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Große Besetzung

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Roman

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Große Besetzung — Inhalt

Liebe und dunkle Geheimnisse in einem Sommer in Italien

Nell, unscheinbar und nicht besonders selbstbewusst, hat es geschafft: Sie wurde an der renommierten London Drama School angenommen. Doch bevor sie ihren Abschluss machen kann, wird sie mit dem Urteil „talentfrei“ von der Schule geworfen. Es folgen Jobs beim Pizzaexpress, demütigende Auftritte als Pinguin und unmoralische Angebote von Möchtegern-Regisseuren.

Für ihre schöne Freundin Charlie und den charismatischen Dan hingegen könnte es nicht besser laufen: Castings, Filmrollen, Theaterengagements und Glück in der Liebe obendrein. Doch Nell gibt nicht auf, und als sie plötzlich in die engere Wahl für eine Hauptrolle kommt, scheint nicht nur das berufliche Glück endlich zum Greifen nah.

 

 

„Freuds Sprache ist frisch und leicht wie immer, doch diesmal von einem

solchen Witz wie nie zuvor.“ TATLER

 

„Freud ist eine Meisterin im Erkunden von Seelenzuständen.“ EMMA

€ 9,99 [D], € 9,99 [A]
Erschienen am 03.03.2012
Übersetzt von: Anke Kreutzer, Eberhard Kreutzer
432 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-8270-7514-7

Leseprobe zu „Große Besetzung“

DIE AUSERWÄHLTEN
Nell zog dieselben Sachen wie beim Vorsprechen an. Ein
großes blaues Baumwolljersey-Top zur verwaschenen
Jeans, dazu das Haar oben am Kopf zusammengebunden,
so dass ihr jedes Mal, wenn sie den Kopf wendete, die hellen
Spitzen ins Gesicht fielen. Ja, gut so, bescheinigte sie
ihrem Spiegelbild und zog unter jedes zaghafte Auge einen
schwarzen Strich, während sie sich an den Gedanken klammerte,
dass sie, dieses pummelige Mädchen mit den Sommersprossen,
vor genau einem halben Jahr dem Kollegium
der Drama Arts einen Shakespeare-Monolog sowie etwas
Mode [...]

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DIE AUSERWÄHLTEN
Nell zog dieselben Sachen wie beim Vorsprechen an. Ein
großes blaues Baumwolljersey-Top zur verwaschenen
Jeans, dazu das Haar oben am Kopf zusammengebunden,
so dass ihr jedes Mal, wenn sie den Kopf wendete, die hellen
Spitzen ins Gesicht fielen. Ja, gut so, bescheinigte sie
ihrem Spiegelbild und zog unter jedes zaghafte Auge einen
schwarzen Strich, während sie sich an den Gedanken klammerte,
dass sie, dieses pummelige Mädchen mit den Sommersprossen,
vor genau einem halben Jahr dem Kollegium
der Drama Arts einen Shakespeare-Monolog sowie etwas
Modernes vorgetragen hatte.
„Schon weg?“ Ihr Vermieter, der einen Stock über ihr
wohnte, lehnte sich über das Geländer. Nell zwang sich,
dem unrasierten Mann mit dem Kaffeebecher in der Hand
ein Lächeln zuzuwerfen. Es war ihr unangenehm, dieses
plötzliche Interesse an ihrem Leben. „Mein erster Tag“,
erwiderte sie, hängte sich die Tasche über die Schulter und
war mit Schwung zur Tür hinaus.
Der Bus war brechend voll. Nell bahnte sich einen Weg
durch das Geschiebe und stieg die Wendeltreppe zum
Oberdeck hinauf, wo sie ziemlich weit hinten an einer Stange
Halt fand, während sich der Bus langsam und schwankend
auf der Holloway Road in Bewegung setzte. Ein Mann
neben ihr kämpfte mit seiner Zeitung und rammte ihr dabei
den Ellbogen in die Rippen; eine Frau auf einem Sitz in der
Nähe hatte ihre liebe Not mit einem kleinen Jungen. „Sch“,
sagte die Frau, „hältst du wohl still?“, während sie versuchte,
das sich windende Kind auf den Schoß zu ziehen. Keiner
weiß es, dachte Nell, als sie auf die vorbeieilenden Köpfe
unter ihr blickte. Niemand weiß, dass ich auserwählt bin,
dachte sie und wäre, als der Bus an der nächsten Haltestelle
hielt, beinahe nach vorn gestolpert. Mit leisem Zischen öffneten
sich die Türen, die Fahrgäste strömten hinaus, und
ein schönes Mädchen mit einem Seidentuch um den Hals
stieg zielstrebig ein. Nell krampfte sich das Herz zusammen.
Wenn sie die nun auch genommen hatten? Nell wusste,
dass der Gedanke abwegig war, aber dieses Mädchen
entsprach genau dem Typ, der an die Schauspielschule passte,
und sie sah im Geiste vor sich, wie sie zusammen dort
eintrafen und zu hören bekamen, tut uns leid, aber wir sind
überbelegt und können nur eine von Ihnen nehmen.
Sie schwenkten auf die mittlere Fahrbahn und bogen
am Gefängnis nach rechts ab. Vor ihnen lag eine breite,
dreispurige Straße, und mit ächzendem Motor donnerte
der Bus in beschleunigtem Tempo die Steigung hinauf.
Große Häuser mit abblätternder Farbe und notdürftigen
Gardinen säumten den Weg; an einer gelben Tür hing ein
Bed & Breakfast-Schild. Genau hier, am höchsten Punkt von
Camden, hatten ihre Eltern einmal gewohnt, bevor sie –
Nell war noch ein Baby – nach Wiltshire, in ein schmuckes,
laubgrünes Dorf, umzogen, wo ihr Vater nur ein Jahr später
erklärte, er halte die Enge nicht mehr aus. Nell begann die
Straßen zu zählen, um ja nicht die Stelle am York Way zu
verpassen, an der sie unter einer Brücke hindurchkamen.
Sie spähte zu dem Mädchen hinüber, das sein Gesicht in
die Sonne hielt, und drückte auf den Haltewunschknopf.
Das Mädchen rührte sich nicht, wendete nicht einmal den
Kopf; in einer Woge der Erleichterung drängte sich Nell an
ihr vorbei und rannte die Treppe hinunter.

DAS ORAKEL
Dan war nicht sicher, wieso er den Brief einpackte, doch
im letzten Moment steckte er ihn zusammen mit einer
schwarzen Strumpfhose und einem Paar flachen Ballettschuhen
Größe 45 in die Tasche. Vielleicht brauchte er
ihn ja als eine Art Eintrittskarte zum College, vielleicht
würden sie einen Zulassungsnachweis fordern. Er stellte
sich eine vermummte Gestalt vor, eine Art Wegelagerer,
der, mit einem Tuch über dem Mund, aus seinem Versteck
sprang und ihm den Eingang verstellte.
„Wer ist da?“ – „Ich bin’s“, würde Dan beteuern und
auf die Unterschriften der Direktoren zeigen. Doch niemand
versperrte ihm den Weg. Niemand versuchte, ihn
von seinem Bestimmungsort zurückzuhalten, als er auf
der belebten Straße Richtung Norden lief, eine Abkürzung
über das Gelände eines Wohnblocks mit schmalen olivgrünen
Eingangstüren nahm, um an viktorianischen Reihenhäusern
entlang zu den breiten, flachen Treppenstufen der
Schauspielschule zu gelangen.
Der Bau, von dem inzwischen allerdings nur noch die
Fassade und die Eingangshalle mit ihrer Gewölbedecke und
dem Steinzeugboden übrig war, hatte ursprünglich einmal
als Krankenhaus gedient und verbreitete immer noch eine
Atmosphäre von Not und Panik. Die Studenten, die im
Foyer umherliefen, unterhielten sich im Flüsterton, und
während manche von ihnen das Portal im Auge behielten,
standen andere am Anschlagbrett und starrten auf eine Namensliste.
Dan ging sie ebenfalls durch, bis er auf seinen
eigenen Namen stieß und beruhigt in den schmalen Flur
zur Kantine schlenderte. Dort hackte eine hektische Frau
mit Schürze und zu einem Knoten aufgestecktem Haar, aus
dem graue Strähnen herunterhingen, die Champignons für
eine Suppe. „Ich hab ab der ersten Pause geöffnet“, sagte
sie zu ihm. „Am besten frühstücken Sie, bevor Sie herkommen,
ich kann nicht eher aufmachen, das ist einfach
nicht …“
„Nein, kein Problem …“ Dan trat den Rückzug an und
folgte einem Mädchen in einem Spitzenkleid, das er in diesem
Moment entdeckte, in einen großen, ovalen Saal. Dort
befand sich in der Mitte ein Stuhlkreis, in dem mehrere
Leute in wechselndem Abstand zueinander saßen. Dan und
das Mädchen tauschten einen Blick und suchten sich achselzuckend
Plätze.
„Hi“, sagte sie. Ihr dunkelblondes Haar war gelockt,
ihre Beine unter dem Kleid nackt. „Ich bin Jemma.“
„Dan.“ Er streckte die Hand aus und bereute es im selben
Moment. Linkisch berührten sich ihre Finger. „Ehrlich
gesagt“, gab er zu, „hab ich keine Ahnung, was ich hier
soll.“
Jemma lächelte, und in ihrer Wange bildete sich ein
Grübchen. „Bei meinem Vorsprechen sollte ich mir ausmalen,
ich wäre ein Schneemann, der langsam schmilzt.
War für mich hart an der Grenze.“
Dan rutschte auf seinem Sitz ein wenig herunter und
sah zu, wie sich der Raum allmählich füllte. Ein großes,
rothaariges Mädchen kaute an den Nägeln, ein Junge fiel
ihm durch seine unnatürlich grünen Augen auf. Sogar von
weitem konnte Dan sehen, dass sein Gesicht mit Make-up
zugekleistert war, das in seinen Nasenfurchen Grate bildete.
Er wandte sich an Jemma, um mit ihr einen schmunzelnden
Blick zu wechseln, doch sie beobachtete gerade
eine Gruppe langbeinige Blondinen, die nebeneinandersaßen
und bereits miteinander plauderten. Sein Blick verweilte
einen Moment auf Jemmas sahnefarbener Haut, die
durch die gedehnte Wolle ihres Kleides schimmerte, doch
als sie sich zu ihm umdrehte, sah er weg.
Es gab einen älteren Studenten, einen Mann in einem
gestreiften Hemd. Er saß mit verschränkten Armen da und
hatte ein tiefrotes Gesicht, als stellte er sich schon einmal
darauf ein, in Verlegenheit gebracht zu werden. Neben
ihm saß ein einschüchternd schönes Mädchen mit kurz geschnittenem
Haar, hohen Wangenknochen und vor Langeweile
halb geschlossenen Mandelaugen.
„Hier noch frei?“ Ein Junge mit schottischem Akzent
ließ sich auf der anderen Seite von Dan nieder.
„Klar.“
Er streckte die Beine aus. „Ich bin Pierre.“ Pierre hatte
eine goldene Kreole in einem Ohr und eine Kollektion
mattierte Silberringe an den Fingern. „Man sollte eigentlich
annehmen, dass an unserem ersten Tag jemand da ist,
um uns zu begrüßen.“ Er kippelte mit dem Stuhl, und Dan
folgte seinem Blick zu einer Galerie über ihren Köpfen, auf
der ringsum Spinde wie Wachposten standen.
„Wahrscheinlich haben sie da oben ihre Spione versteckt.
“ Pierre grinste, um Gelassenheit zu demonstrieren.
„Wollen uns wohl von Anfang an zeigen, wo’s langgeht.“
„Wie meinst du das?“, fragte Dan irritiert.
„Die haben hier eine Theorie. ›Brich sie, bevor du was
aus ihnen machen kannst.‹“
„Im Ernst?“ Dan spürte, dass Jemma ihnen zuhörte.
„Wie, brechen?“
„Keine Ahnung.“ Pierre zuckte die Achseln. „Uns unsere
Flausen austreiben, um die echten Gefühle rauszukitzeln,
ans Eingemachte zu kommen. ’ne Freundin von mir
war vor ein paar Jahren hier. Sie sagt, es war ganz schön
heftig.“
„Ich hab mir mal eine Abschlussaufführung angesehen“,
sagte das rothaarige Mädchen gegenüber und beugte sich
vor, „wie sie so weit gekommen sind, kann ich nicht sagen,
aber es war echt genial. Für mich ist es die einzige Schauspielschule,
die sich lohnt.“
Die Tür ging knarrend auf, und ein Mädchen streckte
den Kopf herein. Sie trug einen blauen Pullover, der ihr
fast bis zu den Knien reichte, und riss ängstlich die Augen
auf. Sie entdeckte den letzten freien Stuhl und steuerte ihn
möglichst unauffällig auf Zehenspitzen an.
Dan sah sich um. Inzwischen waren dreißig Studenten
da, fünfzehn Mädchen und fünfzehn Jungen. Es schien eine
bunt zusammengewürfelte Gruppe zu sein.
„Aber stimmt es …“, Jemma lehnte sich an ihm vorbei
zu Pierre hinüber, „dass sie Leute einfach so, ohne einen
ersichtlichen Grund, auffordern zu gehen?“
„Kommt schon mal vor“, Pierre senkte die Stimme.
„Ich meine, du weißt, dass sie ein Paar sind, die beiden
Männer, die den Laden hier leiten? Na ja, wenn sie jemanden
mögen … dann werden sie schon mal … besitzergreifend.
Gab mal einen Jungen, den hatten sie richtig ins Herz
geschlossen, vielleicht hast du sogar schon mal von ihm gehört, Ben Trevelyn, er ist umwerfend und richtig gut, aber
jedes Mal, wenn er eine Freundin hatte, war’s das für das
Mädel. Keine zwei Wochen, und sie war weg.“
Inzwischen redeten alle durcheinander. Manche Studenten
erzählten von ihrem Vorsprechen, ihren Absagen,
davon, bei welchen anderen Schauspielschulen sie sich
noch beworben hatten und ob sie schon eine Unterkunft
gefunden hatten.
„Die haben sie rausgeschmissen?“ Jemma schien entsetzt.
„Hat sich denn niemand beschwert?“
Pierre lachte. „Mein Freund meinte, die betroffenen
Mädchen hätten es sowieso nicht gebracht. Ich glaube,
von einer hat der Vater tatsächlich einen Brief geschrieben,
aber Patrick Bowery hat ihm geantwortet, sie hätten
ihr letztlich einen Dienst erwiesen, indem sie die Tochter
nicht in einer falschen Berufswahl bestärkten, wo ihr jedes
Talent abgeht.“
„Gott!“ Jemma schnaubte. „Das ist furchtbar.“
„Aber ich dachte immer …“, flüsterte die Rothaarige,
„ich meine, schwule Männer mögen doch normalerweise
Frauen?“
„Schon“, bestätigte Pierre und hob eine Schulter. „Aber
manchmal mögen sie hübsche Jungs noch mehr.“
Die Tür am anderen Ende des Raums knallte zu. Alle
sahen auf, und es wurde mucksmäuschenstill, als Patrick
Bowery höchstpersönlich – größer und dünner, als Dan
ihn in Erinnerung hatte – durch den Raum schritt. Am
Rand des Stuhlkreises blieb er stehen und ließ mit hochgezogener
Augenbraue den Blick langsam und eindringlich
von einem zum anderen schweifen. Als er sie alle gemustert
hatte, zog er ein Päckchen Zigaretten aus der Tasche.
Es war eine ausländische Marke, die Dan nicht kannte. Patrick
Bowery klopfte mit dem weichen Päckchen gegen die
Handfläche und steckte sich die Zigarette, die herausglitt,
zwischen die Lippen. Er griff zum Feuerzeug, zündete sie
an und nahm einen tiefen Zug. Die Studenten entspannten
sich. Pierre grinste, und ein zartes, blondes Mädchen fing
an, in ihrer Handtasche zu kramen. Patrick stieß lässig den
Rauch aus. „Ich rauche.“ Er sagte es laut und legte eine bedeutungsvolle
Pause ein. – „Sie nicht.“ Die Wirkung war
erstaunlich. Alle saßen senkrecht. Niemand lächelte mehr.
Patrick nahm noch zwei Züge und trat die Zigarette auf
dem Fußboden aus. „Also.“ Er blieb stehen. „Heute fange
ich mit den ersten Gehversuchen Ihrer Ausbildung an,
indem ich Sie in die Wunder und die früheste überlieferte
Ära des Theaters einführe. Und auf die Gefahr hin, dass
Sie es unhöflich finden, so etwas offen auszusprechen, will
ich Ihnen auch den Grund dafür nennen: Junge Menschen,
also Sie, verspüren in den meisten Fällen eine Neigung
zum Schauspielerberuf, weil sie verdammt noch mal zu
nichts anderem taugen.“ Als die ganze Runde in derselben
Sekunde heftig einatmete, wurde die Luft im Raum plötzlich
dünn. „Aber damit wir uns verstehen: Hier an dieser
Schule werde ich Ignoranz nicht tolerieren.“ Dan registrierte,
wie der ältere Student unbehaglich die Stellung
wechselte und Jemma die Hand in die Tasche steckte, um
nach einem Stift zu suchen. Dan hatte außer seinem Zulassungsschreiben
kein Papier für Notizen dabei; als Patrick
Bowery nun zu einer detaillierten Beschreibung des Dionysos-
Kults im sechsten Jahrhundert v. Chr. ausholte und
sich in der Schilderung von Orgien, überlebensgroßen,
aus Holz geschnitzten Phallus-Darstellungen, Männern,
die in den Bergen bis zur Besinnungslosigkeit tranken, und
ihren wundersamen Visionen Unzucht treibender Götter
erging, hielt Dan seine neuen Erkenntnisse quer über die
abgewetzten Falten des Dokuments fest. Als das Blatt bis
an den unteren Rand vollgeschrieben war und er nervös in
die Runde blickte, riss Jemma ein Blatt von ihrem Block ab
und reichte es ihm. Danke, formte er mit den Lippen und
versuchte, den Anschluss zu finden.
Patrick sprach von der Bedeutung des griechischen
Chors und der Tänzer, der Musiker und der Instrumente,
die sie spielten. Er erzählte von seinen Lieblingsdramatikern
Aischylos und Euripides und wachte darüber, wie
die Studenten sich bei der Mitschrift abmühten. „Natürlich
wurden“, fuhr er dann fort, „wie Sie wissen, drei
Tragödien
und zum Schluss eine Komödie an nur einem
Tag aufgeführt, und das berühmteste Theater war das von
Epidauros. Also, für jeden von Ihnen, der seine Zunft von
ganzem Herzen liebt, sollte ein Besuch an diesem antiken
Monument ganz oben auf der Wunschliste stehen.“
Epidauros besuchen, schrieb Dan, und der Gedanke an
einen azurblauen Himmel, an antike, umgefallene Säulen
lenkte ihn einen Moment ab. Wo waren sie? Er spähte
zu Jemmas Blatt hinüber, deren Handschrift sich blau
und schön in leserlichen Zeilen über die Seite ausbreitete.
Komödie, las er. Zotig, satirisch, messerscharf. Als er
die Stichworte abgeschrieben hatte, war Patrick bereits
bei den College-Regeln angelangt. „Pünktlichkeit …“, er
blickte kampflustig in die Runde, „… ist außerordentlich
wichtig. Wer zu spät kommt, wird wieder nach Hause geschickt.
Wer sich im Laufe eines Semesters mehr als drei
Mal verspätet, sollte damit rechnen, zu einem Gespräch
ins Büro zitiert zu werden. Nun“, er senkte die Stimme
und wechselte in einen nachdenklicheren Ton, und Dan
wurde klar, dass alles, was er sagte und tat, bis ins Letzte
einstudiert war, „nicht jeder in diesem Raum wird das Studium
bis zum Ende durchhalten. Ich möchte Sie warnen.
Es wird sich zeigen, dass nicht jeder die Voraussetzungen
mitbringt, die wir für nötig halten, um ins dritte Jahr zu
kommen. Und Sie sind am schnellsten draußen“ – das Tempo
zog wieder an –, „wenn Sie gar nicht erst hier drinnen
erscheinen.“
Während Patrick Bowery den Kreis der Studenten musterte,
herrschte Schweigen. Einige sahen unverwandt zu
ihm auf und reckten ihre blassen Gesichter wie welkende
Blumen in die Höhe, während andere verschreckt auf ihre
Hände starrten.
„Das hier ist kein Spiel.“ Er verzog den Mund und
wirkte selbst bleich. „Da draußen. In der Welt. Da weht
Ihnen ein scharfer Wind entgegen, es wütet ein rabiater,
gnadenloser Konkurrenzkampf, in keinem anderen Beruf
erkämpft man sich so schwer seinen Platz, und wenn Sie
sich nicht einmal so weit im Griff haben, dass Sie pünktlich
sind, dann war’s das für Sie. Sie werden ersetzt. Das gehört
zu den Dingen, die Sie hier lernen.“
Erst nach anderthalb Stunden entließ er sie. Sie rappelten
sich auf und flüchteten in die Kantine, wo sie Becky, die
inzwischen ihre grauen Strähnen hochgebunden und ihre
gepunktete Schürze festgezurrt hatte, mit Tee und heißen
Würstchen versorgte.
„Also ehrlich“, Pierre verdrehte die Augen, „gnadenlos,
rabiat, kämpferisch, man sollte meinen, die hätten uns für
den Special Air Service rekrutiert.“

Esther Freud

Über Esther Freud

Biografie

Esther Freud, 1963 in London geboren, ist die Tochter des Malers Lucian Freud und die Urenkelin von Sigmund Freud. 1991 erschien ihr Debütroman „Marrakesch“ der mit Kate Winslet verfilmt wurde. Seither hat Esther Freud zahlreiche Romane veröffentlicht, die in 15 Sprachen übersetzt wurden.

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