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Grünes GoldGrünes Gold

Grünes Gold

Die Schwertfeuer-Saga 3

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Grünes Gold — Inhalt

Arzulans Urwald ist Heimat von Legenden. Einige davon sind ebenso gefährlich wie die flammenden Herzen der Dämonen, denen die Söldner Rorgators huldigen. Die Baronie Klataal holt Jade aus den grünen Schatten der Bäume – doch auch anderes … Ist sie dabei zu weit gegangen? Das Geheul der Waldstämme weckt mythische Schrecken. Grenzsiedlungen brennen. Die besten Krieger der Welt werden angeheuert, um die Wilden zurückzuschlagen. Doch der Schutz der Baronie ist nur ein Teil des Kontrakts, den die Kampfherren des Klingenrauschs mit ihrem Blut siegeln. Gefangene erzählen vom Herzen des Waldes und Söldner senden Spähtrupps aus. Sie wollen dieses dunkle Wunder finden – und den Stahl ihrer Klingen hineinstoßen …

Erschienen am 01.08.2017
448 Seiten, Broschur
ISBN 978-3-492-28128-7
Erschienen am 01.08.2017
448 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-492-97627-5

Leseprobe zu »Grünes Gold«

1. Rauch


Gonter sah sich selbst über die Straße aus glühendem Eisen schreiten. Zumindest nahm er an, dass er eine der dunklen Gestalten war, die dort unten marschierten. Die Kolonne erstreckte sich sowohl vor als auch hinter ihm, bis sich der gelbrot leuchtende Weg in der Dunkelheit verlor. Das war keine ungeordnete Menge, sondern eine feste Formation. Rotten zu fünfundzwanzig Kämpfern, Banner zu vier Rotten und Kampfgruppen, die sich aus mehreren Bannern zusammensetzten, mit kleinen Lücken zwischen den Verbänden. Knapp viertausend Helme stark verlegte [...]

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1. Rauch


Gonter sah sich selbst über die Straße aus glühendem Eisen schreiten. Zumindest nahm er an, dass er eine der dunklen Gestalten war, die dort unten marschierten. Die Kolonne erstreckte sich sowohl vor als auch hinter ihm, bis sich der gelbrot leuchtende Weg in der Dunkelheit verlor. Das war keine ungeordnete Menge, sondern eine feste Formation. Rotten zu fünfundzwanzig Kämpfern, Banner zu vier Rotten und Kampfgruppen, die sich aus mehreren Bannern zusammensetzten, mit kleinen Lücken zwischen den Verbänden. Knapp viertausend Helme stark verlegte der Klingenrausch an den Einsatzort seines nächsten Kontrakts, geleitet von Silber, Abenteuerlust und Dämoneneid.
Der Marschtritt hallte in die Finsternis hinaus, die sich rings um den Glutpfad erstreckte. Die Legion marschierte in gleichmäßigem Tempo, ohne Rast. Es gab weder Hunger noch Durst noch Erschöpfung oder Schmerz, wenn man von dem qualvollen Sehnen absah, endlich ein Ziel zu erreichen, gegen das man die Waffen schwingen konnte. Die Lust der Dämonen, die den Glutpfad geöffnet hatten, durchdrang die Krieger.
Gonter wusste, dass am Ziel keine klare Erinnerung mehr an den Marsch über die rot glühende Straße bliebe. Man wusste nur noch, wie man in das steinerne Dämonenmaul getreten war, man hatte eine nebulöse Ahnung vom endlos scheinenden Weg, und das Nächste, was die Erinnerung greifen konnte, war die Ankunft. Aber er fragte sich, ob nicht doch etwas von dieser Erfahrung, von diesem finsteren, alles Leben verachtenden Drängen in den Kriegern zurückblieb.
Die vordersten Rotten schritten in eine sich rasch verdichtende Wolke aus Qualm, immer mehr der dunklen Gestalten verschwanden vom Glutpfad, während die übrigen unbeirrt weitermarschierten.
Etwa ein Drittel der Legion war bereits fort, Rauch trübte Gonters Sicht, als er plötzlich das Gefühl hatte, aus großer Höhe zu fallen. Vier Herzschläge lang schien sein Magen unsicher, ob er an seinem Platz bleiben oder in den Brustkorb rutschen sollte.
Dann fiel er auf sein linkes Knie, sein Oberkörper sackte vornüber und schlug auf den rechten Oberschenkel. Das Kettenhemd rasselte, der Schild zog an seinem linken Arm, die Faust schloss sich fest um die Haltestange, der eisenverstärkte Rand drückte sich in weichen Boden. Gonters Lunge war vollständig geleert, wider besseres Wissen tat er einen tiefen Atemzug.
Er roch den Holzrauch, der in seiner Kehle kratzte und ihn zum Husten reizte. Er war nicht der Einzige, dem es so erging. Ringsum husteten die Krieger, Hunderte, Tausende von ihnen. Die Maultiere, von denen auf dem Glutpfad nichts zu sehen gewesen war, schrien verängstigt.
Der Glutpfad … die Erinnerung an diesen Weg durch dämonische Gefilde verblasste bereits. Da war ein langes, gerades, gelbrotes Etwas, wie eine Eisenstange, die man in einer unbeleuchteten Schmiede bearbeitete. Dunkle Punkte waren darauf, wie Schlacke oder Asche, aber gleichmäßiger, und alles flimmerte … Oder war dieses Bild nur eine Täuschung?
Das spielte keine Rolle. Die Weibel brüllten schon, damit die Söldner Aufstellung nahmen. Flüche schollen durch den Rauch, Stahl klirrte, unartikulierte Schreie zeugten davon, dass wohl nicht alle so glücklich angekommen waren wie Gonter. Aber das brauchte ihn nicht zu interessieren. Er musste jetzt seine Rotte sammeln.
Er atmete nun flacher, um den Husten zu beruhigen. Der Rauch biss in seine Augen und ließ sie tränen. Gonter tastete nach der Laterne, löste sie vom Haken an seinem Gürtel, stellte sie ab und legte den Hebel um, der das Windglas hochschob. Er blinzelte, damit er genug sah, um den Feuerstein richtig zu handhaben, den er zusammen mit dem Stahlplättchen aus dem Täschchen fingerte. Den Docht hatte er schon vor dem Abmarsch vorsorglich mit Zunder eingerieben.
Der Lärm ringsum wurde lauter. Immer mehr Krieger beendeten den Marsch. Gonter hustete kräftig, um gleich ebenso entschlossen rufen zu können wie die anderen Offiziere.
»… Schildreihe bilden!«, schrie jemand zur Linken. »Doppelte Höhe!«
Stirnrunzelnd schlug Gonter Funken aus dem Stahl. Dieser Befehl war seltsam. Er bedeutete, dass die Krieger ihre Schilde mit ihren Nebenleuten überlappen sollten. Die erste Reihe hockte sich ab, die zweite lehnte sich über sie und legte die eigenen Schilde obenauf, sodass sich zwei Reihen übereinander ergaben. Eine sehr defensive, unbewegliche Aufstellung, völlig ungeeignet, um die Truppe zu inspizieren.
Knisternd stieg ein Flämmchen aus dem Docht. Gonter schloss das Glas der Laterne, bevor er Feuerstein und Stahl verstaute.
Er kam nicht dazu, das Täschchen zu verschließen. Etwas kreischte von links heran und prallte gegen seinen Schild. Halb fiel, halb sprang es über seinen gebeugten Rücken. Etwas scharrte metallisch über das Kettenhemd.
Instinktiv riss Gonter den rechten Arm hoch.
Er erhielt einen Schlag darauf. Im Qualm erkannten seine tränenden Augen nur einen Schattenriss mit grob menschlichen Formen, aber einem Kopf mit spitzen Ohren, der halslos in die Schultern überging.
War das ein Kamerad, den der Marsch den Verstand gekostet hatte?
Jedenfalls holte der Schatten nochmals aus, und er war bewaffnet! Er schwang etwas Längliches in der Rechten, das in einer Verdickung endete, vielleicht eine Keule oder einen Streitkolben.
Gonter wich vor ihm zurück, so weit es seine hockende Position erlaubte, und duckte sich gerade rechtzeitig hinter den Schild, um den dumpf dröhnenden Schlag damit abzufangen.
Nun ergaben die Schreie, das Klirren und die Befehle um ihn herum einen völlig neuen Sinn: Der Klingenrausch wurde direkt bei seiner Ankunft in der Baronie Klataal angegriffen! Noch bevor sich der Rauch verzog, stürzte sich der Gegner auf die Söldner.
Statt zu versuchen, in der Hocke das Langschwert zu ziehen, griff Gonter das Fußgelenk des Angreifers. Nirto hatte ihm eingeschärft, dass die Rituale des Fechtbodens etwas für Narren waren, wenn es um Leben und Tod ging. Mit einem entschlossenen Ruck riss Gonter den Mann von den Beinen.
Er schlug der Länge nach hin.
Gonter zog sich über ihn und drückte ihn mit dem Schild nieder, auf den er sich mit vollem Gewicht legte. Der Gegner ächzte darunter und trat um sich. Er schlug auch mit seiner Waffe, einer Keule, die in einem wie eine Pranke geformten Korpus mit kupfernen Krallen auslief. Seine Schulter war jedoch zwischen Schild und Boden eingeklemmt, sodass der Hieb harmlos über Gonters Helm kratzte.
Gonter zog seinen Dolch und stieß dreimal am Schild vorbei auf den darunter liegenden Gegner ein. Er fühlte, dass die Waffe eindrang, hörte Schreien und Gurgeln.
Die Tritte erlahmten, die Keule entfiel der zitternden Hand.
Gonter steckte den Dolch zurück, drückte sich hoch und löste sich vom Gegner. Im Stehen zog er sofort das Schwert, das Eivora ihm bei seiner Ernennung zum Rottmeister überreicht hatte. Die Klinge war lang und dünn, aber kurz vor dem Griff weitete sie sich zu geschliffenen Zacken. Auch die mit einem Dämonenhaupt verzierte Parierstange bog sich in mehreren Spitzen nach vorn. Ein guter Fechter wie Gonter vermochte mit einer solchen Waffe eine gegnerische Klinge zu fangen und den Kontrahenten durch eine entschlossene Drehung zu entwaffnen.
Gegen den Mann, der sich vor Gonter auf dem Boden wand und Blut hervorwürgte, brauchte man keinen Schutz mehr. Er würde nie wieder aufstehen. Der Dolch war in den ungeschützten Brustkorb gedrungen, der violett bemalte Oberkörper war nackt. Auch sein Gesicht war mit dieser Farbe bedeckt, die vorquellenden Augen leuchteten darin wie helle Kiesel auf dunklem Sand. Er trug eine Kappe aus Wolfspelz, die Ohren des Tiers standen über seinem Kopf auf, Fellstreifen fielen bis über seine Brust und ein breiteres Stück auf seinen Rücken. Ein Gürtel mit einer grünen Schnalle hielt eine Hose aus schwarzem Leder.
Die Kampfgeräusche schwollen zu einem Tosen an. Befehle wurden gebrüllt, das Klirren von Stahl trieb durch den Rauch, in dem Gonter riesige Säulen ausmachte, der Form nach die Stämme von Baumriesen. Dazwischen bewegten sich Krieger. Auch diese wurden schon nach wenigen Schritt zu Schatten im Qualm. Einige bildeten geschlossene Einheiten, was sie zu vielköpfigen Monstrositäten machte, aus deren Leib Piken und Schwerter drohten. Manche standen im Kampf mit Gegnern wie jenem, der sich auf Gonter gestürzt hatte. Andere taumelten noch desorientiert nach dem Marsch über den Glutpfad.
Gonter war jetzt ein Rottmeister, er musste Ordnung in die Reihen seiner Krieger bringen! Er wischte über die vom Qualm tränenden Augen und bückte sich, um die Laterne aufzuheben.
Sein Gegner war noch immer nicht tot. Er drückte beide Hände auf die Dolchwunden und hustete Blut, wobei er sich zur verletzten Seite krümmte.
Ob er große Schmerzen litt? Wünschte er sich Erlösung von seinen Qualen?
Gonter sah auf sein Schwert, dann wieder in das violette Gesicht des Sterbenden. Die Augen starrten in den Qualm, den Kampf um sich herum schien der Mann nicht mehr wahrzunehmen.
Gonter trat seine Keule weg und ließ ihn liegen. Sollte er seinen letzten Handel mit den Göttern oder den Dämonen schließen, zu denen sich seine Seele auf den Weg machte.
»Hierher!« Gonter hob die Laterne, deren Bügel er mit derselben Hand hielt wie den Schwertgriff. »Dritte Rotte Sturmbanner – zu mir!«
Hustend näherte sich Bol, der kräftigste Krieger unter seinem Kommando. Gonter brauchte ihn nicht über die Lage aufzuklären, ein Streifen dunklen Bluts zog sich bereits über seinen Eisenharnisch. Er hatte auch schon einige Söldner gesammelt, Bol war einer der vier Weibel in Gonters Einheit.
»Dritte Rotte!« Gonter schwenkte die Laterne.
Itena, der die kantig geschnittene Augenklappe ein verwegenes Aussehen verlieh, brachte ihre Leute heran. Dazu gehörten seit dem Iljuga-Feldzug auch Eilan und Iskon, zwei Kämpfer aus den Salzzacken, die weit gebogene Sicheln als Waffen führten. Die Nackentücher ihrer Helme lagen normalerweise auf den Schultern, aber wenn ein Sandsturm kam, ließen sie sich auch über Mund und Nase ziehen. Hier im Qualm leisteten sie gute Dienste.
»Gruppe vollständig«, meldete Itena.
»Mir fehlt noch einer«, sagte Bol.
Auch Mehols Gruppe traf ein.
Gonters Rotte war auf Sollstärke gemustert, jeder der Weibel befehligte fünf Krieger. Gemeinsam mit Gonter als Rottmeister kam man damit auf fünfundzwanzig, was angesichts der Kampferfahrung der Söldner ausgereicht hätte, die Garde einer Kleinstadt zu überwältigen.
Aber hier standen sie keinen geordneten Reihen gegenüber. Der Rauch machte die Lage unübersichtlich und der Körper war jetzt, da der Geist in ihn zurückgekehrt war, erschöpft vom Marsch über den Glutpfad, als hätte er einen ganzen Tag lang volles Gepäck geschleppt. Gonter brauchte vier Herzschläge, um zu begreifen, dass der Lärm, der sich von links näherte, seiner Rotte galt.
»Schilde hoch!«, brüllte er, ließ die Laterne fallen und befolgte seinen eigenen Befehl.
Wie in zahllosen Übungen durchgespielt, bildeten die Söldner blitzschnell Kampfgruppen. Jeder fand einen Kameraden, der ihn deckte. Wer einen Schild trug, stellte sich in die erste Reihe.
Die Gegner waren eine kreischende Masse, die mit wilder Wucht gegen den Schutz prallte. Der Schaft eines Speers schlug auf Gonters Helm, sein Schädel dröhnte, die Sicht wurde kurzzeitig dunkel.
Gonter wusste, dass vor ihm keine Kameraden stehen konnten. Blind stieß er das Schwert neben dem Schild nach vorn.
Er traf jemanden, ein helles Jaulen kündete von Schmerz, aber das hielt die kopflose Masse nicht auf. Ein Gewitter von Schlägen donnerte gegen die Schilde.
Gonters Sicht klärte sich. »Halten!«, befahl er und richtete sich auf, um kraftvolle Hiebe über den Schild zu führen.
Er wählte keinen speziellen Gegner. Solange er nur kräftig genug zuschlug, erzielte er immer Wirkung. Die Angreifer standen eng. Sie alle waren violett bemalt, viele trugen grünen Schmuck in Lippen und Nasenflügeln. Echte Rüstungen hatten nur wenige angelegt, Felle waren häufig, auch einen Umhang aus bunten Federn machte er aus.
Gonter zerbrach einen Speer, hackte in einen Arm, trennte ein Ohr ab und knackte einen Schädel. Neben ihm schrie Itena unartikuliert. Eigentlich kämpfte sie ungern mit einem Schild, sie verließ sich lieber auf ihre Beweglichkeit, aber in dieser Lage kam sie nicht ohne den Schutz aus. Mit ihrem Degen stach sie tief, unter der Deckung hindurch, und traf Knie, Waden und Füße. Bol dagegen nutzte seine Kraft immer wieder, um eine Lücke in die anbrandenden Gegner zu drücken, sie zurückzuschleudern und seinen Speer in die Gestolperten zu bohren. Insgesamt wanderte die Stellung von Gonters Rotte mal ein wenig vor, dann wieder zurück, aber sie hielt.
Posaunen schollen über das Gefechtsfeld und forderten die Legion auf, sich beim Feldzeichen zu sammeln. Aber wo sollte das sein? Gonter spähte in den Rauch, der sich immerhin so weit hob, dass die ausladenden Baumkronen zu sehen waren. Das niedrige Gesträuch war abgebrannt, doch den Riesen des Waldes hatte das Feuer nicht mehr angetan, als ihre Rinde anzusengen.
Gonter sah eine Standarte, aber sie zeigte die drei Blitze des Zauberbanners. Wo war die Faust, die einen Turm zerschlug? Oder noch besser der Schmiedehammer im Flammenmeer?
Er entdeckte sie nicht. Also vertraute er darauf, dass sich das Zauberbanner in die richtige Richtung bewegte, und zeigte mit dem Schwert dorthin. »Vorrücken!«
Bol brüllte und warf sich nach vorn, die anderen versuchten, Schritt zu halten.
Die Gegner hatten jedoch so viel Respekt vor dem Hünen gelernt, dass sie eine Gasse bildeten, die sich gleich hinter ihm wieder schloss. Jetzt war Bol umringt.
»Eilan!«, rief Gonter. »Hol ihn raus!«
Aber der Sichelkämpfer hackte auf die Gegner ein, die seinen Kameraden Iskon bedrängten. Die Kampflinie zerfaserte, die Söldner boten mehrere Angriffspunkte.
»Eilan! Zu Bol!«
Der Gerufene trennte eine Hand ab und bohrte die Spitze seiner Sichel gleich darauf in einen Oberschenkel. Ob er den Befehl gehört hatte, war nicht zu entscheiden.
Mehol tat, was nötig war. Der aschblonde Weibel hatte seinen Helm verloren, was ihn jedoch nicht hinderte, seine Gruppe zu einem Keil zu formieren und damit zu Bol durchzudringen. Der Hüne blutete an der Wange, aber es schien nur ein Kratzer zu sein.
Itena klopfte auf Gonters Schulter, um ihn auf etwas aufmerksam zu machen. »Xerohn scheint eine Verteidigungsstellung zu errichten!«
In der Tat standen mehrere Hundert Hellebardiere drei Reihen tief zwischen den Baumriesen. Sie wandten Gonters Rotte den Rücken zu, aber er erkannte, wie die Stangenwaffen mit den Axtblättern immer wieder vorstießen.
Er sah dem Zauberbanner hinterher, das fünfzig Schritt entfernt im Rauch tanzte, kaum noch auszumachen.
»Dritte Rotte!«, rief er. »Zu den Hellebardieren!«
In dieser Richtung trafen sie nicht auf Widerstand, und ihre bisherigen Gegner schienen keine Lust auf eine Verfolgung zu verspüren. Sie waren noch immer ein wilder Haufen von wenigstens fünf Dutzend Kämpfern, die meisten Männer, aber sie sprangen nun durcheinander, schleuderten verkohltes Holz und fauchten zu den Söldnern herüber.
Xerohns Hellebardiere brachten den Gegner zum Stehen, ihr Wall aus wirbelnden Klingen wich keinen Fußbreit, und niemand von ihnen ließ sich hinreißen, einen angeschlagenen Angreifer zu verfolgen. Gonter führte seine Rotte zu einem unförmigen Felsbrocken, der doppelt mannshoch aufragte. Auf diesem unebenen Grund konnten die Hellebardiere ihre Formation nur schlecht zur Geltung bringen.
»Das ist kein Fels«, erkannte er im Näherkommen überrascht.
Es war eine gigantische Wurzel, die sich hier auf zehn Schritt Länge aus dem Boden drückte. Sie gehörte zu einem so riesigen Baum, wie Gonter ihn noch nie gesehen hatte. Seine komplette Rotte hätte sich an den Händen fassen müssen, um ihn zu umspannen. Der Stamm verlor sich im Rauch, die Krone war nur als dunkler Schatten auszumachen.
Nichtsdestotrotz behinderte die Wurzel die Formation der Hellebardiere. Die Krieger des Sturmbanners, die gewohnt waren, in lockerer Aufstellung zu kämpfen, kamen in einem solchen Geländeabschnitt wesentlich besser zurecht.
Die Weibel nutzten die Kampfpause, in der sich keine Gegner in unmittelbarer Nähe zeigten, um die Verletzten zu versorgen. Niemand war so schwer verwundet, dass er nicht mehr hätte kämpfen können, aber fünf Söldner fehlten noch. Gonter hoffte, dass sie im Chaos bei der Ankunft ihre Einheit noch nicht gefunden und sich vorübergehend einem anderen Verband angeschlossen hatten.
Er überlegte, ob er Eilan zurechtweisen sollte, weil er den Befehl ignoriert hatte, Bol herauszuhauen. Der Mann, mit dem er sich vor der Festung Sirsche in den Salzzacken duelliert und dessen Leben er geschont hatte, führte einen Schleifstein entlang der Sichelklinge. Sowohl der Innen- als auch der Außenbogen waren scharf, was einerseits jeden Hieb gefährlich machte, aber andererseits schnell zu Scharten im dünnen Metall führte.
Gonter schüttelte den Kopf. Zwar hatte Eivora ihm eingeschärft, dass Disziplin, Befehl und Gehorsam für jedes Heer unverzichtbar waren, aber das musste bis nach der Schlacht warten. Möglich, dass der nächste Angriff diese Überlegungen überflüssig machte.
Er war nicht der Einzige, den der Riesenbaum beeindruckte. Mehol versuchte mit furchtsamem Blick, den Verlauf der Äste nachzuvollziehen. Im Rauch waren sie nur zu erahnen, aber das reichte, um zu erkennen, dass sie dicker waren als die Stämme der hundertjährigen Bäume, die im Garten vor dem Palast von Gonters Mutter standen.
Die Attacke kam schnell, und diesmal wurde sie nicht nur von schlecht gerüsteten Wilden vorgetragen. Hunde oder Wölfe, so genau ließ sich das nicht bestimmen, begleiteten die Violetthäutigen. Klaffende Schnitte zeugten davon, dass sowohl die Menschen als auch die Tiere bereits im Gefecht gewesen waren, vielleicht an einer anderen Stelle des Sperrgürtels, den die Hellebardiere hielten. Wohl wegen der schlechten Erfahrungen mit drei Reihen hackender und stoßender Klingen schickten sie sich nun an, die Wurzel zu stürmen.
»Achtung!«, rief Gonter, obwohl seine Leute selbst wussten, was zu tun war. Sie griffen ihre Waffen und suchten sich einen festen Stand in Einkerbungen und halbwegs ebenen Bereichen des Untergrunds, wobei sie sich so stellten, dass sie sich gegenseitig nicht behinderten, aber unterstützen konnten.
Die Biester waren schneller als ihre Herren. Ihre Krallen fanden genug Halt, um sich hochzureißen. Geifer flog aus den Fängen, das Nackenfell – lang wie eine Mähne, aber borstig – sträubte sich.
Gonter war versucht, dem ersten Wolf das Schwert tief ins kläffende Maul zu stoßen, entschloss sich dann aber doch für einen waagerechten Hieb, damit die Klinge nicht stecken blieb.
Jaulend kratzte das Tier über die Borke, während es zu Boden stürzte.
Sofort sprang ein anderes an seinen Platz.
Gonter schmetterte ihm den Schild entgegen, er spürte die Wucht, mit der der Schädel dagegenprallte. Ein Stich unter dem Schutz hindurch drang in den weichen Bauch der Bestie. Der Druck ließ nach.
Ein Stein aus einer Schleuder traf Gonters Bein. Der Knochen vibrierte. Gonter biss die Zähne zusammen, er durfte nicht wanken.
Ein Speer schlug in seinen Schild, die Spitze drang zwei Zoll weit durch. Sie konnte ihn nicht ritzen, aber das Gewicht der langen Waffe zog nun seinen Schutz herunter.
»Zurück!«, rief Itena neben ihm.
Er folgte ihrem Rat und machte auf dem unebenen Holz zwei tastende Schritte rückwärts. Dadurch konnte die Kameradin den Speerschaft fassen, ohne ihre eigene Stellung aufzugeben. Sie ruckte zweimal, dann war die Waffe frei. Erst jetzt sah Gonter, dass die Spitze nicht aus Eisen bestand, sondern aus einem gelben Material. Itena schleuderte den Speer auf die Angreifer, die die Wurzel heraufkletterten, und durchbohrte eine Schulter.
Gonter sah, dass einigen Gegnern Schaum vor dem Mund stand. Ihre Wunden schienen sie nicht zu spüren. Ein Mann mit einem dunkelbraunen Wolfsschädel auf dem Kopf blutete heftig aus der Seite, und doch stürzte er sich brüllend auf die Söldner.
In dieser Lage war der Rang ohne Bedeutung, sie alle waren Kameraden in einer Kampflinie. Mit Äxten, Schwertern und Speeren hackten, schlugen und stachen sie auf die Gegner ein. Oft reichte ein Treffer in Wade oder Fuß, um den Angreifer straucheln und zu Boden stürzen zu lassen.
Immer wieder drangen auch die Wölfe vor. Einer von ihnen wühlte sich durch die Lücke zwischen zwei Schilden, seine Fänge schlossen sich um Mehols eiserne Armschiene. Die Zähne kamen nicht durch, aber er rüttelte so heftig, dass er dem Kameraden die Schulter auskugelte.
Gonter verhinderte Schlimmeres, indem er sein spitzes Schwert in die Gurgel der Bestie stieß.
Das tiefe Dröhnen der Hörner tönte durch die Luft, die inzwischen eher feucht als rußig war, obwohl es nicht regnete. Der Rauch sammelte sich in den Baumkronen. Ringsum ragten Stämme auf, und nicht nur der Riesenbaum wies einen erstaunlichen Wuchs auf. Mehrere Bäume waren so gewaltig, dass zehn Söldner eine Kette hätten bilden müssen, um sie zu umschließen. Von den kleineren Gewächsen dagegen waren bestenfalls verschmorte Reste übrig. Die Asche lag dick auf dem Boden, wirbelte bei jedem Schritt der Angreifer auf und klebte auf ihrer violetten Haut. Gonter roch Schweiß und Blut.
Plötzlich zogen sich die Gegner zurück. Die Leichen von Menschen und Wölfen ließen sie liegen, den Schwerverwundeten, die ihnen nicht zu folgen vermochten, gaben sie den Gnadenstoß. Auch ein verletzter Hellebardier, der aus der Kampflinie gerissen worden war und bis jetzt das Glück gehabt hatte, im Getümmel unbeachtet zu bleiben, starb unter dem Hieb einer Krallenkeule, die sein Gesicht zerschlug.
Obwohl die Sicht deutlich besser war als bei ihrer Ankunft, setzten das Dämmerlicht zwischen den Bäumen und die aufwirbelnde Asche ihr Grenzen. Die Wilden waren bald nicht mehr auszumachen.
Itena grinste Gonter heftig atmend an. Ihr verbliebenes Auge blitzte wie ein Saphir, in dem sich das Spiegelbild einer Flamme brach. Ihr Pferdeschwanz hatte sich geöffnet, das schwarze Haar fiel in verklebten Strähnen auf ihre Lederrüstung. »Die haben fürs Erste genug, Prinz.« Sie tippte die Zungenspitze in das Blut an ihrer Degenklinge.
Gonter wusste nicht, wer mit der Marotte begonnen hatte, ihn ›Prinz‹ zu nennen. Die Söldner kokettierten mit seiner Abstammung, obwohl Adel in ihren Reihen nichts zählte.
Der Frieden war trügerisch. »Dritte Rotte – Wunden versorgen!«, befahl Gonter. »Waffen überprüfen!«
Auch die Hellebardiere ordneten ihre Aufstellung neu. Befehle und Meldungen wurden die lange Linie entlang von Weibel zu Weibel gerufen. Während die Kämpfer von Gonters Rotte ihrer Erregung durch Flüche und begeisterte Erzählungen des Geschehenen Luft machten, wechselten die Krieger mit den Stangenwaffen kein überflüssiges Wort. Ein Blick in ihre Gesichter zeigte Stolz und Konzentration.
»Kameraden!«, rief ein Hellebardier herauf, dessen Klinge die Ziselierung einer dornigen Blume zierte. »Wir verlegen zu einer besseren Kampflinie.« Er deutete in die Richtung, die bislang in ihrem Rücken gelegen hatte. Seine Gefährten machten sich bereits auf den Weg.
»In Ordnung!«, bestätigte Gonter. »Wir kommen mit.« Es wäre ohnehin Wahnsinn gewesen, allein die Stellung halten zu wollen. Zudem mussten sie ihre Einheit finden.
Erfreulicherweise gab es noch immer keine ernsthaften Verwundungen in der Rotte. Sie zogen mit den Hellebardieren zu einem lang gestreckten Abhang. Er war nicht tief, kaum mehr als drei Schritt, aber recht steil. Gonter erkannte sofort den Vorteil dieser Geländeformation für die Hellebardiere. Für gewöhnlich stellten sie die Stangen auf und ließen die geschliffenen Blätter ihrer Waffen schräg nach vorn und oben zeigen. Ein Gegner, der sich den Hang herab näherte, lief damit genau in den Wirkungsbereich der Hellebarden.
»Habt ihr das Sturmbanner gesehen?«, fragte Gonter die Kameraden. »Unser Feldzeichen?«
Eine Söldnerin mit einem breiten Bronzering im Ohr bestätigte und zeigte weiter in die Richtung, in die sie verlegt hatten.
Dort standen die Bäume weniger dicht, der Himmel war heller.
Gonter führte seine Rotte dorthin, und tatsächlich sammelten sich die Einheiten des Klingenrauschs auf einem freien Feld. Die Pikeniere standen in großen Pulks, die mit etwas Vorstellungskraft riesigen Igeln ähnelten. Ein Reiter hielt das Feldzeichen der Legion, einen Hammer inmitten von Flammen. Über dieser Standarte hockte Garallo, eine Eisenfigur, die einen spitzzahnig grinsenden Dämon darstellte. Knapp dahinter entdeckte Gonter auch die Abbildung des Turms, in den eine Faust schlug – Grün auf Schwarz.
Hinter ihnen erschollen wieder die Kriegshörner der Wilden. Aber das war jetzt die Aufgabe der Hellebardiere, Gonters Rotte begab sich zum Sturmbanner, um ihre Befehle abzuholen. Dort fanden sie auch drei Söldner aus ihren Reihen, die im Chaos den Weg zu ihnen nicht gefunden und sich stattdessen bei der übergeordneten Einheit eingefunden hatten.
Nirtos Rotte führte das Feldzeichen. Der grauäugige Mann, der Gonter in den vergangenen Wochen die schmutzigen Tricks eines Kampfs jenseits ehrenhafter Vereinbarungen beigebracht hatte, schaute ihm grimmig entgegen. Das war sein üblicher Gesichtsausdruck, er war immer wütend auf die Welt.
»Schön, dich zu sehen«, sagte Gonter trotzdem.
Nirto spie aus. »Kann ja nicht so schlimm sein dort vorne, wenn sogar du ohne eine Schramme davonkommst.«
»Wie ich sehe, ist die Schneide deiner Axt noch trocken«, gab Gonter zurück. »Heute keinen Durst auf Blut?«
Ein schiefes Grinsen brachte Bewegung in die Bartstoppeln auf Nirtos Wangen. »Zum Eingewöhnen schicken wir unseren Gegnern immer zuerst die Anfänger. Wir wollen sie nicht sofort mit echten Kämpfern erschrecken.«
»Verstehe.« Es tat gut, den Schild abzustreifen und auf den Boden zu stellen. »Wo ist Eivora?«
Nirto wandte den Kopf und nickte schräg hinter sich.
Die Kampfherrin des Sturmbanners war eine kleine Frau, aber davon ließ man sich besser nicht täuschen. Obwohl sie mit ihren fünfundzwanzig Jahren jünger als Gonter war, hatte sie ihr halbes Leben auf dem Marsch und auf Schlachtfeldern verbracht. Die zierliche Gestalt setzte der Durchschlagskraft ihrer Hiebe Grenzen, doch mit der kleinen Armbrust, die sie um den linken Unterarm geschnallt trug, schoss sie aus der Drehung heraus auf eine Entfernung von zwanzig Schritt einen Apfel vom Baum.
Gonter ging zu ihr. Er salutierte, indem er die Faust gegen die Brust schlug.
Sie erwiderte den Gruß mit einem Lächeln, in dem grimmige Zufriedenheit lag. Das leichte Kettenhemd klirrte. Ihr schwarzes Haar war so glatt, dass es an einen Helm erinnerte, die nach vorne abstehenden Spitzen ähnelten sogar einem Wangenschutz.
»Dritte Rotte vollzählig bis auf zwei Krieger«, meldete er. »Ich schätze, sie suchen uns noch.«
Eivora nickte knapp. »Verletzte?«
»Nur Kratzer. Wir sind voll einsatzfähig.«
»Gut. Wenn dieser Empfang ein Vorgeschmack auf das ist, was uns in Klataal erwartet, werden wir reichlich zu tun bekommen.«
Vor ihrem Abmarsch hatte man den Kontrakt anders eingeschätzt. Garnisonsdienst galt als ruhige Beschäftigung, auch wenn man eine Grenze zu einer Wildnis voller Kannibalen hin sichern sollte. Die Entlohnung war allerdings auffällig hoch. Sie wurde bei jedem Neumond fällig, und Expeditionen in den Wald bezahlte ihr Dienstherr zusätzlich.
Befehle wurden gerufen, Bewegung kam in die Pikeniere.
»Sucht euch einen Platz hundert Schritt weiter im Hinterland«, befahl Eivora. »Kommt wieder zu Kräften und haltet euch bereit.«
Bestätigend schlug er gegen die Brust.
Sie presste die Zähne aufeinander, als sie ihren Helm aufsetzte. Aglix, ihr Feuersalamander, huschte in den Kragen der Lederrüstung, die sie unter dem Kettengeflecht trug. Sie schloss die obersten Haken.
Aus dem Wald klangen Schreie und das Klirren von Stahl herüber.
Eivoras blaue Augen glänzten wie gebrochenes Eis. Gonter sah ihr an, dass sie sich inmitten der Kampfvorbereitungen wohlfühlte. Er konnte das Zucken ihrer Mundwinkel ebenso deuten wie das leichte Beben ihrer Nasenflügel. Immerhin war er vor ein paar Wochen noch ihr Liebhaber gewesen. Er wusste, dass sie alles, was sie tat, voller Energie anging. Sie hielt nie etwas zurück.
Gonter führte seine Rotte zwischen den Bogenschützen hindurch, die hinter den Pikenieren Aufstellung nahmen. Er überlegte, wo er seine Krieger am besten lagern ließ, um den Fernkämpfern zur Hilfe kommen zu können, sollten die Pikeniere geworfen werden.
Die Hellebardiere zogen sich so geordnet zurück, wie wohl nur Kampfherr Xerohn es seinen Leuten einschleifen konnte. Wenn sich die ersten beiden Reihen nach hinten bewegten, hielten die dritte und vierte stand und ließen Lücken, die gerade groß genug waren, um die Kameraden durchzulassen. Diese bezogen zehn Schritt weiter erneut Stellung, sodass immer abwechselnd verteidigt und bewegt wurde.
Auf diese Weise erreichten die Krieger langsam, aber ohne Blöße die Pikeniere, die ihnen auf den letzten zwanzig Schritt entgegenkamen. Sie drangen jedoch nicht weiter gegen die Wilden vor, die einer brodelnden Masse gleich aus dem Wald drängten.
Den Grund dafür erkannte Gonter, als Kampfherrin Jakena ihre sechshundert Bogenschützen Salven schießen ließ. In einem dichten Schwarm stiegen die Pfeile auf, erreichten den Scheitelpunkt ihrer Kurve über den eigenen Nahkämpfern und hagelten dann auf die Gegner herab. Die Schreie der Verwundeten und Sterbenden gellten noch, als die nächste Salve bereits loszischte.
Die Violetthäutigen flohen Hals über Kopf zurück in den Wald.
An der rechten Flanke lösten sich einige Hundertschaften Pikeniere und nahmen im Laufschritt mit nach vorn gesenkten Spitzen die Verfolgung auf.
Gonter sah sich um, aber die anderen Einheiten des Klingenrauschs hielten ihre Position. Die Bogenschützen verlagerten ihren Beschuss in die Mitte und nach links, um die eigenen Kameraden nicht zu treffen, aber sie fanden ohnehin kaum noch Ziele.
Das Feldzeichen mit Faust und Turm schwenkte in einer kreisförmigen Bewegung. Die Rotten des Sturmbanners sollten sich sammeln.
Als Eivora den Helm abnahm, sah Gonter die Zornesfalten auf ihrer Stirn. »Was ist los?«, raunte er ihr zu. »Wir haben doch mit geringen Verlusten gesiegt?«
»Ja«, knirschte sie. »Und unsere Verluste würden auch unerheblich bleiben, wenn sich Razonn besser beherrschen würde. Ich hoffe, seine Pikeniere rennen nicht in eine Falle.«
Verstehend nickte Gonter. Die zehn Kampfherren des Klingenrauschs waren gleichrangig, seit dem Tod des legendären Kester gab es keinen Flammenbringer, der alle befehligt hätte. Für gewöhnlich sprachen sie sich ab, doch letztlich traf jeder seine eigenen Entscheidungen.
Eivora räusperte sich, bevor sie sich an ihr Banner wandte. »Wir rücken langsam vor! Zuerst sichern wir unsere Verwundeten, dann erst plündern wir die Leichen unserer Gegner. Unsere eigenen Gefallenen nehmen wir auf dem Rückweg mit.«
Gemeinsam mit den drei anderen Rottmeistern bestätigte Gonter den Befehl.
»Und trödelt nicht!«, rief Eivora. »Wir haben höchstens noch zwei Stunden Tageslicht.«
Erst jetzt fiel Gonter auf, dass es auch hier, außerhalb des Waldes, nicht hell war. Ein grauer Nebel lag über dem Land, und er roch nicht nach dem Qualm des Feuers, das den Klingenrausch gerufen hatte.

Robert Corvus

Über Robert Corvus

Biografie

Robert Corvus, 1972 geboren, lebt in Köln. Der Diplom-Wirtschaftsinformatiker war in verschiedenen internationalen Konzernen als Strategieberater und Projektleiter tätig. Corvus ist Metalhead, Kinofan und Tänzer. Er veröffentlichte zahlreiche Romane in den Reihen »Das schwarze Auge« und...

Kommentare zum Buch

Dritter und letzter Band der Schwertfeuer-Saga
Karin am 03.09.2017

Die Söldner des Klingenrauschs bekommen den Auftrag, die Siedlungen der Baronie Klataal am Rande von Arzulans Urwald gegen Angriffe von menschenfressenden Wilden, die zwischen den gigantischen Bäumen des Waldes leben, zu schützen. Die Klaataler wollen die reichen Jadevorkommen, das grüne Gold des Waldes, abernten. Das alles hört sich nach einem einfachen Auftrag für die Söldner an, jedoch stellt sich bald heraus, dass der Wald ein finsteres Geheimnis hütet – und es für die Söldner um mehr als Leben und Tod geht.   Mit Spannung habe ich den dritten Band der Schwertfeuer-Saga erwartet, auch wenn ich traurig darüber bin, dass die Reihe damit beendet sein wird. Nachdem mir die ersten beiden Bücher schon sehr gut gefallen haben, kann ich sagen, dass der Autor für diesen Band nochmal sein ganzes Können aufgewendet hat und damit das Buch für mich persönlich das Highlight der Serie darstellt.   Das liegt sicherlich auch daran, dass sich mit diesem Buch nicht nur das Schicksal einer der erfolgreichsten Söldnergruppen des Landes entscheidet, sondern auch das Schicksal der Figuren: wie entwickeln sie sich weiter und vor allem, wer wird das Ende der Saga überleben?   Ein Punkt, der dazu beigetragen hat, dass dieser Band für mich der Beste ist, ist sicherlich auch der Urwald als spannender Schauplatz des Geschehens. Warum sind seine Bäume so gigantisch groß und was hat es mit den menschenfressenden Wilden auf sich? Warum wehren sie sich so erbittert gegen das Vordringen der Klaataler? Welches Geheimnis hüten die Klaataler vor den Söldnern? Und wer steckt hinter dem Mordversuch auf die Avatar des Klingenrauschs?   Die Verteidigung der Siedlungen und der Kampf gegen die Waldbewohner stellt nicht nur den Fortbestand des Klingenrauschs auf eine harte Probe, sondern bringt auch seine Protagonisten gefährlich nahe an den Rand ihrer eigenen Grenzen.   Ein paar der Figuren, die bisher eher Nebenrollencharakter hatten, rücken diesmal in den Erzählfokus. Besonders habe ich mich über ein Wiedersehen mit zwei Charaktere gefreut, denen wir bereits in der Erzählung „Söldnergold“ begegnet sind und hier sogar eine der Hauptrollen besetzen.   Besonders spannend und mysteriös war das Geheimnis des Waldes, auf welches ich niemals in der Form gekommen wäre. Eine Macht, die es mit der der Dämonen, denen die Söldner dienen, aufnehmen kann.   Durch die überraschende Handlung war ich mir absolut nicht sicher, wie die Geschichte für Eivora, Gonter und Fiafila-Ignuto ausgehen wird. Aber das Ende ist für mich stimmig und rundet die Saga perfekt ab. 

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