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Höhen und Tiefen meines Lebens

mit Fred Sellin

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Geradeaus — Inhalt

Maria Höfl-Riesch ist die bekannteste deutsche Sportlerin. Doppel-Olympiasiegerin, Weltmeisterin, Gesamtweltcupgewinnerin. Als das sympathische, authentische Mädel von nebenan wurde sie gefeiert, als Profi mit Starallüren von Teilen der Medien geschmäht. Nun gibt sie, mit bislang unveröffentlichtem Bildmaterial, selbst Auskunft: über ihre Karriere, über Siege und die Kunst, auch Niederlagen Positives abzugewinnen. Zum ersten Mal spricht sie darüber, was im Duell der Freundinnen mit ihrer Erzrivalin Lindsey Vonn wirklich geschah. Wie wesentlich Familie für sie ist. Über das Zerwürfnis mit ihrem Trainer bei den Olympischen Spielen in Vancouver. Über brutale Stürze, Verletzungspech und die Konkurrenz zur eigenen Schwester Susanne.

€ 9,99 [D], € 9,99 [A]
Erschienen am 09.10.2012
Mitautor: Fred Sellin
256 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-95818-9

Leseprobe zu »Geradeaus«

DURCHATMEN

Der Strand von Parrot Cay. Diese Farben – wie auf einer dieser kitschigen Postkarten, bei denen man zu Hause immer denkt: Völlig übertrieben, so wird es da niemals aussehen. Aber hier sieht es tatsächlich so aus, ganz genau so.
Ich sitze im Sand, er ist warm und fein wie Puderzucker und auch fast so weiß. Der Wind wirbelt die oberste Schicht auf und pustet sie wie Staub vor sich her. Das Meer schimmert kristallklar in verschiedenen Türkistönen. Glucksend schwappt das Wasser träge ans Ufer. Weiter draußen weiße Schaumkronen, wie eine [...]

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DURCHATMEN

Der Strand von Parrot Cay. Diese Farben – wie auf einer dieser kitschigen Postkarten, bei denen man zu Hause immer denkt: Völlig übertrieben, so wird es da niemals aussehen. Aber hier sieht es tatsächlich so aus, ganz genau so.
Ich sitze im Sand, er ist warm und fein wie Puderzucker und auch fast so weiß. Der Wind wirbelt die oberste Schicht auf und pustet sie wie Staub vor sich her. Das Meer schimmert kristallklar in verschiedenen Türkistönen. Glucksend schwappt das Wasser träge ans Ufer. Weiter draußen weiße Schaumkronen, wie eine horizontale Linie. Sie verschwinden für einige Sekunden, um dann plötzlich wieder da zu sein. Dort liegt das Hausriff, es bricht die Wellen, die vom offenen Meer heranrollen.
Die Sonne steht jetzt fast senkrecht über mir. Ab und zu schiebt sich eine Wolke davor, die jedoch rasch weitertreibt, als wäre es ihr unangenehm, dass sich ihretwegen Schatten über dem Strand ausbreitet.
Parrot Cay ist eine kleine Insel in der Karibik, östlich von Kuba und nördlich der Dominikanischen Republik. Flach wie eine Scheibe lieg sie im Ozean. Kein Hügel erhebt sich höher als zehn Meter. Und zehn Meter sind für jemanden, der wie ich aus den Bergen kommt, noch dazu am Fuße der Zugspitze aufgewachsen ist, ja praktisch nichts.
Hinter mir gedeihen Palmen und Pinien und irgendwo auch wilde Mangos. Über dem Wasser kreisen Pelikane. Sie stechen pfeilschnell in die Tiefe, sobald sie unter sich Beute erspähen. Und ein Stück den Strand hinauf steht das Haus von Keith Richards. Er soll fast das halbe Jahr auf der Insel verbringen, wie ein Angestellter unseres Hotels erzählte. Gerade ist er wieder da, gestern haben wir ihn gesehen, er saß an der Bar.

Die Szenerie hat etwas Unwirkliches.
Es ist April. Zu Hause müht sich der Frühling, auf Parrot Cay herrscht das ganze Jahr über Sommer. Und vor einer Woche bin ich noch Ski gefahren, in Hochgurgl, in fast dreitausend Meter Höhe. Wir haben neue Skimodelle für die nächste Weltcup-Saison getestet. Dabei war die letzte gerade erst vorüber. Manchmal kommt es mir vor, als würde ich in einem Hamsterrad strampeln: Training – Rennen – andere Termine, und dazwischen kaum eine Verschnaufpause.
Viele meinen, Wintersportler könnten sich in den Monaten, in denen es bei uns keinen Schnee gibt, auf die faule Haut legen. Schön wär’s, aber so ist es nicht. Zwar dauert eine Rennsaison nur von Oktober bis März, was auch nicht gerade kurz ist. Doch bereits im April, spätestens Anfang Mai beginne ich schon wieder mit der Vorbereitung auf die nächste.
Unter uns Skifahrern gibt es ein Sprichwort: Die Sieger des Winters werden im Sommer gemacht.
Erst trainiere ich sehr viel Ausdauer und Kraft, sechs bis acht Stunden täglich, sechs Tage die Woche. Und wenn dann in Europa der Hochsommer einkehrt, macht sich unser Team auf den Weg, einmal um den halben Globus, nämlich dorthin, wo genügend Schnee liegt, um vernünftig Skifahren zu können. Fürs Techniktraining geht es nach Queenstown in Neuseeland – dreißig Stunden Flug pro Strecke, jeweils mit drei Zwischenstopps. Anschließend düsen wir nach Chile, in eine entlegene Andenregion, um auch in den Speed-Disziplinen richtig in Schwung zu kommen. Und ehe man sich versieht, ist auf einmal Oktober, und die Weltcup-Karawane zieht wieder los.
Am Ende einer Skisaison bin ich immer ziemlich erschöpft. Da ich nach wie vor in allen fünf Disziplinen – Abfahrt, Super-G, Riesenslalom, Slalom und Kombination – starte, stecken mir dann rund vierzig Rennen in den Knochen, das geht an die Substanz. Manchmal sind es sogar mehr, kommt darauf an, ob neben den Weltcup-Rennen noch Weltmeisterschaften waren, die finden alle zwei Jahre statt, oder gar Olympische Spiele.
Umso mehr genieße ich jetzt die Zeit auf der Insel. Es war eine ausgezeichnete Idee, hierher zu fliegen. Man fühlt sich wie im Paradies. Aber das allein ist es nicht. Der räumliche Abstand tut einfach gut. Durch die Zeitverschiebung kann ich das Handy mal ausgeschaltet lassen. Das hilft ungemein, den Kopf freizubekommen und durchzuatmen. Auch wenn es nur für ein paar Tage ist.
Dabei könnte ich diesmal gut etwas mehr Urlaub vertragen. Die zurückliegende Saison zehrt an mir, stärker als ich es von früheren kenne, und das nicht nur körperlich. Vielleicht körperlich sogar am wenigsten, obwohl es da den Winter über auch harte Phasen gab. Was mir aber beinahe noch mehr zusetzte, war die Begleitmusik, die drum herum angestimmt wurde – von einigen Journalisten, aber auch von anderen.
Seit über zehn Jahren bin ich Profisportlerin. Skifahren ist meine Leidenschaft und gleichzeitig mein Beruf. Es gibt nichts, was ich lieber mache, und nichts, was ich besser kann. Wer so lange wie ich dabei ist, weiß, wie der Skizirkus funktioniert, kennt all seine Mechanismen und Feinheiten.
Unser Sport ist kein Geheimunternehmen, sondern eine recht öffentliche Angelegenheit. Wenn wir bei Wettkämpfen die Pisten hinunterrasen, ist das Fernsehen dabei, und die Zeitungen berichten am nächsten Tag darüber. Gewinne ich, schreiben sie Positives über mich. Unterläuft mir ein Patzer, sodass ich nicht auf einem der vorderen Plätze lande, oder scheide ich sogar aus, kann ich mich auf Kritik gefasst machen. Das gehört zum Spiel, das sind gewissermaßen die Regeln, damit muss ich leben. Und dagegen habe ich auch nichts einzuwenden. Seine Meinung frei äußern zu dürfen ist ein hohes Gut.
Meine Mutter hebt alle Artikel über mich auf, die sie in die Hände bekommt. Das macht sie, seit mein Name das erste Mal in unserer Lokalzeitung erwähnt wurde, übrigens nicht als Skifahrerin, sondern als Tennisspielerin des SC Riessersee; unsere Mannschaft war Oberbayerischer Meister geworden. Damals muss ich neun Jahre alt gewesen sein. Im Winter darauf wurde ich dann Schülermeisterin im Riesenslalom, und die Zeitung druckte wieder einen ziemlich großen Bericht, sogar mit Foto, auf dem die Sieger der einzelnen Jahrgänge abgebildet waren. In meinem Rennanzug sah ich spindeldürr aus, und von meiner heutigen Größe war noch nichts zu erahnen.
Mittlerweile füllt die Sammlung zwölf dicke Aktenordner. Meine Mutter hat weiße gewählt, die Farbe passt am besten zum Winter. Blättert man sich durch die Artikel der letzten Jahre, stößt man schnell darauf, dass manche Schreiber ein Resultat schon als schlecht einstufen, sobald es nicht den Erwartungen entspricht, die sie anscheinend vor allem selbst hatten. Ob ich das genauso sehe oder mit meiner Platzierung eigentlich ganz zufrieden bin, weil ich an dem Tag vielleicht Fieber hatte, mich Schmerzen plagten oder aus irgendeinem anderen Grund einfach nicht mehr drin war – das spielt dann oft keine Rolle. Aber auch darüber beklage ich mich nicht. Berichterstatter können nicht alles wissen. Die Alternative wäre, ihnen jedes kleine Wehwehchen auf die Nase zu binden. Doch wer will das schon?

Die meisten tun ihr Bestes und behandeln mich fair. Sie sind höflich und zuvorkommend, wenn ich ihnen begegne, und setzen sich in ihren Artikeln sachlich mit meinen sportlichen Leistungen auseinander. Manche begleiten meine Karriere seit Langem, interessieren sich ehrlich für den Sport und haben echt Ahnung davon. Denen fällt natürlich auf, wenn ich auf der Strecke Fehler fabriziere oder aus irgendeinem Grund nicht volles Risiko fahre, und davon schreiben sie dann. Das ist ihr gutes Recht, und ich bin klar damit.
Nun könnte ich die wenigen aus der Reporterschar, die ihren Job offenbar anders verstehen, einfach ignorieren und mir sagen: Sollen sie ruhig, war scheren mich diese Leute! Am Anfang, als sie ihre ersten Giftpfeile in meine Richtung abschossen, hatte ich mir das sogar fest vorgenommen. Aber dann wurde mir klar, dass ich das nicht kann. Meine Eltern haben mich und meine Geschwister anders erzogen. Ihnen war immer wichtig, dass wir uns nicht verbiegen lassen oder verstellen, nur um jemandem zu gefallen. Seit wir klein waren, legten sie Wert darauf, dass wir sagen, was wir denken, und für die Sachen eintreten, die uns am Herzen liegen. Diese Geradlinigkeit liegt in unserer Familie sozusagen in den Genen. Meine Mutter hat sie von ihren Eltern mitbekommen und an uns Kinder – Susanne, Matthias und mich – weitergegeben. Es ist keine Charaktereigenschaft, für die man sich schämen müsste, sie macht einem das Leben aber auch nicht unbedingt einfacher. Gesellt sich dann noch ein ausgeprägtes Gerechtigkeitsempfinden hinzu, wie in meinem Fall, auch das dürfte mir vererbt worden sein, kann man schon mal mit sich und der Welt ins Hadern geraten.
In den letzten Monaten wurden die abenteuerlichsten Geschichten über mich verbreitet. Einmal hieß es, ich dürfe neuerdings nicht mehr selbst bestimmen, wem ich ein Interview gebe und was ich dabei sage. Und »neuerdings« bezog sich auf die Zeit, seit ich mit Marcus, meinem Mann, zusammen bin, der ja gleichzeitig mein Manager ist – und hier am Strand gerade neben mir sitzt. Ein andermal durfte ich lesen, ich hätte mich über den Sommer schlank gehungert, um ihm besser zu gefallen und damit er mich als Modepuppe vermarkten könne. Und am Ende der Saison stellte einer dieser Schreiber sogar die aberwitzige Behauptung auf, ich wolle mich von der Trainingsgruppe des Deutschen Skiverbands trennen und mein eigenes Team aufbauen.
Alles reine Erfindungen, und das waren nicht die einzigen. Warum sie in die Welt gesetzt wurden? Ich weiß es nicht. Manchmal denke ich, aus purer Böswilligkeit. Andernfalls hätten sie mich gefragt, bevor sie solchen Unsinn drucken. Das wäre zumindest der übliche Weg gewesen, und so haben es die meisten bisher auch immer gehalten.

 

Ein Punkt stimmte jedoch: Als die Weltcup-Saison 2011/ 2012 begann, ging ich mit acht Kilo weniger auf den Rippen an den Start als in den Jahren zuvor. Eine Modelfigur, wie manche schrieben, hatte ich deswegen zwar nicht gleich, trotzdem war diese Veränderung natürlich nicht zu übersehen. Acht Kilo bei einer Körpergröße von einem Meter zweiundachtzig – das fällt schon auf, da muss man nicht erst zweimal hingucken. Ich machte auch gar kein Geheimnis daraus. Allerdings waren die Pfunde nicht gepurzelt, weil ich mir den Sommer über jede zweite Mahlzeit verkniffen hatte. Die Sache verhielt sich – leider – etwas komplizierter.
Wenn man es genau betrachtet, hatte ich auch gar nicht abgenommen, sondern nur nicht wieder zugenommen. Im Verlauf einer Saison verliere ich für gewöhnlich ungefähr sieben bis acht Kilo meines Gewichts. Das ist der ständigen Reiserei geschuldet, den vielen Rennen und sicher auch dem psychischen Druck, der die ganze Zeit auf einem lastet, mal stärker, mal schwächer, je nachdem, wie gut oder wie schlecht die Rennen laufen und was auf der Tour sonst noch passiert.
Die besagten acht Kilo hatten mir also schon nach der vorhergehenden Skisaison gefehlt, die diesmal besonders anstrengend gewesen war, weil kurz vor ihrem Ende, im Februar 2011, die Weltmeisterschaft stattgefunden hatte – und zwar in Garmisch-Partenkirchen, meiner Heimatstadt. Aus diesem Grund und weil es im Weltcup für mich bis dahin super gelaufen war, wurde ich in den Medien als die große Favoritin gehandelt, was den Druck noch einmal zusätzlich erhöhte. Es war pure Illusion, trotzdem schienen manche ernsthaft zu glauben, ich könnte fünf Goldmedaillen holen. Aber dazu komme ich später noch.
Erst einmal geht es nur darum, dass mich bei der WM in Garmisch ein ziemlich fieser bakterieller Infekt erwischte, der nicht nur sportlich unerfreuliche Folgen hatte. Um nach der ersten Disziplin, dem Super-G, überhaupt noch einmal vor heimischer Kulisse starten zu können, was ich natürlich unbedingt wollte, um jeden Preis, musste ich Antibiotika schlucken. Die brachten mich relativ schnell wieder auf die Beine, ruinierten aber mein Immunsystem und vor allem meine Darmflora. Noch monatelang hatte ich damit zu kämpfen, es wurde ewig nicht besser.
Ich konsultierte mehrere Ärzte und ließ alle möglichen Untersuchungen und Tests über mich ergehen. Bis herauskam, dass mein Körper bestimmte Lebensmittel nicht mehr verträgt, Kohlenhydrate in Form von Einfachzuckern zum Beispiel oder auch warme Milch. Vor der Antibiotikabehandlung hatte ich damit keine Probleme. Da habe ich täglich einige Latte Macchiato getrunken, ohne dass es mir etwas ausgemacht hätte. Jedenfalls musste ich meine Ernährung komplett umstellen. Und das führte dazu, dass ich mein Gewicht zwar halten konnte, aber halt kein Gramm zunahm. Das ist das ganze Geheimnis, von wegen Modepuppe!
Vielleicht war es falsch, diese Hintergründe nicht direkt offenzulegen. Aber ich dachte, das geht niemanden etwas an. Und hätte es nicht gewirkt, als suchte ich nur eine Ausrede für mein Abschneiden bei der Heim-WM? Zwei Bronzemedaillen und ein vierter Platz sind keine schlechte Ausbeute, dafür musste ich mich eigentlich nicht rechtfertigen. Zumal ich die Einzige in unserem Team war, die Medaillen für Deutschland errang. Doch anscheinend gibt es Menschen, die das nicht so sehen, für die Platz eins zählt und sonst nichts.
Außerdem fühlte ich mich zum Ende des Sommers wieder blendend. Ich hatte nicht weniger trainiert als sonst, eher das Gegenteil. Athletisch war ich bestens in Schuss, und auch meine Fitnesswerte waren ausgezeichnet. Trotz der schlankeren Statur oder vielleicht gerade deswegen. Jeder Skifahrer weiß, dass vor allem bei der Abfahrt und beim Super-G etwas mehr Gewicht nicht schadet. Doch die Trainingsläufe in Neuseeland und Chile und dann auch auf den Gletschern bei uns liefen nicht schlechter als mit meinem üblichen Gewicht.
Das Einzige, was ich zu diesem Zeitpunkt schwer einschätzen konnte: Wie würde mein Körper die Strapazen einer Weltcup-Saison wegstecken, sozusagen ohne Polster? Mir war klar, dass ich zusehen musste, während der Saison möglichst kein Gewicht mehr zu verlieren wie in den Jahren zuvor. Aber diese Aufgabe hatte ich mir nun wahrlich nicht freiwillig ausgesucht.

 

Alle anderen Vorwürfe waren dermaßen absurd, dass es nicht lohnt, sich über ihren Wahrheitsgehalt auszulassen. Allerdings fragte ich mich, wo sie herkamen. Hatte sich jemand die nur aus Langeweile aus den Fingern gesogen oder weil ihm sonst nichts Spannendes zu schreiben einfiel? Oder waren sie womöglich absichtlich gestreut worden, um mir zu schaden?
Doch wer konnte ein Interesse daran haben? Und warum gingen die Verantwortlichen des Deutschen Skiverbands nicht umgehend gegen solche Falschmeldungen vor? Zumindest die Story über die angeblich beabsichtigte Abspaltung vom Team betraf sie genauso wie mich. Erst recht, da sie mit der Behauptung garniert worden war, zwischen den Trainern und mir stimme die Chemie nicht mehr, was nun wirklich der größte Schmarrn war und dem Ganzen die Krone aufsetzte.
Die zögerliche Haltung einiger Leute im Verband machte mich stutzig. Zwar schickten sie dann noch ein offizielles Dementi, aber das hätte kaum weniger halbherzig ausfallen können, sodass es für mich nur noch mehr Fragen aufwarf. Endgültig aufgeklärt ist die Angelegenheit bis heute nicht. Die einen behaupten dieses, die anderen jenes. Und ich werde mich hüten, jemandem etwas zu unterstellen, von dem ich nicht sicher weiß, dass es der Wahrheit entspricht.
Ich beschreibe lediglich, was vorgefallen ist und womit man sich offenbar auseinandersetzen muss, wenn man eine bestimmte Stufe der Erfolgsleiter erklommen hat und nicht bereit ist, sich von jedem, der meint, er wüsste es besser, herumschubsen zu lassen. Das ist nämlich die andere Seite der Medaille, die, die sich hinter dem Glanz des Sieges verbirgt. Und da bin ich gewiss kein Einzelfall.
In dieser Beziehung war die vergangene Saison echt hart, die härteste meiner Karriere bislang. Ich würde mich niemals hinstellen und behaupten, dass ich immer alles richtig mache. Ich versuche es, das schon, aber niemand ist perfekt. Außerdem, ob man etwas als richtig oder falsch betrachtet, hängt oft von der Sichtweise ab.
Als Profiskifahrerin richte ich mein Leben komplett nach dem Sport aus – ohne Wenn und Aber. So bin ich es gewohnt, seit ich ein Kind war, und so halte ich es für richtig, weil ich weiß, dass man anders nicht erfolgreich sein kann. Vielleicht würde man mit etwas Glück mal einen Coup landen, das notwendige Talent vorausgesetzt. Dauerhaft an der Spitze etablieren könnte man sich ohne diese Disziplin und ohne eine gesunde Portion Ehrgeiz sicher nicht.
Trotzdem ist es in meinen Augen kein Fehler, sich auch rechtzeitig Gedanken über seine Zukunft zu machen. Unser Sport ist gefährlich.
Bevor ich 1999 zu meinen ersten FIS-Rennen antreten durfte, wurden vom Deutschen Skiverband alle möglichen Versicherungen für mich abgeschlossen, unter anderem für den Fall der Invalidität und des Todes. Außerdem musste ich – beziehungsweise mussten meine Eltern, ich war ja gerade mal vierzehn – eine Athletenerklärung unterschreiben. Darin stand: »Ich erkenne, dass mit Anstrebung ausgezeichneter Leistungen ein Risiko verbunden ist, welches darin besteht, dass ich meine physischen Fähigkeiten bis zum absoluten Limit erstrecken muss. Ich weiß und akzeptiere, dass mit der Ausübung eines solchen Wettkampfsportes Leben und körperliche Sicherheit gefährdet sein können. Diese Gefahren drohen jedermann im Wettkampf- und Trainingsbereich, insbesondere aus den Umweltbedingungen, technischen Ausrüstungen, atmosphärischen Einflüssen sowie natürlichen oder künstlichen Hindernissen …«
Das war kein bisschen übertrieben. Nicht umsonst sagt man, Ski alpin sei die Formel 1 des Winters. Und das nicht nur wegen des Tempos, mit der wir die Pisten hinunterfegen. Es sind schon genügend Skifahrer tödlich verunglückt.
Und selbst wenn nicht das Schlimmste passiert – ein böser Sturz, eine komplizierte Verletzung, und innerhalb von Sekunden kann alles vorbei sein. Ich weiß, wovon ich spreche, ich war selbst schon an dem Punkt, an dem ich fürchten musste, nie wieder auf Ski stehen und Rennen fahren zu können.
Abgesehen davon ist es mit der Karriere sowieso irgendwann vorbei. Schon deshalb halte ich es für gescheiter, beizeiten über den Tellerrand hinauszuschauen. Ich interessiere mich zum Beispiel sehr für Mode. Daher war ich sofort Feuer und Flamme, als Willy Bogner mir vor einiger Zeit das Angebot unterbreitete, eine eigene Kollektion für sein Label zu entwerfen. Was für eine Ehre!
Er stellte mir erfahrene Designer zur Seite, ich entwickelte Ideen für die farbliche Gestaltung und die Schnitte. Man vermutet nicht, was da alles dranhängt, wie viele Arbeitsschritte erforderlich sind, bis ein einziges Teil so aussieht, wie man sich es vorgestellt hat. Besonders faszinierend fand ich, zu beobachten, wie ein Gedanke, der ursprünglich nur in meinem Kopf existierte, in etwas Gegenständliches verwandelt wurde, erst als Skizze auf dem Papier, unzählige Male geändert und verworfen, bis hin zum fertigen Kleidungsstück. Diese Kreativität, ein bisschen wie Zauberei!
Ich wollte Skikleidung machen, die modisch im Trend liegt, gleichzeitig aber funktional ist. Die Hosen etwa sollten eng geschnitten sein – in vielen Skiklamotten sieht man ja aus wie ein Pirelli-Männchen – und dennoch in keiner Weise die Bewegungsfreiheit einschränken. Und Jacke und Hose wollte ich reichlich mit Taschen ausgestattet haben, damit man alles, was man beim Skifahren im Urlaub braucht, gut und griffbereit verstauen kann. Kurz gesagt: Ich habe versucht, mich so gut wie möglich einzubringen. Mir hat es unheimlich viel Spaß gemacht, und lernen konnte ich dabei auch eine Menge. Es war halt nur schwierig, immer genügend Zeit zu finden. Denn bei aller Begeisterung – ein Training hätte ich dafür niemals sausen lassen.

Doch was war das Erste, was man mir in einigen Blättern vorhielt, kaum dass die Zusammenarbeit mit Bogner publik wurde? Ich hätte zu viele andere Sachen im Kopf und würde mich nicht genügend aufs Skifahren konzentrieren.
Das Gleiche musste ich mir anhören, nachdem in einer großen Illustrierten eine mehrseitige Fotostrecke mit mir erschienen war. Dabei hatte die Redaktion fast ein halbes Jahr vorher angefragt und sich geduldet, bis der Termin fürs Shooting in meinen Trainingsplan passte. Gut, ich opferte einen freien Tag dafür, aber was sprach dagegen? Für mich war es eine willkommene Abwechslung. Niemand kann sich vierundzwanzig Stunden am Tag und das sieben Tage die Woche auf ein und dieselbe Sache konzentrieren, da würde man früher oder später durchdrehen. Die Kunst besteht doch darin, die wenige Freizeit, die einem bleibt, so zu gestalten, dass man sich bestmöglich erholt. Jeder hat dafür seine Methode. Der eine wird zur Couchpotato, zieht sich reihenweise irgendwelche Fernsehserien rein, ein anderer liest ein Buch, der dritte hört Musik oder geht shoppen. Wichtig ist, dem Körper eine Pause zu gönnen und mal wegzukommen von den Gedanken, die einen üblicherweise beschäftigen. Umso besser kann man sich hinterher wieder auf das Wesentliche fokussieren.
Das Fotoshooting war anstrengend, keine Frage. Es dauerte, bis wir alle Aufnahmen im Kasten hatten. Ich glaube, an dem Tag habe ich mich häufiger umgezogen als sonst in einer ganzen Woche. Und dann dieses Posieren, mal hierhin schauen, mal dorthin, dabei den Körper immer schön unter Spannung halten – das muss man erst mal hinkriegen.
Auf der anderen Seite war es aber auch eine interessante Erfahrung und Balsam für die Seele. Das riesige Studio und die ganzen Leute, die um mich herumwirbelten: Frisur, Makeup, Maniküre – als hätte ich das Rundumverwöhnprogramm eines Beautysalons gebucht. Ich möchte den sehen, der sich da nicht geschmeichelt fühlen würde. Dazu hatte die Stylistin schicke Kleider für mich ausgesucht, auch die Schuhe waren ein Traum, und ein Kleid ragte unter allen noch heraus. Es war eigens für dieses Shooting angefertigt worden, aus zwanzig schwarzen Daunenjacken und -westen. Im Alltag hätte man mit dem Modell nicht viel anfangen können, aber auf dem Foto sah es einfach spektakulär aus. Die perfekte Inszenierung.
Nach so einem Termin bin ich abends vielleicht etwas erschöpft, aber ich nehme auch viel positive Energie mit. Dass ein solcher Aufwand betrieben wird, um schöne Fotos von mir zu machen, ist nicht zuletzt eine Bestätigung für das, was ich als Sportlerin bisher erreicht habe. Hätte ich keinen Erfolg, würde sich vermutlich niemand um mich reißen.
Außerdem kam das Shooting meinem Faible für Mode entgegen. Das war eine zusätzliche Motivation, sich dafür Zeit zu nehmen. Ich verstehe auch gar nicht, warum manche plötzlich meinen, sie müssten sich an dem Thema hochziehen. Vor allem, warum sie so tun, als sei das ein völlig neuer Wesenszug an mir. Dabei habe ich bereits vor achteinhalb Jahren in Interviews erklärt, dass Mode etwas ist, wofür ich mich begeistere. Damals hatte ich gerade meinen internationalen Durchbruch geschafft, war Dritte geworden im Gesamt-Weltcup, mit neunzehn, und immer mehr Medien fingen an, sich für meine Person zu interessieren. Der Spiegel beispielsweise zitierte mich mit dem Satz: »Modefotos würde ich sofort machen.« Und kein Mensch störte sich daran. Selbst als einer meiner Trainer ungefähr zur gleichen Zeit Reportern verriet, ich würde auch die schönen Dinge des Lebens genießen, wurde mir das positiv ausgelegt, in dem Sinne: Schaut her, sie ist ein ganz normales Mädchen !

 

Maria Höfl-Riesch

Über Maria Höfl-Riesch

Biografie

Die Skirennläuferin Maria Höfl-Riesch, 1984 in Garmisch-Partenkirchen geboren, ist eine der erfolgreichsten Athletinnen der Gegenwart und die beliebteste deutsche Sportlerin. Zu ihren größten Erfolgen zählen zwei Goldmedaillen bei den Olympischen Winterspielen 2010 in Vancouver und der Gewinn der...

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