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Gefährliche Nähe

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Gefährliche Nähe — Inhalt

Eine Künstlerkolonie im Südengland der 70er Jahre: Dora, Lehrerin an einer alternativen Schule, einen kreativen Ehemann an ihrer Seite, hat hier ihren Lebenstraum verwirklicht. Ihre Tochter Cecilia hingegen möchte vor dieser Freizügigkeitskultur am liebsten davonlaufen. Nichts wünscht sie sich sehnlicher, als die Töpfer- und Kletterkurse gegen klare Regeln und klassische Uniformen einzutauschen. Als der Englischlehrer James Dahl, Absolvent einer Eliteuniversität, an ihre Schule kommt, verbreitet er erstmals eine Aura der klassischen Bildung und Eleganz in Cecilias Welt. Dora nimmt das Schwärmen ihrer Tochter nicht ernst, sie ist selbst viel zu sehr mit ihrer eigenen Gefühlswelt beschäftigt: Nach Jahren einer erfüllten Ehe fühlt sie sich ausgerechnet zu Dahls weltläufiger, charismatischer Frau hingezogen. Sie bemerkt nicht, dass die Schwärmerei ihrer Tochter mehr und mehr Grenzen überschreitet.

€ 9,99 [D], € 9,99 [A]
Erschienen am 09.11.2015
Übersetzt von: Gaby Wurster
496 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-98260-3

Leseprobe zu »Gefährliche Nähe«

1
Februar
Es ist verhext, dachte sie.
Sie kamen über kleine Sträßchen zu den oberen Ausläufern
des Moors, und Cecilia spürte, dass das kleine Mädchen
noch immer hier war: in den nassen Wolkenschatten,
dort im Farngestrüpp.
Früher hatte sie geglaubt, dass ihr Baby nur in ihrem
Kopf leben würde – eine Einbildung, wenn sie Kinderwagen
und fremde Leute sah, die Rückseite eines Kleids, das sie
kurz wahrnahm und das dann verschwand. Doch das Kind
war immer hiergeblieben, hier, wo der Wind blies und die
Mähnen der Ponys wie schlaffe Flaggen wehten. Ihr Mädchen
war nie von [...]

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1
Februar
Es ist verhext, dachte sie.
Sie kamen über kleine Sträßchen zu den oberen Ausläufern
des Moors, und Cecilia spürte, dass das kleine Mädchen
noch immer hier war: in den nassen Wolkenschatten,
dort im Farngestrüpp.
Früher hatte sie geglaubt, dass ihr Baby nur in ihrem
Kopf leben würde – eine Einbildung, wenn sie Kinderwagen
und fremde Leute sah, die Rückseite eines Kleids, das sie
kurz wahrnahm und das dann verschwand. Doch das Kind
war immer hiergeblieben, hier, wo der Wind blies und die
Mähnen der Ponys wie schlaffe Flaggen wehten. Ihr Mädchen
war nie von dort fortgegangen.
Sie fuhren ein paar Meilen über Land – Mutter, Vater, drei
Töchter – zu einem Weiler in einem Flusstal fast mitten im
Moor. Die Kinder stürzten gleich aus dem Wagen und ihrem
neuen Zuhause entgegen; die älteren Mädchen hoben
auf der Suche nach einem Empfangssignal missmutig ihre
Handys
in die Höhe, das jüngste konnte es nicht erwarten,
ein Dartmoor-Pony einzufangen. Vollere, urtümlichere Laute
als alles, was sie je in London gehört hatten, drangen in
ihre Ohren, Bäche plätscherten die Wege entlang, vereinzelt
schrien Vögel laut und wild.
Cecilia folgte den Kindern zu dem Haus ihrer Kindheit,
nun ihr eigenes neues Heim. Es war dasselbe, genauso verstörend wie immer, verändert nur durch die verzerrten
Erinnerungen, die schwanden, als sie sich der steinernen
Realität gegenübersah. Doch sie ging so zögerlich über den
Gartenweg wie ein Eindringling.
»Ist es komisch, zurück zu sein?«, fragte ihre mittlere
Tochter. Hinter ihnen rauschte laut der Fluss.
»Nein«, log Cecilia und strich ihrer Tochter übers Haar.
Es überkam sie der Drang, den Weg zurückzurennen.
Sie gelangten zur Veranda, Cecilia drückte die Tür auf.
Der Türklopfer schlug mit beunruhigender Vertrautheit dagegen.
Kurz kam sie sich wieder vor wie siebzehn: schlank,
allmächtig, hilflos. Alter Holzrauch auf Granit – ein Geruch,
den sie tatsächlich trotz zwei Jahrzehnten des Grübelns vergessen
hatte, drang wieder in ihren Blutkreislauf, als sie
eintrat. Und sie wusste mit aller Gewissheit: Sollte sie in ihr
altes Haus zurückgekommen sein, um einen Geist auszutreiben,
er würde sie zuerst finden. Die Diele schien davon
besudelt – mit dem, was sie getan hatte.


2
Das Haus
Ihre Kindheit hätte unschuldig sein sollen.
Als Kind war Cecilia Bannan glücklich gewesen. Erst
später fragte sie sich, ob ihre erschreckende Naivität daher
gerührt hatte, dass sie in dieser extremen Isolation aufgewachsen
war und ihre Vorstellungen fast zur Gänze aus Büchern
bezogen hatte. In dieser Zeit, an diesem Ort war alles
möglich gewesen. Aber das große, so gut gemeinte liberale
Experiment der Sechziger- und Siebzigerjahre brachte gewisse
Folgen mit sich. Kinder wurden wie Tiere in alte Autos
gepfercht, sie durften durchs Moor streifen, sie ernährten
sich in der Gesellschaft von Ziegen und umherwandernden
Idealisten von Quellwasser und Naturreis und kamen hin
und wieder im Sumpf oder durch landwirtschaftliche Geräte
ums Leben. In diesem verwilderten Garten Eden konnten
romantische Anwandlungen ungehindert sprießen, ohne
dass Cecilia sich der Intensität ihrer eigenen Bedürfnisse bewusst
gewesen wäre.
Anfang der Siebzigerjahre kauften ihre Eltern Patrick und
Dora Bannan das baufällige Dartmoor-Gehöft mit seinen
vielen Scheunen und Schuppen, das am Ende eines Wegs mit
steiler Böschung lag. Das niedrige, lange Gebäude aus schimmerndem
Stein, mit dem Strohdach, den windgepeitschten
Ecken und der gerundeten Veranda, schien träge auf seinem
achthundert Jahre alten Fundament vor sich hin zu schlummern. Patrick, zweitjüngster Sohn einer wohlhabenden
Dubliner Tuchmacherfamilie, und Dora, eigentlich Dorothy,
die Tochter eines Konrektors aus Kent, hatten beschlossen,
mit ihrer wachsenden Familie mitten nach Devon zu ziehen,
wo Künstlerkolonien florierten und Kinder ungehindert
von Konventionen aufwachsen konnten.
Dora packte die Kisten aus. Ihre handgedrechselten
Schüsseln hatte sie schon herausgenommen, nun standen sie
für Weintrauben bereit. Pinsel und Kassettenrekorder waren
so unmittelbar verfügbar wie Zahnbürsten. Die Tigerkatze
mit ihren Samtpfoten hatte gehorsam einen Schaukelstuhl
bezogen. Dora seufzte über den Staub und verteilte Küsse,
während sie mit ihren Kindern deren Zukunft auf dem Land
besprach. »Das bedeutet, meine Lieben, dass ihr jeden Tag
schwimmen gehen könnt, auch im Winter, wenn ihr wollt.
Ihr könnt die alten Mauern bemalen, auf Ponys reiten …«
Sie trug einen dicken, durchgeknöpften Cordrock, ihr
Haar fiel in einem hellen Zopf auf ihren Troyer; mit einem
Baby im Arm kochte sie. Das Kerzenlicht warf die langen
Schatten der Tonbecher in diese geflieste Höhle von Küche,
die allmählich warm wurde, während der AGA-Kohleherd
die erste Asche der Saison ausspuckte. Fleischerhaken
bogen
sich von der Decke, und die Anrichte thronte an der
Wand wie eine Eiche, unter der die Kinder mit Filzstiften an
der Ecke eines Tischs malten, der Anfang des Jahrhunderts
an dieser Stelle gezimmert sein musste und so groß war, dass
er nicht bewegt werden konnte. Cecilia, damals drei Jahre
alt, pummelig, in ihrem Kleidchen aus gekämmter Baumwolle
und ihren festen Stiefeln, wagte sich kaum aus der
Küche in die dunklen Räume vor, wo sie sich verirren und
von Gespenstern einverleibt werden könnte, die sicherlich
in den Schatten lauerten.
Am frühen Morgen öffneten sie und ihr älterer Bruder
das Fenster zu rauschendem Wasser, zu fernen Schreien
von Eulen, Fledermäusen, Motten: eine Art dreidimensionale
Dunkelheit aus lebenden Dingen und papierenem Rascheln.
Sie hatte das Gefühl, sie könnte ewig über knarrende
Holzdielen, über Schlamm, Gras, Schiefer, in Schränke
und durch Flure flitzen, und es wäre nie zu Ende, niemals
würde sie jeden Winkel finden, jedes Geheimnis dieses Ortes
aufdecken.
Später blickte sie zurück und fragte sich: Wo waren sie
damals gewesen, die Menschen, die sie in ihrem Leben lieben
und nach denen sie sich sehnen würde? Einer von ihnen
war zu dieser Zeit zweiundzwanzig, verglichen mit ihren
drei Jahren. Der andere noch nicht geboren.
Wenige Tage nach ihrem Einzug wurde Dora und Patrick
klar, dass allein der Unterhalt des Hauses, das sie hoch mit
Hypotheken beliehen und so überstürzt gekauft hatten, wie
sich die beiden auch gefunden hatten, ihre Mittel überstieg.
Und so füllten sie in diesen ersten Wochen jedes freie Zimmer
und Wirtschaftsgebäude mit Fremden, die auf der Suche
nach billigen Unterkünften durchs Moor zogen und aufkreuzten,
kaum dass sie von einer Scheune, einem Atelier,
einem kleinen Job, einer schönen Aussicht gehört hatten.
»Wer sind all diese Leute?«, fragte Cecilia.
»Nachbarn«, antwortete ihre Mutter zaghaft.
»Warum wohnen sie in unserem Haus?«
»Nur ein paar wohnen hier.«
»Aber warum? Leben sie bei uns?«
»Ich denke schon. Nur für eine kleine Weile.«
Aber die Männer mit den fuchsroten Bärten und die flötenden
Frauen in Kleidern, die aussahen wie Schürzen, die
Hippies und dreckverkrusteten Künstler, die in Wind Tor
House gelandet waren, blieben. Ihr Tabak, ihre Gouache
und ihr Miso verpesteten die Luft, sie bezahlten unregelmäßig
Miete, indem sie unsachgemäß Trockenmauern
hochzogen,
einen Nachmittag lang einen Graben aushoben
oder zu einer der vielen Partys, die spontan gefeiert wurden,
einen Topf Glühwein mitbrachten. Für die Bannan-Kinder
waren diese Leute und die Bauernfamilien, die im weiten
Umkreis des Hügellandes lebten, die Zivilisation.
Cecilia, das zweite Kind, war ein rothaariges Pummelchen
mit einem Mund wie eine Rosenknospe, einem kleinen Näschen
und einem liebreizenden Wesen, das ihren Eltern und
deren Freunden schmeichelte. Mit vier Jahren schickte man
sie mit dem Bus drei Meilen über die winzige Straße in die
örtliche Grundschule, wo ihr älterer Bruder Benedict schon
fröhlich inmitten zehnjähriger Analphabeten beim Lesenlernen
versagte. Gelangweilt von den Episoden von Pat der
Hund, schrieb Cecilia Geschichten über Waisenkinder, während
ihre Altersgenossen mit gleichgültigem Geplapper vor
sich hin kritzelten und zur Erntezeit früh die Schule verließen.
Nachmittags stritten, zeichneten, flöteten, nähten, woben
und schnitzten Benedict, Cecilia und der kleine Tom zu
Hause, ermutigt von einer lächelnden Dora, die ihnen keine
andere Wahl ließ, als künstlerische Leistungen zu vollbringen.
Zu dieser Zeit – vor dem großen Fehler – betete Cecilia
ihre Mutter und ihren Vater gleichermaßen an.
»Du bist mein kleines Holzpüppchen«, sagte Vater Patrick
zu Cecilia.
»Wie meinst du das?«
»Du bist ein Holzpüppchen. Sieh doch: deine großen Augen
und dein rundes Köpfchen.«
Er nannte sie Arrietty und Darrell Rivers nach den Büchern,
die sie las. Er liebte sie für ihre herzliche Art und
ihre verschrobenen Fantasien: verzerrte Vorstellungen der
Welt, die ihn zum Lachen brachten, bei Dora aber leise
Sorge weckten. In einem der Zimmer hatte Patrick einen
altmodischen Flipper-Automaten stehen, den man immer
schütteln und schlagen musste, in der Diele gab es eine unzuverlässige
Jukebox, und in einem Schuppen rostete ein
Rennwagen aus den Dreißigerjahren vor sich hin. Patrick
töpferte, verkaufte seine Sachen an Freunde und Besucher,
er richtete die Unterkünfte der Mieter her, und er sprach in
Reimen, was Dora verzauberte und wütend machte, denn
sie hatte gerade erst begonnen, sich gegen die Erkenntnis
zu wehren, dass dieser so überaus faszinierende Spross eines
erfolgreichen irischen Clans in Wahrheit ein Taugenichts
war. In hektischer Aktivität und mit Helfern, die sie
irgendwann einmal bezahlen würde, hatte Dora die größte
Scheune zu einem Künstler-Resort herrichten lassen. Sie
beschäftigte Mädchen aus dem Dorf, die das dunkelbraune
Bettzeug wechselten, und verlangte von Schriftstellern und
Bildhauern aus London höhere Mieten. Patrick hatte hochfliegende
Pläne für Töpferkurse im Sommer.
Mit acht Jahren saß Cecilia geschlagen mit Heuschnupfen
in ihrem schmucklosen Zimmer über dem Vorgarten von
Wind Tor House und vertiefte sich in Die Borgmännchen, Die
Abenteuer der Bastable-Kinder und Sara, die kleine Prinzessin.
Noch immer hatte sie das sommersprossige, weißhäutige,
leicht stupsnasige Äußere der Rothaarigen. Sie war wild
entschlossen, etwas zu erreichen: einen Schatz zu finden,
ein Wunderkind zu werden, ihren eigenen Heathcliff im
dumpf brütenden Moor zu finden.
»Ich muss mir eine Arbeit suchen«, sagte sie sich voller
Sorge um die Familienfinanzen. Sie schickte einen Schwur
durch das Fenster und sah, wie er auf der Kuppe von Corndon
Tor landete. Sie überlegte, ob sie wohl während der
Pantomime-Sommerkurse gutes Geld verdienen könnte wie
die Fossil-Mädchen Posy, Petrova und Pauline. Aber eine
richtige Anstellung würde eine Ausbildung an einer Akademie
oder irgendeiner Schule voraussetzen, am besten unter
der Leitung eines russischen Tänzers, und sie wusste nicht,
wie sie eine finden sollte. Gab es in Widecombe eine Ballettschule?
Sie müsste sich postwendend an Sadler’s Wells in
London wenden.
Ballett üben: 1 Stunde abends, 3 Stunden Sa u. So, schrieb sie
in ihren Stundenplan über dem Bett.
Ihr Vater schien nicht wie andere Väter einer geregelten
Arbeit nachzugehen.
Gut sein, schrieb sie in ihrer Geheimkritzelschrift in eine
Ecke ihres Stundenplans, denn wenn Beth March aus Betty
und ihre Schwestern so gut sein konnte, so richtig, richtig gut,
dann könnte sie zumindest versuchen, sich in ihrer unzulänglichen
Art zu bessern. »Besser sein und besser handeln«,
Emily Brontë, schrieb sie in die andere Ecke.
Mutter helfen, fügte sie hinzu. Sara Crewe hatte für Miss
Minchin in den Kohleschütten geschuftet und ihr Haupt
dennoch immer hocherhoben getragen wie eine Prinzessin.
Also könnte auch sie ihrer armen, überarbeiteten Mutter
helfen, die Asche aus dem Herd zu fegen, und nach Hausaufgaben
und Ballett eine Stunde am Tag darauf verwenden,
zu scheuern, auf ihren Bruder aufzupassen und Brennholz
zu holen.
Zirkusunterricht, schrieb sie zögerlich – denn vielleicht
könnte sie das eine oder andere Kunststückchen als Zirkusmädchen aufführen. Sie hatte keine Ahnung, wo man so
etwas lernen konnte oder wo sie einen Zirkus finden sollte,
mit dem sie davonlaufen könnte, aber die Mieter könnten
ihr das Jonglieren beibringen und sie würde Saltos üben.
Schlittschuh laufen, schrieb sie. Ein weiß vermummtes
Mädchen aus der Comicserie Bunty, das Bild seines langgestreckten,
hoch in die sternengesprenkelte Luft geworfenen
Beins zog an Cecilias geistigem Auge vorüber. Wenn sie sich
anstrengte und Talent zeigte wie Harriet in White Boots, sollte
sie eigentlich noch in diesem Jahr ihren Intersilber-Test
bestehen. »Kein Tagedieb«, murmelte sie. Aber was genau
war ein Tagedieb?
Klavier üben: 1 Stunde; 4 Stunden am Wochenende, schrieb
sie. Das konnte sie tun, denn eine alte Frau setzte sich im
Gemeindehaus von Widecombe mit allen, die Klavierspielen
lernen wollten, an die Tasten, und Cecilia wollte lernen. Ihre
Mutter ergänzte den Unterricht und hatte begonnen, ihr das
Cellospielen beizubringen.
Ihr Vater knetete und brannte in seiner Töpferwerkstatt
offenbar Ton, aber wo verkaufte er seine Töpfe?
Waren, schrieb sie – unsicher, wie sie die kaufmännischen
Anforderungen nennen sollte. Sie könnte selbst Schüsseln
herstellen, Karamellbonbons machen, Ahornsirup zapfen
oder an ihrem Fenster Limonade an vorbeikommende Radfahrer
verkaufen.
Draußen heulten Wölfe, wild, die gelben Augen leuchtend
im Heideland. Kleine Bachläufe zogen sich durch die
Weiden, das Wasser sprudelte in den Straßengraben und
rauschte durch die Abflussrinne vor dem Garten. Die Nebelschwaden,
die von den Hügeln des Moors herunterwaberten,
konnten Lämmer und kleine Kinder erdrücken. Geister
und Dämonen folgten dem Lauf des River Dart, Schmuggler
gaben sich nachts aus den Ginsterbüschen Zeichen. Am besten
wäre es, Cecilia würde ein paar Goldbarren entdecken.
Wie sonst sollten sie die Armut abwenden? Was wäre, wenn
sie sich Schuhcreme aus Ruß und Kleider aus Vorhängen machen
müssten? Sie schauderte vor wonniger Selbstaufopferung.
Sie sah sich steif im Klassenzimmer stehen, weil sie
sich mit ihrer Schleierhaube aus Brokat nicht setzen konnte,
während die anderen Kinder lachten, sie schubsten und an
den Haaren zogen, und kurz darauf rief die Rektorin sie in ihr
Büro, um ihr mitzuteilen, dass ihre Eltern tot wären.
In Wind Tor House herrschte stets Chaos: Gästezimmer,
Wirtschaftsräume, Gartenschuppen, das Cottage und die
Scheunen waren proppevoll mit Logisgästen, die mieteten,
tauschten, schnorrten. Neun Kinder aus der Nachbarschaft
kamen immer zum Tee – wo ihre Eltern waren, wusste keiner
so genau. Im Sommer steckten Wohnwagen schräg im
Schlamm, voll mit Studenten, die im Künstler-Resort Jobs
suchten und eine Duftwolke von Patschuli und nassen Kleidern
hinter sich herzogen. Patricks Stereoanlage dröhnte
durchs Tal, ohne dass sich jemand beschwerte, Cottages
dösten unberührt am Fluss, Vögel zwitscherten, die Beatles
röhrten. Es gab Feste: eine Weihnachtsfeier mit Gästen, die
auf Pferden ankamen oder in alten Landrovern heranschlitterten;
ein Sommerfest, das sich bis zum Fluss hinunterzog
– Erwachsene nackt im Wasser und auf Weiden liegend,
Patrick mit seiner Gitarre, betrunkene Kinder, die nachts
Ponys einfingen. Cecilia fürchtete manchmal, es sei zu viel,
zu wild, zu frei.

Über Joanna Briscoe

Biografie

Joanna Briscoe wurde in London geboren, wo sie als freie Journalistin und Autorin arbeitet. Bereits mit ihrem ersten Roman »Schlaf mit mir« konnte sie internationale Erfolge feiern. Das Buch wurde in neun Sprachen übersetzt.

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