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Grabesdunkel

Grabesdunkel

Kriminalroman

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Grabesdunkel — Inhalt

Brutal ermordet liegt die Studentin Helle Isaksen in ihrer Wohnung. Wenig später werden weitere grausam zugerichtete Frauenleichen gefunden. Polizeireporter Joakim Lund Jarner und seine ehrgeizige Kollegin Agnes Lea werden mit dem Fall beauftragt, der sie in die mächtigsten und dunkelsten Kreise der Gesellschaft führt. Schon bald ist ihr eigenes Leben in Gefahr …

€ 9,99 [D], € 9,99 [A]
Erschienen am 14.04.2014
Übersetzer: Hanne Hammer
320 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-492-98092-0

Leseprobe zu »Grabesdunkel«

Prolog

Sie spürt, wie er sie vom Sofa aus ansieht, während er lang und ruhig an seiner Zigarette zieht. Obwohl es warm in der Wohnung ist, bekommt sie Gänsehaut, als sie den Pullover über den Kopf zieht. Hose und Strümpfe liegen schon auf dem Boden. Sie trägt nur noch ihre weiße Unterwäsche. Wenn du lieb bist, kriegst du einen Lutscher.

Sie hört seinen Atem schneller gehen. Er beugt sich über den Wohnzimmertisch, drückt die Zigarette im Aschenbecher aus und winkt sie zu sich. Sie geht auf ihn zu, stellt sich dicht vor ihn. Sie kann ihn riechen. Er [...]

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Prolog

Sie spürt, wie er sie vom Sofa aus ansieht, während er lang und ruhig an seiner Zigarette zieht. Obwohl es warm in der Wohnung ist, bekommt sie Gänsehaut, als sie den Pullover über den Kopf zieht. Hose und Strümpfe liegen schon auf dem Boden. Sie trägt nur noch ihre weiße Unterwäsche. Wenn du lieb bist, kriegst du einen Lutscher.

Sie hört seinen Atem schneller gehen. Er beugt sich über den Wohnzimmertisch, drückt die Zigarette im Aschenbecher aus und winkt sie zu sich. Sie geht auf ihn zu, stellt sich dicht vor ihn. Sie kann ihn riechen. Er stinkt nach Schweiß und Alkohol. Sie meint sich übergeben zu müssen, doch sie schluckt den Ekel hinunter. Kämpft gegen die Übelkeit an. Sein Blick wandert über ihren Körper. Sie spürt seine Erregung, spürt sie an seinem Blick, er ist so entschlossen. Wortlos starrt sie ihn an, während er ihr langsam den Slip auszieht. Erst ruhig, seine Hände gleiten langsam über ihren Leib. Dann wird sein Körper hart. Er steht abrupt auf.

Du warst unartig. Du weißt, was mit unartigen Mädchen passiert? Er greift nach ihrem Arm, dreht sie herum und wirft sie zu Boden. Sie landet auf dem Bauch, spürt den groben Teppich in ihrem Gesicht. Brutal spreizt er ihre Beine, legt sich schwer auf sie. Sie schließt die Augen und konzentriert sich auf das zarte Feuerwerk in Gelb und Rot, das in all der Schwärze entsteht.

 

 

Kapitel 1

Sonntag, 1. Mai

Es hatte fünf Tage hintereinander geregnet. Die Stockwerke in dem hohen Gebäude waren wie ausgestorben – bis auf das fünfte, das immer besetzt war. Doch in der Redaktion von Nyhetsavisen herrschte sonntägliche Stille. Der Regen klatschte gegen die Scheiben.

Joakim Lund Jarner hatte bereits seit drei Stunden Spätdienst. Ihm war noch immer kalt nach seinem Gang durch die Stadt. Sein kurzes blondes Haar klebte an der Stirn. Die Schicht versprach ruhig zu werden, schlechtes Wetter brachte es mit sich, dass sich die Menschen auf der Schattenseite des Lebens in ihren Löchern verkrochen. Trotzdem war da dieses Gefühl. Eine Unruhe im Bauch, die er schon beim Aufwachen gespürt hatte. Joakim seufzte.

Bis jetzt hatte er eine Seite über die Rekordmenge an Niederschlägen und fünfzehn Kurzmeldungen für die morgige Printausgabe geschrieben. Sein Blick wanderte über die Bürolandschaft zum Herzen der Zeitung, zur Redaktion. Redakteure und Setzer saßen mit kleinen Schweißflecken unter den Armen dicht an dicht vor den Bildschirmen und gestalteten die morgige Zeitung. Über ihnen hingen die hellen Neonröhren, die fast immer flackerten, weil niemand dazu kam, etwas dagegen zu tun, oder gar wusste, wie man die Röhren auswechselte. Auf den leeren Schreibtischen standen braune Pappbecher mit abgestandenen Kaffeeresten.

Joakim war lange genug bei Nyhetsavisen, um wie die meisten anderen blind für den Müll zu sein. Er war jetzt seit fünf Jahren dabei. Das hier war sein Zuhause, dieser große Saal, wo pausenlos die Tastaturen klapperten, die Kaffeeautomaten husteten und die Drucker spuckten und alles noch an Intensität zunahm, wenn es auf den endgültigen Höhepunkt, den Redaktionsschluss, zuging, diese kritische Stunde, in der ihnen alles aus den Händen gerissen wurde. Von da an war alles unwiderruflich. Die Worte, die sich auf den Bildschirmen noch umstellen und verändern ließen, wurden jetzt endgültig, verewigt von den bald prähistorischen Druckerpressen.

Joakim scrollte sich durch die Onlineausgaben der Konkurrenz. Vor ihm saß eine der neuen Journalistinnen aus dem Politikressort, Agnes Lea. Dieses Jahr waren Wahlen, deshalb hatte die Geschäftsleitung für Verstärkung gesorgt. Nur ihr langer blonder Pferdeschwanz war über dem Bildschirm zu sehen. Sie war zartgliedrig und klein, strahlte aber dennoch Autorität aus. Vielleicht lag es an der Andeutung eines Grübchens im Kinn, vielleicht an ihrem entschlossenen Blick. Ihre Augen waren klar, offen und kritisch zugleich. Im Internet war zu lesen, dass sie sich früher in der Jugendorganisation der Sozialistischen Partei engagiert hatte, direkt von der Journalistenschule kam und Mitte zwanzig war, also ein paar Jahre jünger als er.

Außer Agnes hatten noch zwei Journalisten vom Feuilleton Spätdienst, die Joakim aber nicht näher kannte. Er war ganz in die Meldungen des Norwegischen Nachrichtenbüros vertieft, als der Ressortleiter plötzlich vor ihm stand. Fredrik Telle war in diesen Räumlichkeiten derjenige, der Gott am nächsten stand. Er entschied alles, was die Zeitung des nächsten Tages anging. Mit seinen hundertzwanzig Kilo war er eine eindrucksvolle Gestalt. Das borstige braune Haar trug er streng nach hinten gekämmt, und auf seiner Oberlippe standen Schweißperlen.

»Joakim! Ein Mord in Majorstua. Nimm Agnes mit. Ihr müsst auf der Stelle los.«

Joakim warf einen schnellen Blick in Richtung Pferdeschwanz. »Sie hat noch nie über einen Mord berichtet. Wäre es nicht cleverer, jemand anderen mitzunehmen?«, fragte er.

Joakim merkte, wie Agnes die Kinnlade herunterfiel. Es war nicht so, dass er persönlich etwas gegen sie hatte. Überhaupt nicht. Er konnte sich nur keinen Patzer leisten. Nicht jetzt. Und das Fehlerrisiko stieg, wenn man mit Neulingen zusammenarbeitete.

»Und wen soll ich sonst hinschicken? Einen Klatsch- und-Tratsch-Journalisten oder einen Theaterkritiker? Im Moment haben wir nur vier Leute hier, die anderen sind an anderen Sachen dran«, sagte Telle.

Joakim antwortete nicht, sondern griff stumm nach seiner dunkelgrünen Regenjacke und hastete mit Agnes im Schlepptau aus der Redaktion.

Im Auto des Fotografen, der draußen auf ihn wartete, ließ er sich auf den Beifahrersitz fallen. Dann drehte er sich zu Agnes um, die sich auf die Rückbank gesetzt hatte. Unter ihrer braunen Lederjacke trug sie ein rotes Top und ein enges, kurzes Jeanshemd.

»Hast du keine anderen Sachen?«, fragte Joakim resigniert.

»Nein, aber ich habe einen Schirm.«

Tatsächlich guckte aus ihrer Tasche ein kleiner zusammenfaltbarer Schirm. Der Fotograf Rasmus Sender drehte sich ebenfalls zu ihr um.

»Ich habe noch einen zweiten Regenmantel«, sagte er. »Den kannst du haben.«

An einem Sonntagnachmittag in Majorstua einen Parkplatz zu finden, grenzte ans Unmögliche. Das ganze Gebiet um den Tatort in der Jacob Aalls gate war abgesperrt. Rasmus parkte das Auto vor einem Lebensmittelladen halb in einer Kreuzung und warf Agnes den Schlüssel in den Schoß. »Der Regenmantel liegt im Kofferraum«, sagte er, bevor er davonlief.

Die Kollegen von VG und Dagbladet waren bereits vor Ort. Obwohl Nyhetsavisen eine der größten Zeitungen Norwegens war, konnten sie von den Ressourcen, die den beiden Boulevardzeitungen zur Verfügung standen, nur träumen. VG und Dagbladet waren nicht zu toppen, wenn es darum ging, aus Mordfällen das Beste herauszuholen. Joakim zählte sieben Journalisten, drei Fotografen und einen Kameramann. Eine der besten Kriminalreporterinnen von VG, Helene Muus Mikalsen, führte bereits ein Interview. Das Fernsehen war glücklicherweise noch nicht aufgetaucht.

»Ich kümmere mich um die Polizei, dann kannst du mit den Zeugen und den Nachbarn reden«, sagte Joakim zu Agnes, die ihn eingeholt hatte. »Das schaffst du, oder?«

Sie nickte. Joakim drehte sich um und ging auf die beiden uniformierten Männer zu, die direkt an der Absperrung standen.

»Ist das nicht unser Idealist höchstpersönlich? Joakim Lund Jarner?«, meinte der Ältere von ihnen, Rune Sandvoll, ein tonnenförmiger Mann mit einer rotbraunen Mähne. »Ich habe Ihre Artikel über Polizeigewalt gelesen. Sie sollten mal ein paar Nächte mit uns Streife fahren und sich ansehen, wie diese Ausländer sich aufführen. Was wir ausüben, ist keine Gewalt, das ist Selbstverteidigung.« Sandvoll spuckte in eine Pfütze und blickte ihn herausfordernd an.

Joakim schwieg. Selbstverteidigung, dachte er. Wenn vier Polizisten sich auf einen siebzehnjährigen Pakistani warfen und ihm auf lebensgefährliche Weise die Halsschlagader abklemmten? Er wusste, dass es zu einem Streit kommen konnte, wenn er sich jetzt auf diese Diskussion einließ.

Sandvoll trat einen Schritt auf Joakim zu. »Sie haben also noch Ihren Job? Ich habe gehört, dass Sie gefeuert werden sollten.«

Joakim spürte Ärger in sich aufsteigen.

»Oder hat eine Entschuldigung gereicht?«, fuhr Sandvoll fort und knuffte seinen Kollegen, einen jüngeren Typen, dem Joakim bisher noch nicht begegnet war, in die Seite.

Mit zusammengekniffenem Mund sah Joakim in die andere Richtung. Vor einem Monat war ihm ein schwerwiegender Fehler unterlaufen. In seinem Eifer, einen der Promimillionäre Norwegens, Hans Adler Hellvik, wegen ungesetzlicher Insidergeschäfte zu entlarven, hatte er bei den Details geschludert. Das Ergebnis war, dass Nyhetsavisen sich in riesigen Lettern auf einer halben Titelseite hatte entschuldigen müssen. Eine schmerzliche Niederlage für die Zeitung. Nach dieser Blamage hatte die Geschäftsleitung entschieden, dass Joakim nicht länger Mitglied des Investigativteams sein würde, sondern wieder über das Gebiet berichten sollte, mit dem er als Journalist seinerzeit angefangen hatte: Kriminalität. Das war eine eindeutige Degradierung. Er betete im Stillen, dass Agnes bei der Berichterstattung über diesen Mordfall keinen Mist bauen würde. Sein Job hing noch immer an einem seidenen Faden.

»Wer leitet die Ermittlungen vor Ort?«, erkundigte sich Joakim. Er mochte nicht noch mehr Zeit auf die beiden verschwenden.

Sandvoll nickte in die Richtung eines der größeren Polizeiwagen. Ein kleiner grauhaariger Mann mit gebeugter Haltung stand direkt daneben. Joakim erkannte ihn sofort, er hatte ihn viele Male interviewt.

Der Ermittler Karl Gjessing unterhielt sich mit zwei Kollegen. Joakim registrierte, dass die Kriminaltechniker Gips bei sich hatten, was darauf schließen ließ, dass man Fußabdrücke gefunden hatte.

Als Gjessing wieder alleine war, trat Joakim zu ihm.

»Haben sie die Leiche mitgenommen?«, fragte er.

Gjessing schüttelte den Kopf. »Nein. Aber Sie sind spät dran. VG und Dagbladet sind schon eine Weile hier.«

»Was wissen Sie?«

»Eine junge Frau, neunzehn oder zwanzig Jahre alt. Studentin an der Handelshochschule. Uns gänzlich unbekannt. Hat sich die Wohnung mit einer Freundin geteilt. Die hat uns auch verständigt. Auf der Pressekonferenz heute Abend erfahren Sie mehr.«

»Waren Sie oben?« Joakim zeigte auf das alte Gebäude. Aus einem der Fenster schien ein gleißendes Licht, und er konnte die Silhouetten der Kriminaltechniker ausmachen.

»Ja.«

»Was ist passiert?«

»Eine verdammte Sauerei.«

»Wurde sie erstochen?«, fragte Joakim.

»Tut mir leid, wir haben wirklich keine Zeit mehr.«

Gjessing drehte sich um und ging zu dem Mietshaus. Joakim blieb noch eine Weile stehen – nahe genug, um Bruchstücke der Unterhaltung der Techniker mitzuhören.

»Küchenmesser … Steckt noch immer im Auge.«

»Direkt ins Gehirn des Mädchens.«

 

Kapitel 2

Ein Stück von der Absperrung entfernt versuchte Agnes, ein paar Passanten zu interviewen. Gleich der Erste, den sie ansprach, pflaumte sie an. Ob sie nicht wenigstens warten könnten, bis die Leiche kalt sei?

Es regnete noch immer. Das Regenwasser floss in großen Bächen zum nächsten Gulli. Rasmus Senders Regenmantel schützte zwar ihre Lederjacke, doch an den Beinen war sie pitschnass. Agnes stellte sich in den Eingang des Lebensmittelladens, um eine Zigarette zu rauchen.

Eine junge Frau stand schon da und suchte Schutz vor dem Platzregen. Sie war groß, schlank und trug ein langes weißes Hemdblusenkleid über einer schwarzen Hose. Ihre dunkelbraunen Haare waren zu einem modernen Bob geschnitten. Die Schminke um die Augen war teilweise verwischt.

»Hast du Feuer?«, fragte Agnes.

Die Frau schüttelte den Kopf.

»Was für ein Wetter«, fuhr Agnes fort. »Du hast auch nicht die passenden Schuhe an, wie ich sehe.« Sie zeigte auf die spitzen, exklusiven Stiefeletten.

Die andere antwortete nicht, sondern starrte nur geistesabwesend vor sich hin.

»Wohnst du hier?«, fragte Agnes.

Jetzt nickte sie.

»In dem Mietshaus?«

Erneutes Nicken.

»Hast du die Tote gekannt?«

»Sie war meine Mitbewohnerin«, flüsterte sie mit kaum hörbarer Stimme.

Agnes spürte ihr Herz schneller schlagen. »Wart ihr verwandt?«

»Nein, befreundet«, antwortete die junge Frau und schluckte.

Ihr Blick war weiter auf den Eingang des Mietshauses gerichtet. Zwei Männer in weißen Overalls kamen mit einer Bahre heraus. Der Körper des ermordeten Mädchens steckte in einem blauen Leichensack.

»Hör mal zu, ich arbeite als Journalistin bei Nyhetsavisen. Hast du mit der Polizei gesprochen?«, fragte Agnes.

Jetzt drehte die junge Frau sich zu ihr um. »Ich habe zwar bei denen angerufen, aber ich habe es nicht geschafft, mit ihnen zu reden, nicht jetzt.« Sie zitterte.

»Aber du wirst mit ihnen reden müssen, meinst du nicht?«

»Später. Ich brauche trockene Kleidung. Ich kann nicht wieder in die Wohnung gehen. Mein Geld und meine Kreditkarten sind dort. Kannst du mich zu meinen Eltern fahren? Sie wohnen draußen in Asker.«

Die junge Frau sah sie flehend an. Sie schien bei klarem Verstand zu sein. Agnes nickte, fischte Rasmus’ Autoschlüssel aus der Tasche und lief durch den strömenden Regen zu dem Saab, der in der Nähe geparkt war. Sie ließ die junge Frau auf dem Beifahrersitz Platz nehmen. Bevor Agnes den Schlüssel ins Zündschloss steckte, schickte sie Joakim eine SMS: »Muss mir das Auto ausleihen. Erklärung folgt.« Dann ließ sie den Motor an und fuhr auf den Kirkevei hinaus.

»Kannst du die Heizung anmachen?«, fragte die junge Frau.

»Sicher.«

Agnes stellte für beide Sitze die Sitzheizung ein. Sie selbst war völlig durchgefroren. Die Sicht war schlecht und die Straße voller Wasser, sodass sie nur langsam fahren konnte.

»Wie heißt du?«

»Ester«, antwortete die andere.

»Und die Tote?«

»Sie heißt Helle. Hieß Helle. Helle Isaksen.«

»Woher hast du gewusst, dass sie tot ist?«

Ester antwortete nicht. Sie starrte aus dem Fenster zum Frognerpark hinüber. Agnes sah, wie sich ihr Brustkorb hob und senkte, ihr Atem ging immer schwerer.

»Kannst du kurz anhalten?«

Agnes bog auf einen kleinen Parkplatz am Rand des Parks ab. Ester öffnete die Autotür und atmete die feuchte Luft tief ein. Ihr Rücken bebte. Agnes wartete still. Fragte sich, ob sie ihr eine Hand auf die Schulter legen sollte oder ob das zu weit gehen würde.

»Ich habe sie gefunden«, sagte Ester so leise, dass Agnes sie durch das Trommeln des Regens aufs Autodach kaum verstehen konnte. »Ich habe in der Diele nasse Fußabdrücke gesehen. Und dann habe ich sie im Schlafzimmer gefunden. Sie lag nackt auf dem Bett. Es hat gestunken, nach Scheiße, glaube ich. Ich habe mich hingekniet, ich musste mich übergeben. Erst nachher, als ich wieder aufgestanden bin, habe ich das Messer in ihrem Gesicht stecken sehen, es sah aus, als würde das Auge immer noch bluten. Ich habe versucht, sie wachzurütteln, aber …«

Ester übergab sich. Agnes reichte ihr ein Taschentuch. Als Ester es entgegennahm, fiel Agnes ein dunkelroter Fleck auf ihrem rechten Blusenärmel auf. Konnte das Blut von Helle Isaksen stammen?

»Ich habe die Polizei angerufen«, fuhr Ester fort. »Dann bin ich aus der Wohnung gestürzt. Ich musste einfach raus, ich bekam keine Luft mehr. Als ich wieder zurückkam, war alles abgesperrt, überall war Polizei. Ich kann jetzt einfach nicht mit der Polizei reden. Ich traue mich nicht.«

»Wie meinst du das?«

Ester antwortete nicht. Sie drehte sich wieder zu Agnes um, zog die Autotür zu.

»Bitte, fahr noch nicht. Mir ist so übel, und vom Fahren wird mir noch schlechter.«

»Hatte Helle einen Freund?«

»Keinen festen«, antwortete Ester.

»Und einen Exfreund?«

»Das schon, aber das ist echt lange her. Er heißt Tom.«

»Tom und wie weiter?«

»Tom Marius Westerberg. Er studiert auch an der Handelshochschule.«

»Glaubst du, dass er es war?«

»Sie waren nur kurz zusammen, letzten Herbst.«

»Gibt es jemand anderen, von dem du dir vorstellen kannst, dass er das getan hat?«

Ester antwortete nicht, sondern starrte nur weiter vor sich hin.

»Weißt du, ob Helle Drogen genommen hat?«

Ester schüttelte entschieden den Kopf.

»War die Tür aufgebrochen?«

»Nein. Als ich kam, war sie nicht verschlossen. Sie muss ihm aufgemacht haben.«

»Dann weißt du also, dass es ein Er war?«

»Etwas anderes ist doch wohl unwahrscheinlich. Außerdem habe ich die Fußabdrücke in der Diele gesehen. Von Herrenschuhen.«

Agnes nickte. In der Wohnung dürften mehr als reichlich Spuren sein. Wenn Ester die Freundin nackt vorgefunden hatte, dann war Helle Isaksen vielleicht vergewaltigt worden. Plötzlich sah Agnes, wie Ester zusammenzuckte. Sie starrte einen Mann in dunklen Regensachen an, der auf sie zugeeilt kam.

»Fahr«, rief Ester so laut, dass ihre Stimme brach.

Agnes ließ sofort den Motor an. Bevor sie den Parkplatz verließ, warf sie einen schnellen Blick in den Rückspiegel. Der Mann setzte sich gerade in eines der Autos, doch Ester nahm keine Notiz davon. Sie hatte die Hände vors Gesicht geschlagen und weinte. Agnes beschleunigte und fuhr weiter auf die E18. Sie registrierte, dass ihr auf Lautlos gestelltes Handy in der Tasche mehrmals vibrierte, wagte aber nicht, sich zu melden. Sie hatte jetzt zwei Prioritäten: Sie musste Ester beruhigen, und sie musste so viele Informationen wie möglich aus ihr herausholen. Agnes mochte in der Kriminaljournalistik ein Neuling sein, aber ihr war sofort klar gewesen, dass die junge Frau auf dem Beifahrersitz journalistisch gesehen der Hauptgewinn war.

»Warum hat dir der Mann auf dem Parkplatz solche Angst eingejagt? Hast du ihn für Helles Mörder gehalten?«

Agnes warf einen Blick auf das Profil ihrer Beifahrerin. Die nickte kurz. So beantwortete sie die meisten Fragen, die Agnes ihr während der Fahrt stellte. Mit Nicken oder Kopfschütteln. Hin und wieder kam überhaupt keine Reaktion. Agnes war unsicher, wie sehr sie insistieren sollte, aber ein bisschen bekam sie dennoch aus ihr heraus.

Ester und Helle hatten sich über das Studium an der Handelshochschule kennengelernt. Ester hatte Helle schon bald angeboten, in ihre Wohnung in Majorstua mit einzuziehen. Viele ihrer Bekannten gingen mehr oder weniger regelmäßig in einen Edelschuppen in Frogner, der sich Hjørnet nannte, die Ecke, erzählte Ester. Agnes hatte davon gehört. Oslos neuer Yuppietreffpunkt.

Sie erreichten Asker und näherten sich Esters Elternhaus. Agnes war noch nie in dieser Gegend gewesen. Die Einfamilienhäuser lagen wie kleine Bauklötze in den großen Gärten. Durch den Regen konnte Agnes die Konturen der Gebäude nur erahnen.

»Kannst du mich bitte hier rauslassen?«, bat Ester.

Agnes bremste vor einem massiven Einfamilienhaus. Sie sah Ester an und verspürte einen Anflug von schlechtem Gewissen wegen der Frage, die sie ihr jetzt stellen musste.

»Ist es okay, wenn ich die Informationen, die du mir gegeben hast, in einem Artikel bringe?«

Ester nickte kurz. Aber sie wolle keinen Besuch vom Fotografen der Zeitung, sagte sie, weshalb Agnes selbst ein paar Bilder mit ihrem Handy machte.

»Können wir uns morgen weiter unterhalten?«, fragte Agnes, während sie Ester ihre Visitenkarte reichte.

Ester starrte Agnes mit einem Blick an, den diese nicht zu deuten vermochte. »Ich weiß nicht. Ich … du … Ich glaube, du willst da nicht reingezogen werden.«

»Wie meinst du das?«, fragte Agnes und spürte, dass ihr die Nackenhaare zu Berge standen.

Ester antwortete nicht, öffnete nur die Autotür und lief in den Regen hinaus. Agnes beugte sich über den Beifahrersitz und rief ihr hinterher: »In was denn reingezogen?«

Über Alexandra Beverfjord

Biografie

Alexandra Beverfjord, geboren 1977, stammt aus Trondheim, wohnt aber heute mit ihrem Mann und ihren beiden Kindern in Oslo. Sie arbeitet seit vielen Jahren im Journalismus und ist heute Nachrichtenredakteurin bei der großen norwegischen Tageszeitung Dagbladet. Für »Grabesdunkel«, den ersten Fall um...

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