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Geschenkte WurzelnGeschenkte Wurzeln

Geschenkte Wurzeln

Warum ich mit meiner wahren Familie nicht verwandt bin

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Geschenkte Wurzeln — Inhalt

Janine Kunze wird als Baby von ihrer Mutter weggegeben und wächst bei einer Pflegefamilie auf. Als ihre leiblichen Eltern wieder zusammenkommen, wollen sie Janine zurückholen. Doch Janines Platz ist bei ihren Pflegeeltern und sie kämpft darum, von ihnen adoptiert zu werden. Ein Buch über Mütter und Töchter, Identität und wahre Familienbande.

€ 9,99 [D], € 10,30 [A]
Erschienen am 19.01.2015
Mitautor: Sabine Cramer
288 Seiten, Broschur
ISBN 978-3-492-30631-7
€ 8,99 [D], € 8,99 [A]
Erschienen am 12.03.2013
Mitautor: Sabine Cramer
288 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-492-96192-9

Leseprobe zu »Geschenkte Wurzeln«

Liebe Leserinnen, lieber Leser,


Ein Kind wird geboren. In eine Familie, die es mit Spannung erwartet. Mit einem Vater und einer Mutter, die es mit tief empfundener Liebe empfangen und bereit sind, ihre Zukunft liebevoll mit ihm zu teilen, das Kind zu begleiten und ihm Werte zu vermitteln. »Zwei Dinge sollen Kinder von ihren Eltern bekommen: Wurzeln und Flügel«, wie es bei Goethe heißt. Wurzeln im sicheren Wissen, wo unser Zuhause und unsere Herkunft liegen, Flügel, die uns in die Welt hinaustragen und unseren Horizont erweitern.

Das ist unsere [...]

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Liebe Leserinnen, lieber Leser,


Ein Kind wird geboren. In eine Familie, die es mit Spannung erwartet. Mit einem Vater und einer Mutter, die es mit tief empfundener Liebe empfangen und bereit sind, ihre Zukunft liebevoll mit ihm zu teilen, das Kind zu begleiten und ihm Werte zu vermitteln. »Zwei Dinge sollen Kinder von ihren Eltern bekommen: Wurzeln und Flügel«, wie es bei Goethe heißt. Wurzeln im sicheren Wissen, wo unser Zuhause und unsere Herkunft liegen, Flügel, die uns in die Welt hinaustragen und unseren Horizont erweitern.

Das ist unsere Vorstellung davon, was ein Kind idealerweise auf dieser Welt erwarten sollte. Doch viele Kinder werden in ganz andere Situationen hineingeboren. So ging es auch mir.

 

Im September 2011 wurde die Bitte an mich herangetragen, ein Buch über meine Kindheit und Jugend zu schreiben. Ich hatte vorher in einer Fernsehsendung zum ersten Mal öffentlich über meine Vergangenheit als Pflegekind gesprochen und – für mich ganz überraschend – eine Flut an positiver Resonanz erhalten. Vielen Betroffenen machte meine Geschichte Mut. Andere erkannten sich in meinen Erzählungen wieder und waren erleichtert, dass jemand öffentlich erzählte, wie sich ein Kind fühlt, das in einer Welt ankommt, die nicht so recht weiß, wohin mit ihm. In einer Welt, die es zunächst nicht liebevoll empfängt.

In den kommenden Tagen folgten viele Gespräche mit meinem Mann und einigen engen Freunden. Schnell war mir klar, dass es mir ein großes Anliegen ist, ein Bewusstsein für Kinder zu schaffen, die wie ich keine idealen Startvoraussetzungen haben. Verständnis für sie und die Familien, in denen sie aufwachsen, zu stiften. Ihnen Mut zu machen. Trotzdem blieben Zweifel. Würden meine Erinnerungen für ein ganzes Buch ausreichen? Konnte ich den Erinnerungen meines neun- oder zehnjährigen Ichs überhaupt trauen?

An Vieles aus meiner Kindheit und Jugend kann ich mich nämlich gar nicht mehr detailliert erinnern. Vielleicht sind diese Lücken das Ergebnis eines Mechanismus, der mich vor schmerzhaften Erinnerungen schützt. Oft sind mir lediglich die Gefühle, die ich in den verschiedenen Situationen empfunden habe im Gedächtnis geblieben. Was genau passiert ist und wer was wann gesagt hat, weiß ich heute nicht mehr. Manchmal könnte ich noch nicht mal mit Sicherheit sagen, wer in welcher Situation anwesend war oder wo sich etwas abgespielt hat. Manchmal vermischen sich mehrere Begebenheiten im Rückblick zu einer einzigen.

Deshalb schlug ich dem Verlag vor, die Mosaiksteine meiner Erinnerung und das, was mir andere später aus meiner Kindheit erzählt haben, zu einer Geschichte zusammenzusetzen, die meinen Empfindungen entspricht, aber nicht den Anspruch erhebt, die alleinige Wahrheit zu sein.

 

Ich möchte mit diesem Buch niemanden bloßstellen. Ich habe heute ein wunderschönes Leben und eine großartige eigene Familie. Dafür bin ich sehr dankbar. Es gibt für mich keinen Grund, andere zu kritisieren oder zu verletzen. Ich hege keinen Groll, gegen niemanden.

Jeder Mensch denkt, fühlt und handelt anders. Ich lasse Sie teilhaben an einigen ganz persönlichen Gedanken und Begebenheiten aus meiner Vergangenheit.

Außer meinem eigenen Namen habe ich die Namen aller Personen in diesem Buch verändert, weil es mir sehr wichtig ist, die Privatsphäre derer zu wahren, die mir am Herzen liegen. Ebenso wichtig ist es mir, Verständnis für betroffene Kinder und Familien zu wecken und vor allem den Kindern eine Stimme zu geben. Deshalb erzähle ich meine Geschichte.

 

Danke, dass Sie sich die Zeit nehmen, mein Buch zu lesen!

 

Janine Kunze, im März 2013

Mutter sein

Der Sommer 2003 war einer der heißesten, an die ich mich erinnern kann. Ich liebte die Sonne, aber musste das ausgerechnet während meiner ersten Schwangerschaft sein? Seit einigen Monaten hatte ich ganz schön was zu schleppen. Jetzt schien es mir, als packte mir die Hitze zusätzlich noch mal zehn Kilo drauf. Trotz der Anstrengung genoss ich jeden Augenblick, ich war glücklich und die Sonne strahlte mir direkt ins Herz.

In der Nacht zum 28. Juli hatten die Schmerzen begonnen und ich wusste sofort, dass es losging und dass das Warten endlich ein Ende hatte. Ich war durch den Garten spaziert und hatte versucht, in der Badewanne zu entspannen. Jetzt saß ich schon seit Stunden auf diesem blöden Pezziball und versuchte, meine Schmerzen »wegzuatmen«. Aber wie zum Teufel sollte das gehen?

»Kann ich irgendetwas für dich tun?«, fragte mein Mann besorgt.

»Was hast du dir denn da so vorgestellt?«, fragte ich zurück.

»Vielleicht möchtest du etwas essen oder so?«

»Isst du etwas, wenn’s dir total elend geht?«, giftete ich genervt.

Jetzt sah er richtig hilflos aus. In den letzten Wochen hatte ich eine völlig neue Seite an ihm kennengelernt: Unsicherheit. Sofort hatte ich ein schlechtes Gewissen. Er wollte mir ja nur beistehen und irgendwie helfen. Wir wollten ja jetzt alles gemeinsam machen. Das hatten wir uns vor gerade mal etwas mehr als einem Jahr versprochen, auf unserer wundervollen Hochzeit. Aber hier musste ich jetzt wirklich alleine durch, daran ließ sich einfach nichts ändern.

 

So weh mir gerade alles tat, so anstrengend es gerade war und so sehr ich mir auch wünschte, alles hinter mir zu haben, so sehr freute ich mich auch über jede Wehe. Oder redete mir das zumindest ein. Ein bisschen Autosuggestion war ein gut gemeinter Rat von meiner Hebamme gewesen. Aber eigentlich hatte sie recht, denn jede Wehe brachte mir ja das von uns ersehnte neue Leben ein Stück näher.

 

Die letzten Monate waren geprägt gewesen von vielen widersprüchlichen Gefühlen: Angst, Sorgen, Ungewissheit, aber vor allem von einer unbändigen Vorfreude und tiefer Liebe, wie ich sie zuvor noch nie empfunden hatte. Etwas Neues kam auf uns zu. Ich hatte mir mein Leben so hart erarbeitet, und jetzt würde es komplett umgekrempelt werden. Aber ich hatte keine Angst, sondern konnte es kaum noch aushalten vor Spannung und Neugier. Ich war glücklich, voller Tatendrang und vor allem voller Kraft, wie ich das selten erlebt hatte. Die Sonne schien. Ich war bereit für einen Neuanfang. Ich war bereit für ein neues Leben. Ich war bereit für mein Kind! Das ich niemals wieder hergeben würde.

 

Zwei Welten

 

Das Schönste im Leben ist, dass unsere Seelen nicht aufhören, an jenen Orten zu verweilen, wo wir einmal glücklich waren.

Khalil Gibran

 

»Hey, Janine, der Ball ist heiß, gleich treff ich dich!« Markus holte weit aus, als könnte er die Wucht des Aufpralls damit steigern. Gar nicht so einfach mit einem Softball.

Ich grinste.

»Du kriegst mich niemals! Dazu müsstest du ja zielen können«, rief ich und strich mir eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Ich wollte gewinnen, auch wenn die Lage im Moment eher aussichtslos war. Ich hatte diesmal die Loser-Mannschaft erwischt und nur noch Claudi und ich standen auf dem Feld. Alle anderen waren »Geister« und mussten außerhalb des Feldes bleiben, das wir mit weißen Kreidesteinen auf den Asphalt gemalt hatten. Markus zielte, warf, und mit einer blitzschnellen Bewegung nach rechts drehte ich mich dem Ball entgegen.

»Gefangen! Gefangen!«, triumphierte ich und hüpfte mit dem Ball in der Hand auf und ab, als wäre ich ein Flummi.

»Blöde Kuh!«, sagte Markus.

Er ärgerte sich schwarz. Ich war zwar gerade erst neun geworden, aber im Völkerball war ich auch für die Älteren kaum zu schlagen. Markus war schon zehn und ging in die vierte Klasse. Ich ging in die dritte. Markus fand es blöd, dass ich ihm immer entwischte, und dachte sich ständig neue Beschimpfungen für mich aus. Aber das war mir egal, solange ich gewann. Meine Mannschaft jubelte. Völkerball war das Beste überhaupt. Mein absolutes Lieblingsspiel.

Seit einer Woche waren Osterferien. »Kaum zu glauben, wie warm es schon ist. Dabei ist doch erst Ende März!«, sagte Mama ungefähr zehn Mal am Tag. In unserer Straße gab es nur noch eins: Völkerball spielen, bis die Laternen angingen und unsere Mütter uns zum Abendessen riefen. Alle Kinder wohnten in einem der Reihenhäuser, die eigentlich alle gleich aussahen: Jägerzaun, Vorgarten, Haustür mit Vordach, zwei Fenster unten, zwei Fenster oben, rote Dachziegel. Bei manchen hatte das Vordach Ziegel, bei anderen war es aus gewelltem Glas. Manche Häuser waren grün, andere braun und wieder andere weiß. Das waren die einzigen Unterschiede. Hinten hatten wir alle noch einen kleinen Garten und eine Terrasse, auf der wir manchmal mit den Nachbarn grillten. Auf der Straße parkten ein paar Autos. Außer unseren Eltern, unseren Verwandten und Bekannten fuhr hier niemand rum. Es gab hier auch keine Läden. Nur jede Menge Reihenhäuser, Gärten und Garagen. Wir konnten die ganze Straße als Spielfeld benutzen.

Mist, Claudi war getroffen und zum Geist geworden! Jetzt hing alles an mir. Vor Spannung kribbelte es in meinen Fingern.

»Ach du Scheiße, schaut euch den Wagen an!«, rief Tobias plötzlich und starrte mit offenem Mund die Straße hinunter. Die anderen Kinder folgten seinem Blick. Langsam näherte sich ein goldbrauner Porsche. Cabrio. Mit offenem Dach, obwohl es doch noch gar nicht Sommer war. Er passte in diese Siedlung wie ein Pfau in einen Ententeich, dachte ich und wandte mich ab. Wie aus einer anderen Welt.

»Getroffen! Getroffen!« Markus jubelte, als der Softball mich am Rücken traf. Aber keiner beachtete ihn. Ich drehte mich um und streckte ihm die Zunge raus. »Blödmann!«, sagte ich.

Alle anderen Kinder beobachteten den Porsche. Er hielt direkt neben unserem Spielfeld. Der Fahrer hatte den Ellenbogen auf den Türrahmen gelehnt. Er hatte braunes Haar, das hinten im Nacken etwas länger war, und trug einen Schnauzbart. Außerdem eine Sonnenbrille mit großen, tropfenförmigen Gläsern, die oben etwas dunkler getönt waren als unten. Neben ihm saß eine wunderschöne blonde Frau. Sie stieg aus dem Wagen. Ihre endlos langen Beine steckten in hochhackigen, spitzen Schuhen und schwarzen Strumpfhosen. Sie trug einen türkisfarbenen Minirock, eine enge Bluse und riesige pinkfarbene Plastikohrringe. Sie sah umwerfend aus.

»Deine Mutter sieht toll aus!«, sagte Claudi.

»Jaaa, na ja, geht so«, murmelte ich. »Können wir jetzt weiterspielen?«

Keiner antwortete. Einerseits fand ich es cool, dass meine Freunde meine Mutter so super fanden. Sie war ganz anders als alle unsere anderen Mütter. Ganz anders als Mama. Andererseits konnten wir jetzt nicht mehr weiterspielen. Ich zumindest nicht. Das ärgerte mich. Ich musste aufhören, das zu tun, was mir Spaß machte. Wozu ich richtig Lust hatte. Was ich am liebsten tat. Um das zu tun, was sie gerne tat. Denn es war mal wieder so weit: Irgendjemand hatte bestimmt, dass ich dieses Wochenende bei meiner Mutter verbringen würde. Letzten Sonntag hatte ich Geburtstag gehabt und war neun Jahre alt geworden. Am Montag hatte mich meine Mutter abgeholt und wir waren zusammen mit ihren beiden Cousinen italienisch Essen gegangen.

Sie hatte mir das Barbie-Pferd geschenkt, das ich mir gewünscht hatte. Und dazu eine Crystal Barbie, die hatte ein weißes, glitzerndes langes Kleid an, Diamantenohrringe und einen Tüllumhang. Und eine Skipper, Barbies jüngere Schwester. Danach hatte sie keine Zeit mehr gehabt, deshalb hatte sie mich wieder nach Hause gefahren. Obwohl ja eigentlich gerade Osterferien waren und ich auch bei ihr hätte schlafen können, weil am nächsten Tag keine Schule war. Das ging aber nicht, deshalb holte sie mich heute am Freitag noch einmal ab.

 

»Janine, Schätzchen, komm, trödel nicht! Sag schnell Tschüss zu deiner Mama und dann lass uns fahren. Wir müssen um sechs zu Hause sein, später kommen meine Freundinnen zu Besuch. Ach ja, das hier ist übrigens Ralf.« Sie deutete auf den Fahrer des Porsche. Ich lief schnell nach Hause und sagte Mama Bescheid, dass sie da war.

»Vergiss deine Jacke nicht, Maus. Es soll kalt werden morgen.« Mama drückte mich ganz fest und gab mir einen Kuss.

»Ich hab dich lieb«, sagte sie leise an meinem Ohr.

In der Zwischenzeit hatten sich alle Kinder um das Auto geschart. Die Jungs starrten wie gebannt auf den Sportwagen. Die Mädchen auf den Minirock meiner Mutter. Sie lächelte wie in einem Modekatalog. Und auch ich musste jetzt lächeln. Meine Mutter war cool. Voll cool.

Papa kam gerade zurück vom Joggen. Ich sah ihn eine Seitenstraße vor unserer noch einmal abbiegen. Er hatte wohl keine Lust, meine Mutter zu treffen, und lief noch eine Runde länger.

 

Der Porsche beamte uns von Köln-Frechen in eine andere Welt. Ralf hatte auf der Fahrt fast nichts gesagt und sich vor dem Haus schon wieder von uns verabschiedet. Ich wusste nicht, ob ich ihn überhaupt noch einmal zu Gesicht kriegen würde.

Bei meiner Mutter war alles anders als zu Hause: bunter und glänzender als bei uns. Ihre Wasserhähne waren golden und verschnörkelt. Die Hebel, an denen man drehen musste, damit Wasser herauskam, hatten die Form von kleinen Flügeln. Ich mochte es, mit den Fingern an den Schnörkeln entlangzufahren. Ihre Wohnung war kleiner als unser Haus, aber sie hatte einen sehr großen Kleiderschrank und war die einzige Frau, die ich kannte, die immer Stöckelschuhe trug. Niemand in unserer Siedlung trug Stöckelschuhe. Nicht einmal zu Weihnachten.

In ihrer Wohnung gab es einen großen Raum, der Wohn- und Esszimmer zusammen war. An der Seite, wo es zur Küche ging, stand ein runder Esstisch aus Glas, um den sechs glänzende Metallstühle passten. An der Wand hing ein Foto von einem Sonnenuntergang, vor dem sich die Umrisse eines schwarzen Vogels abzeichneten, der am Himmel kreiste. Gegenüber hingen Bilder, die nur aussahen wie Fotos, in Wahrheit aber gemalt waren. Auf einem war eine knallrote Kirsche, die gerade mit einem großen Platsch in einen rosa Cocktail fiel. Im Wohnzimmer hatte sie noch eine weiße Couch, in die man sich richtig tief reinlümmeln konnte. Und einen Couchtisch aus einem weißen, glatten Stein, der sich immer kühl anfasste.

Sie hatte auch einen Pudel. Er hieß einfach nur »Pudel« und trug meistens ein Halsband mit Strasssteinen. Ich mochte ihn überhaupt nicht.

Etwas unschlüssig folgte ich ihr ins Schlafzimmer und setzte mich auf ihr riesiges, weiches Bett.

»Janine-Schätzchen, soll ich dich schminken?«

»Mhm, gerne«, murmelte ich. Schminken mochte ich.

»Und morgen gehen wir erst mal einkaufen. Dann kauf ich dir ein paar tolle T-Shirts. Pink würde dir sicher besser stehen als dieses Dunkelblau, in dem du da rumläufst. Das ist doch total langweilig und trist!«

»Okay«, sagte ich. Ich liebte mein dunkelblaues T-Shirt. Immerhin hatte es eine gelbe Blume auf der Brusttasche. Mama hatte es mir erst vor ein paar Wochen zu meinem neunten Geburtstag geschenkt.

Sie nahm ein pinkfarbenes Lipgloss von der Frisierkommode und setzte sich vor mich auf einen Hocker. Ganz konzentriert guckte sie auf meine Lippen, während sie sie anmalte. Ich kannte niemanden, der so lange Wimpern hatte wie sie. Heute hatte sie knallblaue Wimperntusche genommen. Ihre Augen sahen immer aus wie Sterne.

Jetzt kam der Kajal – ich musste nach oben schauen und sie schob mit einem Finger leicht das Lid nach unten und malte einen Strich in die Innenseite über die Wimpern. Ich musste blinzeln, aber ich wusste, gleich würde ich wunderschön aussehen.

Sie lehnte sich zurück und sah mich prüfend an: »Wenn du groß bist, siehst du mal genauso aus wie ich. Gefällt dir das? Findest du mich schön?«

»Ja, klar !« Was für eine Frage! Sie war die schönste Frau, die ich kannte. Und die alle anderen Kinder in der Siedlung kannten.

Lächelnd drehte sie sich zur Frisierkommode um und zog die Schmuckschublade heraus.

»Guck mal, was hältst du von der Strasskette? Damit wirst du aussehen wie meine kleine Prinzessin!«

Sie hielt mir eine Kette mit tausend funkelnden Steinen vor die Nase. Ich wusste, sie hatte recht: Damit würde ich aussehen wie eine Prinzessin. Oder wie Crystal Barbie.

»Danke«, sagte ich.

 

Nach dem Schminken bestellten wir bei einem Lieferservice Spaghetti Bolognese. Sie schmeckten lecker. Nudeln waren mein Lieblingsessen. Bei meiner Mutter gab es eigentlich immer Nudeln. Manchmal auch Pizza. Beim Essen erzählte mir meine Mutter, was wir am nächsten Tag machen würden:

»Morgen fahren wir mit dem Taxi in die Stadt, das machst du doch so gerne! Ich will mir ein paar neue Schuhe kaufen und dazu eine passende Handtasche. Du bekommst etwas Schönes von Esprit oder Benetton, ja?«

»Ja, super !«, sagte ich. Mit dem Taxi fahren war toll, trotzdem musste ich ganz kurz an die anderen Kinder denken, die morgen wieder Völkerball spielen konnten.

Als wir aufgegessen hatten, klingelte es. Ich rannte zur Tür. Davor standen Muttis beste Freundinnen: Petra, Sandra und Renate. Die drei waren oft zu Besuch, manchmal brachte Petra mir irgendein Spielzeug mit.

»Hallo, Janine!«, begrüßte mich Petra und streichelte mir über den Kopf. Ich mochte es nicht so richtig, wenn mir jemand über den Kopf streichelte. Aber ich sagte lieber nichts.

»Sie ist dir wirklich wie aus dem Gesicht geschnitten. Total süß!«, sagte Petra zu meiner Mutter und tat dabei so, als würde sie sie auf beide Wangen küssen.

Die Frauen setzten sich an den großen Esstisch. Meine Mutter goss jeder ein Glas Wein ein und stellte Chips, Erdnussflips und Salzstangen auf den Tisch. Ich wollte mich gerade auf einen der beiden freien Stühle setzen, da sagte sie: »Janine-Schätzchen, schau doch ein bisschen Video! Ich hab viele neue Filme da, such dir was aus!«, und deutete lächelnd auf die Couch und den Fernseher im Wohnzimmer.

Super ! Videoschauen fand ich toll. Ich hüpfte zu dem Schränkchen, auf dem der Fernseher stand. In den Fächern darunter waren wie immer die neu ausgeliehenen Videos. Sofort hatte ich den besten Film gefunden. Ich schnappte mir die Kassette und hielt sie in die Höhe.

»Darf ich Rocky gucken?«, fragte ich vorsichtig. Ich wusste genau, dass Rocky ein Film für Erwachsene war. Zu Hause würden sie mir das nie erlauben. Egal, wie sehr ich darum bitten würde. Aber immerhin war ich ja jetzt schon neun.

»Ja, klar ! Du weißt doch, du darfst gucken, was du willst!«, rief meine Mutter von der Essecke rüber. »Und jetzt lass uns ein bisschen quatschen, ja?«

Ich legte den Film in den Videorekorder, kuschelte mich auf die Couch und drückte auf die Fernbedienung. Plötzlich berührte mich etwas am Fuß. Ich guckte nach unten. Oh Mann, der Pudel!

»Na komm, hüpf hoch!«, forderte ich ihn auf und tätschelte auf den Platz neben mir. Doch der Pudel schaute nur ratlos aus seinen kleinen Augen und trottete wieder zurück ins Esszimmer.

Janine Kunze

Über Janine Kunze

Biografie

Janine Kunze ist Schauspielerin und Moderatorin. Bekannt wurde sie als Tochter in »Hausmeister Krause« (Deutscher Comedypreis 2002 als beste Sitcom), außerdem war sie in diversen Kino- und Fernsehfilmen sowie in zahlreichen Fernsehserien zu sehen. So spielte sie die weibliche Hauptrolle in der...

Pressestimmen

Hörzu

»Eindringlich (...) Das Ganze ist viel mehr als ein Einzelschicksal. Es geht um Mütter und Töchter und die Bedeutung echter Familienbande.«

Pfad - Fachzeitschrift für die Pflege- und Adoptivkinderhilfe

»Die aufregenden, aus der Erlebnisperspektive heraus geschilderten Kindheits- und Jugenderinnerungen von Janine Kunze haben es in sich.«

Clicclac

»Emotional und bewegend. (...) Ein Buch über Mütter und Töchter, Identität und wahre Familienbande. Ehrlich, verständlich und berührend geschrieben.«

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