller werden, das hatte er im Gefühl. Diesmal würde ihn seine Frau nicht mit seinen ­literarischen Ambitionen aufziehen können. Er würde sie überraschen, so wie auch seine Freunde und Kollegen. Der Beiname Montalbano, den man ihm in der Stadt gegeben hatte, würde sich als ganz und gar verdient herausstellen.
Während er sich seinen Morgenkaffee kochte, überkam ihn einmal mehr das Bedauern über Carlas Abwesenheit. Sie hatte es vorgezogen, noch am Abend zurück nach Triest zu fahren, wenigstens bis zu den Weihnachtsferien dort zu bleiben. Bis dahin waren es allerdings nur noch wenige Tage. Sie brachte es nicht über sich, Livia allein zu lassen. Das einzige Kind der beiden durchschritt gerade die höllische Lebensphase, die man so harmlos als Jugend bezeichnet, mitsamt der obligatorischen Aufsässigkeit, den pampigen Antworten und der feindseligen Grundhaltung, die damit seit Anbeginn der Zeiten einhergingen.
In Wahrheit hatte sich Livias Haltung seit dem Unfall merklich verändert, wenigstens ihm gegenüber. Sie betrachtete ihn nicht mehr mit der unverhohlenen Verachtung, die sie zuvor an den Tag gelegt hatte. Im Gegenteil, manchmal schien sie geradezu stolz auf ihn zu sein.
Die Tatsache, dass er sein Leben riskiert hatte, um das ihres Freundes zu retten, der versucht hatte, sich vom Rilke-Pfad in die Tiefe zu stürzen, hatte ihm eine Menge Kredit eingebracht. Das änderte freilich nichts daran, dass die Familie Livias plötzlichen Stimmungsschwankungen ausgesetzt blieb. Bei der erstbesten falschen Bemerkung wurden Türen zugeschlagen, und immer wieder verschwand sie unvermittelt, schaltete gleichzeitig das Handy aus, was Benussis Frau – und damit auch ihn selbst – in einen Zustand zwischen heller Aufregung und Wut stürzte. So wurden die Tage schlicht unerträglich.
Also hatte der Kommissar seine Entscheidung getroffen. Ihm war inzwischen der Gips abgenommen worden, er konnte sich wieder fortbewegen, wenn auch mithilfe einer Krücke, und die Schmerzen waren nicht mehr gar so schlimm. Um wieder gesund zu werden – nach dem spektakulären Sturz von der Klippe, bei dem er nur knapp mit dem Leben davongekommen war und der ihm ein Schädel- und Wirbeltrauma sowie diverse weitere Verletzungen eingetragen hatte, darunter Brüche am Kiefer, am Oberarm und am rechten Fuß –, brauchte er nur drei Dinge: Stille, kurze Spaziergänge, die seine Muskulatur wieder geschmeidig machen sollten, und Gemütsruhe. Und da Letztere in der Wohnung an der Salita Promontorio nur eine utopische Vorstellung war wie im Übrigen auch die Spaziergänge – die malerische Triester Straße wies eine schwindelerregende Steigung auf –, hatte er sich als Erholungsort Santa Croce ausgesucht, wo ihm die Großeltern väterlicherseits ein Häuschen hinterlassen hatten.
Das schlichte, grob gemauerte Haus am Waldrand hatte ihm schon immer gefallen, dazu die kleine Obstwiese, um die sich niemand mehr kümmerte. Als Kind hatte er sich auf dem Kiesweg so manches Mal die Knie aufgeschlagen, beim Sturz vom Dreirad und später von den ersten Fahrrädern. Seine Großeltern waren freundliche, stille Leute gewesen, die ihn dafür nie ausgeschimpft hatten. Die Welt, in der sie lebten, bezog ihren Rhythmus aus den immer gleichen Abläufen, und so nahmen sie jeden Sommer den lebhaften Enkel auf, ohne sich zu beklagen. Die Tante, die den kleinen Ettore seit dem tragischen Tod seiner Mutter – ihrer Schwester – aufzog, bekam auf diese Weise eine kleine Atempause.
Kommissar Benussi hatte bei seinem Plan allerdings ­eines außer Acht gelassen: den zurückgezogen lebenden, störrischen Nachbarn Marko Marcovaz, der im Nebengebäude wohnte. Seit seinem Einzug war dieses Häuschen ein düsterer Ort, an dem sich ausgemusterte Möbel, Fischernetze, Badewannen und Armaturen häuften, die er von illegalen Müllkippen aufsammelte.
Die Tatsache, dass der Nachbar alleine lebte, machte das Ganze nicht leichter. Eine Frau, dachte Ettore arglos, hätte es vermocht, ihn zu beruhigen, ihn sanfter zu stimmen oder wenigstens im Zaum zu halten. Aber welche Frau hätte sich einem solchen Mannsbild nähern wollen, einem nachlässigen, stets ungekämmten Dickwanst in mittleren Jahren, der nie etwas anderes trug als einen ausgeleierten Trainingsanzug von unbestimmter Farbe und abgetragene Armeestiefel, die er wahrscheinlich noch nicht einmal zum Schlafen ablegte?
Marcovaz sah überall Feinde: Der Postbote, der ihm seine spärliche Korrespondenz brachte, wollte in Wirklichkeit nur bei ihm herumschnüffeln; der Nachbar von der Polizei stahl der Allgemeinheit ein Gehalt, das aus seiner – Marcovaz’ – Sicht hinausgeschmissenes Geld war; und selbst Hunden oder Raben, die es wagten, in seinen verwilderten Garten einzudringen, bereitete er denselben Empfang wie Wildschweinen und Rehen.
Die einzige Person, die er offenbar ertragen konnte, war Carla.
Was nicht allzu sehr verwunderte. Benussis Frau hatte die Einstellung der barmherzigen Samariterin: Bei Menschen, die von der Gesellschaft als Außenseiter betrachtet wurden, als hoffnungslose Fälle, vermutete sie nichts als Unbehagen, Leid und verborgene Wunden. Sie konnte den Gedanken nicht akzeptieren, dass manche Menschen von Geburt an zum Bösen neigten. Noch für die schlimmsten Verbrechen hätte sie bereitwillig nach einer Rechtfertigung gesucht, vielleicht ein geheimes Kindheitstrauma des Täters; zumindest behauptete Ettore das in einem scherzhaften Versuch, ihren unheilbaren Idealismus zu untergraben.
Als Carla eines Tages von Marcovaz angepflaumt wurde, der es nicht ausstehen konnte, wenn jemand entlang »seiner« Grundstücksmauer parkte, verlor sie daher nicht die Fassung. Und ebenso wenig erhob sie lautstarke Einwände von wegen öffentlicher Grund und es sei jedermanns Recht, zu parken, wo man wolle, wie Ettore es getan hätte. Sie stellte das Auto einfach ein Stück weiter vorne ab und entschuldigte sich mit einem Lächeln. Hinterher brachte sie ihm sogar noch ein Stück von dem Kuchen, den sie vormittags gebacken hatte.
Die versöhnliche Geste traf den Nachbarn wie ein Donnerschlag, und sooft er sie fortan kommen sah, trat er wie zufällig hinaus in den Garten, um sie mit einem Gruß und einem Lächeln empfangen zu können.
»Pass auf, der verliebt sich noch in dich«, zog Ettore sie auf. Aber sie zuckte nur mit den Schultern und schnaubte: »Wenn jeder auf aggressive Leute freundlich reagieren würde, gäbe es viel weniger Krieg, das kannst du mir glauben. Ein Lächeln ist entwaffnender als eine Bombe.«
Was soll man zu so einer Frau sagen, dachte Ettore, während er sich die letzte Tasse Espresso einschenkte. Er spürte, wie ihn beim Gedanken an den Abend zuvor eine plötzliche Wärme einhüllte.
Carla hatte ihm eine Überraschung bereitet. Eigentlich hatte er nicht vor Freitag mit ihr gerechnet. Aber sie wollte ihm einen Braten und einen Obstsalat bringen, um ihn vor seinen nicht sehr gesunden belegten Broten zu retten, vor Käse und Schinken und Krainer Würstchen, mit denen er sich sonst ausschließlich ernährte, weil es eben bequemer war. Ganz zu schweigen von dem Nusszopf, den er direkt aus der Verpackung aß und sich ein Stück nach dem anderen mit den Fingern abriss. »Wenn du so weitermachst«, sagte sie lachend, »dann bist du in sechs Monaten in dem gleichen Zustand wie früher. Findest du es nicht toll, so schön schlank zu sein? Fühlst du dich nicht viel besser?«
Tatsächlich hatte ihm der Unfall eine zweite Jugend beschert, nachdem Ettores Leben zuvor ein einziger Kampf mit den Kilos gewesen war. Seit der Sekundarschule hatte er nicht mehr so wenig Gewicht auf die Waage gebracht, und das machte ihn geradezu euphorisch. Ohne den körperlichen Ballast fing auch sein Kopf an, besser zu funk­tionieren, und er sah sich endlich in der Lage, sein erstes Buch zu beginnen – ein kühner Plan, dessen Ausführung er seit Jahren vor sich herschob. Bis jetzt hatte er dafür nie Zeit gefunden, die Ermittlungen oder seine Neigung zu Selbstmitleid und Pessimismus hatten es immer wieder verhindert. Inzwischen ging er scharf auf die sechzig zu und hatte das Gefühl, am Beginn eines neuen Lebensabschnitts zu stehen.
Der Unfall auf der Klippe war ein Umkehrpunkt ge­we­sen. Davor hatte sich ihm das Leben grau, resigniert und melancholisch dargestellt; seither jedoch wurde es von einem so unbekannten wie frappierenden Gefühl beherrscht – von Dankbarkeit und Hoffnung. Dankbarkeit dafür, noch am Leben zu sein, und Hoffnung, die verlorene Zeit zurückzugewinnen, von den Träumen seiner Jugend, die auf wundersame Weise heil geblieben waren und nun wieder aufblühten, bis hin zu seiner Frau. In zwanzig Jahren Ehe waren Müdigkeit und Gereiztheit zu treuen Begleitern ihrer Gemeinsamkeit geworden. Sie lebten wie zwei Schiffbrüchige auf einer Insel, die nicht den Mut aufbrachten, auf ein Floß zu steigen und zu fliehen. Das Alibi, das sie sich gegenseitig erzählten, lautete: »zu Livias Bestem«, doch beide wussten nur zu gut, dass das eine Ausrede war. Es gab überall Teenager, die zwischen getrennten Eltern hin- und herwanderten, und es war durch nichts erwiesen, dass sie glücklicher gelebt hätten, wenn ihre Väter und Mütter noch zusammen gewesen wären.
Doch Carla und Ettore hatten eines nicht verstanden – oder lange nicht einzusehen vermocht: dass sie noch immer etwas Tiefes, Festes und zugleich Geheimnisvolles verband, etwas, das über die gegenseitigen Enttäuschungen hinausreichte. Und dieses Etwas war noch in ihnen lebendig unter einer Kruste von Bitterkeit und Schweigen, verschüttet zwar von Unzufriedenheit und jahrelangen Problemen, aber stets bereit, allen Beschädigungen zum Trotz wieder an die Oberfläche zu kommen und ihre Augen zum Leuchten zu bringen.
Der Unfall war der Auslöser gewesen; er hatte dieses seit Jahren tot und begraben geglaubte Gefühl wieder zum Leben erweckt. Carla war wieder die aufmerksame, fröhliche, strahlende Frau aus der Frühzeit ihrer Beziehung, und Ettore hatte seine selbstironische, spielerisch-überraschende Seite wiederentdeckt. Wenn sie nun zusammen waren, fühlte sich das lebendig und aufregend an. Da sie sich im Bett noch zurückhalten mussten, um dem rekonvaleszenten Kommissar Schmerzen zu ersparen, holten sie ein paar erotische Spiele ihrer Jugend aus der Mottenkiste und lachten sich schief über seine Unbeholfenheit und die extravaganten Vorschläge von ihr. Meist jedoch lagen sie nur Arm in Arm da und redeten. Sie erzählten einander alles, was in den langen Jahren des Schweigens ungesagt geblieben war, oder unterhielten sich über Ettores Ideen für sein Buch, verwarfen die abwegigeren davon und vertieften die originelleren.
Kurzum, sie waren so glücklich wie nie zuvor.
»Ihr seid ja nicht auszuhalten«, platzte Livia eines Tages beim Abendessen heraus, mitten in ihr gerade neu begonnenes Idyll. »Das ist doch lächerlich, in eurem Alter!« Aber statt beleidigt oder gereizt zu reagieren, brachen Carla und Ettore in Gelächter aus.
Ganz unrecht hatte ihre Tochter nicht.
»Nimm das nicht so ernst, Livia. Weißt du, dein Vater war vor dem Unfall so langweilig geworden, so vorhersehbar, und jetzt freue ich mich eben, ihn anders zu erleben. Was soll ich machen?«
Der Ton, in dem Carla das Befremden ihrer Tochter aufnahm, war leicht und amüsiert.
»Wenn du dich recht erinnerst, war auch deine Mutter nicht gerade ein Ausbund an Ausgeglichenheit und Geduld«, versetzte Ettore. »Sie ging doch beim kleinsten Anlass an die Decke. Ist es nicht besser, wenn du sie im Haus singen hörst als herumschreien?«
Anstelle einer Antwort sprang Livia auf und schloss sich in ihrem Zimmer ein, nicht ohne vorher die Tür hinter sich zuzuschlagen.
»Das muss man verstehen«, bemerkte Carla lachend. »Kaum etwas ist so unausstehlich wie ein glückliches Paar.«
Als nun das Telefon klingelte, war Ettore in die Erinnerung an den Vorabend versunken. Carla hatte ihn mit einem kleinen Candlelight-Dinner verwöhnt und anschließend da­rauf bestanden, die Lieder ihrer Jugend zu hören. Franco Battisti, Lucio Dalla, Francesco De Gregori, Claudio Baglioni, aber auch das eine oder andere Stück von den Pooh und den Cugini di Campagna, um nur ja nichts auszulassen. Für Ettore war es unfassbar, dass seine Frau das alles im Gedächtnis behalten konnte – sobald die erste Note eines Songs erklang, ließ sie sämtliche Strophen vom Stapel, eine nach der anderen, als hätte sie ihr Leben lang nichts anderes getan. »Wie machst du das bloß? Du bist ja ein richtiges Ass!« Carla lachte gut gelaunt. »Weiß ich selber nicht. Ich glaube, die Musik öffnet vergessene Türen im Gedächtnis. Ganz ehrlich, ich habe diese Lieder seit mindestens zwanzig Jahren nicht mehr gesungen …«
Es war wirklich ein besonderer Abend gewesen, und beide hätten sich gewünscht, dass er nie zu Ende ginge. Doch gegen elf hatte sich Carla schließlich aus den Armen ihres Mannes gelöst und war gefahren, ihren mütterlichen Pflichten treu.
»Ist Mama bei dir?« Die Stimme seiner Tochter kam gedämpft durchs Telefon, aber ihr Ärger war unverkennbar. »Ich muss mein Handy aufladen, aber sie hat mir kein Geld dagelassen. Ihr könntet mir wenigstens Bescheid sagen, wenn …«
»Bestimmt ist sie schon aus dem Haus gegangen. Hast du’s auf ihrem Handy versucht?«
»Das ist ausgeschaltet.«
»Oder ist sie vielleicht noch in ihrem Zimmer?«
»Also, ich glaube nicht, dass sie hier geschlafen hat. Ich dachte, sie ist bei dir geblieben.« Die Stimme der jungen Frau begann leicht zu zittern. »Aber wo ist sie dann?«
Ettore stand auf, ohne nach seiner Krücke zu greifen. Er musste jetzt ruhig bleiben, klar denken. Es musste eine Erklärung geben.
»Mach dir keine Sorgen, Livia. Bestimmt ist sie unterwegs, um irgendeinem Junkie zu helfen, und wollte dich halt nicht wecken. Du kennst doch deine Mutter. Geh einfach in die Schule und mach dir keine Gedanken.«
»Okay. Kannst du das Handy für mich aufladen? Ich hasse es, wenn ich nichts von der Welt mitbekomme.«
»In Ordnung, mache ich gleich.«
Der Tag hätte wirklich nicht besser beginnen können.











2
Karacici, 7. Mai 1992


Kassim, Liebster, ich glaube, ich werde wahnsinnig. Auch Mutter, die Dich doch immer gern gehabt hat, sagt jetzt auf einmal, es wäre besser, wenn Du Dich zu Hause nicht blicken lässt. Dein Onkel hatte Streit mit meinem Vater, sie haben sich geprügelt. Dabei sind die beiden zusammen aufgewachsen, haben im Garten gespielt und waren als Jungen unzertrennlich.
Und was sollen wir mit dem Kind machen, das ich in mir trage? Ich habe noch keinem davon erzählt, ich wollte auf den passenden Moment warten. Aber ich fürchte, den wird es nicht mehr geben. Im Fernsehen sehe ich schreckliche Szenen und rede mir ein, dass das hier in unserem kleinen Dorf nicht passieren könnte. Seit Jahrzehnten leben wir doch friedlich zusammen. Keiner von uns wird einem Verrückten folgen, der sagt, dass wir unsere Freunde hassen sollen, nur weil sie einer anderen Religion angehören. Wann hat uns das jemals gestört?
Gestern Abend war ich in der Wäscherei, um mit meiner Mutter zu reden. Ich wusste, dass sie es verstehen, dass sie uns helfen würde. Sie hat doch auch mit sechzehn ein Kind bekommen. Aber dann habe ich es nicht geschafft, ihr etwas zu sagen. Als ich hereinkam, saß sie am Bügeltisch und weinte. Sie hat mich ganz fest umarmt und gesagt, dass ich jetzt stark sein muss und dass schlimme Zeiten auf uns zukommen, und wir müssten jetzt vorsichtig sein und dürften keinem vertrauen. Sie hat auch gesagt, seit der Onkel da ist, hätte mein Vater sich verändert. Anscheinend sperren sie sich stundenlang im Keller ein und reden. Und er hat auch wieder angefangen zu trinken. Manchmal, hat sie gesagt, würde er ihr Angst machen, sie würde ihn kaum wiedererkennen. Er hat ihr sogar vorgeworfen, dass sie Kroatin ist.
Als ob das eine Schande wäre.
Auch ich erkenne ihn kaum wieder. Was ist aus meinem fröhlichen, starken Papa geworden, der mich immer hochgeworfen und dann wieder aufgefangen hat? Bestimmt hat er meiner Mutter gesagt, dass wir uns nicht mehr sehen dürfen. Er sagt, dass Du ein balija bist, ein Muslim, und ich eine Serbin, da gäbe es keine Zukunft für uns. Dabei hieß es doch noch bis gestern, dass wir im Sommer heiraten würden, und alle haben sich mit uns gefreut! Ich kann ohne Dich nicht atmen, wie soll ich das aushalten, Dich nicht wiederzusehen? Und was wird aus unserem Kind?
Auf dem Heimweg von der Schule war ich in der Kirche. Ich wusste gar nicht, worum ich Jesus und die Heilige Jungfrau Maria bitten soll. Da waren sie, ihre schönen Ikonen, und haben im Kerzenschein gelächelt, als wenn nichts wäre. Dabei ist gar nichts so wie früher. Ich habe versucht zu beten, aber die Worte wollten nicht kommen.
Nur Tränen.
Mir ist eingefallen, wie Dein Vater und Dein Großvater damals meinem Vater und meinen kroatischen Onkeln geholfen haben, unsere orthodoxe Kirche zu bauen, und wie sie zusammen gesungen haben. Und als der Blitz in Eure Moschee eingeschlagen hat, haben wir alle in der Familie gesammelt, um das Dach zu restaurieren. Und an Heiligabend sind wir Kinder immer in die Kirche gekommen, Christen, Orthodoxe und Muslime, und haben im Dämmerlicht der Kerzen und im Weihrauchduft Pater Vladimirs Litaneien gelauscht, der vor der goldenen Ikone stand.
Waren wir damals nicht Brüder? Waren wir nicht alle Jugoslawen? Was ist mit uns passiert? Und was wird nun aus uns werden, Kassim? Was wird aus unserem Kind? Ich habe solche Angst. Verstecke Deine Antwort dort, wo Du diesen Brief gefunden hast. Wenn wir uns schon nicht sehen können, dann sollen sie uns wenigstens nicht daran hindern, dass wir uns schreiben.
Bitte sei vorsichtig.
Ich liebe Dich so.
Nadja

Roberta De Falco

Über Roberta De Falco

Biografie

Roberta De Falco ist das Pseudonym einer erfolgreichen Drehbuchautorin, die mit den Großen des italienischen Kinos zusammengearbeitet hat. Sie lebt in Triest, Rom und Orvieto.

Pressestimmen

Wiener Journal

»So abgründig war ein Krimi-Import aus Bella Italia selten – und so niveauvoll.«

Münchner Merkur

»Tolle Leute und eine fesselnde Handlung.«

Susanna Tamaro

»Ein raffinierter Krimi, der mich überrascht, begeistert und blendend unterhalten hat.«

Il Piccolo

»Roberta De Falco kommt ohne die platte und brutale Darstellungsweise vieler Krimis aus und legt einen düsteren und spannenden Roman vor.«

Maurizio de Giovanni

»Eine vielversprechende Stimme, die im vielstimmigen Chor der zeitgenössischen italienischen Krimiautoren immer wichtiger wird.«

Vanityfair.it

»Roberta De Falco ist zur Grande Dame des italienischen Krimis geworden.«

Ideelibri.it

»Die Figuren und die Handlung in »Guten Zeiten für schlechte Menschen« sind mit großer Sorgfalt und Bravour gezeichnet.«

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