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Gebrauchsanweisung für Pferde

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Gebrauchsanweisung für Pferde — Inhalt

Juli Zeh über eine ganz besondere Beziehung

Eine intensive Liebesgeschichte verbindet Juli Zeh mit den Pferden. Womit verzaubern uns diese zugleich starken und sanften Tiere? Wie kommt es, dass so unterschiedliche Wesen wie Pferd und Mensch immer wieder die Nähe des anderen suchen? Juli Zeh schildert, welche Rolle Fluchtinstinkt, Rangordnung und Vertrauen spielen und wie man die Sprache der Pferde erlernen kann. Was ein typisches Pferdemädchen antreibt. Warum Reiten glücklich macht und weshalb Pferde oft als Zen-Meister bezeichnet werden. Sie erzählt von Frauen, die sich mehr für neue Pferdedecken als für Modetrends interessieren. Von Kasimir, Neo und einem Pony namens Pony, die zu Familienmitgliedern wurden. Und sie zeigt, was Schreiben und Reiten gemeinsam haben.

€ 15,00 [D], € 15,50 [A]
Erschienen am 01.03.2019
224 Seiten, Flexcover mit Klappen
EAN 978-3-492-27739-6
€ 12,99 [D], € 12,99 [A]
Erschienen am 01.03.2019
224 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-99399-9
»›Gebrauchsanweisung für Pferde‹ ist mehr als ein Ratgeber: eine intelligente Hommage an das Ross.«
News
»(Juli Zehs) autobiografisch begründetes Buch (ist) aufschlussreich sowohl über die Schriftstellerin selbst als auch über das Wesen der Pferde …«
BuchMarkt
»Eine Lovestory, aber eine mit klarem Blick. Was führt Mensch und Pferd zusammen, was trennt sie? Wie gewinnt man das Vertrauen der Tiere und erlernt ihre Sprache? Was haben Schreiben und Reiten gemeinsam? Zeh erzählt von ihren ganz persönlichen Pferdemomenten – und doch auch von so viel mehr.«
Vogue

Leseprobe zu »Gebrauchsanweisung für Pferde«

Statt eines Vorworts:
Über Pferdeliebe

 

Das höchste Glück der Erde liegt auf dem Rücken der Pferde.

Als Kinder schrieben meine Freundinnen und ich uns diesen Satz gegenseitig in die Poesiealben. Und wir meinten ihn ernst. Wort für Wort.

Ich war ein echtes Pferdemädchen. Eines jener obsessiven Geschöpfe, die jede freie Minute im Reitstall verbringen. Die ihre Zimmer mit Pferdepostern tapezieren, ständig Pferdebücher lesen und ihre Schulhefte mit Pferdeköpfen vollkritzeln. Pferdemädchen – jeder kennt sie, keiner liebt sie. Vor allem Jungs verziehen [...]

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Statt eines Vorworts:
Über Pferdeliebe

 

Das höchste Glück der Erde liegt auf dem Rücken der Pferde.

Als Kinder schrieben meine Freundinnen und ich uns diesen Satz gegenseitig in die Poesiealben. Und wir meinten ihn ernst. Wort für Wort.

Ich war ein echtes Pferdemädchen. Eines jener obsessiven Geschöpfe, die jede freie Minute im Reitstall verbringen. Die ihre Zimmer mit Pferdepostern tapezieren, ständig Pferdebücher lesen und ihre Schulhefte mit Pferdeköpfen vollkritzeln. Pferdemädchen – jeder kennt sie, keiner liebt sie. Vor allem Jungs verziehen abschätzig das Gesicht: Pferde sind doch totaler Mädchenkram! Und, Hand aufs Herz: Ist nicht alles, was Mädchen gerne tun, ein bisschen peinlich, Emanzipation hin oder her?

Glücklicherweise sind Pferdemädchen so sehr von ihrer Besessenheit in Anspruch genommen, dass sie sich für die Meinung anderer zu ihrem Hobby nicht sonderlich interessieren. Jedenfalls kann ich mich nicht erinnern, dass wir uns die Neckereien der Mitschüler zu Herzen genommen hätten. Wir sagten zueinander: »Die sind doch nur neidisch!« Damals dachte ich: auf uns. Weil wir etwas hatten, das uns wirklich wichtig war. Heute weiß ich: vielleicht doch eher auf die Pferde.

 

Pferdeliebe ist ein Faszinosum, auch für jene, die ihr nicht verfallen sind. Von Zeit zu Zeit erscheinen Studien, die ergründen wollen, was dahintersteckt. Wie kann es sein, dass ein Mensch schon in jungen Jahren derartig für etwas brennt? Dass er bereit ist, sein gesamtes Taschengeld zu opfern, dass er morgens Zeitungen austrägt und abends Rasen mäht, um sich einmal pro Woche eine zusätzliche Reitstunde leisten zu können? Und warum befällt das Pferdevirus vor allem weibliche Wesen?

 

Fest steht, dass Pferdemädchen viel weniger mädchenhaft sind, als das Klischee behauptet. Sie haben wenig zu tun mit Anna und Elsa, Barbie oder »Friends«. Ihre bevorzugten Farben sind nicht Pink und Lila, sondern Staubgrau, Strohgelb und Matschbraun. Sie verbringen ihre Zeit nicht damit, glitzernde Plastikponymähnen zu Zöpfen zu flechten. Im Gegenteil, sie sind Kämpfernaturen. Egal ob Regen, Wind, Gluthitze oder Schnee – man trifft sie auf Reitplatz, Koppel oder im Gelände an. Sie haben keine Angst, sich schmutzig zu machen, sie wissen, wie man mit Schaufel und Mistforke umgeht, und vielleicht sogar, wie man einen Traktor fährt. In den Sommerferien verrichten sie stundenlang harte körperliche Arbeit, in der vagen Hoffnung, am Nachmittag eins der Spitzenpferde des Stallbetreibers trockenreiten zu dürfen. Wenn es darum geht, in der Reitstunde das beste Schulpferd zu ergattern, beißen sie gnadenlos Konkurrentinnen weg. Nach einem noch so spektakulären Sturz in den Sand erheben sie sich taumelnd, klopfen sich die Klamotten ab und klettern zurück aufs Pferd, denn eine der wichtigsten Reiterregeln lautet: Wer runtergefallen ist, muss sofort wieder rauf.

 

Reiten ist ein Sport mit militärischen Wurzeln. Ein Rest von soldatischem Geist wirkt bis heute nach. Man merkt es noch am teilweise recht rauen Umgangston auf den Reitanlagen. Auch an den Kleidungsvorschriften auf Turnieren und daran, was viele Reiter und Reiterinnen von sich selbst erwarten: Disziplin, Einsatzbereitschaft und Härte. Auch zählt Reiten zu den gefährlichsten Sportarten. Gerade am Anfang fällt man häufig runter. Das ist gewiss nichts für Heulsusen.

Umso absurder, dass trotzdem versucht wird, Pferdeliebe mit latent sexistischen Motiven zu erklären. Dann heißt es, junge Frauen übten mit dem Pferd für das Verliebtsein in den ersten Mann. Gleichzeitig trainierten sie schon mal den Brutpflegeinstinkt. Und hat die Sache mit diesen kraftstrotzenden Riesentieren, auf denen man rittlings sitzt, nicht am Ende auch eine sexuelle Komponente?

Anscheinend ist es noch immer unvorstellbar, dass irgendetwas, wofür Mädchen sich begeistern, nichts mit Kinderzeugen, Kinderkriegen oder Kinderpflegen zu tun haben könnte.

Als Argument für solche degradierenden Deutungen wird gelegentlich angeführt, die meisten Mädchen würden ihr Hobby an den Nagel hängen, sobald sie alt genug für den ersten »richtigen« Freund seien. Als ob das irgendetwas bewiese! Gewiss, manche Mädchen verlieren ihr Hobby mit Beginn der Pubertät aus den Augen. Aber das gilt ebenso für Jungs, die mit dem Fußballspielen aufhören, wenn sie sechzehn sind. Solche Beobachtungen erklären gar nichts. Vor allem nicht, warum Pferdeliebe eine so herausragende, ja lebensverändernde Kraft entfalten kann.

 

Ich kann nicht mit statistischen Daten aufwarten, aber mein Eindruck ist, dass Pferdebegeisterung sogar häufiger das Erwachsenwerden überdauert als die Freude an anderen Sportarten. Viele Menschen beginnen als Kind mit dem Reiten und bleiben ein Leben lang dabei. Bei anderen erwacht die Pferdeliebe zu einem späteren Zeitpunkt im Leben erneut. Oder sie werden überhaupt erst als Erwachsene mit dem Pferdevirus infiziert. Nach Schätzungen der Deutschen Reiterlichen Vereinigung (FN) leben rund vier Millionen erwachsener Reiter in Deutschland. Vier Millionen! Davon 78 Prozent Frauen. Und 1,3 Millionen Pferde beiderlei Geschlechts. Innerhalb des Deutschen Olympischen Sportbunds rangiert die FN mit knapp 700 000 Mitgliedern immerhin an achter Stelle.

Soweit die Fakten. Reiten ist also eine Sportart, die sich großer Beliebtheit erfreut, vor allem bei Frauen. Ende der Geschichte? Nein. Denn Reiten ist mehr als ein Sport. Ich würde sogar sagen, dass der sportliche Aspekt den kleinsten Teil der Mensch-Pferd-Beziehung ausmacht, ganz egal, wie viel der gemeinsamen Zeit man im Sattel verbringt. Der Rest ist … Pferdeverrücktheit eben.

 

Natürlich gibt es auch tennisverrückte, fahrradverrückte oder trampolinverrückte Sportler. Irgendwie ist das aber nicht dasselbe. Reiten involviert ein Tier. Allein das begründet eine Sonderstellung unter allen anderen Sportarten. Pferde sind die einzigen vierbeinigen Sportler, die zu den Olympischen Spielen fahren. Sportler, nicht Sportgeräte, wohlbemerkt.

Es gibt noch einen weiteren Unterschied, diffuser und zugleich substanzieller. Reiten ist eine Geschichte, die vom Glück handelt. »Das höchste Glück im All steckt in einem Ball.« – Dieser Satz steht in keinem Poesiealbum der Welt. Bei anderen Sportarten geht es um Spaß, Fitness, Teamgeist oder Ehrgeiz – aber nicht gleich um Glück. Wenn es in den meisten Fällen nicht einmal Wohlstand oder Liebe schaffen, die Menschen glücklich zu machen, wie soll das dann einer Freizeitbeschäftigung gelingen?

 

Und doch hat das Sprichwort recht. Als ehemaliges Pferdemädchen weiß ich, wovon ich spreche. Ich kenne den Glücksmoment, wenn man das Lieblingspferd selbst von der Koppel holen darf. Die Seligkeit, sich mit dem Tier zu beschäftigen, es zu füttern, zu putzen. Zu hören, wie es Heu kaut. Den warmen, gewaltigen, friedlichen Leib unter den Händen zu spüren. Seinen Geruch einzuatmen. Vielleicht sogar zu reiten, wenn der Geldbeutel oder die Gnade des Reitlehrers es zulassen. Ein Tennisschläger oder ein Fahrrad müssen gut funktionieren. Auch ein Pferd soll irgendwie funktionieren. Aber vor allem soll es seinen Menschen glücklich machen.

Viel Schönes, aber auch viel Schreckliches, das in der Reiterwelt geschieht, geht auf diesen erstaunlichen Anspruch zurück. Pferdeliebe darf man wörtlich nehmen. Das Pferd ist ein Glücksversprechen. Nicht weniger als das.

 

Mich hat das Pferdevirus niemals wieder verlassen. Während des Studiums hatte ich weder Geld noch Gelegenheit zum Reiten, aber später sind die Pferde dann zu mir zurückgekehrt. Heute bin ich eine Pferdefrau par excellence. Eine von der Sorte, die mehr Zeit mit den Viechern als mit Arbeiten verbringt. Die ständig Dreck unter den Fingernägeln hat. Die am Esstisch Sätze sagt wie: »Solange Kasimir sich dermaßen aufs Gebiss legt, sitzt er weder reell auf dem Hinterbein, noch kriegt er die Schulter frei. Da brauchen wir mit den fliegenden Wechseln gar nicht erst anzufangen.« Die Familie nickt dann und sagt: »Aha.« Das Glück des Pferdemenschen besteht offensichtlich nicht darin, von anderen verstanden zu werden. Aber worin dann?

 

Über die Geschichte von Mensch und Pferd ist erstaunlich wenig bekannt. Aktuelle Forschungen vermuten, dass das Pferd vor über 5000 Jahren domestiziert und zunächst zum Ziehen und Tragen von Lasten verwendet wurde. Aus dem Jahr 2800 v. Chr. stammen die ersten Hinweise auf den Einsatz als Reittier. Bedeutend wurde die Reiterei mit dem Kriegswesen. Aber auch im zivilen Bereich ist das Pferd aus der Kulturgeschichte des Menschen nicht wegzudenken. Landwirtschaft, Handel, Mobilität – ohne Pferde wären wir nicht, wer wir heute sind.

Aber reicht das aus, um zu erklären, warum mich manchmal die Freude wie ein Stromstoß durchfährt, wenn ich meinen Pferden auf der Koppel beim Herumtoben zusehe? Liegt das daran, dass ihre Vorfahren die Kutsche meiner Vorfahren gezogen haben? Wohl kaum.

 

Manche Pferdefreunde erklären ihre Liebe aus einem ästhetischen Blickwinkel. Pferde seien der tiergewordene Ausdruck von Schönheit. Kraftvoll, anmutig, elegant. Gewiss spielt Ästhetik in vielen Bereichen der Reiterei eine Rolle, besonders im Dressursport, wo es darum geht, Harmonie und Balance in der Bewegung sichtbar zu machen. Aber, Hand aufs Herz: Der Durchschnittsmensch ist kein Topmodel, und das Durchschnittspferd sieht nicht aus wie Dressurstar Damon Hill. Dicke Bäuche oder spitze Knochen, eher gemütliche oder zu hektische Bewegungsabläufe sind bei Pferden wie bei Menschen normal. Was uns bei Dreckwetter mit struppigem Fell und verschlammten Beinen auf der Koppel entgegenkommt, ist vielleicht niedlich, aber nicht unbedingt Schönheit in Vollendung. Sicher, Pferde haben weiche Nasen und sanfte Augen, aber die haben andere Pflanzenfresser auch.

 

Ich glaube, es ist weder die Kulturgeschichte noch ästhetisches Vergnügen, was unser Herz höher schlagen lässt, wenn wir an Boxentür oder Weidezaun treten. Es ist etwas Komplizierteres. Pferde sind eigentlich Wildtiere. Auch nach ein paar Tausend Jahren Zuchtgeschichte sind ihre Instinkte intakt. Anders als die meisten Hunde und Katzen wären sie jederzeit in der Lage, sich in freier Natur zu ernähren. Sie brauchen den Menschen nicht, um ihr Überleben zu sichern. Trotzdem sind sie bereit, mit uns und für uns zu arbeiten. Mehr als das, sie machen uns ein unglaubliches Angebot. Pferde bieten uns an, Teil ihrer Herde zu werden. Dann jedenfalls, wenn sie noch keine schlechten Erfahrungen mit Menschen gemacht haben.

Nach vierzig Jahren Reitsport berührt mich dieses Phänomen immer noch tief. Anscheinend gibt es einen wundersamen Wunsch nach Kontakt zwischen Mensch und Tier. Und zwar nicht nur in uns, sondern auch auf Seiten des Tiers. Da möchten zwei Spezies, die von Natur aus keine gemeinsame Sprache sprechen, eine Verbindung eingehen. Obwohl sie in völlig unterschiedlichen Welten leben und sogar Fressfeinde sind. In den engstehenden Augen und zielstrebigen Bewegungen des Menschen erkennen Pferde zutreffend den Fleischfresser und Jäger. Sie selbst sind Pflanzenfresser und ewig begehrte Beute. Trotzdem machen sie uns dieses unfassbar noble Angebot. Das rührt eine Saite am Grund unseres Wesens. Wer ihren Klang einmal vernommen hat, wird ihn nicht mehr vergessen.

 

So sehe ich es vor meinem geistigen Auge: Das Pferd steht am Rand der Wildnis, der Mensch an der Schwelle der Zivilisation. Beide sind einen kleinen Schritt herausgetreten aus ihrem jeweiligen Bereich. Zwei Diplomaten, der eine aus dem Reich der Tiere, der andere aus der Menschenwelt. Sie schließen einen Pakt. Ein Bündnis, das für Augenblicke den Riss heilt, der durch die Welt läuft, seit der Mensch beschlossen hat, nicht mehr zur Natur zu gehören. Machet euch die Erde untertan: Wir Menschen haben viel daran gesetzt, uns zum Gegenteil der restlichen Schöpfung zu machen. Eroberer, Herrscher, Zerstörer, vielleicht auch mal Beschützer und Bewahrer, aber bitte kein Teil davon. Dem Pferd ist das egal. Es kommt einfach näher und versucht es mit Kommunikation.

Es geht also um Beziehung. Um das Wunder einer Verbindung über alle Barrieren hinweg. Wenn man eine Erklärung für geschlechtsspezifische Unterschiede sucht, also eine Antwort auf die Frage, warum mehr als drei Viertel aller Reiter Frauen sind, seit das Pferd nicht mehr als Kriegsgerät- oder Fortbewegungsmittel herhalten muss, findet man sie vielleicht am ehesten hier: weil sich auch in der modernen Welt vor allem Frauen für Kommunikation und Beziehungsarbeit interessieren.

 

Wenn ich von einem solchen Bündnis zwischen Mensch und Pferd spreche, hat das übrigens nichts mit Fury, Black Beauty oder Ostwind zu tun. Die meisten Pferde in Büchern und Filmen kommen auf jeden Pfiff angerannt und sind mindestens so intelligent wie ihre jeweiligen Bezugspersonen. Auch ich habe als Jugendliche solche Geschichten verschlungen. Aber sie zeichnen natürlich ein völlig falsches Bild.

Wenn Pferde in der Literatur auftauchen, folgt die Handlung meist einem festen Muster. Anfangs ist das Pferd wild und lässt sich kaum anfassen. Entweder hat es ein Trauma erlitten, oder es stammt als Mustang direkt aus der Natur. Dann taucht ein junger Mensch auf, Mädchen oder Junge, in den sich das Pferd auf den ersten Blick verliebt. Und umgekehrt. Ab diesem Moment beginnt das Pferd, sich wie ein Mensch oder wenigstens wie ein Hund zu verhalten. Es versteht alles und kann alles. Meistens erhält es keine sportliche Grundausbildung und wird trotzdem von seinem Lieblingsmenschen geritten, einfach, weil es beschlossen hat, ein Reitpferd zu sein. Vielleicht gewinnt es am Ende noch ein Rennen oder ein Turnier.

 

Man kann das als üblichen Hollywood- oder Jugendbuch-Kitsch abtun, der keine weitere Beachtung verdient. Das Problem ist aber, dass solche Geschichten den real existierenden Pferden schaden. Sie spannen einen Erwartungshorizont auf, der nicht nur das Denken von Laien, sondern durchaus auch das von erfahrenen Pferdemenschen bestimmt.

Aus der Fury-Perspektive ist die Vermenschlichung des Pferds eine Bedingung für den erfolgreichen Umgang miteinander. Man höre nur einmal zu, wie Pferdebesitzer auf der Stallgasse über ihre Tiere reden! »Cayenne wollte mich heute mal wieder richtig ärgern.« – »Dario ist sauer, weil ich die ganze Woche nicht bei ihm war.« – »Auf dem Turnier habe ich gemerkt, dass Mylord unbedingt gewinnen will.« – »Pass auf, Carina führt etwas im Schilde!« – »Shining ist gerade in der Trotzphase.«

Der Ostwind-Mythos verlangt vom Pferd, etwas zu werden, das es gar nicht ist. Die wundersame Metamorphose wird dann zur Voraussetzung für das gesamte Miteinander. Das Pferd wird gelobt und geliebt, wenn es sich (scheinbar) wie ein menschlicher Freund benimmt. Und es wird angeschrien oder sogar bestraft, wenn es seinen Menschen »enttäuscht«. Wenn Pferdebesitzer ausrasten, ihr Pferd mit Zügeln und Sporen traktieren oder sogar schlagen, geschieht das nicht aus Hass. Sondern aus gekränkter Liebe. Aus Enttäuschung über die »Undankbarkeit« des Pferdes, für das sie sich doch täglich ein Bein ausreißen. Oder aus Wut über »Ungehorsam« und »Bockigkeit«. Als wäre das Pferd ein kleines Kind.

Dabei sind das alles Begriffe, die auf Pferde überhaupt nicht passen. Ein Pferd folgt seinen Instinkten, es verhält sich stets logisch im Rahmen seines natürlichen Programms. Es kennt keine Bestrebungen, den Menschen durch sein Verhalten zu ärgern. Dass Menschen trotzdem so unkontrolliert auf vermeintliche Unarten reagieren, ist eine Folge der Vermenschlichung des Tiers. Sie nehmen das Misslingen im Umgang mit dem Pferd persönlich. Ihr Ego fühlt sich verletzt, das Pferd muss dafür büßen. Es soll seinen Menschen doch verstehen und auf dessen Emotionen Rücksicht nehmen! Kein Pferd der Welt kann diese Erwartung erfüllen. Und die Folge von falschen Erwartungen ist stets große Ungerechtigkeit.

 

Der Topos des wilden Wesens, das durch pure Liebe gezähmt wird, übt große Faszination aus. Tatsächlich kann man Mustangs zähmen, sogar in erstaunlich kurzer Zeit und gänzlich ohne Gewalt. Allerdings spielt dabei weniger Liebe als vor allem sachkundiger Umgang eine Rolle. Man kann auch traumatisierte Pferde von ihren Ängsten heilen, wenn man weiß, wie es geht. Was aber am Ende einer solchen Annäherung steht, ist immer noch ein Pferd. Vielleicht wird es bereit sein, mit seinem Menschen zusammenzuarbeiten. Aber vermutlich wird es nicht angerannt kommen, wenn man pfeift.

In Filmen und Büchern müssen Pferde lernen, wie Menschen zu denken, um Freundschaft zwischen den Spezies zu ermöglichen. Im echten Leben ist es genau umgekehrt. Will man das Beziehungsangebot eines Pferds annehmen, muss man sich in Pferdesprache verständigen können. Wenigstens in Grundzügen. Pferdisch für Anfänger.

Wer das equine Kommunikationssystem beherrscht, kann selbst im Umgang mit vermeintlich schwierigen Pferden überraschende Erfolge erzielen. Manchmal schon nach wenigen Minuten Kontakt. Aus dieser Tatsache ist die Figur des Pferdeflüsterers entstanden. Ebenso wie die Idee vom Wildtier, das sich im Handumdrehen in einen besten Freund verwandelt.

Insofern ist Pferdeliebe ein zweischneidiges Schwert. Sie ist segensreich, solange und soweit es dem Menschen gelingt, sein Pferd ein Pferd sein zu lassen. Versucht er jedoch, bewusst oder unbewusst, das Pferd durch Zuneigung in etwas Menschliches zu verwandeln, so wie es gelegentlich im Märchen geschieht, wenn die Prinzessin den Frosch küsst, wird die Pferdeliebe zum Gift. Denn ein Pferd wird uns niemals zurücklieben, wie ein anderer Mensch es könnte. Es schuldet uns auch keine Dankbarkeit und keinen Gehorsam. Was es uns anbietet, ist sein Vertrauen, wenn wir uns konsequent und zuverlässig verhalten. Dann wird es eine dauerhafte Verbindung zu uns eingehen und zu erstaunlichen Leistungen bereit sein. Ganz sanft, ohne Druck. Nur, weil wir es von ihm verlangen.

 

Es ist immer schwierig, über Beziehungen zu sprechen. Schon in Bezug auf die Verbindung zwischen uns und anderen Menschen fehlen oft die Worte. Bekanntschaft, Freundschaft, Liebe – das sind nur Hinweisschilder, die auf etwas viel Größeres, Komplexeres verweisen, das in unseren Herzen liegt. Für »zwischenartliche« Beziehungen gibt es nicht einmal Begriffe. Wie heißt die Verbindung zwischen Pferd und Mensch? Interspezifische Symbiose? Artübergreifende Herdenmitgliedschaft? Homo-Equus-Relation?

Ganz egal, wie sie heißt, fest steht, dass sie glücklich macht. Mich jedenfalls. Je öfter ich Momente von Einklang mit den Tieren erlebe, von Harmonie zwischen zwei völlig unterschiedlichen Wesen, von wortloser Verständigung durch kleinste Signale, desto mehr möchte ich davon haben. Diese besondere Form des Gelingens macht süchtig. Deshalb bin ich bereit, viel Zeit, Kraft und Geld in eine Beschäftigung zu investieren, die mehr ist als ein Hobby oder ein Sport. Richtig verstandene Pferdeliebe ist eine Geisteshaltung, eine Lebenseinstellung. Sie besagt, dass es möglich ist, sich mit dem Fremden und Anderen zu verbinden. Und dass aus solchen Verbindungen tiefe Zufriedenheit resultiert.

 

Es ist schwierig, über Beziehungen zu sprechen. Genau deshalb müssen wir immer wieder davon erzählen. Um von einer besonderen, merkwürdigen, wunderschönen, manchmal auch gefährlichen Form von Liebe zu erzählen, deshalb schreibe ich dieses Buch. Und weil ich um Verständnis werben will. Eine Gebrauchsanweisung für Pferdemenschen. Und für Pferde, die von Menschen geliebt werden.

Pferdemädchen

 

Lichtbalken im Staubdunst der Reithalle, so massiv, als würden sie das Dach tragen. Das leise Schnauben der Schulpferde, die artig auf dem Hufschlag laufen. Das aggressive Summen der Fliegen, die immer wieder landen, egal, wie oft man sie verscheucht. Der typische, täglich aufs Neue elektrisierende Geruch nach Staub, Stroh und warmen Pferdekörpern. Das Gefühl von Schweiß auf der Haut, der beim Trocknen Salzkrusten und Schmutzränder hinterlässt. Der schmerzhafte, aber irgendwie auch befriedigende Muskelkater in den Armen, aktuell vom Aufschichten einer Ladung Heuquader. Gelegentlich gebellte Kommandos des Reitlehrers: »Rücken gerade, Hacken runter, Abteilung Teee-rab!« Er heißt Herr Hoffmann und läuft in der Bahnmitte mit einer Longierpeitsche herum, um die besonders energiesparenden Modelle unter den Schulpferden zum Trab zu bewegen.

 

Ich bin elf Jahre alt, sitze auf der Tribüne, trage Turnschuhe statt Reitstiefel und sehe bereits der dritten Reitstunde in Folge zu. Heute ist Donnerstag, nicht Dienstag. Nur dienstags habe ich Reitstunde. Einmal pro Woche, zwanzig D-Mark, mit Zehnerkarte fünfzehn. Mehr können sich meine Eltern nicht leisten. Behaupten sie jedenfalls. Ich verbringe trotzdem jeden Tag im Stall. Sommerferien, ein endloses Meer aus Zeit. Wenn frühmorgens der Wecker klingelt und ich kurz darauf das Haus verlasse, liegt der Rest meiner Familie noch in den Betten. Ich radele durch die stillen Straßen, raus aus der Stadt und bis zum Kottenforst, an dessen Rand sich der Reitstall Blumenau befindet. Wenn ich früh dort bin, kann ich dabei helfen, die Pferde auf die Koppeln zu bringen. Will ich sicherstellen, dass ich mein Lieblingspferd Leroy führen darf, muss ich als Erste vor Ort sein. Es kommen noch andere Pferdemädchen in den Stall, und Leroy ist ein beliebtes Pferd.

 

Sobald die Pferde draußen sind, werden Boxen ausgemistet, Heu verteilt und die gefühlt kilometerlange Stallgasse gefegt. Meistens gibt es noch Spezialaufträge, Heuquader schichten, Sattelzeug putzen, Hindernisstangen streichen. Wir Pferdemädchen drücken uns nicht vor der Arbeit, im Gegenteil, wir reißen uns darum. Es ist nicht so, dass wir etwas Konkretes dafür bekämen. Kein Geld, keine bestimmte Anzahl von Reitstunden. Eher erwerben wir vage Anwartschaften. Auf irgendeine zusätzliche Beschäftigung mit den Pferden. Das Lieblingspferd putzen. Den Anfängern beim Satteln helfen. Ein Privatpferd trockenreiten. Ein Schulpferd longieren, das nicht im Unterricht gegangen ist. Letzteres ist schon eine Art Silberpokal. Der Goldpokal besteht in der kostenlosen Teilnahme an einem der Ausritte am Wochenende.

Leider gelingt es mir selten, einen der Hauptpreise zu ergattern. Dafür muss man nicht nur schuften, sondern auch den Reitlehrer anschleimen. Man muss Herrn Hoffmann mit ständigem Gebettel auf die Nerven gehen, immer wieder erzählen, wie viel man an dem Tag schon gearbeitet hat, und außerdem zulassen, dass er einen in die Oberarme zwickt. Das kann ich nicht. Herr Hoffmann riecht nicht gut, ist oft grob zu den Pferden und insgesamt ein ziemlich widerlicher Typ. Er beschimpft die Stallburschen und kriecht vor den Privatreitern, die meist erst am frühen Abend auf die Anlage kommen. Aber er ist ein echter Springreiter, also ein Wesen höherer Art. Wenn er ein Pferd durch den Parcours reitet oder am Wochenende auf den Anhänger treibt, um zu einem seiner Provinzturniere zu fahren, stehen wir Pferdemädchen am Zaun und sehen mit einer Mischung aus Anbetung und Abscheu zu.

 

In der Reitbahn bekommt eine Schülerin Leroy nicht in den Galopp. Ich kann meine Genugtuung nicht verhehlen. Als ein anderes Pferdemädchen sich zu mir beugt und flüstert: »Bei dir läuft er viel besser!«, durchflutet mich ein warmes Gefühl. Solche Momente sind selten und kostbar. Sie nähren die Illusion, dass es zwischen mir und Leroy eine besondere Verbindung gibt. Einen Draht. Dass er sich gut mit mir versteht, besser als mit den anderen. Natürlich ist das in Wahrheit nicht der Fall. Von Pferdekommunikation habe ich noch nicht die geringste Ahnung, und für Leroy bin ich vermutlich nur eine von vielen Belästigungen, aus denen sein Leben besteht.

Der korrekte Umgang mit Pferden ist nicht Teil des Unterrichts. Vermutlich weiß Herr Hoffmann selbst nicht, dass man mit Pferden nonverbal kommunizieren kann. Er bringt sie mit Druck, manchmal mit Gewalt zu dem, was er will. Das klappt mal besser und mal schlechter. An allem, was schiefgeht, ist immer das Pferd schuld. Wir Mädchen hingegen glauben, dass eine Verbindung zu den Pferden entsteht, wenn wir sie nur genug liebhaben. Dass diese Idee genauso falsch ist wie die von Herrn Hoffmann, käme uns niemals in den Sinn.

 

Unten in der Bahn beginnt der Reitlehrer zu brüllen, eine Reihe von Beleidigungen in Bezug auf Mädchen und Pferd. Dumme Gans, blöder Gaul. Leroys Reiterin sieht aus, als müsste sie gleich weinen. Ich hoffe inständig, dass Herr Hoffmann nicht zur Peitsche greift, um Leroy doch noch in den Galopp zu treiben. Gott sei Dank lässt er ab und wendet sich einem anderen Pferd zu. Auf der Tribüne macht sich Erleichterung breit. So sehr wir Pferdemädchen in Konkurrenz zueinander stehen, bilden wir doch eine Einheit, sobald einem Pferd eine Ungerechtigkeit widerfährt. Dann spüren wir, dass wir ein Team sind, geeint durch dieselben Vorstellungen, Wünsche und Träume. Leider auch durch dieselbe Hilflosigkeit. Im Reitstall sind wir ein Nichts. Unsere Stimme besitzt keinerlei Gewicht. Selbst wenn Herr Hoffmann mit der Peitsche auf Leroy losgegangen wäre, hätten wir nichts dagegen unternehmen können. Nur Privatreiter, die für ihr Pferd im Monat ein paar Hundert D-Mark Boxenmiete zahlen, gelten im System des Reitstalls als Menschen. Umsonst schuftende Pferdemädchen und schlecht bezahlte Stallburschen werden im übertragenen Sinn, manchmal auch wortwörtlich mit Füßen getreten. Trotzdem käme ich nicht auf die Idee, mich zu beschweren oder gar die Lust zu verlieren. Dass ich auf der Tribüne sitzen und zusehen, dass ich mich im Stall aufhalten und mitarbeiten darf, ist für mich ein kostbares Privileg.

 

Juli Zeh

Über Juli Zeh

Biografie

Juli Zeh, 1974 in Bonn geboren, ist promovierte Juristin, Verfassungsrichterin und preisgekrönte Schriftstellerin. Bereits ihr Debütroman »Adler und Engel« wurde zu einem Welterfolg, heute sind ihre Bücher in 35 Sprachen übersetzt. Ihr Gesellschaftsroman »Unterleuten« steht seit Erscheinen 2016 auf...

Pressestimmen

News

»›Gebrauchsanweisung für Pferde‹ ist mehr als ein Ratgeber: eine intelligente Hommage an das Ross.«

BuchMarkt

»(Juli Zehs) autobiografisch begründetes Buch (ist) aufschlussreich sowohl über die Schriftstellerin selbst als auch über das Wesen der Pferde …«

Vogue

»Eine Lovestory, aber eine mit klarem Blick. Was führt Mensch und Pferd zusammen, was trennt sie? Wie gewinnt man das Vertrauen der Tiere und erlernt ihre Sprache? Was haben Schreiben und Reiten gemeinsam? Zeh erzählt von ihren ganz persönlichen Pferdemomenten – und doch auch von so viel mehr.«

Neue Ruhr Zeitung

»Beste Unterhaltung für alle Pferdemenschen mit nachdenklich stimmenden Einblicken und Erkenntnissen.«

Pferdefamily.de

»Ein gelungenes und wichtiges Buch«

Pferde Sport Journal

»interessant, abwechslungsreich unterhaltsam und manchmal auch ein wenig lustig. Ein gutes Buch für Pferdeliebhaber. Und für deren Angehörige, die endlich verstehen wollen, was an Pferden und der Reiterei eigentlich so faszinierend ist.«

Radio FM4

»Juli Zeh ist für packende Romane bekannt, die zu Fragen um Schuld und Verantwortung führen. Jetzt erzählt sie über jene Geschöpfe, mit denen sie mehr Zeit verbringt als mit Arbeiten: über Pferde. Ihre ›Gebrauchsanweisung für Pferde‹ ist ein Plädoyer für das Glück im Augenblick - sogar wenn es einem dreimal einen Finger bricht.«

Nordwest Zeitung

»Fundiert und unterhaltsam«

Münchner Merkur

»(Juli Zeh) bietet einen populärwissenschaftlichen Abriss – und räumt mit Vorurteilen über Reiter ebenso auf wie mit der reiterlichen Selbstverblendung. Aufklärung für alle eben.«

Hessische Allgemeine

»Juli Zehs ›Gebrauchsanweisung für Pferde‹ ist weit mehr als ein Ableger von ›Unterleuten‹. Es ist ein fundiertes Sachbuch, das über weite Strecken auch den Lesern und Leserinnen Spaß macht, die in ihrem Leben noch keine Hufe ausgekratzt haben. Das liegt daran, dass Juli Zeh zugleich unterhalten und analysieren kann.«

trend

»Entlang ihrer eigenen wechselhaften Beziehungsgeschichte mit Pferden erzählt Zeh nicht nur davon, wie aus einem Haus- und Arbeitstier ein teures Hobby wurde, sondern auch wie der Pferdesport von der männlichen in die weibliche Domäne wechselte und das mit einem Umdenken in puncto Tier-Mensch-Kommunikation einherging. Was das alles mit Pferdeflüsterern oder dem Malboro-Man zu tun hat, wird darin auch erklärt. Exzellent!«

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