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Gebrauchsanweisung für GriechenlandGebrauchsanweisung für Griechenland

Gebrauchsanweisung für Griechenland

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Gebrauchsanweisung für Griechenland — Inhalt

Tempel, Kykladen und Kafenía, Gastfreundschaft und Großfamilie – Klischees über Hellas gibt es mehr, als ein Olivenbaum Früchte trägt. Martin Pristl zeigt uns das echte Leben dort und verrät, was es neben Kreta und Akropolis, Rhodos und Mykene, tiefblauem Wasser und weiß gekalkten Häuschen außerdem zu entdecken gibt. Er erzählt, wie es in dem Land der dreitausend Inseln zwischen Orient und Okzident, zwischen Mythen, Göttern und Moderne wirklich zugeht. Wie Sie sich für eine Hauptstadt wappnen, in der sich die Hälfte aller Griechen tummeln. Und wie Sie einer Spezies begegnen, die die älteste Weltsprache spricht, ein paranoides Verhältnis zur Türkei pflegt und selbst am Rande zum Staatsbankrott die Unbekümmertheit als oberste Lebensmaxime verteidigt.

€ 15,00 [D], € 15,50 [A]
Erschienen am 04.10.2016
208 Seiten, Flexcover mit Klappen
EAN 978-3-492-27656-6
€ 12,99 [D], € 12,99 [A]
Erschienen am 04.10.2016
224 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-95305-4

Leseprobe zu »Gebrauchsanweisung für Griechenland«

Willkommen in Sacramento

oder: AUTOmatisch weniger Esel

Zeus lädt Sie nach Griechenland ein. Um die Wärme der griechischen Sonne mit ihm zu teilen. Um sich von der herzlichen Gastfreundschaft der Griechen umfangen zu lassen. Sind die Griechen so freundlich gestimmt wegen der Götter? Oder waren die Götter von der Freundlichkeit der Griechen so eingenommen? Die Götter hätten jedes Land der Erde wählen können. Sie haben sich für die Herzlichkeit der Griechen entschieden.

Aus einer Anzeige der griechischen Zentrale für Fremdenverkehr in einer deutschen [...]

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Willkommen in Sacramento

oder: AUTOmatisch weniger Esel

Zeus lädt Sie nach Griechenland ein. Um die Wärme der griechischen Sonne mit ihm zu teilen. Um sich von der herzlichen Gastfreundschaft der Griechen umfangen zu lassen. Sind die Griechen so freundlich gestimmt wegen der Götter? Oder waren die Götter von der Freundlichkeit der Griechen so eingenommen? Die Götter hätten jedes Land der Erde wählen können. Sie haben sich für die Herzlichkeit der Griechen entschieden.

Aus einer Anzeige der griechischen Zentrale für Fremdenverkehr in einer deutschen Zeitschrift

Irgendetwas scheint doch in diesem Volk zu liegen – auch wenn es nicht unbedingt »auserwählt« ist.

Autor und Philosoph Nikos Dimóu im selben Heft

Vergessen Sie all die Plakate, mit denen Ihnen Reisebüros einsame weiße, halbmondförmige Sandstrände vor tiefblauer See vorgaukeln. Es gibt sie so nicht. Auf praktisch allen Postern prangt ein und derselbe Strand. Er heißt Myrtos Beach und liegt auf Kefalonía, einer der circa 3000 griechischen Inseln. So einsam, weiß und unbefleckt kann er sich nur deshalb präsentieren, weil er lange Jahre nicht gerade bequem zu erreichen war. Man musste schon ein Boot chartern oder sich an einer steilen, schroffen Felswand abseilen – ein Aufwand, den nur wenige Individualisten auf sich nahmen. Mittlerweile geht es komfortabler. Ein Sträßlein wurde gebaut, symmetrisch ausgerichtete Liegestuhl-Sonnenschirm-Kombinationen locken ihr eigenes Klientel, das seine Mietwagen auf dem Sand parkt, weil eine Alternative nicht zur Verfügung steht.

Vergessen Sie all die Geschichten selbst ernannter Griechenlandkenner, die wochenlang die Gastfreundschaft einer griechischen Familie genossen haben wollen, denen angeblich jeden Abend ein Lamm am Spieß serviert wurde, das sie mit einem Fass Retsína hinuntergespült haben. Wenn Jahr für Jahr eine Mehrheit Touristen (2015 waren es runde 25 Millionen) eine Minderheit Einheimischer (11 Millionen) überfällt, dann ist die statistische Wahrscheinlichkeit eher gering, dass gerade Sie auf einen der letzten Griechen treffen werden, der noch nicht begriffen hat, dass Tourismus ein Geschäft ist.

Vergessen Sie Ihre romantischen Vorstellungen von der Großfamilie als Zelle des griechischen Lebens, als sicherem Hort, moralischem Wegweiser, klugem Ratgeber und starkem Beschützer. Auch den Großvater, den Patriarchen, der das Sagen haben soll, während die Frauen handarbeitend, putzend, kochend und Nachwuchs gebärend ihr Leben im Haus fristen. Alles Quatsch. Nicht einmal 1,4 Kinder bringt ein griechisches Ehepaar in seinem Leben zustande und verformt die sogenannte Alterspyramide zur für Industrieländer im Trend liegenden »Glocke«. Der Weg zu jenem Gebilde, das Demografen doppeldeutig »Urne« nennen, ist nicht mehr weit.

Auf Eseln sollen pittoresk-arme Griechen durch die Gegend reiten? Das sind in Wahrheit übergewichtige Touristen, die den staubigen Pfad zur Zeus-Höhle auf Kreta nicht hinaufkommen. Griechen wollen sich motorisiert auf ihrem circa 50 000 Kilometer langen Straßennetz bewegen.

Ihre Bekannten wollen wirklich Griechen im Land getroffen haben? Aber die Griechen leben doch alle in Athen, während Touristen – und damit auch Ihre Freunde – grundsätzlich das Motto »Nur weg aus Athen« ausgeben.

Ich übertreibe? Zugegeben, ein bisschen. Natürlich gibt es noch eine ganze Reihe anderer weißer sauberer Sandstrände in Griechenland; auch erfährt der Besucher mitunter die Gastfreundschaft, wenn er zu einem Gläschen Wein oder einer Tasse Kaffee eingeladen wird; und die Großfamilie findet sich auch heute, zumindest solange auf dem Land die ältere Generation noch lebt.

Die Esel schließlich wurden letztmals 1993 gezählt. Damals waren es, zusammen mit den Maultieren, etwa 160 000, im selben Jahr gab es schon mehr als eine Million Traktoren. Weil aktuelle Schätzungen von weniger als 10 000 Tieren ausgehen und das Aussterben der Population droht, wird bereits über ein nationales Schutzprogramm für die grauen Vierbeiner nachgedacht, die eigentlich nur noch auf der autofreien Insel Hydra (nahe Athen) in nennenswerter Dichte vorkommen. Esel, so glauben es die Verantwortlichen, gehören für Touristen zu Griechenland wie Bauchtänzerinnen zur Türkei. Bleibt die Frage, wer da eindimensionaler denkt: die Touristen über die Griechen oder umgekehrt.

Zurück nach Athen. Genau genommen leben nur etwa 40 Prozent der Bevölkerung in der Hauptstadt und ihren Vororten. Immerhin. Vier Millionen sind es über den Daumen; eine weitere knappe Million wohnt in Thessaloniki, und die übrigen fünf Millionen zieht es ebenfalls in eine der beiden Metropolen, vorzugsweise aber nach Athen. Stolz die, die es geschafft haben.

Sollten Sie einen Athener kennenlernen, brauchen Sie ihm trotzdem nicht bewundernd auf die Schulter zu klopfen. Wer sich tagtäglich durch den Athener Dschungel kämpft, wer Aspirin (gr.: aspiríni) zu den Grundnahrungsmitteln zählt, wessen unverheiratete (!) Tochter (!) allen moralischen Grundsätzen zum Trotz (»Papa, das ist heute so!«) eine kleine Appartementwohnung mit ihrem Freund teilt, der wird Ihnen in den buntesten Farben das idyllische Landleben ausmalen. Er wolle in sein Elternhaus zurückkehren, wird er versichern, es umbauen, ausbauen und renovieren lassen, um dort mit Frau und Kindern zu leben, das Leben zu genießen. Seine Frau werde einen großen Gemüsegarten anlegen, auch einige Hühner und Schafe könne man anschaffen. Er selbst werde im kafeníon sitzen und Zeit haben zu philosophieren. Zunächst müsse er allerdings noch etwas Geld ansparen (auf dem Land könne man nichts verdienen), und seine Kinder sollten ihr Abitur in der Stadt machen – auch Lehrer zieht es nach Athen, dementsprechend zweifelhaft ist der Ruf der Dorfschulen. Weil seine Frau vor ein paar Wochen ihren Job verloren habe, werde das alles freilich noch dauern. Aber irgendwann, ganz bestimmt, werde er zurückkehren. In Athen jedenfalls könne man auf Dauer nicht glücklich werden.

Job verloren. Wer ahnt, dass an dieser Stelle eine dritte Perspektive durchschimmert, darf sich bestätigt fühlen.

Auch der Provinzler hat für die Hauptstadt allenfalls ein verächtliches »Pah« übrig. Warum sollte er dort hinwollen? Hier auf dem Land, wird er erzählen und sich lässig eine Zigarette anzünden, sei das Leben zwar schwer, aber dafür könne man wenigstens frei durchatmen.

Anfang des 19. Jahrhunderts noch war Athen ein unbedeutender Marktflecken mit dem einzigen Unterschied zu anderen unbedeutenden Marktflecken, dass es einen bedeutenden Namen trug. Für den bayerischen Prinzen Otto von Wittelsbach, der nach der Ernennung durch die griechische Nationalversammlung Anfang 1833 als König Otto I. in dem noch jungen Staat eintraf, muss es schwer vorstellbar gewesen sein, dass sich einst die Götter um die Ehre stritten, diesem Kaff ihren Namen geben zu dürfen. Athene und Poseidon hießen die beiden Konkurrenten, zwischen Athína – so wird der Name griechisch ausgesprochen – und Posidónia war die damalige Bevölkerung hin- und hergerissen. Die Quelle, die Poseidon in diesem Wettstreit auf der Akropolis aus dem Boden zauberte, beeindruckte, der Olivenbaum, den Athene danebensetzte, obsiegte. Und als die Athener in den heißen Sommern späterer Zeiten mitunter zweifelten, ob Wasser nicht womöglich die bessere Wahl gewesen wäre als ihr heiß geliebtes (und kalt gepresstes) Olivenöl, war der Preis schon vergeben. Um sich vor dem eventuellen Vorwurf der Fehlentscheidung zu schützen, einigte man sich allgemein darauf, die Quelle des Poseidon habe ohnehin nur salziges Wasser gespendet. Aber das Thema Wasser soll ein eigenes Kapitel wert sein.

Otto jedenfalls, Sohn des Bayernkönigs Ludwig I., ließ sich erst einmal in Náfplion nieder. Athen war eines Monarchen nicht würdig, selbst eines 17-Jährigen nicht. In der Zwischenzeit befahl er bayerische Architekten in sein Königreich, die das etwa 5000 Einwohner zählende Dorf standesgemäß aufpolieren sollten. Friedrich von Gärtner oder auch Leo von Klenze prägten das Stadtbild im klassizistischen Stil unter anderem nach dem Vorbild Münchens, das um diese Zeit schon etwa 70 000 Einwohner hatte. Ersterer baute Otto seinen Palast, das heutige Parlamentsgebäude, Letzterer brachte im Gegenzug die Linien des klassischen (dorischen) Tempels in Form der Ruhmeshalle nach München. Im Laufe der 30er-Jahre des 19. Jahrhunderts wurde Athen für einen König und 50 000 Einwohner konzipiert. Knapp ein Jahrhundert später, 1920, hatte es mit Konstantin I. seinen dritten ausländischen Monarchen, eine halbe Million Einwohner und hinkte der bayerischen Landeshauptstadt bevölkerungstechnisch kaum mehr hinterher. Noch im selben Jahrzehnt wurden nach dem Griechisch-Türkischen Krieg 1,3 Millionen griechischstämmige Türken aus Kleinasien vertrieben. Ein Großteil von ihnen versuchte, in Athen eine neue Existenz aufzubauen. Ihnen folgten ab den 50er Jahren Griechen, die in der Provinz keine Perspektive mehr sahen. Es waren Flüchtlinge, die Athen zur Metropole machten.

 

Die meisten Touristen fliegen in dieses »Urlaubsland« – und landen erst einmal in Athen, genauer gesagt runde 25 Kilometer östlich der Stadt auf dem nach Eleftherios Venizelos, der zwischen 1910 und 1933 unter anderem als Premier den jungen Staat entscheidend prägte, benannten Flughafen. Wie auf so vielen International Airports hält sich das Urlaubsgefühl auch auf diesem in Grenzen. Wer die Entstehungsgeschichte kennt, versteht auch, warum: Die deutsche Hochtief AG hat den 2001 eröffneten und 2,1 Milliarden Euro teuren Flughafen nicht nur geplant, sie hat ihn auch gebaut. Und bezahlt. Dafür hält sie bis zum Jahr 2026 Anteile in Höhe von 45 Prozent, wird den Flughafen also noch ein paar Jahre weiter betreiben. Oder betreuen, wenn man so will.

EU sei Dank sind die früher sehr misstrauischen Grenzkontrollen insoweit gemildert worden, als sich die Zöllner und Grenzpolizisten – wenn überhaupt – mit einem prüfenden Blick in den Pass begnügen. Möchten Sie länger als drei Monate in Griechenland verweilen, benötigen Sie eine Aufenthaltsgenehmigung. Wenn Sie dort nicht leben wollen, bleibt zu überlegen, ob ein solches Papier tatsächlich – sagen wir: unabdingbar ist. Ausgestellt werden kann es an jeder Polizeidienststelle (astinomía). Erklären Sie den Beamten, dass Sie vorhaben, beispielsweise acht Monate in Griechenland zu verbringen. »Schön«, wird man sagen, Ihnen auf die Schulter klopfen und Sie zu Ihrer Entscheidung beglückwünschen. Obwohl es prinzipiell kaum einen Grund gibt, Ihnen als EU-Bürger eine solche auf jeweils fünf Jahre befristete Aufenthaltsgenehmigung zu verweigern, ist es eher unwahrscheinlich, dass sich der Amtsschimmel dann auch tatsächlich in Bewegung setzt. Dokumente müssten kopiert, Formulare ausgefüllt werden, und sehr rasch stellt sich die Frage, die so mancher Dorfpolizist schon lange vor Ihnen beantwortet hat: Ist das wirklich nötig? »Ja«, mag der Deutsche spontan antworten, der erst vor ein paar Stunden griechischen Boden betreten hat. Nach ein paar Tagen dürfte auch er die Angelegenheit deutlich entspannter sehen.

Bei einem Thema sind sich jedoch Polizei und Grenzer einig: Drogenbesitz – dafür genügt bereits ein Krümelchen Haschisch – gilt trotz einer gewissen Tradition in Griechenland als schweres Delikt und wird ausnahmslos mit einer durchaus auch mehrjährigen »Aufenthaltsgenehmigung« für das Gefängnis vergütet. Doch selbst die erbittertsten Gegner einer in Deutschland immer wieder aufflackernden Diskussion über die eventuelle Freigabe sogenannter weicher Drogen würden dem Betroffenen bei einem Besuch in einer griechischen Haftanstalt angesichts der dort herrschenden Zustände mitfühlend auf die Schulter klopfen und die Unverhältnismäßigkeit der Mittel beklagen.

 

Athen. Aus dem Flughafen haben Sie dank internationaler Beschilderung schnell herausgefunden und es damit auch schon fast geschafft. Die Reise vom Flughafen ins Zentrum der griechischen Hauptstadt wird nun – wie es ein deutscher Pilot einmal scherzhaft formulierte – »auch nicht mehr viel länger dauern als der eben überstandene Flug von München nach Athen«. Eine gute Stunde noch, dann stehen Sie der Hälfte aller Griechen gegenüber. 17 000 Menschen, etwa viermal so viele wie in Berlin, leben hier pro Quadratkilometer. Wäre ich doch schon in Griechenland, denken Sie vielleicht.

Kalós írthate – Willkommen in Griechenland!

Athen, pochendes Herz Griechenlands – manchmal klingt Realität kitschig. 70 Prozent aller in Griechenland zugelassenen Personenwagen drängen sich auf den Straßen, ebenso hoch ist die Anzahl der Gewerbebetriebe, die sich das Wörtchen »Athen« auf ihre Visitenkarten haben drucken lassen. Über die Hälfte aller Ärzte hat sich hier niedergelassen, eine knappe Mehrheit der Industriebetriebe hat ihren Standort auf diesem Fleckchen Erde, das seit mittlerweile 7000 Jahren ununterbrochen besiedelt ist. Athen, das heißt 24 Stunden Rushhour, ungeklärte Abwässer, unklar selbst, wie so viele Menschen mit Trinkwasser versorgt werden sollen. Dank einer modernen Metro und der Wirtschaftskrise, die Hunderttausende Griechen dazu gezwungen hat, ihre Fahrzeuge stillzulegen, hat sich in den letzten Jahren immerhin die Luftqualität verbessert: Im Ranking der europäischen Großstädte mit der höchsten Feinstaubbelastung liegt Athen jetzt zwischen Mailand und Paris auf dem fünften Platz.

Esel gibt es hier keine. Sie werden auf eines der gelben Taxis zusteuern. Ignorieren Sie die Profiltiefe der Reifen, hoffen Sie darauf, dass der Fahrer ein paar Brocken Englisch versteht, nennen Sie ihm Ihr Ziel, und fragen Sie ihn nach dem ungefähren Preis, bevor Sie Ihre Koffer einladen. Kein Grieche würde sich als Betrüger fühlen, wenn er Ihnen das Doppelte oder auch Dreifache des tatsächlichen Fahrpreises abknöpfte, nur eben als ein bisschen schlauer als Sie. Das wäre wieder etwas, worauf er stolz sein könnte – mit Betrug jedenfalls hätte das nicht das Geringste zu tun. Wie solle er denn jetzt schon wissen, was die Fahrt koste, wird er fragen, um Ihnen seufzend irgendwann doch eine Zahl zu nennen. Verlangt er nicht mehr als, sagen wir, 30 Euro, können Sie beruhigt einsteigen, egal, ob er seinen Taxameter einschaltet oder nicht. Für diesen Betrag kommen Sie auf jeden Fall zum Zug- oder Busbahnhof oder einem mehr oder weniger in der Innenstadt gelegenen Hotel.

Entspannen Sie sich, lehnen Sie sich zurück, und vermeiden Sie möglichst einen Blick auf den Tacho. Falls Sie Ihre ängstliche Neugierde nicht zügeln können sollten und die Nadel irgendwo nahe der 100-Stundenkilometer-Marke pendeln sehen, dann werfen Sie wenigstens noch einen Blick auf den Kilometerstand. Haben Auto und Fahrer die letzten 600 000 Kilometer ganz offensichtlich glimpflich überstanden, dann wird auf den nächsten wenigen Kilometern in die Innenstadt vermutlich auch nichts passieren.

Die Metro, eine der modernsten Europas, ist, nun ja, sie ist eine Alternative für all jene, die diesem Wahrscheinlichkeitsmodell nicht trauen, fünf minderjährige Kinder und keine Lebensversicherung haben. Die Athener U-Bahn ist schnell, umweltfreundlich und ähnlich durchdacht konzipiert wie der Flughafen, den Sie eben verlassen haben. Sie wurde, vermutlich ahnen Sie es bereits, unter anderem von Ihren Landsleuten gebaut.

 

Athen ist nicht geplant: nicht für den Menschen, nicht für Autos und eigentlich auch nicht für U-Bahnen, deren Bau man eher als größte archäologische Ausgrabung der vergangenen Jahrzehnte bezeichnen sollte. Zwar haben sich auch nach König Otto sehr viele Köpfe Gedanken über Bebauungs- und Flächennutzungspläne gemacht, aber es gab um ein Vielfaches mehr Dickköpfe, die sich jahrzehntelang über solche Vorschläge und auch Bestimmungen hinwegsetzten. Athen ist gewachsen: uferlos und unbekümmert. Athen ist das, was herauskommt, sobald jeder macht, was er will. Was für den Amerikaner Mitte des 19. Jahrhunderts Sacramento war, ist für den Griechen seine Hauptstadt: der Ort, an dem man alles gewinnen kann. In Athen zu leben gilt als Aushängeschild, als Statussymbol. Wer es zu etwas bringen will, muss einfach nach Athen, wenn nicht gleich ins Ausland. Athen verkörpert the modern way of life ebenso, wie es den Traum von Geld und Glück symbolisiert, in Athen findet der Grieche das, was der Urlauber in Griechenland gar nicht sucht: unkontrollierten Fortschritt. Und lange Jahre war Athen auch die trotzige Antwort an all jene, die Griechenland immer wieder als »Schlusslicht Europas« bezeichnet haben.

 

Sie sind in Ihrem Hotel angekommen. Sie haben die Fahrt dorthin wider Erwarten unbeschadet überstanden. Beim Aussteigen schlägt der Fahrer noch rasch ein paar Euro Koffergeld auf den Fahrpreis, obwohl sich während der Fahrt weitere drei Personen in den Wagen gezwängt haben und zwei mittlerweile wieder ausgestiegen sind. Das ist so, und wenn man dieses System ökonomisch oder auch ökologisch nennt, verliert es sehr schnell den Ruch der Abzocke.

Sie können jetzt auf Ihr Zimmer gehen und duschen, sofern es Wasser gibt. Sie können hoffen, dass die Klimaanlage funktioniert. Abends können Sie essen gehen, zwischen einer Souvláki-Bude und McDonald’s wählen, zwischen Nouvelle Cuisine à la grècque oder internationalen Spezialitäten, sich anschließend ins Athener Nachtleben stürzen und Sirtáki tanzen, wie es uns Anthony Quinn in dem Film »Alexis Sorbas« so wunderbar selbstvergessen vorgeführt hat.

Nach dem sogenannten Continental Breakfast am nächsten Morgen werden Sie die Akropolis besuchen. Sie werden mit Ihrer Videokamera im Panoramaschwenk den Smog über der Betonwüste Athen einfangen und sich fragen, was der Autor für einen Unsinn über die angeblich bessere Luftqualität in dieser Stadt geschrieben hat. Nachmittags haken Sie dann Pláka, Flohmarkt und Nationalmuseum ab, um schließlich endlich, endlich nach Griechenland aufzubrechen. Sie können sich aber auch noch ein paar Tage auf das Abenteuer Athen einlassen, um zu sehen, wie man in einem Sacramento so lebt.

 

 

Keine Eulen in Athen

oder: Urlaub auf dem Lande

 

»Herr, Herr, da ist das Dorf!«

Griechischer Führer 1809 zu Lord Byron, als Athen in Sichtweite kam

Es kann tatsächlich schockierend sein. Sie kommen nach Athen, und Athen ist leer. Ich meine, all das, was Sie so nebenbei von dieser Stadt gehört haben – und keine Bestätigung! Warum nur haben so viele Menschen Sie vor diesem »Moloch« gewarnt?

Die Stadt ist tot, ein Großteil der Geschäfte hat geschlossen, die Straßen sind ausgestorben, die wenigen Tavernen, die geöffnet haben, ebenfalls. Wie einsam, wie menschenleer und langweilig muss erst das übrige Griechenland sein, wenn das das berühmt-berüchtigte Athener Chaos sein soll. Sie stehen verwirrt am verlassenen Omóniaplatz, einem der angeblichen Zentren dieser Weltstadt, und blicken irritiert in die Runde. Dann schlurft eine ältere Frau an Ihnen vorbei, bekreuzigt sich und murmelt ϰαλό πάσχα.

Es kann einem durchaus passieren, nach Griechenland zu kommen und nicht zu wissen, dass Ostern ist. Kaló páscha (gesprochen: pás-cha), frohe Ostern! Der Zeitpunkt des Festes wird im orthodoxen Griechenland nach dem julianischen und nicht nach dem gregorianischen Kalender berechnet, und so fallen das deutsche und das griechische Osterfest selten auf denselben Termin. Da Ostern in Griechenland gleichsam wie Weihnachten und Silvester in Deutschland zusammen ist, stehen die Griechen kopf: Athen präsentiert sich verlassen, während auf dem Land die Hölle los ist. Athen, so könnte man folgern, ist nicht der richtige Ort für eine Auferstehung – und damit recht haben. In der Hauptstadt gibt es für viele Traditionen keinen Platz mehr.

Zu jedem anderen Zeitpunkt, an dem Sie in Athen ankommen, wird die Stadt Ihre kühnsten Befürchtungen bestätigen, und es könnte durchaus sein, dass Sie der leise Verdacht beschleicht, mit den Ferien in Griechenland werde es nicht so einfach sein, wie Sie sich das womöglich vorgestellt haben. Das will ich Ihnen nicht ausreden. Seien Sie tapfer, verlieren Sie nicht den Mut. Schließlich haben Sie es immerhin schon geschafft, vom Flughafen ins Hotel zu gelangen.

Wenn Sie in Griechenland ausschließlich einen geruh- und erholsamen Urlaub verbringen möchten, packen Sie Ihre Koffer am besten gar nicht aus, sondern wechseln gleich in ein Hotel der L(uxus)-Klasse. Die Hotelkategorien sind nach Buchstaben geordnet, und das L steht für jene Häuser, wie Sie sie überall auf der Welt finden. Alles Landestypische wird schon an der Rezeption herausgefiltert, stattdessen strömt kühle Internationalität aus der (in dieser Preisklasse tatsächlich auch funktionierenden) Klimaanlage.

Ab A beginnt es so langsam griechisch zu werden, wobei Sie nur aufpassen müssen, dass Sie nicht einen besagter internationaler Kästen erwischen, denen, knapp an der L-Klasse vorbeigerutscht, allenfalls noch das trostlose Flair eines abgetragenen Smokings anhaftet. Ins Schwarze treffen Sie immer mit der Xénia-Kette, denn hier ist das Vorhaben, einen Smoking zu schneidern, doch sehr griechisch ausgefallen. Diese Hotels sind an vielen touristischen Anziehungspunkten Griechenlands vertreten. Die meisten tragen das Prädikat A-Klasse, haben die beste Lage vor Ort, wurden in den 1960er- und 1970er-Jahren erbaut und erinnern an unsere etwa im gleichen Zeitraum entstandenen Volksschulgebäude: praktisch und durchdacht konstruiert (Beton aus einem Guss), helle, moderne Zimmer mit großen Fensterflächen (und orangefarbenen Vorhängen) und staatlich verwaltet (meint: »engagiertes« Personal). Zu den einprägsamen Beispielen zählt das Xénia-Hotel in Aráchova (bei Delphi), ein Kasten, der sich wie ein witternder Schweißhund am Hang des Parnássos-Gebirges vorstreckt. Sein Pendant in Náfplion, ein ausladender Komplex, der zum darunterliegenden Städtchen einst einen ebenso herrlichen Kontrapunkt setzte wie Athen zur Akropolis, steht seit einigen Jahren leer und entwickelt als lost place allmählich seinen eigenen Charme.

Weiter abwärts geht es auf der Kategorienleiter über die B-, C- und D- zur E-Klasse, von der gehobenen Mittelklasse bis zur Absteige also, von großzügigen Hotelanlagen mit Pool oder eigenem Strand, Tennisplatz, Hausdisco, Frühstücksbuffet und mitunter obligatorischer Halbpension bis hin zu jenen Etablissements, in denen man sein Geschäft auf der Etagentoilette lieber nicht verrichten mag.

Recht vielseitig ist mittlerweile das Angebot an Jugendherbergen. Knapp 500 führt beispielsweise das Portal hostel.com auf, allerdings sind lediglich neun beim internationalen Dachverband für Jugendherbergen gelistet. Der Rest ist in privater Hand. Bei manchen lässt sich das Niveau mit unserem aus dürftigen 26 Buchstaben bestehenden Alphabet nicht erfassen, doch es gibt zunehmend Herbergen, die sehr gemütlich sind und jugendliche Frische ausstrahlen.

Die Einteilung in die erwähnten sechs Komfortstufen nimmt nicht der liebe Gott vor, obwohl man manchmal den Eindruck bekommt, nur Er könne wissen, nach welchen Kriterien die Buchstaben vergeben werden. Der wahre Herr von A bis E ist die EOT (Abkürzungen werden im Griechischen nicht buchstabiert, sondern gebunden gesprochen), die Griechische Zentrale für Fremdenverkehr. Alle Hotels, Pensionen, Privatzimmer und auch Campingplätze werden einmal im Jahr von dieser staatlichen Organisation kontrolliert und nach besagten Kategorien eingestuft. Das braucht Sie prinzipiell nicht zu kümmern, denn die Kriterien durchschaut, wie Sie vielleicht ahnen, ohnehin niemand. Trotzdem hängt an jeder Zimmertüre ein DIN-A4-Blatt der EOT mit Stempel und Unterschrift, auf dem die zugeteilte Kategorie eingetragen ist. Das ist Pflicht, und wo das Papier fehlt, will Ihnen der Portier für das Zimmer möglicherweise mehr abknöpfen, als die »Polizei« erlaubt. Denn neben der Kategorie ist dort auf den Cent genau, und nach Vor-, Haupt- und Nachsaison geordnet, der Höchstpreis notiert, der für das Zimmer verlangt werden darf.

 

Athen ist prinzipiell nicht schwieriger zu entdecken als das übrige Griechenland auch, wenn man den pauschalen Touristen als Maßstab nimmt, der in Athen Akropolis, Nationalmuseum und Pláka abhakt, auf dem Land Delphi, Olympia und die Meteora-Klöster fotografiert und die restlichen Tage mit seinen Strandnachbarn darüber diskutiert, ob das Bier in Griechenland nach einem Grexit nicht womöglich günstiger wäre. Lassen Sie Ihre Vorurteile im Hotelzimmer, vergessen Sie das mickrige Frühstück, das Krümelchen löslichen Kaffees in der Tasse mit lauwarmem Wasser, und wagen Sie einen imaginären Köpfer in die Athener Suppe. Den Athener verbindet mit seiner Stadt eine Art Hassliebe, und wenn Sie Athen verlassen haben und Ihre Freunde, wieder daheim, mit dem Ausruf verblüffen: »Athen ist fantastisch – einfach grauenvoll!«, dann haben Sie es genau getroffen.

Es ist auf jeden Fall interessant, die Akropolis, das wohl vollendetste Bauwerk der Antike, zu besuchen, solange sie noch steht (und die Athener Kids dort in der Nebensaison beim Fußballspielen zu beobachten). Es gehört tatsächlich zum Pflichtprogramm eines Griechenlandbesuchers, wenigstens zwei oder drei Stunden durch das Akropolis- und auch das Nationalmuseum zu schlendern, der bedeutendsten Sammlung antiker Kunst (die noch bedeutender wäre, hätte Lord Elgin, zu Beginn des 19. Jahrhunderts britischer Gesandter am osmanischen Hof, im Rahmen seiner vom Sultan genehmigten Grabungen nicht so viele Artefakte »in Sicherheit«, sprich in die Heimat gebracht). Und es ist ohne Frage erheiternd, in der Pláka, den megatouristischsten Gassen Griechenlands, zu bummeln (und dabei schwitzende Touristen beim Einkaufsrausch zu beobachten). Griechen sieht man in solchen Teilen der Stadt wenige.

Wer als Europäer von Athen spricht, meint eigentlich Groß-Athen. Denn Athen selbst zählt nur knapp eine dreiviertel Million Einwohner. Die übrigen drei Millionen leben in den etwa 80 Kommunen, die eingemeindet und mittlerweile mit der Stadt verwachsen sind. Verschiedene Regierungen haben verzweifelt versucht, der Zentrierung der Griechen auf Athen Einhalt zu gebieten. In regelmäßigen Abständen wurden Ringe um die Stadt gezogen, innerhalb deren es keine neuen Baugenehmigungen mehr geben sollte. Und parallel dazu siedelten die Griechen fleißig weiter, in konzentrischen Kreisen nach außen versetzt. Es gab kein Halten, Athen wuchs. Mittlerweile ist praktisch ganz Attika Athen, selbst die nahe Insel Salamis kann man ohne Gewissensbisse hinzurechnen. Athen ist nicht nur die einzige wirklich große Stadt in Griechenland, Athen ist Weltstadt, Athen hat ein Flair, ist etwas Besonderes, wirkt einfach magisch auf den Griechen.

Dass Athen lange als die schmutzigste Metropole Europas galt, in der jeder vierte Einwohner an Erkrankungen der Atmungsorgane starb und damit direkt oder indirekt an den Folgen des Smogs (néfos), dass es kaum Spielplätze gibt für Kinder und viel zu wenige grüne Lungen zum Aufatmen, dass der madige Müll in zerfetzten Plastiktüten am Straßenrand stinkt – all das nahm der Athener in Kauf, um nicht so rückständig zu leben wie seine Landsleute auf dem Land.

Die Akropolis gibt langsam auf – der Athener hält durch. Das Symbol der Göttin Athene, die weise Eule, hat die Stadt verlassen. Die Akropolis will sich ihr anschließen. 2500 Jahre hat sie relativ problemlos durchgehalten, jetzt droht sie an einem relativ einfachen chemischen Vorgang zu scheitern, der aufgrund schädlicher Umwelteinflüsse klassischen Marmor in profanen Gips umwandelt.

Fragt man den Leiter der seit 1976 auf der Akropolis laufenden Restaurierungsarbeiten, wie er dagegen angehen wolle, verblüfft seine Antwort: Man forsche, erzählt er, mit aller Kraft und ersten Erfolgen an einer Substanz, die diesen Vorgang wieder umkehren könne. Auf die vorsichtige Nachfrage, ob es nicht unter Umständen sinnvoller sei, bei den Ursachen dieser Reaktionskette anzusetzen, antwortet er milde lächelnd mit der Gegenfrage, was denn die Legislaturperiode einer – falls es so etwas überhaupt geben sollte – umweltengagierten Regierung gegenüber der 2500-jährigen Vergangenheit der Akropolis ausrichten könne.

 

Das Internationale Olympische Komitee IOC war da optimistischer, als es Athen im Jahr 1998 den Zuschlag für die Ausrichtung der 28. Olympischen Sommerspiele 2004 gab – vielleicht ein bisschen zu optimistisch. Denn bereits zwei Jahre später sprach sein damaliger Präsident Samaranch von der schlimmsten organisatorischen Krise in seiner 20-jährigen Amtszeit und drohte den Griechen mit dem Entzug der Spiele. Die Luft war schlecht wie eh und je, viele infrastrukturelle Probleme waren nicht gelöst, die Errichtung der Sportstätten und des olympischen Dorfes gingen deutlich langsamer als geplant voran, bei einem Großteil der Projekte war noch nicht einmal der erste Spatenstich gesetzt. Kurz: Die ganze Welt war sich plötzlich unsicher, ob das kleine Griechenland die großen Spiele auch würde stemmen können. Wie nur sollte eine Stadt wie Athen, die bereits im Normalbetrieb regelmäßig heiß läuft, mit dem Ansturm Hunderttausender fertigwerden? Wie sollte Hellas – nach 9/11 – für die Sicherheit der Welt garantieren können? Wie sollten ausgerechnet Griechen, die eher nicht im Ruf stehen, mit strategischem Weitblick und organisatorischer Finesse ausgestattet zu sein, ein Mammutprojekt dieser Größenordnung vorbereiten und durchführen?

Dabei war es so gut losgegangen. Ganz Griechenland schwelgte in Euphorie, die Vergabe der Spiele an das viel zitierte »Schlusslicht Europas« war der lang ersehnte – nein: der längst verdiente Ritterschlag! Die Pläne waren entsprechend: Die sichersten Spiele sollten es werden, die saubersten selbstverständlich auch. Nach der geplanten Umstellung auf »sauberes« Benzin könne die Viermillionenmetropole sauerstofftechnisch demnächst problemlos mit den Nordfriesischen Inseln mithalten, tönte die Organisationschefin des Nationalen Olympischen Komitees, Janna Angelópoulos-Daskaláki. Neue olympische Disziplinen sollten eingeführt, eine Brücke zwischen dem antiken und dem modernen Olympia geschlagen werden, in 39 Sportstätten gekämpft und auf 120 Kilometer neuen Straßen gefahren werden – nur konkret tat sich die ersten Jahre erst einmal gar nichts.

Als es dann endlich losging, war die Zeit plötzlich knapp. Zudem stellte sich überraschend heraus, dass die Umsetzung großer Pläne in die Realität eine ungeahnte Herausforderung darstellte. Alleine der Bau der Metro entpuppte sich als herkulische Aufgabe. Geht es in vielen anderen Städten dieser Welt beim U-Bahn-Bau vorrangig darum, eine unterirdische Röhre von A nach B zu bohren, gleicht selbiges in Athen einer archäologischen Ausgrabung trojanischer Ausmaße. Natürlich ließ sich nicht alles auf die Vergangenheit schieben, freilich hatten Koordinationsdefizite und vor allem Unbekümmertheit einen mindestens ebenso großen Anteil am wachsenden Zeitdruck. Sechs Wochen bevor Nikoláos Kaklamanákis, Olympiasieger von 1996 im Segeln, die olympische Flamme entzünden sollte, waren 15 von 39 Sportstätten noch unvollendet, obwohl der Gesamtetat der Spiele schon um 35 Prozent überzogen war. »Wir müssen«, stellte Janna Angelópoulos-Daskaláki irgendwann fest, »das griechische Paradoxon überwinden: Der Einzelne ist imstande, Außergewöhnliches zu leisten, aber bei gemeinsamen Aufgaben tun wir uns schwer.« Vielleicht hatten die Griechen den ersten Spatenstich auch deshalb so lange hinausgezögert, weil sie selbst ahnten, dass mit jeder Schippe Scherben aus der Vergangenheit ein Scherbenhaufen im Jahr 2004 wahrscheinlicher würde. Sollten die Eulen recht behalten? Sollte es tatsächlich möglich sein, dass die Erfinder der antiken Olympischen Spiele in der Moderne scheiterten?

Nein. Knapp war es zwar, wie es noch knapper nicht hätte sein dürfen, aber sie schafften es dann doch. Es ging auch ohne ein – vermeintlich – entscheidendes Gleisstück zwischen Flughafen und Stadion; auch ohne ein Dach über der Schwimmhalle. Die meisten Bäume waren zu klein, um Schatten zu spenden – was können die Griechen dafür, dass sie so langsam wachsen? »Es ist ein Wunder, ein wirkliches Wunder«, wird Denis Oswald, seinerzeit Vorsitzender der beaufsichtigenden IOC-Koordinierungskommission, zitiert. Gemeinsam hatten die Griechen in letzter Sekunde vielleicht nicht Außergewöhnliches, aber doch Beeindruckendes geleistet.

Eine Milliarde Euro hatten sie alleine in die Sicherheit der Spiele investiert; dafür gesorgt, dass die olympische Flamme erstmals durch alle Kontinente und alle ehemaligen Gastgeberländer getragen wurde – 34 an der Zahl; 11 099 Sportler aus 202 Nationalen Olympischen Komitees wetteiferten in Athen um Medaillen – so viele waren es noch nie zuvor. Und mit den Kugelstoßern konnten zum ersten Mal seit 1610 Jahren wieder Athleten in ihrer eigentlichen »Heimat« um den Sieg kämpfen. Die griechische Siegesgöttin Nike hielt es nicht auf ihrem Platz, als sie realisierte, dass auf dem heiligen Boden nun auch Frauen gegeneinander antreten durften. Seitdem schwebt sie, statt huldvoll zu sitzen, auf der Medaille der Sieger.

Alles ist gut gegangen. Bei Vollmond über dem Olympiastadion beendete der neue IOC-Präsident Jacques Rogge die Spiele – übrigens ohne den obligatorischen Satz seines Vorgängers Samaranch, dass es sich um die besten Spiele aller Zeiten gehandelt habe. Die Griechen waren trotzdem glücklich, erleichtert bestimmt auch. Die schon zitierte Janna Angelópoulos-Daskaláki freute sich, dass Griechenland der ganzen Welt sowohl seine lange Geschichte als auch sein modernes Gesicht gezeigt habe. Der Jubel, der Beifall, die Aufmerksamkeit von Milliarden Menschen waren Balsam für die so oft gekränkte griechische Seele. Nur ein Spielverderber konnte behaupten, dass Griechenland bereits damals faktisch bankrott war.

Die Stadt jedenfalls hat von dem Spektakel profitiert. Es gibt breite, wunderschöne Fußgängerzonen im Zentrum, die Luft ist tatsächlich sauberer – europäisch ist die Stadt aber noch lange nicht geworden. Trotz Metro ist die Verkehrslage angespannt, nach wie vor pflegen die Griechen einen sehr »individuellen« Fahrstil, noch immer gilt als Parkplatz, was nicht durch eiserne Pflöcke oder Poller blockiert ist. Ein guter Bekannter und regelmäßiger Griechenlandbesucher versuchte, den Schreibdrang der Verkehrspolizisten mithilfe seines Blutspendeausweises einzudämmen, den er auf dem Armaturenbrett deponierte, in der Zuversicht, das Papier werde dank des roten Kreuzes und seiner vielen Stempel die ohnehin überforderten Ordnungshüter beeindrucken – was es auch mehrfach tat. Angesichts des Umstands, dass man nicht mehr unter 40 Euro plus, in ungünstigen Fällen, Reifenkralle wegkommt, hatte er Mut. Diese kleine Anekdote am Rande beweist im Übrigen, dass regelmäßige Aufenthalte in Griechenland einen korrekten deutschen Charakter durchaus subversiv unterwandern können.

Wenn Ihr Hotel im Zentrum Athens liegt, wohnen Sie aller Wahrscheinlichkeit nach irgendwo zwischen der Akropolis, dem Sýntagma- und dem Omóniaplatz. Zur Orientierung soll und muss Ihnen genügen, dass diese drei Punkte ein mehr oder weniger gleichschenkliges Dreieck bilden, mit der Verbindung zwischen Akropolis und Omónia als Hypotenuse (Pythagoras hätte an diesem Stadtbild seine Freude gehabt). Viel mehr verstehen selbst Taxifahrer nicht von Mathematik. Hotels, die Wert darauf legen, von ihren Gästen wiedergefunden zu werden, lassen einen Ausschnitt des Athener Stadtplans auf die Rückseite ihrer Visitenkarten drucken. Das erhöht auch die Chance, den Taxifahrer zu überzeugen, dass Ihre Unterkunft tatsächlich in Athen und nicht in irgendwelchen spanischen Dörfern liegt. Vorausgesetzt, Sie bekommen überhaupt ein Taxi.

Am Flughafen ist das kein Problem. Auch ein gutes Hotel wird Ihnen behilflich sein. Um aber einen mit 80 Sachen um den Omóniaplatz nagelnden gelben Blitz zum Anhalten zu motivieren, bedarf es erheblichen körperlichen und geschickten sprachlichen Einsatzes. Körperlich, weil ein schüchtern vorgereckter Daumen alleine nicht genügt (diesen Ratschlag sollten auch Tramper beherzigen). Und sprachlich, weil Sie dem Fahrer blitzschnell durch sein geöffnetes Fenster Ihr Ziel zurufen müssen (Taxis bleiben nie stehen, sie bremsen günstigstenfalls ab), genauer gesagt: Ihr ungefähres Ziel. Hüten Sie sich davor, eine Seitengasse zu nennen, die Sie a) falsch aussprechen und die der Fahrer b) ohnehin nicht kennt. Er wird gnadenlos wieder aufs Gaspedal treten.

Taxifahrer sind genauso eigen wie alle Griechen, nur schneller. Erstens hat es aufgrund der großen Nachfrage kein Chauffeur nötig, Sie mitzunehmen (und wenn doch, würde er es nie zugeben). Zweitens will er keine komplizierten Fahrgäste, solche, die er nicht versteht, die viel Gepäck oder Sonderwünsche haben oder nicht wissen, dass sie sich den Stand des Taxameters merken müssen, wenn sie in ein schon besetztes Taxi steigen. Und drittens muss Ihr Ziel annähernd auf seiner Route liegen. Rufen Sie dem Fahrer einen bekannten Ort zu, der nahe an Ihrem Ziel liegt (Akropolis, Sýntagma, Monastiráki), oder beschränken Sie sich gleich auf den Namen des Stadtviertels, sollte Ihr Hotel etwas außerhalb liegen. Aber achten Sie auf die korrekte Betonung: Kólonaki versteht niemand. Kolonáki!

Da Sie also nur schwer ein Taxi erhaschen, mit Ihrem eigenen Wagen unweigerlich im Stau stecken bleiben bzw. an der Parkplatzsuche scheitern und das durchaus weitverzweigte Bussystem niemals durchblicken werden, bleibt Ihnen nichts anderes übrig, als sich auf Schusters Rappen durch Athen zu schlagen.

In Athen fasziniert das Durcheinander, das direkte Nebeneinander von Akropolis und Andenkenshops, kafeníon und Kino, Bars und Botschaften, Stadion und Smog, von Orient und Okzident, das man ohnehin nur zu Fuß erleben kann. Abgedroschene Phrasen wie »buntes Treiben« oder »quirlige Lebendigkeit« gewinnen ihre ansonsten seltene Berechtigung bei der Beschreibung dieser Stadt. Direkt am Sýntagmaplatz, in den Schalterhallen der National Bank of Greece, befindet sich ein Stand der griechischen Fremdenverkehrszentrale EOT. Dort werden kostenlos Stadtpläne, Museumslisten mit Öffnungszeiten, Unterkunftsmöglichkeiten und Ähnliches verteilt.

Das Leben spielt sich auf der Straße ab. Wenn Sie sich irgendwo nach dem Weg erkundigen, fragen Sie noch einmal nach: aristerá i dexiá, links oder rechts. Es ist beinahe symptomatisch für viele Griechen, dass sie die beiden Seiten miteinander verwechseln, insbesondere wenn sie noch Fremdwörter wie left or right deuten müssen.

Athen mag jenem Zeitgenossen ein Gräuel sein, den dieses Nebeneinander von Moderne und Tradition, von elitären Wohn- und orientalisch anmutenden Handwerkervierteln nicht beeindruckt, der sich von den Menschenmassen nicht treiben lassen kann, der seine Ellenbogen nicht einzusetzen wagt, sollte er doch einmal das Busfahren ausprobieren. Gefährlich ist die Großstadt Athen nicht, wenn man ihre Kriminalitätsrate anderen europäischen Metropolen gegenüberstellt und gleichzeitig als Fußgänger nicht vergisst, dass die motorisierten Artgenossen sich das Recht des Stärkeren herausnehmen.

Dem Griechen bietet die Stadt ϰόσµοσ in Vollendung. Kósmos, also Leben, Abwechslung, den Esprit des Augenblicks. In Athen gibt es kafenía in allen erdenklichen Versionen: das kleine, schäbige, mit den verrosteten Blechtischen neben der öligen Autowerkstatt in der Seitenstraße, wie das großzügig-städtische, nach unseren Vorstellungen auch nicht gerade gemütliche, aber mit einem Schuss Weltläufigkeit an den großen Plätzen. In Ersterem sitzen die »Nachbarn«: der Schneider, der sein Geschäft im Auge behalten kann und aufspringt, sobald Kundschaft naht, der Rentner, der Metzger mit blutbespritzter Schürze auf eine Zigarette, der umherziehende Losverkäufer, der eine Pause macht; hier verliert die Großstadt ein bisschen ihre Fremdheit. Das Weltläufige ist anonymer und dadurch weniger signifikant; neben der Stammbesetzung drängt sich die Laufkundschaft. Wie auf dem Land sind die Stühle zur Straße ausgerichtet, verirrt sich selten eine Frau in diese Männerwelt, wie in der Provinz pflegen die Griechen hier ihr wichtigstes Hobby: die Unterhaltung.

Darüber hinaus, und das ist der Unterschied zur Provinz, haben sich Lokalitäten etabliert, wie wir sie kennen: Eisdielen, Nachtklubs, Bars, Diskotheken (mit so schönen Namen wie »Mercedes-Disco«), Spielhallen, Kinos, Fitnesscenter, Sexshops oder internationale Restaurants.

Athen bietet den räumlichen Abstand zur Oma, die auf dem Land weiterhin Hüte flicht und nun nicht mehr den gesellschaftlichen Umgang ihrer Kinder und Enkelkinder kontrollieren kann. Der Einfluss der Alten schwindet, und mit ihm viele traditionelle Ideale. Der Satz »Papa, das ist heute so!« findet häufig Berechtigung, denn der Vater weiß, dass heute tatsächlich vieles anders ist, und der Großvater kann nicht mehr darauf beharren, dass es noch nie so gewesen sei. Athen ist das Griechenland, das sich im Umbruch befindet, das neue Wege geht und auch gehen kann; Wege, die allerdings noch auf keiner Straßenkarte skizziert sind. Vor allem der Jugend bietet die Großstadt ein unvergleichliches Maß an persönlicher Freiheit. Und sei es nur die, mit der Freundin Hand in Hand spazieren zu gehen.

Das Kunterbunt hat Methode. In den Zwanzigerjahren des 20. Jahrhunderts mussten, als Folge der sogenannten kleinasiatischen Katastrophe, rund 1,3 Millionen griechischstämmige Türken ihre Heimat verlassen und ein neues Leben in Griechenland beginnen; Hunderttausende versuchten es in Athen. Die zweite Welle überschwemmte die Hauptstadt nach dem Zweiten Weltkrieg, da ein Auskommen auf dem Land immer schwieriger wurde. Die Regierung stand vor einem doppelten Dilemma. Der Ansturm ließ sich nicht bremsen, weil man es versäumt hatte, die nötige Infrastruktur auf dem Land rechtzeitig auszubauen. Die Bildungsmöglichkeiten waren schlecht, die medizinische Versorgung katastrophal. Ganze Inseln waren noch nicht einmal elektrifiziert. Gleichzeitig war Athen nicht darauf vorbereitet, so viele Zuwanderer aufzunehmen. Und daher blieb nichts anderes übrig, als die Menschen machen zu lassen – das, was sie wollten. Aus kleinen Siedlungen mit engen Straßen wurden ganze Stadtviertel, deren Fahrbahnen sich nun nicht mehr verbreitern ließen, aus den Vierteln schließlich eine Betonwüste. Kein Platz für Straßenbahnen, kein Geld für U-Bahnen, man konnte froh sein, wenn sich die Versorgung mit Wasser und Strom im Nachhinein so einigermaßen regeln ließ. Und da die Griechen als Erfinder des Dramas jenem nach wie vor huldigen, setzen sie gerade einen weiteren dramatischen Wendepunkt in diesem Stück: Zu Hunderttausenden entdecken sie die verschmähte Provinz als Erholungsgebiet für die Wochenenden. Das mittlerweile verfallene Elternhaus wird renoviert, oder man errichtet – weil das oft einfacher ist – gleich ein neues an einem der vielen hübschen Plätzchen, die es überall im Lande gibt: in den Olivenhain, an den Strand oder in das Steineichenwäldchen – wieder planlos und als Meister des Provisoriums freilich auch erst einmal ohne Baugenehmigung, Wasser, Strom und dergleichen lästiges Beiwerk. Wie jung dieser Run auf etwas weniger kósmos ist, zeigt das etwas andere Restaurant. McDonald’s hat sich einst mit sicherem Gespür für die beste – griechische – Lage den Sýntagmaplatz, den Platz der Verfassung, als einen Athener Stützpunkt ausgewählt, der sich vom Verkehrsaufkommen her am besten mit dem Inntaldreieck vergleichen ließe.

Überall Leben und Abwechslung. Imbissbuden, in denen tiropitákia, die mit Schafskäse gefüllten Blätterteigtaschen, verkauft werden, ein Stand mit Hunderten Elektroweckern, die alle gleichzeitig nach Kundschaft piepsen, der Mann, der schnelles Glück verspricht und seine Lose in einer Art Sprechgesang anpreist (»Superchancen« jeden Tag), marmorumkleidete Bankgebäude mit unwilligen Angestellten hinter der Panzerverglasung, halb fertige Bauruinen, hupende Mopeds, der Handwerker, der sich – weiß Gott, warum – darauf spezialisiert hat, diese unbequemen griechischen Stühle zu basteln, oder einer, der aus Blech Eimer und Ofenrohre, Ölkannen und Trichter formt.

Besuchen Sie die agorá, die Markthallen, direkt im Zentrum gelegen. Das ist Athen! Um sieben Uhr früh, möglichst an einem Samstag, muss man dort sein. Die Händler beginnen schon drei Stunden früher, ihre Waren aufzubauen. Hier drängen sich die Athener, alle Athener. Vom zahnlosen Muttchen, das sich zwei Fischköpfe für seine Suppe kauft, bis zum dynamischen Jungmanager im roséfarbenen Hemd, das Sakko lässig über der Schulter. Gönnen Sie sich vielleicht vorher einen kleinen oúzo, einen klaren Anisschnaps (gesprochen: úso), wenn Sie ein nervöser Magen plagt und Sie nicht mehr so genau in Erinnerung haben, dass ein Schnitzel aus einem toten Schwein stammt, das kopfüber an einem Fleischerhaken baumelt – in der sterilen deutschen Metzgerei kann so etwas leicht in Vergessenheit geraten. Dicht an dicht hängen hier die geschlachteten Tiere, Schweine neben Lämmern, Kälbern, Zicklein, dazwischen Hunderte 25-Watt-Glühbirnen auf Augenhöhe, deren weiches Licht dem Fleisch seine vorteilhafte Farbe verleiht, lärmendes Volk, schreiende Händler. In der Fischhalle kann man das Stück Schwertfisch, die Seezunge, die Meeräsche noch anfassen und am Kopf riechen, ob die Ware auch wirklich frisch ist, in den Gemüse- und Obsthallen von den Weintrauben kosten. Kurz, alles in die Hand nehmen, bevor man es kauft.

Ein paar Häuserblocks weiter Stoffhändler, die im grauen Anzug vor der Türe auf Kundschaft warten, junge Polizistinnen mit dunkler Sonnenbrille, weißen Handschuhen und Trillerpfeife, Geflügelhändler; enge Gassen, großzügige Plätze, das Parlament, die Universität, das Nationalmuseum, das Observatorium, die alle noch aus Zeiten stammen, in denen Ottos Architekten das Stadtbild planten. Heute planen Ministerien, zum Leidwesen des Bürgermeisters von Athen, der aus eigener Befugnis nicht einmal eine Ampel aufstellen lassen darf. Der glücklose König Otto wurde aus Griechenland vertrieben und starb im Juni 1867 im fränkischen Bamberg (er wurde auf seinen ausdrücklichen Wunsch in griechischer Nationaltracht beigesetzt).

Leben allerorts auch nach Sonnenuntergang. Am schicken Kolonákiplatz trifft sich, wer sehen und gesehen werden will. Dicht an dicht stehen hier Hunderte Tische und noch mehr Stühle auf den Freiflächen der Restaurants, die nahtlos ineinander übergehen. Die etwas gehobenere Gesellschaft lässt sich hier das Abendessen schmecken, und wie überall erreichen die Kellner erst nach 22 Uhr ihre »Betriebstemperatur«. Nördlich der Universität, in Exarchía, trinken Studenten und Linke ihr Bier. Sie haben das Viertel bezeichnenderweise Anarchía getauft. Im fast schon verfallenen Handwerkerviertel Psirrí locken coole Bars ein junges Publikum in die engen Gassen, in denen tagsüber nur noch wenige Alte ihr Handwerk ausüben. Von Gázi hatte sich die Industrie bereits völlig verabschiedet, als um die Jahrtausendwende die alte Gasfabrik in ein Technópolis benanntes Kulturzentrum umgebaut wurde. Die alten Industriebauten wurden renoviert und beherbergen nun auf einer Fläche von circa 30 000 Quadratmetern ein Museum sowie jede Menge Bars und Restaurants. In Thissío sitzt man mit Blick auf die Akropolis – nicht nur hier, aber hier eben besonders schön. Die einst vierspurige, nach dem Apostel Paulus benannte Apóstolou-Pávlou-Straße ist heute Fußgängerzone und lädt besonders abends zum Flanieren ein. Je näher Sie sich der stimmungsvoll beleuchteten Akropolis nähern, desto ruhiger wird es. Dann fehlt nur noch der Vollmond!

Entspannend ist auf jeden Fall auch der Besuch eines Freiluftkinos. 750 soll es in den Fünfzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts gegeben haben, ein paar Dutzend haben den Kampf gegen den DVD-Player und Netflix bis heute nicht aufgegeben. In Baulücken, Hinterhöfen oder Gärten versteckt, werden nach Einbruch der Dunkelheit oft zwei Filme hintereinander gezeigt – im O-Ton mit griechischen Untertiteln. Auch der an antiken Klassikern Interessierte braucht auf die Open-Air-Atmosphäre nicht zu verzichten: Im nahe der Akropolis gelegenen Herodes-Attikos-Theater werden im Sommer unter anderem griechische Tragödien aufgeführt. Damit keine Missverständnisse aufkommen: Gemeint sind klassische Stücke von Autoren wie Aischylos, Sophokles oder Euripides, nicht etwa jene modernen griechischen Tragödien, die von zeitgenössischen Politikern inszeniert werden.

Wo kein Lärm ist, ist kein Leben. Wo kein Leben ist, ist keine Anonymität. Die auf dem Dorf so beklemmende soziale Kontrolle ist in einer solchen Stadt nicht mehr möglich. Viele Alte zogen nach Athen, um Geld zu verdienen, viele Junge, um die Freiheit zu genießen. Stadtluft macht nun mal frei – néfos hin oder her. Athen ist für den Griechen die Stadt der unbegrenzten Möglichkeiten, zumal es auf dem Land vergleichsweise wenige gibt.

Das übrige Griechenland, die andere Hälfte, ist zweifellos Provinz. Die andere Hälfte, schreibe ich ganz bewusst, denn die bessere Hälfte ist ja für so viele Griechen Athen. Lassen wir Groß-Thessaloniki mit seiner knappen Million Einwohner noch als Großstadt durchgehen, die 100 000er-Marke reißen ansonsten noch Pátras, Iraklio (Kreta), Vólos und Lárissa. Alles andere ist, aus städtischer Sicht, kaum der Rede wert.

Po-po-po würde ein stolzer Maniote ausrufen und damit seiner Verwunderung über dieses despektierliche Urteil Ausdruck verleihen; einer, der beispielsweise in Kalamáta (70 000 Einwohner) lebt, der südlichsten »Stadt« auf dem griechischen Festland, und seinem Töchterchen seit zwei Jahren den Unterricht auf der Musikschule bezahlt.

 

Martin Pristl

Über Martin Pristl

Biografie

Martin Pristl, 1968 geboren, ist Journalist und Reisebuchautor. 1991 hat er Griechenland zu seiner zweiten Heimat gemacht. Vor allem die Peloponnes besucht er seitdem mehrmals im Jahr. Er veröffentlichte mehrere Bücher über sein Lieblingsland und arbeitet als Drehbuchautor, u.a. für »Tatort«. Sein...

Pressestimmen

Reisebücherwanderführer.de

»Geschrieben ist das Buch in einer so flüssigen und unterhaltsamen Sprache, so voll gespickt mit Informationen, mit Leben, mit mediterranem Leben, dass es auch für Nicht-Griechenland-Reisende und solche, die es auch nicht werden wollen, eine überaus interessante Lektüre ist.«

Inhaltsangabe

Vorwort(e)

Willkommen in Sacramento

Keine Eulen in Athen

Augenblick mal

No problem

Menschenfresser, Weihrauch und Pulverdampf

Deutsch zahlen

Kóσµoς

Wilde Wassertrinker

Kurz vor dem Sitzen

Wenn der Pate pfuscht

Das Thema

Der Fluch der späten Geburt

Nein heißt ja und übermorgen nie

Ein Bild für Götter

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