Lieferung innerhalb 2-3 Tage
Bezahlmöglichkeiten
Vorbestellung möglich
Blick ins Buch
Glühendes TorGlühendes Tor

Glühendes Tor

Chroniken der Seelenfänger 4

Paperback
€ 17,00
E-Book
€ 12,99
€ 17,00 inkl. MwSt.
Lieferzeit 2-3 Werktage
In den Warenkorb Im Buchshop Ihrer Wahl bestellen
Gratis-Lieferung ab 5,00 €
Geschenk-Service
Versand und Lieferbedingungen
€ 12,99 inkl. MwSt.
sofort lieferbar
In den Warenkorb
Gratis-Lieferung ab 5,00 €
Geschenk-Service
Versand und Lieferbedingungen

Glühendes Tor — Inhalt

Der krönende Abschluss der Abenteuer des Seelenfängers Ludwig van Normayenn: Seit geraumer Zeit verfolgen Ludwig und seine Gefährtin Gertrude die Spuren des geheimnisvollen dunklen Schmieds, der für die Tode mehrerer Seelenfänger verantwortlich ist. Endlich erhält Ludwig einen entscheidenden Hinweis auf dessen Identität: In einem uralten Buch soll sich eine Abbildung des Schmieds befinden, der die tödlichen Seraphimdolche erschafft. Ludwig geht einen verhängnisvollen Handel mit der Kirche ein, um das Buch zu bekommen. Doch wird er es schaffen, den Schmied ausfindig zu machen, bevor dieser mit seinen Dolchen das Tor zur Hölle öffnen kann?

€ 17,00 [D], € 17,50 [A]
Erschienen am 01.09.2017
Übersetzt von: Christiane Pöhlmann
528 Seiten, Klappenbroschur
EAN 978-3-492-70401-4
€ 12,99 [D], € 12,99 [A]
Erschienen am 01.09.2017
Übersetzt von: Christiane Pöhlmann
528 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-97857-6

Leseprobe zu »Glühendes Tor«

1 Grabeszeit

»Dass aber auch ständig Gräber unseren Weg pflastern müssen!«, maulte Apostel mit finsterer Miene.
Meine ruhelose Seele starrte in den Straßengraben, aus dem die verkohlte Hand eines Toten herausstak. Der Rest des Körpers lag unter dem in der Märzsonne allmählich schmelzenden Schnee verborgen.
»Dabei hasse ich nichts so sehr wie sie!«, lamentierte Apostel weiter und wischte sich wütend das nie versiegende Blut von seiner eingeschlagenen Schläfe. »Das sind doch die reinsten Pockennarben im Antlitz der Erde! Warum, Ludwig, müssen wir bloß [...]

weiterlesen

1 Grabeszeit

»Dass aber auch ständig Gräber unseren Weg pflastern müssen!«, maulte Apostel mit finsterer Miene.
Meine ruhelose Seele starrte in den Straßengraben, aus dem die verkohlte Hand eines Toten herausstak. Der Rest des Körpers lag unter dem in der Märzsonne allmählich schmelzenden Schnee verborgen.
»Dabei hasse ich nichts so sehr wie sie!«, lamentierte Apostel weiter und wischte sich wütend das nie versiegende Blut von seiner eingeschlagenen Schläfe. »Das sind doch die reinsten Pockennarben im Antlitz der Erde! Warum, Ludwig, müssen wir bloß sterben?«
Ich blies auf die Klinge meines Dolchs, bis der von ihr aufsteigende graublaue Rauch abzog und vom nasskalten Frühlingswind davongetragen wurde. Die dunkle Seele dieses Toten hatte sich als überraschend stark herausgestellt, vor allem wenn man bedachte, dass der Mann lediglich vom Winter dahingerafft worden war.
»Und das willst du ausgerechnet von mir wissen?«, fragte ich zurück. »Was sagen denn die Heiligen Schriften dazu, aus denen du so gern zitierst?«
»Denn leben wir, so leben wir dem Herrn; sterben wir, so sterben wir dem Herrn. Wir leben nun oder wir sterben, so sind wir des Herrn«, antwortete Apostel widerwillig, den Blick nach wie vor auf die verschmurgelten Finger des Toten gerichtet. »Aber was hat sich der Herr bloß beim Tod eines Menschen gedacht? Er liebt uns doch, oder, Ludwig? Wieso stolpere ich dann an jeder Ecke über Leichen?«
»Die Beantwortung dieser Frage geht über meinen Verstand. Früher oder später sterben wir halt.«
Diese Worte entlockten Scheuch, der sich durch pikende Sträucher am Wegesrand schlug, ein eifriges Nicken. Er hatte gegen den Tod grundsätzlich nichts einzuwenden. Sollte er dann noch besonders grausam sein, umso besser.
»Wenn ich noch Tränen vergießen könnte«, fuhr Apostel fort, »hätte ich mir bei all den Toten längst die Augen ausgeweint.«
Mit einem Mal wirkte er müde und erschöpft, fast als wäre er keine lichte Seele, die weder Kälte noch Schmerzen oder Hunger verspürte, sondern ein Mensch aus Fleisch und Blut.
»So mutlos kenne ich dich ja gar nicht«, brachte ich sanft heraus. »Gibt es einen Grund dafür, dass du den Kopf so hängen lässt?«
»Wahrscheinlich bin ich heute einfach mit dem falschen Fuß aufgestanden. Das kommt selbst bei Geschöpfen wie mir gelegentlich vor. Aber du willst mir ja wohl nicht weismachen, dass dich all die Toten kaltlassen, oder?! All diese Menschen?…?ganz egal, ob einer nun ein mieses Dreckschwein oder ein feiner Kerl war?…?heulen könnte ich, wenn ich nur an sie denke! Doch irgendeiner muss ja auch mal ein Herz zeigen?…«
Ich steckte den Dolch in die Scheide und trat vom Graben zurück. Seit ein paar Minuten befand sich die Seele des Toten endlich in der Hölle.
»Allmählich habe ich das Gefühl, hinter deiner miesepetrigen Laune steckt etwas ganz anderes. Der Schmied für die Seraphimdolche lässt dir keine Ruhe, stimmt’s? Du hast ja erst gestern wieder von ihm angefangen.«
Apostel funkelte mich mit einen Blick an, der jeder wütenden Elster zur Ehre gereicht hätte.
»Wundert dich das etwa?! Der Kerl ist gefährlicher als ein Rudel tollwütiger Wölfe – aber du willst ihm unbedingt auf die Pelle rücken. Du weißt überhaupt nicht mehr, was Vorsicht bedeutet! Offenbar hast du vergessen, was für ein Blutbad er in Cruso angerichtet hat! Und dass er Cristina getötet hat!«
»Schluss jetzt!«, fuhr ich Apostel an.
Sobald ich die Augen schloss, sah ich jenes Gehöft vor mir. Überall waren damals riesige Lagerfeuer wie goldene Blumen erblüht, überall hatten verkohlte Leichen auf dem Boden gelegen. Als ich Cristina endlich entdeckt hatte, da hatte sie kaum noch geatmet. Verzweifelt hatte sie ihre letzten Worte herausgebracht. Irgendwann war ihr flacher Atem für immer versiegt. Trotzdem war ich neben ihrer Leiche sitzen geblieben, bis ich bis auf die Knochen durchgefroren war.
In der Morgendämmerung waren die Inquisitoren aus Cruso angeritten gekommen, unter ihnen auch Roman. Wortlos hatte er mir eine Flasche mit Weinbrand aus Narara hingehalten. Der scharfe Schnaps hatte mir die Lippen und die Zunge verbrannt. Überall um mich herum hatte es nun von Kirchenleuten gewimmelt, und Lanzenträger der Stadtwache hatten die gesamte Gegend abgesperrt.
Obwohl die goldenen Feuer fast erloschen gewesen waren, hatte sich ihnen niemand genähert, hatten sie doch nach wie vor eine unerträgliche Hitze ausgestrahlt. Die Leichen des Chagzhiden Adil und des Söldners Cesare aus Walters Bande waren auf einen Karren geladen worden. Als ein paar Mönche auch Cristina hatten wegschaffen wollen, hatte ich sie derart wütend angebrüllt, dass sämtliche Glaubensbrüder vor mir zurückgewichen waren und erst Romans Entscheidung hatten einholen wollen, vertrat er hier doch Kardinal Urban.
Roman hatte die Mönche kurzerhand fortgeschickt, mir eine Hacke gereicht und selbst zum Spaten gegriffen. Am Rand eines kleinen Birkenhains hatten wir Cristinas Grab ausgehoben.
Da die Erde steinhart gewesen war, hatte jeder Hieb in meinen Gelenken widergehallt. Trotzdem hatte ich die Arbeit unverdrossen fortgesetzt. Als wir unser Werk beendet hatten, hatte ich blutige Hände und entsetzliche Rückenschmerzen gehabt, Cristina aber dennoch allein zu der Grube getragen. Sie war erstaunlich leicht und klein. Roman hatte aus zwei jungen Birkenstämmen ein Kreuz angefertigt. Nachdem wir das Grab aufgeschüttet hatten, hatte Apostel das Totengebet gesprochen. Anschließend hatte ich Roman Cristinas Dolch übergeben.
»Wohnst du seiner Vernichtung bei?«, hatte ich gebeten. »Das darfst du doch, oder?«
Nickend hatte er die Klinge an sich genommen.
»Was hast du jetzt vor?«, hatte er wissen wollen.
»Ich kehre auf der Stelle nach Ardenau zurück.«
»Tut mir leid, Ludwig, aber daraus wird nichts«, hatte mir Roman eröffnet. »Dazu haben wir zu viele Fragen an dich. Und du wirst nicht darum herumkommen, sie zu beantworten.« Als er gesehen hatte, dass ich hatte widersprechen wollen, hatte er in nachdrücklichem Ton fortgefahren: »Glaub mir, es wäre besser für dich, das in meinem Beisein zu erledigen.«
Er hatte ja recht gehabt. Außerdem hätte ich eh weder Walter noch den Schmied der Seraphimdolche so schnell gefunden, denn es hatte nicht die geringste Spur von ihnen gegeben.
Ich hatte den Männern der Kirche also das Märchen von einem mächtigen Zauberer aufgetischt, der seine Kumpane verraten hatte und daraufhin geflohen war. Dass Walter noch lebte, stand für mich außer Frage, hatten wir seine Leiche doch nirgends entdeckt. Ein Schreiber hatte jedes meiner Worte auf Papier festgehalten, zwei Inquisitoren in grauen Kutten hatten mir nach meinem Bericht zum Abschied kurz zugenickt.
»Ich habe es dir schon einmal gesagt, doch ich wiederhole es gern: Bei Zauberern und dunklen Kräften bindet mir so schnell niemand einen Bären auf«, hatte Roman bemerkt, sobald wir wieder allein gewesen waren. »Wir beide wissen, dass Walter nicht hinter den goldenen Feuern steckt. Diese Flammen haben Kardinal Urban nur deshalb nicht getötet, weil wir heilige Reliquien dabeihatten. Doch selbst sie hätten beinahe versagt. Wer also ist der Mann, der das goldene Feuer entfacht hat? Was will er? Warum greift er erst die Menge auf dem Platz an, vernichtet danach aber diese Verschwörer?«
Unverdrossen hatte er darauf gehofft, dass ich mit der Wahrheit herausrücken würde.
»Sprich mit di Travinno«, hatte ich ihm jedoch bloß geraten.
»Der Mann, der aller Wahrscheinlichkeit nach der nächste Heilige Vater wird, dürfte sich mir gegenüber kaum sehr gesprächig zeigen«, hatte Roman grinsend zurückgegeben.
»Kardinal Urban hat nicht weniger Aussichten, der nächste Heilige Vater zu werden, sofern er bis zum Tod des gegenwärtigen am Leben bleibt. Sprich mit di Travinno«, war ich noch einmal in ihn gedrungen. »Er weiß mehr als ich.«
»Kardinal Urban wird mich ohnehin nach Riapano schicken, damit ich dort Bericht erstatte, denn er legt Wert darauf, dass der Heilige Vater über die jüngsten Ereignisse aus erster Hand in Kenntnis gesetzt wird und nicht auf Gerüchte angewiesen ist, von denen eines aberwitziger ist als das andere.«
»Lass mich dir noch einen Rat geben: Überzeuge Urban, das Seraphimauge an einem sicheren Ort zu verstecken!«
»Soll etwa dieser Steinbrocken an dem ganzen Tohuwabohu schuld sein?«, hatte Roman sofort nachgehakt. »Hat dieser verdammte Kerl all die Menschen auf dem Platz und hier auf dem Gehöft etwa bloß ermordet, weil er hinter diesem albernen Kettenanhänger her war?!«
»Ganz genau. Walter sieht das übrigens ebenso. Nimm dem Kardinal also diese Kette ab und bringe den Stein nach Riapano! Versteck ihn im sichersten Geheimfach, das es in der Heiligen Stadt gibt.«
»Urban ist stur wie ein Maultier. Ich fürchte, selbst mir wird es nicht gelingen, ihn davon zu überzeugen, sich von der Kette zu trennen.«
»Dann setze wenigstens das Gerücht in die Welt, dass er das Seraphimauge nicht mehr trägt. Behaupte einfach, seinem Gelübde sei Genüge getan worden. Sonst wird derjenige, der in Cruso das Feuer gelegt hat, wiederkommen. Und beim nächsten Mal erreicht er sein Ziel.«
»Das worin besteht?«
»Frag di Travinno danach!«, war ich erneut einer klaren Antwort ausgewichen. »Er weiß mehr als ich.«
Das hatte Roman nicht geschmeckt, der am liebsten hier und jetzt aus mir herausgepresst hätte, was ich wusste. Andererseits hatte ich ihn nicht an irgendjemanden verwiesen, sondern an einen engen Vertrauten des Heiligen Vaters. Wohl oder übel hatte Roman also einmal tief durchgeatmet und sich mit meinen Worten zufriedengegeben.
»Möge Gott mit dir sein, van Normayenn«, hatte er nur noch gemeint, während er sich fest in seinen Pilgerumhang gehüllt hatte.
Daraufhin hatten wir uns getrennt und waren in unterschiedliche Richtungen davongezogen, Roman weiter nach Süden, ich nach Norden. Und Mitte März hatte ich endlich das Herzogtum Udallen erreicht?…

Phlagenhurt, die drittgrößte Stadt des Landes, lag glücklicherweise auf dem Weg nach Ardenau, bis auf den kleinen Zwischenfall mit der dunklen Seele war ich bisher recht gut vorwärtsgekommen.
»Willst du den Mann denn nicht begraben?«, fragte Apostel, als ich nach getaner Arbeit meinen Weg endlich fortsetzen wollte.
»Ohne Spaten?!«
»Hast ja recht«, maulte Apostel. »Immerhin ist dir damit der Dank der Füchse und anderer Gottesgeschöpfe sicher?…«
Ich nahm meinen schweren Säbel mit dem S-förmigen Handkorb auf – eine Klinge, wie sie eigentlich von der Reiterei geführt wurde – und schulterte den Rucksack, dessen Boden vom Liegen im Schnee völlig durchnässt war. Apostel setzte derweil Scheuch des Langen und Breiten etwas auseinander, wobei dieser allerdings so tat, als wäre er urplötzlich taub geworden, was den alten Schwadroneur natürlich fuchsteufelswild machte.
»Was versuchst du denn unserem guten Scheuch begreiflich zu machen?«, fragte ich Apostel.
Rechter Hand erstreckten sich nun graue, noch nicht bestellte Felder, linker Hand lagen hinter einem Lattenzaun Weiden, auf denen in dieser Jahreszeit aber natürlich kein einziges Tier graste. In der Ferne machte ich ein Dorf aus.
»Ich versuche, diesen begriffsstutzigen, maulfaulen Herrn dazu zu bringen, dass er dir klarmacht, wie gefährlich es für dein leibliches Wohlbefinden ist, mit diesem unbekannten Schmied Haschen zu spielen.«
»Wie soll ich bitte mit jemandem Haschen spielen, der mir, wie du ganz richtig festgestellt hast, völlig unbekannt ist? Ich habe nicht die geringste Ahnung, wie dieser Schmied aussieht, ganz zu schweigen davon, dass es mir nach wie vor ein Rätsel ist, wohin er sich verdünnisiert hat, nachdem er in Cruso herumgezündelt hat. Übrigens möchte ich dich noch darauf hinweisen, dass ich nicht seinetwegen nach Phlagenhurt reise.«
»Diesen Bären willst du ja wohl nicht mir aufbinden?! Mir – dem einzigen Freund, der stets und ständig um dich besorgt ist?!« Nach diesen Worten wirbelte er zu Scheuch herum. »Da brauchst du gar nicht so blöd zu grinsen! Was glaubst du denn, wo Ludwig ohne mich heute wäre?!«
»Gönn Scheuch den kleinen Spaß doch«, tadelte ich Apostel. »Schließlich läuft er seit über einer Woche mit einer Miene wie drei Tage Regenwetter herum.«
»Sollen wir angesichts unserer gegenwärtigen Lage etwa auch noch frohen Mutes durch die Gegend ziehen?! Wenn Cristina recht hat, dann will dieser Schmied ein Tor zur Hölle öffnen. Wir täten also gut daran, sofort in die nächste Kirche zu rennen und unsere Sünden zu beichten, schließlich ist unser aller Ende nahe! Aber nein, du musst ja unbedingt erst noch nach Phlagenhurt! Bloß weil da die Tochter dieses Walters lebt.«
»Ich habe Cristina nun einmal versprochen, das Mädchen nach Ardenau zu bringen.«
Apostel setzte schon zu einer Erwiderung an, schloss dann aber den Mund und nestelte am Kragen seiner Soutane herum.
»Tu dir bloß keinen Zwang an«, forderte ich ihn auf, »sondern sprich ruhig frei von der Leber weg.«
»Der Herrgott würde mir diese Worte verübeln.«
»Seit wann hindern dich derartige Lappalien daran, ordentlich vom Leder zu ziehen?«
»Nun gut, Ludwig, du hast es so gewollt. Lass dir aber eins gesagt sein! Du tätest gut daran, einen riesigen Bogen um das Balg von dem Zauberer zu machen«, polterte er los. »Da, wo ich herkomme, werden solche Kinder gleich nach der Geburt wie Katzen ertränkt. Das ist grausam, ich weiß, aber dafür bleiben dir später etliche Probleme erspart.«
»Rätst du mir da etwa gerade«, setzte ich an, während ich über eine Pfütze sprang, »ein unschuldiges Mädchen zu ermorden?«
»Noch mag dieses Mädchen unschuldig sein! Doch wart’s nur ab, bis es gelernt hat, dunkle Zauber zu wirken und einen Krötenregen heraufzubeschwören! Wir alle wissen, was Walter für ein Dreckskerl ist! Weshalb sollte seine Tochter da besser sein? Bekanntlich fällt der Apfel ja nicht weit vom Stamm?…«
»Und deshalb soll ich sie sicherheitshalber gleich ersäufen?«
»Nein, natürlich nicht«, stammelte er, nun doch verlegen. »Es widerspräche dem Gesetz des Allmächtigen, ein Geschöpf zu bestrafen, das sich nichts hat zuschulden kommen lassen. Und für das Verhalten ihres Vaters kann die Kleine ja schließlich nicht zur Verantwortung gezogen werden.«
»Dem gibt es nicht das Geringste hinzuzufügen.«
Am Dorfeingang lag unmittelbar an der Straße eine Poststation. Inmitten all des Schlamms, der Pfützen und des geschmolzenen Schnees wirkte das kleine Haus mit seinen roten Dachziegeln geradezu anheimelnd.
Die vierspännige Kutsche, die sich in dieser ärmlichen Gegend höchst prachtvoll ausnahm, stand schon zur Abfahrt bereit.
»Da haben wir aber Glück«, stieß ich aus und begann wie wild zu winken, um mir die Aufmerksamkeit des Kutschers zu sichern, der gerade auf den Bock kletterte.
»Tut mir leid, aber wir nehmen nur Herrschaften von Stand mit!«, rief er mir zu. »In zwei Stunden kommt aber die Kutsche für das gemeine Volk.«
»Ich gehöre der Bruderschaft an«, erwiderte ich rasch, denn ich wollte auf gar keinen Fall länger in diesem trostlosen Nest festhängen.
Der Kutscher warf mir unter seinem breitkrempigen Hut einen finsteren Blick zu und beäugte den Sternsaphir am Knauf meines Dolchs. Wir Seelenfänger hatten das Recht, mit jeder Kutsche zu fahren, der Mann kam also nicht umhin, mich mitzunehmen, selbst wenn er irgendeinen Grafen durch die Gegend kutschierte. Die Bruderschaft hatte dafür gesorgt, dass man uns überall einen Platz in der Kutsche anbieten oder uns – sollte sich einmal keiner finden – beim Kauf eines Pferdes helfen musste.
»Dann rein mit dir! Kostet dich allerdings das hübsche Sümmchen von einem halben Silberflorin.«
»Das ist Raub, Ludwig!«, ätzte Apostel. »Die Bruderschaft hätte längst durchsetzen müssen, dass ihr Seelenfänger überhaupt nichts für eine Fahrt zahlt! Bis zur Stadt braucht der Kerl nicht mal vier Stunden! Wofür will er uns also diese Unsumme abknöpfen?! Oder ist seine Kutsche vielleicht ein Freudenhaus auf Rädern?!«
Mir war völlig schleierhaft, weshalb Apostel sich auf einmal derart um mein Geld sorgte. Warum nahm er sich nicht einfach ein Beispiel an Scheuch? Der kletterte bereits behände und angenehm schweigsam auf den Kutschbock und von dort weiter aufs Wagendach.
Ich zahlte dem Kutscher klaglos den halben Silberflorin, drückte den schweren Türgriff hinunter und stieg ein. Mich erwarteten gut gepolsterte Lederbänke, samtverkleidete Wände, vergoldete Nieten, kristallene Wandleuchter in Form kleiner Skulpturen sowie zwei Mitreisende.
»Guten Tag«, begrüßte ich sie.
Der Mann war fortgeschrittenen Alters und hatte eine breite Brust, schütteres Haar und einen dichtem Backenbart. Er trug teure Kleidung, und um seinen Hals baumelte eine Kette, die ihn als irgendeinen Würdenträger auswies. Die blutjunge Frau wirkte mit ihrer von dem kastanienbraunen Haar noch unterstrichenen Blässe beinah zerbrechlich. So ähnlich, wie die beiden sich sahen, mussten sie miteinander verwandt sein. Möglicherweise waren es ja Vater und Tochter, vielleicht aber auch Onkel und Nichte.
Der Mann maß mich mit einem abschätzigen Blick. An meiner Aufmachung gab es zwar nichts zu beanstanden, doch als Adliger ging ich selbstverständlich nicht durch. Nach Dafürhalten des werten Herrn verdiente ich also keinen Platz im Inneren dieser Kutsche. Doch bevor er auf den Schlag weisen konnte, ergriff die junge Frau das Wort.
»Das ist die Expresskutsche nach Phlagenhurt, die ausschließlich Adligen aus Waugth und Dorgelbeu vorbehalten ist.«
»Habt Dank für den Hinweis«, erwiderte ich – und blieb gelassen sitzen.
»Klaus von Demp, Landrat aus Dorgelbeu«, stellte sich der Mann nun, wenn auch ungern, vor. »Und das ist meine Tochter Ulrike. Wer bitte seid Ihr, wenn ich fragen darf?«
»Ludwig van Normayenn, Angehöriger der Bruderschaft«, antwortete ich und wandte mich dann wieder an Ulrike. »Glaubt mir, Herrin, unter anderen Umständen hätte ich es nie gewagt, diese Kutsche zu nehmen.«
»Seelenfänger dürfen jede Kutsche benutzen«, erklärte der Landrat seiner Tochter.
»In diesem Fall verzeiht mir bitte meine Unhöflichkeit, Herr van Normayenn«, erwiderte diese lächelnd. »Bei unserer letzten Fahrt wollte nämlich ein Student in buntem Umhang zusteigen, den hat mein Vater kurz entschlossen in den Straßengraben geworfen.«
Klaus von Demp knurrte wie ein alter Hund. Anscheinend wurde er an diesen Vorfall nicht gern erinnert.
»Fahrt Ihr auch nach Phlagenhurt?«, erkundigte sich Ulrike nun.
»So ist es, Herrin.«
»Wart Ihr schon einmal in der Stadt?«
»Ulrike«, tadelte ihr Vater sie, »diese Neugier ziemt sich nicht.«
»Verzeiht«, bat mich die junge Frau mit gesenktem Blick, »ich wollte nicht aufdringlich erscheinen.«
»Was für ein reizendes Geschöpf!«, begeisterte sich Apostel, der neben mir Platz genommen hatte.
»Keine Sorge, das seid Ihr nicht«, beruhigte ich Ulrike. Inzwischen hatte sich die Kutsche in Bewegung gesetzt. Sie glitt angenehm sanft dahin. »Und um Eure Frage zu beantworten: Ich bin noch nie in Phlagenhurt gewesen.«
»Die Stadt wird Euch bestimmt gefallen, vor allem der alte Kern und die herzoglichen Gärten beim Sommerpalast. Zu bedauerlich, dass es noch nicht April ist und noch nichts blüht. Ihr seid aus Albaland, nicht wahr, dem Land der Tulpen?…«
Ich nickte. Die albaländischen Seeleute hatten in der Tat aus Chagzhid die ersten Tulpen mitgebracht.
»Solltet Ihr noch keine Unterkunft haben, würde ich Euch das Zwei Herzen und ein Degen empfehlen. Es ist die beste Herberge in der ganzen Stadt.«
»Du, Ludwig, was, wenn diese Kleine gar nicht so harmlos ist?«, platzte es da aus Apostel heraus. »Was, wenn ihr allein der Gedanke, Tür an Tür mit einem echten Seelenfänger zu schlafen, den Verstand raubt und sie dann nachts in dein Bett kraucht? Wofür ihr Herr Papa dir am Ende natürlich tüchtig das Fell gerbt.«
Auf diesen Unsinn antwortete ich gar nicht erst, was in dieser Runde natürlich auch ratsam war.
»Ich werde Euren Rat im Hinterkopf behalten«, versicherte ich. »Habt Dank dafür.«
Damit war das Gespräch für Ulrike beendet. Sie schob sich ein Atlaskissen unter den hübschen Kopf, lehnte sich zurück und schlummerte ein.
»Ihr wisst«, wandte ihr Vater sich an mich, sobald Ulrike fest schlief, »dass Phlagenhurt möglicherweise unruhigen Zeiten entgegensieht?«
»Nein, davon ist mir nichts bekannt«, gab ich zu. »Warum begebt Ihr Euch dann ausgerechnet jetzt in die Stadt? Noch dazu in Begleitung Eurer Tochter?«
»Der Stadtrat muss eine wichtige Entscheidung treffen. Dafür müssen zunächst wir Landräte zusammenkommen. Ulrike werde ich jedoch von Phlagenhurt aus zu ihrer Tante nach Burgon schicken. Sie bleibt nur eine Nacht in der Stadt und reist gleich morgen früh mit der ersten Kutsche weiter. Deshalb sehe ich für sie keine Gefahr.«
»Was genau braut sich denn in Phlagenhurt zusammen?«
»Wie Ihr sicher wisst, hat die Stadt ihren Reichtum den Handwerkern zu verdanken«, holte er mit einem schweren Seufzer aus. »Seit dreihundert Jahren wächst und gedeiht Phlagenhurt dank seiner Meister, Gilden und Händler. Bisher gab es unter ihnen jedoch meist Streit, da jeder die billigsten Zulieferer und die zahlungskräftigsten Kunden für sich beanspruchte. Nun aber haben sie sich erstmals in ihrer Geschichte zusammengeschlossen und proben den Aufstand, weil ihnen einige Entscheidungen des Herzogs nicht passen. Ihr werdet vielleicht gehört haben, dass er von allen Städten im Norden höhere Abgaben verlangt, um den Unterhalt der Armee zu bestreiten?«
»Auch das ist mir neu, ich bin nämlich nur selten in Udallen. Droht denn ein Krieg?«
»An der Grenze zu Leserberg kam es im Januar wegen der Kohlenschächte zu einigen kleineren Scharmützeln.« Er befingerte abwesend die goldene Kette um seinen Hals. »Wir alle hoffen zwar, dass es damit sein Bewenden hat, doch der Herzog will die Armee trotzdem aufstocken. Das Land hat seit rund dreißig Jahren keinen Krieg mehr geführt, nun aber hat der Herzog in der Pholotischen Republik Arkebusen und Kanonen angekauft und sechs berittene Regimenter ausgehoben, welche die Grenze verstärken sollen. Ihr wisst selbst, welche Unsummen Maßnahmen dieser Art verschlingen.«
In der Tat. Pferde, Klingen, Harnische, Pulver und Kugeln, Futter für die Tiere, Sold für die regulären Kräfte, Ausgaben für Söldner und so weiter und so fort – da kam ein nettes Sümmchen zusammen.
Obendrein machte es mich stutzig, dass es zu diesen Grenzstreitigkeiten gekommen war, kurz nachdem sich der Herzog von Udallen in dem Streit, der zwischen Orden und Bruderschaft um den jungen Eric entbrannt war, auf die Seite von uns Seelenfängern gestellt hatte. Der Orden sann danach natürlich auf Rache. Und er hatte in Leserberg einen nicht unbeachtlichen Einfluss?…
Ging es also wirklich um Kohlenschächte? Oder hatten wir es hier mit einer handfesten Verschwörung zu tun?
Doch selbst wenn, schien mir ein Krieg unwahrscheinlich. Der Fürst von Leserberg mochte mit dem Orden auf noch so gutem Fuße stehen, er würde sich auf kein Spiel einlassen, bei dem er seine Untertanen in den sicheren Tod schickte und seine Staatskassen leeren müsste.
»Und die Handwerker haben vermutlich nicht die geringste Lust, diese Unsummen aufzubringen«, erwiderte ich. »Selbst dann nicht, wenn nur mit einem kurzen Krieg zu rechnen wäre.«
»Völlig richtig. Obendrein fiel die Ernte im letzten Jahr ausgesprochen schlecht aus, sodass die Preise für Brot, Gemüse und Obst geradezu in die Höhe geschnellt sind. Schon im letzten Frühjahr wurden indes die Abgaben für die Armee angehoben, nun will der Herzog die Steuern ein zweites Mal erhöhen, zudem in deutlich stärkerem Maße. Die Gilden unterstützen nun jedoch die Handwerker, denn alle, die mit Seide, Fell und Gewürzen aus Chagzhid handeln, sollen ebenfalls kräftig belangt werden. Doch wer hätte je einen Kaufmann erlebt, der gern dreißig Prozent seiner jährlichen Einkünfte an einen Herzog abgibt?«
»Weshalb die Gilden den Unmut schüren?…«
»Ganz genau«, antwortete er und linste zu seiner schlafenden Tochter hinüber. »Die Handwerker glühen bereits vor Wut, da reicht ein einziger Funke, um einen gewaltigen Brand zu entfachen.«
»Und was genau könnte dieser Funke sein?«
»Wenn wir Landräte der Steuererhöhung zustimmen.«
»Kann der Herzog diese Maßnahme nicht allein beschließen?«
»Nein, nicht in Phlagenhurt. Hier wird es seit Jahrhunderten so gehandhabt, dass zunächst die Landräte eine Anhebung der Steuern billigen müssen. Sprechen sie sich dafür aus, setzt der Stadtrat, der aus acht gewählten Männern besteht, einen entsprechenden Beschluss auf und legt diesen dem Bürgermeister vor. Und erst wenn auch der sein Siegel unter die Verfügung gesetzt hat, erlangt der Befehl des Herzogs Gültigkeit.«
Grinsend wanderten meine Gedanken zu Herzog Richard von Zaberg, diesem Mann mit höchst eigenem Kopf?…
»Stellen sich die Landräte denn häufig quer?«
»Nein, niemals.«
»Wieso vergeuden achtbare Männer bloß ihre Zeit mit diesem albernen Prozedere?!«, spie Apostel aus.
»Was bedeutet«, fuhr ich fort, »dass Ihr auch dieser Anhebung der Steuern zustimmen werdet.«
»Was bleibt uns denn anderes übrig?«, jammerte von Demp. »Wir brauchen eine starke Armee – und dafür sind entsprechende Mittel nötig. Nein, lieber weisen wir dieses unzufriedene Pack ein für alle Mal in seine Schranken, als dass wir wegen Hochverrats angeklagt werden. Die Meute kocht, das ja, aber meiner Ansicht nach hat sie nicht den Mumm in den Knochen, zu den Waffen zu greifen und gegen den Herzog zu ziehen. Der Bürgermeister zahlt der Stadtwache nämlich gutes Geld.«
»Aber ob sie gegen die wütende Menge ankäme?«, hielt ich dagegen.
»Ein berechtigter Einwand. Genau deshalb haben wir Landräte bereits im September zugestimmt, Söldner anzuheuern. Und ich spreche hier von fünfhundert gut ausgebildeten Soldaten!«
Mit anderen Worten: fünfhundert gut ausgebildete Meuchelmörder. Allerdings hatten diese Schlächter gewöhnlich nur wenig für die Herren im Norden übrig, weshalb ich meine Hand lieber nicht dafür ins Feuer legen würde, dass sie bei einem Aufruhr treu zum Bürgermeister hielten und der Verlockung widerstehen könnten, sich dem Pöbel anzuschließen und mit ihm zu rauben und zu schänden.
»Was ist mit regulären Truppen?«, wollte ich daher wissen. »Sind welche in der Stadt stationiert?«
»Das sind sie. Der Herzog hat ein Regiment Fußsoldaten und eine Brigade der leichten Reiterei nach Phlagenhurt beordert. Man wird also jeden Aufruhr in den Griff bekommen.«
»Das hat man in Liesetzk auch gedacht – und dann hat das Volk die Soldaten im nächstbesten Fluss ertränkt«, rief ich ihm in Erinnerung. »Bei einem Aufruhr verwandeln sich normale Menschen leider in der Regel in blutdürstige Untiere.«
»Mir jagt dieser Pöbel bestimmt keine Angst ein.«
Sollte er aber.
»Wann treten die Landräte denn zusammen?«, erkundigte ich mich.
»Übermorgen Mittag. Bis dahin ist Ulrike längst auf dem Weg zu meiner Schwester.«
»Gestattet Ihr mir eine Frage?«
»Nur zu!«
»Warum erzählt Ihr mir das alles? Warum habt Ihr keinen Einwand erhoben, als Eure Tochter mir die Herberge empfohlen hat, in der auch Ihr Unterkunft nehmen werdet?«
Einen ausgedehnten Moment lang sah er mich unverwandt an, dann senkte er den Blick.
»Mein Vater hat euch Seelenfänger stets einen Haufen elternloser Straßenkinder geschimpft«, gab er schließlich zu. »Er hat in euch einen frischen Wurf gesehen, aus dem es die besten Hunde auszuwählen und für die Jagd abzurichten gilt. Allein bei dem Gedanken, dass wir Adligen euch wie unseresgleichen behandeln und euch allerlei Freiheiten durchgehen lassen müssen, schäumte er vor Wut.«
Herren wie seinen Vater kannte ich zur Genüge. Sie verwanden einfach nicht, dass Menschen wie ich über Fähigkeiten verfügten, die nicht einmal Könige besaßen. Dass wir – rein theoretisch – steinalt werden konnten. Alle Sonderrechte, die man uns eingeräumt hatte, fuchsten sie. Beispielsweise das Recht – oder, in ihren Augen, vielmehr die himmelschreiende Ungerechtigkeit –, in ihrer Kutsche mitfahren zu dürfen.
»Ich weiß genau, was Ihr meint«, erwiderte ich von Demp. »Doch selbst die höchsten Adligen werfen solche Ansichten über Bord, sobald sich in ihrem Haus unerklärliche Vorfälle ereignen. Dann können wir gar nicht schnell genug eintreffen, ja, dann schicken sie uns ihre Kutsche sogar entgegen.«
»Dem kann ich nicht widersprechen«, bemerkte er. Ob meine Worte ihn beleidigt hatten, war mir nicht ganz klar. »Gleichwohl hüten wir Adligen unsere Privilegien und Rechte eifersüchtig. Man schätzt Seelenfänger nicht, es sei denn, auch sie sind von Stand, wie es beispielsweise bei den Kindern unseres Herzogs der Fall ist.«
Apostels Miene verfinsterte sich immer stärker. Da er es als sein alleiniges Vorrecht betrachtete, mich gehörig abzukanzeln, ertrug er es kaum, dass mich dieser Landrat als Menschen zweiter Klasse hinstellte.
»Und trotzdem sitze ich nun mit Euch in dieser Kutsche.«
»Was will man machen? Die Gesetze sehen es eben so vor«, entgegnete er mit einem Lächeln, das mir klar zu verstehen gab: Ohne diese Gesetze wärst du jetzt noch nicht auf dem Weg nach Phlagenhurt. »Im Übrigen urteile ich nicht ganz so streng über euch Seelenfänger wie mein Vater und bilde mir etwas weniger auf meinen Stammbaum ein. Die Zeiten ändern sich nun einmal.«
Er ließ sich gegen die weiche Rückenlehne sacken und blickte zum Fenster hinaus.
»Ihr habt meine Frage noch nicht beantwortet«, erinnerte ich ihn, nachdem ich mit einem Hüsteln seine Aufmerksamkeit auf mich gelenkt hatte. »Warum habt Ihr mir keine andere Herberge ans Herz gelegt, wenn Euch die Gesellschaft eines Seelenfängers unangenehm ist?«
»Ihretwegen«, gab von Demp zu und nickte zu seiner Tochter hinüber. »Ulrike wollte schon immer einmal einen Seelenfänger kennenlernen.«
Nach dieser Auskunft widmete er sich wieder hingebungsvoll der Betrachtung der Landschaft.
»Der lügt doch das Blaue vom Himmel herunter!«, zischte Apostel. »Dem steht doch auf der Stirn geschrieben, worauf er aus ist!«
Mit einer knappen Kopfbewegung forderte ich meine gute alte ruhelose Seele auf, mich in seine Vermutungen einzuweihen.
»Er will in deiner Nähe sein, falls Unruhen in der Stadt ausbrechen, denn ihr Seelenfänger werdet in der Regel ja in Ruhe gelassen.«
Meine Gedanken wanderten erneut zum Aufstand in Liesetzk zurück. Damals waren Hans und ich der entfesselten Menge nur mit knapper Not entkommen. Dass man Seelenfänger in Frieden ließ, hatten unsere Verfolger im Eifer des Gefechts glatt vergessen.
Im Zweifelsfall würde ich von Demp also keine große Hilfe sein.

Alexey Pehov

Über Alexey Pehov

Biografie

Alexey Pehov, geboren 1978 in Moskau, studierte Medizin. Seine wahre Leidenschaft gilt jedoch dem Schreiben von Fantasy- und Science-Fiction-Romanen. Er ist neben Sergej Lukianenko der erfolgreichste phantastische Schriftsteller Russlands. »Die Chroniken von Siala« wurden zu millionenfach...

Kommentare zum Buch

Kommentieren Sie diesen Beitrag:
(* Pflichtfeld)
Kommentar senden