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Gebrauchsanweisung für KreuzfahrtenGebrauchsanweisung für Kreuzfahrten

Gebrauchsanweisung für Kreuzfahrten

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Gebrauchsanweisung für Kreuzfahrten — Inhalt

Kreuzfahrten - die beliebtesten Kreuzfahrtschiffe und schönsten Routen

Wussten Sie, dass Schiffe nur von Frauen getauft werden? Dass der Seemannssonntag am Donnerstag stattfindet? Und was eine Schmetterlingsfahrt ist? Thomas Blubacher, passionierter Kreuzfahrer, war in der Karibik und im Indischen Ozean, im Mittelmeer, in der Ostsee und auf europäischen Flüssen unterwegs. Ob Ozeanriese oder Luxusliner, Segelboot oder Eisbrecher – er weiß, wie man die passende Reise für sich findet. Berichtet von Weihnachtsmarkttouren und Gin Tastings, vergoldeten Wasserhähnen und Wellnessoasen. Erhält Einblicke in den verborgenen Crewbereich, unterhält sich mit einer Ärztin und einem Pastor über ihre Einsätze an Bord. Und verrät, wie viele Hummer ein Passagier pro Woche verzehrt. Danach ist vom Neuling bis zum »Repeater« garantiert jeder für das Captain’s Dinner bereit.

Erschienen am 01.09.2016
240 Seiten, Flexcover mit Klappen
ISBN 978-3-492-27681-8
Erschienen am 01.09.2016
224 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-492-97532-2

Leseprobe zu »Gebrauchsanweisung für Kreuzfahrten«

Leinen los !

» Kreuzfahrt ist sexy geworden «, freut sich Karl J. Pojer, CEO von Hapag-Lloyd Cruises. Innerhalb von zehn Jahren hat sich das Passagieraufkommen in Deutschland mehr als verdreifacht, 2015 unternahmen 1 812 968 Bundesbürger eine Hochseereise, zwei Drittel davon buchten bei deutschen Reedereien. Dank des anhaltenden Wachstums darf die Fernwehbranche damit rechnen, in wenigen Jahren die Drei-Millionen-Grenze zu überschreiten, zugleich steigt der Wettbewerbsdruck. Und wer hat’s erfunden ? Nein, ausnahmsweise nicht die Schweizer. Auch nicht [...]

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Leinen los !

» Kreuzfahrt ist sexy geworden «, freut sich Karl J. Pojer, CEO von Hapag-Lloyd Cruises. Innerhalb von zehn Jahren hat sich das Passagieraufkommen in Deutschland mehr als verdreifacht, 2015 unternahmen 1 812 968 Bundesbürger eine Hochseereise, zwei Drittel davon buchten bei deutschen Reedereien. Dank des anhaltenden Wachstums darf die Fernwehbranche damit rechnen, in wenigen Jahren die Drei-Millionen-Grenze zu überschreiten, zugleich steigt der Wettbewerbsdruck. Und wer hat’s erfunden ? Nein, ausnahmsweise nicht die Schweizer. Auch nicht die Reederei Noah & Söhne, die vor viereinhalbtausend Jahren eine unkomfortable 375-tägige Jungfernfahrt ohne Landausflüge veranstaltete, nicht der König von Ithaka, dessen Odyssee durchs Mittelmeer denkbar unentspannt war, und nicht Papst Urban II., der 1095 die ersten Kreuzfahrer der Geschichte zum Eroberungstrip nach Palästina animierte. Es war der 1857 in Hamburg geborene Sohn eines aus Dänemark eingewanderten Juden : Albert Ballin, Vorstandsmitglied der 1847 gegründeten Hamburg-Amerikanischen Packetfahrt-Actien-Gesellschaft, kurz Hapag.

Weil die Hapag-Transatlantikdampfer in den stürmischen Herbst- und Wintermonaten schlecht ausgelastet und damit unrentabel waren, kam er 1890 auf die Idee, eine Reise anzubieten, die nicht der Beförderung, sondern der Erholung und der Bildung dienen sollte : eine » Exkursion nach Italien und dem Orient « mit gut organisierten Landausflügen in verschiedenen Häfen – der Begriff » Kreuzfahrt «, hergeleitet vom Kreuzen, dem Hin- und Herfahren zwischen den Häfen, kam in Deutschland 1928 auf und wurde ab den 1950er-Jahren populär. Ob Ballins » Lustfahrt « nun wirklich die weltweit erste kommerziell vermarktete Vergnügungsreise auf See und er damit tatsächlich der Vater der modernen Kreuzfahrt war, oder ob dieses Lorbeerkränzchen nicht eher dem britischen Schiffseigner John L. Clark zusteht, der 1882 den umgebauten P&O-Postdampfer Ceylon losschickte, ist umstritten – und sei dahingestellt : Albert Ballin veranstaltete jedenfalls die erste Luxuskreuzfahrt im heutigen Sinne.

Wilhelm II. höchstpersönlich, von seinem Volk » Reisekaiser « tituliert, weil er gewöhnlich mehr als die Hälfte des Jahres unterwegs war und von 1889 an jeden Sommer auf Nordlandfahrt ging, verabschiedete am 22. Januar 1891 in Cux­haven das Hapag-Flaggschiff Augusta Victoria. Dass die Kaisergattin und Namenspatin eigentlich Auguste Victoria hieß, war keinem der Verantwortlichen aufgefallen; 1897 wurde der Irrtum stillschweigend berichtigt. An Bord des 1888 in Dienst gestellten, 144,80 Meter langen und 16,62 Meter breiten Doppelschrauben-Schnelldampfers befanden sich 241 » kühne Passagiere «, wie Albert Ballin sie nannte, aus dem In- und Ausland, darunter 67 Damen vornehmlich aus England – in Deutschland galten längere Touren damals als körperlich und geistig zu anspruchsvoll für Frauen. Bezahlt hatten die elitären Gäste für die Reise zwischen 1600 und 2400 Goldmark, das doppelte bis dreifache Jahreseinkommen eines Arbeiterhaushalts. Umsorgt wurden sie von 245 Crewmitgliedern – auf den ersten Blick ein luxuriöses Passagier-Crew-Verhältnis. Doch über die Hälfte der Besatzungsmitglieder arbeitete als Maschinisten, Heizer oder Kohlenzieher. Überhaupt hielt sich, gemessen am heutigen Standard, der Komfort in Grenzen. Sechs Quadratmeter maßen die in der Regel mit zwei Passagieren belegten Kabinen der ersten Klasse; Bäder und Toiletten waren Gemeinschaftseinrichtungen.

» Nicht nur für das leibliche Wohl ist auf das Umfassendste gesorgt, sondern auch Musik und Spiel werden die Stunden beflügeln, während der schwimmende Palast immer neuen Zielen entgegenfliegt «, versprach die erste Ausgabe der an Bord gedruckten » Augusta-Victoria Zeitung «. Über Southampton, Gibraltar und Genua fuhr die Augusta Victoria nach Alexandria, wo sie fünf Tage blieb, damit die Gäste Zeit hatten, Kairo und die Pyramiden zu besichtigen. Von Jaffa aus besuchte man Jerusalem, von Beirut aus erkundete man Damaskus. In Konstantinopel, dem heutigen Istanbul, machte der türkische Sultan seine Aufwartung, in Piräus wurde das Schiff auf Anordnung des griechischen Königs mit 15 Schuss Salut begrüßt. Auf Malta folgten Palermo und Neapel, Lissabon und Southampton; nach exakt 57 Tagen, 11 Stunden und 3 Minuten kehrte man zurück nach Cuxhaven.

Nach zwei ähnlichen Reisen in den folgenden Jahren lief die Augusta Victoria 1894 zur ersten Nordlandreise aus, 1896 ging ihr Schwesterschiff Columbia auf » Westindien «-Fahrt, die in 65 Tagen von Genua unter anderem über New York, Haiti, Antigua, Martinique, St. Lucia, Barbados, Jamaika und Kuba nach Hamburg führte. » Der Comfort und die Eleganz, die auf den Schiffen zur Geltung gebracht sind, stellen Alles in den Schatten, was bisher auf Oceanschiffen geleistet wurde. Die großen und prächtigen Salons, Damen-, Musik- und Rauchzimmer u.s.w. sind im reichsten Style ausgestattet worden; die besten Künstler wurden herangezogen, sie durch Gemälde, Schnitzereien und Decorationen zu schmücken «, warb man vollmundig und reklamierte stolz » die Abwesenheit schlechter Dünste und lästigen Geräusches «. Die Vergnügungsreisen wurden neben dem Linienverkehr zum unverzichtbaren Bestandteil des Hapag-Angebots, und 1900 lief mit der 192 Passagiere fassenden Prinzessin Victoria Luise, benannt nach der einzigen Tochter des Kaisers, das erste eigens für Kreuzfahrten gebaute Luxusschiff vom Stapel, mit großzügigen Gesellschaftsräumen, einem » Lesezimmer mit reichhaltiger Bibliothek «, einer » Halle für schwedische Heilgymnastik « und sogar einer » Dunkelkammer für Amateur-Photographen «. Die Betten standen in den sechs bis zwölf Quadratmeter großen Kabinen nicht mehr übereinander, wie üblich, sondern einander gegenüber; über ein eigenes Bad und WC verfügten allerdings nur die beiden Suiten. 1906 setzte Kapitän Brunswig die » Lustyacht « an der jamaikanischen Küste auf eine Sandbank, suchte seine Kabine auf und erschoss sich, die Passagiere konnten samt Gepäck an Land gebracht werden.

Der Begeisterung für die Kreuzfahrt tat dies keinen Abbruch, und Hapag, seit 1970 mit dem Norddeutschen Lloyd fusioniert, veranstaltet nach wie vor Luxusreisen – genauer gesagt : Hapag-Lloyd Cruises, eine Tochter der TUI AG; ihre Schiffe MS Europa und MS Europa 2 gelten als die besten weltweit. Andere Veranstalter bedienen, wie es im Jargon der Branche heißt, den Volumenmarkt. Längst ist die Kreuzfahrt keine Extravaganz mehr für eine betuchte und betagte Klientel, die elitäre Urlaubsform hat sich zum Massenphänomen entwickelt. Schon in den 1960er-Jahren, als der interkontinentale Flugverkehr die transatlantischen Schiffspassagen ablöste, boten Reedereien Fahrten in sonnige Gefilde an, die sich auch Lieschen und Otto hätten leisten können. Dennoch blieb die Kreuzfahrt zunächst ein Distinktionsmerkmal privilegierter Silver Ager; 1993 buchten gerade einmal 183 000 Deutsche eine mehrtägige Seereise mit Rundumversorgung. Die Indienststellung der AIDA drei Jahre später markierte auf dem deutschen Markt den Beginn zwangloserer, auf jüngere Aktivurlauber und Familien mit Kindern ausgerichteter Kreuzfahrten ohne die traditionellen Bordrituale – eine überfällige Ergänzung zum betreuten Wohnen in maritimen Seniorenresidenzen, gemeinhin » Mumienschlepper « genannt, die sich dank der demografischen Entwicklung nach wie vor großer Beliebtheit erfreuen.

Bald darauf schwappte aus den USA der Trend zu immer gigantischeren schwimmenden Freizeitparks über, und mittlerweile gibt es auf internationalen Megalinern nahezu nichts, was sich nicht unternehmen ließe. Wer mag, kann surfen oder Schlittschuh laufen, sich die Zähne bleichen oder die Stirn durch Botox-Injektionen glätten lassen, sein Geld für Designerhandtaschen oder am Roulettetisch verprassen, vormittags einen Gottesdienst oder ein original bayerisches Bierfest und abends ein Broadway-Musical oder ein Klassikkonzert besuchen. Seefahrerromantik sucht man freilich vergebens, die mobilen Erlebniswelten lassen einen allzu leicht vergessen, dass man sich auf dem Meer befindet. Eingehüllt in einen komfortablen Kokon, sieht man die Landschaften wie unwirklich vorbeiziehen. Doch für viele ist das eigentliche Ziel ohnehin der Aufenthalt auf dem Schiff; sie wollen sich entspannen und amüsieren. Dass verschiedene Häfen angelaufen werden, dient, wie es der Autor Andreas Lukoschik formulierte, allenfalls » der folkloristischen Ergänzung des Bordprogramms «.

Neben dem Mainstream- erfreuen sich auch das Luxus- und das Expeditionssegment steten Wachstums, Themen- und Eventreisen sind gefragt wie nie. Zielgruppenorientiert vermarktet man die unterschiedlichsten Schiffe als perfekt inszenierte Ferienwelten für jeglichen Geschmack, verkauft Reisen für jedes Portemonnaie und spricht damit alle Milieus und Altersgruppen an, amüsierwütige Thirtysomethings aus der tätowierten Mittelschicht ebenso wie zobelbepelzte Wilmersdorfer Witwen mit ausgeprägtem Geltungsbedürfnis. 50,1 Jahre betrug, nicht zuletzt dank der zahlreichen Kinder auf See, das Durchschnittsalter der bundesrepublikanischen Kreuzfahrer im Jahr 2015, auf internationalen Schiffen lag der Schnitt der deutschen Reisenden mit 52,2 Jahren etwas höher als auf denen deutscher Reedereien – Erika und Max Mustermann waren dort gerade mal 49,2 Jahre alt.

Auch mit körperlichen Einschränkungen wie etwa einer Geh- oder Sehbehinderung kann man prinzipiell in See stechen, sollte aber sämtliche Aspekte vorab mit dem Reiseveranstalter oder der Reederei klären. 2015 machte der Fall eines gesundheitlich angeschlagenen 86-Jährigen Schlagzeilen, der, noch bevor die AIDAcara ablegte, vom Kapitän wieder nach Hause geschickt wurde; AIDA Cruises verwies auf die Geschäftsbedingungen, laut derer » der geistige oder körperliche Zustand « eines Passagiers keine » Gefahr für den Kunden selbst oder jemanden sonst an Bord « darstellen dürfe. Babys lässt man in der Regel erst ab einem Alter von sechs Monaten mitreisen; Schwangere müssen nicht selten eine ärztliche Reisefähigkeitsbestätigung vorlegen, nicht befördert werden sie zum Beispiel bei MSC Kreuzfahrten ab der 23., bei AIDA Cruises, Costa Crociere und TUI Cruises ab der 24. Woche – bei allfälligen Komplikationen ist die medizinische Versorgung an Bord nicht sichergestellt.

Im Mittelalter standen die geistlichen Vorteile einer Kreuzfahrt außer Frage, etwa die Anrechnung als Bußleistung oder die Möglichkeit, damit einen Ablass zu erwerben. Die Teilnehmer riskierten allerdings ihr Leben nicht allein auf dem Schlachtfeld, rund 15 bis 20 Prozent gingen an Mangelernährung zugrunde. Die Chance eines modernen Kreuzfahrers zu verhungern dürfte gleich null sein, gilt doch eine Gewichtszunahme von zwei, drei Pfund pro Woche als üblich. Aber abgesehen vom nur bei viel Willensstärke vermeidbaren Verlust der Strandfigur, von der ich mich ohnehin bereits vor Jahren verabschieden musste, liegen für mich die Vorteile auf der Hand : Innerhalb weniger Tage erhalten Sie einen risikoarmen, wenn auch flüchtigen Eindruck von touristischen Highlights in mehreren Ländern, und das ohne lästiges andauerndes Ein- und Auspacken der Koffer. Ihr schwimmendes Hotel mit Vollpension und vielfältigem Freizeit- und Wellnessangebot bringt Sie im Schlaf, während Sie einem Streichquartett lauschen oder in der Disco abtanzen, von Insel zu Insel oder von Stadt zu Stadt – wesentlich komfortabler als ein landestypischer Fernbus oder ein Flugzeug, in dessen engen Sitzen Sie eine Thrombose riskieren. Ohne sich um Einreiseformalitäten kümmern zu müssen, können Sie fremdes Terrain erkunden, lernen fremdartiges und vielleicht befremdliches Brauchtum kennen, bleiben aber dank Ihres Zuhauses auf Zeit geborgen in Ihrer vertrauten Kultur – zumindest auf deutschsprachigen Schiffen : Sie kommunizieren in Ihrer Muttersprache, verzehren gesundheitlich unbedenkliche Gerichte, unter denen sich neben kulinarischen Kapriolen garantiert solche befinden, die auch der sprichwörtliche Bauer ohne zu zögern verspeist, finden stets serviceorientierte Ansprechpartner für alle Fragen – und können im Notfall umgehend einen Arzt konsultieren. Auch das Preis-Leistungs-Verhältnis lässt sich im Vergleich mit Hotelferien durchaus sehen.

Kreuzfahrtskeptiker führen nicht zuletzt die Umweltbelastung ins Feld. Angesichts eines Touristikmarktsegments, dessen Zuwachsrate schneller steigt als der Meeresspiegel, sind ökologische Bedenken zweifelsohne angebracht; Kreuzfahrtschiffe gehören, deutlich gesagt, zu den größten Dreckschleudern der Welt. Als problematisch gelten nicht nur Abwässer ( pro Person und Tag fallen 32 Liter Schmutzwasser und 350 Liter fäkalienfreies Grauwasser an ), feste Abfallstoffe, Klärschlamm und mit Öl- und Kraftstoffresten kontaminiertes Bilgenwasser sowie die Emissionen der Müllverbrennungsanlagen, sondern vor allem die Schadstoffe, die bei der Verbrennung des Treibstoffs entstehen. Feinstaub, Ruß, Stickoxide und Schwefeloxide gefährden Gesundheit, Klima und Biodiversität. Schon lange fordern Umweltaktivisten deshalb den Umstieg vom giftigen Schweröl auf umweltfreundlicheren Marinediesel und den Einbau von Abgastechnik.

Erst nach langer Trägheit hat sich die unter ihrem schlechten Öko-Image leidende Branche um schrittweise Verbesserungen bemüht – notgedrungen verwenden viele Reedereien mittlerweile nicht nur LED-Lampen und verbauen ökozertifiziertes Holz, sondern rüsten allmählich auf umweltverträglichere Techniken um und geben energieeffizientere und emissionsärmere Schiffe in Auftrag. Strömungsoptimierte Rümpfe mit speziellen Anstrichen verringern den Treibstoffverbrauch, zudem berechnen verantwortungsbewusste Reedereien die Strecken ihrer Schiffe mit einer ökonomischen Durchschnittsgeschwindigkeit, die weit unter der Höchstleistung liegt. Umkehrosmose-Anlagen dienen der Aufbereitung von Meerwasser, und der Einsatz biologischer Kläranlagen führt dazu, dass das Abwasser nahezu Trinkwasserqualität erreicht, bevor es entsorgt wird – im Prinzip könnte man aus diesem Grauwasser tatsächlich Trinkwasser gewinnen, doch ist das passagierpsychologisch heikel.

Auf Deck 2 der Mein Schiff 4 konnte ich sehen, wie sorgfältig man Glas, Metall, Blechdosen, Plastik, Papier und anderen Restmüll sortiert und presst, einige weitere Abfälle werden entwässert und geschreddert, Wertstoffe, Aschenreste und Klärschlämme ( die entstehen, wenn stark verschmutztes Schwarzwasser entkeimt und gefiltert wird ), wenn möglich, an Land abgegeben und recycelt oder entsorgt. Durch eine ansonsten für Passagiere ebenfalls verschlossene Tür auf Deck 15 durfte ich einen stickig-heißen Raum betreten und stand unmittelbar vor dem dick in Isoliermaterial verpackten Scrubber, in diesem Fall einem kombinierten Entschwefelungs-Stickoxidkatalysator-System, das sich über sämtliche Decks erstreckt. Der bei der Verbrennung des Schweröls entstehende Qualm wird mit Wasser besprüht, so reduziert man den Schwefelausstoß um bis zu 99 Prozent, die Rußpartikel um 60 Prozent; zugleich filtert ein Katalysator 75 Prozent der Stickoxide heraus; übrig bleibt ein Schlamm, der an Land entsorgt wird.

Der Naturschutzbund Deutschland hält indes die Scrubber lediglich für eine Übergangslösung, zumal sie die nicht sichtbaren, potenziell krebserregenden Feinststäube durchlassen. Er fordert den völligen Verzicht auf Schweröl. Immerhin konnte der NABU, der Jahr für Jahr die geplanten europäischen Schiffe hinsichtlich ihrer Umweltfreundlichkeit untersucht, 2015 konstatierten, dass die Modelle der führenden Anbieter sauberer würden. Die AIDAprima und ihr Schwesterschiff stufte der NABU im Vorfeld als die Neubauten mit der besten Abgastechnik ein; zwei weitere AIDA-Neuzugänge sollen mit umweltfreundlicherem Flüssigerdgas ( LNG ) betrieben werden, das nahezu ohne die Entstehung von Schadstoffen verbrannt werden kann. Ganz ohne ökologische Bedenken wird man zwar nie kreuzfahren, zumal schon die Anreise per Flugzeug problematisch ist, doch wer will, kann zumindest mit der Wahl eines umweltgerechteren Schiffes einen Beitrag leisten. Hapag-Lloyd Cruises beispielsweise, deren Europa 2 Marinediesel mit nur 0,1 Prozent Schwefelgehalt und als erstes Kreuzfahrtschiff SCR-Katalysatoren, die den Stickoxidausstoß um fast 95 Prozent reduzieren, verwendet, bietet in Zusammenarbeit mit der Klimaschutzorganisation atmosfair die Kompensation des CO2-Ausstoßes für die Seepassage an. Passagiere können sich vorab über den entsprechenden Klimaschutzbeitrag ihrer Reise informieren und deren unvermeidbare Emissionsbelastung ausgleichen; ein Viertel der Summe wird dabei von Hapag-Lloyd Cruises übernommen.

Wer will, findet also Möglichkeiten, ohne schlechtes Gewissen auf Kreuzfahrt zu gehen – zum Glück ! Schließlich ist keine andere Art des Reisens so bequem, so erholsam und so vergnüglich. Und so hat es, obwohl ich gewöhnlich meine Vorurteile liebevoll pflege, nicht lange gedauert, bis ich vom eingeschworenen Individualreisenden zum passionierten Kreuzfahrer wurde. Wobei ich noch immer ein blutiger Anfänger bin verglichen mit jenen leidenschaftlichen Cruise Junkies, die auf zwei- oder gar dreitausend Nächte an Bord zurückblicken, und, anders als mancher Kenner der Branche, dem ich auf hoher See begegnet bin, nur einen Bruchteil der rund dreihundert hochseetauglichen Kreuzfahrtschiffe gesehen habe, die derzeit auf den Weltmeeren unterwegs sind.

Kennenlernen würde ich sie am liebsten alle – Hauptsache ich bin unterwegs. Oder wie Graf Platen es formulierte : » Es scheint, dass das Reisen für mich eigentlich die zuträglichste Lebensart ist. « Der mir zuträglichste Platz an Bord ist überall der gleiche : Achtern, am Heck, blicke ich auf all das zurück, was hinter uns liegt. Ich lasse los. Mein ganzes Sein ist in dem einen Augenblick. Und wenn uns dann noch Delfine ein Stück auf dem Weg zum nächsten Sehnsuchtsort begleiten, ist mein Glück beinahe vollkommen.

 

Leise rieselt der Schnee

Auf der AIDAaura in der Karibik

» Für dich ist das nichts «, erklärte Neffi bestimmt. Es war der 12. Oktober 2008, meine ach so gewichtige vormittägliche Buchvorstellung im Berliner Ensemble hatte er verschlafen, und so trafen wir uns – ich leicht verstimmt, er schwer verkatert – Stunden später am Potsdamer Platz. Ich hatte Neffi fünf Jahre zuvor am Schlosstheater Celle kennengelernt, wo er mir bei zwei Inszenierungen assistiert hatte, seither tratschten wir sporadisch über Kollegen, diesmal aber berichtete er Spektakuläres : Eben hatte er am Theater Bielefeld gekündigt, um in Berlin die erste gemeinsame Wohnung mit seiner Freundin zu beziehen, als diese ihn unversehens wegen eines Anderen sitzen gelassen hatte. So war er, ohne Frau, ohne Bleibe, ohne Job und ohne Geld, frei nach Lolitas Schlager zur Erkenntnis gekommen, dass allenfalls die Fremde auf ihn warte : » Deine Heimat ist das Meer, deine Freunde sind die Sterne, [  … ] deine Liebe ist dein Schiff, deine Sehnsucht ist die Ferne. « Das zumindest war meine romantisierende Interpretation seines Entschlusses, bei der Rostocker Reederei AIDA Cruises als Theatermanager anzuheuern. So bedauernswert sein Schicksal gewesen sein mag, meine Augen glänzten, als säße ich dem » Traumschiff « -Kapitän persönlich gegenüber. Vor meinem geistigen Auge stand er in strahlend weißer Montur im Sonnenuntergang an der Reling, einen Mojito in der Hand und eine Blondine im Arm. Zwei Einsätze auf See habe er bereits hinter sich, auf der AIDAdiva in der Karibik und auf der AIDAaura entlang der norwegischen Küste. Er schwärmte von den Schiffen, von den Shows, dem Essen, den Partys, der entspannten Atmosphäre und nicht zuletzt von der Begeisterung der Gäste, die oftmals gleich an Bord die nächste Reise buchten. In wenigen Tagen werde er abermals auf die AIDAaura aufsteigen, um drei Monate lang – diesmal auf einer anderen Route – durch die Karibik zu schippern. Durch die Karibik …

» Dir würde es nicht gefallen «, riss mich Neffi insistierend aus meinem Tagtraum, und meine Gesichtszüge entgleisten : » Warum denn nicht ? «

» Kreuzfahrten sind Gruppenreisen. «

» Und ? «

» Du bist, nun ja, wie soll ich sagen … vielleicht eher ein Mensch, der für sich sein will. Möchtest du wirklich am Buffet Schlange stehen, um dann mit völlig Fremden an einem 6er- oder 8er-Tisch zu essen ? «

» Ich mag Menschen, das weißt du ! «

» Ja, so wie Einstein : › Ich liebe die Menschheit, ich kann nur Leute nicht ausstehen. ‹ Du bist ein typischer Individualist. Geführte Ausflüge sind sicher nicht dein Ding. «

» Aber ich könnte doch auf eigene Faust an Land unterwegs sein, oder ? «

» An Seetagen liegen tausend eingeölte Sonnenhungrige auf Tuchfühlung am Pool. Zum Sardinengrillen muss man geboren sein, glaub mir. Und das Poolradio würde dich nur nerven. «

» Da dudelt Musik am Pool ? «

» Musik läuft fast immer und überall auf dem Schiff, aber beim nachmittäglichen Poolradio wird sie moderiert. Zwischen den Schlagern animiert man die Gäste zu Spielchen oder veranstaltet ein Quiz. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ausgerechnet du animiert werden möchtest. «

» Werde ich zu Wet-T-Shirt-Contests oder Schlimmerem gezwungen ? «

» Natürlich nicht, wenn jemand in Ruhe lesen will, wird das respektiert. «

» Lesen kann man auf diesem Pooldeck ja wohl schwerlich … «

» Weiter unten, auf Deck 6, findet man immer ein ungestörtes Plätzchen im Schatten. «

» Ich fahr doch nicht für zwei Wochen in die Karibik, um blass wie ein Grottenolm nach Hause zu kommen ! «

» Theoretisch gäbe es noch den FKK-Bereich auf Deck 12 : wenige Gäste, keine Musik. Aber du … «

» Wenn ich auf einige Quadratzentimeter Stoff verzichte, bekomme ich im Gegenzug ein paar Quadratmeter Platz ? Ich fahre mit ! «

Ich erinnere mich nicht mehr daran, ob der Schlagabtausch noch lange dauerte, bis Neffi aufgab. Mit Sicherheit aber weiß ich, dass ich keine acht Wochen später auf Deck 10 der AIDAaura an der Reling stand und zusah, wie die schweren Trossen über die Poller gehoben und die Taue an Bord gezogen wurden. Das Typhon, die mit Druckluft betriebene Schiffssirene, gab drei lange, tiefe Töne von sich, und wir setzten uns in Bewegung, über uns den Sternenhimmel, hinter uns den immer kleiner werdenden Hafen von La Romana und vor uns irgendwo in der schier unendlichen Weite des Ozeans puderzuckerweiße Strände, bunte Korallen in glasklarem Wasser, mit üppigem Tropengrün bewachsene Vulkanhänge …

Aus den Lautsprechern schallte eine Coverversion des Enya-Titels » Orinoco Flow «, gefolgt von » Sail Away «. Es ist beim Kreuzfahren wie beim Sex. Das erste Mal bleibt unvergesslich. Und so wird mich keine Auslaufmusik jemals so berühren wie dieses von Martin Lingnau für AIDA komponierte Instrumentalstück, da können Thomas Borchert und Sabrina Weckerlin noch so inbrünstig » Sehnsucht nach Meer und volle Fahrt voraus ! Ich liebe Dich sehr, Mein Schiff ist mein Zuhaus ! « intonieren, und auch der Schauer, der mir über den Rücken läuft, wenn Andrea Bocelli auf einem Costa-Kahn verkündet, es sei » Time to Say Goodbye «, ist kein wohliger. Bei » Sail Away « aber bekomme ich, konditioniert wie ein pawlowscher Köter, bis heute einen glasigen Blick und Sehnsucht nach Meer …

Doch der Reihe nach. Neffi und ich verständigten uns also an jenem Nachmittag in Berlin auf den gemeinsamen Nenner, dass ich mit einer Buchung kein großes Risiko einginge : Schlimmstenfalls würde das meine erste und letzte Kreuzfahrt werden, doch bräuchte ich nicht all zu tief ins Portemonnaie greifen. Wie bei den meisten Reedereien können auch bei AIDA Cruises Lebenspartner und Familienangehörige der Mitarbeiter Restplätze zu günstigen Konditionen belegen. Nun war ich zwar nicht verwandt, geschweige denn verpartnert mit Neffi, doch ließ er mich – unter lautstarken Bekundungen, dass er keine persönliche Verantwortung für mein Urlaubsglück oder, wie er befürchte, -unglück übernehme – für das » Freunde und Partner « -Programm akkreditieren, heute polyglott » Family & Friends « genannt.

Noch bevor ich wusste, ob es mit einer Mitreise klappen würde, begann ich, mich intensiver mit der Kreuzfahrt zu beschäftigen. Als treuer » Traumschiff «-Zuschauer war ich darauf vorbereitet, an Bord einer vor Jahrzehnten in der Antarktis verschollenen Jugendliebe, einem mir unbekannten Zwillingsbruder oder meiner soeben volljährig gewordenen Tochter, von deren Existenz ich nicht das Geringste geahnt hatte, zu begegnen. Auch, dass Spontanheilungen letaler Krankheiten im Endstadium zum Schiffsalltag gehören, war mir bewusst.

Nun ergänzte ich diese profunden Kenntnisse durch die Visionierung cineastischer Meisterwerke wie » Poseidon Inferno «, » Titanic « und » Speed 2 – Cruise Control «, die mein Vertrauen in die Personenschifffahrt erheblich zu stärken vermochten; lediglich » Cruising « mit Al Pacino erwies sich unter maritimen Aspekten als unergiebig. Ich las Thomas Manns » Meerfahrt mit Don Quijote « ( » Unausbleiblich der Nervenschock der ersten Stunden nach Vertauschung der gewohnten stabilen Grundlage mit einer labilen «, erfuhr ich mit Besorgnis ) und » Schrecklich amüsant – aber in Zukunft ohne mich « des so genialen wie depressiven Autors David Foster Wallace, der sich erst wenige Wochen zuvor erhängt hatte. Damit war ich gewappnet für das » Unterdruck-Abwasser-System « von Schiffstoiletten, die indes auch nicht anders funktionieren, als man das aus dem Flugzeug oder dem ICE kennt, und darüber im Klaren, dass ich mich mit Fragen wie » Schläft die Crew auch an Bord ? « keineswegs als originell profilieren würde.

Schließlich erhielt ich nach wenigen Wochen des Wartens die Nachricht, dass auf der Karibiktour vom 6. bis 20. Dezember Kabinen frei seien. Leider, so fuhr die freundliche Dame im Rostocker Büro fort, seien sämtliche Flüge ausgebucht, abgesehen von einigen Plätzen in der » Comfort Class « einer Vollchartermaschine ab München; alternativ könne ich mich selbst um die Anreise kümmern. Ich überlegte nur kurz, ob ich mich auf die Internetsuche machen sollte, wusste ich doch aus Erfahrung, dass ich allenfalls Umsteigeverbindungen mit stundenlangen Aufenthalten finden würde. Zudem müsste ich den Transfer zum Schiff organisieren. Taxis würden wahrscheinlich zur Verfügung stehen, doch zu welchem Preis ? Wichtiger aber war die Frage, was ich tun sollte, wenn sich einer der Flüge verspätete oder gar storniert würde ? Dem Schiff hinterherschwimmen ?

Bucht man ein An- und Abreisepaket, bezahlt man zwar unter Umständen etwas mehr als bei einer individuellen Flugbuchung, ist jedoch solcher Sorgen ledig : Hat der Flieger Verspätung, wartet das Schiff auf die Pauschalgäste. Tatsächlich war ich in den folgenden Jahren einige Male froh, nicht für die Anreise verantwortlich zu sein, vor allem bei einer weiteren Karibikreise. Im Oktober 2012 sollte ich von München nach New York fliegen, um auf der AIDAluna nach Barbados zu schippern. AIDA informierte mich mitten in der Nacht per SMS, ich möge nicht zum Flughafen fahren, der Hurrikan » Sandy « zwinge das Schiff zum vorzeitigen Ablegen. Man bemühte sich um einen Flug nach Miami, wo ich entspannt wartete, bis das Schiff Florida erreicht hatte und ich an Bord gehen konnte. Doch es bedarf keiner Katastrophen, es genügt, dass der starke Wellengang das Anlegen des Schiffes um ein paar Stunden verzögert – was gar nicht selten vorkommt –, und schon hat man den Heimflug verpasst …

Kurz und gut, der Aufpreis für die » Comfort Class « war erschwinglich, die Entscheidung somit einfach, und so saß ich zwei Wochen später champagnerschlürfend in der Maschine nach La Romana. Passenderweise, wie ich fand, am Nikolaustag, denn der vielfältig einsatzfähige Heilige ist nicht nur der Schutzpatron der Bankiers und der Diebe, der Prostituierten und der unschuldigen Kinder, der Metzger, Bäcker, Schnapsbrenner und allerlei anderer Berufsgruppen, sondern auch der der Reisenden und Seeleute. Doch war auch der Schiffsname ein gutes Omen ? Aura, die griechische Göttin der Morgenbrise, wurde nach der Vergewaltigung durch Dionysos mit Zwillingen schwanger und verfiel dem Wahnsinn. In der Medizin bezeichnet der Begriff Aura psychische Erlebnisse kurz vor einem epileptischen Anfall. Überdies ist Aura der Name eines finnischen Blauschimmelkäses. Notzucht, Krampfanfall und Käse – was mag das bedeuten ? Sind Kreuzfahrten denn keine fröhliche Angelegenheit ?

Über diesen und ähnlich bedeutsamen Reflexionen verging mein Flug tatsächlich wie im solchen. Unmittelbar nach der Landung bestiegen wir noch auf dem Rollfeld, ohne zeitraubende Personen- oder Zollkontrolle, den Transferbus zum eingezäunten Hafengelände, wo das Schiff mit dem charakteristischen Kussmund am Kai lag. In einer offenen Halle lächelten hinter einer ganzen Reihe von Check-in-Schaltern hübsche AIDA-Mitarbeiter beiderlei Geschlechts jenes » Professional Smile «, das Servicelächeln der Crew, das David Foster Wallace beschrieben hatte. Zügig erledigten sie die Formalitäten.

Das Schiffsmanifest, auch » Bordmanifest « oder » Einschiffungsformular « genannt, hatte ich gleich nach erfolgter Buchung online ausgefüllt : Es enthält alle persönlichen Daten, die der Veranstalter bei den für die Einreise zuständigen Behörden einreichen muss, also Geburtsdatum und -ort, Wohnadresse, die Nummer des Reisepasses, dessen Ausstellungsort, Ausstellungs- und Ablaufdatum. Für den Notfall soll eine Kontaktperson an Land angegeben werden. Viele Reedereien eruieren zugleich besondere Essenswünsche, wie zum Beispiel vegetarische oder glutenfreie Kost, und fragen nach einer allfälligen Einschränkung der Mobilität. Beim Check-in musste ich nur noch meinen Voucher vorzeigen und meinen Pass für die Dauer der Reise abgeben, wurde ohne größere künstlerische Ambitionen fotografiert und erhielt eine scheckkartengroße Plastikkarte mit dem eben geschossenen Porträt darauf, dem man auch bei flüchtiger Betrachtung ansah, dass mich die Anreise doch etwas ermüdet hatte – mittlerweile werden diese vorteilhaften Fotos nicht mehr aufgedruckt, sondern nur noch im Computer abgespeichert.

Die Bordkarte, die auf manchen Schiffen mit Magnetstreifen versehen ist, auf anderen mit einem Barcode, ermöglicht den Zugang zum Schiff und wird jeweils beim Verlassen und beim Betreten gescannt, damit nachvollziehbar ist, wer sich auf einem Landgang und wer an Bord befindet. Zudem dient sie als Kabinenschlüssel und als Zahlungsmittel : Bequemerweise benötigt man kein Bargeld, da alle Nebenkosten, also beispielsweise die Auslagen für Getränke, aufpreispflichtige Restaurants oder Ausflüge, dem sogenannten Bordkonto belastet werden, dessen aktuellen Stand man auf vielen Schiffen bequem über das interaktive Fernsehen einsehen kann. Eine detaillierte Endabrechnung findet man dann am Vorabend oder am Morgen der Abreise an der Kabinentür. Die Kontrolle ist übrigens unerlässlich, denn Fehler passieren immer wieder, nicht nur, weil das menschlich ist, sondern gelegentlich auch, weil ein Computer sich irrt ( ich weiß, dass das aus Sicht des Informatikers nicht korrekt formuliert ist ). Den extremsten Fall habe ich auf einem amerikanischen Megaschiff erlebt, wo ein österreichischer Gast 12 276 Dollar bezahlen sollte. Als er an der Rezeption reklamierte, beschied man ihm, annähernd der gesamte Betrag stamme von einem einzigen Abend im Buffetrestaurant, er habe wohl eine großzügige Lokalrunde geschmissen ? Völlig konsterniert bestand er auf genauerer Überprüfung, und nach einiger Zeit hatte man immerhin ermittelt, dass er die Summe nicht etwa für Premiumalkoholika hatte springen lassen, sondern, erstaunlich spendabel, als Trinkgeld. Nach längeren Diskussionen fiel einem Mitarbeiter ins Auge, dass die Höhe dieses Trinkgelds zufällig der Kabinennummer entsprach …

Beglichen wird das Bordkonto über die beim Check-in oder später an Bord registrierte Kreditkarte, Maestro-Karte oder Girocard – bei manchen Reedereien können Sie auch eine Baranzahlung leisten. Während AIDA in Euro und aus Deutschland abrechnet, lassen einem einige Gesellschaften die Wahl, ob die Kreditkarte in Dollar oder Euro belastet werden soll. Ersteres ist in der Regel günstiger, nicht nur wegen des zugrunde gelegten Wechselkurses, sondern auch, weil mitunter Umrechnungsgebühren anfallen; dazu kommen, falls die Abwicklung über einen Firmensitz beispielsweise in den USA erfolgt, ohnehin die Gebühren für den Auslandseinsatz der Karte.

Mit meiner Bordkarte in der Hand – meinem Koffer begegnete ich erst vor der Kabinentür wieder – bestieg ich also in La Romana die Gangway der AIDAaura und damit zum ersten Mal in meinem Leben ein Schiff, sieht man einmal von den Ausflugsdampfern auf diversen Schweizer Seen ab. Meine Außenkabine mit der Nr. 4141 hatte ich schnell gefunden. Auf 17 Quadratmetern strahlten mir freundliches Orange, Gelb und Blau entgegen ( überhaupt leuchtete und glänzte alles auf diesem Schiff, als hätte Hundertwasser zum Pinsel gegriffen ), die Schränke aus rotbraunem Holz boten ausreichend Stauraum, auf dem Doppelbett begrüßte mich Neffis Willkommensgeschenk, ein praktisches Lanyard, mit dem ich meine Bordkarte um den Hals tragen konnte. Es gab einen kleinen Schreibtisch, einen Korbsessel und unter dem Fenster ein Sofa. Die Nasszelle war kompakt, aber nicht beengend, die Dusche konnte man mit einer Glastür verschließen – auf anderen Schiffen sollte ich mich mit hygienisch zweifelhaften Plastikvorhängen plagen, die am Körper kleben, sobald die Brause rauscht. Ich fühlte mich sogleich wohl in meinem Zuhause auf Zeit. Nach nur einer Viertelstunde konnte ich meinen Koffer auspacken und mich freuen, dass er sich unter dem Bett verstauen ließ.

Viel Zeit, das Schiff zu erkunden, blieb mir nicht, wenn ich vor dem Auslaufen meinen Hunger stillen wollte. Wo das möglich war, verriet mir ein gefaltetes DIN-A4-Blatt, das » AIDAheute « betitelte Tagesprogramm, das ich während der Reise jeweils am Vorabend an der Außenseite der Kabinentür vorfinden sollte. Ich fuhr mit dem Lift vier Decks nach oben zum » Markt-Restaurant « ( ein zweites Buffetrestaurant, das » Calypso «, liegt auf Deck 9 ), quälte mich nicht lange mit der opulenten Auswahl, sondern entschied mich für ein Rindersteak mit Salat und trank dazu entgegen der Konvention den portugiesischen Weißwein, der in einer Glaskaraffe auf dem Tisch stand – nichtssagende Hausweine sowie Bier und Softdrinks zu den Mahlzeiten sind bei AIDA inkludiert.

Mittlerweile war es Zeit für die offizielle Begrüßung auf dem Pooldeck, wo sich der Welcome-Sekt, eingefärbt in den AIDA-Farben Blau, Rot, Gelb und Grün, bereits den Temperaturen karibischer Nächte angeglichen hatte. Pünktlich um 21.30 Uhr erschienen zum bombastischen Action-Sound des Blockbusters » Fluch der Karibik « zwei Herren mittleren Alters, optisch Johnny Depp allerdings keineswegs ebenbürtig : der Entertainment Manager und sein Vorgesetzter, der Clubdirektor, der für alles verantwortlich zeichnet, was nichts mit Nautik oder Technik zu tun hat, und der auf anderen Schiffen General Manager genannt wird. Wie wichtig er ist, kann man unschwer an den dreieinhalb Streifen seiner Uniform erkennen; vier gleich breite Streifen trägt nur der Kapitän. Dessen rechter Hand, dem Staff-Kapitän, auch Erster Offizier genannt, stehen ebenfalls drei und ein etwas schmalerer vierter Streifen zu, ebenso dem Chief, dem für alle technischen Angelegenheiten zuständigen Leiter der Maschinenanlage ( nicht zu verwechseln mit dem Chef, dem ranghöchsten Koch ). Die direkten Untergebenen des erwähnten Clubdirektors müssen sich mit drei Streifen bescheiden : der Hotelmanager, dem Proviant, Küche, Housekeeping, Service, Rezeption und Zahlmeisterei unterstehen und der selbst bei mäßiger körperlicher Attraktivität » Hotman « genannt wird, der Shore Excursion Manager, der die Landausflüge organisiert, und eben der » Entman «. Auf anderen Schiffen werden Sie möglicherweise andere Rangabzeichen sehen, bei TUI Cruises etwa tragen der Kapitän drei normale und einen breiten goldenen und der General Manager vier gleich breite silberne Streifen; es gibt aber auch Reedereien, deren Hoteldirektor sich mit vier schmalen Streifen am Ärmel schmückt, während die Uniform des ihm unterstellten » CD «, also des Cruise Directors beziehungsweise Kreuzfahrtdirektors, zuständig für das Unterhaltungsprogramm an Bord, die Ausflugsabteilung, die Kinderbetreuung und den Sportbereich, mit drei Streifen verziert ist …

Die beiden Streifenhörnchen auf der AIDAaura erhoben ihre Sektgläser und verkündeten, hiermit sei es » offiziell « : » Ihr habt Urlaub ! Stößchen ! « Das Showensemble gab ein paar Disconummern der vor drei Jahrzehnten populären Retortenformation Boney M. zum Besten, dann begann nach einer Lasershow die erste Poolparty der Reise. Nach zwei, drei Bierchen mit Neffi floh ich in meine Kabine. Hatte er recht gehabt, und dieses Spaßschiff war nicht das Richtige für mich, obgleich es so viele begeisterte, und das mittlerweile im sechsten Jahr ? Getauft worden war die in Wismar gebaute, bei Doppelbelegung 1261, maximal 1582 Passagiere fassende AIDAaura im April 2003 von Heidi Klum, die sich ansonsten als Vorführdame der anspruchsvollen Aufgabe der Bekleidungspräsentation widmet. Damals war sie ( die AIDAaura, nicht Frau Klum ) mit ihrer ein Jahr älteren, baugleichen Schwester AIDAvita und der etwas kleineren, 1996 in Dienst gestellten AIDA ( seit 2001 AIDAcara ) eines von erst drei Schiffen der Flotte gewesen, zu denen indes bis zu meinem Aufstieg 2008 schon zwei weitere gestoßen waren : die AIDAdiva und die AIDAbella, konzipiert für jeweils 2500 Passagiere.

Das neuartige Konzept hatte die deutsche Kreuzfahrt geradezu revolutioniert, man könnte auch sagen : demokratisiert. Der aktive, legere Cluburlaub zu einigermaßen erschwinglichen Preisen war aufs Wasser gegangen und kam ohne feste Tischzeiten und Sitzordnung aus, ohne Abendgarderobe und festliches Captain’s Dinner. Eine Minibar in der Kabine suchte der Gast vergebens, es gab weder Room- noch abendlichen Turndownservice, dafür üppige Sport- und Wellnessangebote und professionelle Bespaßung, nicht zuletzt für Kinder unterschiedlicher Altersstufen. Damit hatte man sich klar vom klassischen Markt abgegrenzt und deutlich jüngere Zielgruppen erschlossen – bei meiner Karibikreise bewegte sich der Altersdurchschnitt der fast ausnahmslos deutschsprachigen Gäste knapp unter 40, und das, wohlgemerkt, Mitte Dezember, also außerhalb der Ferien und ohne schulpflichtige Kinder an Bord.

Begonnen hatte die AIDA-Erfolgsgeschichte, durch die das Wachstum der ganzen Branche angestoßen worden war, im Jahr 1993, als die privatisierte Deutsche Seereederei, einst volkseigener Betrieb im » Feriendienst « der DDR, den Bau eines neuen Kreuzfahrtschiffes beschlossen hatte, das 1996 unter dem Namen AIDA in Dienst gestellt worden war. Im Jahr darauf hatte die DSR es an Norwegian Cruise Line veräußert, aber zugleich von dieser gechartert und durch eine Tochtergesellschaft betrieben : die Deutsche Seetouristik, ab 1998 Arkona Touristik. Kurz darauf hatte man das Kreuzfahrtgeschäft der britischen Reederei P&O übertragen, die die AIDA zurückerworben und zwei weitere Schiffe in Auftrag gegeben hatte … Kurz : AIDA Cruises gehört seit 2003 zum britisch-amerikanischen Kreuzfahrtunternehmen Carnival Corporation & plc, dem größten der Welt, mit Marken beziehungsweise Tochtergesellschaften wie Carnival Cruise Lines, Costa Crociere, Cunard Line, Holland America Line, P&O Cruises, Princess Cruises und Seabourn Cruise Line. Fortan wurde die flotte Flotte ständig vergrößert, und so umfasste sie im Sommer 2016 mit der am 7. Mai getauften AIDAprima – mit 1643 Kabinen zu diesem Zeitpunkt das imposanteste Kreuzfahrtschiff auf dem deutschsprachigen Markt – bereits elf Schiffe; das Schwesterschiff AIDAperla befand sich bei Mitsubishi Heavy Industries in Nagasaki in Bau, zwei Megaliner mit einer Kapazität von jeweils maximal 6600 Passagieren waren bei der Meyer Werft in Papenburg in Auftrag gegeben worden. Zugleich aber hatte AIDA, bewundert viel und viel gescholten, das Wachstum der ganzen Branche angestoßen : So stellte der wichtigste Mitbewerber auf dem deutschsprachigen Markt, TUI Cruises ( gegründet im April 2008 als Joint Venture der TUI AG und der Royal Caribbean Cruises Ltd., der Nummer zwei auf dem Weltmarkt ), 2009 die Mein Schiff in Dienst. Als im Juli 2016 die Mein Schiff 5 getauft wurde, waren die Mein Schiff 6 in Bau, die Mein Schiff 7 und die Mein Schiff 8 bestellt …

Der legendäre Clubschiffcharakter der Anfangsjahre hatte bei meiner Karibikreise 2008 schon etwas gelitten, wie manche Stammgäste, in der Reisebranche » Repeater « genannt, monierten. Mir machte es wenig aus, dass man nicht mehr ungefragt geduzt wurde, schließlich halte ich es auch an Land für erstrebenswert, die Duzerei, abgesehen vom Freundes- und Familienkreis, auf Gewerkschaftsabende zu beschränken. Und da ich als erwachsener Mensch in der Lage bin, meine Laune selbst zu gestalten, war ich geradezu dankbar, dass das » Clubteam « nicht mehr aktiv zu spaßigen Spielen animierte. 2013 sollte sich AIDA Cruises im Bemühen um eine generationenübergreifende Klientel sogar dazu entschließen, » Das Clubschiff « als Logozusatz zu eliminieren. Nach wie vor herrschte aber eine entspannte, ungezwungene Atmosphäre an Bord – abgesehen von den frühen Morgenstunden, wie ich am nächsten Tag, den wir mit Kurs auf Curaçao auf hoher See verbrachten, feststellen sollte.

Es war der erste der fünf Seetage unserer Reise – dass gelegentlich ein Passagier wissen will, wo denn » Sie-tägg « liege und warum man es gleich mehrmals anlaufe, ist übrigens keineswegs der Kalauer eines notorischen Witzboldes, sondern dem Leben abgelauscht … An jenem Morgen also wankten schlaftrunkene Menschenmassen über die Gänge, bepackt mit Handtüchern, Bademänteln und zerlesenen Schmökern aus der Bordbibliothek. Diese frühen Vögel fingen selbstverständlich keine Würmer, sondern, Sie ahnen es, trafen Vorsorge für einen relaxten Tag und reservierten für sich und diverse Bekannte jeweils eine Liege in der Sonne und eine im Schatten. Zugleich entfernten sie, je nach individueller Fluchtdistanz, zwei bis fünf Liegen im Umfeld. Besonders skrupellose Zeitgenossen bauten gleich vier Liegen- und Stuhlburgen : direkt am Pool sowie in einem ruhigeren Bereich auf dem Deck darüber, und, da die Sonne ja wandert, jeweils mit optimaler Besonnung beziehungsweise Schattenlage in den Vormittagsstunden und am Nachmittag.

Zunächst jedoch stand nach einem nicht allzu frühen Frühstück der » Pax Drill « an, die Seenotrettungsübung für uns » Paxe « genannte Passagiere. Es ist die einzige Veranstaltung an Bord, an der teilzunehmen die Pflicht jedes Reisenden ist. Infolge des Unglücks der Costa Concordia – die im Januar 2012 vor der Mittelmeerinsel Giglio mit einem Felsen kollidierte, leck schlug und auf 65 Grad Schlagseite kippte, was 32 Todesopfer forderte – beschloss das Maritime Safety Committee der International Maritime Organization, einer Sonderorganisation der Vereinten Nationen, dass die Rettungsübung am Tag der Einschiffung durchgeführt werden müsse, und zwar noch vor dem Ablegen oder allenfalls direkt danach. Damals jedoch hatte sie innerhalb der ersten 24 Stunden stattzufinden, in unserem Fall am ersten Seetag.

Kurz nach zehn Uhr ertönte ein zehn Sekunden langer Ton – das Zeichen für die Besatzung, die Sicherheitspositionen einzunehmen, um beispielsweise in den Treppenhäusern den Gästen beim Auffinden der zugewiesenen Sammelstationen behilflich zu sein. Pünktlich um 10.20 Uhr, wie in der » AIDAheute « annonciert, hörte ich sieben lange Töne, gefolgt von einem kurzen Ton : den weltweit standardisierten Generalalarm auf Seeschiffen ( und das einzige Alarmsignal mit Bedeutung für uns Passagiere ). Ich nahm meine Rettungsweste aus dem Schrank, legte sie an und machte mich zum ersten Mal seit über 20 Jahren auf zur Musterung – diesmal, ohne dort husten zu müssen.

» Muster station « ist die international gebräuchliche, englische Bezeichnung für den Sammelplatz, an dem sich die Passagiere im Notfall einfinden müssen. Zweck des » Pax Drills « ist nicht zuletzt, dass jeder Gast den schnellsten Weg dorthin kennenlernt, noch sinnvoller freilich ist es, auch alternative Evakuierungswege zu erkunden. Dass man bei der Übung, vor allem aber im Ernstfall keinen Lift benutzt, versteht sich von selbst. Ignoriert habe ich angesichts karibischer Temperaturen die explizite Anweisung, ich möge mich » mit warmer Kleidung, festem Schuhwerk und eventuell benötigten Medikamenten « zum Sammelplatz begeben.

Auf der AIDAaura und den anderen Schiffen der Flotte befinden sich die durch grün-weiße Schilder mit verschiedenen Buchstaben gekennzeichneten Musterstationen auf dem Promenadendeck und damit unmittelbar bei den Rettungsbooten, denen die Passagiere zugeteilt sind ( Merken Sie sich den Unterschied zwischen Boot und Schiff : In Ersteres steigt man ein, wenn Letzteres sinkt ! ). Und so müssen diese mal schwitzend in der Sonne, mal fröstelnd im Regen ausharren. Auf anderen Schiffen versammelt man sich in Restaurants oder Theatern und kann dort in bequemen Sesseln Platz nehmen, kennt aber damit nur den Weg zur Sammelstelle, an der man sich im unwahrscheinlichen Fall des Notfalles einfinden soll, und nicht denjenigen zum Rettungsmittel.

Unterdessen wird überprüft, ob sämtliche Kabinen leer sind, und die Anwesenheit aller Gäste auf der Musterstation kontrolliert. Mal haken Crewmitglieder die Kabinennummern, die die Rettungswesten zieren, auf Papierlisten ab, mal scannen sie die Bordkarten, in jedem Fall aber werden die Kabinennummern oder auch die Namen nicht erfasster Personen an der Sammelstelle auf- und nötigenfalls über Lautsprecher schiffsweit ausgerufen. Nur wer unter einem pathologischen Aufmerksamkeitsdefizit leidet, genießt es, wenn sein verspätetes Erscheinen per Megaphon explizit verdankt und von heiter gestimmten Mitreisenden beklatscht wird : » Tausend Menschen freuen sich, dass auch Sie, Herr Romeyer aus Kabine 6224, die Teilnahme ermöglichen konnten ! «

Auf einigen Schiffen muss man die Rettungsweste schon in der Kabine anziehen, auf anderen soll man sie mit sich führen und unter Anleitung anprobieren, und nicht selten finden sich die Westen gar nicht im Schrank, sondern werden erst ( und nur ) im Notfall am Sammelplatz verteilt. Das Anziehen zu üben ist indes sinnvoll, zumal sich bei dieser Gelegenheit herausstellt, ob die Standardweste möglicherweise zu eng oder zu groß ist. Wer Interesse an einer Herpesinfektion zeigt, sollte unbedingt die Funktion der Pfeife überprüfen, die an der Weste angebracht ist, zumal es die Stimmung beträchtlich hebt, wenn nach und nach jeder Passagier für musikalische Unterhaltung sorgt, während – je nach Reederei vom Band oder live – mehr oder minder ausführliche Sicherheitshinweise erfolgen.

Überhaupt ist die Seenotrettungsübung die Stunde der Komödianten; die humorigen Kommentare bislang verkannter Stand-up-Comedians verkürzen die etwas enervierende Angelegenheit enorm. Selbst wer zum zehnten Mal auf einem Kreuzfahrtschiff unterwegs ist, findet die nach dem Hinweis, man solle bei einem entsprechenden Unfall » Mann über Bord ! « rufen, von drei Dutzend Mitreisenden unisono gestellte Frage » Und wenn es eine Frau ist ? « unglaublich erheiternd – seit einiger Zeit rät man bei AIDA leider, » Person über Bord ! « zu rufen. Glücklicherweise kann die Anweisung, jener einen Rettungsring oder etwas anderes Schwimmbares hinterherzuwerfen, noch immer mit dem originellen Vorschlag » Zum Beispiel meine Frau ! « kommentiert werden. Jeder vierte männliche Gast erntet auf diese Weise nicht enden wollende Lachsalven.

Im Ernst : Die Hinweise zum sicheren Verhalten an Bord sind keineswegs überflüssig, etwa die Warnung, sich nicht an Türrahmen festzuhalten. Das nämlich könnte das abrupte und schmerzhafte Ende einer hoffnungsvoll begonnenen Pianistenlaufbahn bedeuten, sind doch viele Türen aus Sicherheitsgründen mit sogenannten Selbstschließern ausgestattet. Auch hören viele mit Erstaunen, dass, obgleich man doch von Wasser umgeben ist, Feuer die größte Gefahr an Bord darstelle und man deshalb keine Tauchsieder oder Bügeleisen auf der Kabine benutzen, keine Kerze entzünden und niemals eine glühende Zigarettenkippe über die Reling schnippen dürfe – leicht könnte sie durch den Fahrtwind auf einen darunterliegenden Balkon fallen und dort etwas entflammen. Auf diese Weise wurde vermutlich das fatale Feuer auf der Star Princess im Jahr 2006 ausgelöst, bei dem ein Passagier an einer Rauchgasvergiftung starb, 79 Kabinen ausbrannten und 204 weitere beschädigt wurden. Auf Schiffen verbreiten sich Flammen und Rauch wesentlich schneller als im heimischen Mietshaus, einerseits aufgrund des Kamineffekts, der durch die langen Gänge und Schächte entsteht, zudem können die Stahlwände des Schiffes sich so stark aufheizen, dass sie auch in anderen Bereichen brennbare Materialien entzünden.

Eine weitere Gefahr auf See birgt das Löschen mit Wasser; wird es in großen Mengen aufs Schiff gepumpt, kann dieses Schlagseite bekommen und sinken. Die meisten Brände werden jedoch nicht von Passagieren verursacht, sondern brechen im Maschinenraum aus wie beispielsweise 2011 auf der Nordlys ( zwei Menschen kamen ums Leben, sechzehn wurden verletzt ), 2012 auf der Costa Allegra ( die daraufhin ohne Strom im Ozean trieb und per Hubschrauber mit Lebensmitteln versorgt werden musste ), 2013 auf der Carnival Triumph ( ohne funktionierende Klimaanlage und Toiletten kam es zu chaotischen Verhältnissen ) und 2015 auf der Le Boréal ( die ebenfalls manövrierunfähig im Ozean trieb, Passagiere und Crew wurden evakuiert ). In der Regel werden kleinere Brände rasch und effektiv bekämpft, so bestand zum Beispiel 2014 bei einem Feuer in der Müllverbrennungsanlage der Mein Schiff 1 ( » Feuer im Müll ! «, tönte es aus den Bordlautsprechern ) zu keiner Zeit eine Gefahr für die Gäste. Apropos : Unbedingt ernst nehmen sollten Sie die Hinweise zur Müllentsorgung. Ungeeignet für jegliche Abfälle ist selbstverständlich das ökologisch ohnehin belastete Zuhause von Flipper und Nemo, zudem aber auch die Vakuumtoilette : Spült man Kosmetiktücher oder Damenbinden hinunter, kann das wegen der engen Rohre zum Totalausfall Dutzender Klos führen, die an denselben Abfluss angeschlossen sind. Und selbst wer intellektuell nicht nachzuvollziehen vermag, warum die bordeigene Kläranlage dadurch außer Funktion geraten kann, sollte keine Antibiotika in der Toilette entsorgen.

Die ausführliche Sicherheitsansage erfolgt bei AIDA natürlich in der Bordsprache Deutsch. Atmen die Gäste – der irrigen Meinung, das Prozedere überstanden zu haben – erleichtert auf, wird der Text auf Englisch wiederholt, was ein kollektives Aufstöhnen und weitere Witzchen zur Folge hat. Doch sollte man den Ernst der Angelegenheit respektieren, um den man sich seit einigen Jahren selbst auf den Spaßschiffen von AIDA bemüht : Während 2008 die ohnehin lästigen Berufsbordfotografen noch möglichst viele, später zu überteuerten Preisen erhältliche Bilder krebsroter Antlitze über leuchtend orangen Styroporkästen knipsten und das Videoteam für eine am Ende der Reise feilgebotene DVD mit dem in diesem Kontext ambivalenten Titel » Unvergessliche Momente « filmte, hat man mittlerweile sogar die Selfie-Manie der Gäste in die Schranken gewiesen. Zum Abschluss der Übung wird darauf aufmerksam gemacht, dass herabhängende Rettungswestengurte, die über den Boden schleifen, leicht zur Stolperfalle für Mitreisende werden können. Sie müssen keinesfalls befürchten, dass sich mehr als zehn von tausend Gästen von dieser Warnung beeindrucken lassen und die Gurte tatsächlich um ihre Westen wickeln, bevor sie sich auf den Rückweg zur Kabine machen. So wird Ihre anhand einschlägiger Fernsehformate geschulte Schadenfreude über lustige Treppenstürze allenfalls getrübt, sollten Sie selbst stolpern und die restliche Kreuzfahrt an Krücken genießen.

Wer den halbstündigen Drill auf Deck 6 der AIDAaura unbeschadet an Leib und Seele überstanden hatte, machte sich auf die Suche nach einem poolnahen Liegestuhl. Ohne Reservierung vor dem Frühstück hatte man weder eine Chance, eingeölt in der Sonne zu brutzeln, noch die Möglichkeit, sich an einem geschützten Platz in die Bunte oder eine andere Fachpublikation über die Gewichtsschwankungen von Barbara Schöneberger zu vertiefen. Neffis Tipp mit dem FKK-Bereich war dagegen Goldes wert. Zwar fühlte man sich auch dort nicht gerade wie Robinson Crusoe am Donnerstag, doch verglichen mit den beiden tiefer liegenden Decks war es friedlich – und frei von Musikbeschallung. Lediglich der mark­erschütternde Ton des in unmittelbarer Nähe angebrachten Typhons verletzte bei dem einen oder anderen die Haarzellen in der Gehörschnecke. Doch auch als akustisch traumatisierter Nackter genoss man den schönsten Blick an Bord – nein, nicht auf die entblößten Mitreisenden, sondern übers türkisfarbene Meer, denn das durch Glasbalustraden windgeschützte Freideck befindet sich ganz oben am Bug des Schiffes, vom darunterliegenden Wellnessbereich über eine Treppe auf der Backbordseite erreichbar.

Dass ich in den folgenden zwei Wochen mitunter völlig einsam meinen textilfreien Adoniskörper röten konnte, ist mir übrigens bis heute ein Rätsel; auf keiner meiner weiteren AIDA-Reisen habe ich diese Erfahrung wiederholen können. Und das, obschon mir das Nacktdeck auf den neueren Schiffen trotz zweier augenscheinlich mit Sonnenmilch und Körperschweiß gefüllter Whirlpools vergleichsweise unattraktiv erscheint. Mittschiffs gelegen, wird es durch nur teilweise satinierte Glasscheiben eingezäunt, die den anderen Gästen ungewollte oder gesuchte Einblicke, den Insassen aber keinen Ausblick mehr erlauben. Dennoch beteiligten sich dort selbst die Naturisten an den atavistischen Territorialkämpfen und verteilten im Morgengrauen fleißig ihre Reservierungshandtücher im Glasgehege. Brannte später die Sonne vom Himmel, drängten sich die schwitzenden Leiber so dicht, dass sie bei jeder Drehung unfreiwillig ihr Fleisch aneinanderrieben, was mir nur in raren Ausnahmefällen reizvoll schien.

Noch gravierender war der Mangel an Individualdistanz auf manchen AIDA-Schiffen, wenn sich eine halbe Stunde vor Restaurantöffnung ein gefühltes Drittel der Gäste in den Gängen und auf den Treppen zu einer hungrigen Meute zusammenrottete, allzeit bereit für einen in manchen Fällen völlig altersuntypischen Sprint zum optimalen Tisch : mit der richtigen Anzahl an Plätzen und der idealen strategischen Lage, also direkt am Fenster und fußnah zum Buffet. Hatte man unter kräftigem Einsatz beider Ellenbogen einen solchen Tisch erobert, galt es, das Revier unmissverständlich zu markieren und sich ohne Zeitverlust in die Schlacht am Buffet zu stürzen. Gelang es einem, die – übrigens vorzüglichen – Speisen statisch raffiniert auf einen oder mehrere Teller zu schichten und erfolgreich zum Tisch zu balancieren, war der Abend gerettet; und wurde bis zur letzten Minute ausgekostet. Warum sollte man nach dem Dessert auch seinen Platz freigeben, um anderen die unbeschränkte Kalorienzufuhr zu ermöglichen ? Schließlich waren Wein und Bier nur im Restaurant, nicht aber in den Bars inkludiert – oder anders formuliert, man hatte diese wohlfeilen Alkoholika bereits mitbezahlt !

Nach zwei, drei Litern Rotwein fühlte sich kaum noch jemand gestört durch lästige Mitreisende, die resigniert einen Happen im Stehen aßen. Allerdings standen die sitzenden Sieger des Kampfes, die, nicht selten fortgeschrittenen Alters und mit Rollatoren bewehrt, quasi über Leichen und de facto über Füße gerollt waren, fortan unter dem Erfolgsdruck, » ihren « Tisch um keinen Preis zu verlieren. Weswegen sie am folgenden Abend noch zeitiger vor der Eingangstür warteten und im Notfall Gäste, die es unberechtigterweise gewagt hatten, den Tisch zu okkupieren, mit Verbalinjurien oder der Vortäuschung eines Herzanfalls vertrieben. Am unerträglichsten, das sollte ich auf späteren Reisen lernen, wurde das Gedränge beim Essenfassen jeweils am letzten Abend – dann nämlich gab es Hummer, um den man sich, obgleich er in üppigen Mengen offeriert wurde, prügelte wie um die Schnäppchen am Black Friday. So gewöhnte ich mir an, gegen einen moderaten Aufpreis Zuflucht im gediegenen » Rossini « zu suchen, wo man, umsorgt von perfekt agierenden Servicekräften, exzellent speiste – besonders, wenn mein Lieblingskoch Franz Schned verantwortlich für das Elf-Gänge-Menü » Kleine Köstlichkeiten « zeichnete.

Auf meiner ersten Karibikreise indes war alles harmlos, es gab kein Gerangel und keine Schlacht. Vielleicht lag das an der vergleichsweise kleinen AIDAaura, vielleicht stimmte die Vorweihnachtszeit die Gäste friedlich. Der erste Seetag fiel auf den zweiten Advent, und so wurde am Spätnachmittag in die passend dekorierte » Nightfly Bar « gebeten, zu Spekulatius und jahreszeittypischen Gesangsdarbietungen des bord­eigenen Showensembles. Für mich ein Pflichttermin, schließlich war Neffi für die Moderation zuständig – die er eröffnete, indem er mit Blick auf meine sonnengerötete Nase ( den Rest des Körpers hatte ich, passend zum festlichen Anlass, züchtig verhüllt ) » Rudolph das Rentier « begrüßte. Eine unglaublich lustige Pointe, die meine Mitreisenden mit herzlichem Applaus quittierten, die Neffi aber abends – nach der Show im Theater, der anschließenden Vorstellung der Crew sowie dem kollektiven Einüben des ententanzähnlichen, hochnotpeinlichen » Clubtanzes « – eine Bloody Mary kosten sollte. Überhaupt war es eine neue Erfahrung für mich, bei über 30 Grad und einer Luftfeuchtigkeit von 85 Prozent » Leise rieselt der Schnee « zu singen, Glühwein zu trinken und durch weihnachtlich geschmückte Karibikstädtchen zu flanieren, vorbei an Coca-Cola-Weihnachtsmännern aus Plastik und an mit künstlichem Schnee bestreuten Palmen.

Die erste Station unserer Reise war Willemstad, die bonbonfarbene Hauptstadt Curaçaos, die sich am besten zu Fuß erkunden lässt – besuchen Sie unbedingt den » schwimmenden Markt «, auf dem Händler aus Venezuela frisches Obst anbieten, sowie das älteste kontinuierlich genutzte jüdische Gotteshaus der Neuen Welt, die 1732 erbaute Mikve-Israel-Emanuel-Synagoge, deren Boden mit Sand bedeckt ist ! Auf Puerto Limón, den wenig pittoresken Haupthafen Costa Ricas ( ich hätte mir doch die Exkursion in den Tortuguero-Nationalpark leisten und Faultiere beobachten sollen … ), folgte Colón. Oh, wie schön ist Panama ! Ich hatte schon zu Hause online einen Ausflug gebucht : Per Bus ging es zum Alajuelasee und dann im Einbaum über den Río Chagres, vorbei an dichtem Regenwald zu einem Dutzend auf Stelzen gebauter Hütten – einem Dorf der Emberá, die sich bekanntlich nicht nur von Touristen bestaunen lassen, sondern auch als Scouts für Drogenschmuggler arbeiten. Termingerecht hatten sich die Männer ihrer Bluejeans entledigt und begrüßten uns laut trommelnd, rasselnd und flötend in fotogenen Guayucos, knappen Lendenschurzen, derweil sich ihre Frauen, barbusig und mit Parumas, bunten Tüchern, um die Hüften, um die Zubereitung des Mittagessens kümmerten. Während wir in der großen Versammlungshütte Tilapia und Kochbananen verzehrten, führten einige Frauen traditionelle Tänze vor ( und animierten uns, als gehörten sie zum AIDA-Clubteam, zum Mittanzen ), andere boten Körbe aus Palmfasern feil, und wer wollte, konnte sich mit dem dunkelblauen Saft der Jenipapo-Frucht ein bis zum Heimflug haltbares Bio-Tattoo aufmalen lassen.

Der Rückweg zum Schiff führte vorbei an den Gatún-Schleusen, wo Schiffe, die vom Atlantik kommen, in drei direkt aufeinanderfolgenden Kammern auf das Niveau des 26 Meter über dem Meer liegenden, künstlich aufgestauten Gatúnsees gehoben werden. Damals passten nur Schiffe mit maximal 294,13 Meter Länge und 32,31 ( mit Sondergenehmigung 32,61 ) Meter Breite in die Schleusen des Panamakanals, sie gehörten zur » Panamax « genannten Schiffsklasse. Bereits seit 2007 wurde der Kanal jedoch erweitert; seit 26. Juni 2016 können ihn Schiffe mit bis zu 366 Meter Länge und bis zu 49 Meter Breite durchfahren. Leisten konnte man sich die mehrere Milliarden Dollar teure Erweiterung locker : Im Schnitt wurden respektable 250 000 Dollar für die Maut fällig, und so wurde pro Jahr rund eine Milliarde Dollar in die Kasse gespült – auch heute noch ist der Kanal eine der wichtigsten Einnahmequellen des Landes.

Die AIDAaura passierte nicht den Panamakanal, sondern nahm Kurs auf das kolumbianische Cartagena de Indias, mit seinen Palästen im andalusischen Stil eine der schönsten Städte Südamerikas. Von Kralendijk, der Hauptstadt Bonaires, ließen Neffi und ich uns mit dem Wassertaxi zur 800 Meter vor der Küste gelegenen kargen Mini-Insel Klein Bonaire bringen, um beim schwarzen Korallenriff, das direkt am perlweißen Strand beginnt, im badewannenwarmen Wasser zwischen Fischen und Seepferdchen zu schnorcheln. Auf die venezolanische Isla Margarita, wo ich bei einer Bootsfahrt durch die Mangroven Seesterne sah und eine Jeeptour auf die wüstenartige Halbinsel Macanao unternahm ( und wohlbehalten aufs Schiff zurückkehrte – 2014 wurde ein 76-jähriger AIDA-Gast beim Landgang erschossen ), folgte das regenwaldgrüne Grenada, dessen malerische Hauptstadt St. George’s sich wie ein Amphitheater um die Hafenbucht zieht. Nur mäßig interessiert am Anbau des Hauptexportprodukts Muskatnuss, ließ ich mich für eine Handvoll Dollar mit dem Taxi zu einem touristenfreien, lediglich vom AIDAaura-Showensemble frequentierten schneeweißen und palmenbeschatteten Traumstrand im Südwesten der Insel fahren. Den Tipp hatte mir natürlich Neffi gegeben – begleitet von dem sachdienlichen Hinweis, ich möge in der Hölle schmoren, verriete ich den Namen jenes Paradieses jemals weiter.

Hoffentlich nur das Fegefeuer droht mir für die amoralische Dreistigkeit, beim Taxichauffeur nach der speziellen » Crew Rate « gefragt zu haben. Mein halbkriminelles Verhalten sollten Sie keinesfalls imitieren – oder sich zumindest im Klaren sein, dass die zweckmäßige Vorspiegelung falscher Tatsachen ein einigermaßen jugendliches Alter und den Verzicht auf Armani-Jeans oder Manolo-Blahnik-Schuhe erfordert. Ratsam ist dagegen, bei erfahrenen Mitreisenden oder der Crew den ortsüblichen Preis der geplanten Taxifahrt zu erfragen, denn nicht selten fordern Fahrer von unbedarften Kunden das Fünf- oder Zehnfache. Die letzte Destination unserer Karibikreise war schließlich Kingstown im Süden von St. Vincent, an dessen Westküste Szenen für » Fluch der Karibik « gedreht worden waren – mit dessen Filmmusik mein Urlaub » offiziell « begonnen hatte. Stößchen !

Ich genoss das entspannte Leben an Bord; längst hatte ich mich mit allem anfangs Missliebigen arrangiert. Schließlich wurde niemand zu kollektiven Vergnügungen wie Aerobic oder Shuffleboard gezwungen. Letzteres ist – abgesehen vom in früheren Jahren auf etlichen Schiffen praktizierten Tontaubenschießen – der Kreuzfahrtklassiker schlechthin : Mit dem Cue, einem Stab, der am Ende eine halbmondförmige Öffnung besitzt, schiebt man seine Discs, runde Scheiben, auf die gegenüberliegende Seite des Courts ins Wertungsdreieck, natürlich auf ein möglichst hohes Punktfeld. Ebenso wenig wurde man genötigt, auf meeresfernen Mottopartys wie dem » Alpenglühn « zu nageln : Die zu einem erstaunlich hohen Prozentsatz stilecht gekleideten Mitspieler ( Selbst wenn ich eine Lederhose besessen hätte, wäre ich niemals auf die Idee gekommen, sie in meinen Karibikkoffer zu packen ! ) umringen in der bayerisch dekorierten » Anytime Bar « einen Holzpflock und versuchen im Uhrzeigersinn der Reihe nach, mit der Finne eines Hammers einen zehn Zentimeter langen Nagel zu treffen. Gewonnen hat, wer diesen versenkt; der vorletzte Spieler muss eine Runde Alkohol ausgeben. Sollten Sie teilnehmen, achten Sie also darauf, dass zu Ihrer Linken nicht gerade jemand wie der routinierte Nagler Neffi steht.

Hummersatt packte ich nach dem letzten Abendessen auf See meinen Koffer und stellte ihn, prall gefüllt mit Mitbringseln ( In fünf Tagen war Heiligabend ! ), vor die Kabinentür, damit er nach Mitternacht eingesammelt und am nächsten Tag von Bord gebracht werde. Außen vor die Tür, wohlgemerkt. Unvergesslich ist mir ein kognitiv herausgeforderter Gast, der sich am Abreisemorgen beschwerte, sein Koffer sei noch immer nicht abgeholt worden, und auf die Nachfrage, ob er denn das Gepäck rechtzeitig vor die Tür gestellt habe, beinahe explodierte : Seit genau 22 Uhr stehe es dort, unbewegt. Das Besatzungsmitglied, das prompt zur Kabine geschickt wurde, konnte auf dem Gang beim besten Willen nichts sehen und klopfte an die Kabinentür, die sich öffnete – dahinter, von innen aus gesehen : davor, stand der Koffer …

Gleich auf mehreren Reisen sind mir Passagiere begegnet, die ihr Gepäck zwar außen vor die Tür gestellt, aber angeheitert oder schlaftrunken nicht bedacht hatten, dass sie morgens etwas zum Anziehen benötigten, und die sich, notdürftig mit Bademänteln bekleidet, im Hafenterminal auf die Suche machten. Mein Problem am Abreisetag war hingegen nicht zu wenig, sondern zu viel Kleidung : Unmöglich konnte ich die Stunden bis zum nachmittäglichen Transfer auf dem Sonnendeck in der für die Minusgrade zu Hause geeigneten Kleidung verbringen – meine Kabine hatte ich bereits am frühen Morgen räumen müssen. Mich auszuziehen war kein Problem, darin war ich inzwischen geübt, wohin aber mit Kleidung, Geld, Schlüssel und Pass ? Wie gut, dass es im Wellnessbereich Schließfächer gab !

Übrigens leere ich stets in der letzten Nacht, unmittelbar bevor ich zu Bett gehe, den Kabinensafe. Die Gefahr, nächtens meiner Juwelen beraubt zu werden, halte ich für geringer als die Möglichkeit, dass ausgerechnet am Abreisemorgen die Safebatterien ihren Geist aufgeben – der Teufel ist bekanntlich ein possierliches Eichhörnchen. Im Fall des Falles würde das zwar kein unlösbares Problem darstellen, doch das Ausschiffen entscheidend verzögern und möglicherweise das Erreichen des Transferbusses gefährden, zumindest auf Schiffen mit mehreren Tausend Passagieren, von denen ein gefühltes Viertel an der Rezeption Schlange steht, um mit der einzigen Mitarbeiterin, die gerade Dienst hat, die Endabrechnung zu diskutieren.

In jener letzten Nacht stieß ich mit Neffi bis in die Morgenstunden immer wieder auf eine erlebnis- und genussreiche Reise an, dankbar und in der Gewissheit, dass dies weder mein erster und letzter Urlaub in der Karibik noch auf einem Schiff bleiben würde : Die Kreuzfahrt war etwas für mich. Und so habe ich bislang 58 Staaten auf dem Wasserweg besucht. Bislang ! Ich war in Bangkok und Barcelona, Dublin und Dubrovnik, in Kapstadt und Kirkenes, auf St. Lucia und in St. Petersburg, habe die Akropolis und die Alhambra besichtigt, den Karnak-Tempel und die Klagemauer, Petra und Pompeji. Ich habe weiße Pferde, schwarze Stiere und rosa Flamingos in der Camargue beobachtet, Steinböcke im Negev, Seekühe in Florida, Lemuren in Madagaskar, Rentiere am Nordkap und Erdmännchen in Südafrika – ganz zu schweigen von Elefanten und Zebras, Giraffen und Löwen. Auf Ko Samui habe ich meinen Geburtstag gefeiert, mitten auf dem Atlantik Halloween und vor der funkelnden Skyline von Singapur, ganz einfach so, eine ausgelassene Party unter Sternen.

Nach einigen AIDA-Touren wollte ich die ganze Bandbreite dieser faszinierenden Art zu reisen kennenlernen. Also habe ich mit 7500 Menschen auf dem größten Kreuzfahrtschiff der Welt den Atlantischen Ozean überquert und bin mit gerade mal 54 weiteren Passagieren auf einem Windjammer durch die Adria gesegelt. Ich habe in einer spartanischen Acht-Quadratmeter-Kajüte genächtigt und auf dem laut » Berlitz Cruise Guide « weltweit besten Schiff in einer 52-Quadratmeter-Suite residiert. Ich habe im größten Casino gezockt, im längsten Pool geplanscht, in der geräumigsten Sauna geschwitzt, sowohl im größten als auch im großzügigsten Spa relaxt und den längsten Jogging Track … nun ja … gesehen.

Welches das schönste Schiff ist, wollen Sie wissen ? Und auf welchem man sich am wohlsten fühlt ? Wie soll ich objektiv die Viermastbark Sea Cloud mit der riesigen Norwegian Epic vergleichen, das praktikable Hurtigruten-Linienschiff Nordlys mit der ultraluxuriösen Europa 2 oder die auf deutsche Gäste ausgerichtete Hamburg mit der auf den internationalen Markt zielenden Costa Diadema ? Allenfalls Details kann ich abwägen. Im bequemsten Bett geschlafen habe ich auf der Queen Elizabeth ( um präzise zu sein : auf einer Matratze von Sealy, mit Kissen von Calderon und einer Decke der English Trading Company ), das leckerste Brot gegessen auf der Mein Schiff 4 ( das aus Weizenmehl Typ 550 und Weizenvollkornmehl gebackene, knusprige » Artisan « ), die freundlichste Kabinenstewardess war auf der Astor um mich besorgt ( Tatjana Filipovic aus Montenegro ) und die netteste Kellnerin auf der Albatros ( Priscilla Montemayor Wendland von den Philippinen ). Dem besten Barmusiker habe ich auf der Berlin gelauscht ( dem Brasilianer Júlio Nevez, der kurioserweise unter dem slawisch anmutenden Künstlernamen Lavik Vlasak auftritt ), den besten Sex hatte ich auf der AIDAaura ( diese Details behalte ich für mich ), und das meiste Geld im Spielcasino habe ich auf der Allure of the Seas gewonnen ( exakt 6,95 Dollar an einem einarmigen Banditen namens » Rose of Cairo « – Einsatz pro Spiel 1 Cent ).

Doch das alles ist, bis auf die Höhe der Gewinnsumme, mein persönliches Empfinden. Letztlich war beinahe jede Reise auf ihre Weise grandios, und ich habe mich beim » Formal Dinner « auf einem eleganten Cunard-Liner ebenso wohlgefühlt wie in Badehose beim Poolbrunch auf einem AIDA-Schiff. Nun gut, ich will ehrlich sein : fast.

Thomas Blubacher

Über Thomas Blubacher

Biografie

Thomas Blubacher, 1967 in Basel geboren und promovierter Theaterwissenschaftler, ist als freier Autor und Bühnenregisseur in Deutschland, Österreich, der Schweiz und den USA tätig. Er publizierte mehrere Bücher, u.a. Biografien über die Geschwister Eleonora und Francesco...

Pressestimmen

Pörtschacher Zeitung (A)

»Die ›Gebrauchsanweisung für Kreuzfahrten‹ ist ein amüsanter, hilfreicher Begleiter und hilft, das richtige Schiff für sich zu finden - und sich darauf so zu fühlen, als wäre man der Profi.«

Schaufenster (Die Presse) (A)

»Diese ›Gebrauchsanweisung für Kreuzfahrten‹ ist aber tatsächlich eine geeignete Lektüre, um sich mit einer Schiffsreise vertraut zu machen. (...) So blickt man durchaus vergnüglich hinter die Kulissen.«

Neues Deutschland

»Unbedingt lesen, bevor man bucht.«

Sonntags Blick (CH)

»Der Schweizer Buchautor Thomas Blubacher gibt in seiner ›Gebrauchsanweisung für Kreuzfahrten‹ einen augenzwinkernden Einblick in die Cruising-Branche und was es zu beachten gilt.«

seereisenportal.de

»Ein lesenswertes Buch, recht eindrucksvoll und unterhaltsam: Neueinsteiger, die etwas über die Kreuzfahrt wissen wollen, kommen nicht umhin, hier ihr Wissen über Reisen, Schiffsausstattungen anzueignen und etwas über Angewohnheiten von Passagieren zu erfahren.«

Stuttgarter Zeitung

»Äußerst unterhaltsam, mit viel Witz und Beobachtungsgabe erzählt er von verschiedenen Kreuzfahrten, die er unternommen hat.«

Ludwigsburger Kreiszeitung

»So nimmt er den Leser mit in Büfettrestaurants mit kostenlosem Tischwein, in denen Gäste bis zum bitteren Ende ihren Platz verteidigen. Er erzählt aber auch vom Glück, am Heck eines Schiffes zu sitzen und einfach mal loszulassen. Nach der Lektüre weiß man, was man will. Und was man lieber nicht haben möchte.«

Travel

»In der beliebten Buchserie der Gebrauchsanweisungen ist nun auch ein Leitfaden für Kreuzfahrten erschienen, der allerlei Wissenswertes über Reiserouten, Angebotstücken, Schiffsausstattungen und die Gewohnheiten der Gäste offenbart.«

Berliner Zeitung

»Was er auf den Weltmeeren und Europas großen Flüssen erlebte, hat Blubacher wortgewandt aufgeschrieben. (...) Und die, für die Kreuzfahrten überhaupt nicht in Frage kommen, werden sich ebenso bestätigt fühlen, denn Blubacher hält - trotz seiner lesbaren Liebe zu Kreuzfahrten - humorvoll Distanz.«

dbb Magazin

»Der Autor, der mehr als 25-mal über die Meere geschippert ist, weiß, was welcher Luxusliner zu bieten hat, kennt den Altersdurchschnitt an Bord, Ausstattung und Lärmpegel in den Kabinen, Passagierzahlen und das Flair - von stylisch bis leger - an Bord. Auch über das Ausflugsangebot, den Service und die Sicherheit schreibt Blubacher auf humorvolle, aber stets informative Weise. Jeder potenzielle Kreuzfahrer sollte hier ›sein Schiff‹ finden.«

Time 2 Travel

»Blubacher weiß, wie man die passende Reise für sich findet und liefert Neulingen wie Stammgästen hier die perfekte ›Gebrauchsanweisung‹.«

VOGUE

»Sie spielen mit dem Gedanken an eine Schiffsreise? Dann unbedingt vorher Thomas Blubachers ›Gebrauchsanweisung für Kreuzfahrten‹ lesen. Der Autor verrät, wo man das schönste Spa findet, aber auch wie man den Kampf um die besten Plätze im Restaurant übersteht.«

Inhaltsangabe

Leinen los ! 

Leise rieselt der Schnee 

Schnuppern auf der Königin 

Unter weißen Segeln 

Planken, die die Welt bedeuten 

Zurück in die Vergangenheit 

Mit Engeln reisen 

Der Himmel auf See 

Solo-Freistilkreuzen 

Die kolossale Verlockung 

Als Nummernboy bei den Lemuren 

Wenn Trolle zaubern 

Viva Italia 

Das Reisen ein Traum 

Panta rhei ! 

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