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Gute Dienste

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Gute Dienste — Inhalt

Gute Dienste ist ein poetisches Kleinod, das sich liest wie ein Klassiker der lateinamerikanischen Literatur. In einer perfekten Inszenierung entlarvt Rosero auf subtile Weise die Scheinheiligkeit der Kirche.

 

Jede Kirche, „ die etwas auf sich hält, stellt ihren Buckligen zur Schau", sagt Tancredo, ein junger Quasimodo, der in Pater Almidas Pfarrei am Rande von Bogotá lebt. Gemeinsam mit den anderen Bewohnern - der Küster Celeste Machado, seine sexbesessene Patentochter Sabina Cruz und die drei Haushälterinnen, "die Lilias" genannt - bildet er einen bizarren Mikrokosmos. Das zerbrechliche Gefüge gerät ins Wanken, als an einem Donnerstag Pater Almida und der Küster überstürzt aufbrechen müssen, um einen wichtigen Wohltäter der Gemeinde zu treffen. Eilig wird eine Vertretung herbeigerufen: San José Matamoros, ein dem Alkohol zugeneigter Geistlicher, der in einer denkwürdigen Nacht Tancredo und die Lilias zu unerhörten Geständnissen und Taten bringt.

 

PRESSE zu Zwischen den Fronten

„Rosero ist ein großer Humanist und seine kleine Geschichte unbedingt lesenswert." Andreas Fanizadeh, taz

„Die großen Fragen, die der Roman aufwirft, sind von universeller Relevanz ... Rosero zwingt, darüber nachzudenken." Eva Karnofsky, Deutschlandfunk

„Zupackende und auch differenzierte Sprache"Walter Haubrich, Frankfurter Allgemeine Zeitung

€ 10,99 [D], € 10,99 [A]
Erschienen am 10.09.2012
Übersetzt von: Matthias Strobel
160 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-8270-7575-8

Leseprobe zu »Gute Dienste«

I
Er hat schreckliche Angst, ein Tier zu sein, vor allem donnerstags,
bei den Speisungen. »Davor habe ich Angst«, sagt
er und entdeckt in der Spiegelung des Fensters seinen Buckel.
Seine Augen umschleichen seine Augen; er ist sich
fremd: Was für ein anderer? denkt er, was für ein anderer?
Er erforscht sein Gesicht. »Donnerstags«, murmelt er, »vor
allem donnerstags, am Tag der Alten.« Der Dienstag gehört
den Blinden, der Montag den Huren, der Freitag der
Familie, der Mittwoch den Straßenkindern und der Samstag
und Sonntag gehören Gott, wie der Pater sagt. »Lassen
w [...]

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I
Er hat schreckliche Angst, ein Tier zu sein, vor allem donnerstags,
bei den Speisungen. »Davor habe ich Angst«, sagt
er und entdeckt in der Spiegelung des Fensters seinen Buckel.
Seine Augen umschleichen seine Augen; er ist sich
fremd: Was für ein anderer? denkt er, was für ein anderer?
Er erforscht sein Gesicht. »Donnerstags«, murmelt er, »vor
allem donnerstags, am Tag der Alten.« Der Dienstag gehört
den Blinden, der Montag den Huren, der Freitag der
Familie, der Mittwoch den Straßenkindern und der Samstag
und Sonntag gehören Gott, wie der Pater sagt. »Lassen
wir den Geist ruhen«, bittet er ihn, oder, was auf das Gleiche
hinausläuft, betet er und schwenkt Weihrauch: Messe,
Messe, Messe. Jeden Tag ist Messe, Gottes Wort, aber
unter der Woche, zur Mittagszeit, ist die Pfarrei die Hölle.
Bei den Speisungen hat man selbst keine Ruhe, nicht einmal,
um zu essen. Die andern essen, ja. Er aber muss alles
überwachen, sich um alles kümmern, von Anfang an. Vor
allem donnerstags, wenn er schreckliche Angst hat, ein Tier
zu sein. Um zehn Uhr vormittags strömen die Alten herbei,
von überall her, aus allen Himmelsrichtungen, Bogotá
spuckt sie dutzendweise aus; sie warten ungeduldig in der
Schlange, lungern vor der Kirche herum, vor der Seitentür
zum Speisesaal, die sich erst um Punkt zwölf Uhr öffnen
wird, ob es hagelt oder die Sonne brennt, Messerspitzen.
Den Alten ist kein Wetter recht, und sie ertragen es auch
nicht, dass sich die metallene Tür erst um zwölf Uhr öffnet:
Ihre Schlange ist ein Klagen, Murren, Fluchen. Sie sind die
Einzigen, die vergessen, dass ihre Speisung ein barmherziges
Werk Pater Almidas ist. Sie protestieren, als stünden sie
vor einem Restaurant, als wären sie zahlende Gäste. Sie tun
so, als wären sie ehrenwerte Kunden und er ihr Kellner, ihr
Platzanweiser. »Ich werde mich bei Ihrem Chef beschweren
«, schreien sie. »Wir sind von weit her gekommen.« »Ich
will meine Suppe, wie lange muss ich denn noch warten?«
»Ich bin krank.« »Ich habe Hunger.« »Aufmachen, aufmachen,
ich sterbe gleich.« »Aufmachen, ich bin schon
tot.« Und sie sterben tatsächlich: Elf Alte sind schon gestorben
in den drei Jahren, seit Pater Almida die Speisungen
der Barmherzigkeit anbietet: in der Schlange sind sie
gestorben oder beim Mittagessen, und dann hat er doppelt
so viel Angst, ein schreckliches Tier zu sein: dann muss er
bei Leuten anrufen, die nie ans Telefon gehen, bei Ärzten,
bei der Polizei, bei Instituten und Stiftungen, die mit dem
Pater vereinbart haben, in solchen Fällen zu helfen, verdienstvolle
und wohltätige Menschen, die aber, wenn sie
schließlich ans Telefon gehen, so tun, als wüssten sie von
nichts, die, wenn man sie am meisten braucht, sagen: »Wir
sind schon unterwegs.« »Wir kommen gleich.« »Einen
Augenblick.« Und dann muss er stundenlang bei der Leiche
ausharren, im Speisesaal, wo das Essen serviert wird,
reglos ausharren, er wie der Tote, jeder auf seinem Stuhl,
die letzten Gäste an dem mit Überresten übersäten Tisch,
dem Totentisch, an dem die anderen Alten, obwohl einer
von ihnen gestorben ist, einfach weiteressen, ohne innezuhalten,
ja sogar ihre Scherze treiben auf Kosten des Verstorbenen,
sich dessen Essen einverleiben. »Dir nützt es ja
nichts mehr.« Den Hut nehmen sie ihm weg, den Schal, das
Taschentuch, die Schuhe. Zum Glück stirbt nicht jeden
Donnerstag ein Alter. Was aber nicht heißt, dass er nicht
fürchtet, zum Tier zu werden. Das fürchtet er immer, diese
schreckliche Angst hat er immer, vor allem donnerstags,
nach der Speisung, wenn er den Saal räumen muss. »Pater
Almida erwartet euch nächste Woche«, sagt er dann, und
die Schlacht beginnt. Verzweifelte Stimmen branden auf,
erschüttern den Tisch, die Teller, die Bestecke. Wie verdutzte
Kinder sind sie dann. Sie flehen ihn an, als wäre er
ein Verwandter, eine Erinnerung: Sie geben ihm seltsame
Namen, Namen, von denen er hinterher träumt, nicht glauben
kann, dass es wirklich diese Namen waren: Ehich, Schekinah,
Ajin, Haytfadik. »Du willst uns doch wohl nicht
rauswerfen«, sagen sie. Protestieren. Heulen. Schreien beschwörend:
»Ich will nicht weg von hier. Wo kann ich mich
nur verstecken?« Er muss sie von den Stühlen zerren, diese
faulen Gesellen, die meistens eingeschlafen sind, die Mägen
prall gefüllt mit Suppe und zerkleinertem Schweinefleisch:
Ihnen wird Brei serviert, weil sie keine Zähne mehr
haben und schon gar kein künstliches Gebiss, und außerdem
essen sie langsam, unendlich langsam, absichtlich
langsam, als wollten sie, dass es nie zu Ende geht. Ihre
Speisung dauert ewig. Doch irgendwann geht sie zu Ende,
sehr zu ihrem Unmut, aber sie geht zu Ende, und er muss
sie anschreien, damit sie aufwachen, antreiben wie störrisches
Vieh, sogar hochheben, aus dem Saal tragen, vor sich
her schubsen, aus der Kirche jagen. »Wir werden Pater
Almida rufen«, wehren sich die Wacheren, »wir werden uns
beschweren.« Er stößt sie vorwärts, einen nach dem anderen,
spielt notgedrungen den Henker, die alten Frauen versuchen,
ihn zu beißen, hängen sich ihm an den Hals, verhaken
ihre Finger in seinen Haaren, verlangen nach Pater
Almida, sie sind seine Großmütter, sagen sie, seine Tanten,
seine Mütter, seine Bekannten, und sie bieten sich an als
Hausmädchen für die Kirche, als Köchinnen oder Gärtnerinnen
oder Schneiderinnen, manche kriechen unter den
Tisch, kauern sich zusammen und sträuben sich wie wilde
Tiere, strecken ihm drohend die Fingernägel entgegen,
dann muss er sich auf alle viere begeben, sie suchen, sie
jagen, sie fangen, sie hervorziehen, aber damit ist sein Tagwerk
noch immer nicht vollbracht, denn selbst wenn die
meisten Alten sich damit abfinden, dass sie gehen müssen,
bleiben einige im Saal verstreut zurück, stellen sich tot oder
sterbend, und manch einer hat ihn schon getäuscht, hat ihn
in die Irre geführt, hat ihn davon überzeugt, dass er tot ist.
»Wir sind schon tot«, sagen die Naivsten, wenn sie sich zu
erkennen geben. »Ich bin schon tot, also stör mich nicht.«
Andere jedoch verharren wie erstarrt, ausgestreckt auf dem
kalten, ziegelsteinernen Bett – das nichts anderes ist als
eine Pfütze aus verschütteter Suppe und Reis –, die Augen
weiß, die Glieder steif; er legt ihnen das Ohr an die Brust:
Ihr Herz ist nicht zu hören, wenigstens scheint es so, dann
wendet er Tricks an, um ihnen auf die Schliche zu kommen, er fleht um die Geduld Hiobs und kitzelt sie an den
verdreckten Ohren, an den Wimpern, unter den stinkenden
Achseln und an den Fußsohlen, die noch viel schlimmer
stinken, steckt seine Finger in ihre alten, vom Schweiß
ganz feuchten Schuhe, in denen es von Ameisen wimmelt,
in ihre Schuhe aus rissigem Leder, deren Sohlen von den
Jahren durchlöchert sind, in ihre Schuhe, die sie nie ausziehen,
genauso wenig wie die Strümpfe – wenn sie denn
welche tragen –, und wenn er bis zur Haut vordringt, bis
zur glitschigen Haut, stößt er auf eine Eiseskälte, dass sich
alles in ihm sträubt, dann kratzt er heftig an der Sohle,
drängend, und nur wenn er keine Reaktion erhält, kneift er
sie, kneift sie immer stärker, immer heftiger, es ist der allerletzte
Test, bis sie schließlich reagieren, grinsen, lachen,
verhalten erst, dann ängstlich, winselnd, schreiend, und
dann: »Lass mich in Ruhe, ich bin tot.« Und sie beharren
darauf: »Fass mich nicht an, ich bin ein Toter, ich bin schon
tot, siehst du das denn nicht?« Und schließlich, wutentbrannt:
»Du hast mich getötet.« Und sie beschimpfen ihn:
»Du buckliges Schwein.« Dann schäumt in den tiefsten
Tiefen seiner Brust die Wut auf, dann hat er Angst, zum
Tier zu werden und all diese Männer- und Frauenskelette
abzunagen, von denen man nicht weiß, ob sie Kinder sind
oder Alte, von denen man nicht weiß, ob sie gut sind oder
böse, von denen man nicht weiß, was sie sind, die wider
Willen die schlimmsten Übel dieser Welt bergen, Pater
Almida bläut es ihm ein: »Du musst dich dareinfügen,
Tancredo«, sagt er, es gebe nichts Schlimmeres als das Alter,
nichts Bedauerlicheres, Mitleidwürdigeres, »es ist die letzte
große Prüfung Gottes«, sagt er, und es stimmt, aber es gibt
auch nichts Schlimmeres, als herausfinden zu müssen, ob
sie tot sind oder nicht, nichts Schrecklicheres als seine
Angst, ein Tier zu sein, denn es ist seine Aufgabe, ihnen auf
die Schliche zu kommen, ganz allein muss er sich um die
Speisungen kümmern, um alle Speisungen, vor allem aber
um die Speisungen der Alten, der immer zahlreicher werdenden
Alten, der unverschämten Alten, die sich tot stellen,
um in den Himmel der Pfarrei zu gelangen, sie zehren
an seiner Geduld, bringen ihn aus der Fassung, rauben ihm
den Mut, zermürben ihn, und am schlimmsten ist es, wenn
ein Alter tatsächlich gestorben ist und er ihn trotzdem
dieser irrwitzigen Prüfung hat unterziehen müssen – oder
vielmehr sich selbst –, diesem abartigen, unumgänglichen
Kitzeln und Kneifen.
»Das ist dein Kreuz«, sagt der Pater dann zu ihm, »und
deine Erlösung. Füge dich darein, Tancredo.«
Am Ende sieht er, wie sie von dannen ziehen, sich in
alle Himmelsrichtungen zerstreuen, ein dezimiertes Heer,
jeder mit seiner Last, mit seinem Beutel, in dem sie die
Reste aufbewahren, und er weiß nicht, wohin sie gehen, wo
sie in dieser und der nächsten Nacht schlafen werden, wo
morgen essen. »Vielleicht in einer anderen Kirche«, denkt
er, redet es sich ein, um seine Gewissensbisse zu lindern:
die Schreie und Stöße, mit denen er sie aus der Kirche gescheucht
hat, »andere Hände werden ihnen helfen«, denkt
er und schließt die Tür, und noch während er sie schließt,
warten an der kleinen, gegenüberliegenden Tür, die ins Innere
der Kirche führt, als hätte eine unsichtbare Hand sie
dorthingestellt, ihm ungelegen kommend, die Bürsten und
der Besen, die drei mit Wasser gefüllten Eimer, die Handtücher,
die desinfizierende Seife, die endlose Arbeit: Boden
und Wände müssen geschrubbt werden, peinlich sauber
geschrubbt; blitzblank geputzt die Scheiben des einzigen
Fensters; funkelnd die Kreuze, die die Wände schmücken;
glänzend poliert der große, rechteckige, einfache Tisch aus
Zedernholz, ein Tisch wie beim letzten Abendmahl; und
auch die Stühle, die exakt neunundneunzig Stühle, müssen
makellos sauber werden, zurechtgerückt für den nächsten
Tag, den Freitag der Familie, der einzigen Speisung, an
der der Pater teilnimmt, der er vorsitzt in Begleitung derer,
mit denen er lebt: den drei Lilias, dem Sakristan Machado,
dessen Patentochter Sabina Cruz und ihm, dem Akolythen,
ihm, Tancredo, ihm, dem Buckligen.
Was für ein anderer? Was für ein anderer?
Tancredo wendet den Blick vom Fenster und betrachtet
sich prüfend: blanke Not.
Normalerweise ist es fünf Uhr nachmittags, wenn er mit
dem Putzen zu Ende ist, und erst dann taucht in der kleinen
Tür eine der Lilias auf; auf einem Tablett aus Blei bringt sie
sein Mittagessen. Er isst allein zu Mittag, verschwitzt, nach
Putzlappen riechend, nach Desinfektionsmittel, den Kopf
über den Teller gebeugt, manchmal fast angsterfüllt. Angst,
weil er früher oder später den Kopf hebt und das Gefühl
hat, immer noch umringt zu sein von den Gesichtern mit
den zahnlosen, speicheltropfenden Mündern, die sich immer
weiter öffnen, die ihn verschlingen, Arm für Arm, Bein
für Bein, die gierig seinen Kopf einsaugen, und nicht nur
mit dem Mund: auch mit den Augen verschlingen sie ihn,
mit diesen toten Augen. Dann schlägt er mit der Faust auf
den Tisch, aber sie verschwinden nicht. Ich bin die Speisungen,
denkt er und schreit: »Ich bin die Speisungen, noch
immer bin ich ihre Speisungen«, und inmitten des Gezeters
wie von Alten, die auf Straßen flüchten, stößt Tancredo ein
Röcheln aus, ein letztes Röcheln, dies ist dein Kreuz, sagt
der Pater, dein Kreuz. Er schließt die Augen und sieht andere
Augen, viele Augen. Dann hat er schreckliche Angst,
ein Tier zu sein, ein einsames Tier, ein Tier, das mit sich
selbst allein ist, sich selber frisst.
An diesem Donnerstag jedoch rettet ihn eine andere der
Lilias vor seiner Angst. Es ist merkwürdig: Er hat sein Mittagessen
noch nicht beendet, da taucht die Lilia im Türrahmen
auf, ihre feucht hallende Stimme, die drängend
flüstert: »Pater Almida braucht Sie. Er ist im Kabinett.« Es
ist die kleinste der drei Lilias: Vor Kälte zitternd, steht sie
auf der Schwelle, wischt sich die Hände an der Schürze ab
und seufzt lautstark. Alles, was mit dem Pater zu tun hat,
versetzt sie in Aufregung, bringt sie zum Stottern; sie ist
von hysterischer Beflissenheit; ihre Augen glänzen wie zu
Tode erschrocken; hinter ihrer kleinen, gebeugten Gestalt
sieht Tancredo einen Teil des Pfarrgartens, die Weiden,
den großen, runden Brunnen aus gelbem Stein, das dunkler
werdende Violett des Abends. »Gehen Sie schon, Ihr
Mittagessen stelle ich beiseite«, sagt sie in ihr schwarzes
Schultertuch gehüllt und geht mit ausgebreiteten Armen
auf das Tablett zu, »Ihr Mittagessen wärme ich Ihnen auf.
Sie können es später in Ihrem Zimmer zu sich nehmen.«
Es ist merkwürdig, denn in den drei Jahren, die es die
Speisungen nun gibt, hat Pater Almida noch nie befohlen,
Tancredos Mittagessen zu unterbrechen, die Ruhepause
danach. Seine Anweisungen diesbezüglich waren eindeutig:
»Tancredo darf beim Mittagessen nicht gestört
werden.« An einem Dienstag der Blinden hat er sich sogar
einmal über die drei Lilias aufgeregt, weil sie Tancredo,
kaum hatte er sein Tagwerk vollendet, um Hilfe in der
Küche baten: den Kühlschrank wollten sie verschieben,
den Kohleherd entrußen, die vier elektrischen Herde verrücken,
um dahinter zu fegen und bei der Gelegenheit den
Mäusebau zu entfernen, an den keine der sechs Pfarrkatzen
herangekommen war. »Tancredo kann morgen früh helfen
«, hatte der Pater gesagt, »oder an irgendeinem anderen
Morgen, aber nicht nach der Speisung. Er muss zu Mittag
essen, muss sich erholen und sich dem Studium widmen,
bevor er sich zur Ruhe legt.« Ausdrücklich gesagt hatte
er es: »Auf gar keinen Fall dürft ihr Tancredo nach den
Speisungen belästigen, es sei denn, er und ich vereinbaren
etwas anderes.«
Seither haben die drei Lilias ihn nie wieder um Hilfe
gebeten, außer bei den Aufgaben, die er schon von Kind auf
mit ihnen teilt: sie jeden Samstag zum Markt zu begleiten,
die Einkäufe zu tragen, sie in der Speisekammer zu verstauen,
die Funktionstüchtigkeit der Öfen zu überprüfen,
die elektrischen Defekte zu reparieren, einen Nagel einzuschlagen
oder herauszuziehen, häusliche Verrichtungen,
die ihn wenig fordern. Alle Tätigkeiten in den letzten drei
Jahren, seit er auf der Abendschule sein Abitur nachgeholt
hat, sind um die Speisungen herumgruppiert, um die Speisungen
und um seine Studien, die von Pater Almida höchstpersönlich
angeleitet und überwacht werden: die kommentierte
Lektüre der Bibel zum Beispiel oder das Lateinlernen.
Jetzt aber wird das Studieren wohl warten müssen, vermutet
er, ebenso wie das Duschen und das Umziehen. Er
wird sich in das Kabinett begeben müssen – eine Art Büro,
in dem der Pater seinen irdischen Verpflichtungen nachkommt
und wo er jetzt auf ihn wartet, ihn sehen will, er
braucht mich, denkt er, wie die kleinste der Lilias es mit
solcher Dringlichkeit formuliert hat.

Evelio Rosero

Über Evelio Rosero

Biografie

Evelio Rosero, 1985 in Bogotá geboren, zählt zu den wichtigsten Repräsentanten der lateinamerikanischen Literatur. Sein Werk wurde mehrfach ausgezeichnet, u.a. mit dem Premio Nacional delCuento und dem Premio Nacional de Literatura. Für seinen Roman »Zwischen den Fronten« (2008) erhielt er den...

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