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Gebrauchsanweisung für die USA

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Gebrauchsanweisung für die USA — Inhalt

Der Autor weiß, warum der amerikanische Traum vier Räder hat und was die Menschen zwischen Orlando und Seattle mit ihrer umwerfenden Freundlichkeit meinen. Wie die Amerikaner ihr grünes Bewusstsein entdeckten und weshalb man in dem Land, in dem Fast Food erfunden wurde, vor Biosupermärkten Schlange steht. Wieso die Sicherheitsbehörden Ihren Zeigefinger besser kennen als Sie selbst. Warum Fernsehen und Küche viel mehr zu bieten haben als gedacht. Wie man drei Tage, drei Monate oder auch 30 Jahre in den USA überlebt – vom Einreiseformular über Restaurantquittungen bis zur Social Security Number, von Flirtversuchen am Strand von Santa Monica bis zur Wohnungssuche in Manhattan.

€ 15,00 [D], € 15,50 [A]
Erschienen am 02.11.2018
240 Seiten, Flexcover mit Klappen
EAN 978-3-492-27730-3
€ 12,99 [D], € 12,99 [A]
Erschienen am 05.10.2011
224 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-95359-7
€ 12,99 [D], € 12,99 [A]
Erschienen am 02.11.2018
240 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-99273-2

Leseprobe zu »Gebrauchsanweisung für die USA«

Young Americans

Wie ich ein Amerikaner wurde. Oder: Warum Sie sofort einen Flug buchen sollten. Und was Sie vor der Abreise wissen müssen.

Es ist kühl an diesem Aprilmorgen in Washington. Ich ziehe meine Laufschuhe an und renne in Richtung des Potomac River. Weil ich den Weg vom Hotel in der Nähe des Dupont Square zum Fluss nicht richtig eingeschätzt habe, jogge ich über Autobahnzubringer, unter Brücken mit Obdachlosensiedlungen, quer über ungepflegte Grünflächen, auf denen ich vage mit Ratten, Waschbären oder Klapperschlangen rechne. Dieses Klischee [...]

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Young Americans

Wie ich ein Amerikaner wurde. Oder: Warum Sie sofort einen Flug buchen sollten. Und was Sie vor der Abreise wissen müssen.

Es ist kühl an diesem Aprilmorgen in Washington. Ich ziehe meine Laufschuhe an und renne in Richtung des Potomac River. Weil ich den Weg vom Hotel in der Nähe des Dupont Square zum Fluss nicht richtig eingeschätzt habe, jogge ich über Autobahnzubringer, unter Brücken mit Obdachlosensiedlungen, quer über ungepflegte Grünflächen, auf denen ich vage mit Ratten, Waschbären oder Klapperschlangen rechne. Dieses Klischee stimmt schon mal: Amerika macht es Menschen, die zu Fuß unterwegs sind, oft nicht leicht.

Endlich finde ich die großzügige Uferpromenade, an der sich in Fernsehserien und Politthrillern die Protagonisten treffen (oft in Sportklamotten), um Dokumente auszutauschen, Intrigen zu verabreden, die Welt zu retten. Oder die eigene Karriere. Ich bin heute Morgen bei Weitem nicht der einzige Läufer. An mir vorbei und mir entgegen eilen andere vom eigenen Körper oder der Aussicht auf ein längeres Leben Besessene. Wie üblich sind sie besser ausgerüstet mit Tracking Devices am Arm, Musik im Ohr und in den atmungsaktivsten Klamotten, die es auf dem Markt gibt.

Schließlich gelange ich ans Lincoln Memorial, einen der zahlreichen Monumentalbauten in dieser Stadt, die insgesamt wie eine gewaltige Kulisse konzipiert ist. Vor dem Haupteingang steht ein Schülerchor und singt: »Ol’ McDonald had a farm«. Es ist einer der vielen Momente auf meiner Reise, die mich daran erinnern, warum ich dieses Land liebe. Im Herzen der Macht, vor dem Prachtbau, der an den beliebtesten Präsidenten der amerikanischen Geschichte erinnert, wird der »Tag des Liedes« mit dem vielleicht dämlichsten Lied des Landes gefeiert. Noch unter der Dusche muss ich darüber lachen.

Die Reise, die ich im Frühjahr 2018 unternehme, ist ein fünfwöchiger Trip quer durch die USA, damit ich das Buch, das Sie gerade zu lesen begonnen haben, überarbeiten kann. Ich habe es ursprünglich vor über zehn Jahren geschrieben, einen Großteil davon während des Vorwahlkampfes zwischen Hillary Clinton und Barack Obama. Und ganz offensichtlich hat sich seitdem viel verändert. In diesem Land, aber auch daran, wie wir es sehen.

Der erste schwarze Präsident erhielt noch vor seinem Amtsantritt den Friedensnobelpreis und ließ dann später Osama bin Laden von einer Special Unit in Pakistan aufstöbern und hinrichten, während er den Einsatz live auf dem Monitor verfolgte. Während seiner Amtszeit ließ er 473 Drohnen abwerfen. Gleichzeitig radikalisierte sich der politische Diskurs, die ultrakonservative Tea Party erstarkte, und schließlich wurde Donald Trump Obamas Nachfolger. In den deutschen Medien scheint damit der Untergang Amerikas besiegelt.

Wie ich jetzt in die USA fahren könne, wurde ich vor meiner Abreise oft gefragt. »Warum denn nicht?«, lautete meine Antwort. Jahrelang hatte ich beim Landeanflug auf New York »Young Americans« von David Bowie gehört, ein eigentlich sardonischer Kommentar auf das Land, aber eben auch ein makellos schöner Song. Heimlich verdrückte ich dabei oft ein paar Rückkehrtränen. Das ging mir diesmal nicht so. Aber man kann nur kritisieren, was man kennt. Und die Faszination und Schönheit eines Landes und seiner Bewohner ändern sich nicht durch einen Präsidenten, den man nicht mag.

Ich schreibe diese Einleitung unter einer Gruppe von sequoia trees, jenen gewaltigen Nadelbäumen, für die Kalifornien berühmt ist. Sie stehen vor der Big Trees Lodge im südlichen Teil des Yosemite National Park.

Dieses Hotel besteht aus mehreren weißen Holzhäusern, die teilweise über 150 Jahre alt sind. Viele Zimmer haben kein eigenes Badezimmer, die Wände sind hellhörig, der Hauspianist ist seit 30 Jahren im Amt und nur mäßig begabt, die Frösche im Springbrunnen quaken unermüdlich und sehr laut. Aber durch die Anlage laufen »all walks of life«, wie man hier sagt. Anders als der bei uns mittlerweile eher verschriene Begriff »Multikulti« hat dieses Prinzip in den USA noch immer Gültigkeit und beschreibt einen Teil des Wesens dieser Nation: Sie besteht aus Einwanderern und lebt von einer schier unendlichen Fähigkeit, das andere und Neue zu absorbieren.

Vor und in diesen weißen Holzhäusern mit den großzügigen Veranden also trifft man: eine Muslima mit schwarzem Hijab, ältere Amerikaner mit wirren Haaren, Paare mit beneidenswert straffen Waden, eine junge Frau mit langen, hellblauen Haaren, dem dicksten Hintern, den ich jemals gesehen habe, und einem Heavy-Metal-T-Shirt. Und jetzt gerade, am späten Vormittag, eine Gruppe von Kindern in nostalgischen Siedlerkostümen: die Jungs in schwarzen Anzügen, breitkrempigen Hüten und mit Blechtassen um den Hals, die Mädchen mit langen Röcken und weißen Schürzen. Ein paar sind auch als Indianer verkleidet, was vielerorts sehr kritisch beäugt werden würde und hier einfach süß und egal ist.

Die amerikanische und die kalifornische Flagge hängen in der Windstille schlaff vom Mast, die Nadeln der Bäume duften, und das Licht ist von einer fast beißenden Helligkeit. Schließlich ist hier die Wüstensonne des südlichen Kaliforniens am Werk. »Grüße aus dem Paradies« schließe ich die wenigen E-Mails, die ich von hier verschicke. Keiner meiner Adressaten hat widersprochen.

Wie wohl viele Nachkriegsdeutsche bin ich mit einer ordentlichen Portion Antiamerikanismus aufgewachsen. Was für die Generation meiner Eltern der Vietnamkrieg und die Watergate-Affäre, waren für meine die Wahl Ronald Reagans zum Präsidenten und der NATO-Doppelbeschluss. Die USA schienen ein diffus bedrohliches Imperium zu sein, das den »Konsumwahn«, das »kommerzielle Hollywoodkino« und »Fast Food« hervorgebracht hatte, und darüber hinaus das »Wettrüsten« betrieb, also mindestens den Atomkrieg, wenn nicht den Weltuntergang herbeiführen würde. Außerdem galten Amerikaner als ungebildet, denn Ronald Reagan war ja auch »nur« ein ehemaliger Schauspieler, und angeblich noch nicht mal ein besonders guter. Natürlich hatte niemand, den ich kannte, je einen Film mit Ronald Reagan gesehen, aber das machte nichts. Die Amerikaner hatten Adolf Hitler besiegt, aber man misstraute ihnen trotzdem. Oder vielleicht, was ein Fall für eine kollektive Therapie wäre, genau deshalb.

Schon damals deckten sich die Vorurteile, die ich mit vielen anderen teilte, nicht mit den Erfahrungen, die meine Familie in der Vergangenheit gemacht hatte. Mitte der 60er-Jahre – mein älterer Bruder war schon auf der Welt, ich noch nicht – zogen meine Eltern für ein Jahr in die USA. Ihren VW Käfer ließen sie aus Deutschland einschiffen, lebten erst in Columbus/Ohio, durchquerten dann das ganze Land und landeten schließlich in Berkeley, wo mein Vater an der UCB studierte. Ihr amerikanisches Jahr wurde zu einer Art Familienlegende. Es gab ein paar Fotos, die früh vergilbt und deswegen umso geheimnisvoller waren. Meine Mutter erzählt heute noch stolz von der schon damals offenbar werdenden lebenspraktischen Begabung meines Bruders. In jedem Motel und jedem Restaurant schienen die Toilettenspülungen anders zu funktionieren. Der zweijährige Manuel jedoch war blitzschnell darin, mit ein paar Handgriffen rauszukriegen, wo er welchen Hebel in welche Richtung drehen oder drücken musste.

Noch Jahrzehnte später tischte mein Vater uns am Sonntagmorgen Spiegelei mit Speck und eine halbierte Grapefruit auf, die er mit einer Akribie filetierte, wie er sie in den amerikanischen Diners kennengelernt hatte. Und was meine Eltern auf ihrer Reise gesehen hatten, wurde immer wieder mit glänzenden Augen erzählt. Der Grand Canyon, die Muir Woods, das Death Valley, das waren für mich mythische Orte, wie der Silbersee oder der Llano Estacado in den Romanen von Karl May. Und es waren Orte, an denen meine Familie Abenteuer erlebt hatte und glücklich gewesen war.

Ohne zu viel vorwegnehmen zu wollen: So ähnlich habe auch ich dieses Land erlebt. Ich habe fünf Jahre hier gelebt, bin immer wieder hierhergereist. Beruflich oder auch einfach nur zum Spaß. Und ich habe mich nie, wirklich nie, gelangweilt.

Eine liebesblinde Hymne auf die USA wird dieses Buch trotzdem nicht. Dieses Land ist voller Widersprüche. Es ist kindisch und brutal, provinziell und weltoffen, obszön reich und schockierend arm, egoistisch und gottesfürchtig, rücksichtslos und überwältigend freundlich. Ich kenne durchaus intelligente Menschen, die sich weigern, nach Amerika zu fahren, und ich kann verstehen warum. Aus der Distanz lebt es sich leichter mit den eigenen Vorurteilen, diesseits des Atlantiks kann man sich dem brachialen und zauberhaften Charme der USA leichter entziehen.

Als ich das erste Mal nach Berkeley kam, dachte ich daher an meine Eltern. Sie hatten beide den Krieg noch erlebt und waren in einem Deutschland aufgewachsen, das ihnen eng und beschränkt vorkam. Hier dagegen sahen sie – anders als die Daheimgebliebenen – nicht nur ein Land, das einen sinnlosen Krieg am anderen Ende der Welt führte, sondern auch die Bürgerrechtsbewegung, die sich dagegen wehrte. Hier kamen sie mit ihrem kleinen Sohn in ein Restaurant und wurden nicht strafend angesehen, sondern bevorzugt behandelt. Hier erlebten sie eine Kultur, in der ihnen das Atmen leichter fiel.

Ich spazierte in Berkeley also über den Campus der University of California und blickte in die Februarsonne, die vom Pazifik aus die Hügel hinauf schien und sich vermutlich nicht wesentlich verändert hat, seit mein Bruder hier vom Campanile hinunterwackelte.

Soweit ich das von dort überschauen konnte, sind die USA noch immer eines der grandiosesten Länder der Welt. Wer sie sich ganz genau ansieht, der wird von der Schönheit der Natur und der Städte überwältigt sein und sich unweigerlich in die Menschen hier verlieben: in ihren blitzschnellen Humor, ihre praktische Intelligenz, ihre unendliche Neugier.

 

Zum Glück gibt es dort keine unüberwindbare Sprachbarriere. Zugegeben: Im Vergleich zu Holländern, Schweden oder Deutschen sind die Amerikaner nicht besonders fremdsprachengewandt. Die meisten sprechen nur Englisch – und eventuell Russisch, Spanisch oder Mandarin, aber damit ist einem ja nicht unbedingt weitergeholfen. Wenn Sie sich nicht nur in New Yorker Galeristenkreisen aufhalten wollen, wo jeder mindestens noch zwei weitere Sprachen beherrscht, sondern das ganze Land erobern möchten, müssen Sie sich in dem Idiom der Eingeborenen verständigen können. Aber Englisch ist bekanntlich kinderleicht. Glaubt man deutschen Sprachwächtern, ist unser Deutsch ohnehin schon bedenklich überfremdet und anglisiert. Und ein paar Brocken hat jeder durch Popmusik, Internet oder Schulunterricht aufgeschnappt.

Die Amerikaner mögen zwar keine anderen Sprachen beherrschen, aber sie machen es auch dem Anfänger leicht. Während ja die Franzosen den Besucher schon bei der falschen Betonung des Wortes Croissant am liebsten zur Guillotine (oder zumindest bis zur Landesgrenze) führen würden. Bringen Sie ruhig Ihren albernen britischen Akzent aus der Schule mit, hier hat jeder irgendwie einen Dialekt. Und wenn Sie zum Beispiel nach Texas fahren, sollten Sie sich darauf einstellen, dass Sie einen irre gemütlich klingenden und komplett unverständlichen Sprachbrei zu hören kriegen. Entweder Sie haben sich da vorher mithilfe von untertitelten Südstaatenfilmen reingehört, oder Sie müssen jetzt schnell von Begriff sein.

Aber keine Angst. Die Amerikaner haben die Erkenntnis im Blut, dass jeder Mensch ein Zugereister ist, denn sie sind ja selbst erst ein paar Hundert Jahre hier. Zumindest die überwiegende Mehrheit. Fast jeder Amerikaner kennt seine Herkunft und weiß, dass er zu einem Achtel Ire ist, seine Großmutter mütterlicherseits aus Kampanien stammte oder sich seine Vorfahren aus einem Dorf am Mittelrhein auf die Reise machten.

Als die Eltern meines Freundes Frank uns in New York besuchten, sprachen sie kein Wort Englisch. Eine Woche später hatte sich mein Schwiegervater mit dem Hausmeister aus dem Kosovo angefreundet, und die chinesische Verkäuferin bei Gracefully hielt jeden Morgen schon seinen Lieblingsbagel für ihn bereit. Auf die Frage, wie er das gemacht habe, grinste er nur. »Wenn wir nach Amerika kommen, werden wir Amerika«, schrieb Camille Paglia. Was sind da schon ein paar fehlende Vokabeln?

Außerdem sind die Amerikaner beinahe erschreckend höflich. Natürlich sind die Kellner hier auf das Trinkgeld angewiesen, natürlich ist nicht jedes Kompliment ein Heiratsantrag. Aber die alte Debatte, ob Freundlichkeit das Gegenteil von Ehrlichkeit ist, kann man hier vergessen, für ein paar Tage, für ein paar Wochen oder besser noch für den Rest des Lebens. Die paar entscheidenden Floskeln sind schnell gelernt, noch entscheidender aber ist die richtige Einstellung. Im Grunde gelten für ein gutes Auskommen mit Amerikanern die gleichen Regeln wie überall auf der Welt, trotzdem ist ein Besuch in den USA, richtig genutzt, wie ein Grundkurs im easy going: Gehen Sie auf Menschen zu. Stellen Sie Fragen. Freuen Sie sich über den Erfolg des anderen. Bezahlen Sie die nächste Runde. Loben Sie die Handtasche/die Uhr/das Auto. Und bevor Sie Ihre selbstverständlich vollkommen berechtigte Kritik an Außenpolitik, Schlaglöchern oder Ernährungsgewohnheiten äußern, überlegen Sie noch einmal kurz, ob es wirklich das Interessanteste ist, was Sie zu sagen haben.

Man wird die Amerikaner nie verstehen, und schon gar nicht ihre Politik, wenn man nicht ihr Grundbedürfnis nach dem akzeptiert, was sie »to have a good time« nennen. Die wahrscheinlich stärkste Waffe von Ronald Reagan oder auch George W. Bush war ihre Fähigkeit, eine Zufriedenheit zu vermitteln, die sich selbst nicht ganz ernst nimmt. Ein selbstironischer Spruch wiegt hier im Zweifel schwerer als ein mittelschwerer außenpolitischer Skandal. Nicht umsonst haben die Amerikaner die plattesten wie die raffiniertesten Comedys der Welt.

Ebenso hilfreich ist Humor jedoch auch für das eigene Seelenleben, wenn man sich diesem Land nähert. Was soll man auch von einer Nation halten, die ihre Übergewichtigen mit Hamburgern als Schulspeisung quasi heranzüchtet und gleichzeitig das fanatischste Körperbewusstsein außerhalb von Brasilien hervorgebracht hat? Die ohne jede Hemmungen genmanipulierte Pflanzen und Rinder züchtet und in der gleichzeitig umweltschonende Hybridautos das allerneueste und allerunverzichtbarste Statussymbol sind? In der eine Million Embryos eingefroren darauf warten, von Leihmüttern ausgetragen zu werden, und in der gleichzeitig an manchen Schulen Evolution und biblische Schöpfungsgeschichte gleichberechtigt gelehrt werden? In der die Meisterwerke europäischer Architektur in wüsten Themenhotels nachgeäfft werden und gleichzeitig die wichtigste Kunst, Literatur und Musik der letzten siebzig Jahre produziert wurde? In der der Konkurrenzkampf am Arbeitsmarkt härter tobt als irgendwo sonst im westlichen Kapitalismus und gleichzeitig in Jobbewerbungen weder das Alter angegeben noch ein Foto beigelegt werden darf, damit niemand diskriminiert werden kann? In god’s own country ist XXL kein Superlativ, sondern das Standardformat, sind die Frauen lauter, die Männer schwerer, die Autos größer, die Fernsehsendungen schriller, die Zeitungen dicker, die Steaks blutiger, die Waffengesetze lockerer, die Wanderwege einsamer, die Reichen reicher und die Armen ärmer. Dieses Land kann man nur lachend lieben. Und mit Bewunderung für den Idealismus, die Naivität, die Zukunftsliebe seiner Bewohner.

Als Randolph William Hearst noch ein kleiner Junge war, so um 1870 herum, segelten seine Eltern in den Sommermonaten von San Francisco aus die Pazifikküste hinunter nach Süden und ankerten vor San Simeon, wo ihnen die Piedras Blancas Ranch gehörte (die heute berühmte Küstenstraße Highway 1 gab es noch nicht). Die Familie verbrachte ihre Sommerurlaube auf einem Hügel – mit grandioser Aussicht, aber in Zelten. Nachdem Hearst mit dem Erbe seines Vaters ein Medienimperium aufgebaut hatte, errichtete er sich hier ein Ensemble aus mehreren Häusern, gekrönt von einem Schloss, dessen Hauptfassade an eine spanische Kathedrale erinnern sollte. Alle Gebäude waren vollgestopft mit kostbarsten Antiquitäten und europäischer Kunst, der Swimmingpool war vergoldet, auf dem riesigen Anwesen tummelten sich exotische Tiere. Wenn man Glück hat, erspäht man heute noch ein paar Zebras, während sich der Besucherbus auf diesen Märchenberg schraubt. Wie Neuschwanstein hat sich hier ein Herrscher eine aus historischen Versatzstücken montierte Fantasiewelt errichtet. Aber während das Schloss von Ludwig II. von Bayern von neurotischer Weltflucht durchströmt ist, lud der amerikanische Hausherr die ganze Welt zu sich ein. Politiker, Schauspieler, Schauspielerinnen. Noch heute atmet das Hearst Castle den ganzen Größenwahnsinn und Optimismus Amerikas.

Ein schmales Buch wie dieses kann ein Land, das eigentlich ein Kontinent oder eine ganze Welt ist, natürlich nicht vollständig erfassen. Wozu auch? Egal, ob Sie in Pennsylvania Kanu fahren, wo die Flüsse noch immer indianische Namen tragen, ob Sie auf der Snowcat durch die verschneiten Berge Colorados heizen, ob Sie mit dem Airboat in den Everglades von Florida an Alligatorenfamilien vorbeirasen, ob Sie im Napa Valley dem kalifornischen Rotwein verfallen oder im New Yorker Galerienviertel Chelsea die Dekadenz des Kunstmarktes bestaunen, Sie werden merken, wie Amerika Sie erobert.

Und umgekehrt natürlich auch. Früher oder später werden Sie sich auf Ihrer Reise wie ein Entdecker fühlen. Getrieben von dem unerschütterlichen Glauben, dass das Beste noch vor Ihnen liegt.

Willkommen in der Neuen Welt.

Imagine Whirled Peace

Warum hier Eiscremefabrikanten John Lennon zitieren. Oder: Wie man Amerikanisch lernt.

Erst gestand sie in der Sendung »The Moment Of Truth« vor 8,5 Millionen Zuschauern, dass sie ihren Mann Frank betrogen hatte. Später erklärte sie, es habe sich nur um »mentale Untreue« gehandelt. Dann sagte sie dem Magazin »People«, dass ihre Showbeichten ihr dabei geholfen hätten herauszufinden, was sie wirklich wolle. Die einzige Frage, die Lauri Cleri offenließ: was denn jetzt mit dem »D-Wort« sei.

D-Wort stand in diesem Fall für Scheidung (divorce). Und es ist eines der unzähligen Beispiele für die liebenswerte Angewohnheit der Amerikaner, Dinge abzukürzen und abzumildern. Über Deutsche und Österreicher sagt man, was die beiden Völker trenne, sei die gemeinsame Sprache. Das gilt mindestens in gleichem Maße für die ehemalige Kolonialmacht England und ihre abtrünnigen Untertanen in Übersee. Wenn man Englisch und Amerikanisch überhaupt noch als eine Sprache zählen mag. Die Amerikaner haben ihre erste Amtssprache zwar von den Briten übernommen, aber schnell nach ihren Bedürfnissen und Instinkten umgeformt. Schon die Aussprache könnte nicht gegensätzlicher sein. Das britische Englisch klingt artikuliert und manieriert, als habe man beim Sprechen wirklich jeden Gesichtsmuskel unter Kontrolle und im linken unteren Wangenbereich einen kleinen Krampf. Das amerikanische Englisch klingt vulgär und lässig, als habe man den Mund nicht ganz leer und lasse die Zunge trotzdem schlapp hängen. Für hoch qualifizierte Wissenschaftler und Manager aus dem Ausland gibt es in den USA spezielle Akzentschulungen. Eine ganz entscheidende Rolle spielt dabei das Training der Kieferstellung: Man muss den Unterkiefer nach vorne schieben und gleichzeitig entspannen.

Natürlich sind die regionalen Unterschiede, was Vokabular und Melodie betrifft, auch im Amerikanischen erheblich. Wie sich etwa eine schwarze Frau aus Mississippi und ein Universitätsprofessor aus New Hampshire verständigen, ist mir ein Rätsel. Aber das mag auch an meinen noch relativ ungeübten Ohren liegen. Insgesamt hört man der Sprache an, dass sie niemals an irgendeinem Hofe gesprochen wurde. Das britische »I beg your pardon« wird hier schlankerhand durch ein gebelltes »What’s that?« ersetzt. Wer Volksnähe demonstrieren will, lässt beim Gerundium konsequent das »g« weg. »I’m doin’ fine« klingt sofort viel authentischer.

Die erste Eigentümlichkeit – Reihenfolge ist hier keine Rangfolge – im Amerikanischen ist die fast grenzenlose Liebe zu Abkürzungen. Die Welt in Kürzeln und Formeln zu beschreiben ist die Poesie des Maschinenzeitalters; ein Kontinent, der praktisch zeitgleich mit dem Buchdruck entdeckt wurde, muss also geradezu ein libidinöses Verhältnis zu Mechanik und Rationalisierung haben. Eine andere Ursache für den Hang, Begriffe mit Chiffren zu tarnen, liegt in der überraschend ausgeprägten Prüderie der Amerikaner. Popmusik, Kinofilme und Fernsehauftritte werden auf »explicit language« untersucht (außerdem auf »Nacktheit«, »Gewalt«, »Drogenmissbrauch«, »Flüche«). Anders als bei den fäkalorientierten Deutschen sind die meisten Kraftausdrücke sexueller Natur, dazu meist kurz und knackig und können deswegen unter dem Begriff »four letter words« subsumiert werden. Sie sind in der Alltagssprache je nach Milieu stark bis sehr stark verbreitet, fristen aber in der Öffentlichkeit ein trauriges Dasein. Seit Jahren werden sie im Fernsehen und Radio elektronisch weggepiept. Bei manchem Talkshowgast oder in Realityshows hört man mehr Störgeräusche als Stimmen. Der Auftritt von Madonna bei David Letterman 1994 ist in dieser Hinsicht legendär. Aber damals wollte sie ja auch ihr sexuell recht forsches Album »Erotica« verkaufen. Zehn Jahre später zensierte sich die Sängerin in dem Lied »I love New York« bereits selbst: »If you don’t like my attitude, than you can ›f‹ off.« Außerdem verbot die zweifache Mutter (die Adoptivkinder kamen später) das Fluchen im Backstagebereich ihrer Tour.

Das Prinzip »Kinderschutz durch Abkürzung« ist ausbaubar: Ein motherfucker ist ein mf, lesbian ist das l-word (übrigens gibt es eine gleichnamige sehr populäre Fernsehserie mit Jennifer Beals, die zuletzt in »Flashdance« wirklich erfolgreich war). Das ist zwar etwas sinnlos, wenn jedes Kind über die Bedeutung von Abkürzungen Bescheid weiß, aber Kinderschutz soll bekanntlich ohnehin nur die Eltern gut schlafen lassen. Deswegen wird diese Form von semantischer Prüderie meist zweckentfremdet und ironisch verwendet. Wenn Amerikaner über eine Beziehung sprechen, klopfen sie diese darauf ab, ob das c-word(committed = treu), das l-word(love) und das m-word(marriage) schon gefallen sind. Ebenso lässt sich die Illusionslosigkeit des Single-Daseins ironisch abmildern. Ein FWB (friend with benefit) ist das Gleiche wie eine Beziehung mit NSA (no strings attached): eine Freundschaft mit Sex, aber ohne Verpflichtungen. In diesem Jargon kommunizieren selbst Amerikaner nur, wenn sie sich über ihre eigenen Gewohnheiten lustig machen wollen. Denn sie wissen selbst am besten: Was ihre Sprache betrifft, sind sie große Kinder. Um den linguistischen Status quo in diesem Land nachverfolgen zu können, empfiehlt sich der regelmäßige Blick auf die bereits 1999 gegründete Website urbandictionary.com, auf der, ähnlich wie bei Wikipedia, die Leser und User neue und alte Begriffe pointiert erklären. Es ist eine exzellente Sprachschule, und die Wörter des Tages verraten, was die Amerikaner gerade bewegt. Die nur für die Dauer einer Realityshow oder einer PR-Kampagne währende Romanze tauften die Nutzer des Urban Dictionary kurz und treffend eine showmance. Und ein consumerican ist ein besonders amerikanischer Amerikaner.

Neben ethischen und pädagogischen Erwägungen ist es eben ein ausgeprägter Spieltrieb, der das Amerikanische ausmacht. Ein populäres Verkehrsschild besteht aus zwei in spitzem Winkel übereinandergelegten Metallbalken, unter denen »ing« steht. Dass man aus einem Blechkreuz (cross) und einem »ing« den Hinweis auf eine Kreuzung (crossing) konstruiert, hat den Charme eines Wortbildrätsels. Deutsche werden von Kind auf darin geschult, sich abstrakt und kompliziert auszudrücken, Amerikaner dagegen lieben das Konkrete und Unverschnörkelte. Ein aha moment ist ein Augenblick spirituellen Erwachens, ein frenemy ist der beste Freund, der einem den Job oder die Freundin auszuspannen versucht, me time bezeichnet ablenkungsfrei, möglicherweise sogar kontemplativ verbrachte Zeit. Us time dagegen empfehlen wohlmeinende Freunde von Kindern, Karriere oder Sozialleben gestressten Paaren: Das kann ein romantisches Abendessen bei Kerzenlicht bedeuten oder ein intensives Gespräch, meistens ist es ein Euphemismus für ungestörten Sex.

Der gleiche unbekümmerte Zugriff führt dazu, dass aus Abkürzungen schlankerhand Verben konstruiert werden. »Have you r. s. v. p.ed?« (Hast du zu- oder abgesagt?), »I xed it« (Ich habe es angekreuzt/durchgestrichen) oder, wenn man es auf die Spitze treibt: »After DUI through LA in her SUV she ›od‹ed and checked herself into rehab.« Dieser Satz beschreibt den Alltag von jungen Schauspielerinnen/Millionenerbinnen/Sängerinnen. Wörtlich übersetzt, heißt er: Nachdem sie betrunken oder auf Drogen (Driving Under the Influence) mit ihrem Geländewagen durch Los Angeles gefahren war, nahm sie eine Überdosis (overdosis = od) und wies sich selbst in eine Entzugsklinik ein.

Dieser verspielte Umgang mit der Sprache hat durch Internet und Mobiltelefone noch einmal einen Schub erfahren. Die Möglichkeit, quasi in Echtzeit mit einem oder mehreren anderen Menschen kommunizieren zu können, ist eine Herausforderung, der man nur begegnen kann, wenn man die Anzahl der pro Nachricht verwendeten Schriftzeichen auf ein jeweiliges Minimum reduziert. TTY heißt »Wir sprechen uns« (Talk to you), asap heißt »so bald wie möglich« (as soon as possible), CU heißt »Bis bald« (See you), dk/dc heißt »weiß ich nicht und interessiert mich auch nicht« (don’t know/don’t care).

»OMFG« hieß es auf Postern, die vor einigen Jahren für die neue Staffel der Serie »Gossip Girl« warben. Es ist das Kürzel für den Ausruf »Oh my fucking god!« und beschreibt damit einen Mix aus Verwunderung, Entsetzen, Begeisterungsschauer. Zumindest in der Welt der finanziell abgesicherten, moralisch entgrenzten trust fund kids, in der »die großartigste Teenagerserie aller Zeiten« spielt. Diese Einschätzung des »New York Magazine« ist nicht so abwegig, wie es scheint. Denn nichts hat in den letzten Jahren die Sprache und Alltagskultur in den USA so stark geprägt wie die Machtergreifung der kalifornischen Blondinen. Ihr Siegeszug manifestiert sich auch darin, dass selbst die Mädchen in New York inzwischen so klingen, als wären sie in einer Shoppingmall an der Westküste aufgewachsen. Bereits Anfang der 80er-Jahre hatte Frank Zappa seinen in den USA einzigen großen Hit mit einem Lied, dessen Text seine Tochter Moon geschrieben hatte. Sein in Europa erfolgreicher Song »Bobby Brown« wurde in den USA wegen des obszönen Textes nicht im Radio gespielt, was hier einem kommerziellen Todesurteil entspricht. Das besagte Lied hieß »Valley Girls« und karikierte den oberflächlichen, inhaltsarmen, stark codierten Slang der Mädchen aus dem San Fernando Valley. Manche Ausdrücke sind heute nur noch nostalgische Folklore, aber der Sound der valley girls, der sogenannte valspeak, ist heute bei jungen Amerikanerinnen die Norm.

Valspeak funktioniert sehr einfach: Vor jedes Adjektiv muss ein »like« eingefügt werden: »He is like totally awesome« (Er ist total süß). Und jede zwischenmenschliche Begegnung muss dialogisch wiedergegeben werden, allerdings wird das Verb »to say« durch die Konstruktion »to be like« ersetzt: »She was like: ›Why didn’t you call?‹ I was like: ›Hello?‹ She was like: ›Whatever!‹ I was like: ›Totally!‹«, heißt in etwa: »Sie fragte, warum ich sie nicht angerufen habe. Ich antwortete: Warum hätte ich ausgerechnet dich anrufen sollen, nachdem du dich bei mir tagelang nicht gemeldet hast? Daraufhin sagte sie: Wir müssen das jetzt nicht überdramatisieren. Und ich sagte: Da hast du auch wieder recht.« Es handelt sich hier zweifellos nicht um ein Englisch auf der Höhe seiner Subtilität und Ausdruckskraft. Aber wenn man nicht aufpasst, ist man ganz schnell dabei, diese Phrasen in seine eigenen Sätze einzustreuen. Und wenn man dann merkt, wie flüssig und leichtfüßig alles zu werden scheint, ist man schon auf dem besten Weg, ein valley girl zu werden.

In überraschenden Zusammenhängen greifen die Amerikaner dann zur Lyrik. Dass sie ihre Überlandbusse noch immer Greyhound nennen, ist nur ein Beispiel. Andere Zeugnisse von Alltagspoesie finden sich in jedem Supermarkt. »Better than Bouillon« nennt sich ein Gemüsebrühekonzentrat, »I can’t believe it’s not butter« heißt eine Margarine, »Imagine whirled Peace« schlagen Ben & Jerry’s mit einer Eiscremesorte vor, in die sie Schokoladentoffee und kleine Peace-Symbole aus Fudge untergemischt haben. Für den Namen quirlten sie die Songtitel »Give Peace A Chance« und »Imagine« von John Lennon zusammen. Eigentlich erstaunlich, dass seine Witwe Yoko Ono nicht dagegen geklagt hat, aber er selbst hätte vermutlich seine Freude an solcher Sprachakrobatik gehabt. Er und Paul McCartney haben schließlich »Lucy In the Sky with Diamonds« angeblich nur geschrieben, um in dem Songtitel das Kürzel ihrer damaligen Lieblingsdroge LSD verstecken zu können.

Auf der anderen Seite ist die amerikanische Sprache ein Buch, an dem ständig weitergeschrieben wird, und zwar in allen möglichen Sprachen. Die rasant zunehmende Bedeutung von Spanisch ist durch die sich verschiebende Bevölkerungsstruktur zu erklären. Hinweisschilder und U-Bahn-Werbung sind deswegen oft zweisprachig. Darüber hinaus gibt es auch eine intellektuelle Neugier und einen Drang, mit Fremdwörtern anzugeben. In Amerika geht es dabei weniger um Abgrenzung durch Wissenschaftsjargon als vielmehr darum, sein Gegenüber oder seinen Leser zu verblüffen, indem man das vermeintlich treffendste Wort wählt, das man im Fundus der Weltsprachen finden konnte. Und was nicht treffend genug ist, wird treffend gemacht. Neulich etwa stieß ich auf den Begriff »Googlegänger«, eine wunderschöne Abfolge von Gutturallauten, die eine sehr zeitgemäße Form der Schizophrenie beschreibt. Da immer mehr Menschen im Internet vertreten oder erwähnt sind, ergeben sich häufiger Doppelungen, wenn man den eigenen Namen bei der weltgrößten Suchmaschine eingibt: Man findet seine/n Googlegänger.

Überhaupt scheint Deutsch eine heimliche Leidenschaft sprachverliebter Amerikaner zu sein. Das liegt zum Teil natürlich an den vielen Juden, die ihre Sprache hierher»schlepped« haben. Ein krisengeschüttelter Manager ist kaput, das energische Suchen von Nähe nennt man schmoozing, und Kulturkritiker lieben den Unterschied zwischen »Mensch« (deutsch) und »mensch« (amerikanisch). Ein »Mensch« ist einfach ein human being, beim »mensch« dagegen schwingen die Leiden der Juden im 20. Jahrhundert, der wehmütige Witz der Vertriebenen, der Humanismus des alten Europas mit. In seinem Buch »The Joys of Jiddish« schreibt Leo Rosten: »A mensch is someone to admire and emulate, someone of a noble character.« Eine warmherzige, großzügige Person kann man also getrost mensch-y nennen, denn eine weitere Spielerei der Amerikaner ist es, dass man jedes Substantiv durch Anhängen eines -y in ein Adjektiv verwandeln kann: »This breakfast is too lunchy for me« zum Beispiel heißt: »Dieses Frühstück ist mir ein wenig zu schwer, es ist ja fast schon ein Mittagessen.« Eng verwandt und fast noch praktischer ist das Anhängsel »-ish«, mit dem sich alles jederzeit relativieren lässt. »Let’s meet around twelve-ish« heißt, man trifft sich zwischen zwölf und ein Uhr. Vielleicht in einem Club, der very Berlin-ish ist, was dann heißt, dass die Musik elektronisch ist und die Drogen illegal sind.

Der andere Reiz an der deutschen Sprache ist, dass sie den größtmöglichen Gegensatz zum Amerikanischen darstellt. Deutsch klingt wie gemeißelt, Amerikanisch wie gekaut. Mein Freund Patrick hat eine für mich fast nicht nachvollziehbare Leidenschaft: Er ist Wagnerianer. Obwohl Amerikaner im Schnitt nur zwei Wochen Urlaub im Jahr haben, reist er zu jeder Aufführung des »Ring«, die er erreichen kann, egal, ob in Dresden oder in Toronto. Seit Jahren versucht er, Karten für die Festspiele in Bayreuth zu kriegen, ein Besuch auf dem »grünen Hügel« wäre für ihn wohl tatsächlich eine Katharsis. Und nicht nur, wie für deutsche Prominente, eine Gelegenheit, ihr prächtigstes Outfit aus dem Fundus zu kramen. Patrick wollte den Werken seines Idols noch näher sein und beschloss, Deutsch zu lernen.

Schon bald schickte er sehr eloquente E-Mails, z. B.: »betrifft: drei fragen. 1. Sagst du ›Orange‹ oder ›Apfelsine‹? 2. Welche ist richtig: ›Lass uns deutsch lernan?‹ Oder ›Lass uns Deutsch lernan‹? 3. Wie konntest Du ein Bier auf deutsch verlangen? ›Ich möchte ein großes Bier, bitte‹?« Wenn Patrick allerdings Deutsch sprach, verstand man kein Wort. »Sprich alles immer sehr hart aus. Wenn es dir total übertrieben vorkommt, dann bist du auf dem richtigen Weg«, sagte ich ihm. Es hat ein bisschen geholfen.

Stärker noch als die Aussprache verdeutlicht die Gebrauchspsychologie den Unterschied zwischen dem Amerikanischen und dem Deutschen. In den USA wird Sprache als eine Art soziales Schmiermittel benutzt. Man entschuldigt sich, lobt einander, rückversichert sich, federt Gemeinheiten durch Witz ab. Die deutsche Sprache dagegen ist präzise, komplex und von einer gewissen Unerbittlichkeit. Man nutzt sie schließlich nicht zum Spaß, sondern um eine Situation, einen Gedanken oder einen anderen Menschen festzunageln. Gleichzeitig ist Deutsch die Sprache der Romantik und zu fast unerreichter Lyrik imstande. Die Liebe der Amerikaner zu unserer Sprache spiegelt beides.

In seinem Buch »Speak German!« hat Wolf Schneider, ein angenehm polemischer Sprachwächter, eine Liste von im Amerikanischen häufig benutzten deutschen Wörtern aufgeführt. Angst, Kitsch, verboten, Zeitgeist. Aber eben auch: Kaffeeklatsch, Poltergeist, Wanderlust und Weltschmerz. Im Grunde bedienen sich die Amerikaner überall, wo sie Originalität und Treffsicherheit vermuten, denn sie denken in Überschriften und oneliners. Für sie verbergen sich hinter bi-em-dabbleju eben nicht nur das neueste Modell von BMW, sondern ganze Jahrhunderte von Mentalitätsgeschichte: Ingenieurstechnik, Geschwindigkeitsrausch, Futurismus. Man könnte auch sagen: the German soul.

Um die amerikanische Seele in ihrer Sprache erkennen zu können, muss man sich durch jede Art von Filmen und Fernsehsendungen, jede Art von Zeitschrift (vom »New Yorker« bis zum »National Enquirer«) und jede Art von Gespräch kämpfen. Und wenn es geht, natürlich Bücher lesen. Wie jede große Kulturnation wäre Amerika kaum verständlich ohne ihre Romanhelden. Auch Captain Ahab würde heute den »Krieg gegen Terror« erklären. Jay Gatsby würde seine Milliarden der Aidshilfe in Afrika überlassen. Und Huckleberry Finn hätte in drei Disney-Filmen einen Piraten gespielt und müsste deswegen nie wieder arbeiten.

Neun Bücher, die mein Bild von Amerika geprägt haben:

(Full disclosure: Eine ernst zu nehmende Literaturliste vorzuschlagen übersteigt meine Kompetenz. Die wirklich großen Autoren wie Philip Roth, John F. Fitzgerald oder Truman Capote hier aufzulisten fände ich daher unseriös. Deshalb finden Sie an dieser Stelle ein paar mehr oder weniger zweifelhafte Bücher, die mir etwas über die USA beigebracht haben.)

1.          »American Psycho« von Brett Easton Ellis. Sehr lustiger und düsterer Roman über Status, Reichtum und ausgeweidete Frauen. Begründete den Ruhm dieses Autors, gilt als Schlüsselwerk über die gierigen 80er und ist Vorbild für eine ganze Generation von Schriftstellern. Brillant sind die zähen Kapitel über schlechte Popmusik, kaum erträglich die Mord- und Folterszenen.

2.          »Batman: Rückkehr des schwarzen Ritters« von Frank Miller. Dieser Comic begründete das Comeback des als wehrhafte Fledermaus verkleideten Milliardärs und Waisenknaben Bruce Wayne und damit den Superheldenboom im amerikanischen Kino. Es ist eine protofaschistische Studie über ein Land, dem der Boden unter den Füßen und die Moral abhandengekommen sind. In gewisser Weise ist Batman ein ideologischer Vorgänger von Donald Trump: ein privilegierter Außenseiter, der seine Agenda über das Gesetz stellt und wahlweise als Heilsbringer oder Totengräber gesehen wird.

3.          »Hollywood Babylon« von Kenneth Anger. Die Drogen- und Sexexzesse des frühen Hollywood hat der Künstler im Stil von altmodischen Boulevardzeitschriften aufgeschrieben. Die Grundthese: Amerikas Weg zur Weltmacht des Entertainments ist mit Leichen gepflastert. Was davon wirklich wahr ist, lässt sich schwer sagen. Aber man kann sich dem brachialen, atemlosen Charme kaum entziehen. Und liest dieses Machwerk mit dem einlullenden Gefühl, dass früher alles genauso schlimm war.

4.          »Travels with Charlie« von John Steinbeck. Ein Spätwerk des Literaturnobelpreisträgers (»Jenseits von Eden«, »Früchte des Zorns«), für das er mit seinem Königspudel Charlie in einem als Off-Road-Camper umgebauten Auto durch die USA fuhr. Der Mann gilt heute als veraltet und zopfig, doch viele seiner Beobachtungen sind hellsichtig und überraschend aktuell (Emigration, der Konflikt zwischen Großstadt und Provinz). Außerdem liebte er seine Landsleute. Seine Grundthese: Die Amerikaner haben eine unheilbare Sehnsucht nach der Ferne.

5.          »Easy Riders, Raging Bulls. How the Sex-Drugs-and-Rock-’n’-Roll-Generation saved Hollywood« von Peter Biskind. In gewisser Weise ist das die Fortsetzung von »Hollywood Babylon«, nur etwas sauberer recherchiert. Es geht um eine legendäre Generation von Filmemachern, die Klassiker wie »Der Pate« und »Wie ein wilder Stier« hervorbrachte und dabei jede Art von Drogen und Sex konsumierte. Darüber hinaus, vielleicht wichtiger, beschreibt der Autor, welche Geschichte in welcher Zeit verstanden und geliebt wird.

6.          »Carsick« von John Waters. Diesem Regisseur verdankt die Welt die kolossale, singende und Hundekot verzehrende Transe Divine und das höchst erfolgreiche Musical »Hairspray«. Er war mitverantwortlich für die Verankerung von Camp im Mainstream. Und ist nebenbei ein ziemlich erfolgreicher Künstler und origineller Autor. In diesem kurzweiligen, ironiegesättigten Buch beschreibt er seine Reise per Anhalter durch Amerika.

7.          »Holy Terror« von Bob Colacello. Die Memoiren des einstigen Chefredakteurs von »Andy Warhol’s Interview« über seine Zeit mit dem Pop-Art-Künstler. Ein mit Klatsch gefülltes Porträt aus einer Zeit, in der New York kurz vor dem Kollaps stand und trotzdem zu dem Mythos wurde, der es heute ist. Und in dem der Kunstmarkt erklärt wird, der von Gier, Spekulation und Exzess geprägt ist.

8.          »Kings Of Cool« von Don Winslow. Drei Kids in Los Angeles glauben, dass sie als Gras-Dealer ein unbeschwerteres Leben führen können, und geraten in einen Kartellkrieg zwischen Mexiko und Kalifornien. Aus dem bekifften Späthippietraum wird ein immer brutalerer Überlebenskampf, aus Flower Power eine unbarmherzige Industrie. Das verrät viel über Amerika, wo am Ende immer die Gier gewinnt.

9.          »Stadtgeschichten« von Armistead Maupin. Bedenkenlos sentimentale Buchreihe über das sexuell befreite San Francisco der 80er. Der Autor beschreibt, wie die Utopie langsam zerbröckelt, aber am Ende nicht totzukriegen ist. Die kiffende Vermieterin Anna Madrigal ist eine der großen Exzentrikerinnen der amerikanischen B-Literatur.

Bekanntlich nutzt es für den Alltag nur bedingt, wenn man eine Sprache in der Schule und aus Büchern lernt. Zum Glück sind praktische Verständnisübungen in Amerika besonders leicht, denn im Restaurant kann man im Prinzip jedes beliebige Gespräch an Nachbartischen mitverfolgen, weil jeder den anderen zu überschreien versucht. Auch wenn das jetzt unfreundlich klingen mag: Vor allem junge und ältere Mädchen kommunizieren in einer Tonlage, die in anderen Ländern nur für Hilferufe benutzt wird. Wer einmal mit klirrenden Ohren Zeuge wurde, wie sich sechs Frauen an einem Restauranttisch über die Nachricht verständigen, dass eine von ihnen oder eine gemeinsame Freundin ein Kind erwartet, weiß, wovon ich flüstere. Wer dies noch nicht erlebt hat, stelle sich einfach einen Schwarm startender Flugzeuge mit lackierten Fingernägeln vor. Einer Studie zufolge senkten amerikanische Frauen von 1945 bis 1993 ihre Stimmen im Schnitt um 23 Hertz, weil immer mehr von ihnen in verantwortlichen Jobs arbeiteten und tiefere Stimmen mehr Autorität bringen. Wenn ich mal wieder taub aus einem Brunchlokal wanke, mag ich das kaum glauben.

Und wenn den Amerikanern selbst ihre abgespeckte und hochgepitchte Version von Sprache noch zu viel ist, benutzen sie ihre zwei Hände. Mit den Zeige- und Mittelfingern wird links unten und rechts oben zweimal in die Luft gekratzt, als würde man an eine imaginäre Tafel ein Anführungszeichen schreiben. Mit dieser Pantomime verkehren sie jede Aussage in ihr Gegenteil. Aber das haben Sie vermutlich »schon« längst kapiert.

Once Upon A Time in America

Wie ich John F. Kennedy verfiel. Oder:Warum die Amerikaner ihre kurze Geschichte meisterhaft erzählen können.

Als Ronald Reagan am 5. Juni 2004 starb, war er einer der beliebtesten Expräsidenten in der amerikanischen Geschichte. Und in den Augen der Konservativen war er ohnehin bereits in den Rang eines Nationalheiligen aufgestiegen. Vergessen war sein Plan, im Weltraum ein neues Wettrüsten anzuzetteln. Vergessen die Besessenheit seiner Frau Nancy, seine Staatsgeschäfte mithilfe ihrer Wahrsagerin zu terminieren. Vergessen sein Augenzwinkern, als der CIA durch Waffenhandel mit dem Erzfeind Iran den Krieg gegen den eigentlich nicht so wirklich bedrohlichen Nicaraguaner Manuel Ortega finanzierte. Und vergessen seine Weigerung, das Wort AIDS auch nur in den Mund zu nehmen, als in den 80ern Zehntausende daran erkrankten und starben.

Was allein zählte: Reagan galt als der Mann, der den Kommunismus besiegt und den Amerikanern den Glauben ans eigene Land zurückgegeben hatte. Und sein Abgleiten in den Nebel der Alzheimerkrankheit – sowie Nancys unerschütterliche Hingabe – hatte seine letzten Jahre mit nobler Tragik umrankt.

Bei dem Trauermarsch durch Washington schritt ein Pferd mit. In den Steigbügeln steckten Reagans alte Cowboystiefel, deren Spitzen nach hinten zeigten – ein altes Symbol dafür, dass ein Mann nun in eine andere Welt umgesattelt ist. Die Stiefel und das herrenlose Pferd, in ihrem unschlagbar schlichten Pathos, passten perfekt zu Reagans Grabinschrift: »Ich weiß in meinem Herzen, dass der Mensch gut ist, dass am Ende das Gute siegt und dass jedes Leben einen Sinn und einen Wert hat.«

In Gesprächen mit Amerikanern über Geschichte und Politik muss man manchmal Geduld haben. Man darf nicht müde werden, den Unterschied zwischen Schweden und der Schweiz zu erläutern oder dass man nicht unter dem kommunistischen Regime gelitten hat, wenn man in Westberlin groß geworden ist. Derartige Details scheinen bei der Atlantiküberquerung zu verwischen. Was die Geschichte ihres eigenen Landes betrifft, sind die Amerikaner allerdings äußerst beflissen, und sie haben ein großes Talent, diese Geschichte zu erzählen.

Als ich mit meinem Freund Oscar zum Ferienhaus seiner Familie auf der Halbinsel Cape Cod bei Boston fuhr, wusste ich nicht genau, was ich zu erwarten hatte. Seine Eltern waren mir als äußerst beherzte Trinker angekündigt worden, ebenso seine Schwester und ihr als »schwierig« geltender Verlobter. Wie meistens in Amerika war dann alles ganz einfach. Selbst bei deutlich formelleren Anlässen haben die Menschen den Drang, sofort zum Vornamen überzugehen. »We don’t Mr and Mrs«, sagte mir eine Dame bei der Verleihung des John McCloy Award, der zu Ehren des ehemaligen High Commissioner im Nachkriegsdeutschland für besondere Verdienste um die transatlantischen Beziehungen vergeben wird. Auch im Smoking kann man sich hier lockermachen. In Flip-Flops sowieso. Nach fünf Minuten saß ich also mit Oscars Vater auf dem Dach des Hauses. Wir hatten beide eine Dose Bud light in der Hand, und mit dröhnender Stimme erklärte er mir, wie John F. Kennedy seiner Generation einen Sinn gegeben hatte.

Wie für jeden amerikanischen Präsidenten im 20. Jahrhundert wurde auch zu Kennedys Ehren eine Bibliothek errichtet. Genau genommen ist der Titel »Library« allerdings irreführend, zumindest für Tagesbesucher, denn eigentlich handelt es sich dabei vor allem um dem Personenkult verschriebene Museen. Da jeder Staatschef der USA von dem unwiderstehlichen Gedanken besessen ist, Geschichte zu schreiben, ist die Frage, wo und wie der Nachruhm verwaltet wird, von allerhöchster Bedeutung. Besonders in den letzten Amtsmonaten, wenn aus dem Kriegsadler eine lame duck geworden ist. George W. Bush etwa ließ sich, nach heftigem Wettbewerb verschiedener Hochschulen, schon ein knappes Jahr vor der Amtsabgabe über Details seiner Library aus. Sie werde in der Southern Methodist University in Dallas errichtet, private Spendengelder für das 200 bis 500 Millionen Dollar teure Projekt wolle er vielleicht annehmen …

Die John F. Kennedy Library in Boston wurde von I. M. Pei gebaut, ein pathetisch-abstrakter Bau, der die Aura eines modernen Mausoleums hat. Er liegt malerisch an einer Bucht, allerdings auf dem Gelände einer ehemaligen Schutthalde. Einer der Gründe, warum sich der Architekt nur ungern an das Projekt erinnerte, als ich ihn in seinem hübschen New Yorker Townhouse besuchte: »Wegen ihrer Heirat mit Onassis war Jackie bei den Amerikanern in Ungnade gefallen. Auf einmal war in ganz Boston kein Platz zu finden. Wir stießen auf dem Grundstück auf alte Kühlschränke …«

Pei hat in Manhattan ein paar sehr markante Häuser für die New York University gebaut und in seinen letzten Jahren einige Projekte in China realisiert. Er hatte offenbar das Talent, mit unterschiedlichsten Mächten klarzukommen, was in seinem Beruf ja auch unbedingt hilfreich ist.

Das erste Exponat, das ich bei meinem Besuch sah, war ein dunkelblauer Wollpullover mit einem großen, weinroten H, der zur Harvard-Sportausrüstung von Joe Kennedy gehört hatte. Ich halte es für einen groben Fehler, dass es kein Replikat dieses Kleidungsstücks im Museumsshop zu kaufen gibt, denn man kann daran genau ablesen, wie die Kennedys gestrickt waren. Der Pullover erzählte von Männlichkeitskult, von Ostküstenstolz, von dem sicheren Bewusstsein, zur herrschenden Klasse zu gehören.

Eine der grundlegenden Eigenschaften der Amerikaner ist ihre Bequemlichkeit. Ihr Vorstellungsvermögen, aus Exponaten und Artefakten die Geschichte zusammenzusetzen, lassen sie sich gern von Filmen anheizen. Als ich das Meisterwerk des Architekten Frank Lloyd Wright besuchte, jenes auf einem Felsen in einem Wildbach geschachtelte Sommerhaus des kunstbeflissenen Kaufhausbesitzers Edgar J. Kaufmann sen., quetschte sich meine Reisegruppe erst durch die erstaunlich niedrig und eng konzipierten Räume, während uns die Finessen des wrightschen Weltbildes erläutert wurden (»Mr Wright glaubte nicht an Fliegengitter«). Nach Beendigung unseres Rundgangs durch »Fallingwater« wurden wir in die ehemaligen Garagen geführt, wo uns ein Film noch einmal exakt das Gleiche erzählte, was wir zuvor bereits gehört hatten.

Sich allerdings darüber zu mokieren lohnt eigentlich nur, wenn man davon überzeugt ist, dass der Erwerb von Wissen ein mühsamer Prozess sein muss und sich der Wert von Informationen in der Menge des eingeatmeten Bibliothekstaubs messen lässt.

Der Glaube an meinen vermeintlichen Bildungsvorsprung gegenüber den Amerikanern wackelte jedes Mal, wenn ich die Lückenhaftigkeit meines eigenen Wissens über die USA feststellen musste. Auf einer langen Autofahrt durch das bis auf gigantische Hühnerfarmen sensationsarme Maryland übte ich mit Freunden das Spiel »Welcher Staat hat welche Hauptstadt?«. Wegen Chancenlosigkeit zog ich mich schnell in eine Beobachterrolle zurück.

 

Zehn US-Bundesstaaten und ihre eher unerwarteten Hauptstädte:

1.          Kalifornien – Sacramento (nicht San Francisco)

2.          Illinois – Springfield (nicht Chicago)

3.          Florida – Tallahassee (nicht Miami)

4.          Louisiana – Baton Rouge (nicht New Orleans)

5.          Nevada – Carson City (nicht Reno oder Las Vegas)

6.          Washington – Olympia (nicht Seattle)

7.          New York – Albany (nicht New York City)

8.          Oregon – Salem (nicht Portland)

9.          Texas – Austin (nicht Dallas)

10.      South Dakota – Pierre (nicht Sioux Falls)

 

Ohne den Bewohnern von South Dakota auf die stolzen Füße treten zu wollen: Die Frage nach ihrer Hauptstadt ist vielleicht tatsächlich nicht von globalem Interesse. John F. Kennedy dagegen ist bis heute Synonym für den Politiker als Aufbruchstimmung erzeugenden Charismatiker, für die Hoffnung, dass Politik vielleicht doch ein etwas weniger dreckiges Spiel sein könnte, und für die Liebe der Amerikaner zu jungen Helden. Nicht umsonst wurde das Weiße Haus in der Kennedy-Zeit inoffiziell in Camelot umbenannt, nach dem Amtssitz des strahlenden Königs Artus. »Ich habe vor fünfzig Jahren das erste Mal gewählt und versuche, mich nicht allzu oft in Männer zu verlieben«, knurrte ein Veteran der Demokratischen Partei bei einer Strategiesitzung zum Obama-Wahlkampf. Das letzte Mal sei ihm das mit John F. Kennedy passiert.

 

Erst die in seiner Library gezeigten Filme machten mir deutlich, warum das so ist. Sie zeigen »Jack« als hübschen Jüngling auf dem Segelboot, als Soldaten im Zweiten Weltkrieg, bei einem seiner vielen Krankenhausaufenthalte, bei dem er seine mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnete Sammlung von Politikerporträts »Profiles In Courage« schrieb. Sie zeigen den mitreißenden Redner, dessen Ansprache vor dem Rathaus Schöneberg geduldig auf die Schlusspointe zusteuert, die eben kein launiger Spruch, sondern ein rhetorisch von langer Hand vorbereitetes Bekenntnis war. Was in seiner Library nur sehr klein gezeigt wird, sind die Bilder vom 22. November 1963 in Dallas und von den Tagen danach. Es ist, als wollte man den vom Nachglanz des Herrschers von »Camelot« erhobenen Besucher nicht unnötig verstören mit dem Schock des Attentats, mit Jackies beflecktem Kleid und dem Abschiedssalut des kleinen John-John am Grab seines Vaters.

So ein Personenkult-Museum funktioniert wie ein vollgerümpelter Dachboden: Man muss sich durch Vertrautes wühlen, um auf Erhellendes zu stoßen. Dass der von dem Modedesigner Halston entworfene pillbox hat, den Jackie Kennedy bei der Vereidigung ihres Mannes trug, hier ausgestellt ist, verwundert nicht. Schließlich hat er Stilgeschichte geschrieben und wurde weltweit kopiert. Mitreißend dagegen sind auch heute noch der in Briefen und Fotos erkennbare Elan und der Hochmut, mit denen die First Lady das kulturelle Niveau im Weißen Haus, und damit stellvertretend im ganzen Land, heben wollte. Sie ließ ihre Köche mit exotischen Rezepten experimentieren, sie empfing den französischen Kulturminister und Dichter André Malraux wie einen Staatschef, und sie überredete den weltberühmten Cellisten Pablo Casals zu einem Gastkonzert, obwohl dieser geschworen hatte, nie wieder amerikanischen Boden zu betreten, weil die USA das Regime des spanischen Diktators Franco anerkannt hatten.

Sie wurde von Andy Warhol porträtiert und von Natalie Portman gespielt, aber sie ist nicht die einzige First Lady, die Spuren hinterlassen hat. Betty Ford gründete die gleichnamigen Suchtkliniken, Ladybird Johnson regte Autobahnverschönerungen an, Hillary Clinton machte als Politikerin ihre eigene Karriere – und war jahrelang eine Hassfigur für die Republikaner. Ihr großes Ziel, die erste amerikanische Präsidentin zu werden, verfehlte sie allerdings.

Natürlich darf an dieser Stelle auch eine weitere First Lady nicht fehlen. Nachdem ich auf Facebook gesehen hatte, wie die dreijährige Parker Curry vor einem Gemälde stand und aus dem Staunen nicht mehr rauskam, fuhr ich eigens nach Washington, D.C., um mir eben dieses Porträt von Michelle Obama anzusehen. Das Bild ihres Mannes hing bei den anderen Ex-Präsidenten – davor gab es eine Schlange von brav wartenden Selfie-Anwärtern. Michelles Bildnis dagegen war in einem Flügel, in dem ziemlich wahllos Porträts amerikanischer Prominenter ausgestellt sind. Schräg gegenüber von ihr hängt ein Bild der Schriftstellerin Toni Morrison, in einer anderen Ecke befindet sich Bill Gates, irgendwo der ehemalige New Yorker Bürgermeister Rudi Guiliani.

Neben dem Gemälde der Künstlerin Amy Sherald, das Michelle Obama in einem betörenden weißen Kleid zeigt, stand eine junge, schwarze Museumsangestellte im dunklen Anzug. Ihre Haare hatte sie sehr aufwendig arrangiert, sie kaute Kaugummi und verzog keine Miene. Vor dem Bild wechselten sich mittelalte Frauen in Festtagskostümen ab. Sie trugen goldene Schuhe, Paillettenblusen, extravagante Hüte und fotografierten sich gegenseitig: »Stell nicht auf sie scharf, sondern auf mich!«, rief die eine. Und vielleicht am Schönsten: Wer auch immer den Raum betrat und das Gemälde erblickte, begann zu lächeln.

Einen volkstümlicheren Zugang zur Zeitgeschichte als die doch sehr buchstabenlastigen presidential libraries liefern Touristenattraktionen wie Colonial Williamsburg in Virginia. Die Stadt Williamsburg war von 1699 bis 1780 die Hauptstadt der ältesten, größten und wichtigsten Kolonie des britischen Empire und spielte auch eine gewisse Rolle, als sich Amerika von England trennte. Mit den Nachbarstädten Yorkstown und Jamestown bildet sie das sogenannte historic triangle, das über vier Millionen Besucher im Jahr anzieht. Für amerikanische Verhältnisse bemerkenswert gut ausgeschildert, erreicht man einen großzügig bemessenen Parkplatz beim visitor center, wo man Tickets, Fast Food und auch abseitigere Bücher zur Zeitgeschichte erstehen kann, etwa das sehr empfehlenswerte »A Treasury of Great American Scandals« von Michael Farquhar. Dieser Experte für die kleinen Macken in den Lebensläufen großer Männer beschreibt, wie Benjamin Franklin seinen Sohn William drei Jahre ins Zuchthaus stecken ließ, weil dieser sich nicht von den englischen Kolonialherren lossagen wollte: »Er verlor seine Haare, seine Zähne und seine Frau.« Oder wie ein Mann im Vollrausch auf seinem Pferd durch Washington galoppierte und eine Passantin zu Sturz brachte. Es war der damalige Präsident Franklin Pierce, der sich aufs Trinken verlegt hatte, weil seine Frau eine Frömmlerin war, die ihre Tage damit verbrachte, Briefe an ihren gestorbenen Sohn zu schreiben.

In Williamsburg selbst geht es nicht ganz so schillernd zu. Das Örtchen ist stilecht rekonstruiert, man kann das Waffenlager und die überraschend bescheidene Rockefeller Mansion besichtigen und beobachten, wie Schmied und Drucker vor 300 Jahren gearbeitet haben. So weit, so sachkundeunterrichtlich. Vor allem aber wird man hier Zuschauer von sogenannten re-enactments, einer Art Laiendarstellung historischer Ereignisse. Unter der schmissigen Überschrift »Revolutionary City. Discover what it took to earn our freedom« werden verschiedene Phasen des Unabhängigkeitskriegs nachgespielt. Da ich mich nur äußerst ungern zum Mitmachen animieren lasse, quetschte ich mich an eine Hauswand und hoffte, dass die als keifende Marktfrauen und dröhnende Würdenträger verkleideten Darsteller andere Zuschauer in ihr Bauerntheater einbeziehen würden. Zu den berühmten Mehrfachbesuchern von Colonial Williamsburg zählte übrigens Helmut Kohl.

Was dieser mit den Amerikanern gemeinsam hatte: ein unverstelltes Interesse an Geschichte. Und einen unverschämten Stolz auf die Größe der eigenen Nation. Wenn in den USA die politische Auseinandersetzung ein bisschen deftiger wird, muss sich ein Präsidentschaftskandidat schon mal dafür rechtfertigen, dass er die amerikanische Flagge nicht als Anstecker am Revers seines Jacketts trägt, und wem die Floskel »greatest country on earth« nicht oft genug über die Lippen kommt, der gilt als Kommunist oder Islamist. Der Riese Amerika hat eine zarte Seele, die sich nach viel Zuspruch sehnt, und er braucht ständige Rückversicherung, dass er auch wirklich der Größte ist. In die Buchläden werden monatlich neue Historienschinken gespült, über John Adams, die Jugend George Washingtons und den Untergang Roms. Nicht umsonst heißen die großen Institutionen in Washington, D. C., Capitol und Senat, ist das amerikanische Wappentier ein Wiedergänger des römischen Adlers. Die USA sehen sich als Imperium, das die Welt von der Barbarei befreit hat bzw. sie davor beschützt. In kritischen Zeiten lieben es Historiker, Parallelen zwischen dem römischen und dem amerikanischen Zeitalter zu ziehen. Werden auch wir irgendwann untergehen? Was sind die Anzeichen für Dekadenz: die Machtlosigkeit gegen den Islamismus oder doch eher die Obsession der Gesellschaft mit Gewalt und Sex, die sich vor 2000 Jahren im Circus Maximus manifestierte und heute im Fernsehen und vor dem Computer ausgetobt wird?

Der Hang zum monumentalen Klassizismus zeigt sich auch in der Art, wie die Amerikaner ihre Helden verehren. Die vier in Stein gemeißelten, achtzehn Meter hohen Präsidentenköpfe bei Mount Rushmore in South Dakota zeugen von einem Größenwahn, der selbst dem exzessivsten römischen Imperator gut angestanden hätte.

Bei Atlanta gibt es das düstere Gegenstück. In den Stone Mountain, einen riesigen Granitfelsen, wurden drei Schlüsselfiguren der Südstaaten gemeißelt: Präsident Jefferson Davis und die Generäle Thomas »Stonewall« Jackson und Robert E. Lee. Dieses Relief wurde weitgehend vom Ku-Klux-Klan finanziert, der seine Wiedergründung am Fuß des Stone Mountain 1915 mit einem Feuerritual feierte. Es ist kaum zu glauben, dass es noch immer dort ist. Aber die Streitereien um Südstaatendenkmäler illustrieren die Gespaltenheit des Landes: Für die einen sind sie Symbole von Rassismus, für die anderen Quelle des nationalen Stolzes. Und keine Seite will nachgeben.

Wer mit der U-Bahn von Washington nach Arlington fährt, findet einen Heldenfriedhof, dessen unendliche Gräberreihen nur mit einer Bustour zu bewältigen sind. Vor den schlichten schwarzen Grabplatten von John F. Kennedy und seiner Frau lässt sich jeder zweite Besucher fotografieren. Nicht weit davon entfernt sieht man Trauerfeiern an frischen Gräbern der in Irak gestorbenen Soldaten.

Der Hang zur Selbstbespiegelung und die Sehnsucht dieses jungen Landes, auf Bedeutsames zurückblicken zu können, nehmen gelegentlich rührende Züge an: Auch eine gewöhnliche Steinbrücke über einen Bach wird einem als historical monument verkauft.

Generell aber gilt: Die amerikanische Geschichte ist kurz und damit überschaubar. Und sie wird glänzend aufbereitet, denn die Amerikaner haben das angelsächsische Talent, mit einem Detail eine langatmige Analyse zu ersetzen. Um die Rückwärtsgewandtheit und Warmherzigkeit, die Naivität und Raubeinigkeit von Ronald Reagan zu begreifen, reichen ein Paar umgedrehte Cowboystiefel und ein Pferd ohne Reiter.

Adriano Sack

Über Adriano Sack

Biografie

Adriano Sack, geboren 1967 in Köln, Schriftsteller und Journalist, war Redakteur bei Tempo und kulturSpiegel, leitete das Kulturressort der Welt am Sonntag und war Chefredakteur des BMW Magazins. Seit Beginn der Neunziger bereist Adriano Sack die USA immer wieder ausgiebig; 2005 bis 2010 lebte er...

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