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Fünf Tanten und ein Halleluja

Fünf Tanten und ein Halleluja

Roman

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Fünf Tanten und ein Halleluja — Inhalt

Hilfe! Die Tanten kommen zu Besuch. Und zwar gleich zu fünft. Das hat Toni nun davon, dass er immer so nett zu ihnen war, früher, als er noch in der Provinz wohnte. Aber jetzt lebt er ein freies Leben in Berlin – ein Leben, von dem seine hinterwäldlerischen Tanten keinen Schimmer haben. Schnell wird sein schlampiger Mitbewohner ausquartiert und alles aus der Wohnung entfernt, was nicht jugendfrei ist. Was Toni aber unterschätzt, ist die Neugier seiner Tanten ...

€ 7,99 [D], € 7,99 [A]
Erschienen am 13.08.2012
256 Seiten, WMEPUB
EAN 978-3-492-95492-1

Leseprobe zu »Fünf Tanten und ein Halleluja«

1. Kapitel

 

Hausflur. Nacht. WOLFGANG steht im Mantel vor einer Wohnungstür. Er zögert, dann klopft er. GREGOR öffnet. GREGOR (überrascht): Bist du das, Vater? Bist du tatsächlich nach all den Jahren wiedergekommen? Noch eine Enttäuschung würde ich nicht ertragen. WOLFGANG: Ich bin es. Ich bin gekommen, um mich meiner Verantwortung zu stellen. Ich will nicht mehr nur in der Vergangenheit leben. GREGOR: Dann warst du das gestern an Mutters Grab? Der Fremde, der die Rosen abgelegt hat? WOLFGANG: Ja, das war ich. Ich möchte Frieden schließen. Was damals [...]

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1. Kapitel

 

Hausflur. Nacht. WOLFGANG steht im Mantel vor einer Wohnungstür. Er zögert, dann klopft er. GREGOR öffnet. GREGOR (überrascht): Bist du das, Vater? Bist du tatsächlich nach all den Jahren wiedergekommen? Noch eine Enttäuschung würde ich nicht ertragen. WOLFGANG: Ich bin es. Ich bin gekommen, um mich meiner Verantwortung zu stellen. Ich will nicht mehr nur in der Vergangenheit leben. GREGOR: Dann warst du das gestern an Mutters Grab? Der Fremde, der die Rosen abgelegt hat? WOLFGANG: Ja, das war ich. Ich möchte Frieden schließen. Was damals war, ist endgültig vorbei.

 

Immer wieder ließ Toni die Szene in seinen Gedanken ablaufen und bemerkte gar nicht, wie er seine Rolle plötzlich laut mitzusprechen begann : » Aber wir haben dich alle für tot gehalten. Seit dem Flugzeugabsturz damals. Es hieß, keiner hätte überlebt. « Der entsetzte Gesichtsausdruck einer Rentnerin, die ihm auf dem Bürgersteig entgegenkam, ließ ihn verstummen. Sie schien zu überlegen, wie groß die Gefahr sei, die von diesem offenbar Geistesgestörten ausging. Eilig ging Toni weiter. Er beherrschte den Text. Diesmal würde er keinen Blackout haben, ganz sicher nicht. Er brauchte diese Rolle unbedingt. Eine Dreitagesrolle in der bekannten Telenovela » Herzen in Aufruhr «. Nicht gerade der Traum eines aufstrebenden Jungschauspielers. Aber er musste der Wahrheit ins Gesicht sehen: Seit über zwei Monaten war er nicht einmal mehr bei einem Casting gewesen. Sein letztes Engagement lag schon über ein halbes Jahr zurück. Da hatte er in einem Werbeclip für eine Versicherung einen jugendlichen Rebellen gespielt, der sich danach sehnt, eine Haftpflichtversicherung abzuschließen, weil man ja nie weiß, was einem im Leben so alles passieren kann. Noch nie hatte er eine Figur verkörpert, die so weit weg von dem war, wovon er eigentlich träumte: vom Theater, wo er am liebsten die Rolle des König Lear gespielt hätte. Dieser Werbeclip war der vorläufige Tiefpunkt seiner Karriere gewesen, aber wenigstens ein gut bezahlter, und darauf kam es im Moment an. Gut bezahlt wäre auch die Rolle in »Herzen in Aufruhr«. Seine Agentin hatte ihm dieses Casting vermittelt. Viktoria Glück, die Grande Dame der C-Schauspieler, eine strenge und hochgewachsene Frau, die aussah wie eine pensionierte Ballettlehrerin. »Die suchen genau dich!«, hatte sie gerufen. »Die Rolle ist dir so gut wie sicher!« Sie hatte eine Stimme wie ein Reibeisen. Vierzig Jahre Kettenrauchen, das hinterließ eben Spuren. Wenn sie anrief, brauchte sie nicht einmal ihren Namen zu sagen. Sie musste nur kurz Luft holen, und Toni wusste schon, wer am anderen Ende war. »Sie haben dich im Werbeclip für die Adjur-Versicherung gesehen. Sie sagen, genau so jemanden suchen sie.« »Einen jugendlichen Spießer, der sich als Rebell verkleidet ? « »Also bitte. Das habe ich jetzt überhört.« Kurzes Abhusten. »Sie wollen einfach dich. Frederik Hohenfeld war ganz begeistert von dir. Er hat bei der Rollenbesetzung natürlich ein Mitspracherecht. « Frederik Hohenfeld war der Star von »Herzen in Aufruhr«, ein selbstgefälliger und narzisstischer Fünfzigjähriger, der regelmäßig den Schwulenklubs der Stadt seine Aufwartung machte und sich dabei mit siebzehnjährigen blonden Jünglingen umgab. »Du meinst, ich soll mit ihm flirten?« »Höre ich da etwa einen Unterton? Frederik Hohenfeld ist ein sehr netter Mann. Du sollst ja nicht mit ihm ins Bett gehen. Nur ein bisschen nett sein.« Toni hatte geschwiegen. »Was ist ? «, hatte sie nachgefragt. »Willst du die Rolle oder nicht ? «

 

An der Tordurchfahrt klebte ein Zettel mit der Aufschrift »Casting – Herzen in Aufruhr« und einem Pfeil in Richtung Innenhof. Hier sah alles ziemlich heruntergekommen aus: beschmierte Mauern und umgekippte Mülltonnen, in denen bereits die Ratten gewühlt hatten. Die Leute vom Casting hatten sich wohl gedacht: Hauptsache, wir sind im hippen Prenzlauer Berg, der Rest ist nicht so wichtig. Und billig musste es natürlich sein. Eine Parterrewohnung im Hinterhof mit zwei Zimmern war angemietet worden, eins fürs Casting und ein weiteres, das als Warteraum diente. Ein extrem cooler Praktikant tauchte auf, mit Nerdbrille, gestutztem Bart und angesagten Klamotten. Er würdigte Toni nicht eines Blickes, so cool war er. Aber wer wollte ihm das übel nehmen, schließlich arbeitete er beim Casting, und etwas Trendigeres gab es ja kaum. Toni ging in den Nebenraum, wo die anderen Schauspieler warteten, die eingeladen waren. Dafür, dass er die Rolle quasi sicher hatte, gab es erstaunlich viele Bewerber. Acht Leute saßen dort, und nur der Himmel wusste, wie viele heute Vormittag schon vorgesprochen hatten. Alle begrüßten ihn freundlich, einer machte einen Witz. Man tat so, als ob man sich gegenseitig Glück wünschte. Dabei wollte jeder natürlich die Rolle für sich haben. Er setzte sich neben einen Typen, der ein silbernes Rüschenhemd trug. Der Angstschweiß stand ihm im Gesicht, dunkle Flecken breiteten sich auf dem glänzenden Stoff aus. » Zieh dich an wie der Junge von nebenan «, hatte seine Agentin ihm geraten, » glaub mir, ich kenn die Leute. Sonst hast du gleich verloren. « Der Typ schenkte ihm ein gequältes Lächeln. »Ich bin der Nächste. Ich hab echt Schiss.« Toni betrachtete das Rüschenhemd und überlegte, was er sagen sollte. »Das wird schon klappen«, meinte er dann. »Ich wünsch dir Glück.« Von nebenan war Gelächter zu hören. Offenbar herrschte dort gute Stimmung. Die Wartenden blickten sich verunsichert an. Wer immer da drin gerade vorsprach, für ihn schien es gut zu laufen. Die Tür flog auf, und ein bekanntes Gesicht erschien: Richy Erdmann. Toni traf ihn bei fast jedem Casting, zu dem er eingeladen wurde. Richy war ein ähnlicher Typ wie er – jung und blond – und wurde ständig für dieselben Rollen gecastet. Beim letzten Mal war Richy sauer auf Toni gewesen, weil der diesen blöden Versicherungsspot gekriegt hatte. Aber davon war jetzt nichts mehr zu spüren. Dafür war sein Vorsprechen wohl zu gut gelaufen. »Hey, Toni. Du auch hier?« »Witzig, was? So trifft man sich. Wie war’s bei dir?« »Keine Ahnung. Weiß man ja nie.« Sein affektiertes Lächeln strafte ihn Lügen. »Aber die sind echt ganz nett, die Leute. Brauchst keine Angst zu haben.« »Gut zu wissen. Na dann.« »Genau. Viel Glück.« Der Typ im Rüschenhemd nahm seine Tasche vom Boden. Jetzt war er dran. Der eine Henkel rutschte ihm aus der Hand, und es klirrte leise. Toni konnte einen Blick ins Innere der Tasche erhaschen: ein paar Kaffeetassen mit Fotodruck lagen da, auf die der Typ sein grinsendes Gesicht hatte drucken lassen. Zweifelsfrei als Geschenk für die Leute vom Casting, frei nach dem Motto: Aufmerksamkeit erregen um jeden Preis. Toni überlegte, ob er ihm schnell den guten Rat geben sollte, die Tassen lieber in der Tasche zu lassen. Aber mit seinem Rüschenhemd hatte er eh keine Chance auf die Rolle, Kaffeetassen hin oder her. »Toni? Toni Müller ist da?« Die hohe und durchdringende Stimme von Frederik Hohenfeld drang von nebenan herein. »Er soll reinkommen! Die anderen interessieren uns nicht. Holt ihn rein.« Der Praktikant erschien und ließ seinen abfälligen Blick über die Wartenden wandern. » Toni Müller ? « »Das bin ich.« Das Rüschenhemd blieb stehen und blickte Toni an, als hätte der ihn mit einem Kinnhaken aus dem Ring geschlagen. Langsam ließ er sich wieder aufs Sofa sinken. Die Kaffeetassen klirrten in der Tasche. »Tut mir leid«, sagte Toni. »Aber du kommst ja auch gleich dran. Jetzt halt nach mir.« Dann ging er nach nebenan. An einem Pult saßen zwei Leute von der Produktion, eine verbiesterte und offenbar alkoholkranke Frau, die aussah, als warte sie nur auf eine Gelegenheit, herumzuschreien und allen ins Gesicht zu springen. Und daneben ein blasiert wirkender Mittvierziger, der eine modische Jogginghose und ein T-Shirt mit einem Comicaufdruck trug, als wäre er gerade siebzehn geworden. Dann tauchte Frederik Hohenfeld auf. Er sah genauso aus wie in der Serie, nur ein bisschen kleiner. Er und Toni standen sich gegenüber. Schon nach dem Bruchteil einer Sekunde war klar : Sie konnten sich nicht ausstehen. »Du bist Toni Müller?« Toni lächelte. »Ja. Danke für die Einladung.« »In dem Werbeclip siehst du aber ganz anders aus.« Wie denn?, hätte er am liebsten gefragt. Dümmlicher? »Jünger. Irgendwie jünger.« »Ich bin vierundzwanzig. Das war doch bekannt, oder?« Doch Hohenfeld hörte gar nicht mehr zu. Mit gekräuselten Lippen wandte er sich ab und machte sich an der Kaffeemaschine zu schaffen. Die verbiesterte Frau fixierte ihn mit zusammengekniffenen Augen. Toni machte sich bereits auf eine Beleidigung ihrerseits gefasst, aber dann sagte sie: »Mir gefällt Ihr Aussehen. Es passt zu der Rolle.« Sie wandte sich an Hohenfeld und fuhr ihn an: »Was ist? Können wir anfangen? Oder brauchen Monsieur noch ein bisschen ? « »Nein, nein. Ist ja schon gut.« Hohenfeld verdrehte die Augen, stellte seine Kaffeetasse wieder weg und kam lustlos auf Toni zu. Betrachtete ihn von oben bis unten und seufzte. » Also gut. Ich bin so weit. Meinetwegen kann’s losgehen. « Toni konzentrierte sich. Du kannst den Text, du hast jedes Wort auswendig gelernt. Keine Angst. Entspann dich. Er blendete alles aus, die schäbige Wohnung, die Leute von der Produktion. Sogar Hohenfeld verschwand. Er war jetzt sein Vater, der ihm zum ersten Mal seit langer Zeit gegenüberstand. »Bist du das, Vater? Bist du tatsächlich nach all den Jahren wiedergekommen? Noch eine Enttäuschung würde ich nicht ertragen. « »Ich bin es. Ich bin gekommen …« Hohenfeld brach ab. Er stieß einen theatralischen Seufzer aus. Dann wandte er sich an die verbiesterte Frau. »Ich kann mit dem nicht spielen.« »Stell dich nicht so an, Frederik.« Ihre Stimme duldete keinen Widerspruch. » Wir gehen die Szene durch, und dann sehen wir weiter.« »Aber so funktioniert das nicht. Ich spiel das toll, das hast du ja gesehen. Aber der hat mich aus dem Konzept gebracht. Wenn der mir den letzten Satz sagt, muss der mich angucken. Sonst kann ich nicht sagen, was ich danach sagen muss.« Das Gesicht der Verbiesterten sah jetzt aus wie ein zusammengeknülltes Blatt Papier. Sie pfiff aus der Nase. Toni trat einen Schritt zurück. Doch wenn er glaubte, sie würde jetzt explodieren, irrte er sich. »Sie haben gehört, was Sie tun müssen«, sagte sie lediglich zu Toni. »Also noch mal von vorne.« Hohenfeld zögerte, doch dann fügte er sich. Toni dachte an seine Agentin. Er konnte sich schon vorstellen, welchen Rat sie ihm geben würde. Also lächelte er Hohenfeld an, so freundlich, wie er nur konnte. »Tut mir leid, war meine Schuld.« »Schon gut, Junge. Das kann jedem mal passieren.« »Ich werd Sie jetzt ansehen. Vielleicht hatte ich mich einfach noch nicht richtig in die Rolle reingefunden.« »Ja, vielleicht. Versuchen wir’s noch mal.« Toni hatte es geschafft. Hohenfeld gab ihm noch eine Chance. Er konzentrierte sich. Blendete alles aus. Er befand sich wieder in seiner Wohnung, und sein verschollener Vater stand plötzlich vor der Tür. Es ging los. »Bist du das, Vater? Bist du tatsächlich nach all den Jahren wiedergekommen?« Toni stockte. »Ähm …« Der Text war weg. Blackout. Er hatte keine Ahnung mehr, wie’s weiterging. Als hätte einer die Festplatte gelöscht. Sofort lief er knallrot an, er konnte nichts dagegen unternehmen. »Konzentrieren Sie sich«, kam es von der Verbiesterten. »Kommen Sie schon. Noch mal.« Aber es war zu spät. In seinem Kopf hörte er nichts als das Rauschen des Meeres. »Bist du das, Vater? Hast du … nein … bist du … auch nicht … ähm … Scheiße.« » Ich hab’s ja gleich gesagt «, rief Hohenfeld. » Mit dem geht das nicht. « Die Verbiesterte fixierte Toni, in ihrem Blick war nur noch Ernüchterung. Ihm wurde klar, sie hatte ihn für die Rolle gewollt. Unbedingt. »Also gut. Machen wir mit dem Nächsten weiter.« Mit einem Leiern in der Stimme fuhr sie fort: »Danke, dass Sie gekommen sind. Rufen Sie bitte nicht an. Wir melden uns bei Ihnen. Auf Wiedersehen.« Toni ging langsam hinaus, vorbei an den Wartenden, die an seinem Gesicht abzulesen versuchten, wie es bei ihm gelaufen war, und vorbei an dem Praktikanten, der überprüfte, ob seine Schnürsenkel ausreichend lässig gebunden wirkten. Draußen auf der Straße atmete er die warme Sommerluft ein. Am liebsten hätte er sich verkrochen. Irgendwo in ein dunkles Loch. Sich zum Sterben zurückgezogen. Aber leider war das nicht möglich. Er sah auf die Uhr. Ihm blieb noch eine halbe Stunde, bis seine Tanten in Berlin ankamen. Die fünf älteren Schwestern seines Vaters, die sich unverhofft zum Besuch angemeldet hatten. Sie würden am Bahnhof Zoo ankommen und erwarteten, dass Toni sie dort empfing. Und zwar pünktlich.

 

»Wir kommen nach Berlin! Alle fünf!«, hatte Tante Ebba am Telefon gerufen. »Ist das nicht eine Überraschung?« Die Überraschung war so groß gewesen, dass Toni sich erst einmal vor Schreck verschluckt und eine ganze Weile nur gehustet hatte. »Tja, und wo wir schon mal da sind«, hatte Tante Ebba dann gesagt, »wollen wir natürlich sehen, wie du so lebst. Das ist doch längst überfällig, dass wir dich mal in Berlin besuchen. « »Ihr … wann denn?« »In zwei Wochen. Wir machen eine Busreise mit unserer Landfrauengruppe. Leider nur für drei Tage. Aber es ist eine gute Gelegenheit, sich wiederzusehen. Findest du nicht?« »Ich … ja, natürlich, Tante Ebba. Ähm … natürlich.« Als Nächstes hatte er bei Silke angerufen, der Tochter von Tante Claire. Sie war die Einzige in der Familie, mit der er offen reden konnte. »Jetzt stell dich nicht so an«, hatte sie gesagt. »Drei Tage, das wirst du schon noch überleben.« »Aber die wollen in meine Wohnung!« »Nur zum Kaffeetrinken. Mein Gott, du tust ja so, als würden sie bei dir einziehen wollen. Die haben ein ganz straffes Programm bei den Landfrauen. Stadtrundfahrt, Varieté, Bundestag und was weiß ich noch alles. Die wollen dich nur zum Kaffeetrinken sehen. Und am letzten Abend möchten sie mit dir ins Restaurant. Zwei kurze Termine. Meine Güte, das ist doch wirklich nicht zu viel verlangt.« War es ja eigentlich auch nicht. Gäbe es da nicht ein paar Geheimnisse, die Toni lieber für sich behalten wollte. Seine Tanten glaubten beispielsweise, er hätte ein festes Engagement an einem kleinen Berliner Theater. Von dem Kneipenjob und seinen vergeblichen Bemühungen, eine ernst zu nehmende Rolle zu bekommen, wussten sie nichts. Außerdem würden sie gern seine Freundin kennenlernen, wo sie schon mal da waren. Dass diese Freundin männlich war, Micha hieß, in einem Übersetzungsbüro arbeitete und früher einmal Fußballer bei Eintracht Wetzlar gewesen war, auch das wollte er lieber für sich behalten. Und überhaupt: Toni war mit achtzehn aus Papenburg fortgezogen. An die Zeit davor dachte er nicht gern zurück. Er war in Berlin, und nirgendwo sonst gehörte er hin. Der Besuch seiner Tanten erinnerte ihn nur daran, wie schrecklich sein früheres Leben gewesen war. Die Straßenbahn überholte ihn. Ein weiterer Blick auf die Uhr, und er rannte los. Wenn er die hier verpasste, würde er es nicht mehr schaffen. Die Türen öffneten sich, Menschen bevölkerten den Bürgersteig, das Signal ertönte, und noch bevor sich die Türen endgültig geschlossen hatten, setzte er zum Sprung an, warf sich im letzten Moment in den Spalt und krallte sich drinnen an einer Haltestange fest. Wieder erklang das Signal, die Türen öffneten sich, der Fahrer schrie wütend herum, ein paar Leute schimpften herum, die Menge schob sich in Wellenbewegungen vor und zurück. Aber er hatte es geschafft. Die Bahn fuhr los, und er war drin. Er ignorierte die vorwurfsvollen Blicke, kramte sein Handy hervor und schaltete es ein. Er musste unbedingt Lutz anrufen, seinen Mitbewohner, der ihm hoch und heilig geschworen hatte, die Wohnung zu putzen, bevor die Tanten eintrafen. Toni war heute Morgen nicht mehr in der Lage gewesen zu putzen, er hatte sich mental aufs Casting vorbereitet. Und als er gegangen war, herrschte immer noch der übliche Saustall. Am anderen Ende das endlose Freizeichen, irgendwann sprang Lutz’ Mailbox an. Ein monotoner Stimmengleichklang: »Wir sind die Borg. Nachrichten nach dem Pfeifton.« Dann ein Piepen. Er beendete die Verbindung und versuchte es erneut. Aber Lutz ging nicht ran. »Verdammt«, murmelte Toni. Als Nächstes versuchte er es bei Kayla, seiner Nachbarin von gegenüber. Sie würde sicher rübergehen und nach dem Rechten sehen. Toni wäre es zwar lieber gewesen, Kayla aus der ganzen Sache herauszuhalten, aber es ging wohl nicht anders. Sie war die uneheliche Tochter eines amerikanischen GIs und einer Neuköllner Wirtin, und sie hatte von beiden Seiten nur die Extreme abgekommen: von ihrer Mutter die wüste Dominanz einer Bierhallen-Tresenkraft und von ihrem Vater das martialische Auftreten eines Rambos. Man wusste nie, wann sie für den nächsten spektakulären Auftritt sorgte, und deshalb hätte Toni ihr den Besuch seiner Tanten lieber verschwiegen. Aber jetzt war es nicht mehr zu ändern. Kayla war sofort am Apparat. »Hey, Toni. Wie war dein Casting?« »Ach, ganz gut, glaub ich.« »Du hast also den Text vergessen?« »Nein. Ich sag doch, es war gut.« War Kayla ein Lügendetektor, oder was? Er atmete tief durch. »Hör zu, ich habe ein Problem. Kannst du mal kurz zu Lutz rübergehen und nachsehen, wie er mit dem Putzen vorankommt?« »Ich war eben drüben. Er hat sich hingelegt.« »Wie meinst du das, hingelegt?« »Na, er hat wohl das Klofenster geputzt und wollte sich ein bisschen ausruhen.« Ein ungutes Gefühl beschlich ihn. »Und wie sah der Rest der Wohnung aus?« »Wie immer, würde ich sagen. Wieso?« Toni hatte es geahnt: Er konnte Lutz nicht trauen. »Meine Tanten sind unterwegs!« Seine Stimme wurde hell und gepresst. »In einer guten Stunde kommen sie zu uns. Zum Kaffeetrinken.« Die Straßenbahn hielt am Alexanderplatz. Im letzten Moment drängelte er sich raus, kämpfte sich mithilfe seiner Ellbogen zur S-Bahn hoch und sprang in den wartenden Zug. »Das ist heute?«, fragte Kayla. »Sieh mal einer an. Da hast du ja ein schönes Geheimnis draus gemacht. Wir sollten das wohl nicht mitkriegen.« »Kayla. Ich weiß, das ist eine sehr große Bitte, aber könntest du rübergehen und ein bisschen sauber machen?« Bevor sie protestieren konnte, schob er hinterher: »Wenigstens die Küche? Bitte. Es ist so schon alles schlimm genug mit meinen Tanten. Die dürfen auf gar keinen Fall in unseren Saustall. Bitte. Ich stehe tief in deiner Schuld.« Kayla hasste Putzen, das wusste er. Aber etwas anderes war ihm ebenso klar: Was Kayla machte, das machte sie richtig. Egal, ob es sich um Autoreparaturen, Parkettverlegen oder eben ums Putzen handelte. Nach ihrer Generalreinigung würde er seine Küche nicht mehr wiedererkennen vor lauter Sauberkeit. »Also gut.« Ein Lächeln in ihrer Stimme. »Aber nur, wenn du im Gegenzug die nächsten fünf Wochen lang meine Wohnung putzt. Und zwar gründlich. Ich werde dich kontrollieren. « »Was soll das denn für eine Rechnung sein? Einmal Putzen gegen fünfmal Putzen?« »Das ist die Entschädigung dafür, dass ich die Gesichter deiner Tanten nicht sehe, wenn die in eurem Dreckloch stehen. « »Ach, Kayla, komm schon, bitte.« »Jetzt sind es schon fünfmal Putzen und einmal Bettwäsche bügeln. Du solltest besser zuschlagen, sonst erhöht sich der Einsatz.« Sie hatte ihn in der Hand. Ihm blieb keine Wahl. » Du weißt genau, wann jemand wehrlos vor dir am Boden liegt, Kayla. « Am anderen Ende erklang ein dreckiges Lachen. »Also abgemacht. Du weißt ja, ich stehe drauf, wenn Männer meine Bettwäsche bügeln.« Toni beendete kurzerhand das Gespräch. Ihr sollte genügend Zeit zum Putzen bleiben. Das wäre also schon mal geschafft. Die Küche würde sauber sein. Die S-Bahn fuhr in den Bahnhof Zoo ein. Jetzt musste er nur noch rechtzeitig am Bus sein. Eine verbissene Frau mit überanstrengtem Gesicht schob sich zur Tür, drängte sich plötzlich vor ihn, trat auf seinen Fuß und zog ihren Rucksack durch sein Gesicht. »Pass doch bitte auf.« »Fick dich selber, du … Würstchen.« Dann war sie verschwunden. Na, wunderbar. Ein Tag wie aus dem Bilderbuch. Toni steuerte die Rolltreppen an. Gerade als er sich durch die Menschenmassen zum Ausgang kämpfen wollte, begann sein Handy zu klingeln. Er glaubte, Kayla würde sich noch mal melden, aber dann sah er auf dem Display, dass es Micha war, sein Freund. Er zögerte, ließ den Daumen über den Tasten schweben. Er ahnte schon, weshalb Micha sich meldete. Er würde nicht nur nach dem Casting fragen wollen. »Wann lerne ich denn deine Tanten kennen?«, hatte er neulich nach dem Sex gefragt, und Toni hatte sich sehr bemüht, ein unbeteiligtes Gesicht zu machen. »Ach, die sind nur ganz kurz da. Kann sein, dass die gar keine Zeit haben. Ich werde sie auch kaum zu sehen bekommen. « Aber Micha hatte sofort Lunte gerochen. »Willst du mich deiner Familie etwa nicht vorstellen?« »Nein, das ist es nicht! Was du denkst! Ich meine nur, vielleicht kommt es ja gar nicht dazu. Dieses Mal. Du weißt schon, sie haben ein ziemliches Touristenprogramm. Und es sind ja auch nur meine Tanten. Verwandte dritten Grades also. So viel habe ich mit denen gar nicht zu tun.« »Überleg dir jetzt gut, was du sagst, Toni: Willst du mich deiner Familie vorstellen oder nicht?« »Natürlich will ich das. Natürlich.« Damit war die Kuh erst mal vom Eis. Jetzt musste er nur noch dafür sorgen, dass irgendwas dazwischenkam und dieses Treffen dummerweise gar nicht stattfand. »Wirklich blöd gelaufen, Micha. Aber nimm’s nicht so tragisch, dann eben beim nächsten Mal.« Ja, so würde es laufen. Toni betrachtete das blinkende Display. Theoretisch könnte er das Handy hier überhört haben. Bei dem Trubel auf dem Bahnsteig kein Wunder. Vorsichtig ließ er es zurück in die Tasche gleiten. Es war das erste Mal überhaupt, dass er ein Gespräch von Micha nicht annahm. Eigentlich freute er sich ja immer, wenn er anrief. Plötzlich fühlte er sich miserabel, so als wäre er gerade fremdgegangen. Auf dem Vorplatz herrschte Durcheinander. Taxen, Busse, Besuchergruppen, Polizeiautos, Obdachlose, Schulklassen, dazu der übliche Pendelverkehr. Toni hielt Ausschau nach den Reisebussen, die am anderen Ende des Platzes standen, wo der Tiergarten begann. Und plötzlich fuhr ein bunter Schriftzug an ihm vorbei: Busreisen Schultejan, Papenburg. Das waren sie. Im Laufschritt überquerte er den Platz. Der Bus blieb stehen, die Türen öffneten sich, und sofort strömte eine Traube älterer Frauen heraus. Ohne sich umzusehen, liefen sie direkt auf die Straße, wurden von der Fahrbahn gehupt, sprangen auf den Bürgersteig, und im breitesten Platt ertönte: »Hu, do föhrt all een!« Toni umrundete den Bus und blickte sich um. Nirgends ein bekanntes Gesicht. Doch der Strom riss nicht ab. Und plötzlich ging es los. Da kamen sie. Tante Ebba stieg als Erste aus.

Über Alex Steiner

Biografie

Alex Steiner, geboren 1973 in der westdeutschen Provinz, hat es nie bereut, in die Großstadt gezogen zu sein. Und seine zahlreichen Tanten feiern auf dem Berliner CSD inzwischen genauso ausgelassen wie auf dem heimischen Schützenfest.

Weitere Titel der Serie »Tanten-Reihe«

Der schwule Schauspieler Toni lebt seit Langem glücklich in Berlin, doch mischen sich seine fünf Tanten aus dem Emsland immer wieder in sein Leben ein, was zu humorvollen Verwicklungen führt.

Pressestimmen

Märkische Allgemeine

»Unterhaltung, die großen Spaß macht und fesselt.«

Ruhr Nachrichten

»(...) flott und mit viel Humor.«

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