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Gebrauchsanweisung für New York Gebrauchsanweisung für New YorkGebrauchsanweisung für New York

Gebrauchsanweisung für New York

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Gebrauchsanweisung für New York — Inhalt

Von Frank Sinatra bis zu Woody Allen: Kein Ort wurde so oft besungen, beschrieben und verfilmt wie die Stadt, die niemals schläft. New York hat die tiefsten Schlaglöcher, die verheerendsten Stromausfälle und Mietpreise, die Ihnen die Tränen in die Augen treiben. Aber auch den berühmtesten Großstadtbahnhof, die mutigsten Radfahrer, eine noch immer atemraubende Skyline und eine enorme Vielfalt an Menschen aus über 200 Nationen. Verena Lueken zeigt uns die Stadt, in der die Welt vor der Haustür liegt und das Unerwartete zum Alltag gehört. Sie ergründet die Leidenschaft der New Yorker für alles Numerische und ihren Ehrgeiz, aus der Stadt eine grüne Metropole zu machen. Und ihre Überzeugung, dass ihrer Stadt die Zukunft gehört.

€ 18,00 [D], € 18,50 [A]
Erschienen am 06.04.2018
224 Seiten, Ganzleinenband
EAN 978-3-492-05971-8
€ 15,00 [D], € 15,50 [A]
Erschienen am 01.10.2010
224 Seiten, Flexcover mit Klappen
EAN 978-3-492-27598-9
€ 12,99 [D], € 12,99 [A]
Erschienen am 06.04.2018
224 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-96555-2

Leseprobe zu »Gebrauchsanweisung für New York «

Frühstück im Regen

Erwarten Sie, dass Ihr Leben sich verändert, wenn Sie diese Stadt betreten. Erwarten Sie nicht, dass das wie im Traum geschieht. New York ist keine Stadt für Träumer. Andere Qualitäten hat sie zuhauf. Mit dem Central Park liegt mitten in New York eine der schönsten großstädtischen Parklandschaften der Welt, und auch ohne die Zwillingstürme des World Trade Center bleibt die Skyline traumhaft. In den Museen finden Sie die erhabenste Kunst, in den Konzertsälen die Virtuosen der Welt, und auf den Straßen wird ­Ihnen die größtmögliche [...]

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Frühstück im Regen

Erwarten Sie, dass Ihr Leben sich verändert, wenn Sie diese Stadt betreten. Erwarten Sie nicht, dass das wie im Traum geschieht. New York ist keine Stadt für Träumer. Andere Qualitäten hat sie zuhauf. Mit dem Central Park liegt mitten in New York eine der schönsten großstädtischen Parklandschaften der Welt, und auch ohne die Zwillingstürme des World Trade Center bleibt die Skyline traumhaft. In den Museen finden Sie die erhabenste Kunst, in den Konzertsälen die Virtuosen der Welt, und auf den Straßen wird ­Ihnen die größtmögliche Vielfalt an Menschen begegnen. Die Stadt ist aufregend, überwältigend, geschichtsträchtig, sie ist sicherer als die meisten anderen Metropolen der Welt, und sie ist sehr schnell. Sie inspiriert Künstler und Schriftsteller, die seit jeher hierherströmen, um sich mit den Besten ihres Fachs zu messen, sie ist grell, schlaflos und unverschämt. Nur herzlich und freundlich, das ist sie nur bedingt. Ja, New York wird Sie willkommen heißen – vorausgesetzt, dass Sie riskant und in ständiger Konkurrenz zu leben bereit sind, dass Sie die Masse brauchen, weil Sie die Einsamkeit lieben, vorausgesetzt vor ­allem, dass Sie bereit sind, innerlich zuzugeben, wie hart das Leben ist. Und Spaß daran haben, sich zu beklagen, nicht über die Härte, das könnte Ihr erster Fauxpas werden, aber über die Schlaglöcher, über das Wetter, über den Verkehr und über ­alles andere, das sich nicht ändern lässt. Wer es lieber gemütlich hat, wird in New York nicht glücklich werden. Und wer zum Träumen kommt, wird schnell untergehen. Der Traum ist, hier anzukommen. Dann heißt es wachsam sein.

New York ist die Hauptstadt der Welt, weil sie verspricht, dass jeder hier finden kann, wonach er sucht. Dass die Suche einfach sei, ist damit nicht gemeint. In New York zu leben ist schwierig, weil der Alltag Kampf bedeutet : Kampf um ­einen Job, eine Wohnung, ein Taxi bei Regen und ­einen Platz im Restaurant; Kampf um Anerkennung, eine gute Figur und ein Ticket für Shakespeare im Park. Nur in New York nennen es die Banker klaglos Frühstück, wenn sie in ­einer windigen Straßenschlucht im Nieselregen Schlange stehen, um für acht Dollar an ­­einem fahrbaren Büdchen am Straßenrand dünnen Kaffee und ­einen schlappen Bagel zu erstehen. Nur in New York akzeptieren Angestellte über dreißig mit gutem Einkommen ein Zimmer mit Gemeinschaftsbad in Handtuchgröße zum Preis ­eines Einfamilienhauses irgendwo außerhalb der Stadt. Und nur in New York bringen Menschen ganz selbstverständlich ihre Sommer- oder Wintergarderobe in ­eines der zahlreichen Lagerhäuser, weil in ­ihrer Wohnung kein Platz ist für ­einen zusätzlichen Schrank.

Nicht nur die Mieten sind höher als überall sonst in Amerika, sondern auch die Steuern, die sich die Stadt auf ­alles zu erheben erlaubt. New York war die erste amerikanische Stadt, in der auf den Theaterkarten dreistellige Preise standen, die Fahrt zum Flughafen ist teurer als andernorts, und teurer sind auch die Garagen, die Kaufhäuser und frische Blumen. Der Verkehr ist nervenaufreibend. Einen Taxifahrer zu finden, der Englisch spricht und weiß, wie er zum Bahnhof Penn Station kommt, ­immer noch ein glücklicher Zufall.

Jeder kleine Sieg in diesem Alltag ist ein riesiger Triumph. Das mag erklären, warum die Stadt sich durch Katastrophen im Wesen nicht verändert. Als New Yorker wird man abgehärtet und stolz. An guten Tagen, wenn die Stadt im Licht der untergehenden Sonne glüht, ein kühler Windhauch durch die Straßen streift und die Passanten ­einen Augenblick lang das Gesicht zum Himmel strecken und die Augen schließen, kann man in dieser Härte eine Grazie sehen wie nirgendwo sonst.

Die europäischen Einwanderer, die Ende des neunzehnten und in den ersten Jahrzehnten des zwanzigsten Jahrhunderts in die Stadt strömten, um in den Nähereien oder im Hoch- und Tiefbau, im ­Hafen oder in den kleinen Manufakturbetrieben im Süden von Manhattan ihre wenigen Dollar zu verdienen, rechneten ebenso wenig mit ­­einem bequemen Start ins neue Leben wie die Einwanderer heute, die vor ­allem aus Lateinamerika, dem ehemaligen Ostblock und Asien stammen. Sie rechneten nur damit, dass man sie machen ließ. Das allein ist der große Traum von dieser Stadt : die Freiheit zu werden, wer man sein will. Auch wenn Sie als Reisender kommen und nicht die Absicht haben zu bleiben, werden Sie diesen Sog in die Unabhängigkeit und die Erregung und die Lust aufs Unerwartete spüren, das hier geschehen könnte. Ob die Stadt gerade arm ist oder reich, ob die Zahl der Verbrechen steigt oder sinkt, ob eine Krise sie schüttelt und selbst wenn ein Stück von ihr in Trümmern liegt : Das Gefühl dieser Freiheit steht ­immer wieder am Anfang jedes Besuchs in New York.

Ihr Herz wird also heftig klopfen, wenn Sie New York betreten, beim ersten Mal und jedes Mal von Neuem. Schon nach wenigen Tagen aber werden Sie sich zu Hause fühlen. In den zahllosen ethnischen Vierteln in Manhattan, Brooklyn, der Bronx und Queens geht es zu wie daheim : für die Russen in Brighton Beach, für die Chinesen in Chinatown, dem in Manhattan und dem bald größeren in Flushing in Queens, für die Polen in Greenpoint, die Kolumbianer in Jackson Heights, für die Guatemalteken in Hillcrest, die Puertorikaner in Spanish Harlem, die Griechen in Astoria und für die Deutschen ­immer noch ein bisschen in Washington Heights. Außerdem ist Manhattan klein und mit seinem weitgehend schachbrettartigen Straßenraster so überschaubar, dass Sie sich nach kurzer Zeit auszukennen meinen. Prahlen Sie nicht damit, denn ganz richtig ist Ihr Eindruck nicht, und kein New Yorker wird ­Ihnen glauben, dass seine Stadt es ­Ihnen leicht macht. Und für die anderen Stadtteile, für Queens, Brooklyn, Staten Island oder die Bronx, gilt es sowieso nicht.

Zwar hat die Stadtregierung für den Besucher inzwischen ­einige Hindernisse weggeräumt, die zwischen ihm und seinem Zielort lagen. Zum Beispiel hat sie an den Haltestellen von Bussen und U-Bahnen, die hier Subway heißen, Pläne angebracht, die über den Streckenverlauf der verschiedenen Verkehrsmittel Auskunft geben. Früher hingen solche Schaubilder nur in den Waggons; man musste also einsteigen, um festzustellen, dass dies die falsche Linie war. Heute schnarrt in den Zügen der Subway sogar eine Computerstimme mit Auskünften über die kommenden Haltestellen, und in ­immer mehr Waggons zeigt eine Leuchtschrift an, wohin Sie unterwegs sind. Wenn Sie zum ersten Mal auf die Lautsprecherdurchsage ­eines lebendigen Schaffners auf dem Bahnsteig angewiesen sind und in der knatternden Übertragung durch verrottende Mikrofonkabel kein Wort außer der Nummer Ihres Zugs verstehen, werden Sie diese synthetische Stimme herbeisehnen. Auch das sollten Sie für sich behalten. Denn die stimmlichen Wegweiser verärgern ­einige Einheimische sehr, die der Überzeugung sind, wer sich in New York bewege, müsse schon selbst herausfinden, wie er zum Ziel kommt.

Sie können auch zu Fuß gehen. Manhattan ist der einzige Ort in den Vereinigten Staaten, an dem Laufen zum Leben gehört und ein Auto nicht unbedingt. Wie in den besten europäischen Städten begegnen sich die New Yorker auf der Straße, und das Zentrum – es umfasst beinahe ganz Manhattan –, aus dem die Amerikaner in ­allen anderen Städten in die Vororte entfliehen, ist ein Anziehungspunkt. Vielleicht fühlen sich deshalb Europäer seit jeher so schnell heimisch hier, während die amerikanischen Touristen sich in Manhattan beinahe schon in Europa wähnen. Aber New York ist einzigartig. Wenn Sie sich dem Rhythmus der Stadt hingeben, werden Sie lernen, sich in ihr zu bewegen. Sie werden ein bisschen schneller werden, ein bisschen klüger und glücklich zu finden, wonach Sie vielleicht nie zu suchen wagten.

Damit Sie nicht suchen, was Sie nicht finden können, gibt es in diesem Buch übrigens keine Tipps für Restaurants oder andere Orte, die gerade in Mode sind. Die Mode ändert sich zu schnell, und selbst traditionsreiche Plätze verschwinden einfach. Zum Beispiel das kleine italienische Restaurant » Gino « auf der Lexington Avenue in Höhe der 61. Straße. Es war nichts Besonderes, was die Speisekarte anging, aber es war ­immer da – seit 1945, um genau zu sein. Man konnte dort preiswert und von der Qualität her ordentlich essen, das Lokal lebte von seinen Stammkunden und ­denen, die es von diesen empfohlen bekamen. Die Dekoration hatte sich seit den Anfängen nicht verändert, nur die Plastikblumen, die auf den Tischen standen, wurden jährlich ausgetauscht. Der Wirt, so hieß es, kaufte sie bei Wal-Mart und wusch sie drei Mal im Jahr in der Küche, morgens, bevor die Kocherei losging. Man hatte den Eindruck, die Zeit sei kurz nach Eröffnung stehen geblieben, und daran änderte sich nichts, als der ursprüngliche Besitzer vor einigen Jahren starb. Ein sicherer Tipp also ? Keineswegs. » Gino « schloss für ­immer im Sommer 2010, als die Miete um achttausend Dollar monatlich steigen sollte.

 

Die Farben der Stadt

Schon der Taxifahrer, der Sie von ­­einem der New Yorker Flughäfen nach Manhattan fährt, wird, so er Englisch spricht und überhaupt etwas sagt, an ­­einem schönen Tag das New Yorker Klima preisen und als Refrain die klare Luft und strahlende Sonne besingen. Auch bei jeder anderen Gelegenheit sprechen die New Yorker, wie übrigens die meisten Amerikaner, gern und ­immer wieder davon, was das Wetter gerade macht. Im Radio, im Fernsehen, im Internet natürlich und in den Zeitungen wird das Thema täglich mit erregter Aufmerksamkeit bedacht. Dabei ändert sich das New Yorker Wetter eigentlich nie. Vielmehr folgt es, einschließlich der überraschenden Regengüsse, dem vorhersehbaren Wechsel der Jahreszeiten mit ­ihren stadttypischen Ausprägungen und ­einer verlässlichen Farbenfolge, die ganz New York ergreift, wenn es so weit ist.

Der Frühling ist zu kurz, als dass es sich lohnte, großes Aufhebens um ihn zu machen, ein paar in den Winter gesprenkelte Tage, vielleicht schon im März, sicher im April. Dann explodieren die Blüten der japanischen Zierkirschen rund ums Wasserreservoir im Central Park, und mit dem kräftigen Rosa und Weiß überzieht ein zartes Grün die Stadt. Wie verzaubert liegen in diesen Tagen die Quer­straßen zu den Avenuen in Chelsea und in Greenwich Village mit ­ihren zwei- oder dreistöckigen Backsteinhäusern da, als sei seit dem Ende des neunzehnten Jahrhunderts kaum ein Winter vergangen. Im Sommer, der jetzt jeden Augenblick beginnen kann, schwitzt New York alle Farben aus und unterwirft sich eintönig bleich dem Flimmern der Hitze. Wenn sich die Bäume im Herbst golden, rot und orange färben, wird die Stadt bunt, bis sich für Monate das Bleigrau des Winters konturschärfend über die Straßen senkt und nur die kahlen Äste im Park nachmittags ein wenig silbrig schimmern, an guten Tagen. Oder bis ein Schneesturm um ­alles eine weiße Hülle legt.

Im Sommer hängen die Blätter schlapp an den Bäumen, Parks und Straßencafés sind leer bis auf ein paar Touristen. Die Meteorologen berechnen neben den Temperaturen stündlich auch die Luftfeuchtigkeit, die wochenlang zwischen achtzig und neunzig Prozent hin und her pendelt oder auf hundert ansteigt, wenn es regnet, ohne dass es abkühlen würde. Es ist heiß, sagen sie, und es fühlt sich noch heißer an. Hitzerekorde werden angekündigt, gebrochen oder auch nicht, doch selbst über neue Superlative, von ­denen das Selbstbewusstsein der Stadt sonst so sehr zehrt, kommt keine Begeisterung auf. Die Menschen stöhnen und bleiben drinnen, wo es ein wenig kühler ist, zu Hause, im Kino oder in den Restaurants. In den Subway-Stationen schmeckt der Atem nach überbackenem Zement. Ströme heißer Luft entweichen den Klimaanlagen der Züge, in ­denen die Passagiere im Kälteschock erstarren. Oben in den Häusern stellen Mieter und Geschäftsinhaber ihre Luftumwälzer in die Fenster. Jede Umdrehung ­ihrer scheppernden Motoren lässt die drinnen aus der Luft gepresste Feuchtigkeit draußen an den Hauswänden heruntertropfen und erzeugt eine kleine Hitzeturbulenz auf dem Gehsteig. Sie ist stark genug, um den Gestank alten Teers, der aus dem weich gewordenen Asphalt quillt, von ­einer Straßenseite zur anderen zu blasen. In der schweren Wärme liegt etwas Giftiges, das sich nachts, wenn die Temperaturen kaum fallen, durch die Fenster zurück in die Wohnungen schleicht. Ein unbestimmtes Gefühl von Gefahr drückt auf die Stimmung. Vielleicht ist es das Ozon, das im Sommer eine weit höhere Konzentration erreicht, als gesund ist, weil ­immer noch Elektrizitätswerke aus den Vierziger- und Fünfzigerjahren aus Kohle Strom erzeugen, mit dem die Klimaanlagen auf Hochtouren laufen. Vielleicht aber sind es auch die Geister der Erinnerung, die die Hitze aus den Steinen herauslöst wie Feuer Erze aus Minen.

Erinnerungen zum Beispiel an den Sommer 1977. In kaum merklichem Tempo rollte eine Hitzewelle über die Stadt. Wie in vielen Jahren, so fiel auch damals im Juli der Strom aus. Meistens erwischt der Blackout nur die Randgebiete Manhattans, doch in jenem Jahr traf er die gesamte Stadt. New York stand sowieso an der Schwelle seiner schwersten Krise. Die Stadt war bankrott. Niemand glaubte mehr daran, dass die Straßen, falls die kratertiefen Schlaglöcher einmal gefüllt würden, je wieder mit Gold gepflastert sein könnten, wie es zwanzig Jahre später geschah. New York wurde täglich dreckiger, illusionsloser, übler riechend und gefährlicher. Der Untergang schien unausweichlich. Willkürliche Gewaltakte machten Schlagzeilen. Ein ­Serien­mörder ging um und erschoss mit ­­einem 44-Millimeter-Revolver jugendliche Liebespaare, die in ­ihren Autos knutschten. Es ­waren regelrechte Exekutionen, und sie stürzten Teile der Stadt in Hysterie. An den Rand des kollektiven Nervenzusammenbruchs aber wurde New York durch die bizarren Briefe getrieben, die der Mörder an ­einen Kolumnisten der Daily News schrieb und die fast täglich die Schlagzeilen der Regenbogenpresse beherrschten. In diesen Notizen erklärte er sich zum Son of Sam, wobei Sam, wie sich später he­rausstellte, ein sechstausend Jahre alter Mann sein sollte, der durch ­einen schwarzen Labrador zu ihm spreche und ihm die Befehle zum Morden gebe.

Die Polizei tat ihr Bestes. Sie analysierte die Liedtexte ­eines zehn Jahre alten Jimi-Hendrix-Albums, die dem Mörder möglicherweise als Inspiration gedient haben könnten, und erwog, seine Handschrift mit den Unterschriften auf den Führerscheinen ­aller weißen Männer zwischen zwanzig und dreißig Jahren zu vergleichen. Allein in Queens wären das eine Viertelmillion gewesen. Jeder einschließlich des Mafia-Paten, der sein Viertel nicht vor dem Mörder schützen konnte, legte eine Liste mit Verdächtigen an. Son of Sam wurde in jenem Sommer gefasst und sitzt heute, verurteilt zu mehr als dreihundert Jahren Haft, in ­­einem New Yorker Gefängnis. Sein letztes Begnadigungsgesuch wurde 2006 abgelehnt, wie alle zuvor und wahrscheinlich alle, die noch kommen werden.

Der gigantische Stromausfall, der im August 2003 weite Teile New Yorks und der amerikanischen Ostküste ins Dunkel stürzte – und dessen Ursache dasselbe unzureichende Elektrizitätsnetz war wie sechsundzwanzig Jahre zuvor und wie bei ­allen Stromausfällen in der Zwischenzeit –, zog weder Hysterie noch Massenmorde nach sich. Stattdessen gab es Partys, wohin man sich auch wendete. Die Kühlschränke und Tiefkühltruhen, die nicht mehr funktionierten, wurden geleert, große Büfetts bestückt, und ganze Viertel feierten bei Kerzenschein in Wohnungen, auf Feuertreppen und auf den Straßen unter fahlem Mond, dass New York diesmal mit Sicherheit nicht untergehen würde.

Das Sommerende kündigt sich in den Nächten des frühen September an, wenn plötzlich ein Windstoß die Gardinen vor dem geöffneten Fenster bläht und man aufsteht, um eine Decke zu holen, die dann neben dem Bett liegen bleibt. Dem ersten Windstoß folgt noch kein zweiter, noch verteidigt die schwere Sommerluft ihre Hoheit zwischen den Häuserwänden, doch der Herbst wird kommen wie jedes Jahr, und jetzt sehr bald. Die Blätter fallen von den Bäumen, und die Erinnerung, wie es war, nur unter ­­einem Laken zu schlafen und dennoch die Wärme zu spüren, die sich in die Haut gekrallt hatte, verblasst. Und dann sind plötzlich auch die Bettler wieder da.

Solange die Stadt im Hochsommer schwer im Dampf der endlos scheinenden Hitze liegt und der schmierige Film ­ihrer Ausdünstungen die Umrisse der Architektur verwischt, sieht man Penner und bag ladies selten. Sie hocken vor Kellereingängen, in Nischen und Rinnsteinen, schmutzüberzogen wie die ganze Stadt und für den flüchtigen, schweißverhangenen Blick unsichtbar. Wenn sie im Straßenbild wieder sichtbar werden, ist der Sommer vorbei.

Die Bettler sind nicht alle gleich, und sie sind nicht alle gleich arm. Einige sind es vielleicht über den Sommer erst geworden. Manche glauben noch an das Leistungsprinzip, also singen oder deklamieren sie, schlagen Topfdeckel zusammen, behaupten, aus Händen lesen zu können, und manchmal bekommen sie tatsächlich ein paar Münzen dafür. Sie sind die Elite der Ausgestoßenen. Sie können, was niemand, der noch ein paar Dollar in der Tasche hat, auch nur versuchsweise fertigbrächte : die Hand aufhalten oder ­einen Pappbecher in den Passantenstrom strecken, ohne den Blick abzuwenden. Andere schließen keine Kompromisse mehr mit der Wirklichkeit des Geld- und Tauschverkehrs. Sie bieten nichts an, sondern holen sich den Platz, den sie im Leben verloren haben, auf der Straße wieder. Auf überfüllten Bürgersteigen rudern sie mit den Armen, als seien sie die Vorhut ­einer wichtigen Delegation, für die sie Raum schaffen müssen in der hastigen Menge. Sie haben eine Mission, wie jene spindeldürre Frau, die ­einige Monate lang in der Nähe ­einer Großbaustelle am Südrand des Central Park hin- und herlief und jedem Vorübergehenden ins Gesicht starrte. » Don’t ! «, schrie sie, fauchte sie, flüsterte sie in kurzen Abständen und ­immer, wenn ihr jemand begegnete : die Negation der ganzen Welt in ­­einem einzigen Wort. Eine Stufe unter ihr in der Hierarchie der Armen herrscht Stille.

Vor ein paar Jahren lief ich im frühen Herbst ­einige Wochen lang durch die Straßen meines Viertels, um die Männer und Frauen kennenzulernen, die dort regelmäßig bettelten. Nachdem ich eine Zeit lang ­immer wieder dieselben Gesichter und Gestalten beobachtet hatte, wurde ich Zeuge des Übergangs von dem ­einen Zustand in den anderen. Der Mann, er schien um die vierzig zu sein, der nachmittags für viele Stunden auf ­einer Bank am Central Park hofhielt, den Drahtwagen aus ­­einem Supermarkt neben sich, mit Decken, ein paar Flaschen und ­­einem Karton, dem er keinerlei Aufmerksamkeit widmete, lag ­eines Nachmittags auf der anderen Straßenseite mitten auf dem Bürgersteig und schlief. In den nächsten Tagen war er nicht zu sehen. Dann fand ich ihn wieder, ein paar Straßen von seiner Bank entfernt, ohne Wagen, ohne Decken und ohne Karton, und auch sein Alter schien er verloren zu haben. War er wirklich vierzig ? Nicht eher dreißig, oder doch schon in den Sechzigern ? Er saß in ­einer Nische vor ­­einem vergitterten Kellerfenster, offenbar schon tagelang. Kleidung, Haare und Haut hatten begonnen, die Farbe der Fassade anzunehmen, an der er lehnte, bedeckt vom selben Staub, gerüstet für die Ewigkeit. Wo und wann er in ihr anlangte, weiß ich nicht. Der Herbst zog ruhig dahin, während das pralle Gelb, Rot und Orange, das noch mit der Sommersonne angefüllt war, sich langsam zu ­­einem fauligen Braun verdunkelte. ­Eines Tages war der Bettler nicht mehr da. Er blieb im Winter verschwunden und tauchte auch, als es wärmer wurde, nicht wieder auf.

Der Winter kommt mit Knattern und Gepuffe. New Yorker Wohnhäuser und auch die meisten Hotels werden mit Dampf beheizt, der durch die alten Rohre zischt und spotzt wie eine defekte Lokomotive. Manchmal knallt es in den Wänden, und manchmal hört man Schläge, als hämmere jemand im Keller mit ­einer Stange gegen die Heizanlage. Doch da ist niemand, und dennoch wandert dieser vibrierende Schlag, der aus dem Bauch des Hauses kommt, durch das Gemäuer auf der Suche nach dem Weg ins Freie. Er findet ihn nie, und der Krach bleibt im Haus, und all die Tricks, ihn abzustellen, funktionieren nur manchmal und ohne System. Man kann die Heizung ganz ausdrehen. Da die Häuser ­immer überheizt sind, bleibt es in den meisten Räumen dennoch warm genug. Doch viel ruhiger wird es dadurch nicht, weil nicht zu überhören ist, wie der Dampf sich den Zugang zu den Heizkörpern der Nachbarwohnungen bahnt. Man kann es umgekehrt versuchen, die Heizung auf höchster Temperatur laufen lassen und dem Dampf alle Schleusen öffnen, auf dass er ungehindert durch den kurvigen Parcours der Rohre rase. Aber er wird dennoch ­immer wieder seine Schläge austeilen. Schließlich bleiben nur die Kapitulation und die Gewissheit, dass auch der Winter vorbeigeht.

Früher, so berichten alte New Yorker, war es vor ­allem im ­Januar und ­Februar zuverlässig eisig kalt. Inzwischen sind die Winter manchmal auch mild und schneearm. Aber es sind die anderen, die noch ­immer, wenn auch nicht mehr in jedem Jahr, über die Stadt hereinbrechen, die, in ­denen der Atem am Schal gefriert und man auf den Wiesen Schlittschuh laufen kann, von ­denen es sich zu erzählen lohnt. Am ersten Tag ­eines solchen Winters kann man die Kälte beim Blick aus dem Fenster bereits sehen. Die Luft hat eine stumpf graue Farbe angenommen und steht wie eine Mauer. Schnee ist noch nicht gefallen, aber er wird bald kommen. Gestrickte Skimützen, die selbst die Jogger jetzt tragen, werden für Wochen ein notwendiges Accessoire. Mit eingesticktem » NY « über der Stirn ( das Logo der New York Yankees, einer der Baseballmannschaften New Yorks ) sind sie seit einigen Jahren auch modisch der letzte Schrei und werden an jeder Straßenecke verkauft. Die New Yorker scheuen sich jetzt nicht, ­alles übereinander anzuziehen, was warm hält, gesteppte Daunenjacken über Anzüge, schwere Schnürstiefel zum Kostüm, wattierte Handschuhe und lange Schals, die über den Mund gezogen werden können. In der überheizten Untergrundbahn werden sie dann von Schwitzanfällen gelähmt; in den Waggons dampft es innen wie im Sommer draußen. Vielleicht schon am nächsten Morgen wird es geschneit haben.

Niemals ist New York geräuschloser als unter dem ersten Schnee. Selbst die Müllabfuhr arbeitet, als sei sie in Watte verpackt. Normalerweise weckt sie die New Yorker zuverlässiger als jeder Hahn, der hier zum letzten Mal vor hundert Jahren gekräht haben soll, wenn sie am frühen Morgen röhrend zermalmt, was vom Vortag übrig blieb, und kreischend zerhäckselt, was die Menschen einmal dringend haben wollten und dann wieder nicht. Am Morgen des ersten Schnees hört man sie nicht. Manchmal kündigt diese Stille an, dass bald jede Alltagsroutine aussetzen wird, sollte der Schnee nur der Vorbote für ­einen Wintersturm gewesen sein. Meistens aber ist die Stille nicht mehr als eine kurze Pause im vertrauten Tagesablauf. Die New Yorker, die an solchen Tagen ihre Stadt preisen, von ­ihrer Schönheit schwärmen und glücklich sind, machen sich zu den Hügeln im Central Park auf. Bald rutschen dort Kinder und Erwachsene auf Mülleimerdeckeln, Autoreifen, auf Plastikdeckchen, in Gummischüsseln und ­allem anderen, das auf Schnee gleitet, herum. Wer erst am Abend im Park vorbeischaut, wird auf Eisskulpturen treffen, eng umschlungene gefrorene Liebespaare, die auf den Parkbänken sitzen, bis es taut, Dinosaurier, an die man eine Leiter lehnen kann, und Schneemänner natürlich, überall. Sie kennen das aus Filmen.

Wenn der Wind mit mehr als fünfzig Stundenkilometern durch die Straßenschluchten pfeift, wenn Sie Ihre Hand kaum vor Augen sehen können, wenn die Temperaturen unter fünfzehn Grad minus fallen, wenn der große Schnee kommt und die Flocken sich innerhalb kurzer Zeit zu ­­einem halben Meter türmen, sprechen die Meteorologen nicht ohne Stolz von ­­einem blizzard. Es ist kalt, sagen sie nun, und wegen des Winds fühlt es sich noch kälter an. Schirme sind jetzt unnütze Geräte, weil der Sturm den Schnee von ­allen Seiten außer von oben gegen die Menschen treibt. Wenn dann auch noch Vollmond ist, wird für die Küsten Flutwarnung gegeben und vielleicht der Notstand ausgerufen.

Die ersten Aufzeichnungen darüber, dass ein solcher Schneesturm über New York hinwegfegte, stammen aus dem Jahr 1811. Von da an geschah das regelmäßig in Abständen von zehn bis fünfzehn Jahren. 1888 muss es besonders schlimm gewesen sein, jedenfalls erschienen 1998 lange Gedenkartikel, die an diesen Sturm erinnerten, der tatsächlich ein Jahrhundertsturm gewesen sein muss und vor ­allem im Hafen­becken enorme Schäden anrichtete. Im zwanzigsten Jahrhundert wurden die Abstände zwischen den Stürmen kleiner. 1961, 1969, 1978, 1983, 1993, 1996, 2003, 2006 und 2010 – in all diesen Jahren erlebte die Stadt Stürme, von ­denen es jedes Mal hieß, sie seien rekordverdächtig : in der Schneehöhe, den Temperaturen, ­ihrer Dauer, der Zahl der Toten. Für die Meteorologen sind diese Tage ein Fest, auf dem es nicht ­immer lustig zugeht. Immer­hin sterben Menschen, erfrieren in ­ihren Autos, die auf abgelegenen Straßen liegen geblieben sind, und auch Obdachlose sterben den Kältetod, manche mitten in der Stadt. Dennoch können die Wetterbeobachter kaum bemänteln, dass sie in jedem blizzard nach Zeichen fahnden, ob New York sich auch im Wetter konkurrenzfähig zeigt und vielleicht ­einen selbst gesetzten Rekord wird brechen können. Sie stehen mit ihrem Kameramann an windigen Ecken, vor haushohen Wellen am Strand, vor den Schneebergen, die mit jeder Runde der Räumfahrzeuge wachsen. Sie sind aufgeregt in der Aussicht auf ­einen solchen Rekord, nachdem sie vielleicht schon im Sommer, vor ­­einem sprudelnden Hydranten postiert, Spitzenwerte ­einer Hitzewelle vorhergesagt hatten, die dann ausblieben.

Doch den Rekord als Jahrhundertsturm hielt fast fünfzig Jahre lang die Wetterkatastrophe von 1947, als siebenundsiebzig Menschen in New York starben. Erst der blizzard von 1996 konnte ­einen neuen aufstellen, mit mehr Schnee, tieferen Temperaturen, mehr Toten. Vier Jahre später, im ersten Jahr des neuen Jahrtausends, sorgte ein ähnlich starker Sturm abermals dafür, dass die Flughäfen geschlossen, der Schienenverkehr eingestellt und die Straßen außerhalb der Stadt weitgehend gesperrt werden mussten. Doch da die New Yorker inzwischen alle paar Jahre fast ­einen Jahrhundertsturm erlebt hatten, hüteten sich die Meteorologen nun, diese Vokabel zu bemühen, und trauten sich auch zwei Jahre später nicht, sie hervorzukramen, als die Stadt abermals im Schnee versank und kaum noch etwas funktionierte. Erst 2010, als die ganze Ostküste im Schneechaos unterzugehen schien, als wieder einmal die Flughäfen dichtmachten, die Schulen geschlossen blieben und wieder ­einige Menschen beim Schneeschippen Herzanfälle erlitten oder im Eis verunglückten, wurde die Vokabel vom Jahrhundertsturm wieder ausgepackt. Zu früh vermutlich.

Während in den Wetterstudios angesichts ­eines nahenden Sturms ­immer neue Statistiken angelegt werden, gehen die New Yorker einkaufen. Außer vor den landesweiten Feiertagen, Thanksgiving etwa, dem letzten Donnerstag im November, ist in den Läden niemals mehr Betrieb als unmittelbar vor ­­einem Sturm. Normalerweise sind die New Yorker one-meal-shopper, die gerade so viel einkaufen, wie sie für eine Mahlzeit brauchen. Vor dem großen Sturm aber werden in den Einkaufswagen Lebensmittel, Batterien, Kerzen und Riesenflaschen mit Trinkwasser gestapelt, als könnte sich tatsächlich jemand vorstellen, dass mit dem öffentlichen Transportsystem auch jegliche andere Versorgung zusammenbricht. Das ist bisher noch nie geschehen. Doch Einkaufen ist in New York ein Reflex, der ­immer dann aufzuckt, wenn etwas Ungewöhnliches bevorsteht. Vielleicht stellt sich der Bürgermeister am Abend vor die Fernsehkameras und rät, nachdem er Schulen und städtische Büros für geschlossen erklärt hat : » Bleiben Sie zu Hause. « Nicht, dass die New Yorker den Ratschlägen ihres Bürgermeisters ­immer folgten. In diesem Fall könnten sie es, wenn sie sich dazu entschließen wollten. Der Kühlschrank ist voll. Am nächsten Tag aber begegnen sie sich dann doch auf den Straßen, auf ­denen keine Autos mehr fahren, keine Busse, nur vereinzelt ein paar Taxis. Sie genießen die Ruhe, und auf dem Weg zur Arbeit fahren sie Ski, am liebsten auf dem Broadway.

 

Shall We Dance ?

Die New Yorker beziehen ­einen nicht geringen Teil ihres Selbstbewusstseins aus der Vorstellung, sie lebten in der schnellsten Stadt der Welt. Eine Stadt, die sich im Rhythmus der Jahreszeiten von Grund auf zu verändern imstande ist, verlange, so glauben sie mit ­einiger Berechtigung, auch von ­ihren Bewohnern höchste Flexibilität, was diese ein wenig über den Rest der Menschheit erhebe. Doch ebenso wie die Lust an der Veränderung ist auch stures Beharren auf Vergangenem ­einer jener Charakterzüge, durch die sich die New Yorker von ­allen anderen und vor ­allem von den vielen Fremden in ­ihrer Stadt absetzen. Sie lieben Ortsbezeichnungen, die von den Stadtplänen schon seit Langem verschwunden sind. Sie nennen, wenn sie älter als fünfzig sind, das MetLife Building ­immer noch das PanAm Building und auf jeden Fall die Avenue of the Americas, wie auf den Straßenschildern steht, nach wie vor Sixth Avenue. Auch halten sie an Gewohnheiten fest, für die es längst keinen Grund mehr gibt. In der Subway weichen sie ­immer noch fast jedem Blickkontakt aus, eine Sicherheitsmaßnahme aus Zeiten, da im Untergrund jeder Mitreisende möglicherweise gefährlich war und ein Sichkreuzen der Blicke fast notwendig unangenehmere Berührungen nach sich zog. Unsichtbar zu bleiben war das vernünftige Ziel, und als Tarnkappe diente das emotionslose Starren ins Nichts, in die Zeitung oder ein Buch. Heute und schon seit vielen Jahren sind die Subways zu jeder Zeit in fast ­allen Stadtgebieten außer einigen abgelegenen Strecken in East New York, Bedford Stuyvesant oder der Bronx sicherer als in den meisten anderen Metropolen. Doch ein offener Blick, ein ­Lächeln gar, weist ­immer noch den Grünschnabel in der Weltstadt aus.

Auch auf der Straße sieht man einander nicht an. New Yorker sind schnelle, geübte Läufer. Sie drängeln sich auf den steilen Treppen der Subway-Eingänge an schwerfälligen Dicken vorbei, und sie entschuldigen sich keinesfalls, sollten sie dem Vordermann die Tasche von der Schulter schlagen oder gegen ­einen Rucksack rempeln, der ­ihnen im Weg ist. » Excuse me «, heißt die routiniert hervorgenuschelte Formel, was eine höfliche Umschreibung für » weg da « ist und nicht etwa » entschuldigen Sie « im Sinne ­eines Schuldeingeständnisses meint, wie es » I am sorry « andeuten würde. Diese Formel hört man im Straßenverkehr nie, und man sollte sich hüten, sie selbst anzubringen, es sei denn, man hat tatsächlich in unachtsamer Eile ­einen anderen zu Fall gebracht.

Das allerdings geschieht unter New Yorkern erstaunlich selten. Sie sind es gewohnt, sich in engen Räumen zu bewegen, leben doch die meisten von ­ihnen in Wohnungen, in ­denen es ­einiger Behändigkeit bedarf, sich nicht selbst über den Haufen zu rennen. Außer vor wirklich raumgreifenden Hindernissen in den schmalen Zugängen zur Untergrundbahn bewegen sie sich daher mit außergewöhnlichem Navigationsgeschick, selbst auf den belebtesten Bürgersteigen. Instinktsicher rauschen die Ströme der Dahinstürmenden aneinander vorbei, den ungeschriebenen Regeln des Rechtsverkehrs für Fußgänger folgend. Nur manchmal, vor allem außerhalb der Hauptverkehrszeiten, wenn auf den Bürgersteigen eigentlich genug Platz wäre, einander weiträumig zu umgehen, nähert sich jemand auf Karambolagekurs. Man sieht den Zusammenstoß kommen, weicht nach rechts aus, der andere nach links, was einen wieder auf gleiche Höhe bringt, schlägt ­einen Haken zur anderen Seite, dem der Entgegenkommende folgt. Man deutet eine Kurve an, wie der andere auch, wechselt den Schrittrhythmus wie auch er und steht plötzlich voreinander, auf dem falschen Fuß erwischt. » Shall we dance ? «, fragt er dann, wenn man Glück hat, und endlich darf man schauen und lächeln und trifft ­einen Blick.

Festgemauert, andererseits, in sturer Gemütsverfassung, bedenken die New Yorker jede Neuerung mit Verachtung, die ihre Stadt ein bisschen weniger unvergleichlich macht. Die Luxussanierung einzelner Stadtviertel von SoHo bis nach Brooklyn, das Auftauchen von Einkaufszentren mitten in Manhattan, etwa im Time-Warner-Building am Columbus Circle, die Verbreitung von Ladenketten in Straßenzügen, die einst von Tante-Emma-Läden gesäumt ­waren, wie auf der Upper West Side, all dies sind seit Jahrzehnten schon Tendenzen der Stadtentwicklung, die in New York stets aufs Neue von alarmistischen Kommentaren über den Niedergang der Hauptstadt der Welt begleitet werden.

Im Frühjahr des Jahres 2004 wurde ein Projekt abgeschlossen, das ausdrücklich darauf angelegt war, genau dies zu leisten : New York anderen Städten im In- und Ausland ein wenig ähnlicher zu machen. Als zu seinem Beginn im Jahr 2000 an zweitausendachthundert Straßenkreuzungen in Queens und Staten Island neue Fußgängerampeln instal­liert wurden, machte sich noch niemand große Sorgen. Die neuen Ampeln sind mit Leuchtdioden ausgerüstet statt mit Glühbirnen, brennen zwölf statt zwei Jahre lang und zeigen das international übliche Zeichen für » Gehen « und » Stehen bleiben «, nämlich eine weiße Figur in Schrittstellung oder eine erhobene rote Hand. Auf Queens und Staten Island folgten Brooklyn und die Bronx, und schließlich hielten die neuen Ampeln Einzug in Manhattan. Ende ­Februar 2004 erklärte Bürgermeister Bloomberg die Erneuerungsaktion für abgeschlossen. Der Applaus fiel erwartungsgemäß spärlich aus, obwohl Bloomberg, darin ganz New Yorker, es verstanden hatte, den Ampelaustausch, nach dem die Stadt jährlich 6,3 Millionen Dollar an Stromkosten sparen wird, gänzlich vom Staat finanzieren und die ­eigene Kasse unbelastet zu lassen. Inzwischen stehen Sie an stark befahrenen Kreuzungen sogar ­immer häufiger sogenannten count-down-lights gegenüber, die ­Ihnen sagen, wie viele Sekunden es noch dauert, bis Sie Gefahr laufen, von den anfahrenden Autos überrollt zu werden.

In der Nähe von Großbaustellen allerdings, an ­denen es in New York niemals mangelt, wurden ­einige Fußgängerüberwege übersehen. Hier leuchten wie bisher die alten Schriftzüge : Walk, Don’t Walk. Sie ­waren tatsächlich etwas Besonderes, und wenn man heute vor ­einer dieser alten Ampeln steht, ist die Versuchung groß, sich ­ihrer herrischen Anweisung zu fügen, was eine für New Yorker ausgesprochen untypische Verhaltensweise wäre. Denn jaywalking gehört zum New Yorker Lebensgefühl, geboren aus der historischen Erfahrung ständiger Überfüllung in engen Gassen, in ­denen die Menschen hin und her schossen wie Haie, um sich ­einen Glücksbrocken zu schnappen und nicht selbst gefressen zu werden. Von diesem Überlebenswillen ­ihrer Vorfahren um die vorletzte Jahrhundertwende herum geprägt, überqueren die New Yorker auch heute die Straßen zu jeder Zeit, soweit ihr Leben nicht unmittelbar gefährdet scheint (und manchmal selbst dann), und meistens nicht an den dafür vorgesehen Stellen. Sie drücken sich vielmehr fern jeder Ampel zwischen den stehenden Autos hindurch, springen schnell zur Seite, wenn ein Fahrradfahrer naht, und hüpfen über Pfützen, die sich Seen gleich zwischen Bürgersteig und Straße bilden, kaum hat einer der berüchtigten Regenstürze die Stadt unter Wasser gesetzt.

Dennoch liebten sie die alten Fußgängerampeln. Generationen von New Yorkern, so klagten viele Wochen lang Leserbriefschreiber in den Zeitungen der Stadt und Reporter der Fernseh- und Radiosender nach der Installation der neuen Ampeln, hätten statt » Mama « und » Papa « zuerst » Walk/Don’t Walk « zu lesen gelernt. Überhaupt sei die Tatsache, dass einzig in ­ihrer Stadt eine gewisse Grundalphabetisierung Bedingung für die Teilnahme am Straßenverkehr sei, Ausweis ­ihrer zivilisatorischen Überlegenheit. Diese werde nun ohne Not für eine zweifelhafte Internationalisierung aufgegeben, an der hier kein Mangel herrsche. Der Verlust von Einzigartigkeit, den die internationale Zeichensprache New York beschert, ist unübersehbar, immerhin leuchten die neuen Ampeln an 10 700 Kreuzungen. Noch nicht abzusehen ist, ob, und wenn, um wie viel die schnelle Stadt mit der Zeit dadurch langsamer werden wird. Denn die rot erhobenen Hände gebieten unmissverständlich : halt. Früher aber wusste jedes Kind und handelte danach, dass Don’t Walk keineswegs Stillstand forderte, sondern hieß : » Nicht gehen ! Renn, so schnell du kannst ! «

Völlig unbeeindruckt von jeglicher Art von Ampeln zeigen sich die Fahrradboten, von ­denen es mehrere Tausend gibt. Sie haben eine erstaunliche Tradition in New York, angeblich flitzen sie schon seit über hundert Jahren durch die Stadt. Und sie haben es ­immer eilig, weil es entweder darum geht, wichtige Dokumente oder Waren so schnell von Haus zu Haus zu transportieren, wie es die verstopften Straßen zulassen, wenn man alle Hindernisse, Autos, Fußgänger, andere Radfahrer und Ampeln ignoriert, oder auch nur darum, dass eine Pizza noch halbwegs essbar den erreichen soll, der sie bestellt hat. Die professionellen Fahrradboten mit den wichtigen Waren und Dokumenten geben sich durch windschnittige grellfarbene Trikots zu erkennen. Alle tragen inzwischen ­einen Helm, und ihre Räder sehen aus, als seien sie ­eines der zivilen Nebenprodukte der Raumfahrtforschung. Diese Boten sind gefährlich, weil sie nur ein Ziel kennen, dem sich der Rest der Welt unterzuordnen hat : die Empfängeradresse. Die Pizzaboten hingegen radeln in flatternden Hosen auf ­ihren alten, lichtlosen Rädern traumverloren vor sich hin. Auch sie sind gefährlich, denn offensichtlich haben sie die Welt vergessen und damit den Tod. Wahrscheinlich träumen sie von besseren Zeiten, was sie unberechenbar macht.

Niemand hingegen ist berechenbarer als die Autofahrer. Sie sind einerseits furchtlos, sonst kämen sie nirgendwohin. Andererseits haben sie eine engelsgleiche Geduld. Vor ­allem wenn sie stehen. Zweireihig geparkte Autos in den Seitenstraßen sieht man täglich und ­immer zu denselben Zeiten. Alternate street parking rules heißt die Sonderlichkeit, der sie folgen. Die meisten Feiertage übrigens bedeuten nichts anderes, als dass diese Parkverbote außer Kraft gesetzt sind, was im Radio angesagt wird. Sonst aber gilt, dass die Parker, um die Straßenreinigung nicht zu behindern, zu bestimmten Zeiten ihre Plätze auf jeweils ­einer Straßenseite räumen müssen. Auf der Upper West Side etwa muss dienstags und freitags zwischen 11.30 Uhr und 13 Uhr die Südseite der Straßen, und montags und donnerstags zur selben Zeit ihre Nordseite frei sein. Gut zwei Stunden zuvor bildet sich gegenüber eine Autoschlange neben der dort bereits parkenden, während sich die andere Seite langsam leert. Wer seinen Wagen abgestellt hatte, wo gleich geputzt werden soll, flieht jetzt vor den Abschleppladern, die mit Sicherheit anrücken, wenn um halb zwölf dort ­immer noch ein Auto steht. Etwa fünfzehn Parkplätze werden auf diese Weise in ­­einem einzigen Straßenblock frei, fünfzehn in ­einer Stadt, in der ein einziger ein Wunder ist ! ­Ihnen gilt natürlich das Kalkül der gegenüber in der zweiten Reihe Wartenden. Jetzt müssen nur noch die Fahrzeuge der Straßenreinigung ­ihren Dienst tun. Wenn sie etwa dreieinhalb Stunden nach Beginn der Manöver damit fertig sind, kommt endlich der Zeitpunkt für die geduldig Aufgereihten, sich elegant in ­einen der nun für zweieinhalb Tage legalen Parkplätze auf der freien Straßenseite einzufädeln. Am nächsten Tag wird man dasselbe auf der anderen Straßenseite beobachten können. New Yorker Autofahrer, die auf der Straße parken und sich den alternate street parking rules unterwerfen müssen, fragt man besser nicht, ob sie denn mit ­ihren Autos noch etwas anderes tun, als sie mehrmals in der Woche legal abzustellen. Den meisten wäre das peinlich. Wenn man nicht sehr viel Geld für eine der zahllosen Garagen ausgeben kann, die im ­Monat fünfhundert oder pro Stunde je nach Gegend dreizehn, dreiundzwanzig oder auch vierzig Dollar kosten können, ist Parken und nicht das Autofahren in New York ein lebensstrukturierendes Element.

Einen Sommer lang habe ich das mit dem kleinen Fiat ­eines Freundes durchzuhalten versucht. Er verbrachte ­einige Monate in Europa und wollte mir mit seiner Leihgabe das Leben in New York erleichtern. Ein paar der mit dem Warten auf ­einen Parkplatz verbrachten Vormittage gingen dahin mit der Betrachtung der anderen, von ­denen ich Geduld lernen wollte. Die meisten lasen oder telefonierten. Einer hatte seine Hanteln dabei und arbeitete an seinem bereits zum Bersten prallen Oberkörper. Immer wieder versuchte er, den Erfolg im Rückspiegel zu überprüfen, drehte und reckte sich mit vorgeschobenem Kinn. Andere frühstückten ausgiebig und dösten anschließend vor sich hin. Ich überlegte, welcher Arbeit sie wohl nachgingen, die es ­ihnen erlaubte, mindestens zweimal in der Woche ­einen halben Tag auf ­einen Parkplatz zu warten, und kam zu keinem Schluss. Eine junge Frau, die ­immer denselben Platz in der zweiten Reihe anpeilte, fuhr regelmäßig als graue Maus vor. Nachdem sie Stunden später auf ­ihren Parkplatz eingeschwenkt war, entstieg sie ihrem Wagen als strahlender Schwan. Einmal verließ ich mein Auto mit ­­einem Stapel durchgelesener Zeitungen und bewegte mich auf den Papierkorb zu, der direkt unter ­­einem der Schilder Don’t litter ( Keinen Abfall auf die Straße werfen ) angebracht war, nur um an ­ihrer Beifahrertür vorbeischlendern und ­einen Blick ins Innere ihres Wagens werfen zu können. Sie hatte ­einen aufklappbaren Kosmetikkoffer neben sich stehen, der vom batteriebetriebenen Rasierer bis zum Kajalstift ­alles enthielt, was ihre Transformation erklären half. Sie war wirklich sehr gepflegt. Die Tage zerrannen in der brütenden Hitze, ich las in meinem kleinen Auto viele Bücher und beobachtete die schöne Frau. Dann verlor ich sie aus den Augen. Freunde mit ­­einem Haus am Strand von Long Island hatten mich für ein Wochenende eingeladen. Ich genoss die Fahrt, wenn es voranging, und hörte Bob-Dylan-CDs im Stau. Am Samstag erwischte mich ein Sonnenbrand, und am Sonntag fuhr ich mit dem Bus zurück in die Stadt. Den Fiat ließ ich für den Rest des Sommers in Long Island stehen.

Verena Lueken

Über Verena Lueken

Biografie

Verena Lueken, 1955 geboren, lebte sieben Jahre als Kulturkorrespondentin der »Frankfurter Allgemeinen Zeitung« in New York, genau zwischen dem Central Park und dem Riverside Park. Unter dem Eindruck des 11. September entstand ihr Buch »New York. Reportagen aus einer alten Stadt«. Heute lebt und...

Pressestimmen

zuckerkick.com

»Wenn du also mehr wissen willst über Brooklyn, Harlem und SoHo, dann lass dich begeistern von diesem Buch. Du wirst ganz sicher gleich hinterher den nächsten Flug buchen wollen.«

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