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Gebrauchsanweisung für ItalienGebrauchsanweisung für Italien

Gebrauchsanweisung für Italien

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Gebrauchsanweisung für Italien — Inhalt

Wissen Sie, warum die Sonne hier wärmer strahlt? Was die Italiener essen, wenn die Mamma keine Lust auf Pasta hat? Und warum alle unsere Schuhe das Gütesiegel »Made in Italy« tragen? Mit leichter Hand widmet Henning Klüver sich den ureigensten Domänen seiner Wahlheimat: der Familie und der Mafia, der Mode und der Pizza, der Kirche und dem guten Essen. Er kennt den Unterschied zwischen Pandoro und Panettone, weiß um die Bedeutung der Bar als Institution, die man mehrmals täglich aufsucht. Berichtet, warum die Innenpolitik eher einer Daily Soap gleicht und wie ein Landesvater für reichlich Furore sorgte; und findet Antworten auf die Frage, warum die Deutschen dieses Land so sehr ins Herz geschlossen haben – sich manchmal aber auch darüber ärgern.

€ 15,00 [D], € 15,50 [A]
Erschienen am 17.09.2012
256 Seiten, Flexcover mit Klappen
ISBN 978-3-492-27626-9
€ 12,99 [D], € 12,99 [A]
Erschienen am 27.09.2012
256 Seiten, WMEPUB
ISBN 978-3-492-95827-1

Leseprobe zu »Gebrauchsanweisung für Italien«

O sole mio

Eine Einführung

Endlich! Die Schwalben, die in Italien den Frühling bringen, sind da. Der Himmel leuchtet azurblau, und die Sonne lacht. Wer würde solch einen Tag nicht mit einem Eis feiern wollen? Schon hat sich eine lange Schlange vor der Gelateria »Grom« im Corso Buenos Aires gebildet. Das ist eine von allen Medien gefeierte neue Kette von Eisdielen, die zwei junge Unternehmer aus Turin aufgebaut haben. Die mögen zwar wöchentlich ihre phantasievollen Geschmacksangebote wechseln und außerdem für die Qualität ihrer Zutaten bürgen, aber ich [...]

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O sole mio

Eine Einführung

Endlich! Die Schwalben, die in Italien den Frühling bringen, sind da. Der Himmel leuchtet azurblau, und die Sonne lacht. Wer würde solch einen Tag nicht mit einem Eis feiern wollen? Schon hat sich eine lange Schlange vor der Gelateria »Grom« im Corso Buenos Aires gebildet. Das ist eine von allen Medien gefeierte neue Kette von Eisdielen, die zwei junge Unternehmer aus Turin aufgebaut haben. Die mögen zwar wöchentlich ihre phantasievollen Geschmacksangebote wechseln und außerdem für die Qualität ihrer Zutaten bürgen, aber ich ziehe – vielleicht aus Nostalgie, vielleicht aus Misstrauen gegenüber Großketten – die kleine Gelateria vor, in der die Betreiber das Eis noch in den Räumen hinter dem kleinen Laden selbst herstellen. Und außerdem mag ich nicht Schlange stehen und mich von uniformierten, anonymen Verkäufern bedienen lassen. Speiseeis (das leider oft in erbärmlicher Qualität verkauft wird) ist eine Vertrauenssache. Es kann eine Delikatesse sein, die dem Süden auch im Winter eine sommerliche Note gibt. Allein wenn ich an dieses frische, lockere, zitronenduftende Speiseeis aus Sizilien denke, das ich einmal im Februar zusammen mit einer Brioche in Catania genossen habe, wird mir warm ums Herz. Denn Speiseeis, wie jeder Kenner weiß, wärmt. Jedenfalls innerlich. Wärmt die Seele. Lidia, meine italienische Frau, ist da ganz anderer Ansicht. Für sie gehört Eis zum Sommer, weil es erfrischt. Die Italiener sind eben ein ganz praktisches, unsentimentales Volk. Vielleicht passen Deutsche und Italiener deshalb auch so gut zusammen. Und man könnte meinen, die Sizilianer haben das Eis extra für die Völker nördlich der Alpen erfunden, um ihnen ein bisschen den Süden näherzubringen.
Jetzt könnte jemand einwenden: Die Zitronen, die kommen vielleicht aus Sizilien, aber das Eis, das frische, lockere, zutatenduftende, das wurde im Cadore in den venetischen Dolomiten erfunden. Nicht Sizilien? – Nein, Veneto! – Doch, Palermo! – Nein, Cadore! – Palmen und Meer! – Nein, Fichten und Seen! – Süden ! – Norden !

 

So sind die italienischen Verhältnisse. Das Land, wo die Zitronen blühen, das kennt man. Über Italien wissen die meisten Deutschen genauso gut Bescheid wie über die Aufstellung ihrer Nationalmannschaft. Hier kann jeder mitreden, selbst die, die noch gar nicht da waren. Schließlich ist Italien von der Prosecco-Bar bis zum Benetton-Laden, von der Gelateria bis zur Pizzeria längst zu uns gekommen. Und was Italien als beliebtes Urlaubsziel angeht, gehört es im Grunde zu Deutschland.
Die Italiener sind so sympathisch, weil wir uns ihnen – und sei es auch nur ganz im Stillen – ein bisschen überlegen fühlen können. Die Tüchtigen und Pünktlichen, die es am Ende richten müssen, reden wir uns gerne ein, das sind wir. Und doch beneiden wir sie wegen ihrer Kreativität, wegen ihrer (angeblichen) Fähigkeit, das Leben leichtzunehmen, wegen ihrer Kunstschätze, den vielen Stränden und natürlich wegen der Sonne. O sole mio.

 

Als im August des Jahres 1920 bei den Olympischen Spielen von Antwerpen die italienische Nationalhymne gespielt werden sollte, fehlten die Noten. Der Dirigent zögerte einen Augenblick und ließ dann eine Melodie spielen, die seine Musiker auswendig konnten: »O sole mio«. Das neapolitanische Volkslied war da gerade dank der Interpretation von Enrico Caruso auf dem neuen Massenmedium Schallplatte zu einem Weltschlager geworden. Die Geschichte dieses Liedes ist verbunden mit vielen solcher Geschichten, die von Elvis Presley (»It’s now or never«) über Juri Gagarin (der das Lied zum ersten Mal im Weltraum sang) bis zu Papst Johannes Paul II. reichen. Der Song ist sprachlich so unbedarft (»Meine Sonne/leuchtet aus deinem Gesicht!«), wie seine Melodie eingängig ist. Aber geradezu tragisch ist das Schicksal seiner Autoren. Der Komponist Eduardo Di Capua, der »O sole mio« vermutlich 1898 nicht in Neapel, sondern während eines Tourneeaufenthalts in Odessa in Noten setzte, starb verarmt 1917. Auch der Texter Giovanni Capurro erlebte den Welterfolg seiner Verse nicht mehr. Und spätestens dann wäre er vor Gram gestorben, denn ein neapolitanischer Musikverleger hatte sowohl Texter als auch Komponisten um ihre Autorenrechte betrogen. Singen, so sagt der in Italien lebende deutsche Komponist Hans Werner Henze, stehe in Neapel für alle Nuancen zwischen Lachen und Weinen.

 

Urteile, Vorurteile
Den kennen Sie wahrscheinlich: Was ist das Paradies? Das sind ein englischer Polizist, ein französischer Koch, ein deutscher Techniker, ein italienischer Liebhaber, und alles wird von den Schweizern organisiert. In der Hölle dagegen gibt es einen englischen Koch, einen französischen Techniker, einen deutschen Polizisten, einen Schweizer Liebhaber, und alles wird von den Italienern organisiert. Oder wie Winston Churchill gesagt haben soll: »Die Italiener verlieren ihre Fußballspiele, als ob es Kriege wären, und verlieren ihre Kriege, als ob es Fußballspiele wären. « Sind sie so?

 

Über die Beziehungen zwischen Deutschland und Italien gibt es ein bitteres Wort, das jedem, dem beide Kulturen am Herzen liegen, einen Stich versetzt: »Die Deutschen lieben Italien, aber achten die Italiener nicht, die Italiener bewundern Deutschland, aber lieben die Deutschen nicht.« Eine weitere Weisheit besagt: »Die Deutschen leben, um zu arbeiten, die Italiener hingegen arbeiten, um zu leben.« Aber es gibt auch andere Ansätze, wie den des Satirikers Robert Gernhardt: »Italiener sein, verflucht! Ich habe es oft und oft versucht – es geht nicht!« In ihrem letzten Text, den man nach ihrem Tod fand, schrieb die große italienische Journalistin Franca Magnani über die anscheinend unausrottbaren Vorurteile: »Die Klischees, diese von uns so sehr bekämpften und verpönten, haben sich weitgehend bestätigt.« Die Klischees kommen von weither, in der ersten Auflage des Meyer-Lexikons von 1846 konnte man gar nachlesen: »Der Deutsche und der Italiener divergieren in ihrem Charakter so sehr, dass beide gleichsam die Pole der westeuropäischen Menschheit bilden.« Klischees sind dazu da, dass man sie überwindet. Aus der langjährigen Erfahrung einer Ehe mit einer Italienerin weiß ich, dass es durchaus eine Anziehungskraft zwischen diesen Polen gibt. Und was kann schöner sein, als sich im Februar darüber zu streiten, ob man ein Eis essen soll oder nicht?

 

Die Deutschen kennen wir. Das sind wir schließlich selbst. Wer und wie aber sind die Italiener? Ein Italiener, so hört man, ist vor allem ein Piemonteser oder ein Sizilianer, ein Neapolitaner oder ein Römer. Noch heute steht der regionale, sogar der lokale Bezug vor dem nationalen. Italien ist historisch gesehen »ein Land mit hundert Städten und tausend Türmen«. Als zwischen 1860 und 1870 im Risorgimento, in der nationalen Einheitsbewegung, ein italienischer Einheitsstaat entstand, wurde die Losung ausgegeben: »Wir haben Italien geschaffen, jetzt geht es darum, die Italiener zu schaffen.« Das scheint bis heute nicht gelungen zu sein – trotz des römischen Zentralismus, der gerade durch eine heftige Debatte über Föderalismus und Regionalisierung infrage gestellt wird. Nach wie vor sind die Neapolitaner lebhaft, skeptisch und trotz der großen sozialen Probleme meist guter Laune, die Sizilianer verschlossen und pessimistisch, die Lombarden geschäftstüchtig, die Piemontesen fleißig, die Ligurier sparsam, die Toskaner gewitzt, die Römer herzlich, aber plump – warum sollten sie »italienisch« werden?
Italienisch an Italienern, so habe ich gelernt, ist das Bedürfnis, bella figura zu machen. Nun wollen auch wir Nichtitaliener bella figura, also einen guten Eindruck machen. Aber bei den Italienern reicht das tiefer. Ein Turiner Bekannter erzählte mir, wie er an einem Sonntagmorgen eine auto- und menschenleere Straße bei roter Ampel überquerte. Aus den Augenwinkeln sah er noch einen vigile, einen städtischen Polizisten, vorbeigehen, der ihn prompt herbeizitierte. Mein Bekannter verteidigte sich: eine menschenleere Straße, da gäbe es doch keinen Grund zu warten. Der Beamte sagte, die Straße sei nicht das Problem, die Ampel auch nicht, aber ob er ihn, den vigile, nicht gesehen habe? Welche figura würde er als Ordnungshüter abgeben, wenn man in seiner Gegenwart die Ordnung nicht ernst nehme? Man sollte also allen Italienern, den Ordnungshütern voran, immer die Gelegenheit geben, bella figura zu machen. Sie werden es Ihnen herzlich danken.

 

Jeder Italiener kultiviert stets seine individuelle Note, besonders, wenn er sich in der Masse bewegt. Wer je an einem Sonntagabend im Stau auf der Autobahn vor dem casello, der Mautstelle, steht, kann es in den erstaunten Augenpaaren in den Nachbarautos lesen: Warum sind all die anderen eigentlich hier? Diese individualistische Grundhaltung hat übrigens auch dazu geführt, dass in Italien die Kommunistische Partei – solange es sie noch gab – die freiheitlichste unter ihren europäischen Schwesterparteien war. Was beweist, dass in Italien Alltag und Politik aufs Spannendste verbunden sind – woraus der ehemalige Ministerpräsident Silvio Berlusconi mit einer unverfrorenen Mischung aus privat und öffentlich ein ganzes Programm gemacht hat. Aber auch in der Politik würde jeder Italiener am liebsten eine eigene Partei bilden, die seine ganz persönlichen Interessen vertritt. Es trifft ihn hart: Wie an der Mautstelle muss man als Individualist eben Kompromisse schließen und sich irgendwo einreihen (nachdem man aber schnell noch mal jemanden überholt hat). Vielleicht sind deshalb der Kompromiss und die Suche nach dem Konsens trotz gleichsam angeborener Debattierlust »typisch« italienische Eigenschaften.

 

Der » Stinkstiefel «
Typisch italienisch ist jedenfalls, dass man schlecht über sich selbst redet, wie man es anderen nie gestatten würde. Sind Italiener »gute Menschen«? Dumme Frage, möchte man meinen. Ein Landsmann wie der Erfolgsautor Andrea Camilleri will gar nicht leugnen, dass es unter seinen Mitbürgern eine Menge guter Menschen gibt. Aber die Emigranten, »die täglich an unseren Küsten landen«, wären »mit dieser Definition nicht einverstanden«. Während der Ära Berlusconi hat Camilleri kleine bissige Texte geschrieben, die auf Deutsch unter dem Titel »Was ist ein Italiener?« als Buch erschienen sind. Und er lässt kein Thema aus: Faschismus heute? »Vierundsechzig Jahre Demokratie haben nicht genügt, um das Blut der Italiener zu reinigen.« Die Geschichte als Lehrmeisterin des Lebens? Die unterrichtet in einer Schule, »die die Italiener nie besucht haben«. Bildung? »Der Italiener ist vor allem eingebildet.« Und so geht das munter weiter. So viel vernichtende Selbstkritik, wie die des fast neunzigjährigen Camilleri, der wie mit einem Surfbrett über den langen Wellen des Volkscharakters von der staatlichen Einigung im 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart kurvt, ist dennoch ungewöhnlich. Es gipfelt in der Beschreibung des Ideals eines Berlusconi-Italieners. Der möchte ein motorino sein, also wie die Mopeds durch den Verkehr wuseln, rote Ampeln und Einbahnstraßen missachten und darauf vertrauen, dass die Polizisten sowieso weggucken: »Ihre Bewegung ist ein einziger Verstoß gegen die Regeln. Sie dürfen alles.«

 

Ach ja, Berlusconi. Über das, was er seinem Land im Inneren angetan hat, mögen die Italiener selbst urteilen (siehe auch Seite 150). Aber wie er das Bild Italiens im Ausland ruiniert hat, ist kaum noch zu beschreiben. »Stinkstiefel« haben die Medien das Land genannt. Der Staat würde am Boden liegen, die Politik korrupt sein und die Wirtschaft vor dem Kollaps stehen, während die Regierenden lockere Feste feierten. »Italien, was hast du bloß aus dir gemacht?«, lautete eine Schlagzeile aus dem Jahr 2008. Italien sei unverschämt teuer, lasse seine Kunstschätze verkommen und schütte die schönsten Landschaften mit Beton zu. Zwei Schweizer Journalisten schrieben damals im Magazin der »Süddeutschen Zeitung« einen Artikel unter der Überschrift »Lecko mio«: Es sei »aus, Schluss, finito!« Man habe Italien lange geliebt, doch »leider ist die Luft aus der Beziehung.«
Beiträge wie dieser erhöhten noch den Frust vieler enttäuschter Italienliebhaber, die sich wortreich von ihrer Geliebten nach dem Motto trennen: Du bist nicht mehr die, die ich einst gekannt hatte. Der Maler Markus Lüpertz hatte es in einer Rede zum 100. Jahrestag der Gründung der Villa Romana, der deutschen Künstlervilla in Florenz, so gesagt: »Aus dem Zwang, dieses Land zu begreifen, suchen wir es heim und belästigen es mit Liebe.« Die gleichsam logische Folge: Italien wehrte sich und machte sich unbeliebt. »Italien mein Immerland«, dichtete vor Jahrzehnten Rose Ausländer. Was würde sie heute schreiben? Mein Nimmerland ?
Gott sei Dank haben sich inzwischen die Wogen wieder etwas geglättet. Man achtet wieder auf die Vielfalt der Farben, die Schattierungen des Lichtes und die großartigen Landschaftsbilder von den Alpen bis nach Sizilien, die Reisende auf der Suche nach einem milden Klima seit jeher angezogen haben. Städte der unterschiedlichsten Art bewahren Geschichte und Kultur. Hier haben die Künste ein ideales Umfeld gefunden, sind Musik und Malerei gewachsen, Literatur und Film, Mode und Design. Italien, das ist schließlich auch die Kunst zu leben – bei Tisch, im Gespräch und auf der Piazza. Man kann über 150 Jahre nach Gründung der staatlichen Einheit südlich der Alpen stolz sein auf ein Land, das – gegenwärtigen Widrigkeiten zum Trotz – wie kaum ein anderes in Europa bis in den Alltag hinein Ausdruck einer jahrtausendealten Kultur ist.

 

Doch es gibt einen Wandel des Italienbildes, und man würde es sich zu einfach machen, würde man ihn nur Berlusconi (der bald vergessen sein wird) in die Schuhe schieben. Der Basler Schriftsteller Dieter Bachmann, der mehrere Jahre lang das Schweizer Kulturinstitut in Rom leitete und heute noch in Umbrien den Sommer verbringt, hat sich in einem Reisebuch (»Die Vorzüge der Halbinsel«) auf die Suche nach Italien gemacht. Am Ende führt er ein Gespräch mit einem Freund, mit Peter Kammerer, der seit Jahrzehnten in Italien lebt und an der Universität Urbino Soziologie unterrichtet. Es geht um die Frage: Was ist in dem Land kaputtgegangen, das von den Sechzigerjahren an wegen des Zweiten Vatikanischen Konzils, der Kommunistischen Partei und dem inneren Nord-Süd-Konflikt einmal »das interessanteste der Welt« gewesen war? Kammerers These: Europa konnte mit diesem Italien nichts anfangen, die »von hier ausgehenden Impulse wurden vom Mainstream in Europa nicht aufgenommen«. Italien wurde dagegen »europäisiert«, und damit sei eine Entwicklung eingetreten, die das Land nicht ausgehalten habe: »Die Italiener wollten irgendwann auch so werden wie die anderen Europäer, wollten viel Zement, viel Stahl, viel Verkehr, viel Energie, viel Müll und konnten nicht mehr mit ihren eigenen Instrumenten und Mitteln umgehen.« Die beiden Gesprächspartner setzen aber bald ihrem Pessimismus eine optimistischere Sicht entgegen. Denn Italien sei, mehr als Griechenland, die Wiege Europas. Wenn wir glauben, dass unsere Identität, dass unser Leben und der Wert des Lebens damit zusammenhängen, was wir in den letzten 2000 Jahren gemacht haben, wenn also Geschichte wichtig ist, »dann wird Italien unverzichtbar.« Italien, ein altes Wunderland in neuer Unvertrautheit.

 

»Leben wir hier auf dem Mond?«
Italien hat sich rasant verändert, auch in den vergangenen zehn Jahren, seit ich die erste Ausgabe dieser »Gebrauchsanweisung« geschrieben habe. Sogar die Winde drehen sich im Lauf des Klimawandels. In Rom geht der Ponentino zurück, der leichte, erfrischende Westwind, der vom Meer aus weht, dafür nimmt der feuchte Schirokko aus dem Südosten zu. In der Toskana, etwa bei Livorno, schwächt dagegen der schwüle, aber auch kräftige Libeccio ab, der manchmal von Südwest das Meer bis in die Stadt hineingetrieben hat, und wird von dem kühleren Grecale aus Nordosten ersetzt. So sind frische Eindrücke in den Text eingeflossen. Manche Sichtweisen haben sich geändert, ich habe viel dazugelernt und weiß doch, wie mir scheint, noch immer nicht genug über dieses alles in allem wundervolle Land. Manchmal fühle ich mich wie ein ewiger Schüler. Einer von denen, die in Lidias kleiner Sprachschule hier in Mailand in der Via Brera, schräg gegenüber von der berühmten Pinakothek, einen Grundkurs belegen. Da lernen Manager, Studenten oder Au-pair-Mädchen nicht nur, Italienisch zu verstehen und zu sprechen, sondern erfahren auch einiges über das Land. Das beginnt mit einfachsten kulturellen Grundregeln (keinen Cappuccino nach dem Essen bestellen) und praktischen Tipps (Briefmarken kauft man nicht in der Post, sondern im tabacchi, dem Tabak-Shop – wenn man sie im Zeitalter von SMS und MMS überhaupt noch braucht). Man redet etwa über Verhaltensmaßregeln bei einem Privatbesuch (zum Abschied geht man nach der Ankündigung »Jetzt wollen wir aber gehen« nicht ruck, zuck weg wie nördlich der Alpen, sondern hält sich auch im Stehen noch eine geraume Zeit plaudernd bei den Gastgebern auf ). Vor allem kommen Lidia und ihre Kollegen aber auf aktuelle gesellschaftliche Fragen zu sprechen. Was im Land eben gerade so diskutiert wird. Zum Beispiel das schwierige Zusammenleben nicht verheirateter Paare, die coppie di fatto (faktische Paare) genannt werden. Oder die Rolle der Frauen. Frauen treten in Italien selbstbewusst in der Öffentlichkeit auf, sind aber in Politik und Wirtschaft total unterrepräsentiert. Als der italienische Staat vor 150 Jahren gegründet wurde, waren gerade mal 2,2 Prozent der Gesamtbevölkerung wahlberechtigt, ab 1912 durften alle männlichen Personen über 21 Jahren an die Urnen treten. Das allgemeine Wahlrecht für Frauen wurde dann erst 1946 im republikanischen Italien eingeführt (in Deutschland 1919).
Von der ersten Stunde an kommen die Schüler mit eigenen Beobachtungen und Fragen zu Wort. Zum Beispiel wollen sie wissen, warum man in Italien nicht essen gehen kann, wann man will, die Restaurants und Pizzerien also nicht durchgehend geöffnet haben und zwischen 15 und 19 Uhr geschlossen bleiben. Je nachdem, woher sie kommen, wird das Leben in Mailand beispielsweise als »chaotisch« (etwa von vielen Deutschen) empfunden oder auch als »absolut ruhig und normal« (etwa von den meisten Brasilianern). Manchmal tauchen bereits im Vorfeld merkwürdige Anfragen auf. Kürzlich fragte ein Deutscher, ob es im Land auch 220 Volt Wechselstrom gebe, denn er habe leider keinen Laptop mit Gleichstromanschluss. Oder ob man in der Schule auch die lateinischen Schriftzeichen benutzen würde, lautete eine andere Anfrage, ebenfalls aus Deutschland. »Wir schreiben doch nicht mit Hieroglyphen! Denken die, wir leben hier auf dem Mond?«, schnaubte Lidia wütend, als sie mir die beiden Mails mit den besorgten Nachfragen zeigte. »Das sind deine Landsleute!« Aber natürlich hat sie die Anfragen dann aufs Allerhöflichste beantwortet.

 

Dem Alltagsleben, so wie es im Unterricht thematisiert wird, mangelt es nicht an Merkwürdigkeiten. Am Monte Rosa zum Beispiel (mit rund 4600 Meter nach dem Monte Bianco/Mont Blanc der zweithöchste Alpengipfel in Italien) sind die Goldgräber zurückgekehrt und haben bei dem Ort Macugnaga längst verschüttete Minen wieder freigelegt. Ist das ein Zeichen der Wirtschaftskrise oder nur ein geschicktes Mittel, um Touristen anzulocken? Überhaupt kommt das Alte wieder in Mode, das Boccia-Spiel zum Beispiel. In Norditalien spielen das nicht nur Rentner zum Zeitvertreib, sondern neuerdings schieben gerade Zwanzig- und Dreißigjährige eine ruhige Kugel zur abendlichen Entspannung nach der hektischen Arbeit. Alte Gebäude werden umfunktioniert. Auf Sardinien etwa wandeln sich an den Küsten Leuchttürme in Restaurants und Hotels. Überhaupt, so eine These des britischen Historikers und Bestsellerautors Niall Ferguson, entwickle sich der Süden Europas in den kommenden Jahrzehnten zur Sommerresidenz des reichen Nordens – Italien, demnächst ein einziges Feriendorf für Schweizer, Österreicher und Deutsche?

 

Ein paar Fakten
Halten wir uns lieber an die Tatsachen. In Italien leben rund 60 Millionen Menschen. Wenn die gegenwärtige Geburtenrate konstant niedrig bleibt, werden es im Jahr 2050 nur noch 46 Millionen sein. Zurzeit leben im Land offiziell (mit einer Aufenthaltserlaubnis) 3,7 Millionen Ausländer. Wie viele es inoffiziell sind, weiß man nicht genau. Die Arbeitslosenquote betrug Anfang 2012 9,8 Prozent (Tendenz leider steigend, und im Süden ist sie dreimal so hoch wie im Norden). Pro Woche wird durchschnittlich 35 Stunden gearbeitet – in Deutschland 30, Frankreich 32 und Großbritannien 36. Es gibt drei Millionenstädte: Rom, die Hauptstadt, hat 2,8 Millionen, Mailand 1,4 Millionen und Neapel eine Million Einwohner. Die etwa dreißig Millionen Hektar große Landesfläche (kleiner als Deutschland und auch als Polen) setzt sich zu drei etwa gleich großen Teilen aus Berglandschaft, Hügeln und Ebene zusammen. Die Luftlinie zwischen nördlichstem und südlichstem Punkt misst 1177 Kilometer (in Deutschland 832 Kilometer), die Autobahnstrecke zwischen Brenner und Reggio Calabria ist 1450 Kilometer lang. Die Halbinsel ist relativ schmal (Breite bis zu 244 Kilometer) und wird von ihren Küsten mit 8600 Kilometer Meeresgrenzen geprägt. Dazu zählen auch die Strände, an denen wir so gerne in der Sonne liegen und faulenzen. Oder abgelegene Ufer, an denen Flüchtlinge aus ärmeren Weltgegenden im Schutz der Dunkelheit Zugang zum reichen Europa suchen.
Geopolitisch ist das Land in 20 Regionen und 110 Provinzen aufgeteilt (über eine mögliche Abschaffung dieser Provinzen als Verwaltungseinheit, um Kosten zu sparen, wird gerade diskutiert). Die im Norden haben einen höheren Lebensstandard (über dem EU-Durchschnitt) als die im Süden (unter dem EU-Durchschnitt). Der Nord-Süd-Gegensatz, der die Geschichte und Entwicklung des Landes seit dem Risorgimento geprägt hat (und selbst eine Region wie die Toskana teilt), ist nicht leicht zu fassen. Denn allein der nördliche Landesteil ist bereits keine homogene Gemeinschaft. Manchmal zählt man die Region Emilia-Romagna hinzu, manchmal nicht. Landeskundler und Soziologen trennen außerdem zwischen dem Nordwesten (Piemont/ Ligurien/Lombardei) und dem Nordosten (Südtirol/Trentino/ Venetien/Friaul), die jeweils ganz unterschiedliche Traditionen haben. Auch das Piemont und die Lombardei sind sich nicht grün. Nie werde ich so oft gefragt, ob man denn in dem schrecklichen Mailand überhaupt leben könne, wie in Turin. Und Giorgio Bocca, der große alte Publizist, der in Cuneo (Piemont) geboren wurde, aber in Mailand (also in der Lombardei) bis zu seinem Tod 2012 lebte, erzählte immer die Geschichte vom Zeitungsstreik. Wenn früher in Turin und Umgebung die Mitarbeiter der »Stampa« oder anderer Lokalblätter streikten, verließen die Piemontesen den Kiosk ohne Zeitung, ihnen wäre niemals eingefallen, Mailänder Blätter wie den »Corriere della Sera« oder den »Giorno« zu kaufen. Was hätten sie darin schon Interessantes erfahren können? Inzwischen gibt es mit der römischen »Repubblica« eine nationale Alternative zu den Mailändern. Die können auch Turiner lesen. Wobei zugleich die Rolle Mittelitaliens beschrieben wäre: nämlich zwischen den verschiedenen Gemütszuständen des Nordens zu vermitteln.
Wie verhält es sich mit dem Süden? Wenn man nur an die Städte Neapel, Bari oder Palermo denkt, an Landschaften und Mentalitäten an der kalabresischen Stiefelspitze oder in der sardischen Barbagia, wird deutlich, dass es viele, ganz unterschiedliche »Süden« gibt. Hier liegt einer der wichtigsten Schlüssel zum Verständnis von Italien: die Vielseitigkeit und Gegensätzlichkeit, wobei Modernes und Traditionelles nebeneinander existieren und jedes Chaos seine Ordnung hat. Man hüte sich also vor Verallgemeinerungen.
Und noch ein paar Kuriosa: Italien ist in Europa der größte Produzent von Bio-Produkten und nach Deutschland der zweitgrößte Konsument. In Italien sind mehr Autos (606) auf 1000 Einwohner zugelassen als in Deutschland (559), der Schweiz (518), Österreich (505) oder den USA (487). Es wachsen auf italienischem Boden im Durchschnitt mehr Wälder als in Irland, Belgien, Holland oder Dänemark. Es soll 57 Millionen Mäuse, 20 Millionen Spatzen und 10 Millionen Igel geben. Die älteste Osteria (»Al Brindisi«) hat in Ferrara seit 1435 geöffnet. Das Thermometer fällt niemals unter null Grad in Taormina, Anacapri, Amalfi und Sanremo.

 

Buon viaggio !
Der Zug setzt sich langsam in Bewegung. Er wird schneller, immer schneller, die letzten Häuser Roms verschwinden unter einem azurblauen Himmel, die Campagna Romana rauscht vorbei. War das nicht eben ein antikes Viadukt? Aber schon tauchen wir in einen Tunnel ein. Auf wilde, gleichsam unberührte Natur folgt die Gartenlandschaft Kampaniens. Wo sind eigentlich die Bucht von Gaeta und das Meer geblieben? Auf dem Display über der Gangtür kann man lesen, wie sich die Reisegeschwindigkeit auf dieser Strecke nach Neapel immer weiter steigert und schließlich 300 Kilometer pro Stunde erreicht. Der Eurostar hält dann siebzig Minuten nach der Abfahrt in Rom am Bahnhof Napoli Centrale. Der Privatzug Italo, die Konkurrenz zur staatlichen Trenitalia, schafft es sogar in 68 Minuten. Dieselbe Strecke habe ich bei meiner ersten Zugfahrt von Rom nach Neapel in den Siebzigerjahren noch in gemütlichen zweieinhalb Stunden zurückgelegt.
»Das Italien unserer Ahnen ist, wie man weiß, seit die Eisenbahnen es für den Verkehr verschlossen haben, eines der unbekanntesten Länder Europas geworden.« Der Schriftsteller und Privatgelehrte Rudolf Borchardt beginnt so, gleichsam widersinnig, den im Jahr 1907 veröffentlichten Aufsatz »Villa«. 1907! Was würde er denn 2012 nach einer Fahrt im Eurostar AV schreiben? Aber es stimmt, wir rauschen bei unseren Reisen oft von einer Sehenswürdigkeit zur nächsten, um in der kostbaren Zeit, die uns zur Verfügung steht, möglichst viel zu sehen und zu verstehen. Was können wir jedoch bei dieser Eile überhaupt verstehen? Sehen wir dann nicht nur das, was in den Reiseführern steht?
Aber keine Sorge: Jeder sollte heute durch Italien reisen, wie es ihm Lust und Neugier auftragen, Geldbeutel und Zeitrahmen gestatten. Im Hochgeschwindigkeitszug oder beim Wandern, im Auto oder mit dem Fahrrad. Wichtig ist, dass man nicht dem ersten Blick und dem gleichsam vorgekauten Wissen traut, sondern dass man versucht, sich einzulassen auf die Begegnung mit Landschaften, Orten und Menschen.
Die »Gebrauchsanweisung für Italien« wurde nicht für die Fachleute geschrieben, die alles wissen. Auch nicht für die Italienkenner, die alles besser wissen. Sondern für Liebhaber und Neuankömmlinge, die neugierig sind auf dieses Land und seine Menschen. Ich lebe als Journalist in Italien und nicht als Experte. Ich hatte die Gelegenheit, viele Menschen zu hören, die mir etwas über das Land und seine Leute erzählt haben, Tatsachen und Geschichten. Ihnen allen sei Dank.
Wer nur in der Sonne liegen will, braucht nichts über Land und Leute zu wissen. Wer mehr will, der wird in Italien so viele Antworten bekommen, wie er Fragen stellt. Dabei will die »Gebrauchsanweisung« mit Informationen und Beschreibungen heute den Dialog erleichtern. Morgen kann es schon wieder ganz anders aussehen. Buon viaggio, gute Reise!

 

Henning Klüver
Mailand, im Sommer 2012

Henning Klüver

Über Henning Klüver

Biografie

Henning Klüver, 1949 in Hamburg geboren, studierte in Deutschland und Italien. Er schreibt als Kulturkorrespondent u.a. für die »Süddeutsche Zeitung« und berichtet als freier Mitarbeiter für deutsche Rundfunkanstalten aus Italien. Neben Biografien und einem politischen Sachbuch erschien von ihm die...

Pressestimmen

Stuttgarter Zeitung

»Silvio, lass gut sein! Henning Klüver bringt uns das fremd gewordene Italien wieder näher. (...) Was auch immer nach den Parlamentswahlen am 25. Februar geschehen wird, Klüvers Buch ist schon jetzt eine wunderbar wohlschmeckende geistige Vorbeugung gegen kommende anti-italienische Ressentiment-Viren.«

Italien Magazin

»Mit leichter Hand findet der Autor Antworten auf die Frage, warum wir dieses Land so sehr ins Herz geschlossen haben.«

Inhaltsangabe

Inhalt

O sole mio

Eine Einführung

Das Land, wo die Zitronen blühen

Landschaftsbilder, Streifzüge und Naturgewalten

Die Piazza und der Klang der Städte

Lebensstile und Stadtentwicklungen

Mamma Mia

Die Familie zwischen Tradition und Moderne

Alltag und Träume

Die Bar, das Stadion und die Lust am Reisen

Von Canossa nach Sant’Anna

Ein Gang durch die Geschichte

Das Erbe von Silvio Berlusconi

Streifzüge durch Politik, Wirtschaft und Medien

Schattenseiten und tote Mäuse

Im Kampf gegen Korruption, Terrorismus und Mafia

Von Heiligen, Vögeln und Fischen

Kirche, Glaube und Aberglaube in Italien

Der tomatenrote Motorroller

Von warmen Farben, schönen Künsten und gutbesuchten Museen

Maccheronibäume und Essenslust

Auf der Suche nach der typischen italienischen Küche

Spuren in der Seele

Abschied vom Land, wo die Zitronen blühen

Literatur

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