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Glühender ZornGlühender Zorn

Glühender Zorn

Krieg der Drachen 1

Taschenbuch
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Glühender Zorn — Inhalt

Jahrhunderte sind vergangen, seit sich die Bewohner der Jungen Königreiche von der Schreckensherrschaft der Drachen befreit haben. Das kostbare Vermächtnis der Drachen, die Zauberei, liegt jetzt in den Händen von sechs Magiern. Doch deren Novizen kommen einer schrecklichen Tatsache auf die Spur: Sie sollen getötet werden, um ihren machtgierigen Lehrmeistern so die Unsterblichkeit zu verleihen. Gejagt von den mächtigsten Zauberern der Welt, versuchen die jungen Magier nun selbst, ihr Wissen zu mehren und das Geheimnis der Zauberei zu ergründen. Doch hinter der Magie steckt eine furchtbare Wahrheit, deren Entdeckung die alten Zauberer unbedingt zu verhindern suchen. Es entbrennt ein magischer Krieg, als unerwartet ein alter Feind zurückkehrt ...

€ 14,00 [D], € 14,40 [A]
Erschienen am 02.11.2017
480 Seiten, Broschur
ISBN 978-3-492-28135-5
€ 12,99 [D], € 12,99 [A]
Erschienen am 02.11.2017
480 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-492-97882-8

Leseprobe zu »Glühender Zorn«

Prolog


Das Schlachtfeld war übersät mit verbrannten Leichen.
Es waren Hunderte. Aberhunderte.
Jene, die das Drachenfeuer am schlimmsten erwischt hatte, waren zu unkenntlichen schwarzen Gestalten verkohlt, die hilflos nach dem Himmel zu greifen schienen. Dazwischen lagen aufgeblähte Leiber, deren verschmortes Fleisch die Luft mit einem unerträglichen Geruch erfüllte. Noch immer krampften sich ihre Hände um Waffen, die sie nicht mehr einsetzen konnten.
Inmitten der Rauchschwaden, die von zahllosen Brandherden aufstiegen und träge über das Schlachtfeld [...]

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Prolog


Das Schlachtfeld war übersät mit verbrannten Leichen.
Es waren Hunderte. Aberhunderte.
Jene, die das Drachenfeuer am schlimmsten erwischt hatte, waren zu unkenntlichen schwarzen Gestalten verkohlt, die hilflos nach dem Himmel zu greifen schienen. Dazwischen lagen aufgeblähte Leiber, deren verschmortes Fleisch die Luft mit einem unerträglichen Geruch erfüllte. Noch immer krampften sich ihre Hände um Waffen, die sie nicht mehr einsetzen konnten.
Inmitten der Rauchschwaden, die von zahllosen Brandherden aufstiegen und träge über das Schlachtfeld wehten, hielten einzelne Reiter zwischen den Leichen nach Verletzten Ausschau. Andere stachen mit ihren Lanzen auf überlebende Drachendiener ein.
Der Zauberer trat vor, denn auch zwei ihrer eigentlichen Feinde waren dort unten im Tal.
Drachen. Tote Drachen.
Unweit dreier zerrissener Pferde und ihrer Reiter lag ein blau geschupptes Monstrum von der Größe eines kleinen Segelschiffs. Cundrath.
Noch bis vor wenigen Wochen hatte der Lindwurm grausam über ein Gebiet am Oberlauf des Großen Flusses geherrscht. Jetzt war sein Leib übersät von Pfeilen, Bolzen und Katapultspeeren, und der Zauberer erkannte, dass es den Männern gelungen war, ihm eine seiner gewaltigen Schwingen abzuschlagen. Ein weiterer Drachenleib lag weiter hinten zwischen den Bäumen. Die geflügelte Kreatur hatte bei ihrem Absturz eine tiefe Schneise in den Wald geschlagen.
Die Drachen waren zwar schon lange nicht mehr so zahlreich wie in den ganz alten Tagen, doch vor 200 Jahren – während des Zweiten Drachenkrieges – war es ihnen gelungen, abermals Teile des Nordens zu unterwerfen. In den beiden zurückliegenden Jahrhunderten hatte Drachenkönig Yolsulgur weniger mit Gewalt, dafür mit List und Magie versucht, die standhaften freien Reiche gegeneinander auszuspielen. Er und die anderen Drachen hatten mit ihrer Magie das Wetter verändert, so die Ernten ganzer Jahre vernichtet und für Hunger und ausbrechende Krankheiten gesorgt. Sie hatten die Menschen gezwungen, in den Bergen Gold für sie abzubauen und ihnen als Tribut Sklaven zu überlassen. Das Schicksal dieser Unglücklichen hatte sich selbst den Zauberern vom Orden der Stäbe erst allmählich offenbart. Die menschlichen Diener der Drachen hatten Revolten gesät und versucht, die Reiche von Innen her zu stürzen.
Trotz all der Verluste würde die heutige Schlacht daher in die Annalen der Jungen Königreiche eingehen. Die Kunde vom Sieg über den Drachenkönig würde sich rasch verbreiten. Boten überall im Land würden das Ende des Dritten Drachenkrieges verkünden.
Die Völker lechzten nach Frieden.
Doch zu welchem Preis?
Vom Schlachtfeld aus näherten sich drei Reiter in schimmerndem Kürass dem zurückeroberten Drachenthron. Sie mussten weiter unten am Berg absteigen, um auf der von Geröll und Leichen übersäten Anhöhe nicht ihre Reittiere zu gefährden. Ihre grün-gelben Wappenröcke verrieten dem Zauberer, dass die Ritter aus dem Königreich Waldaleth stammten.
Ihre Rüstungen waren kunstvoll mit Rankenornamenten verziert und auch der Stahl ihrer Waffen war härter als jener der anderen Verbündeten. Der Magier verzog geringschätzig die Lippen. Die Waldalether entstammten dem einzigen der Jungen Königreiche, das ihren einstigen Gönnern noch die Treue hielt: den Elfen.
Vermutlich würde sich die Menschheit auch heute noch in Höhlen und dunklen Wäldern verkriechen, wären nicht vor 600 Jahren aus dem fernen Westen die Schiffe des Alten Volkes an den Küsten erschienen. Die Legenden kündeten von einem nicht näher beschriebenem Unglück, das ihre einstige Heimat verheert hatte. Für ihrer aller Vorfahren hatte ihr Erscheinen einen Wendepunkt markiert, denn ebenso wie die Drachen beherrschten die geheimnisvollen Neuankömmlinge die Zauberei.
Die Elfen hatten die geknechteten Bewohner des Landes zum Widerstand ermutigt, sie im Ersten Drachenkrieg gegen ihre Unterdrücker angeführt und es tatsächlich geschafft, die Drachen zu vertreiben. Gleich hier, unmittelbar am Drachenthron, hatten sie daraufhin ihre Stadt Sil’Bariath errichtet, die im ganzen Land die Strahlende genannt wurde.
In ihrem Schutz waren bis hinunter zur Wogensee neue Reiche und Stadtstaaten entstanden. Auch die Magier vom Orden der Stäbe verdankten ihre arkane Kunst den Unterweisungen und Hinterlassenschaften des Alten Volkes.
Und doch empfand der Zauberer den Elfen gegenüber nur wenig Dankbarkeit.
400 Jahre nach dem erstmaligen Sieg über Yolsulgur war der Drachenkönig wiedergekehrt und hatte im Zweiten Drachenkrieg den Drachenthron von den Elfen zurückerobert. Die Drachen hatten die Vulkane in den nahen Bergen geweckt und Feuer und Asche auf Sil’Bariath niederregnen lassen. Die Elfen waren daraufhin feige ins Unbekannte geflohen und hatten die übrigen freien Völker von einem Tag auf den anderen sich selbst überlassen.
Heute waren sie nicht mehr als eine verblassende Erinnerung.
Allein die Waldalether, die sich stets als vom Alten Volk auserwählt betrachtet hatten, wollten trotz ihrer Enttäuschung nicht von ihnen lassen.
Die drei Ritter erreichten das Plateau vor der Drachenhöhle, und ihr Anführer nahm schwer atmend seinen Helm ab. Man sah dem jungen Mann die Anstrengungen der zurückliegenden Schlacht an, dennoch wirkte sein Blick klar und wach.
»Meister!« Er und seine Begleiter verbeugten sich.
Der Zauberer nickte den Rittern zu. »Ihr seid?«
»Mein Name ist Kaleth von Blauquell. Ich bin die rechte Hand von Hauptmann Barion. Barion ist im Drachenfeuer umgekommen, und so führe ich jetzt die Männer an.«
»Wie viele von ihnen haben überlebt?«
»Etwa siebenhundert – von viertausend.« Der Ritter senkte niedergeschlagen den Blick. »Es liegt jetzt an mir, König Belegius über den Schlachtausgang zu unterrichten. Unter den Männern kursiert das Gerücht, dass der Sieg diesmal endgültig sei. Ist das wirklich wahr?«
Hinter sich hörte der Zauberer Schritte und als er über die Schulter schaute, sah er zwei seiner Ordenskollegen aus der Drachenhöhle treten. Einen Mann und eine Frau. Beide stützten sich auf schlanke Stäbe. Letztere war für ihre Schönheit bekannt, doch jetzt war sie ebenso von dem Kampf gegen Yolsulgur gezeichnet wie die übrigen. Ihr langen Haare waren von grauen Strähnen durchsetzt und ihr Gesicht von tiefen Falten durchzogen.
Die Ritter verbeugten sich auch vor ihnen.
Der Zauberer wandte sich Kaleth von Blauquell zu. »Richtet Seiner Königlichen Majestät aus, dass wir die Drachen ausgelöscht haben. Diesmal endgültig.«
Die Männer schauten ihn ungläubig an und erstmals erlaubten sie sich ein Lächeln.
»Wir werden dem mit Freude nachkommen«, sprach Kaleth von Blauquell. »Mehr noch: Wir werden dafür sorgen, dass sich die Nachricht überall in den Jungen Königreichen verbreitet.«
Abermals verneigten sie sich, dann machten sie sich an den Abstieg.
Die beiden Magier traten neben ihn.
»Wie viele von uns sind noch übrig?«, fragte der Zauberer.
»Es haben sich noch nicht alle gemeldet«, meinte sein Kollege zögernd. »Ich befürchte, kaum ein Dutzend. Auch unser Blutzoll ist hoch. Ganz zu schweigen von den anderen Opfern, die wir erbracht haben.«
»Niemand darf wissen, was dort drinnen vorgefallen ist«, sagte der Zauberer beschwörend, »noch, was wir dort gefunden haben.«
Seine Kollegin nickte in düsterem Einvernehmen. »Was schlägst du vor, was wir jetzt tun sollen?«
»Wir werden den Einstieg in den Berg versiegeln. Danach müssen wir einen Weg finden, um das Tor weiterhin geschlossen zu halten.«
»Unmöglich«, widersprach der Magier neben ihm. »Sieh uns doch an. Du weißt selbst, dass uns dafür zu wenig Zeit bleibt.«
»Dann werden wir es eben wie die Drachen halten«, sagte der Zauberer ungehalten. »Wir werden uns der Magie Yolsulgurs bedienen.«
»Drachenmagie!?« Entgeistert blickte sein Kollege ihn an. »Du willst …? Niemals! Ist dir nicht klar, was das bedeutet? Das würde mit all unseren Traditionen –«
»Welche Traditionen?«, unterbrach ihn seine Kollegin bissig. »Wir haben uns doch nur zusammengeschlossen, um gegen die Drachen zu bestehen. Ein Zweckbündnis. Mehr nicht. Und jetzt gibt es nur noch uns. Skrupel können wir uns nicht leisten.«
»Nein, da mache ich nicht mit!«, antwortete der Magier wütend.
»Es ist aber notwendig!«, widersprach der Zauberer.
»Das ist mir egal. Dann trennen sich unsere Wege eben. Und ich werde die anderen –«
Die Hand des Zauberers schnellte vor, packte seinen überraschten Kollegen am Hals und hinderte ihn so am Weitersprechen. Der versuchte sich noch zu wehren, doch statt eines Zaubers entstieg seiner Kehle bloß ein verzweifeltes Röcheln, während er erstarrte und sich seine Haut steingrau färbte.
Der Zauberer ließ den Verwandelten los. Steif wie eine Statue kippte er neben sie auf das Plateau und sein Körper zerbrach rumpelnd in drei Einzelteile.
Die Magierin trat einen Schritt zurück und betrachtete den Toten ungerührt. Dann sah sie sich argwöhnisch zur Drachenhöhle um. »Was, wenn von den anderen auch nicht alle mitmachen wollen?«
Der Zauberer verengte die Augen. »Die, die sich weigern, werden wir ebenfalls beiseiteräumen. Eine kleine Gruppe reicht.«
Seine Kollegin ließ ihren Blick über das Schlachtfeld wandern und lächelte böse. »Nein, wir werden sie nicht einfach nur beiseiteräumen. Ich denke, fortan wissen wir etwas Besseres mit ihnen anzufangen …«

 

 

420 Jahre später


Sechs Leben
Tandurin


»Ich hoffe, du weißt, was du zu tun hast?«
»Ja, Magistra.« Tandurin und seine Lehrmeisterin ritten auf klappernden Hufen durch die engen Gassen Silbersteigs. Die einfachen Holz- und Fachwerkbauten waren edleren Steinhäusern gewichen, doch die Straßen der alten Bergbaustadt waren auch in der Innenstadt steil und unwegsam. Immerhin würden sie ihr Ziel bald erreicht haben, denn es war kühl und in der Ferne kündigte sich grollend ein Gewitter an.
»Den neugierigen Blicken der Magistratsbediensteten zu entgehen«, fuhr Tandurin fort, »sollte kein Problem sein. Auch mit der Tür zur Schatzkammer werde ich wohl leicht fertig. Aber was, wenn das Horn wirklich durch Zauberei geschützt wird?«
»Du bist bald selbst ein richtiger Zauberer. Improvisiere!« Magistra Escalia Rotdrud maß ihn hochmütig mit ihren grünen Augen. »Jeder Schutzzauber ist nur so gut wie der Magier, der ihn einst wirkte. Sollten sich die Gerüchte als wahr erweisen, dann denke daran, dass Schutz-Sigillen nur unter fest vorgegebenen Bedingungen ausgelöst werden. In diesem Fall lass dir etwas einfallen. Versuch, die Lücke zu finden. Zwar bist du jetzt etwas Besseres, aber du entstammst immerhin dem fahrenden Volk. Mach ihm keine Schande. Denn was Diebstähle betrifft, sind die deinen ja sonst auch nicht gerade auf den Kopf gefallen.«
Verärgert fasste Tandurin seinen Falben am Zügel und führte das Pferd an einer überfüllten Abfalltonne vorbei, auf deren Unrat unzählige Mäuse herumturnten. Er mochte es nicht, wenn seine Lehrmeisterin so über seine Leute sprach. Ihre Worte würdigten sie zu einer Schar vagabundierender Diebe und Gauner herab. Sicher, die Lebensart seines über die Jungen Königreiche versprengten Volkes, deren Sippen von Reich zu Reich zogen, um sich ein Auskommen als Kesselflicker, Löffelschnitzer, Schausteller und Pferdehändler zu sichern, brachte es mit sich, dass der Respekt vor dem Besitz jener, die ein festes Heim besaßen, nicht besonders hoch war. Andererseits war sein Volk auch wie kein anderes der Willkür und den Vorurteilen jener ausgesetzt, die nicht wussten, wie es war, seit über 400 Jahren ohne Heimat zu sein.
Nur würden Widerworte nichts nutzen.
Nicht bei Magistra Rotdrud, die mit dem stolzen Habitus einer Königin durch die schmutzigen Gassen des Bergwerkstädtchens ritt – und die selbst keine Gelegenheit ausließ, sich zu bereichern. Sie war eine ebenso gefährliche wie schöne Frau mit kühlen, alterslosen Gesichtszügen und schräg stehenden Augen, in deren Blick sich meist Spott und das überlegene Wissen von Jahrhunderten die Waage hielten. Ihr langes schwarzes Haar verbarg sie heute unter einer mit Hermelinfell besetzten Gugel, und auch ihr vornehmes grünes Reisegewand erweckte Aufsehen. Unvorsichtige übersahen dabei gern den langen Zauberstab aus dunklem Ebenholz, der klarstellte, dass sie keine gewöhnliche Adlige war. Doch Zauberer waren selten geworden. Dass man sie nicht erwartete, war in den letzten sechs Jahren, die Tandurin bereits Magistra Rotdruds Adept war, schon drei Gruppen von Strauchdieben zum Verhängnis geworden.
Und die Zauberin genoss die Zurschaustellung von Macht und Magie.
Ebenso, wie sie es genoss, ihn hart zu betrafen, wenn er nicht spurte. Er hatte es sich daher angewöhnt, seine wahren Gefühle hinter einer Maske der Gleichmut zu verbergen. Ende des Monats, nach der Großen Weihe, aus der er als vollwertiger Zauberer hervorgehend würde, würde er eh eigene Wege gehen. Und dann würde er mit seiner Zaubermacht dazu beitragen, das Los seines Volkes zu verbessern. Bis dahin würde er die Zähne zusammenbeißen und durchhalten.
Natürlich war ihre Ankunft nicht unbemerkt geblieben. Aus Fenstern und Gassen schauten ihnen blasse Gestalten entgegen, deren Gesichter von einem harten arbeitsreichen Leben zeugten. Mägde, Handwerker, Tagelöhner. Der einzige Lichtblick, der sich ihnen hier trotz der aufziehenden Regenwolken in der Innenstadt bot, war die schroffe, majestätische Silhouette der Blauen Zinnen, die hinter den schiefen Dächern der Stadt aufragten. Ein Gebirge, mit dem das Schicksal der Stadt untrennbar verbunden war.
Die Vorfahren der heutigen Bürger Silbersteigs waren Sklaven gewesen, die in den Bergen Gold und Silber für die Drachen hatten abbauen müssen. Und sie waren geblieben, als die Drachen im Dritten Drachenkrieg vor etwas über 400 Jahren endgültig ausgerottet worden waren. Als freie Bürger, die hofften, durch das Edelmetall selbst zu Wohlstand zu gelangen. Einige Zeit war ihnen dies gelungen, doch inzwischen fand man kaum noch Gold und auch die Silberadern waren zunehmend erschöpft, obgleich die Bergleute immer tiefer und verzweifelter gruben. Kurz: die Stadt dämmerte dem Niedergang entgegen, nur wollte das hier niemand wahrhaben.
Umso härter traf die Bewohner die Mäuseplage, die den Ort schon seit Wochen heimsuchte. Man musste nicht lange suchen, um die frechen Nager zu finden. Sie tummelten sich überall in den Straßen und Gassen, wuselten auf Hinterhöfen herum, hüpften über Kellerstiegen und knabberten an Säcken und Kisten, die die Stadtbewohner leichtfertig hatten stehen lassen. Einen Nager erspähte Tandurin sogar direkt über sich, an einer der Wäscheleinen, die über die Straße gespannt waren.
Vor ihnen kam der große, kopfsteingepflasterte Marktplatz mit dem Brunnen in Sicht, dessen Blickfang das Rathaus mit den hohen Butzenglasfenstern war. Die Fassade des Gebäudes wurde von Balkonen geziert, außerdem befanden sich dort Nischen mit bunten Figuren aus der Stadtgeschichte, darunter Bergleute, Ratsherren, Krieger und – unmittelbar unter dem Giebel – Radulf aus den Blauen Zinnen.
Er war der größte Held der Stadt und die Ruhmestaten, die er im Dritten Drachenkrieg vollbracht hatte, lieferten den Bänkelsängern noch heute Stoff für Geschichten. Es hieß, dass er für den Tod des Drachen Wyrfeuer verantwortlich war, den er auf einzigartige Weise zum Zweikampf herausgefordert hatte: auf dem Rücken eines Gipfelalks.
Der Künstler der Skulptur hatte den berühmten Sohn der Stadt daher als Ritter mit Lanze auf dem Rücken eines dieser Riesenvögel dargestellt, die selbst schon lange ausgestorben waren.
Magistra Rotdrud interessierte sich weniger für die alten Legenden, sondern vielmehr für ein altes Kriegshorn, das Radulf angeblich mit Zauberkräften ausgestattet hatte. Seine Lehrmeisterin hatte Tandurin nicht verraten, welcher Art die Kräfte dieses Horns waren, doch seit sie von seinem Verbleib erfahren hatte, war sie wie besessen davon.
Bis heute hüteten es die Bürger dieser Stadt. Und die würden sich angesichts der legendären Abstammung des Blasinstruments keinesfalls freiwillig von ihm trennen. Magistra Rotdrud hatte daher beschlossen, das Horn durch Diebstahl an sich zu bringen, und es kümmerte sie nicht, dass das Artefakt in einer speziell versiegelten Schatzkammer im Obergeschoss des Rathauses verwahrt wurde.
Mit dem Gebäude hatte es eine eigentümliche Bewandtnis. Um die Schätze Silbersteigs zu schützen, hatten die Stadtgründer einst einen der Zauberer vom Orden der Stäbe dazu gebracht, einen Bann um das Rathaus zu ziehen. Die Schwelle konnten nur jene übertreten, die vom Stadtrat eine spezielle Einladung erhielten. Und das galt leider auch für Zauberer.
Der Hilferuf des Magistrats, der Stadt bei einer Mäuseplage beizustehen, war Magistra Rotdrud daher mehr als gelegen gekommen. Wie massiv die Plage jedoch ausfiel, war auch für Tandurin überraschend.
Vor den Treppen des Rathaus warteten bereits drei Vertreter des Stadtrates in vollem Ornat auf sie. Ihre prächtigen Schürzen erinnerten an Bergmannkittel, und ein jeder von ihnen trug vor der Brust ein silbernes, handtellergroßes Siegel mit dem Stadtwappen: ein Berggipfel, vor dem Lanze und Pickel gekreuzt waren.
»Es geht los«, murmelte die Magierin mit falschem Lächeln. »Betrachte deine heutige Aufgabe gewissermaßen als Gesellenprüfung.«
Tandurin seufzte innerlich und nickte.
Stadtdiener halfen ihnen beim Absteigen und sogleich kam der Mittlere der Männer auf sie zu. Er trug einen dichten Vollbart und verneigte sich höflich. »Magistra Rotdrud. Wir fühlen uns geehrt, dass Ihr unserer Bitte nachgekommen seid.«
»Oberster Ratsherr, es ist mir ebenfalls eine Ehre.« Huldvoll hielt die Magierin dem Mann ihre beringte Rechte hin, auf die dieser einen Kuss hauchte. »Die Probleme Eurer Stadt sind mehr als offensichtlich.«
»Ja, sind sie.« Der Bärtige sah sich gequält zum Rande des Marktplatzes um, wo sich längst ein Ring an Schaulustigen eingefunden hatte. Zwischen ihren Füßen waren hin und wieder huschende Schatten zu erahnen – und plötzlich dämmerte Tandurin, dass die Mäuseplage vielleicht nicht ganz zufällig über den Ort hereingebrochen war.
»Wir haben alle Ratschläge befolgt, die uns die hiesigen Ratten- und Mäusefänger genannt haben«, führte der Mann weiter aus. »Aber wir werden der Plage nicht Herr. Inzwischen bedrohen die Nager auch unsere Kornspeicher. Wir sind also etwas verzweifelt.«
»Nun, ich bin mir sicher, es wird Wege geben, um dem Problem beizukommen. Am besten, Ihr führt mich gleich ins Rathaus und gebt mir einen detaillierten Überblick, wo das Ungeziefer am schlimmsten wütet.«
»Ja, sicher … äh …« Der Mann beäugte misstrauisch die bunt geflochtenen Zöpfe, die Tandurins hageres Gesicht umrahmten. Mit seiner praktischen ledernen Reisekleidung unterschied er sich zwar nur wenig von anderen Reisenden, aber durch diese spezielle Haartracht war er unschwer als Angehöriger des fahrenden Volkes zu erkennen. Und eben das schien bei den Herren einen gewissen Argwohn zu wecken. Tandurin kannte solche Reaktionen von anderen Orten. Und so zwinkerte er dem obersten Ratsherrn frech zu.
»Und das ist?«, fragte der Mann die Magistra verschnupft.
»Mein Adept.«
»Ah, verstehe. Nun, ich befürchte, er wird hier draußen warten müssen.«
»Oberster Ratsherr, ich bitte Euch.« Magistra Rotdrud warf ihre Kaputze zurück, enthüllte ihr langes schwarzes Haar und verzog kummervoll ihre vollen Lippen. Sie war eine hübsche Frau. Und sie wusste das zu nutzen. »Wir haben eine lange Reise hinter uns. Die Unterredung führen wir selbstverständlich in aller Verschwiegenheit.« Sie nickte den übrigen Amtsmännern freundlich zu. »Aber es ist kühl geworden. Und ich denke, es ist ein Gebot der Höflichkeit, auch meinen Zögling nicht von Eurer Gastfreundschaft auszunehmen. Allzumal ich ihn vielleicht benötige.«
»Natürlich. Ja …« Der Mann warf seinen Kollegen einen gequälten Blick zu. »Euer Adept soll natürlich nicht im Kalten stehen.« Er trat beiseite und beschrieb eine einladende Geste in Richtung Eingang. »Seid willkommen! Für eine Stunde …«
Das erste Hindernis war genommen.
Magistra Rotdrud und Tandurin folgten den Ratsleuten über die Schwelle der großen Doppeltür ins Innere des Gebäudes. Sie gelangten in eine getäfelte Eingangshalle mit Ölgemälden einstiger Krieger und gewichtig dreinblickenden Ratsherren, aus der eine geschwungene Treppe hinauf ins Obergeschoss führte. Nahe der Treppe standen zwei Stadtwachen mit Lederharnischen und Schwertern.
Die Ratsherren führten seine Lehrmeisterin bereits die Treppe hinauf, als Tandurin eine vergitterte Nische bemerkte, in der eine Sammlung alter, schwarz angelaufener Waffen ausgestellt war. Speere mit Widerhaken, seltsam gebogene Sichelschwerter und Äxte mit Klingen wie Halbmonde.
»Ich sehe, Ihr erkennt sie?«, fragte ihn ein Ratsheer, der ebenfalls zurückgeblieben war. Ein Mann mit Backenbart und verständigem Blick.
Aufgeregt trat Tandurin an das Gitter heran. »Das sind Waffen der Gaale.«
»In der Tat. Radulf hat das Drachengezücht Zeit seines Lebens bekämpft.«
»Radulf hat gegen Gaale gekämpft?« Tandurin wandte sich dem Mann erstaunt zu. »Ich dachte, er habe damals bloß einen Drachen vom Himmel geholt?«
»Bloß?« Der Mann verzog belustigt die Lippen, wurde aber schnell wieder ernst. »Nein, er kämpfte damals sogar an vorderster Front gegen die Armee dieser Unholde. Angesichts seines Zweikampfes gegen den Lindwurm Wyrfeuer ist dies weniger bekannt. Bedauerlicherweise konnte auch er nicht verhindern, dass das Drachengezücht die Heimat Eures Volkes verheerte.« Er seufzte. »Die heutigen Aschetäler in den Fackelbergen, richtig? Wie man hört, sind die Hochebenen bis heute ein Ort der Ödnis und des Todes.«
»Ihr wisst davon?«
»Natürlich wissen wir davon. Auch unsere Vorfahren haben schwer unter den Drachen und ihren Heerscharen gelitten.«
Tandurin schenkte dem Ratsherrn einen traurigen Blick. Es gab nicht viele, die das Schicksal des fahrendes Volkes scherte. Umso mehr bedauerte er, dazu gezwungen zu sein, ihn zu hintergehen.
»Und nun kommt. Eure Lehrmeisterin erweckt nicht den Eindruck, eine geduldige Frau zu sein.«
Das war sie in der Tat nicht.
Tandurin folgte dem Ratsheren nach oben zu einer im Schatten liegenden Galerie, von der Türen und Gänge abzweigten. Von hier aus musste er irgendwie noch weiter nach oben gelangen, denn ihren Informationen zufolge lag der Zugang zur Schatzkammer im zweiten Stockwerk.
Die Wachen folgten ihnen. Eine bezog vor einer reich mit Bergwerkszenen verzierten Säule Aufstellung, die andere blieb auf der Mitte der Treppe zum Untergeschoss stehen.
Magistra Rotdrud wurde jetzt von den Ratsherren in eine Art Sitzungssaal geführt. Bevor sie verschwand, wandte sie sich ihm noch einmal zu. »Du bleibst hier, bis ich dich rufe. Kann etwas dauern.«
»Wie Ihr wünscht, Magistra.« Tandurin nickte ergeben und wartete, bis sich die Türen hinter den vieren geschlossen hatten.
Er trat an die hohen Butzenscheiben heran, durch die man hinaus auf den Marktplatz sehen konnte. Die Menge dort unten hatte sich verlaufen und die Wolken am Himmel sorgten dafür, dass es zunehmend dunkler wurde. Für sein Vorhaben war dies von Vorteil. Die Einladung ins Rathaus galt offenbar nur für eine Stunde, dann würde der magische Bann greifen, und Tandurin hatte nicht vor herauszufinden, wie sich dieser genau auf einen Missliebigen auswirkte. Von dieser einen Stunde waren bereits einige wertvolle Minuten verstrichen. Er musste sich also beeilen. Er kramte in seiner Umhängetasche nach einer Schreibkladde und gab vor zu lesen.
Als er sicher war, dass die Wache an der Säule das Interesse an ihm allmählich verlor, konzentrierte er sich auf die Macht, legte ein Abbild seiner Selbst um sich und trat dann mit einem raschen Schritt aus dem heraufbeschworenen Gaukelbild heraus, hinter eine zweite Säule. Die Illusion seiner Selbst stand weiterhin reglos da und flackerte nicht einmal.
Die Deckung der Säule nutzend, wirkte er einen chamäleonhaften Tarnzauber, der ihn mit dem Hintergrund verschmelzen ließ, schlich zu einer nahen Tür und schlüpfte ungesehen in ein Schreiberzimmer, das glücklicherweise leer stand. Sofort öffnete er die Fensterläden und betrat einen der Balkone, die er bei seiner Ankunft bemerkt hatte. Draußen regnete es mittlerweile leicht, was auch die letzten Silbersteiger ins Trockene getrieben hatte. Tandurin verknotete seine bunten Haarzöpfe am Hinterkopf, zog Handschuhe aus den Taschen seiner Jacke und fasste dann die Nischen an der Außenfassade ins Auge, in denen die bunten Figuren standen. Hoffentlich waren diese fest verankert.
Er erklomm die Brüstung, sprang – und packte einen Bergmann mit Hammer und Stemmeisen. Der Bergmann stand fest. Rasch hangelte sich Tandurin von dort zu einer weiteren Nische und hielt nur kurz inne, um zum Marktplatz hinabzuschielen. Niemand bemerkte ihn, obwohl er seinen Tarnzauber vor Anstrengung hatte abbrechen müssen. Allein eine vollgefressene Katze neben dem Brunnen stierte zu ihm empor.
Er und sein Bruder waren seit frühester Jugend als Artisten tätig gewesen. Und Magistra Rotdrud hatte in den sechs Jahren, seit sie ihn unter ihre Fittiche genommen hatte, dafür gesorgt, dass er nichts verlernte. Im Gegenteil: Sie hatte ihm überdies so manchen magischen Trick beigebracht, der es ihm gestattete, noch erfolgreicher auf Diebestour zu gehen. So dauerte es nicht lange, bis er einen der Balkone am gegenüberliegenden Flügel des Rathauses erreichte, der ein Stockwerk höher lag. Die Fenster des Raumes rechts des Balkons waren als einzige vergittert.
Das musste die Kammer sein, in der das Horn lag.
Rasch kramte Tandurin einen von drei Mistelzweigen hervor, die es ihm ermöglichten, jedes Schloss zu öffnen. Doch dann zögerte er. Keinesfalls durfte er diese magischen Hilfsmittel verschwenden.
Er brach die Tür daher mit dem Stemmeisen auf und gelangte in ein kahles, allein von einem mannshohen Berggemälde geziertes Balkonzimmer, von dem zwei Türen abgingen. Die eine führte vermutlich hinaus auf einen Gang, die andere, deutlich massivere, war mit zwei schweren Eisenbändern versehen. Hinter ihr lag die Schatzkammer des Ratshauses.
Er nahm wieder einen der Mistelzweige zur Hand, als er etwas Eigenartiges entdeckte. Er bemerkte es nur, weil das diffuse Licht hinter ihm schräg auf den Boden fiel. Die Dielen des Zimmers waren lediglich in einem schmalen Bereich ausgetreten. Von der Tür zum Gang bis hin … zum Gemälde.
Tandurin trat misstrauisch an das Bild, ruckelte daran und stellte fest, dass es sich nicht abnehmen ließ. Vielmehr war es fest in der Wand verankert. Er grinste. Fast wäre er auf eine Tricktür hereingefallen. Er ginge jede Wette ein, dass die Tür mit den Eisenbändern mit einem Alarm oder einer Falle ausgestattet war. Das Bild war die eigentliche Pforte.
Er berührte es mit dem Mistelzweig, der sofort in Rauch aufging, und mit einem Klicken klappte ihm das Gemälde entgegen. Unmittelbar dahinter führte eine schmale Steintreppe schräg hinunter in die Tiefe. Ihm blieb vielleicht noch eine knappe halbe Stunde. Er musste sich beeilen.
Tandurin beschwor eine Lichtkugel herauf und eilte die Stufen vorsichtig nach unten.
Er hätte sich denken können, dass ein Volk von Bergleuten seine Schätze nicht in luftiger Höhe, sondern irgendwo in der Tiefe versteckte. Etwas später stieß er abermals auf eine Tür mit Eisenbändern. Er seufzte. Noch eine Finte? Er musste es darauf ankommen lassen. Auch der zweite Mistelzweig verging zu Rauch, es klickte und rasselte – und knarrend öffnete sich auch diese Pforte.
Tandurin ließ die magische Lichtkugel emporsteigen – und ihm blieb angesichts all des Gleißens, dem er jetzt gegenüberstand, der Mund offen stehen.
Vor ihm erstrecke sich ein großes Gewölbe, das über und über mit Goldschmuck, Silberpokalen und -tellern, Juwelen, kostbarem Geschmeide und sogar einigen mit bunten Edelsteinen verzierten Büchern gefüllt war. Offenbar lagerten die Silbersteiger hier die Besitztümer anderer Adliger und reicher Kaufleute. Oder sie waren Räuber. Anders war die schiere Masse an Reichtümern hier unten kaum zu erklären. Und so schwer es ihm auch fiel, seinen Blick von all den Kostbarkeiten abzuwenden, sah er doch sofort, was er eigentlich suchte.

Über F. I. Thomas

Biografie

Der norddeutsche Autor liebt die Fantasy in all ihren Facetten. Dabei schätzt er spannende Geschichten mehr als guten Wein. Seine ersten Erzählungen entstanden bereits in der Teenagerzeit und aus einem Hobby wurde so eine Leidenschaft, der er später sogar Ausbildung und Studium unterordnete. Von...

Pressestimmen

ringbote.de

»Exzellent! (…) Eine spannende Handlung, viele Überraschungen, neue und besondere Orte und dramatische Ereignisse. Thomas Finn (bzw. F.I. Thomas) ist wieder mal ein besonderer und ein besonders guter Roman gelungen, den man unbedingt gelesen haben sollte.«

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