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Große Worte

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Große Worte — Inhalt

Bereits mit 13 Jahren veröffentlichte Terry Pratchett seine erste Geschichte und wurde über vier Jahrzehnte hinweg zu einem der beliebtesten und meistverkauften Schriftsteller seiner Zeit. »Große Worte« vereint nun erstmals über dreißig seiner Kurzgeschichten und Erzählungen in einer Sammlung, die einmal quer durch seine grandiose Karriere führt: Von Geschichten, die bereits zu Terry Pratchetts Schulzeit entstanden, über solche, die er als junger Reporter schrieb, bis hin zu denen aus den Tagen seines größten Erfolges begeistern sie alle als unverwechselbare »Pratchetts«. Tauchen Sie ein in alte und neue Welten, treffen Sie neue Charaktere und altbekannte Gesichter! »Große Worte« ist ein Schatz für jeden Pratchett-Fan!

€ 18,00 [D], € 18,50 [A]
Erscheint am 04.09.2018
Übersetzer: Andreas Brandhorst
368 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag
ISBN 978-3-492-70499-1
€ 14,99 [D], € 14,99 [A]
Erscheint am 04.09.2018
Übersetzer: Andreas Brandhorst
368 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-492-99240-4

Leseprobe zu »Große Worte«

Die Hades-Angelegenheit

 

»The Hades Buisness«, Science Fantasy Zeitschrift, Hrsg. John Carnell, Nr. 60, Bd. 20, 20. August 1963. Eine frühere Version erschien in The Technical Cygnet, The High Wycombe Technical High School Magazine

 

Argh, argh, argh … wenn ich die Finger in die Ohren stecke und laut »Lalalala« sage, höre ich nicht, wenn Sie die folgende Geschichte lesen.

Sie ist kindisch. Kein Wunder, denn ich habe sie mit dreizehn geschrieben. Es handelt sich um den ersten von mir verfassten Text, der veröffentlicht wurde. Und damals geschah es zum [...]

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Die Hades-Angelegenheit

 

»The Hades Buisness«, Science Fantasy Zeitschrift, Hrsg. John Carnell, Nr. 60, Bd. 20, 20. August 1963. Eine frühere Version erschien in The Technical Cygnet, The High Wycombe Technical High School Magazine

 

Argh, argh, argh … wenn ich die Finger in die Ohren stecke und laut »Lalalala« sage, höre ich nicht, wenn Sie die folgende Geschichte lesen.

Sie ist kindisch. Kein Wunder, denn ich habe sie mit dreizehn geschrieben. Es handelt sich um den ersten von mir verfassten Text, der veröffentlicht wurde. Und damals geschah es zum ersten Mal, dass ich etwas mit dem Gefühl schrieb, eine richtige Geschichte zu verfassen.

Sie begann als eine Hausaufgabe. Der Englischlehrer gab mir dafür zwanzig Punkte von zwanzig und veröffentlichte sie in der Schülerzeitung. Die anderen Schüler fanden sie toll. Ich war ein Autor.

Und das war eine große Sache, denn bis dahin hatte ich kaum etwas vorzuweisen. Ich war gut in Englisch und in allem anderen mittelmäßig – ich gehörte zu den Schülern, die dem Lehrer nicht auffielen und darüber froh waren. Selbst im Sport schnitt ich schlecht ab, bis auf die Zeit, als wir Hockey spielten – darin war ich schlecht und gefährlich.

Meinen Mitschülern gefiel die Geschichte. Ich leckte Blut.

Damals gab es drei, ja, drei professionelle SF- und Fantasy-Magazine in Großbritannien. Unglaublich, aber wahr. Ich überredete meine Tante, die eine Schreibmaschine hatte, die Geschichte für mich zu tippen, und ich schickte sie John Carnell, der alle drei Magazine herausgab. Der Mut eines Heranwachsenden.

Er nahm sie.

Lieber Himmel.

Ich bekam 14 £, genug für den Kauf einer gebrauchten Imperial-58-Schreibmaschine von meinem Tipplehrer – meine Mutter hatte entschieden, dass ich als Autor in der Lage sein sollte, das Tippen selbst zu erledigen. Beim Schreiben merkte ich, dass es für vierzehn Piepen eine sehr gute Maschine war, und ich frage mich heute, ob meine Eltern nicht insgeheim für die Differenz aufkamen.

Bevor ich mit dem Ding großen Schaden anrichten konnte, nahmen Schule und Prüfungen mich voll in Anspruch, und ich ergatterte einen Job bei der Lokalzeitung, wo ich richtig schreiben lernte – oder wenigstens journalistisches Schreiben.

Ich habe die Geschichte noch einmal gelesen, und es juckte mir in den Fingern, sie auseinanderzunehmen, etwas schneller zu machen, die Klischees über Bord zu werfen, kurz gesagt: die Geschichte ganz neu zu schreiben. Aber das wäre dumm, und deshalb beiße ich stattdessen die Zähne zusammen.

Nur zu, lesen Sie.

Ich höre Sie nicht! Lalalalalala!

 

 

 

Tiegel öffnete die Eingangstür und blieb wie angewurzelt auf der Fußmatte stehen.

Stellen Sie sich das Innere einer Sturmwolke vor. Besprühen Sie es großzügig mit Asche und fügen Sie je nach Geschmack Schwefel hinzu. Dann haben Sie eine ungefähre Vorstellung davon, wie Tiegels Diele aussah.

Der Rauch quoll unter der Tür des Arbeitszimmers hervor. Tiegel erinnerte sich undeutlich an einen Film, den er einmal gesehen hatte, hielt sich ein Taschentuch vor den Mund und wankte in die Küche. Einen Eimer Wasser später kehrte er zurück. Die Tür rührte sich nicht vom Fleck. Das Telefon befand sich im Arbeitszimmer, damit es im Notfall leicht zu erreichen war. Tiegel stellte den Eimer ab und rammte die Schulter gegen die Tür, die noch immer geschlossen blieb. Mit tränenden Augen wich er zur gegenüberliegenden Wand zurück, biss die Zähne zusammen und lief los.

Die Tür öffnete sich von allein. Tiegel sauste in einem weiten Bogen durchs Zimmer und endete im Kamin, woraufhin alles schwarz wurde, im buchstäblichen und im übertragenen Sinn – er verlor das Bewusstsein.

Eine Herde Elefanten tanzte in Holzschuhen Squaredance auf seinem Kopf. Er sah eine verschwommene Gestalt, die sich über ihn beugte.

»Hier, trinken Sie das!«

Ah, ein gesunder Freudensaft! Ah, belebender Rachenputzer! Die Elefanten trugen jetzt Pantoffeln und tanzten einen ruhigen Walzer – der Whisky hatte die gewünschte Wirkung. Tiegel öffnete die Augen und sah den Besucher an.

»Wer zum Teufel sind Sie?«

»Genau!«

Tiegels Kopf stieß mit einem dumpfen »Klong!« an den Feuerrost.

Der Teufel hob ihn hoch und trug ihn zu einem Sessel. Tiegel öffnete ein Auge.

 

Der Teufel trug einen schlichten schwarzen Anzug mit einer roten Nelke im Knopfloch. Ein gewachster Schnauzer und ein dünner Bart verliehen ihm etwas Würdevolles. Ein Umhang und ein Zylinder lagen auf dem Tisch.

Tiegel hatte gewusst, dass es passieren würde. Zehn Jahre hatte er damit verbracht, Geld von ahnungslosen Geschäftsleuten loszueisen, und irgendwann musste es zu ausgleichender Gerechtigkeit kommen. Er stand auf und klopfte sich den Ruß von der Kleidung.

»Sollen wir gehen?«, fragte er kummervoll.

»Gehen? Wohin?«

»In die Unterwelt, nehme ich an.«

»In die Un…? Oh, nach Hause, meinen Sie! Lieber Hi. ups! Entschuldigung … Hölle, nein! Seit fast zweitausend Jahren ist niemand Nach Unten gekommen. Der Grund ist mir ein Rätsel. Nein, ich bin zu Ihnen gekommen, weil ich Dort Unten Hilfe brauche. Die Sache mit der Hölle lohnt sich nicht mehr – aus Mangel an verlorenen Seelen. In den letzten zweitausend Jahren kam nur ein Bursche Nach Unten, ein Blödmann namens Dante. Ging mit völlig falschen Eindrücken wieder weg. Sie hätten hören sollen, was er über mich erzählte!«

»Ich habe irgendwo davon gelesen.«

»Tatsächlich? Es läuft auf schlechte Publicity für mich hinaus. An dieser Stelle kommen Sie ins Spiel.«

»Ach?« Tiegel spitzte die Ohren.

»Ja, ich möchte, dass Sie für die Hölle werben. Wie ungeschickt von Ihnen! Sie haben Ihr Getränk auf dem Teppich verschüttet.«

»W-warum ich?«, krächzte Tiegel.

»Sie sind Inhaber der Fairen Werbeagentur, nicht wahr? Wir möchten, dass Sie in der Öffentlichkeit Interesse wecken, Bewusstsein für die Hölle und so weiter. Natürlich dachten wir dabei nicht an ewige Verdammnis. Nur Tagesausflüge und so weiter. Große Tour durch die Hölle, so was in der Art.«

»Und wenn ich ablehne?«

»Was würden Sie zu zehntausend Pfund sagen?«

»Leben Sie wohl.«

»Zwanzigtausend?«

»Hm. Sollte ich Sie nicht mit trickreichen Aufgaben betrauen oder so?«

In den Augen des Teufels blitzte es zornig.

»Vierzigtausend, und das ist mein letztes Angebot. Außerdem …«, der Teufel presste die Fingerspitzen aneinander und blickte mit einem Lächeln zur Decke, »… gibt es da einige belastende Einzelheiten in Hinsicht auf die Payne-Smith-Produkte, die wir veröffentlichen könnten …«

»Jetzt sprechen wir eine Sprache. Vierzigtausend Pfund, und von der P-und-S-Sache wird nichts bekannt.«

»Gut.«

»Abgemacht.«

»Ich bin ja so froh, dass Sie bereit sind, uns zu helfen!«, rief der Teufel. Tiegel nahm hinter seinem Mahagonischreibtisch Platz und zog einen Notizblock hervor. Er deutete auf einen silbernen Kasten.

»Zigarette?«

»Danke.«

Tiegel nahm selbst eine und suchte nach dem Feuerzeug. Plötzlich fiel ihm etwa sein.

»Woher soll ich wissen, dass Sie der Alte Nick sind?«

Der Teufel schauderte. »Bitte! Nikolaus Luzifer. Nun, ich weiß von dem P-und-S-Fall, nicht wahr?«

Tiegels Augen leuchteten.

»Vielleicht sind Sie nur ein Klugscheißer. Überzeugen Sie mich. Na los, überzeugen Sie mich!«

»Schön, wenn Sie unbedingt wollen. Übrigens, die Pistole in Ihrer linken Tasche wäre nutzlos gegen mich.« Der Teufel beugte sich lässig vor und zeigte mit einem Finger auf Tiegel.

»Na bitte. Sie sind ein Hochstapler, ein …«

Es knallte.

Ein Blitz zuckte durchs Zimmer. Das Ende von Tiegels Zigarette glühte.

»Ich … ich … ich bin überzeugt!«

»Freut mich.«

Tiegel fasste sich wieder.

»Kommen wir zum Geschäftlichen. Sie möchten vermutlich, dass alle Möglichkeiten der Hölle genutzt werden.«

»Ja.«

»Ich schätze, ich kann nicht viel tun, solange ich die Räumlichkeiten nicht selbst gesehen habe – aus der Perspektive eines Lebenden. Sie verstehen.«

»Ja. Nun, ich könnte Sie mitnehmen, aber es wäre vielleicht eine haarsträubende Erfahrung für Sie. Ich mache Ihnen einen Vorschlag. Warten Sie an der Ecke dieser Straße, sagen wir um acht Uhr heute Abend. Ich hole Sie ab, und dann gehen wir hinüber. Einverstanden?«

»Ja.«

»Bis dann. Tschüs.«

Pummpf!

Er war fort. Erneut zogen schweflige Rauchschwaden durchs Zimmer. Tiegel öffnete die Fenster und schloss sie dann wieder. Wenn irgendein Wichtigtuer den Rauch gesehen hätte, wäre es ihm schwergefallen, der Feuerwehr zu erklären, dass es gar kein Feuer gab. Er schlenderte in die Küche, nahm nachdenklich Platz und bedauerte, nicht mehr Fantasy gelesen zu haben.

 

Mit seinem Wunsch, der Teufel möge sich um seine eigenen Angelegenheiten kümmern, stand Tiegel nicht allein – gewisse andere Wesen teilten ihn. Der Unterschied bestand aus dem Grund. Tiegel öffnete den Kühlschrank und nahm eine Dose Bier heraus.

Wenn jemand herumlief, der über Angelegenheiten Bescheid wusste, die man geheim halten wollte … So etwas war gefährlich. Tiegels Geldgier rang mit seiner Freiheitsliebe. Er wollte die vierzigtausend Pfund, aber er wollte nicht, dass Luzifer herumlief.

Plötzlich fiel ihm die ideale Lösung ein. Natürlich! Warum nicht? Er nahm seinen Hut und eilte zur nächsten Kirche.

 

Im strömenden Regen stand Tiegel an der Straßenecke. Wasser rann ihm über den Rücken und in die Wildlederschuhe.

Er sah auf die Armbanduhr. Eine Minute nach acht. Er fröstelte.

»Psst.«

Tiegel sah sich um.

»Hier unten.«

Er beobachtete, wie der Deckel eines Einstiegsschachts in Bewegung geriet. Der Kopf des Teufels erschien.

»Kommen Sie!«

»Dort hinein?«

»Ja.«

Tiegel zwängte sich durch die kleine Öffnung.

Platsch!

Er würde seine Schuhe auf die Spesenliste setzen müssen.

»Machen wir uns auf den Weg«, sagte der Teufel.

»Ich wusste gar nicht, dass man die Hölle durch die Kanalisation erreichen kann.«

»Ein Kinderspiel, alter Knabe. Hier nach links.«

Es waren nur die Geräusche ihrer Schritte zu hören, die Geräusche von Tiegels Wildlederschuhen und den Hufen des Teufels.

 

»Wie weit ist es noch?«

Sie waren seit einigen Stunden unterwegs. Tiegels Füße waren nass, und er nieste.

»Wir sind da, alter Knabe.«

Sie hatten das Ende des Tunnels erreicht, und vor ihnen erstreckte sich ein dunkles Tal. In der Ferne sah Tiegel eine riesige Wand mit einem kleinen Tor. Ein schwarzer Fluss strömte durchs Tal, und es roch nach Schwefel.

Der Teufel zog eine Plane von einem Buckel an der Tunnelöffnung.

»Wenn ich vorstellen darf: Geryon II.«

Tiegel blinzelte. Geryon II war eine Mischung aus einem Ford Modell-T und einem Austin 7, in geschmackvollem Schwefelgelb.

Der Teufel zerrte die Fahrertür auf – sie fiel ab.

Sie stiegen ein. Überraschenderweise sprang der Motor nach nur wenigen Drehungen des Startgriffs an.

Sie tuckerten über die Schwefelebene.

»Toller Wagen.«

»Nicht wahr? Vierzig Drachenstärken. Hab ihn selbst gebaut, mit Teilen von der Erde. Allerdings ist es problematisch, in der Nähe eines Schrottplatzes aus dem Boden zu klettern.« Der Teufel knirschte mit den Fangzähnen, als er den Wagen durch eine scharfe Kurve steuerte; Schwefelstaub wirbelte auf. »Oft kommt man unter einem Haufen aus rostigem Eisen an die Oberfläche.« Er rieb sich den Kopf. Tiegel bemerkte den Verband an einem der beiden Hörner.

Am Fluss kam der Wagen nach kurzem Rutschen zum Stehen; Dampfwolken stiegen auf.

 

Ein alter Stechkahn lag am Ufer vertäut. Der Teufel half Tiegel an Bord und griff nach den Rudern.

»Was ist mit – wie heißt er noch? – Charon passiert?«

»Darüber reden wir nicht gern.«

»Oh.«

Stille, bis auf das Knarren der Ruder.

»Ihr müsst dies natürlich durch eine Brücke ersetzen.«

»Klar.«

Tiegel wirkte nachdenklich.

»Nur ein Groschen Maut.«

»Ich denke ans Wasser, das an meinen Fußknöcheln plätschert«, sagte Tiegel.

Der Teufel sah nicht auf.

»Hier.«

Er reichte Tiegel einen abgenutzten Becher, an dem gerade noch die Initialen »B. R.« erkennbar waren. Und so setzten sie den Weg fort.

 

Sie standen vor dem Tor. Tiegel sah auf und las die Inschrift. »Gebt alle Hoffnung auf, die ihr hier eintretet. – Das ist nicht gut.«

»Nein?«

»Neonlampen.«

»Ach ja?«

»Rote.«

»Ach ja?«

»Blinkende.«

»Ach ja?«

Sie traten ein.

»Brav! Lass Tiegel in Ruhe!«

Drei Zungen leckten Tiegel gleichzeitig.

»Zurück in deinen Zwinger!«

Zerberus schlich jaulend davon.

»Nehmen Sie es ihm nicht übel«, bat der Teufel, als er Tiegel hochhob und abstaubte. »Er ist nicht mehr der Gleiche, seitdem er Orpheus ein Stück aus dem Bein gerissen hat.«

»Davon erwähnt die Geschichte nichts.«

»Ich weiß. Schade, denn die wahre Geschichte ist viel … äh, interessanter. Aber das gehört nicht hierher.«

 

Tiegel sah sich um. Offenbar standen sie im Foyer eines Hotels. Eine Wand enthielt einen kleinen Alkoven mit einem Schreibtisch, und darauf lag offen ein verstaubtes großes Buch mit den Namen der Hotelgäste.

Der Teufel öffnete eine kleine Holztür.

»Hier entlang.«

»Was?«

»Mein Büro.«

Tiegel folgte ihm eine schmale Treppe hinauf. Die hölzernen Stufen knarrten.

Das Büro des Teufels ruhte wacklig auf den Mauern der Hölle und wirkte fast baufällig. In der einen Ecke zeigte sich eine feuchte Stelle, vom über die Ufer getretenen Styx geschaffen, und die Tapeten lösten sich von den Holzwänden. In einer anderen Ecke stand ein rostiger Ofen und glühte rot. Tiegel bemerkte alte Zeitungen, Rechnungen und Rezepte für Zauber aller Art auf dem Boden.

Der Teufel sank in einen bequemen großen Sessel. Tiegel setzte sich auf einen unbequemen Rohrstuhl, der unter seinem Gewicht fast zusammenbrach.

»Was zu trinken?«, fragte der Teufel.

»Gern«, erwiderte Tiegel.

»Schmeckt gut«, sagte Tiegel kurze Zeit später. »Ihr eigenes Rezept?«

»Ja. Ganz einfach. Ein Liter Fledermausblut, ein … He, was ist los? Ihr Gesicht hat plötzlich so eine komische Farbe! Fühlen Sie sich nicht gut?«

»Bäh, igitt … Äh, schon gut, alles in Ordnung. Sollen wir jetzt zum Geschäftlichen kommen?«

»Ja.«

»Nun, unser größtes Problem dürfte darin bestehen, die Öffentlichkeit dazu zu bringen, die Hölle – und Sie – ernst zu nehmen. Ich meine, nach einer besonders weit verbreiteten Vorstellung ist die Hölle eine glühend heiße Örtlichkeit, Sie piesacken verlorene Seelen mit einer Heugabel, und überall laufen heulende Dämonen und dergleichen herum. Da fällt mir ein: Wo sind sie alle?«

»Alle wer?«

»Verlorene Seelen, Dämonen, Banshees und so.«

»Oh, das meinen Sie! Nun, wie ich schon sagte: Seit zweitausend Jahren ist niemand mehr hier gewesen, bis auf den Irren namens Dante. Und alle verlorenen Seelen, die es hier gab, haben sich ins Purgatorium emporgearbeitet, und die Dämonen sind inzwischen anderweitig beschäftigt.«

»Sie arbeiten als Steuerbeamte«, brummte Tiegel.

»Ja. Was Gluthitze betrifft … Der einzige noch funktionierende Ofen ist der Mark IV dort drüben. Sehr nützlich für meine kulinarischen Bemühungen, aber sonst für kaum etwas zu gebrauchen.«

»Hm. Ich verstehe. Haben Sie eine Karte der Hölle?«

»Ich denke schon.« Der Teufel kramte in dem alten Eichenschreibtisch, und zog eine gelbe Pergamentrolle hervor.

»Das ist die aktuellste Karte.«

»Sie dürfte genügen. Mal sehen. Hmm. Ich schätze, an dieser Stelle sind wir hereingekommen.«

»Ja! Jene Schattierung ist die Schwefelebene.«

»Gut. Ich schätze, die Acme-Bergwerkgesellschaft gäbe viel für die dortigen Schürfrechte …«

»Ach ja?«

»Natürlich müssten wir eine richtige Straße für den zunehmenden Verkehr bauen …«

»Ach ja?«

»Und einen langen Tunnel von der Erde aus graben …«

»Hier ein Cafe, dort ein Tanzsaal. Eine Rennbahn am anderen Ende und ein Bowlingzentrum …«

»Wir könnten hier einen Vergnügungspark errichten …«

»Dort für ein Restaurant Platz lassen …«

»Ein paar Eisbuden …«

»Und hier ein Jazzklub, der die ganze Nacht über geöffnet hat. Setzen Sie sich mit Ihren Dämonen in Verbindung und bieten Sie ihnen ein höheres Gehalt. Sie sollen zurückkehren und uns dabei helfen, alles in Gang zu bringen …«

»Orpheus könnte die Jazzband organisieren. Bestimmt wäre auch Apollo bereit, uns einen Gefallen zu tun …«

Und so ging es weiter. Bald war die Karte mit Zeichen übersät, die zahlreiche Einrichtungen symbolisierten, von der Tanzhalle bis zur Radrennbahn. Dann sprachen der Teufel und Tiegel über Phase eins: das Interesse der Öffentlichkeit wecken.

 

Natürlich gab es am Anfang Schwierigkeiten. Zum Beispiel als der Teufel am Tag des Pokalfinales mitten auf dem Spielfeld erschien. Immerhin kam er dadurch in den Boulevardblättern auf die Titelseite. Eine bekannte Brauerei verklagte ihn, weil sie Kunden verlor – viele Zuschauer des Pokalfinales schworen dem Alkohol ab, als sie ihn sahen.

Überall auf der Welt glühten, qualmten und schmolzen Telefonleitungen, als Tiegel mit Angeboten von Finanzmagnaten überschüttet wurde. Werbeagenturen kämpften gegeneinander um die Gunst des Teufels. Unter Tiegels Aufsicht kamen die Arbeiten am Tunnel London – Hölle schnell voran. Der Teufel zog bei ihm ein und meinte, alle diese Kräne und Bulldozer würden die Hölle zum Inferno machen.

 

»Seht nur, wie sehr Zerberus sein ›Lecker-Wauwau‹ mag! Auch euer Hund kann ein glänzendes Fell, gesunde Reißzähne und drei Köpfe haben, wenn ihr ihn mit ›Lecker-Wauwau‹ füttert! ›Lecker-Wauwau‹ in der praktischen Zwei-Unzen-Büchse! Zerberus sagt, ›Lecker-Wauwau‹ ist pr-r-rima! Fragt nach ›Lecker-Wauwau‹!«

 

»Männer, die etwas auf sich halten, rauchen ›Sargnägel‹!« »Sagen Sie, Luzifer, warum rauchen Sie ›Sargnägel‹?« »Mir gefallen das kühle, frische Gefühl, der Geschmack des hervorragenden Tabaks und die fünfzig Pfund, die mir Ihre Firma für diese blöde Reklame zahlt …«

»Sagen Sie, Sir, was halten Sie von der Rassenschranke?« »Nun, ich … äh … ich meine … äh … um ganz genau zu sein … äh …«

»Wie denken Sie über die jüngere Generation?«

»Nun, äh … ich meine ja … genau! Ganz klar!«

»Finden Sie, dass Gewalt im Fernsehen für die Zunahme der Kriminalität im Lande verantwortlich ist?«

»Nun, äh … ähm … nein. Das heißt, äh … ja. Ich meine … äh … nein, ähm.«

»Herzlichen Dank, dass Sie heute Abend zu uns gekommen sind und Ihre Meinung über aktuelle Angelegenheiten geäußert haben. Danke. Nun, meine Damen und Herren, schalten Sie nächste Woche zur gleichen Zeit wieder ein …«

 

Tiegel beobachtete die Menge leidenschaftslos. Es gab die übliche Schar aus missmutigen Hinterbänklern, Möchtegern-Sternchen und gelangweilten Reportern sowie einem Arbeitskommando aus Wächtern – sie alle tranken sich mit drittklassigem Sekt horizontal. Ein bunt gemischter und gesprenkelter Haufen. Tiegel war inzwischen zu einem Experten für Partyatmosphären geworden und erkannte diese als eine besonders würzige Mischung aus Zigarettenrauch, Fleurs de Mal, Methan und einem gelegentlichen Hauch Kohlenmonoxid. Er wandte sich an den Teufel, der mit dem Cocktailmixer Wunder vollbrachte.

»Dies, mein Freund, nennt man lächerlicherweise Party: ein Ritual, das in den besseren Teilen von Belgravia überlebt hat. Offenbar besteht es aus …«

»Ach, hören Sie auf, Tie! Diesch ischt der beschte Schwipsch seit fünfhundert Jahren, und ich möchte dasch Beschte darausch machen …«

Ein dumpfes Pochen wies darauf hin, dass der Teufel »das Beschte darausch gemacht hatte«, und zwar so gut er konnte.

 

Es war ein frischer Morgen im November, und in der abgelegenen Durchgangsstraße namens Cranberry Avenue zwitscherten die Vögel und fielen die Blätter von den Bäumen.

Außerdem frühstückte Tiegel dort. Er aß Schinken und Pilze, blätterte in der Zeitung, fand die Klatschspalte und dachte an den Teufel.

Schließlich warf er die Zeitung in den Papierkorb, wischte sich mit der Serviette den Mund ab und schritt zum Gästezimmer.

Dort bot sich seinen Augen eine chaotische Szene. Papierhüte, Luftballons und Papierschlangen lagen überall im Raum, und es mangelte nicht an leeren Flaschen. Der Teufel trug noch immer Tiegels zweitbesten Anzug, lag auf dem Bett und schnarchte laut.

»Aufwachen!«, rief Tiegel gnadenlos. Die Wirkung war verblüffend. Der Teufel sauste einen halben Meter weit nach oben und hielt sich den Kopf, als er zurückfiel. Er fluchte so detailreich, dass Tiegels Ohren rot anliefen.

Tiegel machte sich in der Küche zu schaffen und kehrte mit einer Tasse schwarzem Kaffee zurück.

»Hier.«

»Autsch! Nicht so laut.« Schlürf! »Oh, schon besser. Was ist gestern Abend passiert?«

»Sie haben eine Mischung aus Wodka und Kartäuserlikör ausprobiert.«

»O weh!«

»In der Tat. Und jetzt … Raus aus den Federn! Die Eröffnungsfeier der Hölle beginnt um zwölf.«

»In diesem Zustand kann ich nicht … autsch!«

»Tut mir leid. Ihnen bleibt nichts anderes übrig, als einige Liter schwarzen Kaffee zu trinken und es zu ertragen. Kommen Sie!«

 

Jazz erklang hinter den Wänden der Hölle. Popmusik hallte durch dunkle Korridore und vermischte sich mit dem Klicken von Spielautomaten. Dem Donnern von Motorrädern gesellte sich ein gespenstisches Kreischen hinzu, das sowohl von Banshees als auch von Menschen stammte (von elektrischen Gitarren, um genau zu sein). Die Bevölkerung der Hölle war ebenso angeschwollen wie das Bankkonto des Teufels.

Hoch oben auf seinem Balkon an der Höllenmauer schenkte sich der Teufel ein Glas Wasser ein und nahm drei Kopfschmerztabletten.

 

Das Unwetter wütete. Seit einem Monat wurde die nördliche Hemisphäre von Gewittern heimgesucht, wie sie die Menschen noch nie erlebt hatten. Die Meteorologen verbrachten ihre Arbeitstage damit, Korn und Algen zu überprüfen und andere Orakel zu bemühen, aber schließlich mussten sie eingestehen, dass sie nicht weiterwussten.

Im großen Arbeitszimmer seines neuen Landhauses legte Tiegel ein weiteres Holzscheit ins Feuer und versank noch tiefer in seinem Lehnsessel. Draußen stürmte auch weiterhin der Sturm.

Sein Gewissen, gezwungenermaßen das robusteste und ungetrübteste in ganz Europa, beunruhigte ihn. Etwas stimmte nicht mit dem Hades-Geschäft. In finanzieller Hinsicht war alles in bester Ordnung: Während der letzten drei Wochen hatte er reichlich Provisionen erhalten, worauf sein Landhaus, zwei Autos, fünf Rennpferde und eine Jacht hinwiesen.

Die Hölle war ein großer Erfolg. Es wimmelte dort von Leuten, die Rang und Namen hatten, und außerdem genoss sie die Billigung des Establishments.

Aber etwas stimmte nicht. Und das hing mit den Unwettern zusammen.

Irgendwo in Tiegels Innern regte sich ein anderer Tiegel, ausgestattet mit Flügeln, Heiligenschein und Harfe, und sprang auf dem Gewissen herum. Draußen grollte der Donner.

Pumpf!

Der Teufel erschien, wirkte sehr aufgeregt und lief zu Tiegels Getränkeschrank. Er schenkte sich eine Belladonna ein und fuhr zu Tiegel herum.

»Ich halte es einfach nicht mehr aus!«, rief er. Die Hand zitterte ihm.

»Was halten Sie nicht mehr aus?«

»Die Besucher! Sie haben mein Zuhause in ein Tollhaus verwandelt! Lärm! Lärm! Lärm! Ich finde überhaupt keine Ruhe mehr! Ist Ihnen klar, dass ich in den letzten beiden Wochen kein Auge zugetan habe? Überall wimmelt es von schreienden Leuten …«

»Einen Moment. Soll das heißen, dass Sie sich von den Besuchern gestört fühlen?«

»Sehr komisch!«

»Warum schließen Sie die Hölle nicht für eine Weile und machen Urlaub?«

»Ich hab’s versucht, weiß der Himmel …«

Donner!

»Ich hab’s versucht! Aber gehen die Leute? Nein! Einige Rowdys drohten mir mit einer ›Abreibung‹, wenn ich versuchen sollte, ihr lärmendes Paradies zu schließen …«

DONNER!

»Ich kann nirgends hin, ohne von einer wilden Schar Autogrammjäger belästigt zu werden! Ich bin berühmt! Ich habe überhaupt keinen Frieden mehr! Es ist die Hölle dort unten!« Der Teufel kniete auf dem Boden, und Tränen strömten ihm übers Gesicht. »Sie müssen mir helfen! Verstecken Sie mich! Tun Sie etwas! O mein Gott, ich wünschte …«

Der Donner schien den Himmel zu zerreißen und von den Gewölben des Firmaments widerzuhallen. Tiegel sank in seinem Sessel in sich zusammen und presste die Hände an die Ohren.

Schließlich wurde es still.

Der Teufel lag mitten im Zimmer auf dem Boden, von Licht umgeben. Dann sprach der Donner.

»MÖCHTEST DU ZURÜCKKEHREN?«

»O ja, Herr! Bitte! Es tut mir leid! Ich entschuldige mich für alles! Das mit dem Apfel bedaure ich wirklich sehr!«

Im Bücherregal zerplatzte eine Büste von Charles Darwin.

»Es tut mir leid! Bitte lass mich zurückkehren, bitte …«

»KOMM.«

Der Teufel verschwand. Draußen ließ das Unwetter nach.

Benommen stand Tiegel auf, wankte zum Fenster und entdeckte einen rasch klar werdenden Himmel.

Aus dem Abendrot reckten sich ein Arm und eine Hand aus Licht, zum Gruß erhoben.

Tiegel lächelte.

»Nicht der Rede wert, Herr. Es war mir ein Vergnügen.«

Er schloss das Fenster.

Terry Pratchett

Über Terry Pratchett

Biografie

Terry Pratchett, geboren 1948 in Beaconsfield, England, erfand in den Achtzigerjahren eine ungemein flache Welt, die auf dem Rücken von vier Elefanten und einer Riesenschildkröte ruht, und hatte damit einen schier unglaublichen Erfolg: Ein Prozent aller in Großbritannien verkauften Bücher sind...

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