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Gipfelbild mit Hund

Gipfelbild mit Hund

Zwei ungewöhnliche Bergsteiger

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Gipfelbild mit Hund — Inhalt

Tom Ryan soll Atticus überallhin mitnehmen − so der Rat des Hundezüchters. Dass das einst alle 4000 Fuß hohen Berge der White Mountains sein würden, hatte er wohl nicht gedacht. Doch als eine Freundin an Krebs stirbt, wollen sie mit ihrer ambitionierten Bergtour auf eine Krebsstiftung aufmerksam machen. Während des Abenteuers lernen beide, sie selbst zu sein: Der überarbeitete Journalist kann endlich abschalten, und Atticus läuft voraus, immer auf der Suche nach der besten Route. Ryan weiß, er braucht ihm nur zu folgen. Eine Geschichte über eine Freundschaft zwischen Mann und Hund, die mit der gemeinsamen Leidenschaft für das Bergsteigen wächst. Und eine harte Prüfung bestehen muss, als Atticus plötzlich schwer erkrankt…

€ 10,99 [D], € 10,99 [A]
Erschienen am 08.12.2014
Übersetzt von: Verena Charlotte Harksen
288 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-96868-3

Leseprobe zu »Gipfelbild mit Hund«

Prolog

 

 

 

8. Oktober 2006

 

Lieber Dad,
ich habe ein neues Lieblingsfoto. Es ist letzten Sonnabend entstanden, als ich die Iltis-Loipe vom Wildcat Mountain hinunterwanderte.
Auf meinem Bild ragt in weiter Ferne majestätisch, stolz und zerklüftet das gewaltige Paar Mount Adams und Mount Madison auf. Von ihren schroffen Gipfeln und der niedrigen Schulter des Mount Washington marschiert ein unendliches Heer von Bäumen herab, aufgestellt nach militärischem Rang. Ganz oben erheben sich die immergrünen Tannen, jene winterharten Bäume, die zu jeder [...]

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Prolog

 

 

 

8. Oktober 2006

 

Lieber Dad,
ich habe ein neues Lieblingsfoto. Es ist letzten Sonnabend entstanden, als ich die Iltis-Loipe vom Wildcat Mountain hinunterwanderte.
Auf meinem Bild ragt in weiter Ferne majestätisch, stolz und zerklüftet das gewaltige Paar Mount Adams und Mount Madison auf. Von ihren schroffen Gipfeln und der niedrigen Schulter des Mount Washington marschiert ein unendliches Heer von Bäumen herab, aufgestellt nach militärischem Rang. Ganz oben erheben sich die immergrünen Tannen, jene winterharten Bäume, die zu jeder Jahreszeit gleich aussehen. Sie wachsen bis hinauf zur Baumgrenze, knapp unterhalb der Gipfel, und ziehen dann hangabwärts, bis sie sich mit den Lärchen in ihrer Oktober-Kriegsbemalung mischen. Ein Fußvolk in Rot, Orange und Gelb, das anbrandet wie die riesige Woge einer Meeresdünung. In den Farben und den welligen Hügeln am Fuß der Berge kann man fast den Herzschlag der Bäume spüren, wie bei einem Heer, kurz vor der Attacke.
Dieses Heer strömt immer weiter auf die Kamera zu, bis es eine Schlachtlinie bildet, angespannt und doch gefasst, bereit für den Befehl zum Vorrücken, der von ganz oben kommt. Vor den Bäumen liegt ein Feld – eine Mischung aus verblasstem Gelb und Grün, im Lauf der Jahre flach getreten, als hätten dort viele Kämpfe getobt. Im Vordergrund, von den Frontlinien durch einen Streifen Gras getrennt, den Rücken zur Kamera, sitzt eine kleine, einsame Gestalt und schaut auf die Baumlegionen, die sich meilenweit vor ihr ausdehnen.
Die einsame Gestalt sitzt aufrecht da, bereit für die Woge, die über ihr zusammenschlagen, bereit für alles, das die Welt auf sie loslassen könnte. Sie ist heiter und gelassen (oder wartet vielleicht ergeben auf die bevorstehende Prüfung), demütig und unverzagt, weil sie daran glaubt, einen Weg zu finden.
Sie ist Frodo Beutlin, Don Quichotte, Huckleberry Finn. Sie – oder besser er – ist alle diese unwahrscheinlichen Helden, die irgendwann einen Fuß vor die Tür gesetzt haben und jäh in ein Abenteuer gerissen wurden.

 

Wenn ich das Foto ansehe, denke ich an die Worte des Dichters William Irwin Thompson: »Wenn wir an eine Schranke stoßen, erreichen wir eine Grenze, die uns sagt, dass wir von nun an mehr sein werden, als wir je zuvor waren.« Denn dort sitzt er, allein auf diesem Feld, vor sich eine Schranke, eine Grenze, eine Wildnis, die ihn zum Zwerg macht. Und doch bleibt er sitzen. Schaut sie an. Wendet sich nicht ab. Läuft nicht davon.
Der kleine Kerl auf dem Foto ist mein Wandergefährte, Atticus M. Finch, benannt nach einem anderen bescheidenen und unwahrscheinlichen literarischen Helden.
Seit dem 21. Mai letzten Jahres hält er es netterweise mit mir aus, seitdem ich uns beide in unsere Bergabenteuer gestürzt habe. Bis dahin waren wir nicht besonders aktiv. Meistens hingen wir irgendwo in Newburyport herum. Wir machten kleine Spaziergänge im Wald oder am Strand, aber nie sehr weit, weil ich zu schwer und außerdem schlecht in Form war. Aber dann, im letzten Jahr, zeigte man uns die Viertausend-Fuß-Berge, und wir verliebten uns Hals über Kopf in sie. In elf Wochen erwanderten wir alle achtundvierzig Gipfel. Dabei hatten wir es so eilig, dass ich beschloss, sie in diesem Frühling, Sommer und Herbst noch einmal zu erkunden – und diesmal nahmen wir uns genug Zeit, um sie richtig zu genießen.
Während ich Atticus dabei beobachtete, wie er auf die Bäume blickte, begann ich innerlich diese Achtundvierziger-Runde zu feiern, mehr noch aber feierte ich den neugierigen kleinen Hund. Was für ein Glück, ihn zum Wandergesellen zu haben. Ob Wind, Sonne, Schnee oder Regen, er war bei jedem Schritt an meiner Seite. Meistens blieben wir dabei allein, und unsere enge Bindung ist noch fester geworden.
Als ich ihn so vor der Wildnis sitzen sah, dachte ich wieder an jene unwahrscheinlichen Helden der Literatur, die vor unvorstellbaren Herausforderungen standen und gereift und seltsam verändert daraus hervorgingen. Am Ende wurden sie immer mehr, als sie je gewesen waren, und man wusste einfach, dass sie in Trauer und Freude, in guten und schlechten Tagen, ganz gleich, was als Nächstes geschehen würde, am Schluss der Geschichte, wenn sie im Sonnenuntergang verschwanden, mit allen Prüfungen und Peinigungen des Lebens fertig werden würden. Doch obwohl ich das weiß, kenne ich auch den Schmerz am Ende eines Buchs, wenn ich von meinen Lieblingsfiguren Abschied nehmen muss. Oft bin ich gerade deshalb traurig über das Ende eines Abenteuers. Inzwischen beurteile ich eine gute Geschichte danach, ob ich nach dem Lesen der letzten Seite, wenn ich das Buch schließe und es endgültig zur Seite lege, das Gefühl habe, einen Freund zu verlieren.
Glücklicherweise ist dies hier nicht das Ende eines Buchs, sondern nur ein Kapitel darin. Denn Atticus und ich haben noch viele Abenteuer zu bestehen, bevor unsere Zeit um ist. Tatsächlich wird das nächste schon in ein paar Monaten beginnen und bestimmt eine ganz eigene Geschichte werden.

 

Während ich durch das schattige grüne Gras und die sonnengetränkten goldenen Bäume die Loipe weiter hinabwanderte, merkte ich mir alle meine Gefühle, saugte die Schönheit auf wie ein Schwamm das Wasser und betrachtete Atticus mit dem gleichen Staunen, das mir die Berge und die Bäume sowie der ihnen vertraute Wind einflößen. Ich sah ihm nach, wie er auf seine sorglose Art den Hang hinuntersprang, und lächelte. Wie hätte ich nicht lächeln sollen?
Wenn ich mir diesen unglaublichen kleinen Hund anschaue, der nach einer guten Mahlzeit keine zwanzig Pfund wiegt, merke ich, dass ich ihn deshalb so liebe, weil wie bei den unwahrscheinlichen Helden der Literatur mehr in ihm steckt, als man auf den ersten Blick vermutet. Und ich bin so glücklich, ihn nicht nur zum Wandergefährten zu haben, sondern auch zum Freund.
Es gibt Tage, die einfach vollkommen sind, nicht unbedingt, weil man etwas erreicht, sondern weil man etwas empfunden hat, an das man sich immer erinnern wird. Gestern war einer dieser vollkommenen Tage – ein Tag, an dem zwei Freunde ein Kapitel beendeten und sich auf die Suche nach dem nächsten machten.

 

Mit lieben Grüßen
Tom

 

ERSTER TEIL

 

 

 

Unschuld verloren, Unschuld gefunden

 

Mögen deine Pfade krumm sein, gewunden, einsam,
gefährlich und dich zur erstaunlichsten Aussicht führen.
Mögen deine Berge sich in und über die Wolken
erheben.

 

EDWARD ABBEY

 

 

 

Eine Tür öffnet sich

 

Ich führte ein höchst ungewöhnliches Dasein. Manche würden es sogar aufregend nennen. Ich war Herausgeber, Verleger und einziger Angestellter meiner eigenen Zeitung. In ihr zeichnete ich das Leben und Streben von Newburyport auf, einer kleinen Stadt an der Nordküste von Massachusetts. Ich war arm, aber einflussreich; zufrieden, aber gestresst; erfüllt von meiner Arbeit, aber ohne erfülltes Leben. Ich bewirkte etwas und fühlte zugleich, dass mir irgendetwas fehlte.
Meine Abende verbrachte ich meistens damit, an Sitzungen im Rathaus teilzunehmen und danach die Hintergründe der diskutierten Angelegenheiten herauszufinden, indem ich endlose Stunden mit städtischen Funktionären plauderte. Meine Tage füllte ich damit aus, dass ich mich mit Menschen aller Gesellschaftsschichten unterhielt und ihnen zuhörte, wenn sie mir die Geheimnisse von Newburyport erzählten. In einer Stadt von 17 000 Einwohnern hatte jeder etwas zu berichten – vor allem natürlich über seine Nachbarn.
Alle zwei Wochen kam meine Zeitung, gespickt mit diesen Geschichten, auf den Markt, und fast jede Ausgabe war am Ende ausverkauft. Man musste sie einfach gelesen haben, denn nach Ansicht des typischen Newburyporters drehte sich die ganze Welt um unser Städtchen an der Mündung des Merrimack River in den Atlantischen Ozean.
Ich blieb abends lange wach und stand jeden Morgen früh auf. Einen Wecker brauchte ich dabei nicht. Ich lebte allein im zweiten Stock des alten Grand-Army-Gebäudes mitten im Stadtkern und schlief auf einem Sofa. Die Sonne stieg aus dem Atlantik empor, und die Morgendämmerung verbreitete sich über Plum Island, raste den Merrimack entlang, berührte kurz die Joppa Flats und warf ihre Frühmorgenschatten durch die eng bebauten historischen Viertel des Südends. Wenn sie die roten Backsteinhäuser der Innenstadt erreichte, setzte sie sie in Flammen. Die Backsteinschlucht warf dann die blendende Glut in meine großen Westfenster und sagte mir, dass es Zeit zum Aufstehen war.
Nur die Dienstage waren anders, vor allem im Winter, wenn die Tage kürzer waren und frühmorgens noch Dunkelheit herrschte. Dann schoss ich jedes Mal in die Höhe, aufgeweckt vom misstönenden Lärm des Müllautos, das die State Street hinauffuhr. Das Jaulen des Getriebes, das Quietschen der Bremsen, das Gepolter des Mülls, der in den Lastwagen plumpste, dazu das schwere metallische Knattern des Kompressors. Ich sauste aus dem Bett, packte meinen Müll, rannte die zwei Treppen hinunter und hoffte, das Auto noch vor meiner Hintertür an der Charter Street zu erwischen. Fünf Jahre lang lieferte ich mir diesen Wettlauf mit dem Müllwagen – manchmal gewann ich, manchmal nicht.
Nie stellte ich wie meine Nachbarn Montagabend den Müll vor die Tür. Man hatte mich davor gewarnt. Schließlich waren wir hier in Newburyport, einer Stadt mit lang gehüteten Geheimnissen. Denn so postkartenschön sie auch aussah, besaß sie doch eine bezaubernd dunkle Seite. Und weil ich von Geheimnissen und denen, die sie mit mir teilten, lebte, konnte ich nicht vorsichtig genug sein.
Nach fünf Jahren jedoch hatte ich meinen Verfolgungswahn ebenso satt wie das Wettrennen mit dem Müllauto. Eines Montagabends stellte ich vier Müllsäcke vor die Tür. Und wie das Schicksal es wollte – in dieser Nacht verschwand mein Müll. Es war die Nacht, in der mein größtes Abenteuer begann.

 

Meine Zeitung hieß »The Undertoad«. Der Titel stammte aus John Irvings Buch »Garp und wie er die Welt sah« – eine Erinnerung daran, dass immer, selbst unter der glattesten Oberfläche, irgendetwas lauert. In dem Buch wird ein kleiner Junge, der im Meer badet, vor einer gefährlichen Unterströmung (»undertow«) gewarnt. Er versteht aber »undertoad«, was so viel wie »Unterkröte« heißt, und fürchtet sich nun vor einer gefährlichen Kröte unter dem Wasser. »The Undertoad« oder kurz »The Toad« war ein ungewöhnlicher Name für eine Zeitung, aber Newburyport auch keine gewöhnliche Stadt. Es war eine Mischung aus Norman Rockwell und Alfred Hitchcock. Es bestand aus Alteingesessenen und Neuankömmlingen, aus Heteros und Schwulen. Es gab altes Yankeeblut und Iren und Griechen – eine vielfach geteilte Stadt.
Newburyport war die Heimat des Abolitionisten William Lloyd Garrison, der dort die Feder wetzte, bevor er mit seiner Zeitung »The Liberator« (»Der Befreier«) auf der nationalen Bühne gegen die Sklaverei antrat. Es war auch die Heimat von Bossy Gillis, dem bösen Buben aus dem Armenviertel und Immer-mal-wieder-Bürgermeister, einer der buntscheckigsten politischen Gestalten, die unser Land je gesehen hat. Bossy gab eine eigene Zeitung heraus, um mit seinen politischen Feinden abzurechnen. Er nannte sie »The Asbestos« (»Der Asbest«), weil sie »zum Anfassen zu heiß« war. Und es war die Heimat von John P. Marquand, Romanautor und Pulitzer-Preisträger, der die örtliche bessere Gesellschaft in vielen seiner Werke auftreten ließ. Und schließlich war Newburyport mit seinem starren, antiquierten Kastensystem auch ein Zuhause für William Lloyd Warner, einen Anthropologen und Soziologen aus Chicago, der fast zehn Jahre, zwischen 1930 und 1940, mit einem Team von dreißig Wissenschaftlern dort arbeitete. Ihre Studie »Newburyport, Yankee City« ist vielleicht die umfassendste Langzeitstudie, die je über eine amerikanische Stadt erstellt wurde.
Ich wurde mit allen diesen Leuten verglichen, aber meistens betrachtete man mich als Kreuzung zwischen Garrison und Gillis. So beschämend das auch war, gab ich doch zu, dass ich mehr von Gillis als von Garrison hatte. In dem Newburyport, das ich kannte, musste man selbst ein bisschen streitsüchtig sein, wenn man über Ganoven berichten wollte. In der Erstausgabe meiner »Kröte« schrieb ich von meinem Wunsch, »Licht ins Dunkel zu bringen, den Garten von Unkraut zu befreien und die Giftmischer zu vergiften«. Aber ich war kein bloßer Skandaljäger, sondern ein Romantiker, der regelmäßig Emerson, Thoreau und andere Existenzialisten zitierte. Ich enthüllte den Schmutz, aber ich setzte auch große Hoffnungen darauf, wohin der Weg der Stadt führen und was aus ihr werden könnte.
Einmal fing eine neue Reporterin bei der »Daily News« an. Sie kam zu mir, obwohl ich von der Konkurrenz war, und fragte: »Also – wie ist es hier?«
»Wie nirgends anders«, antwortete ich.
Sie war nicht beeindruckt. »Das höre ich überall.«
Ein Jahr später verließ sie die Zeitung, um für einen Fernsehsender in Boston zu arbeiten. Ich fragte sie: »Also – wie war es nun bei uns?«
»Wie nirgends anders!«
Die Stadt steckte voller Charaktere und Charakter. Es gab in ihrer Geschichte Fischerei, Schiffswerften und Frachtschiffverkehr, später Webereien und Schuhfabriken. Doch in den Fünfziger- und Sechzigerjahren des letzten Jahrhunderts machten Webereien und Fabriken dicht oder wechselten den Standort, und Newburyport drohte zu verfallen.
Der unbegabteste Politiker, den die Stadt damals hatte, führte den Angriff auf die großartigen Federal-Style-Bauten vom Ende des 18. Jahrhunderts in der Innenstadt an, die er abreißen und durch ein Einkaufszentrum mit Großparkplatz ersetzen lassen wollte. Eine Gruppe von Bürgern schloss sich zusammen, engagierte einen Architekten, um zu zeigen, wie eine gerettete Innenstadt aussehen konnte, und zog vor Gericht, um die Zerstörung zu stoppen. Sie obsiegten, und Newburyport wurde die erste Stadt in den USA, die Fördergelder aus dem HUD-Plan (Housing and Urban Development Plan) dafür einsetzte, einen heruntergekommenen Stadtkern wieder aufzubauen, anstatt ihn abzureißen. Das führte zu groß angelegten Restaurierungen, aber für viele Einheimische bedeutete es noch mehr Verbitterung. Denn sobald die Zuzügler merkten, wie schön jetzt alles war, begannen sie, sich hier niederzulassen, und durch die Gentrifizierung verschwand vieles Alte und Vertraute. Einheimische fanden ihre Stadt nicht wieder und beklagten den Verlust der Läden, mit denen sie aufgewachsen waren und die nun teuren Boutiquen weichen mussten.
Trotz all dieser Veränderungen blieb eines gleich: die hemdsärmelige und ungehobelte politische Szene. Die Politik war König und nicht selten schmutzig. Wer gerade an der Macht war, tat alles, um sich dort zu halten. Es ging dabei nicht nur um einen Kampf von Alteingesessenen gegen Neuankömmlinge, sondern genauso um Einheimische, die gegen Einheimische kämpften. Manche sprachen von »Cannibal City«. Andere verglichen die Einwohner mit Krebsen in einem Eimer: Einer klettert nach oben, die anderen versuchen ihn nach unten zu ziehen. Es war Inzest und Nahkampf von der bösartigsten Sorte – und so ungefähr der großartigste Ort für einen neuen Zeitungsschreiber.
Als ich die Bühne betrat, tobte gerade ein mustergültiges politisches Unwetter. Eine Bürgermeisterin, die erst seit drei Jahren in der Stadt lebte, hatte der Seilschaft der alten Kameraden die Macht entrissen. Um die Sache noch schlimmer zu machen, war die Neue eine Frau und eine Lesbe. Sie war ein frischer Wind für eine muffige Provinzstadt, die sich selbst viel zu ernst nahm. Diese Bürgermeisterin stand nun am Ende ihrer ersten zweijährigen Amtszeit, und die alten Kameraden wollten sie nicht nur aus ihrem Eckbüro verjagen, sondern auch gleich aus der Stadt.
Ich hatte nie daran gedacht, in der Politik mitzumischen oder eine Zeitung zu gründen. Aber ich war so schockiert von der Art und Weise, wie die alte Seilschaft die junge Bürgermeisterin schikanierte – hauptsächlich durch Gerüchte und Andeutungen –, dass ich einfach nicht anders konnte, als mich ins Getümmel zu stürzen. Ich schrieb Leserbriefe an die Tages- und Wochenzeitungen. Ohne es zu wissen, war ich damit in die Fußstapfen von Garrison und Gillis getreten, weil ich Namen nannte, etwas, was in Newburyport nicht üblich war. In einem wilden und chaotischen Wahlkampf errang die Amtsinhaberin schließlich einen knappen Sieg über einen früheren Bürgermeister, welcher der Stadt vor langer Zeit fünf aufeinanderfolgende Wahlperioden lang gedient hatte. Obwohl ich neu hier war, wurden meine Leserbriefe als hilfreich für diesen Erfolg gewertet. Ein Jahr später wurde die »Undertoad« geboren, und es dauerte nicht lange, bis der »Boston Globe« mein Blatt als »Insiderführer zur Schattenseite von Newburyport« bezeichnete.
Je nachdem, welche Stellung man in der Stadt einnahm, mit wem man verwandt oder befreundet war, galt ich entweder als Dreckschleuder oder als Reformator. Ich legte mich mit den alten Kameraden an und weigerte mich, die altehrwürdigen heiligen Kühe anzubeten, die von der »Daily News« beschützt wurden. Wobei mir zum Teil half, dass ich von Journalismus keine Ahnung hatte. Stattdessen achtete ich mehr auf das, was die einfachen Leute zu sagen hatten, überlegte mir, was mir selbst an Zeitungen nicht gefiel, und tat dann genau das Gegenteil. Meine Überschriften waren sensationell und farbenfroh, hielten sich aber an Tatsachen. Die Berichterstattung war personenbezogen und brachte in jeder Ausgabe möglichst viele Namen. Ich merkte, dass sich die Leute weniger für Organisationen oder städtische Ausschüsse interessierten, weil sie ihnen nichts bedeuteten. Aber in einer Kleinstadt, in der jeder jeden kennt, interessierten sie sich für einen Kommunalbeamten, den sie im Fitnessklub trafen, der das Baseballteam ihres Sohns trainierte oder ein örtliches Restaurant führte. Meine Artikel sprachen die volle Bandbreite an Gefühlen an.
Ich tadelte einheimische Stadträte, die alles, was die Bürgermeisterin tat, nur deshalb blockierten, weil sie neu in der Stadt war, und füllte so manche Ausgabe damit, die klar definierte Grenzlinie zwischen Einheimischen und Zugezogenen in politischen Ämtern außer Kraft zu setzen. Die ergiebigsten Geschichten fand ich häufig bei den unterschiedlichen Ausschusssitzungen, bei denen die anderen Zeitungen nicht immer vertreten waren. Ich erwischte Ausschussmitglieder dabei, wie sie Freunden oder Geschäftspartnern Vorteile verschafften, anstatt sich selbst von der Anhörung auszuschließen; dann informierte ich die staatliche Ethikkommission. Bei mehr als einer Gelegenheit mussten solche Personen zurücktreten. Oft saß ich entsetzt dabei, wenn Stadträte oder andere leitende Funktionäre in einer vom Fernsehen übertragenen Sitzung logen, ohne mit der Wimper zu zucken. Wenn ich darüber berichtete, benahmen sie sich, als wäre ich es gewesen, der hier die Grenze überschritten hätte – was in gewisser Weise stimmte, weil ich mich weigerte, die Dinge so laufen zu lassen, wie sie es immer getan hatten.
Ihre Schwindeleien kannten keine Schranken. Mein Liebling war ein wutschnaubender Stadtrat, der mit vielen örtlichen Bauträgern befreundet war und sich dagegen wehrte, dass die Stadt mehrere Hektar Brachland kaufen wollte, das als Bauerwartungsland ausgewiesen war. Er erklärte, dass ihm gerade dieses Land mehr als jedem anderen am Herzen liege, weil sein Bruder auf dem angrenzenden Friedhof begraben sei. Der Friedhof lag auf einem Hügel, und Umweltschützer fürchteten, dass die Erschließungsarbeiten zu Erdrutschen auf der historischen Begräbnisstätte führen, das Land unterspült werden und die Gräber zum Teil einstürzen könnten. Tatsächlich war der Bruder des Stadtrats verstorben, seine letzte Ruhe fand er allerdings an einer anderen Stelle.
Niemand blieb von Kritik verschont, am wenigsten die Bürgermeister, über die ich berichtete. Sie boten das beste Futter für meine »Kröte«, ob es nun darum ging, eine moralisch zweifelhafte Person in einen städtischen Ausschuss zu berufen – Menschen, deren einzige Qualifikation darin bestand, dass sie den Bürgermeister im Wahlkampf unterstützt und ihm oder ihr ins Amt geholfen hatten –, oder darum, ein Grundstücksgeschäft für einen Helfer durchzuwinken. Die Bürgermeister hielten in den »Undertoad«-Jahren nie lange durch. Gewöhnlich war nach einer zweijährigen Amtsperiode Schluss.
Aber meine Zeitung war nicht nur negativ. Das wäre gar nicht möglich gewesen. Ich zeigte zwar auf, was in der Stadt nicht in Ordnung war, hatte aber auch ein offenes Ohr für ihre guten Seiten. Ich unterstützte das mutige Eintreten eines Stadtrates oder den Standpunkt eines Bürgermeisters. Ich applaudierte den besseren Mitgliedern der verschiedenen städtischen Ausschüsse, Kommissionen und Behörden. In einer regelmäßigen Kolumne mit dem Titel »Zehn liebenswerte Seiten von Newburyport« listete ich jeweils zehn Menschen auf, die Gutes taten. Es konnte ein Bauträger sein, der historische Bauten erhalten wollte, eine Bibliothekarin, die besonders stolz auf ihre Arbeit war und Bücher und ihre Leser liebte, aber auch eine Kassiererin im örtlichen Supermarkt, die nie einen Arbeitstag gefehlt hatte und fast jeden Kunden mit Namen begrüßte. Immer im Dezember stellte ich einen »Bürger des Jahres« vor. Das konnten Aktivisten sein, führende Geschäftsleute, mutige Polizisten, Lehrer oder Sporttrainer. In einem Jahr gewann Pete Daigle, der Hausmeister im Rathaus, den Preis – wegen seines freundlichen Wesens, seiner harten Arbeit und seiner Fähigkeit, den Kopf nicht zu verlieren, während die gesamte Stadtverwaltung um ihn herum genau das tat.

 

Was meine journalistischen Vorkenntnisse anging, so hatte ich keine. Ich verfügte über keine entsprechende Ausbildung, und das Einzige, was ich je verfasst hatte, waren die erwähnten Leserbriefe. Von Politik verstand ich wenig, wusste aber, was mir an Politikern nicht gefiel. Mein einziges Grundwissen beruhte auf den romantisierenden Ideen meines Vaters über die Kennedys und die amerikanischen Gründerväter – ihre und nicht seine eigene hielt er für die großartigste Generation.
Mein Vater Jack Ryan war politisch aktiv und hatte alle seine neun Kinder zwangsverpflichtet, für demokratische Kandidaten zu arbeiten, ganz gleich, ob sie bundesweit oder lokal für ein Amt antraten. Es spielte keine Rolle, dass wir den Kandidaten kannten oder etwas mit ihm zu tun haben wollten oder lieber draußen mit unseren Freunden gespielt hätten – wir mussten in unserer Heimatstadt Medway, Massachusetts, Häuser in der Nachbarschaft abklappern und Wahlbroschüren verteilen. An den Wochenenden hatten wir stundenlang irgendwo herumzustehen und Schilder für seine Lieblingskandidaten hochzuhalten. Doch sobald ich zu Hause ausgezogen war, hielt ich mich wie alle meine Geschwister so weit wie möglich von der Politik fern. Ich hatte genug davon.
Jack Ryans politische Überzeugungen waren ein wenig verwirrend. Er war die liberale Version von Archie Bunker (Hauptfigur einer US-Fernsehserie der 1970er-Jahre – vergleichbar mit der Figur des »Ekel Alfred« aus der deutschen Fernsehserie »Ein Herz und eine Seele«). Mein Vater glaubte an gleiches Recht für alle, solange bei uns im kleinen Medway keine Angehörigen von Minderheiten ins Haus nebenan zogen.
Einmal arbeitete ich im Sommer als studentischer Sporttrainer an der Universität von Iowa und hatte das Glück, mit dem Trainer der berühmten Baseballtruppe »Harlem Globetrotters« und einigen seiner Spieler zusammenzukommen. Mein Vater warnte mich. »Pass auf deine Brieftasche auf.«
»Dad«, sagte ich, »das sind Millionäre! Ich bekomme hier pro Woche fünfzig Dollar plus Kost und Logis – die brauchen mein Geld nicht.«
»Ganz egal. Es liegt ihnen im Blut.«
In der siebten Klasse hatte ich mich in das einzige schwarze Mädchen der Stadt verknallt. Sie hieß Lily Britton und fiel in unserem lilienweißen Medway auf, weil sie so attraktiv und exotisch war. Einmal erzählte ich beim Abendessen meinem Vater von ihr, und er erklärte, ich dürfe nicht einmal daran denken, mich mit ihr anzufreunden. Es war keine Drohung; er fand nur, wenn wir irgendwann heiraten würden, wäre es unfair gegenüber unseren Kindern, die ja dann halb weiß und halb schwarz wären. Dabei war ich erst in der siebten Klasse!
Ich erinnere mich auch, wie seltsam er mich anschaute, als ich meinen Highschoolfreund Norman Finkelstein erwähnte.
»Du bist mit einem Juden befreundet?«
»Na klar, ich mag ihn gern. Was hast du gegen Juden?«

Tom Ryan

Über Tom Ryan

Biografie

Tom Ryan war viele Jahre lang Herausgeber von »The Undertoad«, einer lokalpolitischen Zeitung in Newburyport, Massachusetts. 2007 verkaufte er seine Anteile und zog in die White Mountains New Hampshires, wo er mit seinem Zwergschnauzer Atticus M. Finch dem gemeinsamen Hobby frönt: Bergsteigen. Ryan...

Pressestimmen

Süddeutsche Zeitung

»Überaus charmantes Wanderbuch.«

Die Zeit

»Ryan beherrscht die amerikanische Schule des Storytelling: Die Episoden sind geschickt miteinander verschränkt, Cliffhanger halten die Spannung hoch, Krisen und Glücksmomente wechseln einander ab und auch die Zeitebenen sind souverän voneinander abgesetzt. Das ist einfach mal gut erzählt.«

Anzeigenzeitung Main Samstag der Frankfurter Rundschau

»Ein tolles Buch, das man gar nicht mehr aus der Hand legen möchte.«

Schweizer Familie

»Dem unterhaltsamen Schreiber Tom Ryan ist ein Buch gelungen, das mehr als nur rührend ist. (...) Doch Vorsicht: Nach dieser Lektüre werden Sie wandern wollen. Und sich vielleicht einen Hund kaufen.«

Ein Herz für Tiere

»Anrührend und lesenswert.«

Dogs

»Amüsant und voller Spannung. (...) Schmökert man gern.«

Inhaltsangabe

Prolog

ERSTER TEIL Unschuld verloren, Unschuld gefunden

Eine Tür öffnet sich

»Nehmen Sie ihn überall mit hin«

Große Veränderungen

Ein Geschenk

»Da oben stirbt man im Winter«

Für die Kinder

Der ganz große Plan

Der kleine Riese

Sterne, die den Weg erleuchten

Das M ist wichtig

»Unser Glaube kommt in Augenblicken«

Atticus inkognito

Der Zauber des Agiochook

Fünf erstaunliche Tage

Danke, mein Freund

ZWEITER TEIL

Licht über Dunkelheit

Eine traurige Wendung

»Ich lasse ihn nicht allein«

Freunde von Atticus

Seelenarbeit

Brotkrumen

Abendessen mit Frank Capra

Das Versprechen

DRITTER TEIL

Der Kreis schließt sich

Ein neuer großer Plan

Die Hexe

Der Zauber liegt dort, wo man ihn findet

Tod auf der Franconia Ridge

Mein letzter Brief nach Hause

Diese Augen, diese wundervollen Augen

Mount Washington

Abschied

Herzschmerz

Die schöne Kunst des Schlenderns

Paige

Zu Hause

Dank

Kommentare zum Buch

Gipfelbild mit Hund
C.Degenkolbe am 12.04.2013

Ein unglaubliches Buch. Man lebt mit ihm, man wandert, zittert, lacht, schwitzt, träumt und weint mit. Lange hat mich kein Buch so tief und auf so vielen Ebenen berührt. Danke ihr zwei.

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