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Gebrauchsanweisung für SyltGebrauchsanweisung für Sylt

Gebrauchsanweisung für Sylt

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Gebrauchsanweisung für Sylt — Inhalt

Sylt ist viel mehr als nur die Insel der Reichen und Schönen – Einheimischen und Stammgästen gilt sie als Königin der Nordsee, als Paradies und Weltanschauung. Ehrlich und hautnah erzählt Silke von Bremen von den Segnungen des Tourismus und vom Glück, ein echter Sylter zu sein. Von Sansibar und Gosch, Pidder Lüng und anderen Inselgrößen; vom Leben in List, dem nördlichsten Ort Deutschlands, von Westerland als Insel-Metropole und vom bekanntesten FKK-Strand der Nation. Sie verrät, was berühmte Schriftsteller in die Sylter Heide und Maler zum Roten Kliff zog, wie lange ein Reetdach hält und was sich hinter »Wohnen im Warftgeschoss« verbirgt. Weiht uns in die feinen Unterschiede zwischen schick und Schickimicki ein, zwischen Lachmöwe und Silbermöwe, Wanderdünen und Dünenwandern. Und führt uns dorthin, wo sich Sylt am besten anfühlt.

Erschienen am 01.03.2017
224 Seiten, Flexcover mit Klappen
ISBN 978-3-492-27693-1
Erschienen am 01.03.2017
224 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-492-96556-9

Leseprobe zu »Gebrauchsanweisung für Sylt«

Vorwort


Dieses Buch sollte im Jahre 2010 einen kleinen Beitrag dazu leisten, die Insel und ihre Bewohner besser zu verstehen und ein paar Vorurteile abzubauen, denn Sylt ist mehr als Schickimicki, Düneneinsamkeit und weiter Strand.
Als die ersten Exemplare der »Gebrauchsanweisung für Sylt« damals gedruckt wurden, hat wohl niemand mit dem Erfolg der oben genannten Absicht gerechnet, am allerwenigsten die Autorin selbst, die nun, sechs Jahre später, die 10. Auflage (!) komplett überarbeiten durfte.
Und auch in dieser wird weiterhin nicht verraten, wo sich [...]

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Vorwort


Dieses Buch sollte im Jahre 2010 einen kleinen Beitrag dazu leisten, die Insel und ihre Bewohner besser zu verstehen und ein paar Vorurteile abzubauen, denn Sylt ist mehr als Schickimicki, Düneneinsamkeit und weiter Strand.
Als die ersten Exemplare der »Gebrauchsanweisung für Sylt« damals gedruckt wurden, hat wohl niemand mit dem Erfolg der oben genannten Absicht gerechnet, am allerwenigsten die Autorin selbst, die nun, sechs Jahre später, die 10. Auflage (!) komplett überarbeiten durfte.
Und auch in dieser wird weiterhin nicht verraten, wo sich mein Lieblingsstrandabschnitt befindet, kein sogenannter Geheimtipp durch Veröffentlichung ins Gegenteil verkehrt und kein aktuelles Ranking von Promis gelistet.
Dafür werden Sie erfahren, warum Kampen nicht wie Keitum ist, welche Folgen die rasante Entwicklung des Fremdenverkehrs hat und warum schätzungsweise jeder zweite Mensch, den Sie auf der Insel treffen, gern ein Sylter wäre.
Und dass es ein Geschenk ist, hier leben zu dürfen.

Meine erste Begegnung mit der Insel liegt schon viele Jahre zurück, und verantwortlich dafür ist eine körpereigene Überproduktion des sogenannten Glückshormons Dopamin.
Es war ein sehr kalter Wintertag in den 1980ern.
Aber frisch verliebt ist der Mensch für Temperaturen ja höchst unempfindlich, und so wurde die Idee, nach Sylt und ans Meer zu fahren, von mir in jugendlicher Torheit begeistert aufgenommen.
Sylt? Das kannte ich nur vom Hörensagen, aber die Heimat meines Liebsten kennenlernen zu dürfen erschien mir höchst romantisch.
Der Strand war ein einziges glitzerndes Eismeer, hoch aufgetürmte Eisschollen versetzten mich in Verzückung. Erst viele Jahre später sollte ich begreifen, dass das ein Ausnahmewinter war und kein alltägliches winterliches Schauspiel.
Wir wanderten langsam nordwärts. Dann passierte es. Meine erste feste Sylt-Erinnerung: Vier krebsrote, pudelnackte Menschen sprangen vor mir aus den Dünen, rannten barfuß über den gefrorenen Strand und sprangen in ein arktisches Wasserloch, das zwischen Sandbank und Strand eisfrei geblieben war.
Ich war fassungslos. Hätte ich mich damals schon in der Sylt-Literatur ausgekannt, wären mir Zitate wie »Sylt dünkte uns eine Insel der Verrückten« bekannt gewesen, und ich wäre vielleicht etwas entspannter geblieben. So aber war ich mir sicher, es müsse sich um ein Verbrechen handeln. Die vier bedauernswerten Geschöpfe waren bestimmt auf der Flucht vor etwas Schrecklichem.
Dass es auf Sylt Strandsaunen gibt, die auch im Winter betrieben werden, darauf wäre ich ebenso wenig gekommen wie darauf, dass es Menschen geben könnte, die sich freiwillig in milchiges Eiswasser schmeißen. So verliebt und schmerzunempfindlich konnte man gar nicht sein.
Rückblickend muss ich sagen, es war ein Fingerzeig Gottes. Nur leider verstand ich das damals noch nicht. Er wollte mir damit sagen: Wenn du hierbleibst, wirst du eine herrliche Insel mit einer unendlich schönen Natur erleben. Aber die Menschen, die du hier kennenlernst, sind nicht mit normalen Maßstäben zu messen, und sie sind unglaublich hart im Nehmen.
Was für Gäste und Bewohner gleichermaßen gilt.
Nicht umsonst nennt man Letztere meist »Friesenköppe« – und das bedeutet so viel wie »störrischer Esel« oder »sturer Bock«.
Das Schicksal nahm seinen Lauf, als ich 1989 meinen Mann heiratete und mit ihm nach Keitum zog.


Vom Glück, ein Sylter zu sein


Das Wichtigste im Zeitraffer
Sogar wer erstmals nach Sylt fährt und nicht viel mehr weiß, als dass dies der nördlichste Punkt unserer Republik ist, wird immer ankommen. Man darf nur auf der Autobahn A7 das Schild »Letzte Ausfahrt vor der Grenze« nicht ignorieren, sonst landet man nämlich in Dänemark. Was aber auch kein großes Unglück wäre, denn dann fragt man sich bis zur Insel Röm durch, dem nördlich liegenden Nachbar-Eiland. Von dort aus kann man es per Fähre immer noch nach Sylt schaffen. Fährt man mit der Bahn, ist die Ankunft narrensicher, denn Westerland ist ein Sackbahnhof, sodass man über sein Ziel gar nicht hinausschießen kann.
Man erreicht eine Insel, die mit knapp 100 Quadratkilometern die größte deutsche Nordseeinsel ist. Zudem die vielfältigste, bekannteste und, wie manche behaupten, auch die schönste Insel.
Insel stimmt allerdings genau genommen nicht mehr ganz. Denn seit 1927 ist Sylt durch den sogenannten Hindenburgdamm mit dem Festland verbunden. Dieser Jahrhundertbau ist das einzig mir bekannte politische Versprechen, das je eingelöst wurde. Die Schleswig-Holsteiner mussten sich nämlich nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg in der Grenzregion in einer Volksabstimmung entscheiden, ob sie zukünftig zum Königreich Dänemark gehören oder lieber bei Deutschland verbleiben wollen. Den Syltern versprach man bei einer einhelligen Entscheidung gegen Dänemark einen Eisenbahndamm zum Festland. Ein lang gehegter Traum, denn die größte Behinderung für den aufgeblühten Fremdenverkehr war die mühevolle Anreise über das Wasser.
So geschah es, und da der wichtigste Hafen auf dem Festland, Hoyer, durch die Abstimmung plötzlich dänisch geworden war, Sylt aber deutsch blieb, wurde das Bauwerk, das damals 25 Millionen Reichsmark kostete, zügig vorangetrieben. Zur großen Freude auch heutiger Gäste, denn mit dem Zug über den rund elf Kilometer langen Damm teilweise auch durch das Wattenmeer zu fahren ist nach wie vor ein besonderes Erlebnis.
Doch bis es so weit war, dass die Sylter vom Fremdenverkehr leben konnten, haben sie über Jahrhunderte ein kümmerliches und hartes Leben geführt.
Im Mittelalter rissen die Sturmfluten ihr ohnehin karges Land und zahllose Dörfer ins Meer, die Menschen hungerten. Es wurde nicht nur jeder Pfennig, sondern jede Brotkante umgedreht.
Das Wasser brach immer wieder mit aller Macht gegen die am weitesten nach Westen vorgelagerte Insel, die ihre Existenz den Eiszeiten zu verdanken hat. Denn deren Gletscher lagerten hier ungeheure Mengen an Schutt ab, die sogenannten Moränen, der heutige Inselsockel. Durch die Klimaerwärmung schmolzen diese Eispackungen, und das frei werdende Wasser bahnte sich seinen Weg, die Nordsee entstand. Sie drang über Tausende von Jahren immer weiter in das Landesinnere vor, trug die Moräne Stück für Stück wieder ab und ist dafür verantwortlich, dass Sylt eine so eigenwillige Gestalt gefunden hat, die sich als Autoaufkleber ganz besonders gut macht.
Auch der unaufhörlich wehende Wind leistete dazu seinen Beitrag, indem er enorme Sandmassen vor sich herschob und die berühmte Dünenlandschaft der Insel formte.
Die Sylter konnten dieser Entwicklung nur tatenlos zusehen und darauf hoffen, dass die nächste Ernte ausreichen würde, die Familie zu ernähren.
Der erste große Aufschwung kam durch die Seefahrt. Um 1600 begannen die Sylter, deren Lebensgrundlage sich auf der Insel weiter verschlechtert hatte, für die Holländer mit wachsendem Erfolg auf Walfangschiffen zu arbeiten. So jagte man im Sommer Wale und Robben in der Grönländischen See und lebte im Winter bei der Familie auf der Insel, bis das tauende Packeis eine erneute Reise möglich machte.
Später segelten die Männer auf Handelsschiffen, um mit Tee, Gewürzen und anderen Kostbarkeiten nach Europa heimzukehren. Währenddessen kümmerten sich die Frauen um Haus und Hof.
So hätte es eigentlich weitergehen können, wenn nicht Napoleon auf der Bildfläche erschienen wäre und mit seinen Kriegen und der Kontinentalsperre ärgerlicherweise alles zunichtegemacht hätte. Die Männer zogen sich mangels Aufträgen auf die Insel zurück, und da mittlerweile ordentlich Geld verdient worden war, konnten viele Familien vom angesammelten Vermögen leben.
Dass dann Mitte des 19. Jahrhunderts wieder bessere Zeiten anbrachen, war ein großes und unverhofftes Glück. Die Industrialisierung Europas, die auf Sylt zum Glück nicht stattfand, hat die Insel trotzdem nachhaltig geprägt. Denn die Gewinner dieser Entwicklung, der neu entstandene deutsche Geldadel, machte es sich zur Gewohnheit, in den heißen Monaten in die Sommerfrische zu fahren. Und reiste man anfänglich bevorzugt an die Ostsee, wurden durch verbesserte Verbindungen auch bald die Nordsee und Sylt Urlaubsziele.
Zwischendurch wurden die Sylter schnell noch Preußen, weil Bismarck sich mit Dänemark anlegte und mithilfe der Österreicher den Krieg gewann, sodass auch politisch einem Erfolg als Seebad nichts mehr im Wege stand. Den Syltern bescherte dies im Gegenzug viele Gäste aus der Donaumonarchie. Die beiden Weltkriege haben diese Entwicklung zwar behindert, aber den Fremdenverkehr, mittlerweile Tourismus genannt, nicht wirklich aufhalten können.
Erwähnenswert wäre noch, dass die Insel auch im Dritten Reich ein beliebter Urlaubsort war. Hermann Göring besaß hier eines seiner zahlreichen Häuser, Mengele verbrachte seine Flitterwochen auf der Insel, Leni Riefenstahl plante, »Penthesilea« von Heinrich von Kleist auf Sylt zu verfilmen, und auch Roland Freisler reiste in die Sylter Sommerfrische.
Viel wichtiger sind jedoch die infrastrukturellen Maßnahmen der damaligen Zeit, welche die Insel bis heute maßgeblich prägen. Denn ohne die Kriegsvorbereitungen gäbe es vermutlich keinen Flugplatz, kein Krankenhaus (das als Luftwaffenlazarett gebaut wurde), kein Rantumbecken und auch der große Nössedeich, der zu den wichtigsten Küstenschutzbauwerken der Insel gehört, wurde vom Reichsarbeitsdienst gebaut.
Heute lebt auf Sylt praktisch jeder direkt oder indirekt von den zahlreich anreisenden Urlaubern, und es gibt kaum ein Haus, das in der Saison keine Gäste beherbergt. Längst geht man davon aus, dass an Spitzentagen, wenn Feiertag, gutes Wetter und »Event« zusammentreffen, geschätzte 150 000 Menschen gleichzeitig auf der Insel sind.
Erstaunlich, dass selbst an diesen Tagen am 40 Kilometer langen Strand der Westküste immer noch Plätze zu finden sind, an denen man fast allein unterwegs sein kann.
Außer am Strand und den großartigen Naturräumen der Insel kann man sich in einem Dutzend Ortschaften vergnügen oder erholen, wobei Westerland unbestritten die Metropole ist, List die nördlichste Ortschaft von Deutschland, Keitum am Wattenmeer als uriges Friesendorf gehandelt wird und Kampen wohl nie mehr seinen Ruf als Promi-Ort loswerden wird.
Woher kommt der Name Sylt?
Auf diese Frage gibt es die unterschiedlichsten Antworten. Suchen Sie sich aus, was Ihnen am besten gefällt.
Das erste Mal taucht der Name Sild im Jahre 1141 auf, und zwar in den Unterlagen eines Klosters. Knapp 100 Jahre später heißt die Insel in den Registern des dänischen Königs Waldemar schon Syld. Später schrieb man auch mal Silt, wohingegen die Sylter selbst ihre Insel Söl nennen. Söl oder das dänische Sild kann man mit »Schwelle« oder »Sockel« übersetzen.
Nun ist das Wappentier der Sylter ja ein Hering, und der heißt in der dänischen Sprache ebenfalls Sild. Was wiederum einige Forscher vermuten lässt, Sylt wäre abgeleitet von Hering, weil die Insel früher vom Heringsfang lebte. Oder weil ihre Form heringsähnlich ist, was insofern Humbug ist, als die Insel anno 1141 noch ganz anders aussah. Hering ist jedenfalls ein gutes Stichwort für eine weitere Theorie. Um vom Heringsfang leben zu können, musste man die Tiere haltbar machen, indem man sie salzte. Manche Forscher vermuten, dass das einst westlich von Sylt gelegene Land dazu geeignet war, Salz zu gewinnen, weil der Untergrund aus Torf bestand. Dieser Torf, ein einstiges Moor, war salzhaltig, da Meerwasser eingedrungen war und die Faserstruktur des Torfs wie ein Schwamm das Salzwasser aufgenommen und das Salz angereichert hatte. Der Torf wurde »gestochen«, getrocknet und gebrannt. Das Endprodukt war ein besonderes Salz, das hier in großen Mengen hergestellt worden sein soll. Und tatsächlich bedeutet in der skandinavischen Sprache das Wort sylte so viel wie eingelegt oder gepökelt.
Doch damit nicht genug. Einige wollen wissen, Sylt sei abgeleitet von Silendi, was man mit »Land in der See« übersetzen kann. Auch nicht schlecht, finde ich.
Aber dann gibt es auch noch die Theorie, Sylt stamme vom altenglischen Wort svelta, was Toteninsel bedeuten soll. Der Grundgedanke dahinter ist, dass es auf Sylt einst Hünengräber in großer Zahl gab. Die Insel könnte sozusagen ein ganz besonderer Bestattungsort gewesen sein. Auf weitere Fragen gibt diese Theorie jedoch keine Antwort.
Ich hoffe, Sie haben Ihre Lieblingsdeutung gefunden.

 

Alles über Insulaner, Einheimische und Sylter


Auf Sylt gibt es – laut Zensus aus dem Jahre 2011 – um die 18 000 gemeldete Einwohner. Wie viele Menschen sich im Sommer tatsächlich auf der Insel aufhalten, ist nicht eindeutig klar, und im Hinblick auf das Finanzamt – oder aus was für Gründen auch immer – halten sich die Anstrengungen, exakte Gästezahlen herauszufinden, eher in Grenzen. Die offiziellen Daten, gewonnen aus den Erhebungen der Tourismusbetriebe, verraten für die letzten Jahre einen beachtlichen Anstieg der Gästezahlen von 725 000 (2006) auf rund 900 000 (2015) und machen deutlich, wie der Bau der vielen neuen Hotelprojekte Wirkung zeigt. Dass die Zahl auch sonst nicht mehr als ein Richtwert sein kann, weiß auf Sylt jedes Kind. Denn die statistischen Daten können nur das wiedergeben, was ausgewertet wird. Kurkarten zum Beispiel. Aber nicht jeder Gast ist verrückt nach diesem kostenpflichtigen »Inselausweis«.
Man könnte vermutlich auch den durchschnittlichen Wasserverbrauch eines Deutschen im Sommer zugrunde legen und ihn mit den Zahlen der örtlichen Wasserversorger in Beziehung setzen. Und würde dann vermutlich feststellen, dass die Insulaner und ihre Gäste unter einem Waschzwang leiden oder die Leitungen leck sind.
Aber selbst wenn man sich diese Mühe machen würde, hätte man noch immer nicht die korrekte Zahl, da es derzeit keine zuverlässige Methode gibt, die im Sommer massenhaft anreisenden Tagesgäste (die, per Bus mittels Fähre oder über den Hindenburgdamm kommend, die Insel fluten) zu erfassen.
Aber wie viele Gäste die Sylter in der Saison auch bedienen, es ändert nichts an den besonderen gesellschaftlichen Strukturen der Insel. Mir kommt es manchmal so vor, als gäbe es hier zwei Parallelwelten, die zwar miteinander zu tun haben, weil sie sich nicht aus dem Weg gehen können, aber ansonsten für sich leben.
Da sind zum einen die Sylter, auf der anderen Seite die Gäste, gemeinhin als »Touris« bezeichnet. Manchmal purzelt einem Sylter der älteren Generation noch das Wort »Kurschwein« aus dem Mund. Dieser Begriff muss wohl noch aus der Zeit stammen, als man die Ställe aufmöbelte, um lieber Badegäste unterzubringen. So nach dem Motto »Kühe und Schweine raus – Kurgäste rein«.
Eigentlich müsste man als dritte Gruppe noch die zahllosen Festlandsbewohner mit einbeziehen, die sich jeden Morgen auf den Weg machen, damit das »System Sylt« nicht zusammenbricht, was durchaus geschehen kann, wenn das Bahnsystem selbst zusammenbricht. So haben es die konkurrierenden Betreiber wie die Deutsche Bahn AG, die DB Fernverkehr AG, die den »Sylt Shuttle« (für PKW) betreibt, die Railroad Development Corporation mit ihrem »Autozug Sylt« und vor Kurzem auch noch die privat betriebene Nord-Ostsee-Bahn 2016 fertiggebracht, die Zirkulation auf der Nabelschnur Hindenburgdamm praktisch zum Erliegen zu bringen. Mit dramatischen Konsequenzen für die Sylter Betriebe und schätzungsweise 4500 Pendler, die von den Syltern gern als »Schienenschieter« bezeichnet werden. Aber das würde zu weit führen. Konzentrieren wir uns einfach auf die Sylter und die Sylter Gäste. Immerhin haben Sie schon einen Eindruck davon gewonnen, dass die Insulaner im sprachlichen Umgang nicht zimperlich sind.
Im Übrigen auch nicht untereinander. Lange Tradition haben auf Sylt die sogenannten Oekelnamen. Eine Art Spitzname – das englische nickname trifft es am ehesten. Am besten kann ich Ihnen das an handfesten Beispielen erläutern: Im Sylter Osten lebte vor rund 100 Jahren eine »Dame«, die mehrere uneheliche Kinder hatte, wenn ich mich recht entsinne, hieß sie Merret. Die Sylter nannten sie alle nur »Merret ohne Büx«, und jeder wusste, um welche Merret es sich handelte, wenn dieser Name fiel. Das ist ein klassischer Oekelname.
Oder der frühere Milchmann Bleicken, dessen Pferd regelmäßig mit ihm durchging, weil es am Ende der Auslieferungstour zusah, dass es so schnell wie möglich wieder in den warmen Stall oder auf die grüne Wiese kam. Er wurde von den Insulanern nur »Bleicken ben Hur« genannt.
Diese Beispiele zeigen deutlich, dass die Friesen Humor haben, wenn auch einen ganz speziellen … Die Tradition hat sich übrigens bis in die heutige Zeit erhalten, eine Bürgermeistersgattin, die in ihrer Rolle sichtlich glücklich war, hieß allgemein nur »Hillary«, ein längst von dannen gezogener Kurdirektor war »Herr Sarkozy von List«.
Aber ich schweife ab. Zurück zur Definition »Sylter«. Sylter? Tja … natürlich ist nicht jeder ein Sylter, der hier lebt. Auch nicht, wenn er hier geboren wurde.
Man lernt auf der Insel in kürzester Zeit, dass es viele Chancen im Leben gibt, selbst sechs Richtige nebst Zusatzzahl im Lotto sind möglich, aber ein Sylter zu werden, nein, das geht nach meiner Erfahrung nicht.
Und so kommt es zu den unterschiedlichsten Missverständnissen, auf die ich später noch zu sprechen kommen werde. Wer jedenfalls glaubt, die Gnade der Sylter Geburt oder Wohneigentum machten einen Menschen zum Sylter, der lebt leider im Tal der Ahnungslosen.
Wie ein Kölner Ehepaar, das sich unlängst bei mir beklagte: »Stellen Sie sich vor, unsere Nachbarn begrüßen uns immer noch nicht mit ›Moin‹, obwohl wir doch nun Sylter sind.« Sie hatten sich vor zwei Monaten ein Apartment in Keitum gekauft.
Über die Bedeutung von »Moin« oder »Moin, Moin« streiten sich übrigens die Gelehrten. Für die einen bedeutet »moi« so viel wie »schön«, »Moin« also etwa »einen schönen« (zu ergänzen: Morgen, Tag, Abend), sodass man den Gruß den ganzen Tag anwenden kann. Andere halten »Moin« lediglich für einen verkürzten und abgeschliffenen »Morgen – Morjen – Morn«. Auf Sylt versteht jeder darunter, was er will.
Wichtig ist nur, wenn Sie mit diesem Gruß auf Sylt ernst genommen werden möchten, dass Sie das »Moin« ganz kurz und knapp betonen und das Wort unter keinen Umständen in die Länge ziehen. Und lieber nicht »Moin, Moin« sagen, das gilt als geschwätzig.
Spannend ist, wie einem äußerst subtil vermittelt wird, ein Sylter zu sein sei etwas ganz Besonderes.
Warum, das ist mir noch immer nicht ganz klar, denn warum sollte es ein Geschenk sein, auf dieser Insel geboren worden zu sein? Und zwar von Eltern, deren Eltern und auch deren Eltern ebenfalls hier geboren wurden? Wer käme schon auf den Gedanken, Frau Müller aus Klein-Kleckersdorf dafür zu beneiden, dass die letzten 20 Generationen ihrer Familie es nicht geschafft haben, sich endlich vom Acker zu machen und mal woanders ihr Glück zu versuchen?
Auf Sylt ist eben einiges anders, und manch einer ist zutiefst davon überzeugt, dass es erstrebenswerter ist, ein Sylter Friese zu sein, als ein anständiger Hanseat oder kölscher Jeck. Ich meine mich zu erinnern, in den ersten Jahren meines Insellebens einen Aufkleber gesehen zu haben mit dem bemerkenswerten Slogan »Mehr als Sylter kann ein Mensch nicht werden«. Mehr als staunen kann man da erst einmal nicht.
Gleichwohl ist es natürlich angenehm, mit selbstbewussten Menschen zu tun zu haben. In diesen Zusammenhang passt ein herrliches Zitat von Ernst von Salomon, der in den 1930er- und 1940er-Jahren zeitweise auf Sylt lebte und nicht nur ausreichend Gelegenheit hatte, die Insulaner zu studieren, sondern auch noch eine gute Beobachtungsgabe besaß: »Die Friesen pflegten seit je den höchsten Grad der Toleranz – jenen der völligen Nichtbeachtung anderer Sitten und Gebräuche.« Besser kann man es nicht formulieren – dieses Lebensgefühl wird von vielen Syltern souverän gelebt.
Die auf der Insel lebenden Menschen sind also mitnichten eine homogene Gruppe, die sich im Trachtenverein organisiert und geschlossen bei der freiwilligen Feuerwehr antritt.
Nein, die Gesellschaftshierarchie auf Sylt ist erheblich diffiziler.
Mögen in anderen Regionen Fürsten, Grafen oder Kaufleute die gesellschaftliche Oberschicht bilden – auf Sylt ist es der Sylter per se. Er ist sozusagen die Krone der insularen Schöpfung, auch wenn man das auf den ersten Blick nicht erkennen kann. Aber sollten Sie auf jemanden treffen, der Sie ungefragt korrigiert, wenn Sie »in« Sylt statt »auf« Sylt gesagt haben, sind Sie schon ganz dicht dran.
Echte Sylter haben einen Stammbaum in der Tasche, der in die Zeiten von Pidder Lüng (so eine Art Sylter Störtebeker des 15. Jahrhunderts – wir kommen noch ausführlich auf ihn) zurückführt.
Sie heißen Petersen, Jansen oder Nielsen, denn früher gab es hier keine Familiennamen, der zweite Name des Kindes wurde einfach aus dem Vornamen des Vaters abgeleitet. Und bei allen, die »Andersen« hießen, wusste man vermutlich nicht, wer der Vater war … Bis es dem dänischen König zu bunt wurde, der ja schließlich Steuerlisten führen wollte. Und das war nur schwer möglich, wenn die Familien in jeder Generation fröhlich ihre Namen änderten. So gab es 1777 kurzerhand eine Verordnung, nach der die Sylter bis heute die immer selben Namen an ihre Kinder weitergeben.
Wenn diese Sylter zwei Tage auf dem Festland sind, werden sie ernsthaft krank. Schon wenn der Wind von dort herüberweht, können sie in eine starke Depression sinken. Und natürlich sprechen sie untereinander Friesisch, eine Fähigkeit, um die ich sie manches Mal glühend beneide. Sie können sich nämlich ungeniert, wenn sie beispielsweise in der Schlange vor der Post stehen, über die Umstehenden austauschen, ohne dass die Betreffenden auch nur ahnen, dass ihre Frisur oder ihre Garderobe gerade gründlich durchdiskutiert werden. Dass die Sylter maßlos stolz darauf sind, ihre Muttersprache zu beherrschen, ist allerdings ein Gerücht. Und leider ist mittlerweile zu beobachten, dass das Söl’ring (der ganz eigene Sylter Dialekt des Friesischen, der selbstverständlich in jedem Ort ein klein wenig anders ist), trotz zahlreicher Bemühungen an Schulen und Kindergärten, dramatisch im Schwinden begriffen ist.
Da es nicht ausgeblieben ist, dass sich die Sylter in der neueren Geschichte – also jener Zeit, die Geschäftsleute, Heimatvertriebene und Badegäste auf die Insel spülte – mit all diesen »Fremden« munter gepaart haben, sind die Prinzen und Prinzessinnen der Sylter Gesellschaft immer noch jene Familien, die wenigstens einen echten Friesen im Stammbaum haben.
Dann wird es schon schwieriger. Denn wenn der (nicht-insulare) Großvater vor 100 Jahren mit seiner Familie auf die Insel kam, weil er die wirtschaftlichen Möglichkeiten richtig beurteilt hatte, dann gehören die Nachfahren natürlich längst zur Sylter Gesellschaft. Aber soweit ich das beurteilen kann, werden sie – sollte es hart auf hart kommen – immer den Kürzeren ziehen, da der Urgroßvater eben nicht dabei war, als man vor der Insel Jan Mayen die Wale erlegte.
Viel schlimmer trifft es wohl jene, deren Familien seit Hunderten von Jahren hier hocken, die aber als Sturzgeburt in Niebüll oder Klanxbüll das Licht der Welt erblickten, weil die Mutter es nicht mehr rechtzeitig auf die Insel geschafft hat. Das sind Nicht-Sylter.
Ja, lachen Sie ruhig, aber ich habe von solch tragischen Schicksalen gehört!
Als Nächste in der Rangordnung von vereinten Friesen und Fremden kommen die Insulaner, die hier in Familien leben, aber eben nicht eingeheiratet haben. Und die, selbst wenn sie längst ihr goldenes Sylt-Jubiläum gefeiert haben, immer noch »Fremde« beziehungsweise »Zugereiste« sind.
Am unteren Ende finden sich dann jene, die aus beruflichen Gründen auf Sylt leben, aber die Insel auch wieder verlassen werden.
Am schwierigsten war das »Ankommen« wohl für die Flüchtlinge nach dem verlorenen Zweiten Weltkrieg. Hatte Sylt vor der Machtergreifung mal gerade 7500 Einwohner, tummelten sich 1946 mehr als 26 000 (!) Menschen auf der Insel, wovon rund 14 000 Heimatvertriebene waren, von denen nur ein Teil die Insel später wieder verließ. Tausende von Menschen haben damals auf Sylt ihre neue Heimat gefunden – auf jeden Einheimischen kam mindestens ein Fremder – und machen Mut, dass das aktuelle Flüchtlingsproblem auch gelöst werden kann.
Und hier gibt es ausnahmslos gute Nachrichten. Die Sylter haben sich mit sehr viel Engagement dieser Herausforderung gestellt, und da auf der Insel in der Saison Arbeitskräftemangel herrscht, klappt auch die Integration recht gut. Natürlich hat sich sofort die überregionale Presse auf das Thema gestürzt, der Gegensatz »reiche Insel« und »arme Flüchtlinge« ist ja ein gefundenes Fressen für jeden Journalisten. Dabei hat mir ein Filmbericht des NDR besonders viel Freude bereitet: Da steht Salih aus Afghanistan im Abspann am Meer und sagt »Ich bin ein Sylter«. Mannomann, wenn du wüsstest!, dachte ich nur, »echte« Sylter hatten bei diesem Satz sicher Schnappatmung. Aber ich glaube, er hat recht.
Für mich ist mittlerweile jeder ein Sylter, der bereit ist, hier zu leben, zu arbeiten und, viel wichtiger, sich für die Insel zu engagieren. Und es ist mir schnuppe, ob die Person aus dem Kongo, Kabul, Kopenhagen oder Kampen kommt.
Außerdem gelten diese feinen Unterschiede nur auf der Insel selbst. Und so erlebt jeder Insulaner ein interessantes Phänomen, wenn er woanders unterwegs ist und auf die Frage »Wo leben Sie?« nicht ausweichend mit »in Norddeutschland« oder »an der dänischen Grenze« antwortet, sondern mutig »Sylt« sagt. Dann kann es passieren, dass er augenblicklich Mittelpunkt der Gesellschaft ist, fast jeder kennt die Insel oder hat davon gehört – auf alle Fälle hat jeder seine Meinung. Nicht immer zum Vorteil der Insulaner, denen ein besonderer Ruf vorauseilt, den ich schwer in Worte fassen kann. Bin ich aber auf den Nachbarinseln unterwegs oder auf dem nahen Festland, spüre ich, dass es klüger ist, den Namen Sylt nicht zu erwähnen. Vielleicht bilde ich mir das auch ein, aber wenn ich erzähle, ich käme aus dem Alten Land bei Hamburg, ist der Blick, der auf mir ruht, wohlwollender als jener, den mein Mann ertragen müsste, würde er zugeben, von Sylt zu sein. Ausgleichende Gerechtigkeit nenne ich das! Andere Menschen, meist Sylt-Fans, sind derartig beglückt, eine Sylterin oder einen Sylter zu treffen, dass man nur noch flüchten möchte.
Einige meiner Freundinnen sprechen in diesem Zusammenhang vom »Sylt-Vampirismus«, der ihnen wahnsinnig auf den Sender geht. »Ja, kennst du das denn nicht?«, fragten sie mich bei unserer letzten Feierabendrunde erstaunt. »Wenn du dich als Sylter outest, heften sich manche Menschen an deine Fersen und lassen dich nicht mehr los. Wollen von dir wissen, ob der Pastor von St. Severin noch lebt, ob der Gastwirt XY tatsächlich seine Frau betrügt oder wer alles bei der Galerieeröffnung letzte Woche in Kampen war – sie saugen alles auf, was du von dir gibst. Sie reden über die Insel, als wäre sie ihr ganz persönliches Wohnzimmer und als gehörtest du zum Mobiliar. Und bist du höflich und stehst ihnen Rede und Antwort, kannst du sicher sein, dass sie auf der nächsten Party verkünden, du wärst eine gute Freundin von ihnen, und wo immer sie sind, fällt so ganz en passant dein Name. Die benutzen dich wie ein Eintrittsticket.«
So weit zu den »echten« und »unechten« Syltern – Sie sehen, ein weites Feld.

Silke von Bremen

Über Silke von Bremen

Biografie

Silke von Bremen, Jahrgang 1959, aufgewachsen im Alten Land bei Hamburg, ist Diplom-Geografin. Sie kam der Liebe wegen nach Sylt und lebt mit ihrem Mann, dem Sylter Landschaftsfotografen Hans Jessel, in Westerland. Bis 1995 betreute sie das Sylter Heimatmuseum in Keitum und arbeitet seit 1999 als...

Pressestimmen

Sylter Spiegel

»Ehrlich und hautnah erzählt Silke von Bremen von den Segnungen des Tourismus und vom Glück, ein echter Sylter zu sein.«

stern Reise

»Silke von Bremens Buch erklärt uns die Insel aufs Beste.«

Inhaltsangabe

Vorwort

Vom Glück, ein Sylter zu sein

Das Wichtigste im Zeitraffer

Woher kommt der Name Sylt?

Alles über Insulaner, Einheimische und Sylter

Der Sylter und sein Badegast

Kannst du uns fürs Wochenende ein Zimmer besorgen?

Badeleben mit und ohne

Die Sylter im Winter

Gastronomie

Sylter Frauenpower

Von Naturschätzen und -schützern

Was kreucht und fleucht denn da?

Gott segne unseren Strand

 Die schönen Inselorte

Westerland – friesisch: Weesterlön

Nachbarschaft in Westerland

Wenningstedt und Braderup – Woningstair en Brērerep

Kampen – Kaamp

List – List

Tinnum – Tinem

Keitum (Kairem) und St. Severin

Munkmarsch – Munkmērsk

Morsum und Archsum – Muasem en Ārichsem

Rantum – Raantem

Hörnum – Hörnem

Rüm Hart, klaar Kimming

Biike

Friesenhaus oder Haus im Friesenstil

Alles über Friesenwälle

Was bedeuten Namen auf »um«?

Wie lange hält ein Reetdach?

Vogelkojen

Wanderdünen und Dünenwanderer

Der Sylter als Wetterprophet

Wann geht Sylt unter?

Rüm Hart, klaar Kimming

Dank

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